Part 28
In den Tagen der allerersten Aufregung nach der Ermordung des Doktor Rapp hatte der Rat Leonhard ein unbestimmtes Gefühl, als ob er zu Adele gehen müßte, um nach ihr zu sehen. Er unterließ es aber. Wozu sich einmischen? Vielleicht kamen sich die beiden Gatten jetzt in dieser für Felix zweifellos schweren Zeit näher ... lernten sich mehr verstehen ... wenn kein störendes drittes Element dazwischen trat.
Störend aber war in den Augen des alten Herrn jeder Mensch, ob Mann oder Frau, der auch nur den Versuch machte, vermittelnd auf Ehegatten einzuwirken. Die mußten von selber wieder den Weg zueinander finden. Auch die beste Absicht eines Fremden konnte mehr verderben als nützen.
So blieb der Rat Leonhard den Altwirths fern. Ging nicht zu ihnen, sondern wartete auf den Zufall, der ihn wieder mit Adele zusammenführen würde.
Und jetzt war Adele zu ihm gekommen. Voll heißer Angst und Sorge war sie gekommen und bat ihn, ihr beizustehen in ihrer Bedrängnis.
Der Rat Leonhard warf einen kurzen, stechenden und forschenden Blick auf die junge Frau. Er sah, daß sie ihm nicht alles gesagt hatte, daß sie den eigentlichen Grund ihrer Angst ihm nicht gestehen wollte.
Da sie nicht von selber redete, drang er auch nicht in sie. Er wirkte nur mit guten Reden beruhigend auf sie ein und bat sie, wieder nach Hause zu gehen und dort auf ihren Mann zu warten.
„Vielleicht ist er schon daheim ... wenn Sie kommen!“ versuchte er sie zu trösten. „Was soll ihm denn auch passiert sein? Sie sind halt noch alleweil ein bissel aufgeregt. Wunder ist’s ja keins!“ machte er dann.
„Helfen Sie mir ... Herr Rat ...“ bat Adele flehend. „Er kommt nicht wieder. Ich weiß es!“ sagte sie angstvoll.
„Jetzt gehen’s nach Haus!“ befahl der alte Herr kategorisch. „Und überlassen’s alles andere mir! Ich werd’ schon für alles sorgen ... und dann ... später ... komm’ ich nachschauen ... wie’s geht.“
Der Rat Leonhard hatte selber das Gefühl, daß es besser sei, in Adele nicht Hoffnungen zu erwecken, an die er selbst nicht glaubte. Sie mußte es ja wissen, warum ihre Angst und Sorge so begründet waren. So ging denn der Rat Leonhard und veranlaßte alles Nötige, um über das Verschwinden des Malers Altwirth Erkundigungen einzuziehen.
Aber erst am nächsten Tag wußte man es mit Bestimmtheit, was geschehen war. Droben im Mittelgebirge ... in einem der schönen, herrlichen Wälder, die sich von Natters gegen das Oberinntal erstrecken, da hatten sie den Maler Altwirth erschossen aufgefunden ...
Die Frau Therese Tiefenbrunner erfuhr die Nachricht am Vormittage des zweiten Weihnachtstages. Ahnungslos wandelte sie am Arme ihres Gatten durch den Hofgarten mit langsamen, bedächtigen Schritten. Sie hatte ein neues schwarzes Kleid von schwerem, kostbarem Seidenstoff an. Das mußte sie heute zum ersten Male spazieren führen. Sie mußte dabei sorgsam darauf achten, was wohl die andern der ihr bekannten Damen Neues an Hüten, Pelzen und Kleidern aufzuweisen hatten.
Der Hofgarten war in den Vormittagstunden der Sonn- und Feiertage der Treffpunkt der Innsbrucker vornehmen Welt. Im Sommer spielte da die Musik in dem viereckigen luftigen Pavillon, der den Mittelpunkt des Gartens bildet. Da hüpften und sprangen die Kinder ein und aus. Und im bunten Durcheinander bewegte sich hier alt und jung im frohen, heiteren Geplauder. Andere wieder standen abseits und ließen bei den Klängen der Musik die Reihen der Menschen vorbeiziehen. Oder sie zerstreuten sich auf den weiten und gutgepflegten Wegen der schönen, blumengeschmückten und von alten Bäumen flankierten Gartenanlagen.
Im Winter ging es im Hofgarten nicht so lebhaft zu. Da benützte man ihn mehr als Durchgang zu der großen Promenade, die draußen am Rennweg vor dem Theater war. Dort spielte die Stadtmusik, oder die Militärkapelle ließ mit Schneid und Schmiß ihre lockenden Weisen ertönen. Und im lebhaften Geplauder traf sich hier alles, Zivil und Militär, jung und alt, Kinder und Greise. Wie ein fröhlicher, lustiger Bienenschwarm war’s. Auf und ab ... in Reih und Glied ... Lachen und Schäkern ... heimlicher und offener Flirt.
Wem’s zu bunt wurde hier draußen am Rennweg, der flüchtete aus dem Gewimmel hinein in den stilleren Hofgarten. Die mächtigen Bäume da drinnen breiteten ihre weiten, schneebedeckten Äste wie schützend über die im Winterschlaf ruhende Erde. Und so heimlich und still war’s da drinnen, trotz der vielen Fußgänger, die jetzt die sonst einsamen Wege belebten.
Die Frau Baurat Goldrainer und die Frau Professor Haidacher hatten sich auch in den Hofgarten hereingeflüchtet. Sie kamen dem Ehepaar Tiefenbrunner gerade entgegen, und auf ihren Gesichtern war ehrliche Bestürzung und Teilnahme zu sehen. Die Frau Goldrainer war eine von den ersten gewesen, die von dem Ende des Malers Altwirth erfahren hatte. Und nun wollte sie der Apothekerin ihr Beileid aussprechen und erkannte auf den ersten Blick, daß diese noch gar keine Ahnung von dem Unglück hatte.
Die Apothekerin, die zuerst ein recht vergnügtes Gesicht machte, als sie die beiden Damen begrüßte, sah jetzt recht hilflos drein und wußte gar nicht recht, wie ihr geschah.
„Beileid ... sagen Sie ... Frau Goldrainer?“ fragte sie verwundert. „Ich muß schon sagen ... daß ich ...“
„Ja, wissen’s denn noch nix ... Frau Tiefenbrunner?“ fiel ihr die Frau Goldrainer ins Wort. „Ihr Neffe ... der Felix Altwirth ...“
„Der Felix?“ machte der Apotheker.
„Was ist denn mit dem Felix?“ frug die Apothekerin mit einem Gemisch von Neugierde und Schrecken.
„Tot. Erschossen!“ sagte die Frau Goldrainer.
Nun wurde es der Apothekerin tatsächlich schwindelig. Sie mußte sich fest an ihren Mann halten. Es drehte sich alles vor ihren Augen wie ein Wirbel.
„Tot?“ sagte sie ganz fassungslos.
„Tot?“ wiederholte der kleine Apotheker, und ein nervöses Zucken ging über sein Gesicht. „Täuschen Sie sich auch nicht, gnädige Frau? Wir wissen ja noch gar nichts davon ...“
„Nein. Leider täusche ich mich nicht!“ sagte die Frau Goldrainer ehrlich betrübt. „Gestern abend haben sie ihn erschossen aufgefunden im Wald droben bei Natters.“
„Selbstmord?“ fragte Simon Tiefenbrunner und sah ängstlich auf die Damen.
„Ja. Selbstmord!“ bestätigte die Baurätin. „Erst heut’ in der Früh’ ist die Sache bekannt g’worden in der Stadt ...“ erzählte sie dann weiter. „Auch seine Frau hat noch nichts gewußt davon. Jetzt ist meine Schwester bei ihr droben!“ berichtete sie noch.
„Die arme Frau Adele!“ sagte Frau Haidacher mitleidig.
Frau Therese Tiefenbrunner raffte sich zusammen. Die bloße Erwähnung dieses Namens brachte wieder Lebendigkeit und Frische in ihren Körper.
„Die? Die braucht Ihnen nit leid zu tun, Frau Haidacher!“ sprach sie erregt. „Wenn die nit g’wesen wär’ ...“
„Tun’s der Frau nicht Unrecht, Frau Apotheker!“ unterbrach sie die Professorin energisch. „Mir scheint eher ... daß eine andere die ganze Schuld trifft ... eine ... die wir einmal haben unter uns dulden müssen. Die Mörderin!“
Frau Haidacher sagte das hart und mit einem ehrlichen inneren Abscheu. Jetzt erst glaubte sie es zu verstehen, warum sie sich damals innerlich so abgestoßen von Sophie gefühlt hatte. Sie hielt sich für die einzige, die es instinktiv geahnt hatte, daß Sophie Rapp einmal zu jeder schlechten Tat fähig sein werde.
Simon Tiefenbrunner, der Apotheker, sah ratlos von seiner Frau auf die Professorin und von dieser auf die Frau Goldrainer. Er begriff nicht recht, warum die Damen sich über die Schuld und Unschuld der einen oder der andern ereifern konnten. Schließlich war doch der Felix schuld an allem, wie’s gekommen war. Der war ja immer ein unklarer Kopf gewesen.
Und das sagte der Apotheker jetzt auch den Damen und begann ihnen, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, eine lange Rede zu halten. Aber diese fand ein rasches Ende dadurch, daß Frau Therese mit einem Male so laut und fassungslos zu schluchzen anfing, als habe sie soeben die Kunde von dem Tode eines eigenen Kindes erfahren.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Was nun? Das Leben hatte seinen tollen Reigen zu Ende getanzt ... hatte Menschen zertreten und Blüten vernichtet. Was nun? Warum ertrug Adele noch die Last dieses Lebens? Was erwartete sie noch? Es war ja zu Ende jetzt ... alles zu Ende ... hoffnungslos.
Adele Altwirth wußte es selbst nicht, warum sie noch weiterlebte. Sie gab sich keine Rechenschaft darüber ... sie dachte überhaupt nichts mehr.
Wie eine lebendig Tote verbrachte sie die Tage. Ertrug die Nächte, die schlaflos waren und währten wie Ewigkeiten. Sie ertrug die Menschen, die zu ihr kamen und gute Worte sprachen. Sie antwortete ihnen ... aber sie verstand nicht den Sinn ihrer eigenen Rede. Sie war so ruhig ... so gefaßt ... so kühl und so unempfindsam geworden. Die Leute wunderten sich über sie und sagten ihr nach, daß sie kein Herz haben müsse.
Die Innsbrucker waren jetzt gut zu der Frau. Sie kamen alle zu ihr, um sie zu trösten. Sogar die Tiefenbrunnerischen waren gekommen. Hatten die alte Feindschaft begraben und wollten sich wieder der alleinstehenden Verwandten annehmen. Schließlich war sie doch die Witwe von Felix Altwirth, den Frau Therese Tiefenbrunner, wie sie jetzt immer wieder fest und feierlich erklärte, gleich einem eigenen Kind geliebt hatte.
Innerlich war die Apothekerin ja überzeugt davon, daß Adele die Hauptschuld an dem Tode ihres Mannes trug. Und trotzdem überwand sie sich und ging zu ihr hin. Bot ihr die Hand, und Adele erwiderte den Gruß mit leichtem Druck. Sie sprach nicht viel mit den Tiefenbrunnerischen. Nicht mehr und nicht weniger, als was sie mit allen den andern gesprochen hatte. Sie war auch gar nicht verwundert oder erfreut darüber, daß die Verwandten zu ihr kamen. Es war ihr alles so gleichgültig.
Die Tiefenbrunners gingen von ihr fort mit dem unangenehmen Gefühl, eigentlich ein recht überflüssiger Besuch gewesen zu sein. Mit keinem Wort hatte ihnen Adele gedankt oder sie aufgefordert, wieder zu kommen. Sie war artig gewesen, ruhig und gefaßt und gab klare Antworten auf das, was man sie fragte.
Es war immer dasselbe, was die Leute von ihr wissen wollten. Immer die gleichen Fragen nach Felix Altwirths Ende. Und auch manchmal halb versteckte Anspielungen auf seine Beziehungen zu Sophie Rapp. Ob denn Adele gar keine Ahnung habe, warum er in den Tod gegangen sei? Ob er ihr denn keine Zeile hinterlassen habe ... keine Spur einer Aufklärung?
Nichts. Gar nichts. Immer wieder sagte es Adele. Immer wiederholte sie das gleiche.
Nichts. Sie wisse nichts ... habe keine Ahnung von der eigentlichen Ursache der Tat.
Adele sagte es so ruhig und selbstverständlich und überzeugend. Und sie glaubten schließlich alle daran, daß Felix Altwirth aus unglücklicher Liebe zu Sophie Rapp sich das Leben genommen habe.
Mochten sie es glauben. Es war Adele recht so.
Adele Altwirth wußte es, daß sie durch ihr Schweigen zur Mitschuldigen ihres Gatten geworden war. Wenn sie sprach, war Sophie Rapp frei. Aber sie konnte nicht sprechen. Sie hatte nicht den Mut, zur Anklägerin des Toten zu werden. Sein Geheimnis war gut verwahrt bei ihr. Sie würde den Weg der Wahrheit, den sie dem Lebenden gewiesen hatte, nicht gehen.
Zu niemandem hatte Adele darüber gesprochen. Zu keinem Menschen hatte sie auch nur eine Andeutung gemacht. Nicht einmal zu dem alten Rat Leonhard. Der war vielleicht der einzige von allen, welcher der Wahrheit am nächsten kam. Aber er sagte nichts. Sprach seinen Verdacht nicht aus.
Warum sollte er das Andenken eines Toten schänden? Sophie Rapp war es in seinen Augen wirklich nicht wert, daß man sich um ihretwillen Skrupel machte. Das Weib hatte gesündigt genug und viel verbrochen. Der Rat Leonhard war felsenfest davon überzeugt, daß Sophie Rapp die Schuldige sei. Er hegte nur für sich den Verdacht, daß Felix von der Tat wußte oder vielleicht auch daran beteiligt war. Aber diese Mutmaßung behielt er für sich. Und auch Adelen gegenüber verriet er sich mit keiner Silbe, um sie nicht zu beunruhigen.
Wenn sie das Andenken ihres Gatten rein haben wollte, so war das ihre Sache. Ging keinen Menschen etwas an. Und um die andere, die Sophie Rapp, war kein Schade. Wirklich nicht. So hielt es der Rat Leonhard.
Er kam jetzt fleißig zu Frau Adele. Jeden Tag. Sie sprachen nie viel miteinander ... diese beiden. Aber sie verstanden sich. Noch genau so gut wie damals in den ersten Jahren des Elends droben auf der Weiherburg.
Auch Doktor Storf und Frau Hedwig kamen zu Adele. Als ob es die Frau des Arztes gewußt hätte, daß sie ihr bescheidenes Glück, welches sie nun genießen durfte, nur dem Takt und der Ehre dieser Frau verdankte, so rührend benahm sich die kleine Frau in dieser schweren Zeit. Sie sorgte für Adele, so gut sie konnte, lud sie zu sich ein und tat alles, um ihr Freude zu machen und sie aufzuheitern.
Und wirklich waren auch jene Stunden die einzigen, in denen das starre Gefühl in der Seele der einsamen Frau sich etwas zu lösen begann. Hier in diesem Kreise konnte sie wenigstens einiges sprechen. Konnte sprechen von ihrer Zukunft und von ihren Plänen.
Und doch war es ihr, als spräche sie dann von einer andern, einer fremden Frau. Von einer Frau, deren Schicksal sie eigentlich gar nicht interessierte. Sie sprach von ihr, weil sie sah, daß sie dadurch den Freunden eine Freude bereiten konnte.
Mit inniger Besorgnis hatte Max Storf die Wandlung wahrgenommen, die in Frau Adele vorgegangen war. Da er sie besser kannte als alle die andern, so fürchtete er für ihre Gesundheit. Er wußte, daß diese Kälte und Gleichgültigkeit unnatürlich waren und daß das Schwere, das sie erlebt hatte, imstande war, ihr ganzes Leben zu zerstören.
Noch nie war es zu einer Aussprache zwischen den beiden gekommen. Aber sie wußten und fühlten es trotzdem, daß sie einander noch immer alles bedeuteten.
Adele Altwirth war nicht trennend zwischen Mann und Weib getreten. Sie hatte ihre Macht über Max Storf dazu benützt, ihn seiner Frau wieder zuzuführen. Und wenn es auch kein großes Glück war, das die beiden Gatten jetzt zusammen genossen, so war doch ein Behagen und eine stille Zufriedenheit bei ihnen eingekehrt.
Frau Hedwig hatte keine Ahnung davon, in welchem Maße sie das alles Adele verdankte. Adele Altwirth hatte es im Laufe der Zeit verstanden, den Freund zu begütigen ... hatte es verstanden, die Schwächen, die er an seiner Gattin auszusetzen fand, zu beschönigen und ihn auf ihre guten Eigenschaften aufmerksam zu machen. Und ohne daß es Frau Hedwig bemerkte, übte Adele auch auf sie einen wohltuenden Einfluß aus. Wirkte auf sie ein, daß sie gar manches unterließ, von dem Adele wußte, es sei dem Freunde nicht angenehm.
So konnte Adele mit reinem Gewissen und ehrlichem Auge der Arztensfrau gegenübertreten. Sie konnte deren Freundschaft annehmen und die rührende Liebe und Anhänglichkeit genießen, die sie ihr jetzt zuteil werden ließ. Sie hatte nichts getan ... nichts gesagt, was ihr hätte ein Vorwurf werden können.
Sie hatte ihre Liebe zu dem Freunde bezwungen ... hatte gerungen und gekämpft und war rein geblieben.
Ob sie recht daran getan hatte? Manches Mal warf Adele sich selber diese Frage auf.
War es recht ... daß sie so entsagt hatte?
Hatten nicht vielleicht doch jene Frauen recht ... jene von der Art der Sophie Rapp ... die ihre Natur nicht bezwangen und ihrer Liebe lebten?
Daß Sophie Rapp trotz allem ein echtes Weib geblieben war ... ja sogar innere Größe und Seelenstärke besaß ... das wußte Adele nun mit Bestimmtheit. Nicht viele Frauen ... das wußte Adele ... hätten um ihrer Liebe willen ein so großes Opfer auf sich nehmen können.
Waren nicht jene Frauen ... zu denen sie selber gehörte ... in Wirklichkeit sehr arm zu nennen? Was hatte sie von ihrer reinen Frauenehre? Ein Leben ... umsonst gelebt ... ungeliebt und ungenossen.
Wie hatte Sophie Rapp damals zu ihr gesagt? ... Das Schönste im Leben ist das Vergessen in Liebe. Es ist das einzige wahre und echte Gefühl ... weil es die Natur gegeben hat. Wer diese Stimme nicht kennt ... der hat sein Leben nicht gelebt.
Das war damals gewesen ... vor einem Jahr.
Und jetzt?
Jetzt war sie eine einsame Frau ... liebeleer und überflüssig auf der Welt.
Ungenützt war sie ihre Bahn geschritten ... hatte redlich versucht, gut zu leben und gut zu sein. Und es war doch alles zum Unheil geworden.
Des Weibes einzig wahre Bestimmung ist es, die Ergänzung im Leben des Mannes zu bilden. Und diese Bestimmung hatte Adele Altwirth nicht erfüllt.
Ihre Ehe war eine Täuschung gewesen, ein Verkennen der Gefühle. Sie wußten es beide nicht besser damals, weder sie noch Felix. Sie hielten die Neigung, die sie füreinander empfunden hatten, für Liebe. Und es war doch nur Freundschaft gewesen ... nichts anderes. Ein Aufflackern ihrer Sinne ... wie es Freundschaften zwischen den beiden Geschlechtern vorauszugehen pflegt.
Sie aber glaubten ... es sei die Liebe ... Es sei jenes heilige, übermächtige und starke Gefühl, das immer währt ... nie vergeht und stets gleich voll und tief und innig bleibt, ein Leben lang.
Jetzt aber hatte Adele die wahre ... große Liebe erkannt. Und sie wußte es auch, daß sie sich beide, Felix und sie selbst, in ihren Gefühlen getäuscht hatten.
Jetzt kannte sie das Verlangen und das Sehnen nach dem Manne. Und da sie es erkannte ... erwürgte sie das, was echt war in ihrer Natur ... entsagte und hielt sich rein.
War es recht von ihr? Immer und immer wieder regten sich dieselben Zweifel und Selbstvorwürfe. Adele war irre geworden ... irre an der Welt und an ihren Moralbegriffen und irre an sich selber.
Und noch ein Gedanke ... ein bitterer Vorwurf quälte die einsame Frau. War sie nicht doch mit schuld daran ... daß Felix in den Tod gegangen war?
War sie damals nicht doch zu hart gegen Felix gewesen? Hatte sie ihn nicht zu streng auf den Weg des Rechtes gewiesen? Sie hätte versuchen müssen, die Schuld mit ihm gemeinsam zu tragen ... die sie jetzt allein trug. Warum hatte sie es nicht getan? Warum?
Adele fühlte sich so unendlich müde jetzt ... Sie wollte nur ruhen ... ausruhen ... nicht mehr sehen und hören ...
Was sollte sie noch beginnen im Leben ... wo alles um sie herum tot war?
Der alte Rat Leonhard trat für Adele ein, als ob sie seine Tochter gewesen wäre. Sie ließ ihn handeln und befolgte ohne Widerspruch, was er für sie bestimmte. Der alte Herr bestand darauf, daß Adele fort sollte von Innsbruck ... fort von der Stadt, die ihr so viel Leid gebracht hatte ... Sie müsse gehen von hier ... gebot der alte Herr. Nur dann ... in gänzlich veränderter Lebenslage ... würde es ihr möglich sein, sich selber wiederzufinden. Und der Rat Leonhard bestand darauf, daß dies bald geschehe.
Er hatte Angst für die Frau, daß durch den bevorstehenden Prozeß gegen Sophie Rapp alle Erinnerungen in Adele aufs neue geweckt werden könnten. Auch Doktor Storf teilte diese Sorge und war froh, daß Adele sich in alles fügte, was man für sie vorkehrte.
Die Wohnung bei den Altwirths droben in Wilten wurde ausgeräumt. Adele sollte ihre Möbel zur Aufbewahrung geben und fortreisen ... weit fort und erst dann wiederkehren ... wenn sie sich eine neue Heimstätte gewählt hatte.
Adele Altwirth ließ die Freunde reden. Sie interessierte sich gar nicht für ihre fernere Laufbahn. Sie wollte nur Ruhe haben ... nichts als Ruhe.
So gleichgültig war ihr alles, was sie selbst betraf, daß sie nicht einmal wußte, wohin sie reisen würde. Wenn man sie fragte, so antwortete sie, nach München. Sie tat es ... weil sie diese Angabe von der Qual weiterer Fragen befreite. Aber sie konnte es sich nicht vorstellen ... daß sie schon in den allernächsten Tagen in München sein würde. Sie hatte keine Freude darüber und knüpfte keine Hoffnung daran. Es war ja so gleichgültig, wo sie sich aufhielt und was mit ihr geschah. So hoffnungslos gleichgültig.
Nicht einmal die Auflösung ihres Haushaltes hatte vermocht, sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Ohne Schmerzempfinden, ohne Bitternis und ohne Wehmut packte sie die Sachen zusammen. Ordnete mechanisch dieses und jenes an.
Manche liebe Erinnerung kam da wieder zum Vorschein ... Erinnerungen an die kleine Dora. Die Tränen lösten nicht die Starrheit ihres Herzens. Es war, als ob jedes Empfinden in ihr gestorben wäre, als ob es keine Linderung und keine Heilung mehr für sie geben könnte.
Adele Altwirth packte mit großer Sorgfalt all die lieben Kleinigkeiten des Kindes ein ... wickelte die Puppen sorgsam in weißes Seidenpapier und umhüllte sie gewissenhaft. Sie bettete dieselben in eine Kiste ... eine nach der andern. Das geschah mit einer so selbstverständlichen Fürsorge, als ob die kleine Dora noch am Leben wäre, mit strengen, kritischen Kinderblicken neben der Mutter stünde und darauf achtete, daß den lieben kleinen Puppenkindern ja kein Leid geschehe.
Kiste stand jetzt an Kiste gereiht wohlgeordnet und wohlverpackt in der Wohnung umher. Die Möbel waren aus ihrem gewohnten Platz gerückt, die Vorhänge waren von den Fenstern genommen und alle die vielen Bilder in Kisten eingepackt. In großen Rollen lagen die Teppiche am Boden. Die Öfen in den Zimmern waren ohne Feuer, und die Türen der Zimmer standen offen, die Verbindungstüren der einzelnen Gemächer und jene, die auf den Hausflur führten.
Es war kalt und traurig in den Zimmern. Ohne daß eines der Fenster geöffnet gewesen wäre, herrschte doch eine frostige Zugluft. Die Schritte hallten laut und mißtönig wider in der leeren Wohnung, und die Stimmen der Leute, die da aus und ein gingen, um das zu zerstören, was einmal ein Heim gewesen war, gaben ein lautes, rauhes und unnatürliches Echo zurück.
Adele Altwirth hatte nun alles hergerichtet und zum Transport bereitgestellt. Einige Koffer, die sie mit auf die Reise nehmen wollte, standen fast fertig gepackt in einem der halbleeren Zimmer. Morgen früh sollten die Männer kommen und alles zum Spediteur bringen. Und noch am gleichen Abend sollte sie von Innsbruck abreisen. So hatte es der Rat Leonhard angeordnet.
Der alte Herr war soeben bei Adele gewesen und hatte ihr dies alles mitgeteilt. Kurz und bündig und ohne Umschweife ... wie es seine Art war. Und trotzdem hatte er eine bange Sorge um die junge Frau. Sein Blick, mit dem er scharf beobachtend auf sie sah, hatte etwas Angstvolles in seinem Ausdruck.
„I weiß nit ... ob man Ihnen überhaupt allein reisen lassen kann ...“ sagte er in seiner gewöhnlichen mürrischen Art. „Sie schauen mir nit darnach aus ... als ob Sie überhaupt wissen täten, was Sie wollen!“ fügte er besorgt hinzu.
Adele lächelte wehmütig. „Doch ... Herr Rat ...“ sprach sie leise. „Ich soll nach München fahren ... haben Sie gesagt.“
„Ja ... und noch weiter fort, wenn möglich!“ sagte er energisch. Er entwickelte eine ganz ungewöhnliche Energie in dieser Zeit, der alte Herr. Er hätte es sich selber gar nicht zugetraut, wieviel Kraft und Interesse er noch imstande war, für ein anderes Wesen aufzubringen.
„Aber in München ... haben Sie da wohl jemand, der sich ein bissel um Ihnen bekümmert?“ fragte er dann neuerdings besorgt nach einer kleineren Pause. „Mir ist alleweil ... als wenn’s besser wär’ ... daß jemand mit Ihnen fahren tät’. Vielleicht ... wenn’s nit gar so weit wär’ ... dann könnt’ ich ...“ setzte er mit einiger Unsicherheit hinzu.
Eine Fahrt nach München und überhaupt eine Reise wäre für den alten Sonderling ein ganz ungeheures Unternehmen gewesen. Schon seit vielen, vielen Jahren war der Rat Leonhard nicht mehr aus Innsbruck hinausgekommen. Daß er jetzt diesen Gedanken in Erwähnung zog, bezeugte, in wie schwerer Besorgnis er wegen Adele war.
Adele Altwirth beruhigte den alten Herrn. Sie fühle sich ganz wohl ... sagte sie ... und würde sicher auf sich selber achten. Und in München habe sie schon ein paar Bekannte, zu denen sie gehen könne. Der Herr Rat solle sich ihretwegen keine Sorge mehr machen. Sie werde sicher ganz zurechtkommen und auch mit der Zeit wieder ganz ruhig werden. Aber Adele glaubte das alles, was sie sagte, selber nicht. Und der Herr Rat war auch nur für den Augenblick beruhigt.