Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten
Part 4
JOHANN (ohne aufzublicken): Wer spricht hier?
WENZEL. Divara schickt mich zu Euch. Ich bin Wenzel von der Langenstraaten, bischöflicher Fähnrich, heute in Gefangenschaft geraten. (Wirft sich in die Knie.) Ich bitte um die Gnade, in Münster bleiben zu dürfen. Bin dir, Johann, mit Leib und Seele ergeben.
JOHANN (blickt ihn an): Du zitterst?
WENZEL. Ich habe Furcht vor dir.
JOHANN (lächelt): Stehe auf. Bald wird die Zeit vorüber sein, da ein Mensch vor dem anderen Furcht hat. Vor Gott allein sollst du zittern. Zittere, wenn die Sonne aufgeht, denn der Herr ist im Licht. Wenn der Wind säuselt, so zittere, denn der Herr ist im Winde. Niemals aber zittere vor dem gebrechlichen Menschen. – Bleibe in Münster. Bemühe dich. Diene auf den Wällen und sage Knipperdolling, daß er dir einen Platz anweisen möge. Jetzt gehe!
Wenzel ab.
JOHANN (steht wie vorhin, tief in Gedanken versunken. Seine Augen brennen.)
DIVARA (tritt ein, sie betrachtet Johann eine Weile): Du bist unruhig, Johann?
JOHANN (regt sich nicht von der Stelle, leise): Ich höre viele Stimmen in mir.
DIVARA. Du solltest schlafen. Johann. Zwei Nächte und zwei Tage bist du ohne Schlaf. Und heute war ein heißer Tag.
JOHANN. Schlaf? Wer könnte jetzt schlafen? – Ein neuer Tag ist angebrochen, ich fühle es, Divara. Oft habe ich gezweifelt, ob es recht sei, mit dem Schwerte für das Evangelium zu kämpfen. Die ersten Täufer berührten kein Schwert, wie die ersten Christen es nicht berührten.
DIVARA. Du weißt, Johann, daß Gott Mathys das Schwert in die Hand gab und ihm befahl, die Ungläubigen mit dem Schwerte zu bekämpfen.
JOHANN. Wohl weiß ich es. Wer aber kennt Gottes Beschlüsse? Ich höre eine Stimme, die sagt, daß ein neuer Tag heraufkommt. Gott hat mir durch Hille Feiken ein Zeichen gegeben. Ich höre eine Stimme, die sagt: Wirf das Schwert weg, Johann. Nimm einen grünen Zweig in die Hand und gehe damit den Feinden entgegen. Sie werden vor dir niederfallen und du wirst sie besiegen. Ich will meine Feinde mit dem Geiste schlagen, spricht die Stimme, und nicht mit dem Schwert. (Er taumelt vor Erschöpfung.)
DIVARA. Du bist müde, Johann, ruhe. Lege deinen Kopf in meinen Schoß, wie du es oft getan hast. Schlafe und die Zweifel werden dich nicht quälen. Das Lamm Gottes hat genug geblutet, du weißt es. Deshalb lehrte Mathys die Vernichtung der Ungläubigen.
JOHANN (legt den Kopf in Divaras Schoß. Augenblicklich fällt er, halb kniend, halb liegend, in Schlaf.)
DIVARA (starrt vor sich hin voller Gram und Sehnsucht): Mathys! Mathys!
JOHANN. Riefst du?
DIVARA. Nein. Ich sagte nichts. Schlafe, Johann. (Nach einer Weile.) Mathys! Mathys!
JOHANN (fährt auf, unruhig): Ich höre singen.
DIVARA. Es sind die Frauen, die Hille Feiken schmücken. Sie singen dazu. Schlafe jetzt, Johann.
JOHANN (erhebt sich): Ich will nicht schlafen. Nur ein Tier schläft in solcher Nacht. – Lies, Divara, wie jeden Abend. Lies die Offenbarungen.
DIVARA (nimmt die Bibel und liest).
Und hörete eine Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden ein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Stuhle saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu ...
JOHANN, (der erschüttert zugehört hat, hebt die Hand): Genug. Gute Nacht, Divara. (Divara geht.)
JOHANN (erhebt sich): Siehe, ich mache alles neu ... (Lächelt verzückt.) Abwischen wirst du alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein – noch Leid – (Er streckt die Arme zum Himmel.) Noch Geschrei ... Ja, komm, komm, Herr Jesu Christ! (Er stürzt in die Knie.) Ich bin dein Knecht, Herr. Elend und unwürdig. Erleuchte mich! Gib mir die Kraft, dein Volk durch die Wüste zu führen! – Ja, mache sie neu, diese Welt. Mache alles neu ... Mein Herz ist froh – du, du, großer Gott, du wirst es tun ...
In einer ekstatischen Verzerrung, die Arme erhoben, erstarrt er.
Der Vorhang fällt.
Dritter Akt
Das bischöfliche Feldlager.
Saal in einem Kloster. Einfach, getüncht. Nur einzelne Stücke, ein Tisch, ein paar Stühle, ein auffallend großes Kruzifix verraten Reichtum. Ein hoher Ledersessel für den Bischof. In der Mitte der Rückwand führt eine breite, mit einem Vorhang verhängte Tür zu den Privaträumen des Bischofs. Einige Stufen führen zu dieser Türe empor.
Die Mitte des Saals ist frei. Im Drittel rechts befindet sich der Sessel des Bischofs. Zwei hohe Bogenfenster. Tiefe Nischen. Im Drittel links steht vorn ein großer runder Tisch, um ihn herum einige hochlehnige Stühle. Eine breite Türe.
In der Ecke links führt eine schmale steile Steintreppe zu einer kleinen Türe empor.
Die Morgensonne scheint durch die Bogenfenster.
Der Bischof ist beim Frühstück. Diener tragen Schüsseln und Gefäße durch den Raum. Man sieht, daß der Bischof auf eine gute Tafel hält.
Der bischöfliche Sekretär Dr. Melchior sitzt an dem großen, mit Schriftstücken und Büchern bedeckten Tisch und schreibt. Typus des Gelehrten; Brille. In geistlicher Tracht.
Graf Seedorf, der Gesandte des Kurfürsten von Sachsen, steif und hochmütig, geht wartend im Saale hin und her. Er ist weltlich gekleidet. Lutheraner.
GRAF SEEDORF (bleibt an einem der beiden Bogenfenster stehen und blickt hinaus): Das also ist Münster! (Mit einem leisen Lachen.) Und dort sitzt er, der Schneider Johann! – Aber weshalb brennen sie Feuer auf den Wällen, Dr. Melchior?
DR. MELCHIOR (blickt auf, mit rotem Kopf): Es sind Freudenfeuer, Graf Seedorf. Sie wissen in ihrem Übermut nicht, was sie tun sollen. (Ächzt.) Ihr habt Euch einen schlimmen Tag ausgewählt zu Eurer Ankunft im bischöflichen Feldlager.
GRAF SEEDORF. Ich bin glücklich, daß ich nicht gestern eingetroffen bin.
DR. MELCHIOR. Ja, bei der gebenedeiten Jungfrau, Ihr könnt Euch in der Tat glücklich schätzen.
GRAF SEEDORF. Der Bischof hat gestern, wenn ich so sagen darf, mit wenig Waffenglück gekämpft.
DR. MELCHIOR. Es war ein unseliger Tag, Graf Seedorf, erinnert mich nicht daran. So hoffe ich nur, daß die Botschaften, die Ihr vom Kurfürsten von Sachsen bringt, günstig sein mögen und ein Trost für das Herz des Bischofs?
GRAF SEEDORF. Ich hoffe es, Dr. Melchior. Ich glaube in Aussicht stellen zu können, daß der Kurfürst bald wichtige Entschlüsse fassen wird, um der Sache des Bischofs zu dienen. Luther hat seinen ganzen Einfluß geltend gemacht. Er ist nicht gut auf die Täufer zu sprechen.
DR. MELCHIOR. Hm!
GRAF SEEDORF. Sagtet Ihr etwas?
DR. MELCHIOR. Nichts, nein, wie sollte ich? Ihr seht, ich atme auf, Graf Seedorf.
GRAF SEEDORF. Es sind allerdings noch gewisse Schwierigkeiten, gewisse, wie soll ich sagen?
DR. MELCHIOR. Schwierigkeiten?
GRAF SEEDORF. Es ist dem Kurfürsten zu Ohren gekommen, daß der Bischof beschlossen hat, die evangelische Lehre in Münster mit der Wurzel auszurotten und alle Evangelischen in der Stadt mit dem Schwerte zu richten, einerlei, ob sie wirkliche Täufers seien oder nur Verführte.
DR. MELCHIOR. Seht mich hier sitzen, Graf Seedorf! Ich rufe Gott zum Zeugen an. Er soll mich augenblicklich vor Euren Augen tot zu Boden strecken, wenn all das nicht bösartige Verleumdung und Lüge ist.
GRAF SEEDORF. Hätte der Bischof nicht den evangelischen Gesandten Dr. van der Wiek in Iburg enthaupten lassen, so wäre ja der Argwohn der evangelischen Fürsten leichter zu beschwichtigen.
DR. MELCHIOR (windet sich): Da kommt Ihr wieder mit der unseligen Sache! (Flüsternd.) Seine Fürstliche Gnaden bereuen selbst diese übereilte Handlung. Seine Fürstliche Gnaden haben den evangelischen Fürsten jede Genugtuung angeboten. Ganz im Vertrauen, Graf Seedorf, es ist nur für Euch bestimmt. Stehen die evangelischen Fürsten dem Bischof nicht im Kampfe gegen diese Höllengeister bei, so wird er gezwungen sein, sich mit dem Hofe von Brüssel-Brabant zu verbünden, der Hilfe und Geld anbot. Wie es dann um die evangelische Lehre und evangelischen Prediger im Stift Münster stehen wird, könnt Ihr Euch wohl ausmalen. Die Spanier haben das Stift Lüttich verschluckt und das Land des Herzogs von Geldern. Sie werden auch das Stift Münster verschlingen mit allen Städten, Dörfern, Klöstern und Gemeinden. Bemüht Euch beim Kurfürsten, ich sehe keinen andern Weg mehr. Es geht um das Christentum. Die Täufer sind ebenso Feinde der evangelischen wie der katholischen Kirche.
GRAF SEEDORF. Wahr, sehr wahr, Doktor!
DR. MELCHIOR. Wie gut, daß Ihr gekommen seid! Und wir alle sind glücklich, daß der Kurfürst gerade Euch gesandt hat, Graf Seedorf! Wüßte der Kurfürst von Sachsen, Euer milder und erlauchter Herr, welche Gefahr der gesamten Christenheit droht, er würde nicht eine Stunde länger zögern! (Er gerät in Eifer.) Spitzbuben, Galgenvögel, Zuchthäusler und landfremdes Gesindel – das sind heute die Herren in Münster! Alle Strolche und Taugenichtse des ganzen Landes hat Johann nach Münster gezogen, indem er ihnen Wohnung, Nahrung und Kleidung versprach. Und seine Kriegsknechte bezahlt er mit gestohlenem Golde. Seht her, Wartet. (Er kramt in den Papieren.) Nicht nur, daß sie – (deutet in die Richtung von Münster) – die heiligen Sakramente schändeten und ein Sodom aus Münster gemacht haben – es gibt keine Greuel, die sie nicht verüben. Sie lesen Spottmessen in den Kirchen, in greulichen Vermummungen. Sie haben die Kirchengewänder zerschnitten und Wämser für ihre Weiber daraus genäht. Sie haben Gemälde und Bildwerke aus den Kirchen gerissen und verbrannt. Gott, sagen sie, wolle nur im Geiste angebetet werden und alles Bildwerk sei wider Gott. Ei, sie müssen ja wissen, was Gott will, die Galgenstricke! Sie haben sogar die silbernen Särge der Reliquien zertrümmert und eingeschmolzen.
GRAF SEEDORF. Ist es möglich? Dr. Melchior?
DR. MELCHIOR. Möglich, Graf Seedorf, was ist bei ihnen nicht möglich? Sie haben die Glocken aus den Gestühlen genommen und daraus Geschütze gegossen. Seht, was sie allein aus der Kapelle von St. Martini geraubt und geplündert haben. (Rasch): Zwei silberne Engel, jeder acht Pfund schwer. Zwanzig Kerzenstöcke von Silber, einhundertsiebzig Pfund im Gewicht, im Werte von fünfhundert Gulden.
GRAF SEEDORF. Fünfhundert Gulden!
DR. MELCHIOR. Ein silberner Sarg, neun Pfund schwer. Sechs silberne Becken, dreißig silberne und goldene Meßkannen. Vier Chorsängerbücher auf Pergament gemalt und auf dreitausend Kronen geschätzt.
GRAF SEEDORF. Dreitausend Kronen!
DR. MELCHIOR. Ein Rauchfaß, sieben Pfund schwer, aus Silber und mit Edelsteinen besetzt. Das Haupt des heiligen Martin, eingefaßt in fünfhundert Lot lauteren Goldes.
GRAF SEEDORF. Ist es möglich, fünfhundert Lot lauteres Gold!
DR. MELCHIOR. Das ist nur eine einzige Kapelle, Graf Seedorf! Hier, hier seht die Listen. Ja, da kann man leicht die Kriegsknechte bezahlen! Und wißt ihr, was sie mit der Orgel von St. Ägidi getan haben, die fünfzehntausend Gulden kostete? Wie, wißt Ihr?
GRAF SEEDORF. Wie sollte ich es wissen?
DR. MELCHIOR. Sie haben Stricke um die Pfeifen gebunden und die Pfeifen von Pferden herausreißen lassen! (Er sinkt erschöpft zurück.)
GRAF SEEDORF (lacht).
DR. MELCHIOR. Und Ihr beliebt zu lachen, Graf Seedorf?
GRAF SEEDORF. Verzeiht, ich mußte lachen. Denn eine solche Geschichte habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört. Und fünfzehntausend Gulden, sagt Ihr, kostete die Orgel? Das wird den Kurfürsten interessieren.
DR. MELCHIOR (erregt): Aber hört weiter, Graf Seedorf, und vielleicht wird Euch das Lachen vergehen. Wenn Johann Bokelson aus Leyden den Sieg davontragen sollte, dann wird es weder Grafen, noch Barone, noch Junker, noch privilegierte Stände mehr geben.
GRAF SEEDORF (erschrocken): Wie meint Ihr das? Wie soll ich das verstehen?
JOHANN VON RAESFELD, (der Kämmerer des Bischofs, kommt aus den bischöflichen Gemächern. In geistlicher Tracht. Er ist dunkel, leidenschaftlich, kränklich, ehrgeizig, gallig. Verächtliche Miene, grausame Augen. Unruhig. Verbeugt sich vor Graf Seedorf mit großer Herzlichkeit und Ehrerbietung): Seine fürstliche Gnaden schätzen sich glücklich, Euer Erlaucht zu begrüßen.
Er geleitet Graf Seedorf zum Vorhang. Verbeugungen. Graf Seedorf ab.
JOHANN VON RAESFELD. Sie sind immer die gleichen, die Freunde Luthers. Kalt und hochmütig. Man weiß nicht, woran man ist. Ich mißtraue den Lutherischen.
DR. MELCHIOR. Und sie mißtrauen uns!
JOHANN VON RAESFELD. Ich hätte Lust, den Gesandten des Kurfürsten dorthin ans Fenster zu führen und ihm zu sagen: Hier, Euer Erlaucht, betrachtet das Babylon seiner Majestät des Satans! Es ist Euer Werk, das Werk Luthers! Es ist die lutherische Saat, die in Münster so herrlich aufgegangen ist. Ist es wahr, oder ist es eine Lüge, Dr. Melchior: es gibt keine Täufer, die nicht zuvor Lutheraner gewesen sind.
DR. MELCHIOR. Es ist so wahr, wie das Evangelium selbst!
JOHANN VON RAESFELD. Und nun ist es dahin gekommen, daß wir den lutherischen Ketzern Schmeicheleien ins Maul schmieren und sie bitten müssen, das Feuer löschen zu helfen, das Luther mit seinen Ketzereien entfachte. (Er wirft sich in einen Stuhl.) Zuweilen ist solch ein Ekel in mir, Dr. Melchior, daß ich mich hinlegen möchte und sterben.
DR. MELCHIOR. Ihr solltet auf Eure Galle Rücksicht nehmen.
JOHANN VON RAESFELD. Sechshundert Mann und sechzig Hauptleute verloren! Und dazu die Demütigung vor dem ganzen Lande, von diesem Ketzer und Antichrist, diesem Schneidergesellen aus Leyden geschlagen worden zu sein. Habt Ihr gehört, wie sie sangen, die ganze Nacht hindurch, auf den Wällen, Hohn und Spott!
DR. MELCHIOR. Ich habe nicht ein Auge geschlossen in dieser Nacht.
JOHANN VON RAESFELD (erhebt sich wieder, unruhig): Noch jetzt tritt mir der kalte Schweiß auf die Stirn, denke ich daran, was geschehen wäre, wenn Johann, dieser von tausend Teufeln Besessene, auf den Gedanken gekommen wäre, das Lager zu überfallen.
DR. MELCHIOR. So schlimm stand es, glaubt Ihr?
JOHANN VON RAESFELD. Meister Melchior, der Himmel hat uns beschützt. Hätte Johann den Überfall gewagt: das ganze Lager wäre in seine Hand gefallen. Mit Geschütz, Pulver, Blei, Korn, Vieh! Alles hätte er gewonnen!
DR. MELCHIOR. Heilige Mutter Gottes!
JOHANN VON RAESFELD. Das Schlimmste hat der Himmel verhütet. Aber doch fürchte ich, die Wirkung unserer Niederlage wird unheilvoll genug sein im ganzen Lande. Die Verwirrung der Geister und Seelen wird sich noch mehren. Alle Unzufriedenen, alle Schwankenden und Schwachen werden sich auf Johanns Seite schlagen. Sagen die Bauern nicht schon, der Stern, der Nachts über Münster steht, sei der Stern Christi? Ich wollte, ich wüßte nichts mehr von dieser Welt.
Ein Offizier tritt ein.
JOHANN VON RAESFELD. Was gibt es Neues, mein Freund? Nichts Gutes, fürchte ich.
OFFIZIER. Die Täufer schicken die bischöfliche Urkunde von Telgte an den Bischof zurück.
JOHANN VON RAESFELD. Was für eine Urkunde?
DR. MELCHIOR. Laßt sehn! (Belustigt.) Wahrhaftig, es ist die Urkunde von Telgte. – Ihr wißt – worin der Bischof freies religiöses Bekenntnis in der Stadt Münster verbürgte. Hier ist das Siegel des Bischofs. Hier ist Eure Unterschrift, die Unterschrift des bischöflichen Kanzlers. Hier die meine.
JOHANN VON RAESFELD. Wie kam die Urkunde in Eure Hand?
OFFIZIER. Die Täufer trieben einen mageren Esel ins Lager. Auf den Kopf hatten sie dem Esel, mit Verlaub zu sagen, eine Bischofsmütze gesetzt und an den Schwanz diese Urkunde gebunden.
DR. MELCHIOR. Wie? Was? Heilige Anna!
JOHANN VON RAESFELD. Was sagt Ihr dazu, Dr. Melchior? Sie wagen es, den Bischof zu verspotten. Wartet, wartet, ihr Elenden! Wir werden dem Bischof diese Büberei verschweigen, um seine Gesundheit zu schonen. Der Bischof sah ohnehin bei der Tafel aus, als habe er drei Tage im Grabe gelegen.
OFFIZIER. Das ganze Münsterland ist in Aufruhr. Die Bauern weigern sich, fernerhin ihre Fuhrwerke zu stellen.
JOHANN VON RAESFELD. Was sagte ich, Dr. Melchior? Ist es so gekommen, wie ich sagte, oder nicht? Schon machen die Bauern den Nacken steif. Greift die ersten sechs Bauern, die euch nahekommen, und laßt sie auspeitschen!
OFFIZIER. Eine Abordnung der bischöflichen Kriegsknechte ist eingetroffen und verlangt die Feldobersten zu sprechen.
JOHANN VON RAESFELD. Was soll das heißen? Ist Rebellion im Lager des Bischofs ausgebrochen? Legt sie in Ketten!
OFFIZIER. Wenn ich sie in Ketten lege, so verläuft sich heute noch das ganze Lager. Sie entlaufen ohnehin in ganzen Haufen. Achtzig Knechte der Stadt Deventer sind heute nacht nach Münster übergegangen.
JOHANN VON RAESFELD (streng): Was fordern sie?
OFFIZIER. Sie verlangen den rückständigen Sold. Weiter fordern sie künftig doppelte Löhnung. Wird ihre Forderung nicht bewilligt, so drohen sie, einfach abzuziehen.
JOHANN VON RAESFELD. Herrlich, wunderbar! Soweit ist es gekommen durch die Milde des Bischofs. Die Landsknechte schicken Deputationen und fordern Sold! Früher hätte man ihnen die Köpfe abgeschlagen. Was habe ich geraten, Dr. Melchior? Man kann das Volk nur mit Galgen und Schwert bändigen, die menschlichen Leidenschaften sind zu tierisch. Die Knechte sollen warten, bis die Feldobersten von der Tafel kommen.
OFFIZIER. Ein Weib aus Münster wurde an den Laufgräben gefangengenommen. Sonderbar geschmückt, mit sonderbarem Gebaren. Sie erscheint merkwürdig.
JOHANN VON RAESFELD. Diese münsterischen Weiber sind eine neue Plage geworden. Gott hat es in seiner Weisheit so eingerichtet, daß auf jedes Weib ein Mann trifft. Trifft ein Mann auf drei Weiber, so verlieren alle drei Weiber die Sinne.
OFFIZIER. Wir haben sie in scharfes Verhör genommen. Sie verlangt den Bischof zu sprechen. Sie will ihm wichtige Mitteilungen machen. Aber nur dem Bischof persönlich will sie sich anvertrauen.
JOHANN VON RAESFELD. Sonst hat sie keinen Wunsch? Will sie nicht zur bischöflichen Tafel geladen werden?
OFFIZIER. Sie tut sehr geheimnisvoll. Sie sagt, sie wolle dem Bischof die Schlüssel der Stadt Münster übergeben.
DR. MELCHIOR. Was sagte sie?
OFFIZIER. So sagte sie.
JOHANN VON RAESFELD. Gut. Schüchtert sie gehörig ein, dann führt sie vor.
OFFIZIER. Ein Bürger aus Münster ist unseren Wachen in die Hand gefallen. Wir haben ihn gestreckt. Er will bekennen.
JOHANN VON RAESFELD. Um so besser für ihn. Weiter!
OFFIZIER. Die Stadt Warendorf hat gestern abend, nachdem sie den Sieg der Täufer vernommen hatte, einen Rat einberufen. Am Morgen schon waren ihre Boten in Münster: der Rat der Stadt Warendorf erklärt sich mit Münster im Bündnis.
JOHANN VON RAESFELD (fährt auf): Warendorf? Warendorf im Bündnis mit Münster?
DR. MELCHIOR. Was sagt Ihr da?
JOHANN VON RAESFELD. Offener Aufruhr im Stift Münster, Dr. Melchior!
DR. MELCHIOR. Sollte es möglich sein?
JOHANN VON RAESFELD. Marter und Leiden und Wunden und Kreuz und alle Plagen wünschen wir dem Rate der Stadt Warendorf. Sie werden den Schritt bitter bereuen oder ich bin die längste Zeit am Hofe des Bischofs Franz Kämmerer gewesen. – Führt das münsterische Weib vor, oder besser, erst den Bürger. Frauen am Morgen sind für mich wie Spinnen, sie verderben mir den ganzen Tag.
Der Offizier ab.
JOHANN VON RAESFELD (setzt sich erschöpft): Auf Schlimmes war ich gefaßt, aber es ist noch schlimmer gekommen. Rebellion, Aufruhr, das Lager in Auflösung, Dr. Melchior! Nur ein Wunder kann noch helfen, Doktor Melchior! Die Sache des Bischofs gefällt mir nicht.
DR. MELCHIOR. Dazu drohen die Grafen Oldenburg wieder mit dem Einfall wegen der Grenzstreitigkeit.
JOHANN VON RAESFELD. Feinde als Nachbarn und keine Freunde im Reich. Es ist gerade, als ob die Hölle ihren Unflat im münsterischen Lande abladen wolle.
Der gefangene Bürger wird von Knechten die Steintreppe (Ecke links) hinabgestoßen. Er schreit. Wirft sich auf die Knie.
GEFANGENER BÜRGER. Gnade, Gnade, ihr Herren. Gelobt sei Jesus Christus!
JOHANN VON RAESFELD. Winsle wie ein Hund, du Fratze eines Christen. Beflecke mit deinen Grimassen nicht diesen Raum. Stehe auf, du Spitzbube und Galgenvogel.
DR. MELCHIOR. Wie heißt du? Wer bist du?
GEFANGENER BÜRGER. Ich heiße, ihr hohen Herrn, Martin Zänglein und bin seit dreißig Jahren Schuhmachermeister in Münster. Mein Laden ist gleich neben dem Prinzipalmarkt. Geht hin, hohe Herren, und überzeugt euch, daß ich die Wahrheit spreche. Ich bin als Schuster bekannt im Münsterland und habe für Grafen und Standesherrn gearbeitet.
JOHANN VON RAESFELD. Hast du schon einen spanischen Stiefel gesehen?
GEFANGENER BÜRGER. Holländische und französische Stiefel habe ich gesehen, aber einen spanischen noch nicht, Euer Gnaden.
JOHANN VON RAESFELD. Der spanische Stiefel, mein Sohn, ist aus Eisen. Man steckt deinen Fuß hinein, du Spitzbube, und gießt den Stiefel voll mit geschmolzenem Blei.
GEFANGENER BÜRGER. Au, au, Erbarmen, ihr Herrn!
DR. MELCHIOR. Weshalb hast du Münster nicht im Februar verlassen, als die Täufer alle Bürger, die die Taufe nicht annehmen wollten, aus der Stadt jagten?
GEFANGENER BÜRGER. Meine Frau lag auf den Tod krank, Euer Gnaden, sie hatte die Lungensucht. Ich konnte sie nicht im Stiche lassen. Sie ist im Sommer gestorben.
DR. MELCHIOR. Hast du die Taufe genommen?
GEFANGENER BÜRGER. Oh, hoher und edler Herr, sie hustete so schrecklich, daß man glaubte, sie hustet sich die Lunge aus der Brust.
JOHANN VON RAESFELD. Weshalb verließest du nun die Stadt, Schuster?
GEFANGENER BÜRGER. Ach, gnädigster Herr, ich konnte alle die Greuel nicht mehr mit ansehen. Meine Ersparnisse haben mir die Täufer abgenommen und mein Leder nahmen sie mir, denn sie sagen, was dem einen gehört, das gehört allen. Und ich mußte für ihre Knechte Schuhe nähen ohne jeden Lohn.
JOHANN VON RAESFELD. Er zittert wie ein Hund, der die Räude hat. Höre, Schuster, kannst du uns gute Auskunft geben, so wollen wir dich der Gnade des Bischofs empfehlen und dir das Leben schenken.
GEFANGENER BÜRGER (wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht): Fragt, Euer Gnaden! Fragt getrost, fragt nur!
JOHANN VON RAESFELD. Ist es wahr, daß Johann heute nacht Apostel aussandte? Wieviel und wohin? Kannst du das sagen?
GEFANGENER BÜRGER. Es ist wahr. Man sagte, zwölf Apostel. Wohin sie gingen, das kann ich nicht sagen.
DR. MELCHIOR. Vielleicht ist der Schuster selbst einer der Apostel Johanns?
GEFANGENER BÜRGER. Ich schwöre bei meiner Seligkeit, ich bin kein Apostel.
JOHANN VON RAESFELD (lacht): Dies ist das erste Wort, das ich dir glaube. Wie hießen die Apostel, die Johann aussandte?
GEFANGENER BÜRGER. Ich weiß es nicht. Nur einen kannte ich. Es war der frühere Mönch Roll.
JOHANN VON RAESFELD (wie von einer Nadel gestochen): Roll!?
DR. MELCHIOR. Roll! War die Schlange wieder in Münster?
GEFANGENER BÜRGER. Ich habe ihn deutlich erkannt, Euer Gnaden, ich habe ihm die Sandalen genäht, als er noch die Kutte trug.
JOHANN VON RAESFELD. Man muß sofort Streifen abreiten lassen und Boten senden! – Was weißt du sonst von Münster zu berichten?
GEFANGENER BÜRGER. Oh, ihr hohen Herren, Münster ist zu einem verrufenen Haus geworden. Selbst die Sechzehnjährigen müssen jetzt schon ehelichen. In Haufen dringen die Burschen in die Häuser, so daß es großes Wehgeschrei unter den Mägden und Frauen gibt. Es ist Tag und Nacht Zank unter den Weibern und Johann ließ drei Weiber hinrichten. Münster ist solch ein Sodom geworden, daß alle Sittlichkeit zuschanden wurde.
JOHANN VON RAESFELD. Schwätze nicht, Schuster! Sind die Rationen knapp geworden?
GEFANGENER BÜRGER. Die Kriegsknechte fressen Münster kahl. Das Korn wird knapp, Euer Gnaden. Die Diakone gehen wieder von Haus zu Haus und schnüffeln nach Korn und Nahrung. Es herrscht überall Unzufriedenheit, und wer nur ein Wort sagt, das den Täufern mißfällt, der wird in den Kerker geworfen, wenn sie ihn nicht töten. Die Täufer selbst aber liegen sich in den Haaren.