Part 2
»Sie hat heut ein weißes Kleid angehabt, und morgen lauf ich mit ihr in der Freistunde herum; dann weißt du's gleich, wenn du uns siehst!«
Am Morgen lief ich die Schultreppe hinauf, und wollte eben zum letzten Stufenabsatz umbiegen, da hörte ich oben die Stimme der Emilie Maier.
»Du, Elsbeth, die Flaig hat dich gestern elend angelogen. Ich hab's gleich nicht geglaubt und heut morgen meine Mutter gefragt, die kennt die Flaig's ganz genau. Die Frau ist bloß Dienstmagd gewesen bei dem Kaufmann Plieninger, und er war schon im Narrenhaus und die Kinder haben's sicher von ihm geerbt, hat meine Mutter gesagt; das sei immer so. Ich soll nur nie mit der Flaig gehen; sie ist auch so wüst angezogen. Und wenn man so lügt! --«
Es wurde mir schwindelig, und ich mußte mich fest am Treppengeländer halten. Ich hatte die Empfindung, als fiele ich von irgendwo herunter in eine große Leere und wüßte gar nicht wohin. Endlich ging ich in die Schulstube hinein, setzte mich leise in meine Bank und sah vor mich hin die ganze erste Stunde.
Da rief der Lehrer die Elsbeth auf. Und wie so der Name Gräther durch das Zimmer tönte, war mir, als schwinge alles mit, wie die Luft um eine große Glocke herum; ich sah auf und die Elsbeth groß und fein dastehen. Die Sonne schien zum Fenster herein, und mitten in den Strahlen war der Kopf mit dem bräunlichen, schönen Gesicht und dem dunkeln Haar.
Da hätte ich aufschreien mögen vor Liebe und Schmerz; ich spürte, wie mir alles Blut ins Gesicht stieg; ich krampfte die Hände unter der Bank zusammen und wehrte mich gegen das arge Würgen, das mir heraufstieg. Ich fühlte, jetzt kann ich mich nicht mehr beherrschen, ich stehe auf und sage, es sei mir nicht wohl, -- ob ich nicht heim dürfe -- oder ich weine -- jetzt --
Da läutete die Glocke zum Vesper und alle gingen in den Hof hinunter; und in der plötzlichen verzweifelten Hoffnung, die Maier könne das vorhin vielleicht auch zu jemand anderem gesagt haben, stellte ich mich an die untere Treppe. Da kam meine Elsbeth herunter, mit der Maier Arm in Arm, und wie sie bei mir war, drehte sie den Kopf mit einer seltsam stolzen Bewegung ein wenig nach mir, streifte mich mit einem kühlen, fremden Blick, wie eine vornehme Dame einen ansieht und ging vorbei.
Da hatte ich die Freistunde, auf die ich mich so gefreut hatte, und konnte wieder auf dem Hof ins Eck stehen und zusehen, wie sie mit den andern lachte, und es war noch ärger als vorher.
Margret fragte mich später: »Du, ich hab dich aber nicht mit der Gräther gesehen!«
»O, das ist ein hochmütiges Ding, ich will nichts von ihr!« sagte ich, aber große Tränen liefen mir übers Gesicht.
Ich kam im nächsten halben Jahr in der Schule ziemlich vorwärts; ich wollte mich vor der Gräther nicht noch einmal schämen, und wenn ich so von hinten her zwischen zwei Mitschülerinnen durch ihren lieben, feinen Kopf sah, war es mir ein heißer Ansporn. Auch war es zu Haus mit dem Vater schlimmer als je. Wir Kinder brauchten die Schule und die Schularbeiten nötig, um unsere Gedanken auszufüllen; wir spürten ohnedies damals schon genug, was Nerven seien, weil wir in der Nacht so wenig Ruhe hatten.
Da hatten wir einmal den Buben ein Spiel abgeguckt, das uns absonderlich schön vorkam. Es war so, daß alle die für besiegt galten, die vom Gegner auf den Boden geworfen waren, und es ging greulich wild her dabei. Nun spielten wir's in der Freistunde. Wir waren zwei Parteien; die Elsbeth Gräther bei einer, ich bei der andern. Das Spiel war sehr lustig; eine ganze Reihe lagen schon besiegt auf dem Boden und sahen gemütlich und lachend dem tollen Ringen zu. Ich rannte gegen den Feind; da packten mich zwei Arme, ich sah die Augen der Gräther einen Moment fröhlich blitzend über mir und wurde ohne Kampf mit einem prächtigen Schwung auf den Boden geschmissen. Ein scharfer Schmerz ließ mich aufschreien, aber in dem allgemeinen Geschrei hörte das niemand. Ich war in einen spitzigen Stein gefallen und hatte eine Wunde am Hinterkopf, aus der Blut über meine Achsel lief. Ich drückte mein Sacktuch darauf und schloß die Augen und blieb still liegen.
Ich lachte in einem leisen Hohn. »So, du vornehmes Fräulein, du ehrenkäsige Prinzessin du, jetzt hast du mir ein Loch in den Kopf geschmissen. -- Geschieht dir grad recht, jetzt sind wir wieder gleich. Ich habe dich angelogen -- und du bist schuld an dem Blut, das mir herunterläuft. Komm du nur auch einmal in eine Verlegenheit, du heilige Unschuld. Mein Unrecht und meine Verlogenheit kamen aus Elend und Schmerzen heraus; ich sprach in heißer Angst und Sehnsucht um dich. Pfui Teufel, wer wird so lügen! Ja freilich. Und du kommst im hellen Hurra mit deiner Lausbubenkraft und gibst mir einen Boxer, daß ich mich blutig schlage. Es ist grad recht so; fein ist das.«
Ich spürte die Schmerzen mit einem grimmigen Behagen, und eine leise Seligkeit lief mir über den Leib.
Das Spiel war aus und man rief, ich solle aufstehen. Aber in einer plötzlichen Müdigkeit und Schwäche blieb ich liegen.
»Jetzt kommt's; geschieht dir grad recht,« dachte ich noch einmal. Die Mädchen standen ratlos und aufgeregt um mich herum, und man holte die Lehrerin.
Sie beugte sich über mich, und als eine sagte, die Elsbeth habe mich hingeworfen, rief sie laut nach ihr.
Richtig, da kam die Gräther herüber, und als ich ihre Stimme hörte, schlug ich die Augen auf. Sie war so schön mit roten Backen vom Spiel und mit den blitzenden, blauen Augen. Der schwarze Zopf hing ihr über die Schulter nach vorn herein, und wie ich sie so hübsch und begehrenswert sah, versank mein stacheliges Gefühl von vorhin, und in einem jähen Schmerz und in Traurigkeit fing ich an zu weinen.
Die Elsbeth war heillos bestürzt.
»Ja, freilich, ich habe sie hingeworfen. Wir haben so ein Spiel gemacht, wo man das mußte. Sie muß aber in etwas hineingefallen sein, so arg war der Fall nicht. Ach, das ist mir schrecklich arg!«
Und dann stand sie ganz still da, und wußte sich nicht zu helfen.
Die Lehrerin schob ihren Arm unter meinen Kopf und richtete mich auf.
»Hast du weit heim?« fragte sie.
Ich nickte. »Eine halbe Stunde die Steige hinauf!«
»Wenn dich die Gräther führt, kannst du so weit gehen?«
»Ich glaube, ja,« sagte ich.
Da band sie mir ihr Taschentuch und das der Elsbeth um den Kopf, ging mit uns ein Stück weit von der Schule weg, gab mir die Hand und kehrte wieder um.
Die Elsbeth hatte ihren Arm sorgsam unter meinen geschoben und wir waren beide still und verlegen. Als wir in der Webergasse waren, blieb ich stehen und sagte: »Jetzt geh nur wieder zurück! Ich komm' schon allein vollends heim. Es kann dir ja bloß recht sein, weil -- ich habe dich doch einmal so arg angelogen!«
Eine dunkle, rote Welle lief ihr über das Gesicht.
»Ach, das ist schon lange her!« --
»Ja, aber, du hast damals doch nichts mehr von mir wissen wollen, das ist jetzt immer noch das gleiche!«
Da tat sie einen ihrer schönen, vollen Blicke herüber und sagte langsam:
»Weißt du, Flaig, es ist nicht das gewesen, daß ich erfahren habe, daß deine Mutter nur eine Magd war und daß dein Vater -- krank ist --, ich hätte es gern der Maier nun erst recht gezeigt, daß ich mit dir verkehren will. Aber es kam mir so ein bißchen prahlerisch und verlogen vor und ich mußte nun bei jedem Aufsatz, den der Rektor von dir vorlas, denken: was die wieder zusammenlügt! Aber gelt --« das sagte sie ganz leis und wurde wieder rot dabei, als müßte sie sich schämen, »du hast nur _mich_ angelogen, daß ich nimmer so verächtlich sein sollte und so ekelhaft geringschätzig, wie ich immer war, als wäre ich etwas Besseres als du?«
Ich nickte schweigend und sah weg. Da bot sie mir die Hand hin.
»Gelt, du bist mir nimmer böse deshalb. Wir haben den gleichen Heimweg bis zum Berg hin; da können wir jetzt jeden Tag zusammen heimgehen.«
Ich schwieg immer noch und ließ mich von ihr führen, und jetzt wurde wieder die höhnische Stimme von vorhin in mir laut: »Ja, gelt, --« dachte ich, »jetzt kannst du dir Mühe um mich geben. Schwätz du nur; das ist jetzt grad recht.«
»Hast du Schmerzen in deinem Kopf,« fragte sie nach einer Weile.
»Ja,« sagte ich, und es war nicht gelogen.
»Was kann man denn tun?« fragte sie ratlos. »Soll ich ein Taschentuch an einem Brunnen naß machen und es dir herumlegen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, laß nur, es hat doch keinen Wert.«
Halbwegs an der Steige war eine Bank, da lief ich drauf zu und setzte mich erschöpft drauf hin. Sie stand vor mir und streichelte meine Hand. »Jetzt kannst du streicheln,« dachte ich wieder, »vorher hättest du mich anspucken können vor Verachtung,« und ich zog meine Hand schnell weg.
»Kannst du jetzt wieder weitergehen?« fragte sie ängstlich. »Oder soll ich dich tragen? Ich habe schon Kraft.«
»Das habe ich vorhin im Schulhof gemerkt,« sagte ich und lächelte. Da wurde sie wieder rot. Ich sah, wie sie mit sich kämpfte und blaß und wieder dunkel wurde und mit einemmal neben mir saß und ihre Arme um meinen Hals legte.
»Du, Flaig,« sagte sie leis, »du mußt nicht meinen, ich tue so, weil ich meine, ich könne damit meine Grobheit von vorhin wieder gut machen. Aber wie du im Schulhof gelegen bist und geweint hast, habe ich dich auf einmal lieb gehabt. Man hat gut gemerkt, daß das nicht wegen den Schmerzen war, sondern um -- weil einen halt jemand gekränkt und mißachtet hat. Und ich hab gedacht, ob die Maier oder die Klara Eiselen wohl auch geweint hätten, wenn ich nichts von ihnen gewollt hätte. Oder wer das überhaupt getan hätte. Und da wußte ich einfach, daß ich dich lieb habe, und daß du mehr wert bist als die Maier und die Eiselen zusammen, weil du um meine verlorene Freundschaft so traurig sein kannst. Und gelt, -- du Flaig, wie heißt du mit deinem Vornamen?«
»Agnes!«
Da fuhr sie ganz liebreich und sanft über meinen Kopf und sagte ein paarmal: »Agnes, Agnes, Agnes! Ich möchte so arg gern deine Freundin sein, und daß du mir alles sagst, wenn du traurig bist, und wie du deine schönen Aufsätze machst und an was du immer denkst, wenn du so zum Fenster hinausschaust und beinah deine Augen zumachst.«
Es war mir schwach und glücklich zu Mut. Ich spürte, wie immer mehr Blut von meinem Haar herunterlief. Ich strich mir über den Kopf und sagte: »Es tut mir so weh und so wohl. Es war eigentlich fein, daß du mich hingeschmissen hast.«
Dann gingen wir ganz langsam weiter, und sie führte mich fest. Als wir unser Haus sahen, dachte ich, ich müßte mich schämen, wenn sie in unsere ärmliche Stube hineinkäme und vollends, wenn mein Vater grad da wäre und die Werkstattüre offen. Deshalb sagte ich zögernd und verlegen: »Jetzt komme ich ganz gut vollends heim, Gräther. Weißt du, es ist so wüst bei uns, und dann --«
Sie begriff sofort. »Also, ich wünsche dir, daß es recht schnell heilt und du bald wieder in die Schule kannst. Wie schön und frei euer Haus da droben liegt in den Bäumen, man muß herrlich ins Tal heruntersehen können.«
Dann gab sie mir herzlich die Hand. »Adieu, Agnes!«
Ich erinnere mich, daß das die schönste Krankheit meiner Jugend war, die nun folgte. Die Wunde war tief und heilte sehr langsam. Aber es tat nimmer sehr weh, und ich lag oben in meiner Kammer unter dem Dach, hörte nichts als gelegentlich ein Schwätzen oder Weinen meiner kleinen Geschwister herauf und die Glocken von der Stadt in der Ferne schlagen. Die Gräther achtete meinen stillen Wunsch, nicht in unser Haus zu kommen, mit einem vornehmen Feingefühl und dachte meiner in einer lieben, zarten Weise, die mich jedesmal in eine leise Seligkeit brachte.
Jeden Tag wartete sie, wenn die Schule aus war, auf Margret und gab ihr ein Päckchen für mich mit. Weiß eingewickelt und seiden umbunden; ich glaube, ich habe die Bändel alle noch aufgehoben. Meistens war Obst oder Schokolade drin, einmal auch ein Geschichtenbuch und jedesmal lag ein Briefchen dabei, aus dem ihr ganzes gütiges, adeliges Wesen hervorleuchtete und das rührend in seiner Einfachheit war.
In der Schule tat es nun einen großen Schnapper mit mir. Ich kam um vierzehn Plätze weiter vor, und saß nun in der zweiten Bank gerade hinter der Elsbeth. Manchmal zog ich mir ihre beiden langen Zöpfe herauf und legte sie über meinen Tisch zu mir her. Wenn etwas ganz Schweres zum Rechnen kam, nahm ich einen von ihnen in die Hand, unwillkürlich fest und zuversichtlich, -- und auf einmal konnte ich es. Es war wie eine starke Wirkung und Kraftströmung von ihr her durch ihr Haar auf mich. Ich habe es ihr einmal erzählt, da lachte sie und sagte, nun müsse sie den Plan, ihre Zöpfe aufzustecken, wieder aufgeben.
* * * * *
In jener Zeit wurde mein Vater schwer krank; er bekam Tobsuchtsanfälle und man wollte ihn in eine Anstalt bringen. Als er es jedoch merkte, was mit ihm geschehen sollte, wurde er plötzlich ganz klar und völlig vernünftig und erklärte der Mutter mit der größten Bestimmtheit, wenn sie ihn forttue, hänge er sich auf und sie dürfe sicher sein, daß er diesmal sorge, daß niemand den Strick abschneide. Und einmal sagte er: weißt du denn das nicht, immer, wenn du mich von dir forttust, mache ich ein Ende. Ich kann halt ohne dich nimmer weiterleben, und du mußt mich haben, bis ich sterbe.
So behielt sie ihn denn, verbot uns Kindern, irgend jemand von des Vaters gräßlichem Zustand zu sagen, war Tag und Nacht bei ihm, pflegte, tröstete, bändigte und bezwang ihn und trug diese ganze letzte, fürchterliche Zeit mit einer übermenschlichen Kraft, bis er am zehnten Mai morgens in der Frühe starb.
Nun erst erlaubte die Mutter, daß man Hilfe hole; eine alte Verwandte kam über diese Tage zu uns; auch war eine Näherin da, um die schwarzen Kleider zu richten, und Leute gingen aus und ein bei uns, daß es uns in unserem eigenen Hause fremd und beklommen zu Mut war.
Wie schön war meine Mutter an dem Tag als der Vater starb! Ich sah einmal ein kleines Bild von einem unbekannten Künstler: Es ist vollbracht! Und der Heiland am Kreuz trug nicht die üblichen Leidenszüge und den Jammer der ganzen Welt im Gesicht, er war wie ein strahlender Held und ein Sieger in der Stunde seiner höchsten Erhöhung.
So war meine Mutter. Sie lief strahlend im Haus und um die ob solch unpassendem Gebaren verdutzte Tante Fischer herum und lächelte uns an, als habe sie uns schon lang nimmer gesehen. Am Abend aß sie mit uns zu Nacht; wir mußten ein weißes Tischtuch auflegen und sie trug den Brei in einer schönen bemalten Schüssel herein, wie es sonst nie geschah. Ich hatte auch den Eindruck, als wäre dies alles nicht bloß der Tante Fischer zu Ehren. Meine Mutter war nett und lieb, sie aß mit gutem Appetit und unser aller Stimmung war fast heiter. Dann kam die Nacht. Ich lag schlaflos in meinem Bett. Eine warme, dunkle Mailuft kam zu dem offenen Fenster herein, es war so weich und lau und einschläfernd. Ich spürte auch, wie der Margret Atemzüge regelmäßiger und tiefer wurden, das arme, liebe Ding! -- Sie mußte viel mehr unter dem allem gelitten haben als ich, und ich war für sie eigentlich noch froher als für mich, daß es so gekommen war. Ich rief leise ihren Namen hinüber, aber es kam keine Antwort.
Der Leichenbesorger, der sein Amt für heut versehen hatte, stolperte die Treppe hinab, ich hörte die Tante Fischer noch lange hin und her gehen und leise sprechen und endlich auch in ihre Gastkammer hinaufsteigen. Die Mutter schloß noch einen Fensterladen und riegelte die Haustür zu, dann wurde es still. --
Auf einmal fiel mir etwas ein, das mich ungeheuer freute. Ich stand auf und sah zum Fenster hinaus. Da drüben war der Friedhof. Die Bäume gingen im Nachtwind hin und her, und ich mußte denken, wie schön das nun wäre, drüben zu sein in der lauen Luft, die mit dem Geruch des blauen Flieders getränkt war. Da schlüpfte ich in meinen Aermelschurz und stieg zum Fenster hinaus und vorsichtig an der Kammerz hinunter, ich tat zaghafte Schritte durch den dunkeln Garten und hob zitternd die Zaunlatte weg. Dann saß ich im nachtfeuchten Kirchhofgras, der Fliederbusch roch übers Mäuerlein und große Tränen liefen mir hinunter. Es ist, glaube ich, das letztemal gewesen, daß ich anhaltend geweint habe, und es scheint mir überhaupt, daß diese Nacht ein Abschluß, und wenn ich so sagen darf, wie eine Erlösung von meinen Kinderjahren war. Es war mir einfach, als könnte ich leichter atmen und sei ein böser Druck von mir weggewischt, daß erst jetzt das eigentliche Ich herauskäme. Ich trug noch eine Scheu und Scham, es zu zeigen, und wollte es mir selber noch nicht recht eingestehen, aber ich spürte, daß es da war, und fein und fröhlich werden konnte. Ich lief die schmalen Wege auf und ab und kostete die laue Seligkeit aus, die mich durchrann. Ich streichelte den Rosenzweig der Melitta und warf mich auf des Namenlos' Grab und küßte so in die feuchte, herbe Erde hinein, weil etwas in mir überlief, mit dem ich nicht wußte, wohin.
»Ich hab dich so lieb, Namenlos; ach, es schlägt über mir zusammen und flutet mit mir fort. Du bist es nicht allein, Namenlos; es ist alles miteinander, weil es so schön ist, und ich weiß es selber nicht!«
* * * * *
Es kam nicht so ganz, wie wir's uns vorstellten. Wohl war der Vater tot, und alle Unruhe und lärmende Aufregung still; aber der Druck hatte zu lang über uns gelastet, er konnte jetzt nicht so mit einem Male behoben sein.
Ueberhaupt war das mit meiner Mutter seltsam. Sie war, ich glaube das mit Bestimmtheit annehmen zu können, ehe mein Vater in ihr Leben trat, ein lustiges und schönes, aber ganz ungebildetes Mädchen, das nicht viel über andere und noch weniger über sich selbst nachdachte.
Dann kamen ihre Ehejahre, in denen sie innerlich reifte und wuchs, wie wohl selten ein Mensch in späteren Jahren noch, da die Seele sich den Eindrücken der jeweiligen Zeiten nimmer so anpassen kann. Es war plötzlich eine innere Kraft in ihr, die sich noch stählte an all den ungeheuren Anforderungen, die ihr zugemutet waren.
Eine seltsame seelische Größe hob sie über sich selbst hinaus und hieß sie in schweren Stunden in einer plötzlichen Eingebung das Rechte tun. Sie muß sich in ihren leichtsinnigen Mädchenjahren, da sie umschwärmt und bewundert und geliebt wurde, einen guten, festen Stolz auf sich selber und eine unüberwindliche Lebensfreude erworben haben. Das und ein starker religiöser Halt halfen ihr, daß sie in allen Wettern und Nöten ihrer Ehe so steifnackig und jungfräulich stolz war und im Gemüt so unverwundbar gesund blieb.
Da aber nun die Anforderungen an meine Mutter ruhiger und kleiner wurden, ließ die Spannung ihrer Kräfte langsam nach; sie fand in ihrer Hausarbeit und Sorge für uns genügende Aufgaben und Pflichten, die ihre Gedanken vollauf beschäftigten. Ich habe nun zwar nicht den Eindruck, als wäre irgend etwas, das meine Mutter in den Kreis ihrer Pflichten aufgenommen hat, zu kurz gekommen, als hätten wir etwa zu wenig Liebe und Sorgfalt von ihr genossen; aber es ist mir so, als sei damals das Beste in ihr unverbraucht verdorrt und die göttlichen Quellen in ihr versiegt, da man ihrer nimmer bedurfte.
Und so war auch die prachtvolle, heitere Freundlichkeit von jenem Abend, die uns so froh und erwartungsvoll gemacht hatte, von kurzer Dauer und ging bei uns allen unter in einer stillen, unbehaglichen Zeit, da man sich mit dem guten Zustande noch nicht recht abfinden konnte.
Auch waren wir ja durch den Tod unseres Vaters bitter arm geworden, was uns manchmal nicht wenig niederdrückte. Nur mit allen vereinten Kräften konnten wir uns über Wasser halten. Meine Mutter kaufte eine Strickmaschine und wir Mädchen mußten helfen mit Maschenauffassen und Zusammennähen. In den Schulen bekamen wir Freistellen, und dem Greiner streckte jemand Geld vor zum Studieren, weil er so ein ordentlicher, gescheiter Kerl war.
Eine Zeitlang nach unseres Vaters Begräbnis ging meine Mutter daran, das Gelaß im Erdgeschoß, das ihm als Werkstatt gedient hatte, zu lüften und als Schlafstube für uns Kinder umzuräumen. Es war ein lichter, seliger Sommertag; das Gärtlein war in der Blüte; ein Baum mit frühen Birnen stand drin und das süße Obst hing reif und lockend in der Sonne; auf der Wiese blähten sich die roten Bettstücke, unsere Geiß sprang frei dazwischen umher und meckerte fröhlich in die Lüfte, dazu ging unaufhörlich ein weicher, säuselnder Wind, nicht warm, noch kühl, aber mit einer leise tönenden, seltsamen Schwingung und Bewegung. Es war uns allen ungemein wohl; pfeifend stand der Greiner am Brunnen und putzte die Fensterläden, indes wir Mädchen wie ein Schwarm Hummeln im Haus herumschafften; dazwischen ging lieb und lächelnd die Mutter ab und zu, sah nach dem Rechten und kochte Schwedenknöpfe zu Mittag.
Des Vaters Stube war, da er nie erlaubt hatte, daß man gründlich darin putze, elend muffig und verräuchert; um uns zu beweisen, wie schwarz die Decke sei, zeichnete Margret, die oben auf der Leiter stand, mit dem Zeigefinger einen Ring hinein; sodann zog sie quer durch noch eine Ellipse -- da war es ein Saturn. Und weil es so hübsch aussah, geriet sie in Begeisterung, und unversehens war da an der Decke ein ganzes Himmelszelt mit Kometen und Sternbildern und Sonne und Mond in der Mitte, die Sonne rundlich und lachend, der Sichelmond aber dürr, spitzig und wütig, so daß der Hannes bemerkte, er sehe dem Vater gleich. Da fingen wir an zu lachen, Margret schrieb der Eltern Namen unter die beiden großen Himmelslichter, und da uns die Mutter den Spaß nicht verdorben hat, ist noch heutigen Tages in unserer unteren Stube das damals entworfene Firmament an der Decke zu sehen; und wenn eines von uns aus der Fremde heimkommt und wieder einmal eine Nacht in der alten Schlafstube liegt, freut es ihn unmäßig.
Merkwürdig, wie deutlich ich mich noch jenes sanft durchwehten Sommertages erinnern kann! Ich weiß sogar noch, daß wir eine Drahtseilbahn vom Dachstock herab errichteten, daran wir Betten, kleine Möbelstücke und sonstiges Geräte in die neue Stube herunterließen; unter infernalischem Jubelgeheul schwebte zum Schlusse in einsamer Größe der irdene Pottschamber nieder. Wir wurden immer wilder, und gegen Abend stiegen Lust und Geschrei und Uebermut derart, daß uns die Mutter zur Abkühlung ein Bad im Brunnen riet. Meine Geschwister waren flinker als ich; bis ich die Röcke und mein Hemdlein herunter hatte, saßen sie schon alle im Wasser, und es gab keinen Platz mehr für mich.
Es war aber an der Seite unseres Brunnens ein geräumiges, steinernes Tröglein, in das das Wasser ablief und aus dem die Hunde soffen, weshalb es bei uns der Hundsgumpen hieß, da setzte ich mich hinein. Das Wasser war wonnig kühl an meinem heißen Leib; hie und da lief von dem Toben der Geschwister der Brunnenrand über, und ein klarer Schwall flutete mir über Schultern und Rücken; das konnte ich mächtig gut leiden; ich hielt ganz still und wartete auf eine neue Woge. Dazu war der sonderbare Wind nun stärker geworden, und von einer ganz leisen, abendlichen Kühle; er strich mir weich und lauernd um die klopfenden Schläfen, reizte mich und machte mich seltsam erregt. Er wehte mich durch und durch; ich meinte, ihn in allen Gliedern wie ein wundersames Fieber zu spüren, das mir alle an diesem Tage erlebten Dinge in einem neuen, rätselhaften Lichte zeigte.
Erschrocken, erstaunt über mich selber saß ich da im Hundsgumpen, ließ mir das Wasser über den Leib laufen und rührte mich nicht; der Hannes schrie: »Mutter, 's Agnesle spinnt!« -- und schickte mir eine neue Flut; doch störte es mich nicht. Es gärte und arbeitete in mir, ich hätte heulen und lachen und stöhnen mögen und spürte doch, daß das, was da mit einer mächtigen Kraft in mir durchbrechen wollte, damit nicht behoben wäre.
Die Sonne ging unter; im Dunkeln über dem Walde hing sehnsüchtig und traurig ein Stern; meine Geschwister jauchzten, bespritzten ihre weißen Leiber und hielten die Köpfe unter den Strahl. Vor dem Brunnen stand lächelnd meine Mutter, sie beugte sich über uns und murmelte etwas: »Kinderlein -- o ihr!« und dann -- es hat es aber niemand außer mir gesehen, -- fiel ihr eine Träne in das Wasser.