Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten

Part 2

Chapter 23,666 wordsPublic domain

Ein Haufe von Gesellen (Zimmerleute) bringen Meinhard von Hamm und seinen Fähnrich Graf Wenzel von der Langenstraaten in die Halle. Meinhard ist ein Mann von etwa 50 Jahren, grau, entschlossenes hartes Gesicht, dünnes Schnurrbärtchen, Fliege, kleines Spitzbärtchen. Im Harnisch, ohne Haube. Er ist ohne jede Furcht.

Wenzel, sein Fähnrich, ist ein hübscher, junger, zarter Mann von knapp 19 Jahren. Er ist völlig erschöpft und kreidebleich. Beiden sind die Hände lose mit langen Stricken gefesselt. Mit fröhlichem, nicht bösartigem Lärm treiben die Gesellen sie mit ihren Spießen in die Halle.

DIE GESELLEN. Vorwärts, ihr Herren! Munter! Munter!

ALLE (wenden sich den Gefangenen zu und empfangen sie mit lautem Gelächter; durcheinander): Der Meinhard von Hamm! Wie er leibt und lebt. Der große Meinhard. Der Werwolf von Hamm.

DUSENTSCHUR (geht mit verkrampften Händen auf Meinhard zu): Es gibt Täufer zu köpfen und zu brennen! (Man hält ihn zurück.)

TILBECK. Schön willkommen, Ritter Meinhard, in Münster.

KNIPPERDOLLING. Hat dich der Teufel auf einer Stückkugel auf den Rathausplatz von Münster getragen, Meinhard?

GERT TOM KLOSTER. Hole einen Sessel aus der Ratsstube für den Ritter, Hannes. (Gelächter.)

Meinhard betrachtet die Täufer hochmütig und furchtlos.

MEINHARD. Ihr Hanswürste! Ihr könnt mich alle zusammen –! Das könnt ihr.

Großes Gelächter.

KNIPPERDOLLING. Ein männliches Wort, Meinhard. Es ist uns jetzt nur die Zeit etwas knapp. Wir sind gesonnen, ein kurzes Gespräch mit dir zu führen, Meinhard. Du kennst mich doch wohl noch? Oder bist du zu stolz geworden, seit dich der Bischof zum Feldobersten gemacht hat?

MEINHARD. Ich bin ja oft genug im Jahr nach Münster geritten. Damals warst du noch nicht „Königlicher Statthalter“, Knipperdolling. Damals hast du noch Barchent und Tuch und Leinwand verkauft und dein Laden war am Prinzipalmarkt.

KNIPPERDOLLING. Er ist heute noch da, Meinhard. Nur gibt es nichts mehr zu kaufen dort. Es wird bei uns nicht mehr gefeilscht und gehandelt um Geld und gewuchert. Du weißt ja, daß wir alles gemein haben in der Stadt Münster. Das Tuch und Linnen habe ich an die Brüderschaft gegeben, und wir haben Hosen, Wämser und Hemden daraus geschnitten.

MEINHARD. Ihr habt ja einen solch gewaltigen Schneider in der Stadt!

DUSENTSCHUR. Schlag ihn auf sein großes Maul, Knipperdolling!

GERT TOM KLOSTER. Schmäh’ das Handwerk nicht! War nicht Christus ein Zimmermann?

MEINHARD (hat Dusentschur voll Erstaunen gemustert): Ist es möglich? Nun erst erkenne ich das Männchen da wieder. Der Goldschmied Dusentschur aus Warendorf. War ein stiller Mann, der den Tag über nicht zwei Worte sprach und immer fleißig in der Werkstatt saß. Die Werkstatt war voller Käfige mit kleinen Singvögeln. Noch vor einem Jahr hast du mir für meinen Schwager eine goldene Kette geschmiedet.

DUSENTSCHUR. Die Kette, die ich dir heute schmiede, wird nicht aus Gold sein!

MEINHARD. Und der Graue da? Ist mir der Pulverdampf in die Augen getreten? Tilbeck, früher Bürgermeister –

TILBECK. Recht gesehen, Meinhard.

MEINHARD. Und da, der Prediger Bernhard Rottmann, der „Stuttenbernt“?

ROTTMANN (etwas hochmütig): Wir haben uns zuletzt bei der Versammlung in Telgte gesehen, Meinhard. Damals, erinnerst du dich, (mit Betonung) als der Bischof allen Bürgern von Münster freies religiöses Bekenntnis verbriefte.

MEINHARD. Wer sollte Bernhard Rottmann nicht kennen? Den gewaltigen Prediger vor dem Herrn. Erst war er Mönch, ihr Herren, bei den Dominikanern, dann wurde er ein großer Freund Luthers und ging nach Wittenberg. Ich habe dich noch predigen gehört, Rottmann, hier zu Münster, da hast du gepredigt gegen die Täufer und Propheten, daß dir das Maul schäumte!

ROTTMANN. Daß dich die Lüge nicht gereut, Meinhard!

MEINHARD. So etwas hört man nicht gerne. Damals ging es noch um Hals und Kragen. Es gab noch eine Obrigkeit in Münster, Rat und bischöfliche Kommissare. Und heute sehe ich dich selbst unter den Täufern und Propheten. Bernhard Rottmann ist selber ein Prophet geworden! (Er lacht auf.) Vielleicht wirst du noch einmal Muselmann werden, wenn es noch eine Weile dauert.

ROTTMANN (bleich und zornig): Schweige! Die Schlange spricht aus deinem Hals!

KNIPPERDOLLING (lacht): Sachte, Bruder Rottmann. Er kann es nicht lassen, das große Maul. Von jeher war es bekannt, daß Meinhard von Hamm das größte Maul im ganzen Münsterlande hat. Auch jetzt spuckst du noch große Bogen, ganz als ob du dreihundert bewaffnete Knechte bei dir hättest. (In anderem Ton.) Meinhard, wenn die Sterne am Himmel aufgehen, wird dein eitles, törichtes Herz nicht mehr schlagen, das sagt dir Knipperdolling. (Er setzt sich.)

MEINHARD (ist eine Sekunde erbleicht, faßt sich aber sofort wieder): Es ist noch keiner aus Münster lebendig herausgekommen, das weiß ich wohl.

KNIPPERDOLLING. Du hast die Brüderschaft verfolgt und gehetzt wie der Hund die Hasen, du weißt es!

Empörtes Geschrei der Täufer. Knipperdolling wehrt ab.

MEINHARD. Ich werde nicht flennen, wenn ihr mir den Kopf abschlagt. Tu mit mir, Knipperdolling, was du willst. Tu mit mir, was ich tun werde, wenn du einmal in meine Hände fallen solltest! (Sein Auge glüht.)

KNIPPERDOLLING (voller Achtung, verbeugt sich): Das ist ein Wort, Meinhard!

MEINHARD. Du hast ja eine große Fertigkeit im Köpfen bekommen, hört man im Münsterland sagen, Knipperdolling. Eins aber will ich dir sagen, Knipperdolling, Statthalter und Kanzler des Königs Johann, eines sage ich dir: Der Bischof hat Käfige schmieden lassen aus dicken Eisenstangen. Ich habe sie gesehen, sie stehen bereit im bischöflichen Feldlager. In diese Käfige – das hat der Bischof geschworen – wird er dich sperren, Knipperdolling, Johann und seinen Anhang – und er wird euch wie wilde Tiere durch das münsterische Land führen, durch Köln, Holland, Friesland, Brandenburg.

Gelächter.

TILBECK. Der Bischof soll sich in acht nehmen, daß wir ihn nicht im Käfig auf die Wälle stellen – wie ein gefangenes Eichhörnchen – damit die Knechte im Lager etwas zu lachen haben! (Lachen.)

GERT TOM KLOSTER. Wir werden ihm eine Mütze auf den Kopf setzen, daß man das Gesicht nicht mit seinem Hintern verwechselt.

MEINHARD. Wüßtet ihr alles, ihr Herren, was ich weiß, so würde euch vielleicht der Spott vergehen.

KNIPPERDOLLING (wechselt Blicke mit den andern): Nun, so rede nur, Meinhard, wir hören. Wir lernen gerne etwas dazu, sind nicht so hoffärtig. Hannes, gib dem Ritter einen Trunk!

MEINHARD (trinkt): Auf den Sieg des Bischofs, ihr Herren!

Geschrei: Schelm, schamloses Maul.

MEINHARD. Soll ich etwa auf den Sieg Johanns trinken? Das verlangt ihr wohl nicht.

KNIPPERDOLLING. Verschwätze deine Zeit nicht, Meinhard. Die Sterne werden bald aufgehen.

MEINHARD. Ein Wort noch in Freundschaft, Knipperdolling. Zum Dank für den Trunk will ich dir eins geloben: wenn du einmal in meine Hände fällst, so sollst du einen vollen Humpen haben, bevor ich dich an den Galgen knüpfe. (Knipperdolling lacht laut auf.) Den Angriff heute habt ihr abgeschlagen. Den nächsten Sturm aber werdet ihr nicht mehr bestehen.

KNIPPERDOLLING. Du wirst es ja nicht mehr miterleben.

MEINHARD. Der Bischof hat Sendboten an die evangelischen Fürsten gesandt, und sie haben ihm ihre Hilfe zugesagt. (Bewegung.)

TILBECK. Wem willst du das weismachen?

ROTTMANN. Der Bischof wird sich nie und nimmer an die evangelischen Fürsten wenden! Es war von jeher das Bestreben des Bischofs, Münster wieder zu einer katholischen Stadt zu machen.

MEINHARD. Glaubt oder glaubt nicht, was ich sage. Es steht bei euch. Vom Herzog von Geldern sind zwölf Feldschlangen und sieben Feuermörser unterwegs, dazu achthundert Knechte. Sie stehen schon bei Wesel. (Lachen.)

GERT TOM KLOSTER. Und acht Wagen mit Pulver vom Erzbischof in Köln. Aber bei Lüdinghausen haben die Unserigen sie euch abgenommen und heute habt ihr schon das kölnische Pulver gerochen.

TILBECK. Willst du den Robert von der Eichen begrüßen, Meinhard? Gestern kam er mit fünfzig Knechten aus dem Lager in die Stadt und bat um Quartier.

MEINHARD. Ich will das Galgengesicht nicht sehen. Glaubt mir, ihr Herren, nicht alles Pulver werdet ihr abfangen, und wir haben Pulver für ein ganzes Jahr im Lager. Ihr aber habt mühselig ein paar Tonnen in Mainz und Paderborn gekauft und heimlich hereingebracht. Ihr habt Salpeter aus Ställen und Mistgruben gewonnen. Darum, Knipperdolling, gib die Sache auf, bevor die evangelischen Fürsten mit dem Bischof gemeinsame Sache machen.

KNIPPERDOLLING (lacht laut und belustigt).

MEINHARD. Es ist wahr, ihr Herren, ich gebe es gerne zu, der Bischof sieht die Evangelischen nicht gerne im Lager. Die Belagerung hat die Kassen des Bischofs geleert und der Fehlschlag heute wird ihn schwer bedrücken. Es wäre ja immerhin möglich, daß er das Verlangen hätte, dem Handel ein Ende zu machen und sich bestimmen ließe, sich mit euch zu vergleichen. Vielleicht vermöchte ich es, den Bischof dazu zu bewegen? Schicke mich ins Lager, Knipperdolling, ich will es versuchen.

KNIPPERDOLLING. Ja, jetzt habe ich gehört und verstanden. (Lacht laut heraus.)

ALLE (unter Gelächter): Luchs! Fuchs! Dachs! Wolf! Werwolf!

MEINHARD. Ich bürge mit meinem Wort als Edelmann: Wenn die Sonne aufgeht, bin ich wieder in Münster.

Gelächter.

TILBECK. Das Wort eines Edelmannes ist heute keinen Hühnerdreck mehr wert im deutschen Land.

GERT TOM KLOSTER. Denke an Zabern und die achttausend erschlagenen Bauern.

KNIPPERDOLLING. Prächtig hast du deine Rolle durchgespielt, Meinhard. Ei, ei, was für ein Fuchs bist du doch. Aber deine Ohren sehen meilenweit durch den Busch. Du solltest uns nicht für einfältig halten.

MEINHARD (sieht, daß er ausgespielt hat): Ich sehe schon, Knipperdolling, der Satan hat dich geblendet, daß du blind in dein Verderben rennst. Euch alle, ihr Herren –

KNIPPERDOLLING (erhebt sich entschlossen und zornrot): Sieh zu, Dusentschur, ob nicht schon ein Stern am Himmel steht.

MEINHARD. Eins will ich euch noch sagen: Der Bischof hat geschworen, die ganze Christenheit aufzubieten, wenn es sein muß, um euch zu vernichten, ihr Tempelschänder und Weiberknechte ...

Geschrei: Schamloser! Freches Maul! Unverschämter! Schlagt ihn nieder! Sie stürzen sich ihm entgegen. Plötzlich aber lassen sie ab.

KÖNIG JOHANN (erscheint, gefolgt von seinen Trabanten. Ein Page trägt sein Schwert.)

Johann trägt eine Art Kutte aus Sackleinwand. Arme und Füße sind zum großen Teil nackt, ebenso der Hals und ein Teil der Brust. Er sieht aus wie ein Zimmergeselle. Dünnes Kinn- und Lippenbärtchen. Sein Gesicht ist schlicht, aber ungewöhnlich klar in den Linien, fast edel. Seine Augen glänzen, auch auf seinem Gesicht liegt in besonderen Augenblicken Glanz. Er lächelt selten, dann eigentümlich, zuweilen gespenstisch. Seine ganze Haltung ist voller Würde und großer Schlichtheit. Seine Stimme ist metallen, zuweilen aber auffallend sanft und singend. Er erweckt manchmal den Eindruck eines Schlafwandlers. Er ist 25 Jahre alt.

Johann betritt die Halle. Hinter ihm Roll. Volk sammelt sich an.

JOHANN. Friede sei mit euch! (Er verneigt sich.)

ALLE. Friede sei mir dir, Johann! (Sie verbeugen sich tief. Das Zeremoniell der Täufer ist so, wie wenn Bauern höfisches Zeremoniell nachahmten, würdig und schlicht.)

JOHANN (betrachtet den martialisch aussehenden Gefangenen. Mit einem Lächeln zu den Genossen): Heute nacht träumte ich, ein Wolf kam in meine Stube. Ich wollte auf ihn losgehen, um ihn zu erwürgen, da erschien eine weiße Taube und setzte sich auf meine Hand. – Hier ist er ja, der Wolf. (Er geht zu Meinhard und betrachtet ihn wieder. Meinhard ist betreten und verwirrt.) Gott möge dir gnädig sein, du Ärmster der Armen! Mit diesem Antlitz wirst du nie die Schwelle des Paradieses überschreiten!

MEINHARD (weicht zurück).

JOHANN (betrachtet Wenzel): Führt den Knaben da zu den Frauen. Er soll Schüsseln fegen und Teller waschen. (Wenzel wird abgeführt, wieder betrachtet er Meinhard.)

MEINHARD (hat seine Fassung wiedergefunden. Herausfordernd): Bist du Johann Bokelson!

JOHANN. Dies ist mein Name.

MEINHARD. Der Schneidergeselle aus Leyden?

JOHANN. Das Schneiderhandwerk ist mein Gewerbe.

MEINHARD. Also bist du es. Man sagt, du seist der Sohn einer Hure. (Bewegung.)

JOHANN (betrachtet Meinhard voller Verachtung). Gott vergebe meiner armen Mutter ihre Sünden. Sie war nur ein schwaches Weib.

MEINHARD. So also sieht er aus, der Verführer des Münsterlandes – der Antichrist! Ein Schneider König der Christenheit! (Lacht laut auf.)

DUSENTSCHUR. Tod dir! Ich habe ihn gesalbt zum König über Zion auf Befehl des allmächtigen Gottes!

JOHANN (besänftigt Dusentschur durch eine Bewegung): Löst ihm die Fesseln! (Es geschieht.)

MURREN. STIMMEN: Johann! Was tust du?

KNIPPERDOLLING. Laß ihn fester binden, Johann! Laß ihn zusammenschnüren, daß ihm die Adern platzen.

JOHANN (erstickt das Murren mit einem Blick. Plötzlich, ganz unvermittelt, verwandelt sich Johann. Er tritt zurück und mißt den Gefangenen mit flammenden Blicken.) Kennst du die letzte Verordnung des Bischofs über die Täufer?

MEINHARD. Wer sollte alle bischöflichen Verordnungen kennen? Seine Räte haben nichts anderes zu tun, als mit den Federn zu kratzen.

TILBECK. Man soll sie greifen wie Vögel in der Luft, soll sie mit Hunden jagen wie die Hasen ...

ROTTMANN. Wenn ein Täufer widerruft, so soll man ihn köpfen. Widerruft er nicht, so soll man ihn verbrennen!

JOHANN (mit flammenden Augen): Was der Bischof Franz kann, das kann Johann auch. Widerrufe und ich köpfe dich. Widerrufe nicht, und ich will dich verbrennen. (Lachen.)

MEINHARD. Habe ich die Kirchen geplündert, Johann?

JOHANN. Ich kann dir die Zunge ausschneiden, so wie es der Bischof getan hat an meinen Boten, die in seine Hände fielen und nicht sprechen wollten.

MEINHARD. Habe ich die heiligen Sakramente der Taufe und Ehe geschändet? Was redest du da? Habe ich die heidnische Vielweiberei eingeführt? Habe ich mich aufgelehnt gegen Obrigkeit und Gesetz?

JOHANN. Hoffärtiger! Ich kann deinen Kopf auf eine Stange stecken auf dem Wall, daß man ihn weithin sieht. So wie es der Bischof getan hat in der verflossenen Woche an meinem Bruder Dietrich Dettner, den seine Wachen anhielten.

MEINHARD. Habe ich die göttliche Ordnung von Herrn und Knecht umgeworfen und den Knecht dem Herrn gleichgesetzt? Habe ich Arm und Reich gleichgemacht? Auch dein Kopf, Johann, wird bald auf einer Stange getragen werden! Dein Ende wird noch viel schrecklicher sein, Johann, das prophezeie ich dir!

JOHANN. Es wird geschehen, wie Gott es beschlossen hat. – Ich kann auch ein Gespenst aus dir machen, Hochmütiger. Wo ist Bruder Hänslein? – Tritt vor, Bruder Hänslein.

HÄNSLEIN (tritt langsam, voller Furcht, in die Halle. Er ist ein menschliches Gespenst, irrsinnig, die Augenränder zerfressen. Er trägt nur ein schmutziges Hemd und ist zu einem Skelett abgemagert. Sein Anblick ist so entsetzlich, daß Meinhard einen Schritt zurückweicht.)

JOHANN. Sieh ihn dir an, Meinhard. Der Bischof hat ihn zwei Jahre im Turm gehalten zu Iburg. Als er noch ein Mensch war, hieß er Hänslein von Langenmantel und war zuletzt Rektor der gelehrten Schule zu Schmalkalden. (Zu Hänslein.) Habe keine Angst, Hänslein. Niemand wird dir hier etwas zuleide tun. (Streichelt ihn.) Sage dem Herrn dein Sprüchlein auf, Hänslein.

HÄNSLEIN (mit einem irren Lächeln, im Singsang, mit bebender dünner Stimme):

Lag also in dem tiefen Turm, Der war voll Ungeziefer und Wurm. Der Würmer und Ungeziefer Hauf, Die taten mir meinen Trinknapf auf. Solchen Gestank ich auch annahm Von der Fäulnis, die ich bekam, Daß niemand konnt’ bei mir bleiben stehn. Meine Augen, die konnten nimmer sehn

Er wird verwirrt und stottert:

Den Tag und nicht der Fackel Schein – Ehre sei Gott in der Höhe!

JOHANN. Sei bedankt, Hänslein. Hast dein Sprüchlein gut aufgesagt. (Er streichelt ihn, Hänslein ab.)

Pause.

JOHANN. Du kannst nun wählen, Meinhard.

MEINHARD. Mache jetzt ein Ende, Johann! Haue mich in Stücke, wenn du willst. Hänge mich zwischen zwei Hunden auf. Aber mach’ ein Ende.

JOHANN (bleich, in großer Erregung): Wo sind unsere Brüder hingekommen? Die Erde hat das Blut der Täufer in Scheffeln getrunken, die Flüsse wurden rot von ihrem Blut. Unsere Brüder Denk und Hirt und Blaurock?

TILBECK. Erschlagen und ertränkt in Basel und Konstanz.

JOHANN. Und Münzer, den Gott erleuchtete?

ROTTMANN. Hingerichtet in Frankenhausen!

JOHANN. Und unsere Brüder Wagner, Bader, Hubmeyer, Groß, Sattler, Rink, Hoffmann, die Gott zu seinen Propheten erwählt hatte?

DUSENTSCHUR. In Stücke gehauen, verbrannt zu Augsburg, Salzburg, Klausen, Straßburg!

JOHANN. Der schwäbische Bund jagt sie wie Wild. In der Pfalz hat Ludwig durch seinen Schergen Dietrich von Schönberg wohl vierhundert schinden lassen. In Bayern läßt der Kurfürst sie in Scharen erschlagen. In Tirol haben ihrer tausend den Flammentod erlitten.

ALLE. Wehe! Wehe! Himmlischer! Räche! Räche! Rott aus! Rott aus! Vernichte! (Sie wollen sich auf Meinhard stürzen, Johann hält sie zurück.)

JOHANN. Die Hölle hat sich aufgetan gegen die Brüderschaft und will sie verschlingen. – Und weißt du, weshalb, Junker? Hoffärtiger? Ich will es dir sagen! – Weil wir das Evangelium erfüllen mit der _Tat_ und _Handlung_ und nicht mit dem Wort und der Lippe. Wie Papst, Luther und Fürsten, evangelische und katholische es tun. – Höre aber, Junker Meinhard! Gott läßt durch meinen Mund verkünden: Es ist genug! (Stille.) Es ist genug und Gott will Frieden stiften auf Erden. – Hatte der Junker ein Schwert? Gebt es ihm zurück!

EINIGE. Johann!

KNIPPERDOLLING. Das kann ich nicht billigen, Johann.

JOHANN (sieht ihn verwundert an).

DUSENTSCHUR. Knipperdolling, ein Stern, ein Stern über Münster!

KNIPPERDOLLING. Ich habe geschworen, daß der Junker sterben muß, wenn die Sterne aufsteigen.

JOHANN. So sei vorsichtiger mit deinen Eiden und warte, bis ich befehle, Bruder Knipperdolling.

KNIPPERDOLLING. Wenn du ihn gehen läßt, Johann, so wird er wiederkommen, so wahr ich lebe!

JOHANN. Laß Legionen wiederkommen – ich fürchte sie nicht! Mit der Hand fege ich sie über die Wälle.

ALLE (begeistert): Johann, Johann!

JOHANN. Gehe, Meinhard. Gehe zum Bischof. Sage ihm: Nicht Johann von Leyden führt das Schwert in Münster, sondern Gott der Allmächtige selbst. Gott hat dem Bischof heute ein Zeichen gegeben, er möge wohl darauf achten! Sage dem Bischof: Christus ist abermals auferstanden, um sein reines Wort über die Erde zu verbreiten. Die Menschen sollen nicht länger Wölfe sein, die sich zerfleischen. Die Hölle ist auf die Erde gekommen und die Blutbrunst der Menschen ist heute furchtbarer als die der wilden Tiere.

ALLE. Wahr, wahr. Johann! Oh wahr! Wehe! Wehe!

JOHANN. Aber Gottes Langmut hat ein Ende gefunden! – – Sage dem Bischof, ich lasse ihm melden: Der Morgenwind hat sich erhoben! Bald wird der Sturmwind blasen! Wehe, wehe, den Schläfern! Nicht Purpur, nicht Kronen werden gezählt werden. Wie Daniel sagt, Gott ist mehr an seinem Volke als an den Tyrannen gelegen. Die falschen Priester, die Gott mit der Lippe und schönen Worten dienen, sie werden dahinfahren. Die Könige werden ihre Kronen hinwerfen und die Bischöfe ihre Hüte. Aber es wird zu spät sein! Sage ihm – ich, Johann von Leyden – ich bin der Bote, der ausgesandt ist, dem Herrn den Weg zu bereiten.

ALLE. Johann! Johann!

JOHANN. Sage ihm das, Meinhard. So hat Gott es befohlen. Und kein Heer, kein Geschütz wird mich aufhalten auf meiner Bahn. Ich werde ein Feuer anzünden auf dieser Erde, das nicht mehr erlöschen wird. Siehe, schon erhebt sich der Sohn Gottes von seinem Thron, um abermals niederzusteigen auf diese Erde. Morgen wird er in seinem Glanze über die Erde fahren und das tausendjährige Reich seiner Herrschaft errichten – so wie er es verkündete.

ALLE (begeistert): Johann! Johann!

Stille.

JOHANN. Gehe jetzt. Ihr Gesellen bürgt mir für sein Leben! Gert geleite ihn zum Tore.

KNIPPERDOLLING (aufgebracht): Johann, du wirst es bereuen.

JOHANN. Gott allein befiehlt, Knipperdolling.

MEINHARD (lacht): So habe ich mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen Augen gesehen, Johann – daß du wahr und wahrhaftig vom Satan besessen bist! – (Drohend.) Wir sehen uns wieder, ihr Herren! (Ab.)

KNIPPERDOLLING. Hörst du, Johann, hörst du? (Er verläßt entrüstet die Halle.)

JOHANN (zu allen gewandt): Liebe Brüder und Schwestern! Haben wir nicht einen starken Gott? Der hat uns geholfen! Seien wir fröhlich und guter Dinge!

ALLE. Hosiannah! Hosiannah!

DUSENTSCHUR (in Verzückung): Heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Länder sind seiner Ehre voll.

DIE FRAUEN (im Hintergrund singen freudig und berauscht, während der Vorhang fällt. Die Worte sind kaum verständlich. Wie ein Wehen ist der Gesang.)

Singet dem Herren mit Schalle Ihr Völker und alle Land ...

Zweiter Akt

Im Hause König Johanns. Abend.

Großes gotisches Gemach. Eine Treppe führt in der Mitte zu einem erhöht liegenden Raume empor. Einige niedrige breite Polsterbänke zu den beiden Seiten der Treppe und an den Wänden, eine Ampel und ein paar Kerzen geben dem Raum einen alttestamentarischen, feierlichen Anstrich. Links und rechts Türen. Das Gemach ist ziemlich düster. Der erhöhte, in den Hintergrund führende Raum matt erleuchtet.

DIVARA (bedient Wenzel von der Langenstraaten, der auf einer der breiten, niedrigen Polsterbänke, rechts von der Treppe, sitzt. Er ist in bequemer Kleidung und sieht gesund, frisch und blühend aus. Sie badet ihm in einer Zinnschüssel Hände und Füße. Mägde reichen Zinnkannen und Linnen, Essenzen usw. Zuweilen geht eine Magd durch das Zimmer, ein Bote die Treppe hinauf usw. Man sieht, daß Johanns Hofhaltung umfangreich und geregelt ist. Divara ist sorgfältig, kostbar aber schlicht gekleidet.)

DIVARA. Fühlst du dich jetzt wohler?

WENZEL. Ich fühle mich wie neugeboren und danke Euch von ganzem Herzen.

DIVARA. Du warst sehr erschöpft vom Kampfe und fast ohnmächtig.

WENZEL. Als ich den Wall bestieg, warfen sich die Zimmergesellen wie Wölfe über mich und schlugen mich und den Feldobersten nieder. Ich war mehr tot als lebendig. So rasch geschah es.

DIVARA. Du bist wohl noch wenig erfahren in den Waffen. (Lächelnd.) Wie alt bist du?

WENZEL. Neunzehn Jahre.

DIVARA. Dann bist du gewiß noch nicht lange im bischöflichen Lager? Wie ist dein Name?

WENZEL. Ich heiße Wenzel Graf von der Langenstraaten und bin ein Vetter des bischöflichen Feldobersten Meinhard. Im Lager bin ich seit Pfingsten.

DIVARA. So müßte ich dich eigentlich gnädiger Herr oder Erlaucht nennen, Wenzel. Aber in der heiligen Stadt Zion gibt es nur Brüder und Schwestern. Das hochmütige Herz der Menschen kann Titel und Erhöhungen nicht ertragen. Gnädig ist nur Gott und erlaucht sind allein seine Propheten. – Gib das Linnen, Barbara. (Sie trocknet ihm die Füße damit.)

WENZEL (erstaunt und fast belustigt, während er errötet): Was tut Ihr?

DIVARA. Man hat dir wohl von den Gebräuchen der Altväter erzählt, von Abraham, Jakob? Dann weißt du auch, daß ihre Frauen den Gästen die Füße badeten, wenn sie in ihr Haus traten. Wir eifern ihnen nach. Die Propheten lehren, daß das eitle Herz der Frauen sich täglich und stündlich demütigen muß, um nicht hoffärtig zu werden. Hoffart aber ist die größte Sünde, die Gott nur schwer verzeiht. So sind die Frauen von Münster auch gehalten, alle niedrigen Dienste, die das Leben erfordert, abwechselnd zu verrichten, zur Übung der Demut. Wir dienen einer dem andern.

WENZEL (belustigt): Verzeiht mir, ist die Frage erlaubt: behandelt ihr alle Gefangenen mit gleicher Milde?

DIVARA. Wir sind heftig im Kampfe, ihr da draußen habt der Brüderschaft zuviel Leids zugefügt. Fällt aber ein Feind in unsere Hand, so behandeln wir ihn wie einen Bruder. Er mag bei uns leben und in die Brüderschaft eintreten.

WENZEL. Wenn er sich aber weigert?

DIVARA. Nun, so muß er sterben. Dies ist das Gesetz.