Part 13
Ich muß gestehen, daß ich dabei nicht unbeeinflußt war. Unserem Haus gegenüber wohnten im Oberstock zwei bejahrte, ledige Schwestern namens Heitenreiter. Sie hatten in häuslichen Berufen ihr Leben hingebracht und man erzählte sich, daß die beiden außerordentlich treu und tüchtig seien. Nun genossen sie in den zwei Stüblein ihr Erspartes und einen friedlichen Lebensabend. Ich sah sie oft, wie sie ihre Blumenstöcke begossen, ihr Staubtuch zum Fenster hinaus schüttelten oder auf ihrem winzigen Balkönchen saßen und Kinderkittel strickten; und ihr geruhiges und heiteres Hantieren erfüllte mich mit einer kleinen wohligen Sehnsucht. Auf der Straße sah man die beiden alten Fräulein stets zusammen, und ihnen zu begegnen und einen Blick in die guten, runzligen Gesichter tun zu dürfen, war mir jedesmal ein Genuß. Es lag so eine feine, seltene Friedlichkeit darüber und trotz aller Güte und Bescheidenheit etwas leise Ueberlegenes und fast Hoheitsvolles, das mir einen wirklichen Respekt abnötigte.
Ja, es lohnte sich schon, einmal Fräulein Heitenreiter zu werden und mit siebzig solche friedlichen und abgeklärten Runzeln zu haben. Fest schaffen wollte ich schon, und das so gewissermaßen als halbe Heilige zu tun und die Leute nicht merken zu lassen, daß man sonst noch etwas wisse oder etwa Goethe gelesen habe, dabei samt seinem abgehauenen Lebensglück vergnügt zu sein, das hatte seinen eigenen Reiz. Vielleicht machte dies den sonderbaren und heimlichen Adel der Heitenreitergesichter aus, daß sie so wacker allein und ohne Mann ihr rechtschaffenes Leben hinter sich gebracht hatten und dabei ohne jenes wunderliche Geschmäcklein, ohne Mops und ohne Bitterkeit gelandet waren. Es war freilich schwer, auf Liebesfreuden und Kinderhaben verzichten zu müssen, und es lag mir vorerst sehr wenig, solches nicht mehr als das Natürliche und Gute und Erstrebenswerte für mich anzusehen; ich mußte nun eben versuchen, den andern Köstlichkeiten des Lebens nachzusteigen und wenig mehr in die Tiefe zu gehen. Die Hauptsachen, um eine alte Jungfer zu werden, hatte ich ja; das Gedächtnis einer schönen und unglücklich ausgegangenen Liebschaft und ein Kommödlein mit Fächern und heimlich verwahrten Dingen darin. Das und mein geistiges Erbe aus jener Zeit müßten ausreichen, mir das habhafte Glück der andern zu vergüten, und es kam mir so vor, als sei meine Liebe schön genug dazu gewesen und unglücklich genug ausgegangen.
In diesen Zukunftstraum nun spann ich mich immer mehr ein und dachte schon im Voraus mit gerührter Freude, welch echte und gute Tante die Fouquéskinder an mir bekämen.
Andere, denen so etwas wie mir geschehen war, gingen ja wohl in ein Kloster oder wurden Barmherzige Schwestern, und auch ich hatte mich kurze Zeit mit solchen Plänen getragen. Das sich selber vergessen und für andere schaffen gefiel mir ja recht gut daran; doch hatte ich das Leben zu inbrünstig lieb, als daß ich es hätte auf diese Art in Sack und Asche tun mögen. Nein, es reiften vielmehr gerade in dieser Zeit die abenteuerlichsten Pläne in mir, etwa in die Kolonien zu gehen und Farmersmagd zu werden oder nach Amerika und meine Urschel zu suchen. Und als ich dieser Sehnsucht nach fremden Ländern, nach neuen Eindrücken und Erlebnissen und südlicher Schönheit ein wenig auf den Grund ging, entdeckte ich bald, daß sie zwar schon seit Urschels Zeiten in mir angeregt war und seither leise in mir fortbestanden, ihren richtigen Ursprung aber doch erst in der jüngsten Vergangenheit hatte und in engem Zusammenhang stand mit einer Sache, die mich gegenwärtig stark erfüllte und, wie ich hoffte, meinem Leben eine gute und nicht unwichtige Wendung geben sollte.
So viel ich sonst bei Fouqués drüben war, so unmöglich schien es mir, an den Dienstagsabenden unter Menschen zu gehen. Zu Anfang nach Gottfrieds Tode saß ich still und traurig in meinem kleinen Zimmer, las seine Briefe und weinte viel. Als nun eine Zeit vorüber war, fiel mir jene Erzählung in die Hände, die ich damals auf dem Zinken angefangen hatte, und ich bekam Lust, sie weiter zu schreiben; auch befand ich die Dienstagabende für würdig, damit ausgefüllt zu werden. Und indem ich nun zu schreiben anfing, wurde ich gewahr, daß die fremde, wonnig rieselnde Gewalt, die mich seit meiner Abreise vom Gottlosen Zinken fast unberührt gelassen hatte, wieder über mir war, und ich war erstaunt, wieviel stärker, buntglühender und schöner sie als damals war. Ich wußte nicht, machte dies das mächtige Erlebnis dieses Jahres und die vielen neuen Eindrücke, oder war ich überhaupt reifer und geistig kräftiger geworden; jedenfalls spürte ich es mit Freuden und Dankbarkeit und war fest entschlossen, es diesesmal auszunützen. Man muß mir glauben, daß ich dabei sicherlich nicht daran dachte, einmal berühmt und ein großer Dichter zu werden und mich im Geiste schon gefeiert und umschmeichelt sah; ich hatte keineswegs viel Glauben an mich und meine Verse, und es hätte mir genügt, einmal ein Buch, das ich geschrieben hätte, gedruckt zu sehen und mir dadurch bei meinen Geschwistern und dem Schwager ein bißchen Achtung zu verschaffen. Eher noch hoffte ich, daß die Schreiberei mir ein wenig Geld einbrächte; doch war ich auch darin bescheiden genug und hatte überdies keine Ahnung, was so ein Honorar etwa betragen möge; wenn ich für meine Novelle zwei Mark und fünfzig Pfennige bekommen hätte, wäre ich wahrscheinlich recht zufrieden gewesen. Am meisten freute mich das Dichten sozusagen für mich selber; es half mir auf eine feine und fast edle Art über die Trauer hinweg und das Tägliche und etwa Drückende und Kleinliche heiter und still beglückt zu tragen; auch erfüllte es mich mit einer tätigen Freude und wieder wie damals mit Genuß und leiser Leidenschaft.
Uebrigens paßte es zu dem Pläneschmieden dieser Zeit ausgezeichnet. Mußte ich mit meinen Zukunftsplänen doch noch einigermaßen auf festem Boden bleiben, so konnte ich mich hier ungehindert in schwindelnd phantastische Höhen versteigen. Auch fand ich, daß es sich in meinen Lebensplan trefflich füge; wenn man wie ich allein durchs Leben gehen wollte, hatte so etwas nicht unerhebliche Bedeutung, und es vertrug sich mit dem Reisen und fremde Länder sehen so prächtig wie später mit dem Altjungferntum im Dachstock.
Die Novelle war beinahe fertig, und an den schönen stillen Sommermorgen, wenn ich in der Küche stand und Gemüse putzte oder Beeren zum Einkochen richtete, dachte ich mir einen feinen, langen Roman aus.
-- Leider hatte ich zum Schreiben noch weniger Zeit als damals auf dem Zinken; bei Fouqués war es nötiger als je, daß eine gute Seele sich um den Haushalt annahm. Zu eben jener Zeit kam ich einmal vom Markt heim und sah einen der Fouquésbuben vor seines Vaters Ladentür herum spazieren, nur mit einem Höschen bekleidet, das an einem Paar trübseliger und verschlissener Hosenträgerlein hing.
»Ja, Heiner, wo hast du denn dein Hemd?« fragte ich ihn.
»Ha, es ist doch in der Wäsche!« sagte er und sah mich erstaunt an, ob ich das nicht begreifen könne; mir aber fiel es bedrückend auf die Seele.
Margret war nun glücklich mit dem fünften Kind in gesegneten Umständen. Ihr Mann bedauerte es, da es mit ihrer Gesundheit nicht gut stand; sie aber freute sich, als ob's das erste wär'. »Es ist bloß halb gelebt, wenn man keine kleinen Kinder hat,« sagte sie oft.
Zu ihrem angeborenen Hang zum Müßigsein und einer genialen Faulenzerei kam nun die körperliche Entkräftung, und wenn sie Schmerzen oder Beschwerden hatte, eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegenüber ihren Haushaltungsgeschäften. Sie konnte stundenlang im Garten sitzen und mit ihrem jüngsten Kinde spielen indes im Haushalt alles drunter und drüber ging, und das Sonderbare daran war nur, daß sie dies keineswegs bedrückte, sondern daß sie vergnügt dabei war und sich ihrer Muße und der guten Stunde freute. Ich kam einmal dazu, wie sie mit einer Lauffrau Putzerei hielt, wobei sie, die Laute im Arm, auf der obersten Leiterstufe saß: »Schäpperle, ach liebe Schäpperle, putzen Sie mir doch den Boden vollends naus! Wissen Sie, Sie könnens viel schöner! Gelt, Frau Schäpperle? Kommen Sie, ich will Ihnen auch was Schönes dazu vorspielen:
Hinter meiner Schwiegermutter ihrem großen Himmelbett Steht ein großer Sack voll Sechser, wenn i nur die Sechser hätt'!«
Sie konnte in solchen Augenblicken bestrickend liebenswürdig sein und einfach unwiderstehlich, man mußte ihr den Willen tun.
Eines Morgens stand sie vor meiner Glastür und trug dem Hausmädchen auf, sie wolle mich einen Augenblick sprechen. Als ich kam, guckte sie mich lieb und spitzbübisch an und bettelte mit den Augen wie ein Kind. Ob ich ihr nicht aushelfen könne; sie hätten eine Rechnung zu zahlen und im Augenblick nicht so viel beieinander.
Peinlich erschrocken nahm ich sie schnell in mein Zimmer, und als sie so im hellen Morgenlicht vor mir stand, nahm ich mit Entsetzen wahr, daß sie noch nicht gekämmt und ihr hübscher weißer Halskragen sehr schmutzig sei. Es fiel mir noch so mancherlei auf; ach, ich schämte mich so, daß ich gar nicht mehr hinsehen mochte. Schweigend gab ich ihr alles Geld, das ich da hatte und versprach ihr, am Mittag noch mehr von der Sparkasse zu holen, worauf sie mir jubelnd um den Hals fiel und mich warm und dankbar küßte.
»Ich wußte ja, daß du mir aushelfen würdest! Du bist halt eine Gute. Man kommt nicht umsonst zu dir. Aber gelt, es macht dir auch Freude, wenn du uns was tun kannst? Du, komm heut Abend bald herüber; ich will einen Heringssalat machen, weil du ihn so gern magst! Adieu, Adieu!«
Dann war sie hinaus und die Treppe hinunter; mir aber war es gar nicht nach Heringssalat zumute.
Ich spürte in dieser Zeit wohl, daß es mit meiner Auslandsreise noch eine gute Zeit anstehe und daß ich Fouqués noch gewaltig unter die Arme greifen müsse, ehe ich an mich selber denken dürfe.
-- Neben all diesem gab es noch Stunden voll verzweifeltem Heimweh nach Gottfried, wo ich alle meine Pläne und alle Dichterei mit Freuden gegeben hätte, um noch einmal eine Stunde mit ihm zusammen zu sein, wo ich weinte und wütete und nicht begreifen konnte und es in mir jämmerlich elend war. Dann fielen die Luftschlösser und guten, strebsamen Gedanken zu erbärmlichen Trümmerhaufen zusammen, und ich begriff mit grauenhafter Erkenntnis, wie unsäglich viel ich verloren habe und wie es nie, nie mehr zu ersetzen wäre.
Und lange Zeit träumte ich jede Nacht denselben Traum. Ich saß auf dem geschweiften Kanapee in Gottfrieds Stube, er hatte seinen Kopf in meinem Schoß liegen, sagte Liebesworte und sah mit strahlenden Augen zu mir auf. Der Hölderlin lag auf dem Tisch, auch war der Apfelkorb da und ein Krug mit Blumen.
Und jedesmal sagte ich traurig: »Ach, das ist alles bloß im Traum so, und nachher, wenn ich aufwache, bist du gestorben und ich bin allein. Ich weiß es gut, es ist immer so.«
»Nein, nein,« sagte er und schlang seine Arme um meinen Hals, »diesesmal ist es gewiß kein Traum, du darfst mirs glauben; ich bleibe immer, immer bei dir!«
»Das sagst du immer. Und dann wache ich auf, und es ist gelogen.«
»Aber so glaube es mir doch diesesmal noch --, hörst du, Agnes, liebe, liebe Agnes! Spüre doch, wie ich lebendig bin.« Und er küßte und liebkoste mich und tat so innig und voller Liebe, und wenn es am schönsten war, erwachte ich und lag in einer dunklen Nacht und in naß geweinten Kissen.
* * * * *
Obschon ich vermeinte, eine leidlich angenehme und anständige Person zu sein, gab es doch einen Menschen, der mich haßte wie die Sünde und ewige Verdammnis und mir diesen Haß täglich und stündlich in wohl gemessenen und gewürzten Portionen zu Gemüte führte.
Dieser Mensch war Genovev. -- Sie mußte durch irgend wen von meiner Liebesgeschichte und ihrem bösen Ausgang erfahren haben; war es durch Margrets Monatsfrau, hatte die Alte gehorcht oder hehlings meine Schubladen ausspioniert, ich wußte es nicht; daß es sich aber so verhielt und sie genau unterrichtet war, erfuhr ich nun mit jedem Tage um so deutlicher.
In langen, vor Entrüstung bebenden Reden erging sie sich nun mit vor geheimer Schadenfreude triumphierenden Seitenblicken auf mich, wie gewisse Leute schon in der frühen Jugend so voller Sündigkeit, Unzucht und verabscheuungswürdiger Liederlichkeit wären, daß sogar Gott der Herr, der doch gewiß langmütig, gnädig und voller Geduld sei, nicht mehr länger habe zusehen können und seinen Zorn habe auf den einen der Sünder herabfahren lassen und ihn zermalmet. Und wie der andere Sünder, statt Buße zu tun, in sich zu gehen und sich zu bekehren, nichtsdestoweniger sein Gemüt verhärte und verstocke, daß es einen Stein erbarme. Schließlich, als sie sich beinahe einmal verschnappte, woher sie es wisse, behauptete sie noch, Gott der Herr selber habe ihrs geoffenbart, daß in ihrer Nähe eine weibliche Kreatur sei, die des Nachts zu fremden Männern ginge und dergleichen abscheuliche und lästerliche Dinge triebe, davor sie, Genovev, der Herr behüten möge, solches auch nur auszusprechen, und sie beschwor händeringend und tränendrückend die kleine Hausmagd, sich vor gewissen bösen Frauenspersonen in acht zu nehmen, die oft in des Menschen nächster Nähe und schlimmer als der Satan selber seien.
Im Anfang war ich noch zu traurig, um auf das bigotte Geplärre richtig hinzuhören, und es konnte mich kaum zu einem müden Lachen bringen. Später begriff ich es erst richtig, und es brachte mich in eine herzliche Heiterkeit, wenn ich mir unter den fürchterlichen »fremden Männern« meinen lieben, zarten, kindlichen Jungen vorstellte. Die Sache fing erst an, mich zu ärgern, als die Alte nach einem Vierteljahr immer noch nicht versiegt war; und als sie ihren Haß mittelst allerhand spitzigen und boshaften Tätlichkeiten auf das unumgängliche Beieinandersein und Miteinanderarbeiten des täglichen Lebens übertrug, ging es mir gegen die Gemütlichkeit.
An einem Sonntag abend hatten Fouqués Gäste, wobei es meistens recht heiter und übermütig zuzugehen pflegte; ich war etwas trüber Laune und konnte keine Lust aufbringen, hinüber zu gehen. Als nun Genovev wieder mit ihrer Buße und Bekehrung anfing und ich sie besänftigen wollte, machte ich ihr die Freude und versprach, heute abend einmal mit in ihre Betstunde zu gehen. Wir liefen also miteinander den ziemlich weiten Weg dorthin durch den regnerischen Abend, und während Genovev mit der Beständigkeit eines Wasserfalls an mich hin und an mir vorbei schwätzte, hatte ich Muße zu bedenken, wie es eigentlich in Wirklichkeit mit meiner Frömmigkeit stehe.
Ich war zwar öfters, besonders vom Zinken aus, zum Gottesdienst in der Kirche gewesen, doch hatte ich nie einen sonderlichen Gewinn daraus davongetragen. Ich erinnerte mich, daß ich in meiner Kindheit sehr fromm gewesen sei, oft und bei dem geringsten Anlaß gebetet habe und bei jeder kindlichen Unart mich sehr vor Gott gefürchtet hatte. Wie mir dieses dann eigentlich verloren gegangen war, kann ich mich nicht mehr entsinnen, doch fiel mir darüber ein viel späteres Erlebnis ein. Frau Gunhild hatte einen Kanarienvogel, dessen Käfig alle Samstage zu putzen mir anvertraut war. Nun war ich einmal so unachtsam, dieses Geschäft auf der offenen Veranda zu besorgen, der Kerl entschlüpfte, tat die Flügelein auseinander und flog in einem hohen, schwingenden Bogen davon. Ich wußte, wie sehr Frau Gunhild an dem Tierlein hing und wie aussichtslos es war, ihm nachzugehen oder sonst etwas zu unternehmen, und ich empfand namenlose Reue und Betrübnis. Plötzlich kam ich darauf, zu beten und formte in meinem Innern eine Bitte an Gott, die heiß und dringlich hätte werden sollen. Aber ob ich mir auch die größte Mühe gab, mein Herz tat nicht mit, und es blieb kalt und unbewegt in mir; die Worte kamen mir so sonderbar verloren und fremd vor und schienen mir so sinnlos, daß ich bald wieder aufhörte. Nachher war mir, als sei mein Kinderglaube so unwiederbringlich davon geflogen wie der kleine, schöne, helle Vogel, der am Ende irgendwo ersoff.
Unterdessen waren wir in dem Betsaal angekommen. Es waren viele, fast lauter ältere Leute da und eine üble Luft darin. Erst war noch von der Tür her ein großer Spektakel mit den Regenschirmen; dann fing jemand an, Harmonium zu spielen, und man sang ein Lied mit vielen Versen. Hierauf bestieg ein Bruder das Känzelein, betete, las aus der Bibel und redete darüber. Er sagte ziemlich wohlgesetzt und mit priesterlichen Gebärden etwa das, daß Mühe und Arbeit mit nichten am Schlusse dieses Lebens ein Ende hätten, sondern daß im Gegenteil droben im Himmel das Schaffen und Sichregen und Wirken noch viel gewaltiger los ginge, und ein jeder im Weinberg des Herrn und Reiche Gottes Tag und Nacht und ohne Ende arbeiten müsse zu des Höchsten Lob und dergleichen mehr. Und die müden und verhärmten Gesichter der Frauen wurden noch viel müder und verhärteter und trüber dabei und senkten sich traurig vornüber. Manche Köpfe fingen an zu nicken, und ich ärgerte mich heillos über den Kerl. Nach ihm kam einer und erzählte seine Bekehrung, die mir überaus verlogen vorkam. Und indem ich schon mit Langeweile und Ungeduld auf den Schluß wartete, stieg noch einer auf das kleine Pult, und plötzlich schämte ich mich, der Aerger und die Langeweile waren weg, und ich spürte, daß es um des Gesichtes dieses einen willen wert gewesen sei, hierher zu kommen.
Der Mann mochte etwa vierzig Jahre alt sein oder älter und war von nicht sehr großer, untersetzter Figur. Sein Gesicht war ein wenig bleich und so, wie man die Heilandsgesichter gemalt sieht, ernst, gut und sanft und mit einem kräftigen, dunklen Bart. Die Augen waren groß und braun und dabei so himmelgut und gesättigt von einem inneren Glanze, wie ich's vermeinte, noch nie gesehen zu haben. Mit Scham und doch mit Freude sah ich zu dem Manne auf, und es wurde mir unter seinem Blick seltsam wohl und ruhig. Ueber was er sprach und ob er gut sprach, kann ich nicht mehr sagen. Als ich mich zusammenriß und darauf aufpassen wollte, ging er eben wieder herunter.
Dann sagte einer: »Wir wollen noch einen Seufzer beten!« worüber ich lachen mußte, man sang ein Lied und dann war es aus.
Ganz unter dem Banne der guten braunen Augen ging ich an Genovevs Seite heim; ich beschrieb ihr den Mann und befragte sie, konnte aber nur erfahren, daß er Roth heiße, Kanzleigehilfe sei und am Entengraben wohne. In meiner Bewegung und Begeisterung versprach ich Genovev, das nächstemal wieder mitzugehen, was sie überaus gnädig aufnahm.
Als ich nun wieder und auch noch ein drittesmal in die Betstunde ging, war der Mann wohl da, und ich konnte zwischen vielen Leuten hindurch seinen dunkelhaarigen Kopf mit dem bäuerlichen Nacken sehen; jedoch sprach er nicht und ging am Schlusse schnell aus dem Saal.
Betrübt machte ich mich an jenem dritten Abend auf den Heimweg. Genovev war diesesmal nicht mit, und da es so schön und sommerlich und dämmerig war, machte ich noch einen Umweg durch ein paar stille, entlegene Gassen. Nach einer Weile hörte ich Schritte hinter mir und dann neben mir hergehen, und als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, erkannte ich meinen Braunäugigen; er hatte wohl noch irgend etwas besorgt oder mußte aufgehalten worden sein. Er grüßte mich, wie es unter Stundenleuten so der Brauch war und mochte wohl bei meinem Gegengruß die herzliche Freude gesehen haben, denn er verlangsamte seinen Schritt, ging neben mir her und fing ein freundliches, allgemeines Gespräch mit mir an. Als wir eine Weile so gegangen waren, sagte ich ihm, daß ich die letzten Male vergeblich drauf gewartet habe, ihn sprechen zu hören und wann er es denn wieder tue.
»Ich werde überhaupt nimmer sprechen,« sagte er, und als ich ihn erstaunt um den Grund fragte, sah er mich einen Augenblick prüfend und mit einem ganz leisen Lächeln an.
»Wenn Sie Interesse dran haben, dürfen Sie es schon wissen. Bloß, -- ich kann mich nicht aufhalten; meine Frau ist im Wochenbett, -- es ist unser drittes Kind, -- und sie wartet auf mich. Aber vielleicht haben Sie Zeit, mich ein Stück zu begleiten?«
Ich sagte gerne und dankbar zu und lief an seiner Seite weiter durch den warmen, stillen Abend. Er schwieg eine Weile, dann fing er an.
»Ich muß mich eigentlich schämen, daß ich zweiundvierzig Jahre alt geworden bin und viele, viele Male in der Stunde gesprochen habe, ehe ich zu dieser anderen Erkenntnis gekommen bin. Nun wissen Sie, ich bin vor ein paar Monaten krank gewesen und mußte viel liegen, da hatte ich Zeit, um über all das so recht nachzudenken. Und seither ist es allmählich anders mit mir geworden.
Sehen Sie, wenn einer in der Stunde spricht oder Stadtmissionar wird oder zur Heilsarmee geht oder auch nur einen Beitrag gibt zu einem Kirchenbau, so tut er es doch im Grunde deshalb, weil er die Menschen ein wenig besser machen möchte und sie mehr zum Guten bringen, auch, weil er innerlich das Bedürfnis dazu hat und es ihn froh macht, für das Reich Gottes etwas tun zu dürfen. Und wenn man das nun ehrlich und genau bedenkt, sieht man, daß es fast ein Hohn ist, wie wenig dabei heraus kommt und wie wenig man in Wirklichkeit mit diesem nützt und an den Menschen fertig bringt. Ach, so furchtbar wenig; und als ich so darüber nachgedacht habe, hat es mich namenlos traurig gemacht.
Nun habe ich das alles auf die Seite getan. Ich will zu keinem Menschen mehr sagen, er soll gut sein und in die Kirche gehen und ein Christ werden; ich will von jetzt an über das alles schweigen und alle Kräfte und alle inneren Triebe nur noch dazu anwenden, selber ein rechtes Leben zu führen, gut zu werden, und so wenig als möglich dazu und davon sagen. -- Sie meinen, ich sei doch schon seither ein guter Mensch gewesen? Ach, nur so im Sinn der Leute und im ganz, ganz Groben. Wenn man das richtig machen will, dann hat man ganz unendlich viel zu tun und fleißig zu sein und an sich zu arbeiten, die dreißig oder vierzig Jahre, die ich, wenn's gut geht, noch zu leben habe, werden mir kaum dazu reichen. Sie dürfen ja nicht meinen, daß das immer so leicht sei, so auf die rechte Art sein Leben zu führen; es wird einem manchmal so schwer, daß man an sich verzweifeln möchte; freilich macht es einen dann nachher froh und glücklich, -- o, man kann nicht sagen, wie. Und das dürfen Sie auch gewiß nicht denken, daß ich etwa meine, ich könne auf diese Art gerecht und sündenfrei werden; ach nein, man braucht Christi Gnade immer noch haufenweis' dazu. Ich spüre es jeden Tag, daß ich kein Heiliger werde; bloß so gut und tüchtig, wie es ein Mensch auf dieser Erde erreichen kann, möchte ich werden.«
Herr Roth war eine Weile still und schien sich zu besinnen. Dann fuhr er langsam fort:
»Sie und die meisten anderen Menschen werden das sonderbar finden, -- ich glaube aber ganz fest daran, daß keine Mission und Betstunde die Welt besser macht, sondern das stille und gute Leben der Einzelnen. Und ich weiß es ganz gewiß, daß ich als armer und einfacher Mann, auch wenn ich die Gabe habe, zu reden, nichts tun kann was besser und wertvoller wäre, als mit einem festen Willen und mit Gottes Hilfe zu versuchen, ein rechter und guter Mensch zu werden.
Und sehen Sie, es führt am Ende doch noch eine Brücke zu den anderen Menschen. Wenn meine Frau jeden Tag sieht, wie ich lebe und wie es mich froh macht, so gefällt es ihr vielleicht, und sie versucht es auch. Wenn wir nun unsere Kinder so in unserem Sinne erziehen, und sie ererben und sehen von uns nichts als Gutes und Lauteres, so werden vielleicht auch sie fest darin, und wenn am Ende meines Lebens dann doch durch mich auch nur zwei oder drei gute und frohe Menschen in der Welt wären, so wäre ich unsäglich glücklich.«
Unterdessen waren wir vor Herrn Roths Haus angekommen; es war ein kleiner Garten davor, und als ich die prachtvoll blühenden Rosen bewunderte, meinte er: »Ich möchte Ihnen gern ein paar davon schneiden; wenn Sie derweil meiner Frau Grüß Gott sagen wollen, so wird es uns freuen.«