Die Ströme des Namenlos

Part 7

Chapter 73,798 wordsPublic domain

Zu Anfang war ich auch bei der mäßigsten Arbeit sterbensmüde, matt und abgeschlagen in allen Gliedern; Frau Finkenlohr aber lachte dazu und meinte, es ginge allen Fremden so in der ersten Zeit; man müsse die gute Luft erst ertragen lernen. Und es war so; wie sich meine Seele mit den Stürmen vertraut machte, so gewöhnte sich mein Körper an Luft und Sonne und was es an Gutem droben noch gab. Ich ging in die Höhe und Breite und war am Ende des Sommers braun wie eine Haselnuß.

Die Leute dort oben paßten zu ihrem Land; sie waren rauh, derb, außen und innen und ihren Stürmen und Wettern gewachsen; aber es war, als sei von der Glut ihrer Sonne ein Teil in sie übergegangen; selten hab ich so ein lebenslustiges und leichtsinniges Völklein beieinander gefunden, wie im gottlosen Zinken droben. Mir war es recht. -- Auch die Wirtin stammte von der Gegend; sie war eine Bauerntochter, hatte aber einen Geschäftsmann geheiratet und ihr Leben im Unterland zugebracht. Erst im Alter und als ihr Mann gestorben war und die Kinder versorgt und verheiratet, war sie wieder heraufgezogen und hatte den gottlosen Zinken gekauft, der damals in einem bösen, verlotterten Zustand war.

Diese Frau genoß ein Ansehen in der ganzen Gegend wie ein König. Es waren eine Menge Anekdötlein und absonderlicher Geschichten über sie im Umlauf, da sie schon als Kind ungemein klug und willensstark gewesen sein mußte. So habe einst ihr Vater mit einem Nachbarn in einem bösen Streit und Prozeß gelebt; kein Advokat und kein Richter der Umgegend habe zu ihrem Vater geholfen, obwohl das Recht auf seiner Seite gewesen sei; denn der Nachbar war der reichste und mächtigste Hofbauer weit und breit. Da sei sie kurzer Hand eines Morgens auf einen Gaul gestiegen und gerades Wegs zum Herzog in die Residenz geritten und habe ihm und seinen Räten die Geschichte vorgetragen. Worauf der Herzog, der an dem kühnen und wohlgestalteten Bauernmädchen, das kaum zwanzig Jahre alt war, seine Freude hatte, denn auch für eine glänzende Abhilfe sorgte.

In ihrem Alter nun machte sie keine solchen abenteuerlichen Sprünge mehr. Als ich sie kennen lernte, war sie schon über siebzig; sie war ein bißchen dick und ihr freundliches Gesicht von einer Menge winziger Fältchen bezogen; auch saß auf der linken Seite ihrer Nase eine komische, kleine, braune Warze gleich einem unverschämten Witzlein. Sie arbeitete von früh bis spät in einer geruhsamen und vergnügten Art, die es einem unendlich wohl machte, um sie zu sein. Im übrigen bestand ihr Wesen aus vielen wunderlichen, halb gütigen, halb heiteren und spassigen Eigenheiten. Wenn sie ins Dorf ging, führte sie in ihrer Rocktasche stets eine Schnupftabaksdose voll gestoßenen Zuckers mit sich; schon von weitem sprangen ihr dann die Kinder entgegen und zeigten ihre Hände her. Wer aber eine sauber gewaschene Hand hatte, durfte seinen Zeigefinger ablecken und damit in die Dose fahren, sodaß er um und um mit Zucker behangen war.

Von der ganzen Gegend kamen die Leute zu ihr, um sich Rat und Beistand zu holen. Sie wies nie einen ab und gab einem jeden freundlich und so gut sie konnte Bescheid; nach einer Weile aber streckte sie ihm vergnügt die Hand hin: »Ich will Sie jetzt nimmer aufhalten; Sie werden pressieren!« und geleitete ihn mit sanfter Entschiedenheit zur Tür.

Hängte sie Wäsche auf, so war, wie auf Kommando, fast stets der strahlendste Sonnenschein; darob war Frau Finkenlohr weit und breit berühmt. Im Heuet schickten die Bauern ihre Mägde, zu fragen, wann im gottlosen Zinken gewaschen werde, damit man sich mit dem Heuen darnach richten könne. -- Hatte man einen bösen Buben, so schickte man ihn auf den Zinken als Knecht; Frau Finkenlohr brachte ihn zurecht. Hatte man ein Geldlein nötig, so lieh es Frau Finkenlohr; war eine Kuh krank, wußte jene mehr als der Tierarzt, und kam einer zum Sterben, so schickte man zur Zinkenwirtin vor dem Pfarrer.

Dazu trug sie Sommer und Winter Kleider von einer fröhlichen rötlichbraunen Farbe mit einem sanft abtönenden Geflimmer schwarzer Strichlein drin; zum Ausgehen einen kühnen und leise wippenden Kapotthut nach längst entschwundener Mode, zum Arbeiten aber eine blaue Schürze dazu, sodaß sie, wenn man noch das graue Haar und die roten Bäcklein ansah, allezeit einen vergnüglich farbigen und aufheiternden Eindruck machte.

Was es auf dem Hof an Gutem, Schönem, Wertvollem und Heiterem gab, sei es an Arbeit oder Genuß gewesen, das ging fast alles von dieser Frau aus; und je mehr ich mich diesem wonnigen Leben hingab, desto tiefer wurde in mir die Verehrung und Liebe zu ihr. Ich war noch gar nicht lang im gottlosen Zinken, als ich in einen verwunderlichen und komischen Zustand geriet: ich spürte mit einemmal, daß ich in die dicke alte Frau verliebt war -- verliebt mit allen Finessen und zu diesem Zustand gehörigen Stimmungen und gelegentlichen Nöten, wie ich es etwa in einen schönen jungen Herrn hätte sein können. Nahm ich mir voller Ernst und Energie des Morgens vor, ihr nicht den ganzen Tag lang nachzulaufen wie ein Hündlein, so war ich, kaum sah ich die blaue Schürze hinter irgend einem Stall oder Wiesenhang auftauchen, unversehens an ihrer Seite, um zornentbrannt über mich selber und beschämt wie ein armer Sünder alsobald wieder wegzulaufen, wenn sie mich fragend und verwundert ansah. Ihr wachstuchenes Brillenfutteral auf der Fensterbank der Wohnstube, ihre grauwollenen Schlupfpantoffeln unter dem Ofen erfüllten mich mit sonderbar zärtlicher Wonne und Innigkeit, sobald ich sie erblickte; rief sie mir oder nannte meinen Namen, so lief es mir wie ein süßes Gestreichel über den Leib; und zeigte sie mir in der Küche etwa, wie man einen Hasen abzog und spickte und stand dabei so dicht hinter mir, zusehend, wie ich Speckstreifelein schnitt und durch das Fleisch zog, griff auch zuweilen über meine Schulter, indem sie mirs besser wies, so stieg mir das Blut zu Kopfe vor seliger Beklemmung, so nah und vertraulich bei ihr zu sein. Auch ergriff mich manchesmal ein kindischer Neid, wenn ich sie ein Bauernbüblein streicheln sah, das von ihrem Zucker bekam, und ich hätte selber noch klein sein mögen und aus ihrer Dose schlecken.

Je länger ich aber um sie war und ihr einfaches und gesundes Wesen auf mich wirkte, je öfter ich ihr in die lieben, vergnügten Augen guckte, um so mehr fielen meine hanswurstigen Gefühle von mir ab; ich begann sie ohne alle sentimentalen Abschweifungen und Verwirrungen allmählich gerade heraus und ohne viele Worte einfach von Herzen lieb zu haben; und das so unabänderlich und ohne jede Trübung wie außer meiner Mutter wohl keinen Menschen mehr.

-- Im Sommer fuhr ich zumeist mit aufs Feld; man blieb die ganzen, langen, heißen Tage draußen und kam des Abends todmüde heim, wo man denn auch ohne viel Feierabend gleich nach dem Abladen in seine Kammer zum Schlafen ging; kaum, daß die Mägde beim Heimfahren ein Lied vor sich hinsangen oder die Knechte nach der Abendsuppe noch eine Pfeife rauchten. Aber selig, schön und wie lauter strahlende Feste standen jeweils zwischen den schweren Wochen die Sonntage. Frau Finkenlohr litt es nie, daß man am Sonntag aufs Feld ging oder etwas auf dem Hof schaffte, wie es die Bauern in den Dörfern auch meist am Sonntag taten; und mochte es noch so dringend sein. Nach dem Mittagessen ging man auf seine Kammern und hielt einen langen herrlichen Schlaf, darein einem kein Kurgast schellen durfte; die späten Nachmittage aber vertanzte man in einer leeren Scheuer hinter dem Haus. Es kamen noch junge Leute vom Dorf dazu; die Mädchen hatten helle und sonntägliche Kleider an, die Knechte und Bauernburschen aber tanzten in ihren weißen Hemdärmeln. Zumeist waren es große und kraftvolle Leute mit braunen, schönen Gesichtern; sie waren oft wie rasend vor ausgelassener Fröhlichkeit, rochen nach Heu und nach Sonne und man hing beim Tanze köstlich leicht und sicher in ihren starken Armen. Ein barfüßiger Bub saß auf einem Strohhaufen im Eck und spielte uns auf einer Ziehharmonika; je und je sah uns ein Kurgast zu, der draußen vorbeiging oder trat Frau Finkenlohr vergnüglich lachend unter die Tür, freute sich an uns und stellte uns ein paar Schüsseln mit Küchlein hin oder einen Korb voll Birnen und einen Krug mit einem kühlen Wein. Wurde es dunkel, so ging man auseinander; die Knechte besorgten das Vieh, die Mägde gingen zum Melken, taten die Hennen ein und kochten zu Nacht. Hatte man aber gegessen, so war man noch lang in die Nacht hinein beieinander. Es waren im Hof dicke, tannene Stämme zum Trocknen hingelegt, darauf saß es sich bequem und wer keinen Platz mehr bekam, hockte auf die Küchenstaffel oder auf den Brunnenrand. Die, die einander gut waren, küßten sich ohne Scheu und hielten sich umschlungen; und die Jungen unter den Mägden, die noch keinen Schatz hatten, taten kaum minder zärtlich miteinander, wisperten, schäkerten und lachten in die Nacht hinaus. Man trieb allerlei Spässe miteinander, sang Lieder mit vielen schwermütigen Versen und einer zog die Harmonika dazu; auch erzählte man Geschichten, war einmal fröhlich, einmal traurig und ging oft erst um Mitternacht in seine Kammern.

Im Winter war es nicht so schön; fiel auch die strenge Feldarbeit weg, so ließ doch die herbe Jahreszeit die ausgelassene Fröhlichkeit der warmen Tage nicht aufkommen. Doch war an den langen Abenden alles in der großen warmen Küche beieinander; die Knechte kamen vom Holzfällen im Wald heim, stellten die vereisten Rohrstiefel gegen den Herd, daß Wasserbäche davon liefen und zündeten sich die Pfeife an. An der niedrigen Decke liefen köstliche Gerüchlein hin vom Gansbraten und Butterkuchen der Kurgäste sowohl wie von der geschmälzten Abendsuppe und dem geräuchten Speck des Gesinds. Im Backofen lagen mit lieblichem Gebrutzel die roten Winteräpfel, von denen Frau Finkenlohr allabendlich eine Schürze voll für uns hineinschob. Die Kittel der Knechte tauten allmählich auf; man saß in einem warmen Dampf, untermischt mit dicken Pfeifenwolken, rings um einen herum war ein heiteres Gesumme und Gespräch, und hörte man noch dazu von draußen den Schneesturm ums Haus gehen, so wurde es einem ohne Grenzen wohl und geborgen zu Mut.

Zuweilen hatte ich freilich eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das hier auf dem Gottlosen Zinken nicht Brauch und Sitte war. Ich wußte es selber nicht so recht; aber es war etwa danach, ein schönes Buch zu lesen, von alter Zeit oder von fremden Ländern, oder eine feine, kluge Freundin zu haben, oder -- wenn ich mich sehr hoch verstieg, einmal mit einem zu tanzen, der kein Bauernknecht war. Besonders packten mich solche Gelüste, wenn ich je und je einen Brief von den Geschwistern bekam. Meinem großen Bruder hatte ich zu irgend einem bestandenen Examen ein Stück Speck und einen saftigen Bauernkäs geschickt; nun sandte er mir zum Dank dafür eine Photographie, darauf er mit ein paar Freunden zu sehen war. Das waren feine und vornehme Leute, und es packte mich ein leiser Neid, daß er mit solchen zusammen sein durfte, ich aber eine Bauernmagd war, -- und wir waren doch einer Mutter Kinder.

Die Regine war auf einem Lehrerinnenseminar; die Margret aber seit ein paar Jahren verheiratet. Er sei Buchhändler, ein gebildeter und gescheiter Mensch und spiele wunderbar schön Klavier; die Schwestern schrieben, die beiden seien ein prächtiges Paar; Kinder hatten sie auch und wohnten in einer Stadt, wo es sehr schön sei und sie viel Verkehr hätten.

Wenn ich solche Briefe las, wußte ich traurig, wohin meine Sehnsucht ging. Warum war ich nicht auch ein Mensch, der in einem solchen Leben mittun durfte, das mir sonderlich höher, inhaltsvoller und erstrebenswerter dünkte als das Dasein auf dem Gottlosen Zinken?

Doch waren solche Stimmungen selten und verflogen wie Wolken an einem heißen Sommertag. Die Gegenwart war zu selig und zu heiter, als daß man hätte lang an etwas Trübes oder Trauriges denken mögen. Das Leben war ohne Sorgen und so voller Wonnen jeden Tag, -- was konnte man Schöneres tun, als schaffen und seine Kräfte spielen lassen, genießen, mittun und darin untergehen! --

* * * * *

Um die Weihnachtszeit kam eine Menge reicher Kurgäste auf den Gottlosen Zinken zum Schneeschuhfahren, darunter war ein Mensch, der sich merklich von den andern fernhielt. Er war auf sein Alter hin schwer zu schätzen und mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein, ebensogut aber älter oder jünger. Er hieß Herr Bürger und war von Beruf Kaufmann, wenigstens stand im Fremdenbuch so, und seinen Lebensäußerungen nach schien er reich oder doch sehr wohlhabend zu sein. Er ging stets tadellos gekleidet, trug außerordentlich langes, sorgfältig glattgescheiteltes Haar, worunter ein regelmäßiges und hübsches Gesicht hervorsah. Es hatte einen guten, kindlichen Ausdruck, und es lag stets eine leise Müdigkeit und Trauer darüber.

Dieser Herr hatte mancherlei ausgesprochene Eigenheiten; kam ich des Morgens mit einer Schürze voll Scheitholz in sein Zimmer, um Feuer zu machen, so saß er stets am Tisch und schrieb in ein großes, schwarzgebundenes Buch. Dazu trug er einen himmelblauen Schlafrock, und man hätte ihn mit seinen langen Haaren und dem mageren, bartlosen Gesicht akkurat für eine alte Jungfer halten können. Wenn ich so nach Mädchenart meine Augen durch das Zimmer gehen ließ, entdeckte ich auf dem Nachttisch neben des Herren Bettstatt ein gleiches schwarzes Buch und dabei einen langen, schön gespitzten Bleistift und eine Nachtlampe. Es sah aus, als sei der Herr ein Gelehrter oder Dichter, der auf alle Fälle gerüstet war, wenn ihn etwa meuchlings bei Nacht ein guter Gedanke überfalle; für Diebe und Mörder aber, die das Gleiche zu tun pflegen, lag dicht daneben ein fürchterlicher Revolver, von dem ich stets hoffte, daß er nicht geladen sei. Ich hatte noch bei keinem auf dem Zinken ein derartiges Instrument gesehen, und es kam mir überaus merkwürdig vor, daß man sich hier so bewaffnen müsse.

Noch merkwürdiger, um nicht zu sagen, etwas erheiternd erschien mir eine Art von Ausstellung, die allmorgendlich auf der Kommode Herrn Bürgers prangte. Das war in peinlich genauer, unverrückbarer Anordnung eine Reihe jener Gegenstände, die ein anderer Mensch gleichgültig des Abends, wenn er zu Bette geht, mit seinem übrigen Zeug ablegt und denen er weiter keine erhebliche Achtung schenkt. Hier aber lag Morgen für Morgen unverändert außen links das seidene Sacktüchlein aus der oberen Jakettasche, in das man nicht schneuzt, zweitens das größere Sacktuch aus der Hosentasche, sodann ein zweiter Revolver und ein zweites, etwas kleineres Notizbuch, aber immer noch größer als die, die andere Leute mit sich führen. Dann kam die goldene Uhr mit geometrisch gerade liegender Kette, darnach ein Geldbeutel, ein Füllfederhalter, ein Feuerzeug und eine Taschenapotheke, und zur äußersten Rechten machte ein Abonnement der städtischen Straßenbahnen der Stadt Karlsruhe den Beschluß, und ich sann vergeblich, was ihm dieses wohl auf dem Gottlosen Zinken nütze.

Jeden Morgen ergötzte ich mich an der seltsamen Parade; kam ich später wieder hinauf, um das Zimmer zu machen, so war alles verschwunden, kein einziges Notizbuch mehr zu sehen, und Herrn Bürgers Zimmer unterschied sich in nichts von den andern, außer einer tadellosen Ordnung. Der Herr selber saß dann im Gehrock unten an einem entrückten Tischlein des Speisezimmers und las die Zeitung oder schrieb in sein geheimnisvolles schwarzes Buch.

Tagsüber ging er nicht etwa mit den andern spazieren oder zum Skilaufen, sondern blieb zumeist auf seinem Zimmer; und wenn ich klopfte, um nach dem Feuer zu sehen, saß er am Tische und schrieb unverdrossen weiter. Nur zuweilen, wenn die andern in den Wald abgezogen waren, vernahm ich aus seinem Zimmer das Spiel einer Geige, das mir fein lieblich dünkte. Ich hörte es gerne, stand manchmal eine Weile still vor seiner Tür, um zu lauschen und gewann den seltsamen Menschen darum fast ein bißchen lieb.

Nun hatte er bei Tisch eine Nachbarin, ein junges, hübsches Fräulein namens Söderblüm. Es war ein quecksilberiges, ausgelassenes Frauenzimmer, lachte und sang und tollte durchs Haus und führte die Leute an der Nase herum. Es war wirklich ein Unglück für den stillen Herrn, daß diese Person neben ihm saß. Sie plagte ihn mit allen Boshaftigkeiten, über die sie verfügte, hatte ihn beständig zum Narren und machte ihn vor den andern lächerlich. Besonders liebte sie es, bei Tische etwas fallen zu lassen, etwa ihren Serviettenring oder ihr Taschentuch, worauf er sich stets überhöflich hinunter beugte und auf dem Boden herumsuchte, daß er ihrs wieder überreichen konnte. Dabei hing ihm der ganze, strähnige Schopf seiner langen Haare über Stirn und Nase hinunter; wenn er sich erhoben hatte, versuchte er ängstlich und verschämt, die Sache in Ordnung zu bringen, aber es ward dadurch nur um so fürchterlicher. Mit der Mähne eines Mordbrenners oder Rebellen schaute er dann aus seinem guten und kindlichen Gesichte zaghaft umher und erregte jedesmal eine ungemeine Heiterkeit.

Mir tat er leid; wenn das Fräulein etwas hinunter warf, sprang ich jedesmal schnell herzu, um den bösen Zustand zu verhüten. Denn es schien mir oft, als sei Herr Bürger wirklich ein Dichter, der nun einmal mit seinen Träumen und Eigenheiten und seiner weltfernen Innerlichkeit nicht zu dem lustigen und geräuschvollen Leben der andern paßte, und dann war es doch übel angebracht, ihn deshalb zu verhöhnen und zum Narren zu haben.

Fräulein Söderblüm war auch sonst hinter ihm her; besonders, wenn er irgendwo mit einem seiner schwarzen Bücher erschien, ja, sie zog sogar mich in ihren mutwilligen Handel hinein. Eines Tags berief sie mich in ihr Zimmer, hieß mich schwören, daß ich niemand verrate, was sie mir jetzt sage, -- wartete aber meinen Schwur gar nicht ab, sondern fing an, eifrig auf mich einzusprechen. Ich sollte versuchen, eins von Herrn Bürgers schwarzen Heften zu erwischen, um es dann ihr zu bringen; etwa, wenn der Herr einen Augenblick nicht im Zimmer sei oder sonst wie. Sie wolle mir verbürgen, daß sie alles auf sich nehme, er auch sein Heft unversehrt wieder zurück bekäme, und ich solle nicht die geringsten Unannehmlichkeit damit haben; hingegen versprach sie mir ein überreichliches Trinkgeld. »Wissen Sie, Kindchen,« sagte sie am Schlusse, »bei großen Dichtern muß man das immer so machen; nachher, wenn sie das Lob und den Ruhm haben, ist es ihnen selber recht, wenn man ihrer Schüchternheit ein wenig zu Hilfe gekommen ist.«

Nachher, als ich draußen war, drehte ich ihr eine lange Nase; ich zweifelte sehr, ob sie Herrn Bürger für einen großen Dichter halte, und ich war keinesfalls gesonnen, ihr ein solches Heft auszuliefern, auch wenn ich Gelegenheit dazu gehabt hätte; eher wollte ich selber einen Blick hinein tun.

Als es ihr nicht so gelingen wollte, suchte sich das schöne Fräulein nun aufs herzlichste mit Herrn Bürger anzubiedern, und eines Tages lud sie sich selber mit ihrer Schwester und einer Freundin zu ihm aufs Zimmer ein, worauf der arme Mensch in der Küche erschien und mit todestraurigem Gesicht einen Kaffee für vier Personen bestellte. Frau Finkenlohr schickte mich, für die Bestellung zu sorgen; ich freute mich darüber und ging mit einem Brett voll Geschirr und guter Sachen vergnügt hinauf in Herrn Bürgers Zimmer. Da saßen die Fräulein bei ihm am Tisch, taten schön mit ihm, lachten ihn mit silbrigem Geklinge an, schwätzten in lustigem Lärm alle durcheinander auf ihn ein und trugen Lockenhaare und seidene Kleider. Und dieweil ich ein weißes Tuch auf den Tisch tat, die Tassen hinstellte und später leise hin und her ging, die Herrschaften zu bedienen, verging mir sachte meine Fröhlichkeit, und es wurde immer stiller und trauriger in mir. Ich spürte mit wunderlicher Klarheit, daß ich den armen, einsamen Menschen lieb habe, und es wallte heiß und hoch in mir auf, etwas für ihn tun zu dürfen und ihm zu helfen. Und ich dachte mit Bitterkeit, daß die feinen Damen ja nur ihren Schabernack mit ihm hatten und ihn im Grunde verspotteten und auslachten; die aber durften um ihn sein, weil sie von seinem Stande waren, und es war ihr gutes Recht, seine Gesellschaft aufzusuchen und sich mit ihm zu unterhalten. Ich aber mußte daneben stehen und meine demütige Hingabe in mir unterdrücken, und es war mir wohl für immer versagt, ihm etwas Liebes tun zu dürfen, weil ich eine Bauernmagd und arm und ungebildet war.

Zum erstenmal seit langer Zeit erfüllte mich eine große und tiefe Traurigkeit; sobald ich konnte, stieg ich in meine Kammer hinauf, und es liefen mir heiße Tropfen auf die weiße Schürze hinunter.

Nicht lange darauf reiste Herr Bürger ab, früher, als er beabsichtigt hatte, und ich vermute, daß dies wegen Fräulein Söderblüm geschah. Ich bekam in den nächsten Tagen einmal ein Bild geschenkt, darauf alle Kurgäste photographiert waren und entdeckte darunter mit Freuden auch Herrn Bürger. Ich hob es auf und schaute es zuweilen an; auch dachte ich in den stürmenden Winternächten, da ich lange schlaflose Stunden auf meinem Bette lag, manchmal mit leiser Betrübnis noch an ihn. Als aber das Frühjahr anbrach und auf dem Gottlosen Zinken das schöne Leben wieder anging, hatte ich ihn ob dem vielen andern, das mein Herz erfüllte, sänftlich vergessen.

* * * * *

In den ersten Junitagen widerfuhr mir ein kleines Unglück; ich brachte den rechten Zeigefinger in die Futterschneidmaschine, und es war ein ordentlicher Schrecken. Das Blut lief wie ein Brünnelein, und mir wurde, als ich das fetzige Glied besah, übel und schwindelig zu Mut. Doch wurde ich alsbald in Frau Finkenlohrs Schlafzimmer in einen tiefen und weichen Großväterstuhl gesetzt, bekam ein süßes Likörlein zur Stärkung und, da mir vor dem Doktor graute, verband mich die alte Frau sachte und kunstgerecht mit einer weißen Leinwand. Die nächsten Tage vergingen mir in höchlich angenehmer Faulenzerei; zumeist saß ich, den Arm in der Schlinge, auf dem breitästigen Holzbirnbaum im Garten, dessen niedriger Stamm bequem mit einer Hand zu erklettern war, sah neidlos und mit geheimer Vergnüglichkeit die andern ihrem schweren Geschäft nachgehen, wohl wissend, daß ich bald genug wieder mittun könne, und las einen alten Kalender oder in Frau Finkenlohrs Kochbuch, -- oder feierte so ins Blaue hinein.

Doch dauerte dies nicht lange; es wurde mir bald jämmerlich langweilig und ich hätte herzlich gern wieder mitgeschafft. Auch stand es mit dem Finger nicht gut; er wollte nicht recht heilen, begann zu eitern und tat mir weh.

In diesen Tagen kam der reiche Herr Bürger wieder auf den Gottlosen Zinken gereist, um seine Sommerfrische da zu verbringen. Er bewohnte seine alte Stube wieder und lebte genau wie im Winter; ich sah ihn aber kaum, da ich wegen des Fingers keine Gäste bedienen durfte.

Nun geschah es eines Nachmittags, daß Herr Bürger ins Dorf gehen wollte, um in der Kirche Orgel zu spielen, und Frau Finkenlohr bat, ihm jemand vom Gesind mitzugeben zum Bälge treten. Es war aber alles draußen beim Heuen und alle Kräfte aufs höchste angespannt, sodaß keine Fußzehe übrig war zu Herrn Bürgers unnützem Geschäfte. Da kam Frau Finkenlohr zu mir: ob ich nicht eine Stunde Orgel treten wolle; ich täte ihr einen großen Gefallen damit, weil sie den höflichen und ordentlichen Herrn nur ungern abgewiesen hätte. Ohne Besinnen sagte ich zu und lief alsbald an Herrn Bürgers Seite fort. Er wollte es erst nicht zulassen, daß ich mitging, weil ich ja verwundet sei und am End auch noch Schmerzen habe; als ich ihm aber lachend versicherte, daß man ja nicht mit den Händen Orgel trete, ich an den Füßen aber gesund sei und mich auf die Musik freue, nahm er's an.