Part 6
»Lieber Schack, ich habe schon als kleiner Junge nicht für die Geschichten geschwärmt, denen im Lesebuch eine Moral in Vers oder Prosa angehängt war. Wenn die Geschichte nicht für sich spricht, helfen alle Begründungen nichts. Wenigstens bei mir nicht. Du bist umgefallen. Was mich aber nicht hindert, mit dir als Menschen einen Becher zu leeren. In deinem Interesse schlage ich vor: Wir wollen auf die Terrasse gehen. Dort ist selbst für einen Akademieprofessor eine Luft, die sich neutral und höchst gebührlich aufführt. =Avanti, signore=.«
Springe schob den aufgeregten Kollegen vor sich her und winkte Hans freundlich zu, ihnen zu folgen. Das letzte verlorene Sonnengeflimmer zitterte durch das Weinlaub und malte weiße Kringel auf den Tisch. Die Herren saßen in ihren Stühlen und sahen dem Spiele zu. Irgendwo in der Nachbarschaft wurde ein Klavier bearbeitet, und ein jugendlicher Chor intonierte das Rheinlied:
»Nur am Rhein, da will ich leben, Nur am Rhein geboren sein — — —«
Der Chor klang rauh und ungeschult, aber das verschlug den Sängern nichts. Die mangelnde Schönheit wurde durch Lungenkraft und Begeisterung hinlänglich ersetzt. Mitten in das Rheinlied hinein ließ ein Sohn der roten Erde trutzig das Westfalenlied ertönen:
»Du Land, wo meine Wiege stand, O grüß dich Gott, Westfalenland!«
Eine Pause entstand. Dann sangen die lustigen Brüder einträchtig miteinander:
»Der Herr Pappenheimer, der soll leben, Der Herr Pappenheimer lebe hoch! Beim Bier und beim Wein Lust’ge Pappenheimer woll’n wir sein ...«
»Das sind die Balduren,« nickte Springe, »goldenes, unverschämtes Künstlerblut. Die Kerle sind unverkennbar an ihren schrecklichen Stimmen. Aber sie haben den Teufel im Leib und fürchten sich nicht vor Gott und der Welt. Darum lieb’ ich sie!«
»Jawohl,« knurrte der Professor, »nur vor der Malerei fürchten sie sich.«
»Ach du lieber Himmel, wer am bravsten im Taglohn malt, ist deshalb nicht der größte Künstler.«
»Soll das etwa auf mich gehen?« fuhr Professor Schack empor.
»Dort naht der versöhnliche Geist Herrn Friedrich Leopolds mit dem Abendimbiß. Ich beanspruche einen Waffenstillstand zur Provianteinnahme.«
Der alte Herr von Springe machte dem Geplänkel ein Ende. Mit der Zuvorkommenheit eines alten Ritters spielte er den Wirt, nötigte zum Zulangen und kredenzte in Gläsern verschiedener Formen und Farben den Wein. Als die Dunkelheit hereinbrach, entzündete er eine Ampel, die wie ein satter Rubin aus dem grünen Weinlaub über der Terrasse lugte, und holte eigenhändig die kristallene Bowlenschale. Man saß zu viert, feierlich, und kostete.
»Ah!« machte Schack und tat einen leisen Schnalzer.
»Das schmeckt wie flüssige Jugend,« bemerkte der alte Herr. »Davon kann man nie genug bekommen. Bitte auszutrinken.«
Man trank und plauderte. Von der Kunst wurde kein Wort gesprochen. Nach dem vierten Glas aber wurde Professor Schack melancholisch.
»Lieber Springe,« sagte er und blickte finster in das schwimmende Gold seines Glases, »ich bin dir noch eine Erklärung schuldig.«
»Lieber Schack,« entgegnete der andere, »das ist der große Irrtum. Du bist nur dir allein Rechenschaft schuldig. Geht die Rechnung auf, umso besser für dich. Stolperst du über einen Fehler, so mußt du ihn korrigieren. Lediglich deinetwegen. Das ist’s.«
»Ich weiß, worauf du hinzielst,« versetzte der junge Professor, »und ich will mich auch nicht entschuldigen. Aber menschlich verständlich will ich mich dir machen. Seit dem Tage, an dem ich dir im Malkasten mitteilte, daß ich zum Professor an der Akademie ernannt sei, meidest du mich. Du behauptest, ich wäre umgefallen, ich hätte — ja, ich hätte die Sünde wider den heiligen Geist begangen, weil ich meine individuelle Art des lieben Amtes wegen nach dem Akademiezopf regeln würde, langsam, aber sicher. Abgesehen davon, daß doch auch im anderen Lager Männer stehen —«
»Entschuldige,« sagte Springe, »du willst da gerade einem landläufigen Irrtum Worte verleihen. Ich kenne kein anderes Lager, ich kenne nur Künstler! Ob sie auf die sogenannte alte oder auf die sogenannte neue Manier malen, das ist mir ganz egal. Die Hauptsache ist mir, ob sie die schöne Illusion erzielen. ~Wie~ sie das machen, ist mir Nebensache. Die Individualität ist die Hauptsache. Ein Gott läßt sich nicht in spanische Stiefel schnüren, oder es wird ein Götze. Ein Ölgötze in unserem Falle. Und obwohl du weißt, daß auf der Akademie augenblicklich mit Nachdruck schablonisiert wird, gehst du hin und wirst Helfershelfer.«
Schack sah düster vor sich hin. Dann griff er nach seinem Glase, trank es aus und setzte sich aufrecht.
»Du hast eins vergessen. Der heilige Geist, gegen den man sündigen kann, besteht nicht allein in der Kunst. Er ist hier, da und dort. Er ist überhaupt der reine Kautschukbegriff. Jeder arme Teufel legt ihn sich auf seine Art aus. Schwärmer behaupten, er sei die Liebe.« Er stand auf. »Auf die Gefahr hin: ich bin ein Schwärmer.«
»Schack, alter Kamerad ...« Springe hatte sich schnell erhoben und den Aufgeregten sanft in den Sessel niedergedrückt. »Ich hatte ja keine Ahnung. Was ist denn los?«
»Siehst du,« begann der Akademieprofessor, »ich habe gemalt, was das Zeug hielt. Nicht oberflächlich, das weißt du. Ich habe, um mich deines Ausdrucks zu bedienen, den Gott in mir wahrhaftig nicht in spanische Stiefel geschnürt. Ich wurde verlästert, verhöhnt, als Tempelschänder gebrandmarkt. Ich arbeitete fort. Als die Schreier meine Entschlossenheit sahen, verliefen sie sich allmählich. Auch die Kritik wagte sich jetzt hervor. Man nannte mich in den Zeitungen eine interessante Erscheinung. Aber Bilder kaufen — das war nicht. Ich war von den Perücken, die im lieben Düsseldorf einmal die Papstgewalt haben, nicht approbiert. Unterdes wurde ich achtunddreißig. Und mein Mädchen wurde auch nicht jünger. Springe,« fuhr er fort und griff nach der Hand des Freundes, »das — das ist das Schrecklichste. Sehen, wie die Jugend schwindet. An der Liebsten es sehen. An den kleinen Fältchen der getäuschten Sehnsucht, den schmalen Wangen, die die heimliche Angst blaß färbt, dem ergebungsvollen Blick der Entsagung. Springe, du hast nicht geliebt, sonst wüßtest du, daß man in solchen Augenblicken sein künstlerisches Gewissen für eine Handvoll Haselnüsse verkauft, daß man seine Individualität hinschmeißt wie einen alten Handschuh, daß man zu allem, aber auch zu allem bereit ist, um nur nicht hinsterben zu müssen, ohne die Jugend der Liebsten und damit die eigene gerettet zu haben. Ruft allesamt, ich sei umgefallen. Ich weiß das besser. Ich zahl’ der Welt mit gleicher Münze, und inzwischen küsse ich im Blumengarten meines stillen Mädels alle blassen Rosen wieder rot. Erst kommen wir selber!«
Es war einen Augenblick still geworden auf der Terrasse.
»Und du,« brach Springe das Schweigen, »willst deine Individualität hingeschmissen haben? Ich habe dich falsch beurteilt, denn du hast mir nie von deiner Freundin erzählt. Vielleicht,« fügte er lächelnd hinzu, »weil du mir kein Verständnis für die Liebe zutrautest. Aber,« er wurde wieder ernst, »dem geliebten Weib gehört nicht nur die Kunst, ihm gehört das Leben zuallererst. Jetzt habe ich keine Angst mehr um dich. Schack, deine Liebe soll leben.« — —
Den alten Herrn und den jungen Gast hatten die beiden Maler gänzlich vergessen. Jetzt erhob sich der alte Herr und klingelte an sein Glas.
»Liebe Freunde,« begann er, »ich möchte zu diesem Thema auch ein Wörtlein sagen. Freund Schack hat soeben die Angst vor dem Altwerden bekundet. Nun, er hat ja auch das Arkanum dagegen gefunden. Aber wenn das Arkanum auf die Dauer Wirkung haben soll, müssen Sie alle selbst das Beste dazu tun. Ich bin siebzig Jahre. Wie? Bin ich nicht ein Jüngling? Sind Sie der Meinung, daß ich je im Leben alt werden könne? Wollen Sie das Geheimnis wissen? Nun, es ist einfach. Werden Sie nie im Leben blasiert! Versuchen Sie auch nie, über das Leben zu philosophieren. Sie behalten jedesmal unrecht und haben eine Menge Zeit vertrödelt. Das Alpha und Omega dieses Daseins ist, zu wissen: ~daß~ man lebt. Und es lohnt sich — glauben Sie das meiner langjährigen Erfahrung — am besten, daß man für diese kurze Erdenspanne so lacht und liebt, singt und trinkt, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Klappt einmal der Sargdeckel zu, und man entsinnt sich just in dieser Sekunde einer Seligkeit, die man abgewehrt hat, kriegt man noch im Grabe die Gelbsucht, und die schadet dem Teint. Ich meine natürlich den Teint der Erinnerung. Meine Freunde, es prangt und duftet die Sommernacht, und die Bowle nicht minder. Die Philister liegen in der Klappe und zetern über unsere Untugend. Die Tugend aber ist das Leben; mit ihm hört auch die schönste auf. Und diese Tugend wollen wir auf das kräftigste ausüben. Dann sind wir die Herren dieser Welt, dann sind wir die ewige Jugend. Bange machen gilt nicht. Prosit!«
Der Akademieprofessor fiel dem alten Herrn schluchzend um den Hals. Die Erregtheit der letzten Stunden, die rasch getrunkene Bowle, die wunderbare Sommernachtstimmung und die prächtigen Menschen um ihn her — er konnte nicht anders, er bekam es mit der Rührung.
Hans Steinherr hatte mäuschenstill dagesessen. Es war ihm heiß und kalt geworden, er hätte, ganz gegen die ihm anerzogenen Gewohnheiten, schreien und singen mögen, und plötzlich sprang auch er auf und fragte an, ob er ein Gedichtchen deklamieren dürfte, das ihm heute eingefallen sei.
»Silentium! Silentium für den Dichter!«
Und mit vor Erregung zitternder Stimme sprach der Jüngste des Kreises:
»Was nutzt der Kuß auf deinen Mund, Wenn nicht dein Herz erglommen? Tut sich der Lenz dem Blut nicht kund, Was soll der Name frommen?
Und sehnst du dich, daß dir die Kunst Entschleiert sich soll zeigen: Lern fühlen nur mit inn’ger Brunst Und laß die Lippe schweigen.
Gott ist im Sturm, im Frühlingswind Und in der Früchte Samen. Das Glück, du grübelnd Menschenkind, Du bannst es nie mit Namen.
Tu auf das Herz zur Feierstund’, Bekränze still die Pforte. Dann regt sich’s auf der Seele Grund Wie seltne Bibelworte.
Und ob dein Mund der lauten Welt Ihr Wesen nie verkündet: Wenn nur dein Herz die Zwiesprach hält, So hast du es ergründet.
Das tiefste Glück, das du dir schufst, Blieb immer ungesprochen. Und wenn du es bei Namen rufst, Sein Zauber ist gebrochen.«
Blaß bis unter die Haarwurzeln wollte sich Hans setzen. Er war zu Ende. Aber Heinrich von Springe war hinter seinen Stuhl getreten und schloß den Jungen in seine Arme.
»Hättest du das auch zu Hause, in einer eurer Gesellschaften vorgetragen?« fragte er ihn halblaut und sah ihm in die Augen.
»Nein. Dort hätte ich es nie gekonnt. Hier fühl’ ich mich so, so — —«
Springe küßte ihn auf den Mund. Das »Du« behielt er bei. —
Der Akademieprofessor stellte nach einer Stunde fest, daß er den Rest seiner Energie für den Nachhauseweg nötig habe. Lachend führten ihn Springe und Steinherr die Treppe hinab. Der alte, fröhliche Herr folgte mit dem Licht, und er zitierte kräftig aus seinem Lieblingsdichter Wilhelm Busch für den Professor einen Abschiedsgruß.
»Einen Menschen namens Meyer Schubbst’ man vor des Hauses Tor Und man sagt’: Betrunken sei er, Selber kam’s ihm nicht so vor.
=A rivederci, a rivederci=, es lebe die Persönlichkeit!« —
Fünftes Kapitel
Bei Willibald Hüsgen wurde emsig geprobt. Die Kostüme waren im Laufe der Wochen fertig geworden, die Dekorationen von Willibalds Meisterhand entworfen und in ziemlich eigenmächtiger Weise auf große Papierrahmen gemalt. Der Künstler nannte das kurz: =al fresco=. Mutter Hüsgen hatte bereits den Saal herrichten müssen, der während des Semesters den Gaudeamusbrüdern zur Kneipe diente, und der Wirt, der »Baas«, ließ seinen Stammgästen gegenüber geheimnisvolle Worte fallen, um durchsickern zu lassen, was für ein Mordskerl sein Willibald sei, und »von der Mutter hätte der Jung’ das nu mal nich«.
Zu Anfang September erklärte der selbstbewußte Arrangeur, daß die Vorstellung, wie es im Bühnenjargon heiße, nunmehr »stehe«. Das Knochengerüst wäre da, nun gelte es, Fleisch ansetzen. Bei der nächsten Probe am Samstag würde er mit der Durchgeistigung der Bilder beginnen.
Hans blickte auf Hannes. Aber das Mädchen lachte nicht zu den protzenhaften Worten wie einst, da ihnen auf dem Dachstubenatelier Herr Willibald die Eintrichterung der Leidenschaft versprochen hatte. Es war seit jenem Tage und mit der Zeit fortschreitend eine so seltsame Änderung mit dem jungen Geschöpf vor sich gegangen, daß es der Umgebung hätte auffallen müssen, wäre diese egoistische Jugend nicht viel zu sehr von sich selbst in Anspruch genommen gewesen. Mechanisch folgte sie den Regievorschriften, mechanisch nahm sie ihre Stellungen ein und ahmte die Bewegungen nach, so daß der rücksichtslose Haussohn mehr als einmal ein Donnerwetter über die verdammte Steifheit der Frauenzimmer im allgemeinen und im besonderen über die Häupter der Versammelten schickte. Dann färbte sie sich blaß und rot, verharrte regungslos und wie im Trotz in ihrer eckigen Haltung, um, sobald die Probe ihr Ende erreicht hatte, in einem Temperamentsausbruch sondergleichen durch das Zimmer zu tollen.
Hüsgen stand wie versteinert. Aber die Versteinerung wandelte sich bald zur wilden Wut.
»Kröte,« schrie er »alberner Aff’, wenn du dir etwa einbildest, mich hier zum Narren zu halten, so soll doch gleich — Rausschmeißen werd’ ich euch, rausschmeißen alle miteinander —!«
»Du hältst sofort den Mund!« fiel ihm Hans Steinherr kategorisch ins Wort.
Er war dicht an den Kameraden herangetreten, mit geballten Händen, und sah ihm herausfordernd in die Augen.
»Untersteh dich, in diesem Tone fortzufahren. In meiner Gegenwart werden keine Damen beleidigt!«
»Damen?« fragte Hüsgen höhnisch. »Du bist wohl jeck? Malchen, lach dich kapott, ihr seid ›Damen‹!«
»Wie deine Schwester darüber denkt, muß sie selbst wissen. Aber Fräulein Hannes ist hier Gast, und das Gastrecht respektiert man. Zumal wenn der Gast dir zuliebe gekommen ist, um so selbstlos wie möglich sich für deinen persönlichen Ehrgeiz verwenden zu lassen.«
»Ehrgeiz?« brauste Hüsgen auf. »Bist du übergeschnappt? Ihr versteht eben den Teufel von der Kunst!«
»Dann stell deine lebenden Bilder gefälligst allein!«
Einen Augenblick schien es, als sollten die lebenden Bilder wirklich lebendig werden. Aber der Geschäftsinstinkt des Wirtssohnes witterte noch rechtzeitig die Gefahr. Und knurrend lenkte Hüsgen ein, um sich im »Gaudeamus« den Triumph nicht entgehen zu lassen. Während die beiden Mädchen in einer Ecke beieinander hockten und Malchen verwundert die renitente Freundin anstarrte, versuchte der Akademieaspirant sich in der Fensternische vor dem Freunde reinzuwaschen.
»Steinherr,« sagte er eindringlich, »du mußt das doch einsehen. Wir Künstler sind geradeaus. Wir legen nun einmal keinen Wert auf das Äußerliche, weil wir alles auf das Innerliche konzentrieren. Aber unsere Seele — Mensch, unsere Seele — —!«
Hans maß den Redenden von oben bis unten.
»Erzähle mir doch keinen Unsinn, an den du selber nicht glaubst. Der Geist macht den Körper, und Rauhbeinigkeit ist noch lange nicht das Erkennungszeichen für spartanische Tugend. Übrigens bist du noch gar kein Künstler.«
»Was bin ich nicht?« versetzte Hüsgen atemlos.
»Noch kein Künstler. Wenn du’s erst bist, sprichst du nicht mehr so viel davon.«
»Ich —? Ich wäre kein —? Nu hört sich aber alles auf. Malchen, Hannes, kommt doch mal her! Ihr habt doch, weiß Gott, Verständnis! Malchen, du holst auf der Stelle mein Skizzenbuch. Und die Kreidezeichnungen bringst du her, die ich von Vatter gemacht hab’ und von Mutter. Im Schlafzimmer über dem Bett. Wenn die nich ähnlich sind! Aber laß man. Hier stehen doch die Dekorationen zur Francesca. Na? Wie? Ist das gemalt oder ist das geschwefelt und geflunkert? Ich kein Künstler! Aber der da, der da — Kuckt ihn euch an — das ist einer. Och! Och! Malchen, fix, hol mal en Kognak. Vatter is nich am Büfett.« —
Diese Szenen, die sich mit geringen Variationen häufig genug wiederholten, waren Hans peinlicher, als er es sich gestehen mochte. Nicht seiner selbst wegen. Er merkte, wie der Verkehr im Hüsgenschen Wirtshaus sein allzu sensitives Empfinden abhärtete und seine weiche Männlichkeit robuster machte. Das war sicher ein Gewinn. Aber das Kavaliertum, das ihm im Salon seiner schönen Mama anerzogen worden war, ließ zuweilen beschämt die Flügel hängen. Er hätte ganz anders für seine kleine Dame eintreten mögen, aber die schien für die feineren Unterscheidungen des Verkehrs noch weniger Verständnis zu haben als der rüpelhafte Willibald. Mit übertriebener Hast nahm sie stets Partei für den triumphierenden Haussohn und blitzte mit ihren dunklen blauen Augen ihren Ritter wie einen Lästigen an. Wurden die Proben erneuert, so sah man ihr das Unbehagen an, den jungen Mann berühren zu müssen. Steif wie eine Gliederpuppe hielt sie die Arme gereckt, und des Regisseurs Zorn wurde mit Recht entfacht über diese »niederträchtige Versündigung an der Kunst«.
Nachdem Hüsgen eines Tages erklärt hatte, daß sie nunmehr reif wären, um sich von Direktor Millowitsch für das Kölner Hänneschen-Theater engagieren zu lassen, und er nur noch einen und den allerletzten Versuch mit ihnen machen wollte, ordnete er für die nächste Zusammenkunft die erste Kostümprobe an.
Willibald Hüsgen hatte einige junge Kunstschüler ins Vertrauen gezogen, da er zu dem Prunkbilde, der Hofhaltung der Francesca, eine Anzahl Ritter benötigte. Die jungen Leute erschienen, die Hosen über die Trikots gezogen, lachend und lärmend im Hause und begannen im Festraum ungeniert Toilette zu machen, während Francesca-Hannes und ihre Palastdame Malchen in einem Nebenzimmer letzte Hand an ihre Kostüme legten.
Hans Steinherr betrachtete mit Verwunderung die Kostüme der Kumpane. Tausend Maskenschlachten schienen schon darin geschlagen worden zu sein, die Farben waren erblindet und verschossen, die Tuche mottenzerfressen und geflickt, und ein Duft ging von ihnen aus, der am Hofe der Malatesta kaum statthaft gewesen sein dürfte. Er wagte darüber eine Bemerkung an Hüsgen, der von einem wahren Begeisterungstaumel erfaßt zu sein schien.
»Was? Blinde Farben? Mottenlöcher? — Ja, Mensch, begreifst du denn nicht? Das ist ja gerade das Echte! Himmeldonnerwetter, das ist echt! Das riecht man ja geradezu!«
»Leider Gottes,« versetzte Hans und zog die Nasenflügel zusammen. »Aber es handelt sich doch nicht darum, was heute echt erscheint, sondern was damals echt ~war~. Und du darfst dich darauf verlassen, daß sich die Herrschaften damals mindestens so anständig anzogen und auf Sauberkeit hielten wie die gute Gesellschaft heute. Das hier aber — das ist doch der reine Anachronismus.«
Willibald und die jungen Herren von der Akademie, die sich vor Entzücken über die »fabelhafte« Echtheit ihrer Gewandungen nicht zu lassen wußten und sich gegenseitig beschauten, betasteten und beschnüffelten, sahen sich sprachlos an. Der Horizont verfinsterte sich eine Weile. Dann meinte ein langer Akademiker wegwerfend: »Laßt den Kerl doch laufen, der hat ja keine Ahnung von echt!«
Hans trat zurück. Er wollte heute keinen Streit; auch machten ihn die sonderbaren Käuze lachen.
Das stilgerechte Kostüm aus purpurnem Samt, das sich eng an seinen schlanken Leib schmiegte, gab ihm ein fremdartiges Aussehen, und der feine Kopf mit dem braunen Haar erinnerte in der Tat an einen alten, seltenen Stich. Die purpurne Kappe mit den silberschillernden Reiherfedern saß fest im Gelock. Die Hände falteten sich über dem Griff des Degens.
Hüsgen ließ die Stellungen einnehmen. Die jungen Akademiker fanden sich überraschend schnell in die Situation und bildeten in ritterlicher Attitüde den Hofstaat und die fremden Gesandtschaften. Die alte Tradition, die Düsseldorf von jeher den Ruhm zuspricht, unübertroffen im Arrangement lebender Bilder zu sein, wurde wie auf ein Zauberzeichen in diesen formlosen Burschen lebendig. Sie standen da mit dem Anstand von Adelsgeschlechtern, und die bunten Lumpen wurden zu Prachtgewändern. Jetzt führte Hüsgen als mißgestalteter, finsterer Gianciotto Malatesta sein Weib Francesca ein, und Totenstille herrschte. Jeder der jungen Künstler spürte die Macht der Schönheit.
Das war Francesca. Blaß war sie wie eine weiße Rose, in deren Kelch eine Flamme sitzt. Das aufgenommene Haar lag wie Sonnengold auf der Stirn. Die mädchenhaften Formen des Körpers hoben sich unter dem reichbestickten Brokatgewand, und unter dem schweren Saume zeigten sich die scheuen, zierlichen Kinderfüße. Sie konnte nur langsam vorwärts schreiten, denn Fräulein Malchen als traute Gespielin hielt sich so würdevoll, daß sie die Schleppe der Fürstin, die sie trug, straff zog wie ein Sprungtuch.
Malatesta geleitete Francesca zum Thronsessel und nahm neben ihr Platz. Zur Seite hinter ihr stand Hans Steinherr-Paolo, versunken in diesen Traum von Jugendschönheit. Jetzt hob Francesca den Kopf, und ihre Blicke begegneten den Blicken Paolos. In diesem Augenblicke dachten beide nicht an die Gestalten, die sie darzustellen hatten. Francesca sah das feingeschnittene, leidenschaftliche Jünglingsantlitz, ihre Augen hingen in rückhaltlosem Staunen an seiner Erscheinung und ließen sie nicht los. Und während Paolo mit halbgeöffneten Lippen den keuschen Duft ihrer Haare einatmete und sich mit Augen, in denen ein Suchen und Sehnen war, unwillkürlich näher beugte, schwellte ein tiefer Seufzer die Brust Francescas, und ein geheimnisvolles Lächeln zog durch ihren Blick. Das Lächeln des Mädchens, das das Weib in sich erwachen fühlt.
»Bravo, bravo!« rief stürmisch die »Gesandtschaft« vor ihrem Thron. Ein Jubelgeschrei raste durch die jugendliche Versammlung, und Hüsgen-Malatesta versuchte auf seinem Thronsessel den Kopfstand. Gesandte und Mannen sprangen herzu und halfen dem überschwenglichen Fürsten wieder auf die Beine.
»Habt ihr’s gesehen?« rief er. »Habt ihr’s gesehen? Diese Bewegung? Diesen Blick? Das war Musik, he? Eine ganze Geschichte in einer Sekunde. Das große Vergessen im Liebestrank!«
Er stolzierte aufgeregt umher.
»Was sagt ihr nun? Nix! das glaub’ ich — Aber wenn ihr einen bloßen Schimmer hättet, was mich das für Müh’ gekostet hat, den beiden das einzupauken. Innerlichkeit konzentrieren, hab’ ich gesagt, Innerlichkeit! Über Nacht ist es gekommen. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Aber dieser Herr war ich. Und wenn ich die Blasphemie morgen am Tag dem Pater Servatius beichten sollt’ und mit hundert Rosenkränzen gepönt werd’! So, und nun bedankt ihr beiden euch bei mir, daß ich euch hab’ was lernen lassen. Vorwärts, umkleiden zum zweiten Bild.«
Die beiden Mädchen waren ins Nebenzimmer geeilt. Hans Steinherr zog sich hinter die Bühne zurück, um seinen Anzug zu wechseln. Hüsgen warf als Rachegeist, der in der Nacht heimeilt, um die Untreue von Weib und Bruder zu bestrafen, einen weiten Mantel um die Schultern und nahm den blanken Stahl in die Faust. Alle Anwesenden, die in diesem Bilde nicht mitwirkten, hatten sich in den Hintergrund des Zimmers zurückzuziehen, das einstweilen verdunkelt wurde.
Nun tastete sich Francesca zur Bühne. Hans-Paolo half ihr hinauf und nahm mit ihr die Pose ein. Hüsgen-Malatesta ließ, zusammengekauert wie ein sprungbereiter Tiger, den Degen schwirren.
»Licht!«
Nur die Gasflamme über der Bühne strahlte hell auf. Ein unerwarteter Anblick: