Chapter 16
Einer thueringer Magd, die in der Gesindestube ueber der Arbeit entschlafen ist, kommt ein _rothes Maeuschen_ zum Munde heraus und geht durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmaedchen ruettelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu koennen. Das Maeuschen kehrte hierauf zurueck, suchte hin und her nach der vorigen Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335. In Gestalt eines _weissen Maeuschens_ kommt der Alb durchs Schluesselloch ins Schlafzimmer und drueckt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich schon ein Tuch ueber die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es nun, da sie ihn stoehnen hoert, an den vier Enden zusammen, thuts in die Schublade der Kommode und laesst den Schluessel dran stecken. In derselben Stunde war im Nachbarorte ein Maedchen ploetzlich gestorben und sollte nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufaellig den Schluessel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich schlupfte ein weisses Maeuschen durchs Schluesselloch und lief zur Thuer hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen wollen, als ein Maeuschen zur Thuere herein und in den Mund der Leiche gelaufen kam, diese oeffnete die Augen und gehoerte wieder dem Leben an. Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thuering. Sag. no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das Schluesselloch der Kammerthuere verstopft, so sieht er statt der Maus ein wunderschoenes Maedchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. 96. Kuhn, Westfael. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurueck. Alsdann wachte der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Proehle, Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich einer Wiesel, aus seinem Munde dem naechsten Baechlein zugelaufen und will hinueber. Der zuschauende Knecht legt sein entbloesstes Schwert wie eine Bruecke ueber den Graben, das Thierlein geht darueber hin und verschwindet. Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige Bruecke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert weggethan. Also brueckte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herueber, naeherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein. Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe begegnet, antwortete er: Mir traeumte, ich waere gar mued und hellig von wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste ich zweimal ueber eine eiserne Bruecke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als Wiesel faehrt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkoenig Guntram, dessen Seele in eines Schlaengleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt, auf einem Schwerte den Bach ueberschleicht, in einen Berg schlieft und rueckkehrend ueber die naemliche Schwertbruecke in den Mund des Koenigs zurueck geht. Der Erwachende erzaehlt, vom grossen Flusse mit Eisenbruecken getraeumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben. Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige aehnliche Sagen aus Boehmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal gefluegelter. Aus dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. 408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, und Vonbun, Beitraege 2, 83. So viel von den Maeusen als ausfahrenden und umwandernden Menschenseelen. Sind die Maeuse damit Geister, so koennen sie sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschuetzen und den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen ueberhaupt den Voelkern allgemein zum Omen. Das Gleichgueltigere sei hier wiederum vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzufuehren. Unser uebelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, hollaend. morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Traeumt man von Maeusen, so wird es naechstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand, so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den Schlaefer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt dieser bald. Verlassen saemmtliche Maeuse mit einem Male das Haus, so ist dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Mues, wenig Luet. Salom. Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:
Der Aberglaube redt re noh, (Me cha zwar uf das G'schwaetz nid goh, Glaubt' i's, i mueesst mi schaeme): Verloei die Fruendi d'Wohnig ganz, Geb's i dem Hus en andre Tanz, Das heisst, es g'hei bald z'saeme.
Maeuse verkuendeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, 82. Als die Philistaeer die Bundeslade geraubt und in Dagons Goetzentempel aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre Felder mit dem Maeusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77, 66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurueck und uebersandten dazu in einem Kaestlein als Suehnkleinode fuenf goldne Maeuse und fuenf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage heimgesucht gewesnen philistaeischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4. Aehnliche Suehnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der Priesterkoenig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafuer eine Bildsaeule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141. Vergoldete Aehren und goldne Maeuse wurden der phoenizischen Ceres zum Suehnopfer gebracht. Welcker, Griech. Goetterl. 1, 484. Im kretensischen und im aeolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine Feldmaus, Muenzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus dar, sowie auch eine Muenze von Metapont die sechszeilige Gerstenaehre zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer, Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen dargestellt sieht (Tassie no. 1585), traegt die Maus auf dem Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Maeusefrass geknuepft, und die agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Maeuse vertilgen. Dieselbe Abhuelfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud gewaehrt, welche, indem sie die Maeuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehoert die allbekannte Sage vom Rattenfaenger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der magischen Pfeife knuepft, mit deren Tone die Maeuse vertrieben werden, und hiervon noch spaeter bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzaehlt. Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Maeuse und Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem fremden Mann ueberein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor und sowie er darauf spielte, kamen die Maeuse aus den Hauswinkeln, Daechern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er trat sein Kleid aufschuerzend in den Strom, die Thiere ihm nach und ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn. Allein die Buerger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am folgenden Mittag wieder, diesmal in Jaegertracht, sein Hut war purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Laenge, und nun spielte er eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum zwoelften Altersjahre, die fuehrte er, 130 an der Zahl, in eine Hoehle des vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit unter der Erde fort his nach Siebenbuergen und dorten erst wieder ans Licht gefuehrt; denn seitdem spricht man in diesem Lande niedersaechsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafuer vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Maeuseheere wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben verloren.
Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Moench Angionini mit dem Erbieten erschien, den Ort von seinen Ratten und Maeusen zu befreien. Er lockte alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gaense, um ihn sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die Uebereinstimmung dieser Erzaehlungen lehrt, dass die Maeuse, weil sie Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Fruehling den Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du singst mir alle Maeuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit singenden Kinde. Zur Vertreibung der Maeuse bedient man sich folgenden Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man haengt dem gefangnen Thiere ein Gloeckchen an und laesst es laufen; es springt aus dem Hause und alle uebrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d. Maeuse, S. 26. Abergl. aus Boehmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die Pfeifchen im Schweife der hoelzernen Spielroesschen und die thoenernen, die man an der Stelle des Schwaenzleins in die Erntenudel der gebacknen Maeuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt die Umschrift an der grossen Abteiglocke in wuertembergisch Weingaerten; die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten (Kloster Weingarten, 1857, 48):
Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.
Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in seinem Thurm zu Bingen von den Maeusen bei lebendigem Leibe gefressen wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhoehnte: Hoeret, wie meine Maeuse pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen wird nebst der eben beruehrten Sage von Trithemius in der Hirsauer Chronik 1, 116 erzaehlt und zur Unterstuetzung dieser Begebenheit, wie es scheint, dorten S. 140 ein aehnlicher Fall vom J. 995 hinzugefuegt ueber einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Guettingen soll sich desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Maeusen aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, 307), und juengsthin besonders ausfuehrlich Grohmann (Apollo Smintheus, S. 78 ff.) ueber diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der Erklaerung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Maeuseplage und damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorraethe besorgte Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt der Maeuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt. Maeuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder Seuchenzeit einstellen. Das Bruederpaar, das sich vor der Pest auf den Irchelberg fluechtet, erwuergt sich da in der Hungersnoth um einer gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Maeuse gehext habe. Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher gebraeuchliche Phrase: Mach mir keine Maeuse. "Die Festung macht Maeuse und will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Goethes Buergergeneral, 9. Auftritt.
Die den Koerper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern ueber die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend:
Kommt ein Maeuschen, will ins Haeuschen, da 'nein, da 'nein!
Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu sein, den Maeusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse, welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schaedigung der Lutmaeuse beim Amte Glurns anhaengig machte, erhielten beide Parteien ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Maennern besetzt, fuer Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehoert und der Beschluss lautete: Die Lutmaeuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich gaenzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger waere, oder Jugend halber nicht fortkommen moechte, dieselben sollen ein weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no. 708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540, welches die Maeuse als Saatenverwuester anklagen und verurtheilen liess; der Maeuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanaeus, nachmaliger Praesident des Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch nicht dreimal vorgeladen und koennten, so lange die Strassen durch Hunde und Katzen unsicher seien; fueglich auch nicht erscheinen. Diebolt, Histor. Welt, 1715, S. 1117.
Von hier aus uebergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern, findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknuepften volksmedizinischen Braeuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein Opfer hinauslaeuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafuer von der Maus einen neuen, dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Maeuschen, da hast du einen hoelzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In Schlesien: Maeusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein Steindel.--Maeuschen, ich geb dir einen knoechernen Zahn, gieb du mir einen eisernen. Kuhn, Westfael. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es (Alemann. Kinderl. S. 338):
Muesli, Muesli, nimm de Zah, gim-mer en schoene goldige dra, frei en schoene wisse, ass ech's Brod cha bisse.
Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht selber verschluckt, hoch gegen Himmel:
Seh, liebe Herrgett, en Zah! Gieb mer wider en andre dra.--
In Wuertemberg wirft es ihn ueber sich und spricht beim Schneidezahn:
Se, Maeusle, has du dean Za, sez mer derfuer en andra na!
Beim Mahlzahn heisst es:
Wolf, Wolf, da has en Za, gi mer derfuer no koen Biberza!
Birlinger, Schwaeb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwaebisch Name des waelschen Hahns (Birlinger, Schwaeb. Woertb. 61) und bedeutet hier: lass mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein altarabischer Spruch in Rueckerts Morgenlaend. Sagen 2, 264 opfert den Schichtzahn gleichfalls der Sonne:
Liebes Kind, nimm deinen Zahn, Der dir ausgefallen, Wirf ihn zu der Sonn' hinan, Sprich mit frohem Lallen: Gieb mir einen bessern dran! Und du wirst von allen Neuen Zaehnen keinen Zahn Schwarz und schief und stumpf empfahn, Sondern jeden wohlgethan. Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.
Dem Sonnengotte Freyr ward von den Goettern die Sonne, Lichtalfenheim, zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in Sueddeutschland Woelfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszaehne werden dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Ruecksicht auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr zum Opfer faellt.
In Hahns Griechisch-albanes. Maerchen no. 10 und 101 laesst sich die Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst anderen dahin einschlaegigen Braeuchen des Alterthums im eben genannten Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der hellfunkelnde, unverwuestliche Zahn des im Boden oder in Hoehlen wohnenden Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine Zaehne in den Boden saeet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die Zaehne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen erwachsen die Stammvaeter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn heisst in Sueddeutschland Woelfle, und woelfen ist zahnen: Aus Wolfs- und Rosszaehnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst umhieng, und selbst unter den Fundstuecken, die man seit 1857 aus den Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zaehne des Baeren und Wolfes, durchbohrt, um an Schnueren als Amulette getragen zu werden. Zuerch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz bei Plinius ueberein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzaehne werden zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermuedung angehaengt, ausgerissene Maulwurfszaehne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. Hoechst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von welchem die aelteste und die neueste Zeit zu erzaehlen hat. Das Poenitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern, darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den Bischoefen aufgetragen, bei der jaehrlichen Kirchenvisitation strenge Nachforschung hierueber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter Analyse aus pulverisirten Maeusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die uns persoenlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnaesser seien dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten, dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht verhalten koennen, gepulverte Maeuse unter der Speise zu essen verordnet; denn diese Heilmethode gruendet sich auf ein blosses Wortspiel und steht nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, daemonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit Gleichem zu vertreiben, schlaegt nemlich Plinius vor, die Muskelschwaeche am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da latein. musculus beides ist, Muskel und Maeuslein. Die deutsche Medicin nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran geknuepfte Heilmethode an, um so mehr, als beides urspruenglich unter dem Einflusse der waelschen Universitaeten zu Padua und Montpellier stand. Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) woertlich nach: "Das Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Maeusslin, so umb den Hals der Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht mehr gehorchen kann." Die spaeteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck und pflanzen den daran geknuepften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt durch die muessly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der Zuercher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zuerich 1554, Blatt 126b; Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: "Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."
Ein aehnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwoerterb. 3, 125, der schon vorhin erwaehnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die dorten enthaltenen Stichwoerter Pestbeule und Maus im Hebraeischen stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwuer bedeutet.
Der Name Maus, sanskrit muscha, abgeleitet von der Wurzel musch, stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch Yajnavalkya III, 214 (uebers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstaende sind, so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behaelt diesen Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen. Quasi mures semper edimus alienum cibum, laesst Plautus in den Gefangenen den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555, sagt das Vorwort:
Mein frischgebachen brot muoss leiden vil der not von hunden vnd von katzen, von meusen vnd von ratzen, zerhuelchen's, schliefen drein, wolt, sie schwimmen im Rhein!