Die Stadt am Inn

Part 25

Chapter 253,736 wordsPublic domain

Der Kaufmann sprach von Kunst und Wissenschaft, sprach vom Aufblühen eines Landes und seinem Gedeihen, und wie es Ehrenpflicht eines jeden einzelnen sei, der sein Land wahrhaft liebe, die Kunst im Lande zu fördern ... „Darum, meine Herrn, habe ich Sie heute zu dieser Versammlung geladen, damit wir uns gemeinsam zusammentun und vereinigen zu einer großen Tat. Die Idee ist nicht meinem Gehirn entsprungen. Das wissen Sie alle, meine Herren. Dieses Verdienst gebührt einem Künstler, unserem lieben und verehrten Landsmann und Mitbürger Felix Altwirth. Und wir freuen uns, daß es ein Innsbrucker war, der mit diesem großen Gedanken, mit dieser ausdrücklichen Forderung an uns herangetreten ist. Denn es ist ein Bedürfnis im Land. Innsbruck, diese Perle der Städte, unsere liebe Heimatstadt, an der wir alle, ich möchte sagen, mit verehrungsvoller Liebe und Hingabe hängen, diese moderne, aufstrebende Stadt, die alles besitzt, was man in dem Rahmen einer solchen Stadt erwarten darf, diese Stadt hat noch nicht jenes erhabene Bauwerk aufzuweisen, in dem die bildende Kunst eine dauernde Heimstätte finden kann. Wir wollen uns das ehrlich eingestehen, meine Herren. Es +ist+ ein Mangel. In eine Stadt von dem Range, in dem die Landeshauptstadt steht, gehört ein Gebäude, das nur dem Zweck der schönen Künste gewidmet ist. Daß das nicht schon besteht, ist ein Vorwurf. Ein Vorwurf für uns alle. Ich nehme mich davon nicht aus. Seit mir aber die Augen geöffnet worden sind, will ich meinen Fehler gutmachen nach Kräften. Die Landeshauptstadt soll allen Städten der Provinz als ein leuchtendes Beispiel vorangehen. Sie soll der Mittelpunkt werden eines geistigen Lebens. Der Mittelpunkt eines Kunstlebens, das in Wirklichkeit im Land existiert, dem aber nur die Führer gefehlt haben. Das, meine Herren, ist der Zweck, warum wir uns entschlossen haben, eine Tiroler Nationalgalerie zu gründen. Je größer in einem Volke die Kultur entwickelt ist, desto größer geht sein Streben und sein Sinn nach Kunst. Es ist eine heilige Pflicht für uns, daß wir dieses Streben fördern, nach Kräften fördern. Wir wollen der Welt zeigen, daß nicht nur die Großstädte dazu berechtigt sind, das Kunstleben als ihr Eigentum zu betrachten. Jede Stadt der Provinz hat ein Recht dazu, einen maßgebenden Einfluß auf diesem Gebiete auszuüben. Daß dieses oft nicht geschieht, ist eine Schuld und entspringt einem mangelnden Verständnis. Wir wollen keine solche Schuld auf uns laden. Als erste wollen wir dem Lande vorangehen, wollen zeigen, was wir können. Fördernd wollen wir eintreten in das Kunstleben unserer Stadt, und wir wollen unsern Nachkommen, unsern Kindern und Kindeskindern beweisen, daß wir nicht nur im politischen und nationalen Sinn verstanden haben zu wirken und zu handeln, daß wir nicht aufgegangen sind im kleinlichen Parteihader, sondern daß wir stets zusammengehalten haben wie ein Mann, wenn es galt, für unsere schöne, liebe Vaterstadt Großes zu schaffen, sie als erste einzureihen in das Kulturleben der Gegenwart. Und deshalb, meine Herren, weiß ich, daß ich keine Fehlbitte getan habe. Alle, wie wir da sind, werden wir beisteuern für den erhabenen Zweck, auf daß er gelinge zum Ruhme und zur Ehre der Stadt! Ich glaube aus aller Herzen zu sprechen, wenn ich Sie auffordere, mit mir einzustimmen in den begeisterten Ruf: Innsbruck, das berggekrönte Juwel des Landes ... lebe hoch ... hoch ... hoch!“

Ein brausender Jubel hallte durch den großen Saal. Von allen Seiten wurde Johannes Patscheider umringt und beglückwünscht. Allen schüttelte er die Hand. Auch dem Maler Altwirth, der sich kaum fassen konnte vor Freude und Glück ...

Der alte Rat Leonhard war gleichfalls bei der Rede des Kaufmanns im Saale anwesend und hatte andächtig zugehört. Recht andächtig. Den Kopf auf die eine Seite geneigt, die Hände fest in der Tasche, als müsse er das Geld, das er da drinnen trug, vor einem unvorhergesehenen räuberischen Überfall beschützen, so stand der alte Herr da und sah mit stechenden, scharfen Blicken zu dem Redner hinüber.

Als der jubelnde Beifall verrauscht war und die näheren Beratungen begannen, da machte sich der alte Herr aus dem Staub, so schnell er konnte, und ging hinüber ins Herrenstübel, wo Frau Maria Buchmayr einsam und verlassen saß.

„Schon da, Herr Rat?“ fragte die Wirtin etwas erstaunt. „Hat’s Ihnen nit g’fallen drüben?“

„Naa!“ sagte der alte Herr energisch. „Gar nit!“

„Hat denn der Patscheider nit schön g’redet?“ forschte die Wirtin neugierig.

„Der hat mir zu schön g’red’t, Frau Buchmayr. Zu schön, sag’ ich Ihnen!“ Der alte Herr hob warnend seinen knochigen Zeigefinger. „Das ist nit alles echt ... wenn einer so schön red’t. Sagen’s ... ich hab’s g’sagt, Frau Buchmayr! Nit alles echt ... nit alles echt!“ nickte er dann noch ein paarmal bekräftigend vor sich hin ...

Als die Herren später in der Nacht auseinandergingen, drückte der Doktor Rapp dem Patscheider warm die Hand. „Sie sind doch a ganzer Kerl, Patscheider!“ lobte der Rechtsanwalt. „Das muß Ihnen der Neid lassen. Ich sag’s nit gern. Das wissen’s ja!“ setzte er scherzend hinzu.

Johannes Patscheider brach in ein dröhnendes Gelächter aus und klopfte dem Rechtsanwalt gönnerhaft auf die Schulter. „Ha! Ha! Ha! Ha! Herr Doktor, das geben’s gut! Ausgezeichnet! Und weil’s von Ihnen kommt, das Lob, drum freut’s mich um so mehr. Übrigens ...“ der Patscheider sah den Rechtsanwalt einen Augenblick von der Seite her lauernd an, „das Hauptlob verdient Ihre Frau. Nit ich!“

Es war etwas in dem Blick Johannes Patscheiders, das dem Rechtsanwalt mißfiel.

„Ja, meine Frau! Da haben’s recht!“ stimmte er bei. „Wenn die sich was in den Kopf setzt, dann muß sie’s auch erreichen.“

„Um jeden Preis!“ sagte der Kaufmann wie für sich.

Die beiden Herren waren ein Stück des Weges miteinander gegangen. Durch die Lauben bis zum Burggraben, da, wo die breite Museumsstraße in den Burggraben mündet. Der Mond stand im vollen Zeichen und sandte sein mildes Licht über die Innsbrucker Altstadt. Lachte freundlich herunter vom sternenbesäten, glitzernden und funkelnden Nachthimmel auf die düstere, alte Franziskanerkirche mit ihrem zum adeligen Damenstift und zur Hofburg führenden angebauten Torbogen und erhellte mit kaltem, frostigem Glanz die leicht beschneiten Bergspitzen der Nordkette.

Valentin Rapp fühlte ein inneres Unbehagen, als er neben Johannes Patscheider in erzwungen gemächlichem Gang einherschritt. Er war froh, daß sich ihre Wege nun trennten.

„Grüßen’s mir die Frau recht schön, Herr Doktor!“ sagte der Patscheider, da sie voneinander Abschied nahmen.

„Danke, Herr Patscheider!“ erwiderte Doktor Rapp trocken. Es störte ihn abermals etwas im Tonfall des andern. Was war es nur? War er schon so nervös geworden in den letzten Monaten, daß er überall Arges witterte?

„Sie, Herr Doktor ...“ Johannes Patscheider hielt die Hand des Rechtsanwaltes einen Augenblick in der seinen.

„Ja?“

„Wir sind, solang’ wir’s denken, doch immer Gegner gewesen. Nit wahr?“ sagte der Kaufmann.

„Freilich!“ gab der Advokat zu. „Und wollen’s auch bleiben! Hoffentlich noch recht lange!“ sprach er mit etwas erkünstelter Heiterkeit.

„Das hab’ ich aber nit sagen wollen!“ erwiderte der Patscheider. „Ich hab’ g’meint ... wir könnten uns versöhnen ... ausgleichen ...“

„Ich mich mit Ihnen?“ Jetzt lachte Doktor Rapp wirklich herzlich heraus. „Solang’ ich leb’, nit! Das ist g’wiß!“ sagte er lustig. „Wenn Sie mich in den letzten Jahren auch heruntergedrückt haben ... es dauert nimmer lang ... dann spiel’ ich wieder die erste Geig’n!“ drohte er übermütig.

„So?“ Der Patscheider warf einen derart stechenden Blick auf seinen Gegner, dem er an Körpergröße um Kopfeslänge überlegen war, daß es dem Rechtsanwalt fast wehe tat. „Meinen’s, daß Sie das je erreichen, Herr Doktor?“ fragte der Kaufmann herausfordernd.

„Natürlich! Das werden wir schon sehen! Ich hab’ ja nix gegen Ihnen persönlich einzuwenden, Herr Patscheider ... aber wenn Sie noch weiter da regieren wie bisher ...“

„Aber Sie regieren nit! Das weiß ich!“ sagte Johannes Patscheider brutal.

„Lassen wir’s drauf ankommen, Herr Patscheider!“ forderte ihn der Rechtsanwalt kampfeslustig heraus.

„Ich rat’s Ihnen nit!“ sprach der Kaufmann drohend. „Bleiben’s lieber der ... der Sie sind ... und grüßen’s mir Ihre Frau!“

„Zum Donnerwetter noch amal!“ entfuhr es dem Rechtsanwalt jetzt zornig. „Was haben’s denn immer mit meiner Frau?“

„Was soll ich denn haben?“ tat der Patscheider unschuldig. „Einen Gruß schick’ ich ihr. Ist das vielleicht dem Herrn Gemahl nit recht?“

„Recht oder nit recht!“ erklärte Doktor Rapp mit Bestimmtheit. „Jedenfalls verbiet’ ich mir den Ton, den Sie da anschlagen, Herr Patscheider!“

„So sind’s doch nit so aufgeregt, Herr Doktor!“ beruhigte ihn der Patscheider in seinen sanftesten Tönen. „Man möcht’ schon meinen ... Sie wären auf mich eifersüchtig?“

„Ich ... auf Ihnen!“ Der Rechtsanwalt lachte ein lautes, hartes, gezwungenes Lachen, das durch die öde, menschenleere Straße unangenehm widerhallte.

„Haben auch keine Ursache, Herr Doktor! Nicht im mindesten Ursache ... versichere ich Ihnen!“ beruhigte ihn der Patscheider, und seine Stimme hatte für das gereizte Ohr des Advokaten einen widerlich speckigen Klang. Es war ihm, als entspränge dieser Ton einem Gefühl gesättigten Genusses ...

Den Rechtsanwalt Valentin Rapp trieb die Unruhe der Eifersucht durch die mondhelle, klare Oktobernacht. Mit heißem, blutüberfülltem Kopf ging er, so rasch er konnte, dem Rennweg zu. Ein kalter Wind fächelte erquickende Kühle um seine glühende Stirn.

Was hatte der Patscheider nur? Hatte er ...? Sollte Sophie ...?

Doktor Rapp wagte diesen Gedanken nicht zu Ende zu denken. Er ging immer hastiger und aufgeregter den breiten Weg entlang, der zum Inn hinüberführte. Dann folgte er dem Lauf des Flusses bis hinunter zur Kettenbrücke.

Welkes Laub raschelte müde unter seinen festen Tritten ... stöhnte auf wie im letzten Todeskampf ... und leise plätscherten die Wellen des Flusses. Silbern und hell und gleißend sah das Wasser aus in dem Mondlicht ... so gleißend und lockend ... wie das Weib des Rechtsanwalts.

Immer wieder mußte Valentin Rapp an Sophie denken. Mußte an sie denken ... wie sie ihn geliebt und umschmeichelt hatte all die Jahre seiner Ehe. Wenn sie gelogen hätte ... Wenn es wahr wäre, daß Sophie ihn betrog ... wenn ...

Und wieder konnte Doktor Rapp den Gedanken nicht fassen. Eine fürchterliche Wut war über den Mann gekommen. Ein Zorn und eine Empörung, die ihn zu allem fähig machten.

Doktor Rapp wußte jetzt nur das eine ... er durfte nicht nach Hause gehen ... jetzt nicht. Erst mußte er ruhig werden und wieder klar denken können.

Es dauerte ein paar Stunden, bis der Rechtsanwalt sein Heim am Saggen betreten konnte.

Lautlos und sachte gab er den Schlüssel ins Schloß, und leise wie ein Verbrecher schlich er sich in seine Wohnung.

Ganz sachte ... unhörbar ... ohne Laut ... Sie durfte ihn nicht entdecken ... die Ehebrecherin.

Wie eine fixe Idee hatte es den Mann befallen. In seiner erregten Phantasie stellte er sich vor, daß er sein Weib noch in dieser Nacht mit einem Buhlen überraschen müsse.

Und wenn? ...

Dann würde er sie erwürgen ... mit seinen beiden Händen. Das wußte er.

Vorsichtig, Fuß an Fuß setzend, schlich er sich von Zimmer zu Zimmer, überall hin ... ohne Licht. Bis er vor ihrem Bett stand ... ganz nahe ... dann lauschte er. Lauschte mit eingezogenem Atem. Und konnte nichts hören ... gar nichts.

Vielleicht war sie gar nicht da ... war fort ... fort ... bei ...

Der Rechtsanwalt mußte sich bei diesem Gedanken den Kopf halten und stöhnte laut auf vor innerer Qual ...

Dieses Stöhnen beunruhigte die Träume des schlafenden Weibes. Sie reckte sich und seufzte tief ... wie von einem Alp bedrückt.

Nun wußte Valentin Rapp, daß sie da war. Dies brachte ihn wieder zu ruhiger Überlegung. Mechanisch tastete er sich zum Schalter der elektrischen Lampe und drehte auf.

Der plötzliche Lichtschein weckte die Frau aus ihrem Schlaf. Verwundert schlug sie die Augen auf.

„Du ... Valentin!“ Sie lachte müde und schlaftrunken. „Bist jetzt erst kommen?“ frug sie leise.

Valentin Rapp gab keine Antwort. Er starrte wie hypnotisiert auf das in weißen Kissen ruhende Weib, das schon wieder sachte eingeschlafen war.

Eine große, mit gelbem Seidenschirm verhängte Ampel warf einen feinen Schein auf die schlafende Frau. Sophie Rapp lag da mit geschlossenen Augen und hatte den einen Arm über ihren Kopf geschlungen. Der Arm war entblößt, und mit ihm war ein Teil ihres Nackens sichtbar. Das Licht der Ampel vertiefte die Farbe ihrer bräunlichen Haut und ließ sie glatt und glänzend erscheinen wie Atlas. Das dunkle, aufgelöste Haar fiel ihr auf die halbentblößten Schultern, und ein weicher, friedsam ruhiger Zug lag auf dem sonst so lebhaften Gesicht. Die vollen üppigen Lippen waren leicht geöffnet, als sehnten sie sich nach Küssen, die sie der Müdigkeit und dem Schlaf entreißen sollten.

Als ob er sein Weib noch nie im sanften Schlummer gesehen hätte, so fest und eindringlich betrachtete Valentin Rapp jetzt die Schlafende.

Es war ein kleiner, intimer Raum, in dem das Ehepaar schlief. Geschnitzte Zirmholzmöbel in gotischem Stil waren in dem Zimmer. Ein großer, hellgelber Baldachin breitete sich an der Zimmerdecke über den beiden, knapp aneinandergestellten Betten. Dünn und zart rieselten feine weiße Spitzenvorhänge zu beiden Seiten der Betten herab, die in der Mitte des Zimmers standen. Ihnen gegenüber führten zwei hohe, breite Fenster ins Freie. Jetzt waren sie mit weißen Spitzenvorhängen auf gelbem Grund verhüllt.

Bei Tag hatte man von diesen Fenstern eine herrliche Aussicht auf das Vorgebirge der Nordkette. Sah den breiten Innfluß und die sacht ansteigenden Wiesen und Wälder. Sah aus dunklem Baumgrün den spitzen, zierlichen Turm der Weiherburg und sah die großen und kleinen Villen, die verstreut an dem Bergabhang lagerten. Und weiter wanderte der Blick bis zu dem stattlichen Dorfe Mühlau ...

Noch immer stand Valentin Rapp regungslos am Bett seines Weibes und versuchte, in ihren Zügen zu lesen.

Und wieder schlug Sophie ihre dunklen Augen auf und sah jetzt mit schelmischem Lächeln zu dem Gatten empor.

„Gehst heut’ nimmer schlafen?“ frug sie ihn dann. Es lag ein wohlig müder Ton in ihrer Stimme.

„Ja!“ Valentin Rapp sagte es kurz und rauh. Dann trat er ganz nahe an sie heran und fragte barsch: „Sophie ... was ist’s mit dir und dem Patscheider?“

Als wenn eine Viper sie gestochen hätte, so jäh schnellte das Weib bei der Nennung dieses Namens aus ihrer ruhigen Lage empor.

„W--w--a--a--s hast g’sagt?“ Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen an.

Valentin Rapp biß die Zähne aufeinander, um seine Frau nicht anzufallen. Aber er ballte seine Fäuste krampfhaft ... bereit, sie wie die Krallen eines wilden Tieres dem Weib ins Fleisch zu setzen.

„Was hast du mit dem Patscheider g’habt?“ frug er mit fester, gebieterischer Stimme.

„Der Patscheider ...“ Sophie hielt sich den Arm vor die Stirn wie ein Kind, das Züchtigung fürchtet, und sah flehend zu dem Gatten auf.

„Red’ ... Weib? Was ist?“ fuhr sie der Rechtsanwalt an. Nur mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft konnte er noch an sich halten.

„Ich ... ich versteh’ ... dich nit!“ stotterte Sophie angsterfüllt. „Ich ... ich ...“

„Also war’s etwas ... red’?“

Der Zweifel, der in dieser Frage lag, gab Sophie einen Schimmer von Hoffnung. Er wußte es also nicht bestimmt. Da konnte sie leugnen. Mußte lügen ... um seinetwillen und um ihretwillen.

„Wie du mich erschreckt hast ... Valentin ...“ sagte sie jetzt leise. Es lag ein fast kindlich weicher, rührender Ton in ihrer Stimme. „So mitten in der Nacht ... und aus dem Schlaf heraus ... Und so grob bist mit mir, Valentin!“ klagte sie leise und legte sich wieder in ihre Kissen zurück. Ein krampfhaftes Zucken bebte um ihre Lippen.

„Du sollst mir antworten!“ sagte Valentin Rapp fest. Er war jetzt doch unwillkürlich milder geworden in seinem Ton.

„Manndi ...“ Sophie tastete mit leicht zitternden Händen nach der Hand des Gatten. „Wie kannst du mich nur so etwas Dummes fragen!“ sprach sie mit sanftem Vorwurf.

„Der Patscheider ...“

„Komm ... Mannderl ... laß den Patscheider! I will nix mehr hören von ihm! Es tut mir weh!“ sagte Sophie weinerlich. Und sie heuchelte nicht. Es tat ihr weh, diesen Namen zu hören.

„Er hat von dir geredet ...“ stieß Valentin Rapp hervor.

„Der Schuft!“ schimpfte sie und krümmte sich wie im Ekel zusammen.

Mit unsicherem Blick sah Valentin Rapp auf sein Weib. Daß sie mit so ehrlichem Abscheu von dem Patscheider sprach, beruhigte ihn.

„Also ... war nix ...?“ frug er nach einer kleinen Pause.

Sophie schüttelte den Kopf. „Nein!“ sagte sie gepreßt.

„Ist’s wahr?“ Mit festem Blick sah er der Frau in die Augen. Sie hielt den Blick aus.

„Ja!“ sagte sie laut und bestimmt.

„Dann hat er mich bloß ärgern wollen ... der Schuft!“ machte der Rechtsanwalt erleichtert.

„Freilich, das wird’s sein!“ gab Sophie mit tonloser Stimme zu. „Nur ärgern!“

„Das will ich ihm aber ankreiden ... dem ...“ drohte Valentin Rapp empört.

Frau Sophie Rapp hatte noch lange zu tun, um das Klopfen ihres Herzens zu beruhigen. Sie mußte ruhig werden ... so ruhig, daß sie mit Leichtigkeit auch die letzten Zweifel aus der Seele des Gatten verscheuchen konnte.

Zwanzigstes Kapitel.

Es war nur eine momentane Beruhigung, die Sophie Rapp bei dem Gatten erreicht hatte. Die Zweifel und das Mißtrauen setzten sich fest in seiner Seele, nagten an ihm und quälten ihn unausgesetzt bei Tag und bei Nacht.

Noch öfters stellte der Rechtsanwalt seine Frau zur Rede, fragte sie in Güte und versuchte durch Strenge die Wahrheit zu ergründen. Denn er fühlte es, daß Sophie ihn in jener Nacht belogen hatte. Wie ein Aal war sie ihm entschlüpft und hatte ihn dann schließlich mit echt weiblicher List besiegt.

Doktor Rapp ahnte es mit Bestimmtheit, daß er hintergangen worden war. Und dieses Gefühl einer fortwährenden Unsicherheit reizte ihn, machte ihn unruhig und hart und in einem so hohen Grade mißtrauisch, daß er jetzt jedem Wort, das Sophie sprach, eine andere Bedeutung unterlegte.

Er peinigte sie unaufhörlich mit seiner Eifersucht. Verfolgte und beobachtete sie auf Schritt und Tritt. Sie war jetzt ganz und gar unfrei geworden. Mußte ihm Rechenschaft ablegen über jeden Weg und sogar über verdächtige Blicke, die er bemerkt haben wollte. Wie ein gehetztes Wild, geängstigt und bedrückt ging Sophie herum.

Sie wagte es jetzt nur äußerst selten mehr, Felix Altwirth aufzusuchen. Und dann waren es jedesmal nur kurze, flüchtige Besuche in den späten Vormittagsstunden. Sophie hatte Angst vor dem Gatten. Sie wußte, daß es ihr nur durch die allergrößte Vorsicht gelingen würde, ihn wieder in seine alte Unbefangenheit zurückzuversetzen. Noch nie war sie ihm so treu gewesen wie in dieser Zeit. Treu selbst in ihren Blicken und in ihrem ganzen Gehaben.

Es war gut für Felix Altwirth, daß er gerade jetzt so vollauf mit dem Plan der Nationalgalerie beschäftigt war. Das zerstreute ihn, lenkte ihn ab, und er empfand die Trennung von Sophie nicht in dem Maße, wie es wohl sonst der Fall gewesen wäre. So fügte er sich willig in Sophiens Anordnungen und quälte sie nicht mit trüben Stimmungen. Bei seiner leicht erregbaren Natur wäre das sonst nicht ohne die heftigsten Verzweiflungsanfälle vorübergegangen.

Sophie hatte Felix von dem veränderten Gemütszustand ihres Gatten berichten müssen. Sie hatte es ihm sagen müssen, daß nur die größte Vorsicht imstande wäre, den Verdacht, den Valentin Rapp nun einmal gegen sie gefaßt hatte, wieder zu mildern.

„Weißt, Felix,“ hatte Sophie gesagt, „wenn du jetzt vernünftig bist und dich drein fügst, dann wird alles wieder recht. Wirst sehen, es geht schnell vorbei bei ihm, und dann können wir wieder glücklich sein und wieder füreinander leben!“ tröstete sie ihn.

„Es ist aber hart, Sophie!“ sprach Felix traurig. „Dich so nahe zu wissen ...“

„Meinst, mir wird’s leicht?“ frug sie ernst. „Es muß halt sein. Damit nix herauskommt. Denk’ nur, wenn ...“

„Hast du Angst, Sophie?“ frug Felix besorgt.

Sophie schaute mit unsicheren Blicken auf den Maler. Sie hatte Angst vor dem Gatten, wollte es Felix aber nicht eingestehen.

„Angst?“ Sie zuckte die Achseln. „Angst grad nit ...“ erwiderte sie ausweichend. „Aber stell’ dir das Höllenleben vor neben einem eifersüchtigen Mann! Das wär’ ja für die Dauer nit zum Aushalten.“

Sophie wußte es selber nicht, warum sie Felix ihre Angst nicht eingestehen mochte. Vielleicht war es im Unterbewußtsein ein Gefühl, daß sie es verhüten wollte, den Geliebten gegen den Gatten aufzureizen. Und das wäre sicher der Fall gewesen, wenn Felix eine Ahnung von dem eigentlichen Sachverhalt gehabt hätte. Auch von jenem nächtlichen Auftritt mit ihrem Gatten hatte sie Felix kein Wort erzählt.

So waren einige Wochen vergangen, und Sophie begann erleichtert aufzuatmen. Sie sah, daß Valentin Rapp ruhiger wurde, wieder mehr derjenige, der er früher war.

Aber Mißtrauen und Zweifel zerstören die Seele eines Menschen wie ätzendes Gift. Fressen sich tiefer und tiefer, und der leiseste Anlaß genügt, die Verheerung, die sie angerichtet haben, offen zutage treten zu lassen.

So war es mit Valentin Rapp. Er war nur scheinbar ruhig geworden. Nur zum Schein tat er, als hielte er das für wahr, was Sophie ihm sagte. In Wirklichkeit aber glaubte er ihr nichts mehr.

Es war ein qualvoller Zustand der vollständigen Zerrüttung und des seelischen Zwiespaltes, in dem sich Valentin Rapp jetzt befand. Ein Zustand, der ihn oft für Augenblicke an den Rand des Wahnsinns brachte. Und in einem solchen Zustand von Wut und Verzweiflung ging der Rechtsanwalt hin und erstand sich eine Waffe. Er konnte nicht anders ... er mußte es tun.

Erst dann, als er die Waffe hatte und sie stets bei sich trug, war er ruhiger geworden. Es war ein kleines blitzendes Ding. Ein Dolch. Fast zärtlich barg ihn Valentin Rapp in der inneren Brusttasche seines Rockes.

Es war ihm zur fixen Idee geworden: Nie wieder wollte er sich von diesem scharfen, glitzernden Ding trennen ... bis er die volle Gewißheit hatte von der Schuld oder Unschuld seiner Gattin.

War sie schuldig ... dann ... die Waffe war gut und seine Hand sicher. Mit ihrem Blut sollte Sophie die Schande sühnen, die sie ihm angetan hatte.

Jene Unterredung, die Valentin Rapp mit dem Patscheider gehabt hatte, wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf. Immer von neuem mußte er an den widerlichen Ton denken, mit dem Johannes Patscheider von Sophie gesprochen hatte.

Was konnte es nur sein, das zwischen diesen beiden vorgefallen war? ... Valentin Rapp erinnerte sich an den unverkennbaren Abscheu, den Sophie gehabt hatte, als er ihr den Namen dieses Mannes nannte. Das war ehrlich gewesen. Und trotzdem log sie. Valentin Rapp fühlte es deutlich, daß sie log.

Er sah es an dem demütigen Blick ihrer Augen, die ihn oft so angsterfüllt anschauten, als wollten sie ihn um Vergebung bitten. Warum kam das Weib nicht zu ihm? Warum gestand sie ihm nicht die Schuld? Warum ...?

Hätte er ihr wirklich verziehen? Er hätte ihr nicht vergeben. Das gestand sich Valentin Rapp offen ein. Nie ... niemals im Leben ... hätte er Sophie eine Schändung seines Namens verziehen.

Er liebte dieses Weib rasend ... noch immer ... trotz allem. Er hatte sie aus der Niedrigkeit zu sich erhoben. Er hatte ihr alles gegeben, was ein Mann dem Weibe bieten kann. Er hatte ihr freudig und gern seine Freiheit zu Füßen gelegt. Nur um sie für immer zu besitzen, hatte er auf eine tatenreiche und erfolggekrönte Laufbahn verzichtet.

Erst jetzt ... in diesen einsamen, selbstquälerischen Stunden kam ihm dies alles zum Bewußtsein. Er sah es jetzt erst, wie der stolze Aufstieg, den er sich als Ziel gesteckt hatte ... langsam ... ganz langsam, aber stetig ... abwärts gegangen war. Seit den ersten Jahren seiner Verheiratung waren der Einfluß und das Ansehen, das Valentin Rapp in der Stadt besaß, allmählich geschwunden. Warum wohl?