Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten

Part 5

Chapter 53,687 wordsPublic domain

JOHANN VON RAESFELD. Die Täufer selbst sind uneinig, sagst du? Munter, Schuster!

GEFANGENER BÜRGER. Es gab schon Streit beim Gerichtstag und im Rat. Knipperdolling ist auf Johann neidisch und sammelt seinen Anhang. Knipperdolling sagt, Johann blase sich auf in falschem Stolz, und das tut er, ihr Herren. Er trägt eine Krone, ihr Herren, und ein Zepter, wenn er zu Gericht sitzt. Man sagt, Knipperdolling wolle König werden.

JOHANN VON RAESFELD. Achte jetzt auf meine Frage, Schuster! Spione sind aus der Stadt gekommen und haben berichtet, daß Johann heute einen Ausfall machen will, um das Lager zu stürmen. Überlege dir wohl, was du sagst.

GEFANGENER BÜRGER. Ich überlege wohl, Euer Gnaden. Jedes Wort, das ich spreche, ist lautere Wahrheit. Schon seit Pfingsten predigt Johann, daß er ausziehen will, um die Welt zu erobern. Er läßt bereits Säcke nähen.

JOHANN VON RAESFELD. Daß Johann mit dem Auszug prahlt, wissen wir. Aber, hast du Vorbereitungen wahrgenommen, daß er heute einen Ausfall machen will?

GEFANGENER BÜRGER. Davon habe ich nichts gesehen und gehört. Ich habe gesehen, daß sie Pech und Kalk auf den Wällen bereitstellen, weil sie glauben, daß die Bischöflichen nochmals stürmen könnten.

JOHANN VON RAESFELD. Das also hast du gesehen, Schuster? Mit eigenen Augen?

GEFANGENER BÜRGER. Mit eigenen Augen. Ich sah auch, daß sie die Breschen und Löcher in den Wällen ausbessern.

JOHANN VON RAESFELD (atmet auf): Nun gut! – Pack dich jetzt, Schuster! Du hast uns keine Neuigkeiten erzählt. Was du berichtet hast, wußten wir schon lange.

GEFANGENER BÜRGER. Euer Gnaden! (Voller Angst.) Es ist auch ein münsterisches Weib in die Hände der bischöflichen Knechte gefallen. Hütet Euch vor diesem Weib. Sie ist eine Täuferin und geht im Hause Johanns ein und aus.

JOHANN VON RAESFELD (stutzt erst, dann): Schrecke uns nicht mit münsterischen Weibern. – Das Leben wollen wir dir schenken –

GEFANGENER BÜRGER (in ungewisser Freude): Oh, Herr, gnädigster Herr! –

JOHANN VON RAESFELD. Knechte! Nehmt ihn! Gerbt ihm tüchtig das Leder, da er doch ein Schuster ist. Dann treibt ihn mit Peitschen zurück zu den Toren Münsters.

GEFANGENER BÜRGER (auf den Knien): Johann wird mich in Stücke hauen lassen.

JOHANN VON RAESFELD. Er erspart uns die Arbeit. Fort mit dem Haufen Dreck.

Der Bürger schreit, wird von den Knechten die Treppe hinaufgestoßen.

Der Vorhang der Mitteltüre wird auseinandergenommen. Eine Schar von Würdenträgern und Beamten, teils in weltlicher, teils in geistlicher Tracht, tritt in den unteren Saal. Einige Marschälle und Feldobersten, darunter Meinhard von Hamm. Ferner Graf Seedorf.

Zuletzt erscheint der Bischof.

DER BISCHOF (ist etwa 60 Jahre alt. Sein Gesicht ist staubgrau und ohne jedes Leben. Öffnet er aber die Augen, so funkeln sie. Seine priesterliche Milde ist nur gespielt. Verschlagenheit und Härte brechen zuweilen unvermittelt durch die Maske.)

BISCHOF (noch oben): Die Welt geht auf allen vieren, ihr Herren. Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geworfen und kann ihre Ruhe nicht wiederfinden. Alles Menschliche neigt sich zu kläglichem Untergang und wir sind fast ohne jegliche Hoffnung.

Franz von Frankreich brandschatzte Rom, der Türke zog gegen die christlichen Völker, Hessen und Württemberg bedrohen den österreichischen Ferdinand, Lübeck liegt im Krieg mit Holstein. In allen Ländern stehen die Kriegshaufen, bereit, über die Grenze zu fallen. Dazu Hungersnot, Pestilenz und englischer Schweiß in vielen Provinzen. Gott züchtigt seine Völker mit mancherlei Geißeln. (Steigt herab in den unteren Saal.)

In unserem Stift Münster hat der Satan selbst seine Feste aufgeschlagen, mitten im Land, und das arme Volk verführt und geblendet.

Dies sind die Zeiten, ihr Herren, ohne Schlaf und ohne Trost.

Er wird zu seinem Ledersessel geleitet.

Gott ist unser Zeuge, liebe Freunde, daß wir nichts unversucht gelassen haben, um unserem geprüften Lande die Ruhe wiederzugeben. Wir haben keine Opfer gescheut. Siebzigtausend Goldgulden haben wir aus unserer Schatulle bis heute bezahlt und dazu Gelder bei Freunden und Vettern geliehen. Meldet es getrost meinem Vetter, dem Kurfürsten von Sachsen, Graf Seedorf. Wir sind heute so arm, daß wir unsere Knechte und Hauptleute nicht mehr bezahlen können. Unsere Freunde und Vettern, der Erzbischof Hermann von Köln, Herzog Johann von Cleve, Landgraf Philipp von Hessen, Herzog Ernst von Lüneburg, Herzog von Geldern, die Räte der Städte Deventer, Campen und Zwolle haben uns mit Geschütz, Pulver, Knechten und Darlehn unterstützt, so gut sie konnten.

Andere Freunde und Nachbarn freilich ließen uns im Stich, obwohl wir Briefe über Briefe und Sendschreiben über Sendschreiben an sie schickten. An unserm Eifer mangelte es nicht. Aber, leider muß ich es bekennen, die Sache des Reiches und der Christenheit scheint ihnen nicht so wichtig wie Hofhaltung und Hirschjagden. Nun ist unsere Not groß. Aber wir verzagen nicht. Wir setzen unsere Hoffnung in den himmlischen Schirmherrn und unsere Freunde. Sagt es Eurem erlauchten Herrn, dem Kurfürsten, Graf Seedorf.

GRAF SEEDORF (verneigt sich).

DER BISCHOF (zu Meinhard von Hamm): Und nun, unser lieber Feldoberst Meinhard von Hamm, da Ihr Euch mit eigenen Augen von dem Stand der Dinge in Münster überzeugen konntet, wollt Ihr uns Euren Rat wissen lassen.

MEINHARD VON HAMM. Vor allen Dingen, Eure fürstliche Gnaden, scheint es das Dringendste, das Lager zu beruhigen. Die Kriegsknechte sind unzufrieden, da sie seit vier Wochen keinen Sold erhielten. Können wir auch den Sold nicht ganz bezahlen, so sollte der Knecht doch einen Teil erhalten.

JOHANN VON RAESFELD. Einen Galgen errichtet im Lager, Meinhard!

DER BISCHOF. Geld! Seht meine Hände. Selbst Siegelringe und Angebinde hoher Freunde und Erbstücke sind längst dahin und verpfändet.

MEINHARD VON HAMM. Eure fürstliche Gnaden mögen mich ermächtigen, fünftausend Bauern zum Schanzen aufzurufen. Gräben, Palisaden, Wolfsgraben und Blockhäuser sollen Münster so fest umschließen wie ein Ring den Finger. So nützen wir die Zeit, bis wir Kräfte zu einem neuen Angriff gesammelt haben, beschäftigen die Kriegsknechte und erfüllen sie mit Vertrauen und geben allen christlichen Fürsten einen Beweis unserer Ausdauer und Zuversicht.

BISCHOF. Gut, Meinhard. Nehmt zehntausend Bauern.

JOHANN VON RAESFELD. Eure fürstliche Gnaden mögen eine neue Mahnung an die Lehnsleute und Ritter und Städte des Stifts richten, mit allem, was sie haben an Pferden, Reisigen, Waffen, Wagen sich im Lager einzufinden.

BISCHOF. Es soll eine letzte Mahnung sein. Wer ihr nicht nachkommt, dem soll unsere Gnade entzogen werden für immer.

JOHANN VON RAESFELD (mit Schärfe): Eure fürstliche Gnaden mögen befehlen, daß die Stadt Warendorf augenblicklich mit Krieg überzogen wird.

BISCHOF. Die Stadt Warendorf?

JOHANN VON RAESFELD. Der Rat der Stadt Warendorf hat ein Bündnis mit Münster geschlossen.

Erregung.

STIMMEN. Der Rat von Warendorf? Warendorf? Aufruhr!

DER BISCHOF (nach einer Pause, mit großer Ruhe, während seine Augen funkeln): Nehmt zweihundert Reiter, Graf von Schaumburg, oder dreihundert, wenn Ihr es für gut haltet! Nehmt Geschütz. Brecht unverzüglich auf, fallt wie der Wolf über die Stadt Warendorf her, die es gewagt hat, offen gegen uns aufzustehen. Straft die Schuldigen mit dem Schwert. Die Stadt aber steckt an vier Ecken in Brand. Noch heute soll Münster seinen Bundesgenossen in Flammen sehen!

Er gibt ein Zeichen und die Offiziere und Graf Seedorf entfernen sich. Nur die nächste Umgebung des Bischofs bleibt zurück.

Während der Bischof den letzten Befehl gab, wurde Hille Feiken von dem Offizier und zwei Knechten auf die Treppe in der Ecke links geführt. Sie ist herausgeputzt, feierlich, trägt goldene Ketten, eine weiße runde Kopfbedeckung. In der Hand trägt sie einen Sack.

JOHANN VON RAESFELD. Wartet!

BISCHOF (hat Hille Feiken sofort gesehen und voller Verwunderung betrachtet): Wer ist dieses Weib dort?

JOHANN VON RAESFELD. Eine Bürgerin aus Münster. Sie fiel den Wachen heute morgen in die Hände.

DR. MELCHIOR. Sie will Aussagen machen. (Etwas leiser zum Bischof.) Sie versprach, Euer fürstlichen Gnaden die Schlüssel der Stadt Münster in die Hand zu spielen.

BISCHOF. Tritt näher, meine Tochter. Wer bist du?

HILLE (tritt mit dem Lächeln einer Nachtwandlerin näher. Kniet): Ich bin eine unwürdige Magd des Herrn.

BISCHOF. Erhebe dich, meine Tochter. Was treibt dich zu mir? Was willst du?

HILLE (erhebt sich. Ihr Gesicht leuchtet.)

DR. MELCHIOR. Das ist ja Hille Feiken, die Hofbäuerin aus Hasselburg im Friesischen?

HILLE (befangen): Ihr kennt mich, Herr?

DR. MELCHIOR. Ich sollte dich nicht kennen? Habe ich doch zwei Jahre in der Bibliothek des Grafen von Hasselburg gearbeitet. Du hattest den großen Hof am See. Fünfzig Stück Vieh, der reichste Hof in Hasselburg. Hast du den Hof verlassen?

HILLE. Ich habe den Hof nicht mehr.

DR. MELCHIOR. Nicht mehr? Was hast du damit getan?

HILLE. Ich habe ihn den Armen gegeben.

JOHANN VON RAESFELD (betrachtet Hille Feiken argwöhnisch und streng): Was trieb dich zu den Täufern nach Münster?

HILLE FEIKEN. Die Not meines Herzens, Herr. Es kam ein Ruf aus der Finsternis und befahl mir, nach Münster zu gehen. So tat ich es.

BISCHOF. Du hast Münster verlassen und bist ins Lager gekommen. Was bewegte dich dazu?

HILLE FEIKEN. Ich wollte zu dir, Bischof.

BISCHOF. So sprich, meine Tochter, was willst du von mir?

JOHANN VON RAESFELD. Gehörst du zur Sekte der Täufer? Hast du die zweite Taufe angenommen?

HILLE FEIKEN. Ich gehöre zur Brüderschaft der Täufer. Ich bin als Katholikin geboren, aber ich ging zu den Täufern, denn ihre Lehre ist die reine Lehre Christi.

JOHANN VON RAESFELD. Du kennst die Gesetze gegen die Täufer?

HILLE FEIKEN. Ich fürchte keine weltliche Obrigkeit. Aber mit dir will ich nicht sprechen, ich will mit dem Bischof sprechen. Und mit ihm ganz allein. Verführerisch. Sende deine Diener hinweg, Bischof, damit ich mit dir allein sprechen kann. Ich will dir die Stadt Bethulia in die Hand geben, so daß du nicht einen Mann verlierst.

BISCHOF. Du sagst Stadt Bethulia? Seit wann nennt ihr Münster Bethulia? Bisher nannten die Täufer sie Zion und Neues Jerusalem. Aber Bethulia?

HILLE FEIKEN. Wir nennen sie auch zuweilen Bethulia, weil sie belagert ist, wie Bethulia, die Stadt Judiths, belagert war.

Johann von Raesfeld flüstert argwöhnisch mit Dr. Melchior.

BISCHOF. Sprich getrost, als ob wir allein wären. Niemand wird dich unterbrechen.

HILLE FEIKEN. Deine Magd bittet dich nochmals, Bischof, allein mit dir sprechen zu dürfen. Denn Gott hat mir befohlen, nur dir allein das zu sagen, was ich sagen muß.

BISCHOF. Zieht Euch zurück, Ihr Herren.

JOHANN VON RAESFELD. Wir ziehen uns zurück, aber wir werden den Saal nicht verlassen.

BISCHOF. Und nun sprich, Hille Feiken.

HILLE FEIKEN (überwindet sich nach einigem Zögern): Höre deine Magd an, Bischof. Wirst du tun, was ich dir sage, so wird dir Gott den Sieg geben. Denn Gott ist erzürnt über unsere Sünden und hat durch seine Propheten verkünden lassen, er wolle das Volk strafen um seiner Sünde willen.

BISCHOF. Beginnt die Einkehr in Münster?

HILLE FEIKEN (geht immer näher): Die Furcht ist über sie gekommen. Dazu leiden sie Hunger und müssen vor Durst verschmachten. Sie haben ihr Vieh geschlachtet und sie wissen, daß sie umkommen müssen, weil sie voller Sünde sind. Und weil ich das weiß, Bischof, bin ich von ihnen geflohen, und der Herr hat mich zu dir gesandt, daß ich dir solches anzeige. Sie stockt.

BISCHOF. Sprich getrost, so sonderbar deine Rede auch klingt.

HILLE FEIKEN, (ihr Gesicht leuchtet, ihr Auge ist verzückt): Und deine Magd wird hinausgehen und Gott anbeten. Der wird mir offenbaren, wann er ihnen ihren Lohn geben will für ihre Sünde. So will ich dann kommen und dir’s anzeigen – und dich mitten durch Jerusalem führen – daß du alles Volk Israels habest wie Schafe, die keine Hirten haben und wird nicht ein Hund dich dürfen anbellen ... (Sie ist nun ganz nahe.)

BISCHOF (ist unruhig): Deine Rede wird wirrer und wirrer.

HILLE FEIKEN (mit einem verführerischen Lächeln): Denn deine Weisheit ist hochberühmt in aller Welt und jedermann weiß, daß du der gewaltigste Fürst bist im ganzen Königreich.

BISCHOF (hebt die Hand): Ich verstehe das Weib nicht mehr. Sie redet im Fieber.

JOHANN VON RAESFELD (tritt vor): Aber ich verstehe sie. (Packt Hille rasch an.) Was willst du mit dem Sack? Was hast du in dem Sack?

HILLE (verwirrt und erschrocken): Ich habe nichts in dem Sack. Glaubt mir! Ich habe ein Stück Brot in dem Sack. Aber nicht mit dir will ich sprechen. Nur mit dem Bischof.

JOHANN VON RAESFELD (nimmt ihr den Sack ab und nimmt ein Stück Brot heraus): Weshalb Brot?

HILLE FEIKEN. Wenn mich hungern sollte!

JOHANN VON RAESFELD (greift in ihren Ärmel und zieht einen Dolch heraus): Und was hast du hier?

Erstaunen. Der Bischof sinkt zurück.

JOHANN VON RAESFELD. Was hast du hier?

HILLE FEIKEN (tut naiv erstaunt): Ei, weshalb seht Ihr mich mit so bösen Augen an, Herr? Ich bin eine einfache Bäuerin und ohne Arg.

JOHANN VON RAESFELD. Weshalb hast du diesen Dolch mit dir?

HILLE (unsicher): Um das Brot zu schneiden, nahm ich ein Messer mit mir.

JOHANN VON RAESFELD. Du lügst! Jetzt lügst du!

HILLE. Ich nahm das Messer mit mir, ich dachte, eure Knechte könnten sich an mir versündigen wollen.

JOHANN VON RAESFELD. Du lügst! Du lügst! Soll ich es dir sagen?

HILLE FEIKEN (zitternd): Ich bin Witwe und ich habe geschworen, daß kein Mann mich mehr antasten soll. Aus diesem Grunde habe ich den Dolch mitgenommen.

JOHANN VON RAESFELD. Du lügst!

DR. MELCHIOR. Gib der Wahrheit die Ehre, Hille Feiken. Du warst immer eine gottesfürchtige Frau, die alle schätzten.

JOHANN VON RAESFELD. Knechte! Nehmt sie! Streckt sie, bis sie bekennt!

HILLE FEIKEN (zitternd): Ich bekenne! Ich bekenne alles!

JOHANN VON RAESFELD. Nun überkommt dich die Angst, seht an!

HILLE FEIKEN. Ich bekenne um der Wahrheit und der Ehre Gottes willen.

BISCHOF. Was ist das? Sprich, meine Tochter, ich verstehe nichts mehr.

HILLE FEIKEN. Der dort fragte, wozu ich den Sack und den Dolch mitgebracht habe? Ich habe Lügen vorgebracht. – Gott hat mir befohlen, ins Lager zu gehen, zu dir, Bischof –

JOHANN VON RAESFELD. Der Satan hat es dir befohlen.

BISCHOF. Laßt sie sprechen!

HILLE FEIKEN. So wie Judith ins Lager des Holofernes ging. – (Sie sieht alle an.) Der Sack, Bischof – in diesem Sack, Bischof, wollte ich dein Haupt an die Tore Münsters bringen, so wie Judith das Haupt des Holofernes an die Tore von Bethulia zurückgebracht hat.

Schweigen. Schrecken und Bestürzung in den Mienen. Der Bischof hat sich bleich erhoben.

HILLE (senkt das Haupt): Gott hat mich nicht für würdig befunden. Er hat seine Hand von mir genommen.

Stille.

BISCHOF (ruhig): Übergebt sie dem Profosen!

Hille Feiken wird abgeführt. Sie sträubt sich nicht, ist in ihr Schicksal ergeben.

HILLE (auf der Treppe): Gott hat mich um meiner Sünden willen nicht für würdig befunden. Du, Bischof, hast die Gewalt! Ich zürne dir nicht, denn Christus hat befohlen, unsere Feinde zu lieben. Wenn du einst eingehen wirst in das ewige Reich, so wird Hille Feiken für dich beten, Bischof, denn auch du bist ein sündiger Mensch. Und solltest du in die Verdammnis kommen, so wird Hille Feiken zu dir in die Verdammnis hinabsteigen, um dir die Lippen zu netzen ... Weshalb schweigst du, Bischof? Wir sehen uns wieder. Du weißt es.

JOHANN VON RAESFELD. Führt sie hinaus!

Hille wird abgeführt.

Stille.

Alle gehen, bis auf den Bischof, Dr. Melchior und Johann von Raesfeld.

Der Bischof sitzt regungslos.

BISCHOF (hart): Man soll einen Pfahl vor den Wällen von Münster aufrichten. Darauf setze man ihren Kopf. Heute Nacht – damit sie ihn am Morgen sehen sollen. – Unsre Langmut ist zu Ende. Wir lassen unser nicht länger spotten ...

Stille.

BISCHOF (erhebt sich. Er erscheint sehr müde): Mit wem kämpfe ich hier, ihr Herren? (Er blickt niemand mehr an.)

JOHANN VON RAESFELD. Mit dem Satan! Dem leibhaftigen Satan!

BISCHOF. So wollen wir unsere Anstrengungen verdoppeln! Laßt ein Rundschreiben ergehen an all unsere Klöster, Stifte, Kapellen, Kirchen, Abteien. Alles was Silber oder Gold ist oder edles Gestein trägt: Monstranzen, Kelche, Kessel, Kreuze, Ringe, alles soll unverzüglich ausgeliefert, eingeschmolzen und verkauft werden.

DR. MELCHIOR. Euer fürstliche Gnaden, es wird Unruhe geben im Lande.

BISCHOF. So werden wir Graf Schaumburg mit seinen Reitern hinschicken! Wir werden fortan unerbittlich sein. Sind die Sendschreiben an die evangelischen Fürsten und freien Städte vorbereitet?

DR. MELCHIOR. Sie liegen bereit.

BISCHOF. Vernichtet sie. Entwerft neue. Wir haben dringlich geschrieben – wir müssen schreiben wie sengendes Eisen! Das Jüngste Gericht steht am Himmel! (Er geht einige Schritte, bleibt stehen.) Besser noch, Freund Raesfeld: wir werden uns persönlich zu den Fürsten begeben. Bereitet alles zur Reise vor. Wie Bettler werden wir vor allen Residenzen anhalten. Wir werden bemüht sein, einen Landtag zusammenzurufen. Niemand sieht, ihr Herren, daß die rote Hölle in Münster aus der Erde schlägt. Was soll geschehen, wenn Johann triumphiert? Die Welt wird sich in ein Meer von Blut verwandeln, in dem die Kirche und die Christenheit und alle Ordnung versinken. (Geht zu den Stufen.)

JOHANN VON RAESFELD. Wollen Euer fürstliche Gnaden das neueste von Münster sehen? So belieben Euer fürstliche Gnaden durch das Fenster zu blicken. Die Turmspitze von St. Ägidi ist verschwunden! Die Täufer tragen die Spitzen der Türme ab. Sie sagen: was hoch ist, soll erniedrigt werden.

BISCHOF (blickt auf): Ihr Herren! Mein Leben war sündhaft, aber doch glaube ich, soviel Gutes gewirkt zu haben, um der Ruhe im Grabe gewiß zu sein. (Mit feierlicher Stimme.) Aber, ihr Herren: Ich soll ruhelos sein im Grabe bis zum jüngsten Tage – so ich diesen Platz verlasse, bevor Münster gefallen ist! (Er ist oben an der Treppe angelangt. Seine Augen funkeln.) Ich will Münster dem Satan aus den Klauen reißen und sollte ich lebendigen Leibes dabei verbrennen! So wahr mir Gott helfe! (Er geht. Die beiden verneigen sich tief.)

DR. MELCHIOR (schlägt das Kreuz): So habe ich unseren fürstlichen Herrn noch nie gesehen.

JOHANN VON RAESFELD (mit einem bösen Lachen): Nun soll er sich wohl in acht nehmen, der König Johann!

Vorhang.

Vierter Akt

Domplatz in Münster.

Auf den Stufen des Doms steht eine Art Thron mit kostbaren Kissen und Teppichen. Links und rechts davon einige kleine Sessel ohne Lehnen.

Volk ist versammelt. Gesellen, Kriegsknechte. Dirnen. Man erkennt schon stark die Not. Bleiche Gesichter und zerlumpte Kleidung; unzufriedene, freche Mienen.

ERSTER GESELLE (ängstlich): Heute wird Johann strenges Gericht halten!

ZWEITER GESELLE. Mit glühenden Zangen soll er unter die Unzufriedenen fahren.

DRITTER GESELLE (laut und unbekümmert): Den Magen soll er ihnen füllen. Es ist kein Kunststück, dem Hungrigen das Maul zu stopfen, indem man ihm den Kopf abschlägt. Die Weiber und Kinder fressen Stroh. Johann und sein Hof aber essen noch aus vollen Schüsseln.

ERSTER GESELLE. Sei auf der Hut! Überall hat Johann seine Späher!

DRITTER GESELLE (etwas leiser): Das ärgste ist, Freund, daß das Pulver knapp wird.

ERSTER GESELLE. Du redest dich noch an den Galgen.

ZWEITER GESELLE (böse): Alle Kleinmütigen sollte man dem Bischof ins Lager schicken! Wer den Glauben nicht mehr hat, soll sich aus der Stadt scheren.

DRITTER GESELLE. Was sagst du? Ich habe den Glauben nicht mehr?

Fanfaren.

ERSTER GESELLE. Keinen Streit, Freunde! – Der König! – Wie mit Kalk angestrichen sieht er aus!

König Johann erscheint mit seinem Hof. Er trägt eine Krone aus Gold, mit Steinen besetzt. Goldene Ketten, daran eine Weltkugel und ein goldenes Kreuz. Ein Zepter aus Gold, mit Steinen besetzt. Reichgewirkten Mantel.

Vor ihm her geht Tilbeck mit einem weißen Stab.

Zwei Pagen folgen Johann, einer trägt sein Schwert, der zweite die Bibel.

Es folgen Knipperdolling, Rottmann, Krechting, Gert tom Kloster, Redecker, Dusentschur und alle Räte, prächtig gekleidet. An den Ärmeln das Wappen des neuen Königreichs: Die Weltkugel mit Kreuz und Schwertern. Dusentschur trägt eine Art ärmliche Kutte.

Dann folgt eine Gruppe mit geschmückten Frauen, Divara an der Spitze. Ihr Kammerherr ist Wenzel von der Langenstraaten.

Es folgt der Scharfrichter in rotem Mantel.

Zuletzt die Leibwache des Königs, die das Volk zurückdrängt.

EINIGE STIMMEN (ohne besondere Begeisterung): Es lebe König Johann!

ROTTMANN (wirft strenge, ermahnende Blicke).

EINE GRUPPE ALTER WEIBER. Willkommen, König Johann!

JOHANN (steht vor seinem Thron. Er sieht erschöpft und bleich aus. Er erhebt segnend die Arme): Gnade und Friede über alle, die Gott fürchten und seinem Willen gehorchen.

DAS VOLK (sich neigend): Friede sei mit dir, König Johann.

Johann und sein Gefolge nehmen Platz.

TILBECK (erhebt sich): Bürger des neuen Zion! Höret, ihr Völker. Der Gerichtstag ist eröffnet. Fleht zu Gott, daß er den König und den königlichen Rat erfülle mit seinem Geiste der Weisheit und Gerechtigkeit.

KNIPPERDOLLING (erhebt sich).

EINIGE STIMMEN. Es lebe Knipperdolling!

Rottmann und Tilbeck werfen zornige Blicke.

KNIPPERDOLLING. Johann, die Abgesandten der freien Reichsstädte, die als Unterhändler aus dem bischöflichen Lager gekommen sind, warten auf deinen endgültigen Bescheid. Sie bitten, ihre Sache nochmals vortragen zu dürfen.

JOHANN. Die Herren mögen sprechen.

TILBECK. Ihr Freunde, König Johann bittet euch!

Die Deputation besteht aus drei Männern in Ratstracht.

JOHANN KRECHTING, (der Sprecher der Deputation, tritt vor): Johann! Unsere Zeit läuft ab. Laß uns hören, was du beschlossen hast.

JOHANN (finster): Ich ändere meinen Sinn nicht in jeder Stunde wie ein Weib, das schwanger geht.

BERNHARD KRECHTING (erhebt sich): So laß meinen Bruder erneut reden, Johann!

JOHANN KRECHTING. Du kennst mich, Johann. Und da ist mein lieber Bruder Bernhard – einer deiner Räte und Berater. Du darfst mir ruhig vertrauen.

JOHANN. Ich mißtraue dir nicht, Johann Krechting.

JOHANN KRECHTING. Wir waren über zwei Wochen im Lager des Bischofs, Johann, und haben uns alles genau besehen. Es ist nicht mehr wie im vorigen Herbst, da du deinen großen Sieg über die Bischöflichen davongetragen hast. Seit dem Kreistag zu Koblenz und dem Reichstag zu Worms stehen katholische und evangelische Fürsten und die freien Reichsstädte gegen Münster. In Summa: das ganze Reich ist gegen dich, Johann! Täglich strömten Reisige, Geschütze, Waffen und Pulver in das Lager des Bischofs. Das Lager wimmelt heute von Kriegsvolk wie ein Jahrmarkt. Dazu Geschütz, Feldschlangen, Kartaunen und Feuermörser. Sie stehen dicht um Münster, wie ein großer Rachen.

Das Volk wird unruhig.

JOHANN. Das wissen wir wohl und ist uns nichts Neues.

DUSENTSCHUR (springt auf, lacht): Will der Bischof Gott mit Kartaunen und Mörsern beschießen?

JOHANN KRECHTING. Der Bischof hat den Sturm auf die Stadt beschlossen. Wir aber, die wir als eure Freunde nach Münster kamen, möchten euch ermahnen –

JOHANN (unruhig, ohne starke Überzeugung): Hat der Herr nicht die Heere der Heiden vernichtet mit Roß und Wagen? (Schwacher Beifall.)

JOHANN KRECHTING. Der Bischof ist stark geworden, ihr Herren! Das ist es, was wir euch melden wollten. Auch Münster ist mächtig, wir wissen es. Ihr habt fleißig gebaut und geschanzt. Aber wir haben ja Augen im Kopfe und sehen, was ein Mensch sehen kann.

TILBECK (erhebt sich): Wir haben euch nichts verborgen, ihr Herren, oder verheimlicht! Was habt ihr gesehen?

JOHANN KRECHTING (schlicht): Freund Tilbeck, wir haben gesehen, daß der Hunger eingezogen ist in die Stadt Münster. (Die Räte sind unruhig.)