Die Ströme des Namenlos

Part 9

Chapter 93,977 wordsPublic domain

Nun wußte ich freilich, was er meine: er hatte das Gedicht in der Hand, das mir an jenem Morgen eingefallen war. Das wurde nun auf einmal gefährlich lebendig; ich war voller Scham und hätte es gern wieder zurück gehabt.

»Ich meine,« sagte ich verlegen und nahm den Reisigbesen wieder in die Hand, »Sie sollten ein wenig da weggehen; Sie werden sonst dreckig.«

Er sah mich groß und betrübt an. »Sie tun ganz recht dran, wenn Sie mich verspotten! Da lauf ich an Ihnen vorbei, als ob Sie die Gäns-Amei wären, und Sie müssen auf dem Acker stehen und Rüben heraustun und Mist führen und haben so etwas Wunderbares in sich drin. O, ich schäme mich so! und ich meine, es müßte der Großmutter und allen auch so gehen, weil keiner gewußt hat, was für ein großer Mensch Sie sind. -- Machen Sie denn oft so etwas? O, Sie müssen Mörike lieb haben, nicht wahr, wenn Sie so dichten?«

Ich gestand beklommen, daß ich weder von Mörike noch andern Dichtern viel wisse; doch glitt er allsogleich zart und schnell über das hinweg, was mich beschämte, und strahlte mich in heller Freude an. »O, ich habe ein ganzes Kistlein voll Bücher da. Homer und Hölderlin und ein paar Bände Goethe und viel Moderne. Sie können alle, alle haben. Kommen Sie doch heute Abend in meine Stube; ach ja, Sie müssen kommen. Es ist auch eine Literaturgeschichte da. O Fräulein, ich möchte so gern Ihr Freund sein.«

Ich kann mich jenes Abends noch mit seltsamer Deutlichkeit erinnern. Da der junge Mensch nicht abließ, mit Bitten und Drängen zu betreiben, daß ich auf den Feierabend in seine Stube käme, so versprach ich's endlich zögernd und widerwillig. Ich drückte mich den ganzen Nachmittag unmutig herum, besann mich noch im letzten Augenblick auf eine Ausrede und ging endlich doch zur verabredeten Zeit zu ihm hinüber. Dann saß ich steif und feierlich auf einem Stuhle, schämte mich in meinen Kleidern, die nach Dung und Kuhstall rochen, elend vor dem noblen, jungen Herrn, dazu hatte ich ein Hühnerauge, das mich übel plagte, und hielt mühselig die schläfrigen Augen offen; es war alles unbehaglich und beschämend und lächerlich, und das Unbehaglichste und Widersinnigste war, daß ich dachte, ich müsse nun inmitten dieser komischen Situation von meinen Empfindungen und geheimen, innerlichen Angelegenheiten reden, was mir überaus abgeschmackt und widerwärtig erschien.

Doch war der junge Mann in denkbar bester Laune und einer freudigen Erregung, nahm von seinen aufgestapelten Büchern eins und fing an, mir daraus vorzulesen. Es waren Gedichte; und indem der feine Junge so am Fenster stand in einer schönen, abendlichen Helle und ihm die blonden Haare leicht und lässig und kindhaft in sein weiß und rotes Gesicht fielen, überkam mich die Begier und dunkle Sehnsucht, in jenem andern, höheren Reiche zu leben, das unsichtbar und köstlich und edel alle diese Leute zusammen hielt, so stark und mächtig, daß jäh alle Schläfrigkeit und alle Pein und Komik von mir abfielen, und ich mit dürstender Gespanntheit und Begierde Sinn und Worte und Schönheit dieser Stunde in mich aufnahm. Mein Geheimstes und Innerlichstes, das eben noch voller Scham zurückgedrängt war und vieles davon mir selber noch kaum bewußt, lag nun frei und offen zutage, der Dichter sprach in seinen Versen so groß und glühend und hinreißend von solchen Dingen, daß es mir Wonne erschien, mein eigen Teil daran zu haben, und daß ich nun ohne Scheu dachte, daß man in einem guten Ernste auch davon reden könne. Und als ich den jungen Menschen in seiner ganzen liebenden, jugendlichen Inbrunst diese Verse sagen hörte, war mir jene Welt, die mir bisher tot und unzugänglich und fern gewesen war, urplötzlich nahe gerückt, goldene Tore und ungeheure, schimmernde Reiche waren vor mir aufgetan, und ich gab mich voll tiefen Beglücktseins hin, sie zu erfassen.

Als es dunkel wurde, legte der junge Mensch das Buch weg, und wir waren eine Weile still. Dann fing er an, in die dämmerige Stube hinein zu sprechen.

»Ach Fräulein, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie darum beneide, daß Sie dichten können! Es ist gewiß nicht wegen dem Ruhm oder weil Sie vielleicht später Geld damit verdienen können; bloß deshalb, weil Sie das Alles so in sich verschaffen können, und die Macht haben, es mit einem Lied oder Vers wieder von sich zu tun. Sie haben es unverschämt gut, wissen Sie, daß Sie Ihre Leidenschaften und Ueberschwänge so ableiten können, wenn sie Ihnen zu viel werden. Wenn Sie mir bloß ein bißchen davon geben könnten! Sehen Sie, das ist bei mir sicher eine Krankheit und nicht in Ordnung so; ich kann alles Große und Schöne nur in ganz mäßigen Grenzen ertragen; wenn es darüber hinaus geht, bin ich einfach am Ersticken und am Verrücktwerden!«

Er lief zum Fenster hinüber. »Da ist nun bloß ein Himmel in der Nacht und ein dunkles Feld darunter; und das ist überall so und schon millionenmal so gewesen, und alle andern Leute sehen's auch, und die wenigsten sagen was drüber. Mich aber kann schon dieses, weil es so schwermütig ist und so still und so unsäglich schön, vor Wonne zum Stöhnen und Rasen bringen. Und ich stehe stumm dabei und kann es in kein noch so armseliges Reimlein und Tönlein bringen, und es erdrückt mich doch fast! Wenn nun einmal irgend etwas Großes und Gewaltiges über mich kommt, -- o, ich weiß nicht, was dann draus wird!«

»Goethe sagt das auch manchmal,« fuhr er traurig fort; »es ist im Werther; hier, hören Sie.« Er nahm ein Buch, holte eine Kerze her und zündete sie an. -- »Die menschliche Natur hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid und Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald der überstiegen ist. -- -- Und hier, ein paar Seiten vorher, als er von jenem Frühlingsmorgen schreibt: -- ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.« --

»Ach, wie ein Anderer sich vor Schwermut und Kummer das Leben nimmt,« sagte Gottfried, »so könnte ich's vor Lust und Ergriffenheit tun; wie selbiger seine Trauer einfach nimmer ertragen kann, so geht mir's mit der Schönheit; ich empfinde sie in manchen Augenblicken so übermäßig stark, daß meine Nerven dann völlig versagen!«

»Aber können Sie denn nicht doch etwas tun, um das in sich zu verschaffen?« meinte ich; »etwa Klavier spielen oder singen oder zeichnen, oder schließlich tanzen -- --?«

»Das geht alles nicht; ich bin talentlos wie ein Sägbock. Und mit der Musik steh' ich überhaupt verschroben. Ich habe keine Ahnung von Gehör; Musik ist mir meistens bloß ein Geräusch, dem ich nichts abgewinnen kann. Als Kind habe ich geheult, wenn jemand sang oder Klavier spielte; dann kam eine Zeit, wo ich mir wirklich Mühe gab, etwas Schönes an der Musik heraus zu finden, und wenn jemand Klavier spielte, strich ich drum herum wie um ein verschlossenes Gartentürlein. Aber ich lief meistens betrübt wieder davon, denn es war so wie vorher auch. Und ich konnte ungeheuer wütend werden, daß es etwas gibt, wo jeder sich umsonst Genuß und Schönheit und Erquickung holen kann, und ich allein kapiere es nicht und habe nichts davon! -- -- Jetzt bin ich manchmal froh dran, daß es so ist; wenn ich auch noch Musik empfände, könnt ich vollends ganz umschmeißen. Sehen Sie, ich gehe so leidenschaftlich gern ins Theater, wenn nun ein wirklich großes, schönes Stück gegeben wird, habe ich immer Angst, ich müßte etwa einmal stöhnen oder heulen, oder ich könne nicht bis zum Schlusse still sitzen, oder es sonstwie nicht ertragen; da ist es mir immer recht, es ist ein bißchen Musik dabei, oder es ist eine Oper; das Geschätter und Getöne hält mich dann so angenehm nüchtern und kühlt mich ab. -- Gelt, Sie sind entsetzt --; es ist aber leider wahr.

Aber darin haben Sie recht: es wäre vielleicht alles gut bei mir und in Ordnung, wenn ich musikalisch wäre und irgend ein Instrument spielen würde. Mein halbes Leben gäb ich drum, wenn ich geigen könnte!«

Er schwieg und sah bekümmert in die Flamme seiner Kerze.

»Ich glaube,« sagte ich nach einer Weile, »ich habe schon ehe Sie mir das gesagt haben, gewußt, daß so irgend etwas Besonderes mit Ihnen los ist.« Und ich erzählte ihm, wie er mich diesen Sommer schon manchmal aus dem Gleichgewicht gebracht habe, und wie er gerade es gewesen sei, der mir immer jenes Reich der Feinen und Gebildeten verkörpert habe, nachdem es mich so sehnsüchtig zöge.

»Ach, Fräulein,« rief er nun wieder hell und lebhaft, »ich glaube, da sind Sie auf einer falschen Spur. Sie müssen doch nicht an mir hinauf sehen, weil ich Bücher habe und Zeit, sie zu lesen, und weil ich einen sauberen Kittel besitze und im Gras liege, wenn Sie arbeiten; das ist doch nicht so etwas extra Schönes oder Erstrebenswertes, und Sie können jederzeit auch dazu gelangen, sobald Sie nur wollen und schließlich Zeit und Geld dazu haben. Ich verstehe Sie schon, wenn Sie von einem geistigen und unsichtbaren Reich sagen; aber spüren Sie denn nicht, daß Sie da schon lang selber drin sind? Ach, Fräulein Agnes, wenn man solche wunderbaren Sachen macht wie Sie!

Aber es gibt etwas, das mir eigen ist und vielleicht haben Sie das herausgemerkt; es ist das Einzige, warum Sie mich vielleicht ein bißchen liebhaben und verstehen müssen. Ich wüßte sonst nichts, das mich Ihnen näherbringen könnte, und ich möchte doch so schrecklich gern, daß ich ein bißchen Ihr Freund sein darf.

Sehen Sie, ich habe mich schon darüber besonnen und kann es Ihnen doch nicht so recht sagen. Es ist vielleicht das: daß ich oft bei Nacht plötzlich aufstehen muß und ans Fenster laufen und eine Weile in die Nacht hinaussehen, oder daß ich einen Baum oder eine Blume oder ein Bild liebhaben muß wie einen Menschen und stundenlang bei ihm sein und es küssen und mit ihm sprechen und lauter solche Sachen, die doch ein anständiger und geistig normaler Mensch eigentlich nicht tut. Und zum Beispiel, daß es bei mir gar nicht auf irgend etwas Aeußerliches ankommt, wie es mir zu Mute ist und in welcher Laune ich bin; denn wenn das wüsteste Wetter ist und ich dazu hin Hunger oder einen Schnupfen habe oder mir jemand gestorben ist, kann es mir trotzdem unbegrenzt fröhlich zu Mut sein, und dagegen bin ich oft traurig, wenn alles stimmt und es mir gut geht. Oder daß ich mich so wahnsinnig drüber ärgern kann, wenn einer, der bloß ißt und trinkt und schläft oder nach Geld oder einer guten Stelle strebt, glücklich ist und sich noch damit rühmt, daß es ihm so gut geht; und dabei ist er eine ganz gemeine Kreatur und das, was er tut, gar nicht gelebt. Oder daß ich einem schönen Menschen nachlaufen muß oder ihn immerfort ansehen, auch wenn es sich gar nicht gehört. Und wenn mich etwas freut oder wenn ich es schön finde und dafür begeistert bin, geht es manchmal mit mir durch, und ich muß heulen oder stöhnen oder davon laufen und kann mich nicht mehr bezwingen.«

Er atmete tief auf und sah mich erregt und begierig an.

»Und nun müssen Sie sagen, ob Sie das nicht auch so haben, und ob wir nicht ein wenig zusammen gehören, gerade, weil wir beide so -- so sind?« -- --

Ich nickte ihm zu und mußte lächeln. »Ein bißchen schon, wenn Sie das tröstet, Herr Finkenlohr, aber ich weiß nicht einmal, ob mir das recht sein soll. Ich habe auch nicht so viel Zeit dazu und bin dazuhin älter als Sie und muß nun anfangen, vernünftig zu werden. Es ist für ein armes Mädchen wie mich, das schaffen muß und sich durchbringen, nicht sehr rentabel, so zu sein.«

Und ich erzählte ihm Urschels Urteil über solche moderne Menschen, von denen sie sagte: -- weißt du, das sind gewiß sehr interessante Leute, und man kann recht schöne Bücher von ihnen schreiben; aber im Grund sind es eigentlich doch traurige und erbarmungswürdige Tröpfe, leisten nichts und bringen die Welt um keinen Pfifferling vorwärts; wenn sie ordentlich schaffen müßten, wären sie bald gründlich kuriert. --

»Ich bin dann immer beschämt in mich gegangen. -- Aber nun muß ich doch lachen, wie ich Ihnen das erzähle und tue, als ob ich Ihre Großmutter wär. Und ich bin doch im gleichen Spital krank!«

»Ach, da hat Ihre Freundin aber nicht recht gehabt,« rief er; »mein Gott, ja, wenn man sich Mühe gibt, kann man sich vieles abgewöhnen, und wenn ich arbeiten muß wie ein Zugochs, werde ich auch nicht mehr viel andere Gelüste haben als Hunger und Schlaf. Aber dann wär ich glücklich auf jenem Bäcken- und Flaschnersstandpunkt angekommen und müßte mich selber anspucken vor Verachtung. Wenn einer ein Dichter ist oder Musiker oder sonst irgend etwas Positives dabei leistet, dann lassen die Leute seine Art und seine Launen und seine Empfindsamkeit schon gelten; sie sind nur nicht zufrieden, wenn nichts dabei herauskommt.«

»Wer weiß,« fiel ich ein, »vielleicht werden Sie doch noch einmal ein Dichter. Wenn Sie doch das Spintisieren und Sonderbarsein dazu schon in sich haben.«

Nun sah er mich belustigt an. »Wissen Sie, ich hoffe immer, Sie verraten mir das Rezept dazu. Ich habe so eine blasse Vorstellung, daß man sich dazu auf sein Sofa setzt und das, worüber man dichten will, als Aufsätzlein oder in Stichwörtern sauber auf ein Papier schreibt:

Rose Mädchen duften Abendsonne wunderbar

und nachher probiert man dann, wie sich's reimt. Nicht wahr?«

Nun mußten wir beide lachen und kamen darüber in ein kurzweiliges und reges Gespräch, daraus uns unvermutet und erschreckend der erste Hahnenschrei riß.

»Um Gotteswillen, Herr Finkenlohr, es ist schon bald Morgen, und um halb sechs muß ich wieder im Stall sein!«

»Ach, lassen Sie sich's nicht gereuen! Schlafen können wir, wenn wir alt sind und klapperig und keine Zähne mehr haben. Ich freue mich doch so, daß Sie da sind. Und morgen kommen Sie wieder, gelt?«

Er stand so vor mir, seinen blinzelnden Kerzenstumpf in der Hand, und sah mich mit einem prächtigen Lachen an, daß es mir warm und glückhaft durch den Leib rann und ich ihm lächelnd meine Zusage nickte.

Indem wir uns dann gute Nacht und guten Morgen sagten, bat ich ihn, er möge mir noch geschwind zum Abschied die letzten jener Verse lesen, die mir am Abend so gefallen hätten. Dann stand ich an der Tür und hörte zu; und als er zum Schlusse kam, ging ich still hinaus und ließ einen Spalt offen, daß mich Vers und Kerzenscheinlein noch ein Stück die dunkle Stiege hinauf geleiteten. In meiner Kammer aber ließ mich ein seltsam gehobenes und absonderliches Gefühl, das ich noch nie gekannt hatte und mir nicht zu erklären wußte, noch eine Weile nicht zur Ruhe kommen; es packte mich so, daß ich in sanfter Verwirrung meinen alten Kleiderkasten küßte und streichelte, meinen Kopf am Fensterrahmen rieb und die Katze, die, durch meinen nächtlichen Gang aufgestöbert, sich schnurrend vor der Tür herum trieb, zu mir herein nahm und zärtlich aufs Fußende meiner Bettstatt legte, bis ich durch dergleichen närrischen und gefühlvollen Hokuspokus endlich doch im Bette landete, wo ich mir mit andächtiger Freude die eben verklungenen Verse wiederholte, soweit ich sie noch im Gedächtnis behalten hatte. Ich bekam sie aber doch nicht ganz zusammen, besann mich fürchterlich darauf, reimte und reimte und brachte einen unendlichen Unsinn zuwege, worüber ich am Ende in vergnügter Beschämtheit einschlief.

Wir waren nun im September und die strengste Feldarbeit vorüber; dies kam mir mächtig zugute, denn nach einem vierzehnstündigen Erntetag wäre ich abends auch über dem Faust -- eingeschlafen. So aber begann mich nun der junge Mensch in ein schwärmerisches nächtiges Leben hineinzuziehen. Es ging eine herrliche Zeit an, und jeder Tag war ein Fest.

Des Morgens lief ich mit zwei großen Körben in die weiten Baumwiesen hinüber, um das Obst aufzulesen, das in der Nacht gefallen war; und das köstliche Schauspiel des frühen Nebels, der zu Anfang noch mit zauberischem, blauem Duft die Ferne verhing und vor dem klaren und kräftigen Glanz der heraufsteigenden Sonne in leise Dünste verrann, erfüllte mich mit andächtiger Wonne, darein der Jubel meines bewegten Herzens samt allen Versen, Geschichten und heiteren Gedanken des vergangenen Abends und den schönen Träumen der Nacht frohbeschwingt mit einstimmte. Ueber Mittag gab es in Haus und Küche drängend viel zu schaffen, und ich war, wenn auch nicht müde, so doch weniger lebhaft dabei als die Wochen zuvor, denn stetig ging mir stille und in innerer Abgekehrtheit die neu aufgeblühte Lust weiter. Kam es aber gegen Abend, so wurde ich von einer hellen und mächtig feierlichen Stimmung erfaßt; kaum war nach der Abendsuppe der Löffel gewischt, verschwand ich auf meine Kammer, um dort eine Reihe von Handlungen zu verrichten, die mir unendlich wichtig und durchaus notwendig zu den bevorstehenden wunderbaren Stunden schienen, und die ich so weihevoll als möglich ausführte. Ich holte mir eine große Schüssel voll frischen Wassers und wusch mich darin vom Kopf bis zu den Füßen, daß mich die Haut brannte vor Sauberkeit, bürstete die Haare frisch und flocht meine Zöpfe aufs sorgfältigste, auch zog ich meine schönsten Schuhe und ein helles, gutes Kleidlein an und das alles mit einer Weihe, als ob's zu einer heiligen Handlung ginge, und jeden Schuhbändel knüpfte ich mit Feierlichkeit und jeder Bürstenstrich war freudevolle Andacht. War ich dann fertig und ging die dämmerige Stiege hinunter zu Gottfrieds Stube, so konnte ich nie vor seiner Tür stehen, ohne daß mein Herz leise und verwirrend zu klopfen anfing. Wenn ich hineinkam, stand er immer am Fenster wie an jenem ersten Abend, daß aus aller Dämmerung heraus sein liebes Gesicht sich leuchtend abhob und voll eines warmen, roten Abendscheins war, in sanftem Gewoge ging der Wind in den Vorhängen um ihn her, und seine Stimme tönte mir herzlich und voller Freude entgegen.

Das erste Buch, das wir zusammen lasen, war die Ilias. Kam es mir auch zu Anfang unwirklich und komisch vor, daß jene Leute, ehe sie sich die Speere an die Rippen schmissen, zuvor lange und schöne Reden aneinander hin hielten, so war mir doch von Urschel her eine starke Liebe für solche Bücher geblieben, und da mir Gottfried mit einer fast heiligen Begeisterung die Gesänge vorlas, dauerte es nicht lange, bis die Schönheit jener Verse und Bilder mein empfängliches Gemüt erfaßt hatte.

Gottfried hatte einen schönen Plan gemacht, wie er meiner literarischen Einfalt und Unschuld am ehesten beikommen könne und gedachte so an Hand seiner Literaturgeschichte mir erst Homer und die Aeltesten beizubringen und dann über die deutschen Klassiker auf die Modernen zu kommen; doch waren wir auf dieser Leiter noch keine halbe Stufe weit gestiegen, als er eines Abends, da zufällig das Gespräch drauf kam, fast erschrocken ausbrach: »Ach Gott, Sie kennen ja den Gösta Berling noch nicht!« Und wir lasen ihn noch in derselben Nacht und taten von nun an alle Pläne und Systeme beiseite, überschlugen, was uns langweilig schien, lasen Bruchstücke, durcheinander, von der Mitte an, von hinten herein und wie es uns Willkür und Stimmung gab. Ach, und wir genossen, schwärmten, glühten und waren begeistert.

Wenn ich heute an jene Zeit zurückdenke, so wird mir besonders eines mit Dankbarkeit bewußt: daß ich nämlich auf diese Weise sehr wenig schlechte und minderwertige Bücher gelesen habe und nicht wie die meisten der Leute, die ich inzwischen kennen lernte, durch einen Wust von Backfisch- und Modeliteratur erst zum Echten und Schönen durchgedrungen bin. Und daß ich, weil ich von Natur, Sonne, Erde und Mistgabel her unvermittelt in die göttlichen Gefilde Homers und Goethes versetzt wurde, mein Lebtag lang einen guten und sauberen Geschmack behalten habe. Vielleicht ist gerade daraus bei mir jenes besondere Verhältnis zur Literatur geboren, das ich vor den meisten andern Leuten eigen habe und von dem ich später noch reden will.

-- An einem Sonntagabend hockten wir bei den andern im Hof auf den Stämmen. Es war schon spät und die warme Nacht voll einem weichen, zärtlichen Gelächter, Gesumm und Heimlichtun. Wir saßen mitten darunter und nahe beieinander und hörten so drauf hin.

»Finden Sie nicht,« sagte Gottfried auf einmal unvermittelt und leise, »daß so eine über Goethe und Schiller gegründete Freundschaft, wie wir sie haben, hierher paßt wie zu meiner Großmutter eine himmelblauseidene Bluse? Hier oben hat man sein Mädchen zum in den Arm hineinnehmen und verküssen. Hören Sie doch, wie die Kerle schmatzen; es ist der reine Hohn für uns. Wir schänden den ganzen Zinken mit unserem platonischen Geflöte!«

»Sie gehören verhauen!« sagte ich entrüstet. »Wollen Sie auf der Stelle still sein mit solchen Sachen!«

Er lachte, wurde aber darauf wieder ernst. »Ja, ja, ich werde gleich aufhören. Aber eines muß ich Sie noch fragen, wenn wir schon dran sind. Und Sie müssen mir Antwort drauf geben.«

Er beugte sich dicht zu mir herab und fragte ganz leise: »Haben Sie einen Schatz, Fräulein Agnes?«

»Nein,« sagte ich ohne jedes Besinnen, doch war es mir sofort heftig leid, und es wurde mir irgendwie dunkel bewußt, daß ich hätte vorsichtiger sein müssen und das nicht so gerade heraus hätte sagen dürfen; indem ich aber noch verwirrt und überrumpelt nach Worten suchte, begann um uns herum ein allgemeines Auseinandergehen und Aufbrechen. Auch Gottfried stand auf und bot mir in seiner gewohnten Vergnügtheit gute Nacht; es blieb mir nichts anderes übrig, als auch auf meine Kammer zu gehen.

Gottfrieds Worte hatten mir einen unangenehmen und beschämenden Eindruck hinterlassen; ich gab mir die größte Mühe, ihnen nicht mehr weiter nachzudenken und sie so schnell als möglich zu vergessen; und dies gelang mir auch.

In dieser Woche ging ich an einem Abend zur gewohnten Zeit in Gottfrieds Stube hinunter. Er stand nicht wie sonst am Fenster, sondern saß am Tisch, hatte den Kopf in die Arme gestützt und sah mir mit einem sonderbaren Blick entgegen.

»Nun, was ist Ihnen für eine Laus übers Leberlein gelaufen?« fragte ich ihn und lachte.

»Ach, ich habe einen blödsinnigen Nachmittag gehabt,« fing er an. »Bitte, setzen Sie sich doch! -- Wissen Sie, nach dem Essen stöberte ich in meinem Schrank, da kamen mir ein paar Schokoladetafeln, die ich mir hierher mitgebracht hatte, in die Hand. Und da kam mir mit einemmal der Gedanke: wenn du alt bist, magst du vielleicht keine Schokolade mehr, und das war mir derartig gräßlich, daß ich meinen ganzen Vorrat nacheinander aufaß. Dann wurde mir sehr übel, und ich mußte schnell hinters Haus gehen. Und als es mir wieder leichter war, sehe ich am Krautgarten zehn Schritte weg von mir den Roßknecht stehen und die schwarze Marie im Arm haben; die hatten in ihrem Eifer von meiner ganzen Sache nichts gehört. Und ich kann Ihnen schon sagen, wie der so an ihr herumtappte und sie abschmatzte, da wurde mir noch viel übler als von der Schokolade, und ich rannte wie besessen zwei Stunden weit; und als ich mich zum Ausruhen ins Gras legte, war ich bis auf die Gunterwiesen hinauf gekommen. Da droben war es sehr schön; ich nahm einen Strauß Enzian mit, den wollte ich Ihnen bringen. Auf dem ganzen Heimweg dachte ich immerfort an Sie, und es war mir sehr vergnügt und auch ein wenig sonderbar dabei; ich weiß nicht, wie. Eh ich auf den Zinken kam, schob ich die Enzianen in meine Hosentasche, damit sie niemand sähe und schlich ganz unbemerkt in Ihre Stube und wollte die Blumen auf Ihren Tisch legen. Und dann mußte ich mit einemmal denken, daß Sie eine Dichterin sind und ein ganz wunderbarer und schöner und großer Mensch und ich bloß ein Schulbube; und da wurde es mir wieder schlecht und wütend und alles miteinander, und ich lief davon und warf die Blumen auf den Mist; dort, Sie können sie gerade noch sehen. Ich habe sogar noch geheult, und zum Nachtessen bin ich auch nicht gegangen!

Aber nun kommen Sie, wir wollen die Lampe anzünden und Mörike lesen und nimmer davon sprechen, sonst ist auch noch der schöne Abend beim Teufel.«

So fing er an zu lesen, und es schien alles ganz gut und glatt weiter zu gehen, bis vielleicht nach einer Viertelstunde seine Worte langsam und immer sonderbarer wurden, und der große Mensch mit einemmal seinen Kopf vornüber auf den Tisch in die Arme warf und schluchzte wie ein Kind.