Part 16
Die Stadt lag mit dem Zug zu fahren eine Stunde von der unsern weg; ich erfand nun Adolf gegenüber eine Ausrede, fuhr hin und wurde von dem Redakteur und seiner lebhaften Frau freundlich empfangen. Dann wurde ich zum Nachtessen eingeladen, es war noch ein Herr da, der etwas von der Schriftstellerei verstand, ich mußte erzählen, sprach auch von meinem Roman, den ich schreiben wolle, und es war mir zumut wie im Traum und Märchen. Dabei erfuhr ich auch zum erstenmal, daß man mit dem Bücherschreiben wirkliches Geld verdienen konnte; Gottfried hatte das nicht so recht gewußt, und Adolf hatte ich in meiner Angst, er möchte etwas von meiner Schriftstellerei erfahren und mich deshalb auslachen, nie darüber zu fragen gewagt. Nun war ich ungemein erstaunt und erfreut darüber.
In der schönen Sommernacht fuhr ich heim. Das Herz war mir voller Hoffnungen und seligklopfender Erwartung. Die ganze leuchtende Ferne meiner Träume war vor mir aufgetan; die fremden Länder und Meere und Herrlichkeiten meiner Sehnsucht wollten Wirklichkeit werden und waren mir zum erstenmal verlockend nahe. Ach, nun sollte alles Zufällige, Kleinliche und Hemmende wegfallen, mein Leben sollte mir gehören und ganz in dem beständigen, unangreifbaren Reich des Geistes sein. Ich konnte mir zwar noch nicht recht vorstellen, wie das werden würde; wenn ich einen Plan fassen wollte oder mir etwas Näheres ausdenken, so floß alles in einen feinen schimmernden Duft und Nebel zusammen. Doch war es köstlich und kam den Wonnen einer allerersten Jugend gleich, so halb blind und träumend diesem Schönen und Wunderbaren, das auf mich wartete, entgegen zu fahren und die reine und kindliche Seligkeit des Ahnens und unbewußten Vorausfreuens zu genießen. Deutlich spürte ich nur das Eine: das, was mir all dieses erschließen sollte, jene fremde, schöpferische Lust, war gewaltig und drängend über mir, jeden Augenblick bereit, mich wegzuführen und hinzureißen und mich mit ihrer göttlichen Fülle zu überschütten.
Seit Gottfrieds letzten Tagen war ich nimmer so selig gewesen wie bei dieser nächtlichen Fahrt durch das warme Land; ja, es war mir, als sei mir eine neue Liebschaft aufgegangen und liege mir süß und betörend im Blute.
In den nächsten Tagen schaffte ich wie ein Gaul aus lauter bedrängender Freude heraus, und mit den Buben war ich so lustig und übermütig, daß der sanfte Breisel baß verwundert durch sein Fensterlein in den Hof hinaus äugte. Aber mein Herz und meine Gedanken waren weit ab davon; sie dichteten und fuhren auf blauen Meeren und sahen in Fouqués Sortiment ein Buch liegen, das die Agnes Flaig geschrieben hatte. Etliche Male nahm ich einen Anlauf, Adolf davon zu sagen, ihn zu veranlassen, daß er sich eine Haushälterin suche und mir meine Freiheit gebe. Ich hatte im Sinne, mich einige Zeit in irgend einer schönen Stille von meinem Ersparten zu nähren, bis ich meinen Roman geschrieben hatte. Das Honorar wollte ich für das Peterlein zurücklegen, damit es vorläufig etwas für die Not habe; dann aber wollte ich in die Welt hinaus, und die Herrlichkeit konnte losgehen. So oft ich aber anhub, Adolf meinen Entschluß zu sagen, blieb es mir vor Zaghaftigkeit im Halse stecken und ich brachte es nicht heraus.
Nun hatte ich mir's aber für einen Sonntagabend ordentlich vorgenommen, und nach Frauenart suchte ich Adolf in möglichst gute Laune zu bringen, damit er's gnädig aufnehme. Ich sorgte also, daß Blumen da waren und ein Wein, den er gern hatte, und richtete ein gutes Abendessen. Am Nachmittag gingen wir mit den Kindern und dem Kleinsten im Wägelein zu Margrets Grab hinaus und brachten ihr einen frischen Kranz; hernach aber machten wir einen weiten Spaziergang über die sommerlichen Berge. Adolf war in prächtigster Laune; es hätte meiner schlauen Fürsorge für den Abend gar nicht bedurft. Er neckte mich beständig und stiftete die Buben zu allerhand Unfug an, der mich zur Entrüstung und zum Schrecken bringen sollte, worüber mich dann alle unbändig auslachten. An einem kleinen See im Wald ruhten wir aus, die Kinder spielten um uns herum und aßen ihr Vesperbrot, indes Adolf und ich im Grase lagen und genießerisch über das stille, glänzende Wasser hinsahen.
»Es ist doch elend fein hier,« sagte Adolf. »Was meinst du, -- wir wollen jedes ein Gedicht darüber machen und es dann einander vorlesen, welches schöner ist --?«
Ich ging darauf ein, setzte mich ein wenig abseits und begann mit fürchterlicher Sorgfalt und Bemühung den stillen See anzudichten, denn ich wollte mich nicht vor Adolf schämen müssen. Dann schrieb ich's auf und ging zu ihm hinüber. »Bist du fertig, Adolf?«
Er nickte. »Aber lies du dein's erst.«
Es waren ein paar ganz leidlich nette Verse geworden. Als ich fertig war, sah ich Adolf mit Spannung an. »So, nun kommst du!«
»Ach, weißt du, ich habe gar kein Gedicht gemacht; ich wollte nur herauskriegen, wie du dichten kannst!« Und er fing gewaltig an zu lachen; die Buben kamen angesprungen und lachten der Spur nach mit, und ich ärgerte mich wirklich ein wenig darüber, daß ich mich so hatte hereinlegen lassen. Doch zeigte ich's nicht und freute mich im stillen meines Trumpfes, den ich für diesen Abend im Sack hatte.
Dann, als wir wieder zu Hause waren und ich die Kinder ins Bett getan hatte, kleidete ich mich um und deckte den Tisch zum Abendessen recht fein und hübsch, wie Adolf es gern hatte. Auch zwickte ich mich noch einmal tüchtig ins Ohrläppchen, ehe ich ihn rief, -- um mir Mut zu machen. Als er in's Zimmer kam, blieb er überrascht vor mir stehen.
»Ei, Mädel, was bist du hübsch!«
Er stand ganz stille vor mir, ließ seine Augen lächelnd und voll großem Wohlgefallen auf mir ruhen, und am Schlusse nahm er meinen Kopf zwischen seine Hände und küßte mich auf den Mund.
Dann setzten wir uns zum Essen; es war mir zwar unter dem Kusse etwas warm geworden, doch tat ich so unbefangen als möglich und gab mir Mühe, recht vergnügt zu sein. In dem Winter, ehe Gottfried starb, hatte ich mir einen feinen lichtfarbenen Stoff gekauft und ein Kleidlein daraus genäht; das trug ich nun, und es war das erstemal, daß mich Adolf darin sah. Ich habe das reiche, braune Haar unserer Mutter geerbt und bin gerade und wohl gewachsen; auch war mir das Kleid gelungen und hübsch und festlich geworden; so mag es wohl sein, daß ich an jenem Abend gut ausgesehen habe. -- Auf dem Tisch stand ein großer, farbiger Strauß von allen Blumen des Gartens, die Fenster waren weit offen, ließen Wärme und Sommergeruch herein, und als das Licht brannte, hielt die schwärmerische Schar der Nachtfalter ihren Einzug und begann um Lampe und Tischtuch einen leisen schwirrenden Tanz zu halten. Das Essen war gut und schmeckte uns herrlich; zum Schlusse gab es ein süßes Speislein und einen hellen, herb und köstlich duftenden Wein. Adolf strahlte in seiner heitersten Stimmung, war voller Witz und Uebermut und riß mich bald in seine Ausgelassenheit mit hinein. Mir erschien diese köstliche Nacht so recht als ein Vorschmack des neuen Lebens, in das ich nun hinüber gehen wollte, und daß schon in der nächsten Stunde der entscheidende Schritt dazu getan werden sollte, erfüllte mich mit einem geheimen, glücklichen Rausch.
Nach dem Essen setzte sich Adolf ans Klavier und spielte Mozart, von dem er wußte, daß es mein Liebling unter den Musikern war. Ich trug den Tisch ab, setzte mich dann an's Fenster in Margrets Korbstuhl und dachte, in dieser gehobenen Stimmung müsse ich nun meine Angelegenheit fein heraus bringen. Adolf hörte mit seiner Musik auf, kam zu mir herüber und setzte sich auf den Nähtisch vor mich hin. Nun wollte ich es ihm sagen. -- Es kam jedoch anders.
Adolf beugte sich zu mir herunter und suchte meinen Blick; dann sah er mir ernst und seltsam in die Augen und fing an, mit einer leisen und weichen Stimme auf mich einzusprechen.
»Ich möchte dir etwas sagen, Ageli, aber du mußt mir dein ganzes schönes, feines Verständnis entgegenbringen, sonst weiß ich nicht, wie ich's machen soll. Wenn ich mir noch so große Mühe gebe, es zart und anständig zu sagen, so kommt es doch plump und ruppig heraus und tut dir vielleicht weh. Nicht wahr, du hilfst mir ein bißchen?«
Ich blieb still und hielt den Atem an; da sprach er langsam weiter.
»Ich möchte dich fragen, ob du mich nicht ein bißchen lieb hast und ob du vielleicht meine Frau werden möchtest. Und sieh, jetzt meinst du gewiß, ich tue das nur deshalb, weil du den Haushalt so gut verstehst und die Kinder und mich so fein versorgst, und damit ich keine Haushälterin brauche und weil es für mich das bequemste so ist. Aber das darfst du ganz gewiß nicht meinen. Du bist so ein feiner, lieber Kerl; sieh, wenn du das alles gar nicht an dir hättest, so stünde ich jetzt dennoch vor dir und würde dir dasselbe sagen, du mußt es mir glauben. Denn ich habe dich sehr lieb, und ich meine, wir könnten glücklich miteinander werden. Besinn' dich einmal darüber.«
Als ich aus meiner dumpfen Bestürzung einigermaßen aufgewacht war, wartete ich immer noch darauf, daß er irgend etwas von Margret sage. Gott im Himmel, war er denn wahnsinnig, daß er jetzt, kaum ein Vierteljahr nach ihrem Tode, _so_ vor einer anderen stand! Er mußte sich doch entschuldigen, er mußte es mir begreiflich machen, warum er so etwas Gemeines tat, er mußte noch irgend etwas sagen, daß es das Abscheuliche und Unbegreifliche ein wenig wegnahm. Ich wartete zitternd.
Es blieb aber alles still, er beugte sich nur noch ein wenig mehr zu mir herunter.
Da packte mich ein unsinniger Zorn und Ekel; ich schrie auf und stieß ihn weg und lief schluchzend aus dem Zimmer.
In meiner Stube schloß ich mich ein. »Gottfried« -- -- sagte ich in das Dunkel hinein, »-- lieber, lieber Gottfried«. Und vor dem reinen Glanze, der in diesem Namen war, erfaßte mich eine mächtige Scham für mich und für Adolf, und dieser erschien mir in diesem Augenblicke so widerwärtig und so unsäglich gemein, daß es mich schüttelte vor Abscheu und Empörung. Ich warf mich auf mein Bett und lag da mit wildem heftigem Schluchzen. Hell und hohnvoll kam mir mein auswendig gelerntes Sprüchlein, das ich noch vor einer Viertelstunde hatte zu Adolf sagen wollen, ins Gedächtnis, vor meinem Innern erstand die schöne, schimmernde Welt, die ich sehen und besingen, lieben und haben wollte, und der selig wunderliche Drang meines Dichtens trieb mit warmen Wellen in meinem Blut. Und nun sollte ich den dicken Fouqué heiraten, und alles sollte aus sein!
-- Seine erste Frau war ihm weggelaufen, die zweite war ihm gestorben und wäre es vielleicht nicht, wenn sie es besser bei ihm gehabt hätte. Was sollte es mir viel anders gehen! Und wenn man ein Vierteljahr tot war, war man vergessen, und er ging zu einer anderen.
* * * * *
Flammend und empört stand alles in mir auf. -- Nein, nein, nein --! Ich wollte es nicht, und es konnte mich niemand dazu zwingen. Ich putzte mir mit Heftigkeit die Tränen ab, und mein fester Entschluß war bald gefaßt. Eine Stunde noch blieb ich stille liegen, dann horchte ich zu meiner Tür hinaus, ob Adolf wohl noch auf sei. Das Licht brannte nimmer, und ich konnte nichts von ihm hören. So ging ich leise daran, mein schönes Kleid auszuziehen und mit allem andern in meinen Koffer zu packen. Ich verschloß und adressierte ihn, schrieb noch einen Brief an Breisel, daß er ihn mir besorgen und auch meine Bücher gleich mitschicken solle, und nach ein paar Stunden war ich fertig. Leise ging ich durch den dunklen Gang zur Glastür; aus dem Schlafzimmer der Kinder drang ein kurzer, weinerlicher Ton; es war das Peterlein, und an meinem Herzen tat es mir einen Augenblick stark und lähmend weh. Doch lief ich schnell vorbei und die Treppe hinunter und biß die Zähne zusammen, daß ich es überwand.
Es wurde in diesen Hochsommernächten niemals völlig dunkel draußen; als ich auf die Straße kam, war nur eine tiefe Dämmerung, und irgendwo wollte es schon hell werden. Und wieder wie in jener Nacht, da ich die alte Genovev verhauen hatte, war plötzlich und geisterhaft Adolfs Stimme über mir:
»Einen Augenblick, Ageli! Du hast deine Hausschuhe vergessen!« -- Und aus der Höhe flog es rechts und links zu meinen Füßen auf das Pflaster und schlug höhnisch klatschend auf.
Grimmig starrte ich nach oben; Adolf lehnte geruhig aus dem Fenster. »Ich möchte bloß wissen, wann du eigentlich schläfst,« rief ich bitter und wütend hinauf.
»Nie!« sagte er unerschütterlich. »Auf Wiedersehen, Ageli!«
»Da kannst du lang warten,« dachte ich empört, ließ die Pantoffel liegen und verschwand so schnell als möglich um die nächste Straßenecke.
An einem Hotel läutete ich an der Nachtglocke; ich bekam ein Zimmer, und es war auch ein schönes Bett darin; bloß schlafen konnte ich in jener Nacht nimmer.
-- Nach zwei Tagen schon war ich als Kurgast in einem Forsthaus untergekommen, ein paar Stunden weit vom Gottlosen Zinken weg. Ich atmete wieder die geliebte Luft meines Hochlandes, ich spürte die südliche Glut seiner Sonne, und in den Nächten lauschte ich mit zitternder Sehnsucht dem ersten Sturm entgegen. Lag es mir auch zu Anfang von des kleinen Peter Schreilein her noch manchesmal wie ein böser und quälender Druck auf der Brust und meinte ich oft, durch die Zweige der Tannen das gute Gesicht meines Freundes Breisel betrübt und vorwurfsvoll auf mich gerichtet zu sehen, so verschwand dieses doch mit jedem neuen der göttlichen Tage mehr, und bald war ich sorglos wie ein junger Vogel meiner süßen, ungekannten Freiheit hingegeben.
Ich hatte eine Stube voll alter brauner Möbel, und zu den Fenstern hinaus sah man einen kleinen, bäurischen Garten in der Sommerblüte, ein Stück ständig blauen Himmels und unermeßlich viel Wald, davon ab und zu ein leiser Wind in meine Stube kam und mit den weißen Vorhängen ein zärtlich anmutiges Spiel trieb. Es war mir unsagbar verwunderlich, wenn ich so still dasaß und mich den ganzen Tag um nichts bekümmern durfte als um mich selber und lauter schöne Sachen. Die Mahlzeiten wurden mir auf meine Stube gebracht; jeden Abend gab es dasselbe: Kartoffeln und Rauchfleisch zusammen in eine Pfanne geschnitten, was dann mit Butter und Zwiebeln gebraten wurde. Dieses Gericht unterhielt mich so neben dem Schreiben her des Abends wohl eine Stunde lang in angenehmer Weise, indem erst in der Küche unten ein Geklapper mit Tellern und Pfannen und ein mächtiges Gebrutzel losging, sodann in lieblichen Wogen das entstandene Gerüchlein zu meinem Fenster hereinkam, bis endlich die Försterin die Treppe heraufschlurfte und mir die Herrlichkeit samt einem Glase kühler Milch auf's Tischtuch stellte. Jeden Morgen ging ich an den einsamen Bach hinunter, um zu baden; auf dem Heimweg nahm ich mir mit der Försterin Erlaubnis einen Strauß aus dem Garten mit. Meine Hände wurden jeden Tag feiner und weißer, und es war mir am Anfang ein seltsam wonniges Gefühl, beständig ohne Schürze und in guten, sommerlichen Kleidern zu sein.
Jede Stunde kam und ging in seliger Bläue und war voll zarter innerlicher Heiterkeit --; halb bewußt und genießerisch, halb mit einer träumerischen Trunkenheit, die mich durch die jähe und mächtige Wandlung meines Lebens erfaßt hatte, nahm ich die Schönheit in mich auf. Es war mir so wohl, daß ich hätte den ganzen Tag singen und jubeln und tanzen mögen.
Und gleich dem jauchzenden Ungestüm meines eigenen und sinnlichen Menschentums war wie ein Sturm die fremde Macht über mir und sang und glühte und quoll in unerschöpflicher Fülle. Zum erstenmal nun durfte ich ihr untertan sein ohne Hindernisse und Hemmungen; ich tat es mit tiefer Beglücktheit und brauchte und benutzte sie so verschwenderisch, wie sie sich mir gab. Ich dichtete und schrieb, und ich arbeitete mit solcher Wut und Maßlosigkeit, wie ich es in der herbsten Erntezeit auf dem Zinken nicht getan hatte. Jede Minute tat mir leid, die von dieser Köstlichkeit abging; nur, wenn der Schlaf mich wirklich unüberwindlich bezwang, legte ich mich nieder, und oft geschah es, daß ich nachts jählings erwachte, und daß es mich aus dem Bette trieb vor Erregung und glühend rieselnder Lust. Dann zündete ich mein Licht an, setzte mich an den Tisch und schrieb im Nachthemd weiter.
Mitunter geschah es am Tage, daß mich ein körperliches Erschöpftsein zwang, minutenlang die Feder aus der Hand zu legen und mich müde ein wenig an meinen Stuhl zu lehnen. Und es schien mir, als ob diese stillen Pausen, in denen nur das Bienengesumm über dem blühenden Garten vernehmbar war, das schönste von diesem allem seien. Wie das Fluten von schweren, langsamen Wogen ging es mir dann durch den Leib, und in der wonnigen Entspannung der Kräfte sah ich über mein Buch hinweg und schöner noch als das Gegenwärtige mir die bunten und schimmernden Bilder meiner Sehnsucht nahe zuleuchten, und ich vermeinte zu spüren, wie die Welt mit allen Herrlichkeiten sich mir entgegenneigte.
Es mochte etwa vierzehn Tage so gegangen sein, da merkte ich, wie die seltsame Gewalt in mir langsam nachließ. Es kam gar nicht plötzlich, es fing leise und allmählich an und war jeden Tag ein wenig mehr so. Auch verwunderte es mich zu Anfang gar nicht. So wütend hätte das ja nicht weiter gehen können, und ich spürte auch, daß ich schlaff und überanstrengt sei.
Also machte ich an einem Nachmittag einen weiten Spaziergang, schlief darnach gründlich und ausgiebig wohl zwölf Stunden aneinander, nahm mein Morgenbad im Bache und setzte mich frischen Muts wieder hinter meine Schreiberei. Siehe, es ging wirklich besser. Nur am andern Tage mußte ich mich wieder absonderlich lang besinnen, bis mir etwas einfiel, und am dritten tat es not, daß ich aufs neue spazieren ging und schlief. Als es dann so kam, daß ich zwei Tage faulenzen und marschieren mußte, um am dritten etwas schreiben zu können, berechnete ich, daß mir das zu teuer käme und sann auf ein anderes Mittel. Es war mir von der Landwirtschaft her erinnerlich, daß man einen Boden düngen müsse, wenn er mager war und dennoch tragen sollte. Meine Bücher hatte ich ja da, und ich sagte mir vor, daß auch ein ganz großer Geist nicht immer aus der Phantasie schöpfen könne, sondern hie und da eine Anregung dazu haben müsse. Nun machte ich mir ein paar gute Tage, las den Grünen Heinrich noch einmal und Werthers Leiden, fand auch heraus, daß mich merkwürdigerweise Jean Pauls ergötzliche und vielgeschwänzte Mode am meisten anrege, und derart angetrieben lief meine Schreiberei, wenn auch mühselig, wieder ein paar Tage weiter. Dann half auch das nimmer; ich war stecken geblieben, saß müßig, kaute an der Feder und lauerte tagelang vergebens, daß mir etwas einfalle. Mit recht betrüblichen und unangenehmen Gefühlen mußte ich mir sagen, daß es mit meiner Inspiration aus sei, doch ließ ich darum den Kopf noch nicht ganz hängen. Das Gerüste meines Romans wußte ich genau in mir, es handelte sich also noch ums Niederschreiben und Ausmalen, und ich meinte, man könnte das auch ohne Inspiration, wenn man sich nur die nötige Mühe dazu gebe. So saß ich nun mit zähem Eifer auf meinem Stuhle fest, und wendete alles auf, was ich an Fleiß und Ausdauer und Schweiß besaß, damit es weiter ginge.
Und nun kam eine Zeit, wie es so kurios und jämmerlich und beschämend in meinem Leben keine mehr gab.
Jeder noch so bläßliche Funken an Geist oder irgend einer höheren Gewalt hatte mich verlassen; ich saß lange Stunden unbeweglich stille und starrte auf mein Papier; ich hätte mich ja sehr gern manchmal ein wenig gekratzt, wenn mir eine Mücke über den Scheitel lief, und es wäre mir eine holde Abwechslung gewesen, ein bißchen was auf mein Löschblatt zu malen; aber ich fürchtete zu sehr, daß dann der Gedanke, der etwa grad in diesem Augenblick aufsteigen wollte, dadurch behindert werden könnte; und ich beherrschte mich mit eiserner Energie. In meinem Hirn war eine dumpfe und finstere Spannung; es schien mir zumute zu sein wie einer alten Kanone, die geladen war und aus irgend einem Grunde nicht losging. Ich blätterte in meinem Manuskript vorwärts, um mich durch den vielen, leeren Platz, der noch dahinten war, anspornen und anfeuern zu lassen; jedoch blieb in mir alles gleich zähe, dunkel und vernagelt, und die Seiten starrten mich betrübt und blöde an. Ich blätterte auch rückwärts und fand alles, was da stand, ganz gut und vortrefflich, ja, wirklich, es war nichts zu tadeln dran und alles ausgezeichnet -- wenn es nur so weiter gegangen wäre. Auch blätterte ich in meinen schönen Büchern, die ich zur Anregung rings um mich aufgebaut hatte, und fand es hier noch viel besser und vortrefflicher; bloß nützte es mir nichts, und ich steckte das Lesen bald ganz auf, weil es mich nur noch mehr irremachte; wenn mir ein halbwegs brauchbarer Satz einfiel, wußte ich zuletzt nimmer, war er von mir oder von Goethe.
Mit einer eselhaften Geduld probierte ich alles mögliche aus, was etwa gut und zweckdienlich sein könnte. Ich saß der Reihe nach auf allen Stühlen meines Zimmers herum, hatte bald die Beine langausgestreckt, bald das eine über das andere geschlagen, bald in Wut und Verzweiflung beide an den Bauch heraufgezogen. Das einemal saß ich auf dem Sofa und hatte sogar noch ein Kissen untergeschoben, damit es nur ja nicht an der Bequemlichkeit fehle, dann fand ich, daß dieses verkehrt sei und setzte mich auf den eckigsten und härtesten Stuhl, damit ich den Ernst der Stunde spüre. Ich lag im Bett und besann mich an die rissige Stubendecke hinauf, ich machte Dauerläufe in der Stube hin und her, die Hände auf dem Rücken und den Blick gesenkt; -- es war alles vergebens, es blieb dunkel und unfruchtbar in mir. Mit Grauen entdeckte ich, daß ich keinen Kinderaufsatz mehr hätte schreiben können, so völlig ausgesogen war mein Gehirn; wenn mir vorher einer diesen Zustand geschildert hätte, -- ich hätte nicht geglaubt, daß es so etwas gebe. Ich mußte oft nach Worten suchen und mich lange und mühevoll auf Sachen besinnen, die ein Schwachkopf gewußt hätte; ich hatte gehört, daß schon mancher Dichter verrückt geworden sei, und manchmal glaubte ich im Ernste, daß es mit mir auch so werde und daß dies der Anfang davon sei.
Und immer noch gab ich mir Mühe und meinte, es müsse wieder anders werden. Einmal an einem kühlen Tage hatte ich ein warmes rotwollenes Kleid angezogen, und siehe, am Abend hatte ich eine halbe Seite aufs Papier gebracht, die man stehen lassen konnte. Ich dachte nun, es liege vielleicht am Kleid, behielt das rote auch in den nächsten Wochen noch an und briet und schwitzte mich mit rührender Geduld durch die heißen Tage hindurch. Wert hatte es leider auch keinen. Desgleichen probierte ich es mit dem Fasten, nach dem bedeutsamen Worte: ein voller Bauch studiert nicht gern; doch war es nichts damit; eher spürte ich nach dem Genuß von Rettichen eine leise Andeutung von Besserung in meinem Hirn. Ich aß also Rettige, bis ich Leibschmerzen bekam. Am schlimmsten ging es mir mit dem Alkohol; in einer Nacht fiel mir plötzlich ein, daß schon hie und da ein Dichter nur mit Saufen habe schreiben können. Ich log also dem Förster vor, ich hätte Bauchweh und bekam dafür ein Glas bitteren Wacholderschnaps, den ich mit fürchterlicher Anstrengung hinunter brachte; dann bekam ich einen Rausch und darauf einen Katzenjammer, mußte einen Tag im Bett liegen, winselte und vermeinte, der Bittere wolle mir in den Himmel verhelfen. -- Nein, es war wirklich nicht schön.
Zuweilen gelang es mir mit alle diesem, als Frucht eines Tages ein paar Sätze fertig zu bringen, in einem ausgesucht prachtvollen Stil, in noch prachtvollerer Schrift und im übrigen so, daß ich am andern Morgen wütend alles wieder ausstrich.