Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten
Part 1
Die Wiedertäufer von Münster
Drama in 5 Akten von Bernhard Kellermann
1925 S. Fischer · Verlag · Berlin
Erste bis dritte Auflage Alle Rechte vorbehalten Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript Aufführungsrechte sind nur durch S. Fischer, Verlag, AG., Berlin, zu erwerben Copyright 1925 by S. Fischer, Verlag, AG., Berlin
Personen des Dramas
Johann von Leyden, „König der neuen Christenheit“ Knipperdolling, sein Statthalter Rottmann } Tilbeck } Redecker } Räte, Hauptleute, Gert tom Kloster } Prediger Bernhard Krechting } und Propheten Roll } am Hofe Johanns Clopris } Dusentschur } Divara, Johanns Gemahlin Hille Feiken, eine Bäuerin Wenzel von der Langenstraaten, Divaras Kammerherr Hänslein, ein Irrer Bischof Franz von Iburg und Münster Johann von Raesfeld, bischöflicher Kämmerer Dr. Melchior, bischöflicher Geheimschreiber Graf Seedorf, Gesandter des Kurfürsten von Sachsen Meinhard von Hamm, bischöflicher Feldoberst Ein bischöflicher Offizier Der große Mönch Ein gefangener Bürger Johann Krechting, ein Bürger
Ein Schenk. Ein Schmied. Offiziere, Landsknechte, Boten, Gesellen. Mägde, Mädchen, Kinder, Volk.
Erster Akt
Münster. Rathausplatz. Gegen Abend.
Offene Vorhalle des Rathauses in gotischem Stil. Dahinter ein Platz, der in der Mitte von den Stufen und dem Portal einer Kirche abgeschlossen wird. Die Halle ist nach allen Seiten offen, nur links stößt sie an die Mauer des Rathauses. Eine schmale Tür führt in den Rathauskeller. Davor ein runder Tisch mit ein paar plumpen Bänken.
Während der Vorhang steigt, hört man das ferne Tuten von Kriegshörnern, wirren Lärm und Geschrei.
Zwei Gesellen mit Spießen kommen von rechts und pochen heftig mit den Schäften der Spieße gegen die Tür. Schweißtriefend, atemlos, freudig.
ERSTER GESELLE. Auf! Heraus! Schenk!
ZWEITER GESELLE. Mach auf, Hannes!
DER RATSCHENK (erscheint im Tor, ein kahlköpfiger, schon etwas kindischer Greis).
ERSTER GESELLE. Der Statthalter befiehlt –
ZWEITER GESELLE. Knipperdolling schickt uns –
ERSTER GESELLE. Das große Faß Würzburger Stein sollst du anschlagen.
ZWEITER GESELLE. Jeder Bürger und Knecht soll einen tüchtigen Trunk vorfinden, wenn er von den Wällen kommt. So befiehlt Knipperdolling.
DER SCHENK. Ihr Gesellen –? Ist es schon soweit? (Mit kindischer Freude.) Sind die Bischöflichen ins Laufen gekommen?
ERSTER GESELLE. Wie eine Herde Säue, in die der Blitz schlägt.
ZWEITER GESELLE. Bis hinaus zu den Blockhäusern ist nichts als ein einziges Laufen. Mein Leben lang habe ich ein solch wüstes Laufen nicht gesehen!
DER SCHENK (bricht in ein kindisches Lachen aus, während er die Arme emporstreckt): Großer Gott über den Sternen!
ERSTER GESELLE (im Abgehen): Nun führen sie noch einen Haufen hessischer Knechte gegen das Martinitor heran.
DER SCHENK. Es geht ein Gerücht, ihr Gesellen, König Johann sei verwundet?
ZWEITER GESELLE (abgehend, lacht): Weißt du denn nicht, du Narr, daß keine irdische Waffe Johann auch nur die Haut ritzen kann?
Beide Gesellen schnell ab.
DER SCHENK (lacht kindisch und verschwindet in der Türe).
Bewaffnete, darunter Halbwüchsige und Knaben, eilten während der vorigen Szene über den Platz. Wehender, undeutlicher Gesang von Frauenstimmen war hörbar.
DIVARA – (schön, mit pechschwarzen, glatten Haaren – betritt nun stürmischen Schritts, zuweilen rückwärts gehend, die Halle. In Raserei und Verzücktheit. Zuweilen tanzend. Ihr Kleid ist an den Schultern zerrissen. Schreiend, ein Beil in der Hand): Packt zu! In die Speichen! Frauen von Münster! Werft euch in die Räder!
Eine Rotte von Weibern, aufgelöst, halbnackt, schweißtriefend, aber fröhlich, lachend und singend, zerrt an Seilen eine Feldschlange auf plumpen Holzrädern über den Platz. Einzelne werfen sich in die Speichen. Es folgen Weiber mit Spießen, Äxten, Bündeln von Pechkränzen und Fackeln.
DIE WEIBER. Divara! Divara!
DIVARA. Wir wollen dem Bischof Franz den Abend segnen! Vorwärts, rascher! Weiber Zions! Seht, es läuft von selbst, das Geschütz, es springt, es tanzt. (Sie zerrt selbst an einem Seil.)
DIE WEIBER (singen. Die Worte sind kaum vernehmbar, wie ein Singsang): Ein Liedlein will ich singen, o Herr zu deinem Preis ...
Während die Weiber das Geschütz vorüberrollen, erscheinen von rechts zwei Träger mit einer Bahre, auf der ein Verwundeter liegt, Jakob der Schmied. Er hält noch jetzt einen mächtigen Schmiedehammer in der Hand. Wie ein Schmied gekleidet. Sie wollen ihn durch die Halle tragen.
DER SCHMIED. Halt! Ich bin am Ziel! (Sie stellen ab. Der Hammer entfällt seiner Hand. Er richtet sich auf.)
ERSTER TRÄGER (schreit dem Sterbenden ins Ohr): Tüchtig hast du mit dem Hammer in sie geschlagen, Jakob!
ZWEITER TRÄGER (schreit ins andere Ohr): Hast du noch etwas zu bestellen, Jakob? Bei den Kindern?
DER SCHMIED. Habe nichts mehr zu bestellen auf dieser Erden. (Der Schenk bringt einen Trunk. Der Sterbende wehrt ab. Seine Augen sind visionär in die Weite gerichtet.) War all mein Leben lang nichts als ein einfacher Hufschmied, o Herr! Nimm mich an in Gnaden, du – du mein Gott! – Ah! Ich sehe dich! Dein Glanz verbrennt mich wie Wollust! Hosiannah! (Er stirbt.)
ERSTER TRÄGER. Heimgegangen ist der Schmiede-Jakob!
ZWEITER TRÄGER. Selig bist du, Bruder. Gebe Gott, daß ich dir bald folge in die Herrlichkeit!
Beide rasch ab.
(Eine Gruppe von Männern tritt rasch in die Halle. Laut, lachend, erregt, etwas prahlerisch, mit Spuren eines harten Kampfes. Sie tragen Teile von Harnischen und Waffen der verschiedensten Art, einige sind verwundet. Sie werfen zum Teil die Waffen ab. Händeschütteln, Umarmungen, Küsse. Durcheinander): Brüder, Brüder! Münster! Es lebe Münster!
* * * * *
ROTTMANN, (groß, ernst, würdevoll, früher Prediger in Münster. Redner und Sachverwalter am Hofe Johanns.)
TILBECK, (früher Bürgermeister, klein, grau, Falkenkopf, Hofmeister Johanns).
REDECKER, (Handwerker, Hauptmann).
GERT TOM KLOSTER, (Handwerker, Hauptmann).
BERNHARD KRECHTING, (früher Pfarrer, Prediger Johanns).
DUSENTSCHUR, (Prophet, fast nackt, Hose, zerfetztes Hemd, rote wirre Haare, barfüßig. Er hinkt etwas.)
* * * * *
DUSENTSCHUR (mit schriller Stimme, hin und her eilend): Den schwarzen Tod in den Rachen des Bischofs! Tod und Schweiß in den Rachen der Ungläubigen!
KRECHTING. Bischof Franz wird heute nacht böse Träume haben, Bruder Dusentschur. Die wilde Hölle wird ihn jagen, so wahr ich Bernhard Krechting heiße und früher Prediger im Gildehaus war.
DUSENTSCHUR (fanatisch): So soll es in Zukunft allen ergehen, die sich vermessen, die Hand zu legen an die Mauern der heiligen Stadt Münster, die Gott auserwählt hat! Gottes Atem soll sie zu Asche verbrennen!
ROTTMANN (erschüttert): Lobsinget dem Herrn! Preiset den Allgütigen! (Mit einem Blick zum Himmel, betend.) Vater im Himmel! (Er bedeckt das Gesicht erschüttert mit den Händen.)
GERT TOM KLOSTER (lachend): Bruder Dusentschur hat sie mit der Hand abgewürgt wie Katzen.
REDECKER. Er war wie ein Würgengel Gottes in ihren Reihen.
GERT TOM KLOSTER. Der Herr sei mir gnädig, ich möchte Dusentschur nicht vor den Wällen von Münster in Feindschaft begegnen.
DUSENTSCHUR (feierlich, gläubig): Ich brauche keine Waffe! Der Herr ist meine Waffe!
KRECHTING. Ich habe Dusentschur bei den Vorwerken gesehen. In einem Haufen von bischöflichen Reitern. Dusentschur, beim Himmel, durch welches Wunder bist du wiedergekommen?
DUSENTSCHUR (mit funkelnden Augen): So wahr ich Dusentschur bin, Goldschmied aus Warendorf – und habe viele Ketten geschmiedet – so will ich eine Kette schmieden und den Bischof Franz will ich binden und vor den Stufen von Gottes Thron will ich den Satan niederlegen!
TILBECK (schreit vor Freude, streckt die Arme zum Himmel): Geschlagen, geschlagen hat sie der Herr mit Roß und Wagen!
ROTTMANN. Du hast sie mit der Sense gemäht, Gert. Bist verwundet? Laß dich verbinden.
GERT TOM KLOSTER. Ich habe sie gemäht wie das hohe Schilf, Bruder Rottmann. So, wie das Schilf. (Er stellt die Sense in die Ecke.) Laß das Blut nur fließen, es fließt zur Ehre Gottes.
DER SCHENK (bietet Wein an): Werte Herren und Freunde!
GERT TOM KLOSTER. Gib Dusentschur einen Trunk. Schenk.
DUSENTSCHUR (sofort erregt): Sauft wie die Schweine! Schwemmt euch den Bauch voll. Ihr könnt noch immer nicht von den heidnischen Gebräuchen lassen. Eher will ich verrecken wie ein räudiger Hund –
GERT TOM KLOSTER (lacht): Hast du je gesehen, Bruder Dusentschur, daß Schweine Wein trinken? (Lachen.)
KRECHTING. Wer liegt da?
ROTTMANN. Ihr Freunde! Einer unserer Brüder, der heimgegangen ist in das ewige Reich.
Sie scharen sich um den Toten.
TILBECK. Jakob – der Schmiede-Jakob.
REDECKER. Unser lieber Freund Jakob. Er wird kein Eisen mehr hämmern und keinen Spieß mehr schmieden.
DUSENTSCHUR. Freue dich! Ein Bote Münsters mehr im Himmel! Bringe den Gruß des neuen Zion in das himmlische Jerusalem, Bruder!
ROTTMANN (verleugnet in diesem Augenblick nicht den Prediger): Bruder Jakob! Oh, Ihr Freunde! Er war der Getreuesten einer! Von Anfang an hat er für die köstliche Sache gewirkt. Ihr Freunde, die ihr erst später nach Münster gekommen seid – Bruder Gert, Dusentschur, Krechting – wie solltet ihr ermessen können, was er uns war? (Steht in Trauer.)
TILBECK. Jahr für Jahr ging der Kampf hin und her zwischen den Parteien in der Stadt Münster, ehe Gott sie in unsere Hand gab. Es war ein jämmerliches und elendes Streiten und Gezeter unter den Bürgern, Gilden, Sippen, Familien. Hier Bischöfliche, hier Reformierte, hier wir – die Bruderschaft des Evangeliums. Der Himmel selbst konnte wahrhaftige Tränen weinen, so ging es in der Stadt Münster zu –
REDECKER. Sie trieben uns mitten in der Nacht aus den Häusern und warfen uns ins Gefängnis.
TILBECK. Bruder Jakob stellte sich als erster mit seiner Zunft auf unsere Seite. Ehre ihm! Ehre!
ROTTMANN. Gegen Recht und Vereinbarung hatte mir der Rat der Stadt, obschon freies religiöses Bekenntnis allen Bürgern verbrieft war, die Kanzel von St. Lamberti verboten, Brüder! Da kam er! Ja – du bist gekommen, Jakob, hast deine Gesellen um dich geschart und Wache gehalten in der Kirche, während ich das reine Evangelium verkündete. Ihr Freunde, kein Bischöflicher wagte sich heran! Gegen Recht und Gesetz verwies der Rat mich, Clopris, Stralen und Roll aus der Stadt – Roll selbst, unseren lieben Bruder – Roll, der jetzt als unser Gesandter in Holland weilt –
EINIGE. Roll! Roll!
ROTTMANN. Die Stadtknechte führten uns zum Servatiustor hinaus bis zum Siechenhaus. So geschehen im Januar bei so scharfem Frost, daß die Sperlinge tot aus der Luft fielen. Da ist wieder er gekommen – ja, Bruder Jakob, wiederum bist du mit deinen Gesellen gekommen und hast uns nach Münster zurückgebracht. Das war ein Geschrei und ein Gewoge und ein Triumph in den Straßen!
TILBECK. Und ein mächtiger Prediger war er, unser Bruder Jakob, wenn der Geist über ihn kam. Predigte furchtlos, ob sie ihn auch mit dem blanken Schwerte bedrohten. Als einer der ersten hat er die Taufe genommen.
ROTTMANN. Wacker hast du geschmiedet an der Rüstung des lebendigen Gottes! Du hast den Ambos geschlagen und die Bälge getreten, bis die Funken emporsprangen über der Stadt Münster. Bis die Funken hinausstoben über das ganze münsterische Land und über die Erde dahinflogen!
Der Tote wird fortgetragen.
KNIPPERDOLLING (erscheint mit mehreren Hauptleuten von rechts. Er trägt einen Kettenpanzer, eine Stahlhaube und ein riesiges Schwert. Schwert und Stahlhaube wirft er einem jungen Knecht zu. Er ist schweißüberströmt, das Gesicht geschwärzt und rußig. Ein mächtiger schwerer Mann, herkulisch gebaut, stets in prächtiger Laune. Brüllt außer sich vor Freude): Der Bischof geschlagen, Freunde und Kameraden! Geschlagen ist Bischof Franz! (Er lacht laut und brüllend.)
ALLE. Knipperdolling! Knipperdolling!
KNIPPERDOLLING. Seiner fürstlichen Gnaden haben wir den Hinteren weidlich gegerbt, diesmal, und verdroschen, ihr Freunde! Und das Maul seiner Heiligkeit haben wir mit Stückkugeln gestopft, daß er das große Kotzen kriegte. Nun kann ich ruhig dahinfahren, wenn es sein soll.
SCHENK. Wirst noch manchmal vor die Wälle gehen, Knipperdolling und ihnen die Geschütze vernageln!
KNIPPERDOLLING (ergreift einen Humpen und macht mächtige Züge): Tod dem Bischof Franz von Iburg und Münster! – Tod dem Luther in Wittenberg, dem Heuchler und Fürstenknecht! – Tod den Ungläubigen, die Gott nur mit dem Maule und schönen Worten dienen. (Alle): Tod! Tod! Schlage sie nieder, Herr! (Er hebt den Humpen): Münster, die heilige Stadt. (Leert ihn.)
ALLE (durcheinander): Münster! Münster! Das neue Zion! Die heilige Stadt!
KNIPPERDOLLING (wischt sich den Schweiß ab): Ich habe heute mehr Schweiß vergossen als Wasser in der Werse ist. Fast wundere ich mich, Freunde, daß das Wasser, das mir aus der Haut lief, die Bischöflichen nicht von den Wällen schwemmte. (Zu Dusentschur, der auffällig unruhig um ihn herumging und nun mit gespreizten Beinen steht und ihn anstarrt): Weshalb glotzt du mich so an, Bruder Dusentschur! Gefalle ich dir nicht?
DUSENTSCHUR. Nicht dich glotze ich an, Bruder Knipperdolling, oberster Hauptmann des Königs. Sondern dein Panzerhemd glotze ich an. Bist ja gerüstet wie ein bischöflicher Feldoberst!
KNIPPERDOLLING (gutmütig): Nichts kann man dir zu Gefallen tun, Dusentschur.
DUSENTSCHUR. Trage ich eine Rüstung? Trägt König Johann eine Rüstung? Nur die Heiden tragen Rüstungen und stählerne Schienen. Ich brauche auch kein Schwert, Knipperdolling.
KNIPPERDOLLING. Die Männer sind nicht alle gleich, Dusentschur. Der eine liebt es, in Hose und Hemd in die Schlacht zu gehen – der andere liebt es, mit eisernen Schienen und einem Schwert zu prahlen. Zu diesen gehöre ich, Dusentschur. Du weißt ja, Knipperdolling hat ein eitles Herz. – Freunde und Brüder, da mich Johann zum obersten Stadthauptmann eingesetzt hat – Dank euch für euren Eifer am heutigen Tage. Ich wüßte nicht zu sagen, wer von euch am tapfersten gestritten hat für die Sache Gottes. Fünf Angriffe haben die Bischöflichen unternommen, fünfmal haben sie sich an den Wällen die Schädel zertrümmert. Ein Gelächter für die Himmlischen, eine Freude dem Auge Gottes! Freunde! Es wird gemeldet, daß vierzig bischöfliche Offiziere und Hauptleute und sechshundert Knechte am Platz blieben. (Bewegung. Rufe: Münster, Münster!) Die Zimmergesellen haben am Jüdefelder Tor den bischöflichen Feldobersten Meinhard von Hamm und seinen Fähnrich gefangengenommen!
EINIGE. Meinhard von Hamm?
ANDERE. Her! Der Werwolf von Hamm!
DUSENTSCHUR. Her mit ihm, daß ich ihn mit meinen Händen in Stücke zerreiße!
KNIPPERDOLLING. Ich habe befohlen, daß man ihn ohne Verzug vorführe. – Zweihundert bischöfliche Knechte sind in unsere Gefangenschaft gefallen. Ich ließ sie in den Lambertifriedhof sperren und habe angeordnet, daß die Frauen sie bewachen.
TILBECK (schrill lachend): So ist es gewiß, daß keiner entkommen wird! (Lachen.)
GERT TOM KLOSTER. So wahr ich lebe, ich möchte nicht gegen die Weiber von Münster kämpfen!
KNIPPERDOLLING. Auch ich nicht, Gert. Und niemand wird sagen, daß Knipperdolling die Hose voll hat, wenn geschossen wird.
TILBECK. Ich sah sie am oberen Wall kämpfen, Brüder, ihr Brüder! Sie gossen den bischöflichen Knechten kochenden Kalk über die Hauben. Pechkränze warfen sie ihnen um die Hälse, daß die Bärte in Flammen aufgingen. Und mit brennenden Holzscheiten schlugen sie auf sie ein, daß die Funken spritzten.
ROTTMANN. Und Divara, Johanns Gattin? Habt ihr Divara gesehen?
DIE MEISTEN. Divara!
ROTTMANN. Sie stürzte mit ihren Weibern bis zu den Laufgräben vor und schlug mit dem Beil um sich. So wahr ich lebe, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Divara, die kaum ein Huhn schlachten kann!
DUSENTSCHUR (mit Schärfe): Johann! Weshalb spricht niemand von Johann?
KNIPPERDOLLING (besänftigend): Wir alle wissen, Dusentschur, daß Johann der tapferste und kühnste Streiter der Brüderschaft ist.
TILBECK. In Wahrheit, er war überall!
ROTTMANN. Fast sieht es so aus, als habe er dreifache Gestalt angenommen im Kampfe. Wie ein Racheengel Gottes fuhr er dahin!
DUSENTSCHUR (erregt): Ich aber sah es mit diesen meinen Augen: Die Knechte von Cleve schossen ein Geschütz auf Johann ab. Die Kugel fuhr auf Johann zu – dicht vor ihm aber sprang sie im Bogen in die Höhe.
KNIPPERDOLLING (gutmütig spottend): Die Cleveschen haben wohl schlecht gezielt oder das Rohr war verbogen?
DUSENTSCHUR (beachtet Knipperdolling nicht): Ich aber sah es mit diesen meinen Augen! Brüder! Glanz war in der Luft, wo Johann kämpfte. Und ein Gefunkel und Blitzen, wo er ging. Die himmlischen Heerscharen stritten an Johanns Seite.
EINIGE (begeistert): Wahr! Wahr! Johann!
KNIPPERDOLLING. Freund Redecker, und auch du, Bruder Krechting, geht zu den Wallmeistern. Es gibt heute keinen Schlaf in den Quartieren. Die Wälle sollen ohne Verzug wieder instand gesetzt werden. Die hessische Kartaune hat mächtige Löcher geschlagen. Steine und Pech auf die Wälle und alle Wachen dreifach besetzt! Sagt: ich werde diese Nacht überall sein und Knipperdolling wird über sie kommen wie das sausende Wetter! Die jungen Burschen sollen unsere toten Brüder in die Stadt bringen, die Heiden aber sollen sie den Ratten zum Fraß lassen.
Krechting und Redecker ab.
Während der vorherigen Szene sind dann und wann Bewaffnete über den Marktplatz geeilt. Nun wird ein Mann, über dessen Kopf ein Sack gestülpt ist, über den Platz geführt. Der Verhüllte ist der Prophet Roll.
ROTTMANN. Halt, Freunde, wen bringt ihr hier?
ERSTER KNECHT. Ein Bote von auswärts!
ZWEITER KNECHT. Ist König Johann hier? Er will König Johann sprechen. Die Torwache ließ ihm den Kopf verhüllen.
KNIPPERDOLLING. Führt ihn hierher! – Wer bist du? Was willst du?
ROLL. Täusche ich mich nicht, so höre ich des lieben Knipperdollings Stimme.
TILBECK. Er scheint deinen Baß ja gut zu kennen, Hauptmann!
ROLL. Bist du es, Bruder Tilbeck?
KNIPPERDOLLING. Nehmt ihm den Sack ab!
ROLL (wehrt ab): Solltet ihr meine Stimme nicht mehr kennen? (Staunen.)
DUSENTSCHUR (schreit): Roll! Roll!
ROLL. Das war Dusentschur! Bruder Dusentschur!
ALLE (durcheinander): Roll? Ist es Roll? Ist es möglich? Roll!
ROLL (nimmt den Sack ab): Friede sei mit euch, Brüder! (Er verbeugt sich tief.)
Laute und freudige Begrüßung. Umarmungen, Küsse.
ALLE (durcheinander): Roll! Bruder! Willkommen! Willkommen in Münster! (Roll ist ein mittelgroßer Mann von etwa 40 Jahren. Blaß, dünner Bart. Er ist die volkstümliche Christuserscheinung. Seine Stimme ist sanft, seine Gesten sind weich und beschwörend. Seine Augen schwärmerisch und von großer Güte. Sein Gebaren verrät auch jetzt noch den früheren Karmelitermönch.)
DUSENTSCHUR (gebärdet sich am unsinnigsten): Macht Platz für Bruder Roll! Er ist müde und bestaubt. Bruder Roll ist heimgekehrt! Die lichten Engel Gottes haben ihn auf ihren Händen getragen! Macht Platz für den Geliebten! (Führt ihn an der Hand zum Tisch.)
ROLL. Erlaubt, daß ich die Lippen netze. Zwei Nächte und zwei Tage bin ich auf den Beinen, ohne zu ruhen.
KNIPPERDOLLING. So sage eines, Roll, wie bist du durch das bischöfliche Lager gekommen?
ROLL. Der Bischof hat die Bauern aufgeboten, die Verwundeten in die Dörfer zu fahren. Auf solch einem Bauernwagen kam ich ins Lager. Es ist eine solche Verwirrung im Lager draußen, daß jeder kreuz und quer gehen kann, ohne daß man ihn beachtet.
ALLE (durcheinander): Erzähle, Roll. Berichte! Wo warst du? Wo kommst du her? Wie steht es draußen?
ROLL. Laßt mich Atem holen, Freunde. Ich war in Köln, ich war in Lüttich, ich war in Groningen, ich war in Amsterdam, ich war in Leyden, ich war in Friesland, in Bremen, ich war im Lübeckschen.
KNIPPERDOLLING. Bei allen Teufeln, Heinrich, bist du geflogen?
ROLL. Oft schien es mir, als trügen mich Fittiche dahin. Habe wenig geschlafen in den drei Monaten.
KRECHTING. Berichte! Wie geht es in der Brüderschaft?
ROLL (mit leuchtenden Augen und zitternder Stimme): Ich bringe so gute Nachrichten, daß ich zittere, soll ich berichten. Gottes Gnade ist mit uns.
ALLE (durcheinander): Brüder! Sprich, Roll. Unendlich ist die Gnade des Herrn.
ROLL. So laßt mich mit den betrüblichen Nachrichten beginnen, Freunde. – In Herzogenbusch, ihr Freunde, wurde ein Zug unserer Brüder von den Reitern des Herzogs von Geldern umzingelt und niedergemacht. (Bewegung.) In Amsterdam wurden sechs unserer Brüder enthauptet. Der Rat von Amsterdam ließ ihre Köpfe auf Speere stecken und am Hafen aufstellen, so daß alle Schiffe, die ein- und ausfahren, die Köpfe unserer armen Brüder sehen müssen.
ALLE (verhüllen das Antlitz): Wehe!
DUSENTSCHUR. Räche! Räche! Rott aus! Rott aus!
ROLL (schwärmerisch): An anderen Orten aber hat Gott uns in Gnaden aufgenommen. Aus Köln, aus Cleve, Jülich, Holland, Friesland sind unsere Brüder in großen Scharen unterwegs mit Pferden und Wagen, Frauen und Kindern. Von Amsterdam sollen dieser Tage zwölf Schiffe abgehen.
ROTTMANN (leise): Herrlich erstrahlst du in deinem Glanze, Gott im Himmel.
ROLL. Viele Tausende habe ich selbst getauft und ihre Seelen dem Heil zugeführt. Das Werk der Propheten und Prediger, die Johann aussandte, war gesegnet. In Harlem sah man feurige Männer durch die Luft fliegen und viele Brüder und Schwestern nahmen dort die Taufe. Länder und Städte erbeben unter dem Hauche des Evangeliums. Wie ein Feuer breitet sich die Lehre des Heils über die Länder aus. Die Verstocktesten brechen in Tränen aus und die Sündigsten fallen in die Knie und flehen um Erleuchtung. Der Sieg der reinen Lehre wird offenbar! Alle Länder ringsum sind in heller Erregung. Die Städte Deventer und Telgte sollen in der Hand unserer Brüder sein, so hörte ich. Wunder geschehen. Männer und Frauen und Kinder sprechen mit prophetischen Zungen. Die Bäume blühen allerorts zum zweitenmal. (Emphatisch): Und weit über das Münsterische Land sieht man den Stern leuchten, der jede Nacht über Münster funkelt.
Jubel: Münster! Münster!
ROLL (zieht einen Beutel aus dem Wams): Und hier! Von den Brüdern und Schwestern! Ringe und Geschmeide der Bauern und Bäuerinnen, der Zimmerleute, Tuchweber, Schuhmacher, Zinngießer. Ohrgehänge, Ketten, Goldgulden, Spangen und Schnallen. (Wirft den Beutel auf den Tisch.) Hätte ich alles tragen können, was sie gaben, so wäre es ein großer Sack geworden. Die Brüder wollen uns auf ihren Wagen Kleider und Schuhe bringen, Leder, Fässer voll Pulver und Blei, Säcke voller Korn, alles was die Stadt Münster brauchen kann. Tausende von Rindern wollen sie mit sich treiben auf den Landstraßen. So gelobten sie.
ALLE (jubeln durcheinander): Bruder Roll! Münster! Münster!
EIN BOTE (laut): König Johann bittet dich, Bruder Roll.
KNIPPERDOLLING. Gehe, Roll. Johann sieht es nicht gerne, daß wir Nachrichten früher erhalten als er. Geleitet ihn!
TILBECK (zu einem Gesellen, der rasch in die Halle tritt): Was bringst du, Freund?
GESELLE. Der bischöfliche Feldoberst Meinhard von Hamm!
KNIPPERDOLLING. Ihr Freunde! – Führt ihn hierher!
DUSENTSCHUR. Tummele dich, Geselle!
ROTTMANN. Wahr und wahrhaftig, heute ist Münsters großer Gnadentag!