Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 29

Chapter 293,178 wordsPublic domain

Die ersten Schritte zur +Verlobung+ werden meistens von den jungen Männern unternommen; nur bei den Kaffern kommt es manchmal vor, daß die Angehörigen des Mädchens die Angelegenheit in die Wege leiten. Man pflegt meistens durch Vermittler vorsichtig auszukundschaften, ob Aussicht auf Heirat besteht, natürlich unter Darbringung von Geschenken. Erst wenn die Bereitwilligkeit bekannt geworden ist, werden direkte Verhandlungen angeknüpft, die sich in erster Linie um die Festsetzung des Brautpreises drehen, wobei nach Möglichkeit geschachert wird. Mitunter werden sehr weitschweifige Zeremonien bei der Werbung beobachtet. Bei den Basuto macht der Vater des Jünglings dem Vater der von diesem Auserwählten einen Besuch -- nebenbei bemerkt sind einzelne Stämme sehr förmlich bei ihrer Begrüßung (Abb. 406) --, spricht zunächst über gleichgültige Sachen und kommt dann mit seinem Anliegen heraus, das er in die Worte kleidet: „Ich bin gekommen, ein Hündchen von euch zu erbitten.“ Nach langer Pause und scheinbar langem Nachdenken erwidert der Angeredete: „Wir sind arm, wir haben kein Vieh; hast du Vieh?“ Darauf beginnt der Werbende über die schlechten Zeiten zu klagen und erreicht schließlich nach langem Feilschen eine Einigung über den Kaufpreis in Vieh, womit er seine Aufgabe erfüllt hat. Darauf wird ein zweiter Bote in den Kral des Mädchens entsandt, der sich mit den Worten einfindet: „Ich bin gekommen, um Schnupftabak zu erbitten.“ Die alten Frauen füllen ihm reichlich davon in eine Kalabasse und übersenden sie dem Bräutigam. Zu Hause wird von diesem die ganze Sippe versammelt, der Mann der ältesten Schwester des Bräutigams öffnet die Schnupftabaksdose, und jeder der Anwesenden nimmt daraus unter großer Feierlichkeit. Am nächsten Tage wird die Dose nebst Angeld an Kleinvieh in den Kral des Mädchens zurückgesandt; dieses umwickelt sie zierlich mit Perlengewinden und trägt sie, beständig oder doch bei feierlichen Anlässen, um den Hals. Damit will es andeuten, daß es fortan Braut ist. Erst wenn die junge Frau ihr erstes Kind geboren hat, legt sie die Dose ab, nimmt die Perlenschnüre herunter und legt diese ihrem Kinde um. Die Verlobung wird festlich gefeiert und mit viel Bier begossen. Den Rest des Brautpreises bringt der Bräutigam später persönlich, allerdings nicht auf einmal, sondern in Raten. Die Heimführung der Braut erfolgt aber erst, wenn alles bezahlt worden ist.

Bei der +Hochzeit+ der Bantu (Abb. 404) finden ganz verschiedene Zeremonien statt; sie dehnen sich bei den Awenda oft über einen Monat und länger aus. Ehe sie nicht abgeschlossen sind, dürfen Braut und Bräutigam nicht als Mann und Frau zusammenleben. -- Ein Brauch, der sich bisher nicht hat ausrotten lassen, ist das +Eheversprechen unter Kindern+ im zartesten Alter. -- Die +Vielehe+ ist unter den Bantu erlaubt und wird auch vom Gesetz anerkannt, erfährt aber meist durch die Armut des Bräutigams Einschränkung. Wo die Mittel dagegen vorhanden sind, kann sich der Ehemann so viel Frauen kaufen, als ihm beliebt. Der Brautpreis besteht, wie schon erwähnt, in Vieh. Die Weiber eines Mannes vertragen sich im allgemeinen gut miteinander, weil sie meistens eine eigene Hütte haben und eigene Wirtschaft führen. Der Mann haust zeitweilig in dem einen Haushalt, dann wieder in einem anderen; die Frauen sind jedoch verpflichtet, ihm täglich Speisen zu bereiten und sie ihm dorthin zu bringen, wo er sich gerade aufhält. Unter den Kaffernfrauen sollen +Duelle+ nichts Seltenes sein und mit Händen, Füßen, Nägeln und Zähnen ausgefochten werden.

+Ehescheidung+ kommt häufig vor und ist für gewöhnlich mit einer Rückgabe des Kaufpreises verbunden. Der Mann kann seine Frau ohne Gründe verstoßen, geht dann aber dieser Rückgabe verlustig. +Ehebruch+ wird von den Angoni stets mit dem Tode geahndet; der Verführer wird in Gegenwart der ehebrecherischen Frau mit einer Keule erschlagen, sie selbst an einen Baum gebunden und mit einem Strick erdrosselt. Den Angehörigen der Schuldigen ist es verboten, diesen ein zeremonielles Begräbnis zu bereiten. -- Die Awenda heiraten, wenn ihre Frau stirbt, deren Schwester oder nächste Verwandte; sind diese aber noch zu jung, um zu heiraten, dann muß der Vater eine entsprechende Vertreterin stellen, bis sie herangewachsen sind. Bei den Matabele nehmen die Brüder des Verstorbenen die Witwe zur Frau; bei den Maschona erben oft die Söhne des Vaters Witwen, ausgenommen die eigene Mutter.

Nach dem Bekanntwerden eines +Todesfalles+ kommen die Verwandten sofort zusammen, und die Frauen heulen laut; bei den Barotse wird meistens durch Schießen ein großer Lärm gemacht. Der Tote wird in Felle oder Rindenstoffe, auch in wollene Decken eingehüllt und in hockender Stellung mit seinen Waffen und seinem persönlichen Besitz in der Erde beigesetzt. Verbrennung kommt unter den Bantustämmen nirgends vor, dagegen wird die Leiche vereinzelt im Busch ausgesetzt oder ins Wasser geworfen. In diesen Fällen handelt es sich aber nur um Sklaven, Stammesfremde oder um Leute, die keine Angehörigen mehr haben. Besondere Begräbnisstätten gibt es nicht; zumeist wird der Verstorbene in der Hütte selbst begraben und diese dann entweder gänzlich aufgegeben oder ruhig weiter bewohnt. Die Kaffern begraben ihre Häuptlinge im Kral. Die Awenda beten zu den Verstorbenen und versprechen, ihnen Bier zum Grabe zu bringen und für die Kinder zu sorgen. Bevor das Grab zugeschaufelt wird, schneidet der nächste Verwandte in die Decke, welche die Leiche umhüllt, ein Loch, gerade über dem Ohr, damit der Tote den großen Geist reden höre.

Bei den Basuto werden nach der Beerdigung die schon vorher abgeschnittenen Enden des Kuhfelles, in das man den Toten gehüllt hatte, zu kleinen Riemen zurechtgeschnitten und der Witwe zum Zeichen der Trauer als Band um die Stirn gebunden. Bei den Angoni legt die Witwe gleichfalls einen Trauerschmuck in Gestalt einer Binde um die Stirn an und trägt ihn ein halbes oder auch ein ganzes Jahr. Nach dieser Trauerzeit ruft sie ihre Verwandten und Bekannten zusammen, entledigt sich feierlich des Trauerabzeichens, verbrennt es über dem Feuer und schüttet die Asche in einen Fluß, in dessen Nähe die Handlung vor sich geht. Nachdem sie auch noch die Feuerstätte gereinigt hat, um das Andenken an den Verstorbenen damit gänzlich auszulöschen, kehren alle Teilnehmer in die Hütte zurück und halten zum Schluß ein festliches Gelage ab. Fortan darf die Witwe wieder heiraten.

Madagaskar.

Die Bevölkerung der Südafrika im Osten vorgelagerten Insel Madagaskar setzt sich aus verschiedenfarbigen Völkerelementen zusammen, deren Grundbestandteile ein interessantes Rassenproblem abgeben. In der Hauptsache scheinen es zwei Rassen gewesen zu sein, die zu ihrer Zusammensetzung beigetragen haben; die reinsten Vertreter der einen sind die Hova, die der anderen die Sakalaven; die Mischungsprodukte zwischen beiden sind die übrigen überaus zahlreichen Stämme, die die Franzosen unter dem Sammelnamen der Madagassen zusammenfassen.

Die +Hova+, ursprünglich ein kleiner Stamm, der das Hochland von Imerina in Besitz nahm, haben es vermöge ihrer hohen Intelligenz und guten Beanlagung verstanden, bis die Franzosen sich zu Herren der Insel aufwarfen, die Führung über die übrigen Stämme zu behaupten; sie bilden auch jetzt noch die Oberschicht. Wie ihr Äußeres, ihre Geschichte, Sprache und ethnologischen Verhältnisse deutlich verraten, sind die Hova malaio-polynesischen Ursprungs und wanderten vor etwa achthundert bis tausend Jahren, mutmaßlich von den Großen Sundainseln her, ein; bekanntlich sind ja diese Völker in der Schiffahrt von jeher gut bewandert gewesen. Ihr Typus ähnelt in der Tat dem der Javanen; kleiner Wuchs, olivgelbe Hautfarbe, üppiges straffes oder leicht gelocktes schwarzes Haar, rundlicher Kopf, kleine, öfter schiefstehende Augen, flaches Gesicht, vorstehende Backenknochen, vorstehende gerade Nase und etwas dicke Lippen sind seine hauptsächlichen Kennzeichen. Weniger rein schon erscheint dieser malaiische Typus bei den südlich von den Hova wohnenden Betsileo. Die Hova bildeten früher einen Feudalstaat und zerfielen in drei Klassen: die Adligen (Andriana), die Freien (eigentlichen Hova) und die Sklaven (Andevo). -- Das gerade Gegenteil der Hova sind die +Sakalaven+, ein Volk von tiefdunkler Hautfarbe und negerartigem Aussehen (wolligem Haar, länglichem Schädel, vorspringendem Gesicht und so weiter). Es liegt bei der Nähe Südafrikas die Vermutung nahe, daß sie von dort hergekommen sein mögen, aber ein derartiger Ursprung der Sakalaven wird aus gewichtigen Gründen -- vor allem sind die Bantu durchaus keine Seefahrer -- von zuständigen Kennern der Verhältnisse in Abrede gestellt. Es mag ja möglich sein, daß an der Zusammensetzung der dunklen Völker Madagaskars auch Bantuneger sich beteiligt haben, aber diese kamen nicht von selbst über die Meerenge von Mozambique, sondern wurden von den Arabern als Sklaven eingeführt. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, daß es sich bei den Sakalaven um Reste einer Urbevölkerung handelt, die zur afrikanischen Grundrasse gehörte, also den Negritos verwandt gewesen sein wird. Südafrika, Madagaskar, Südindien, die Sundainseln und so weiter bildeten ursprünglich ein zusammenhängendes Festland, das von eben dieser Rasse bewohnt gewesen sein muß; erst später hat dieses Festland seine heutige Gliederung erfahren.

Die übrige Bevölkerung Madagaskars, die sogenannten +Madagassen+ (Abb. 410), kann man als eine Mischbevölkerung ansehen, die aus einer Kreuzung jener beiden Grundelemente hervorgegangen ist und in ihrem Äußeren bald mehr den einen, bald mehr den anderen Zug verrät. Es haben zu ihrer Zusammensetzung auch noch weitere Rassenelemente beigetragen, die, teils freiwillig, teils durch Schiffbruch verschlagen, die Insel besiedelten; es zählen zu diesen vor allem Araber, ferner Perser und Inder, vielleicht auch Chinesen und Japaner, und seit den letzten Jahrhunderten auch die Weißen. Die Madagassen weisen eine Unzahl von Stämmen auf, als deren wichtigste die Betsimasaraka (Abb. 412), die Tanala, Bara und andere zu nennen sind.

Die Grundverschiedenheit in der Abstammung der Hova und Sakalaven kommt auch in ihrer Kleidung, ihren Wohnungen (Abb. 408 und 409) und in ihren sonstigen Gepflogenheiten zum Ausdruck. Die +Nationaltracht+ der Madagassen ist der Lamba (Abb. 410 und 411), ein großes Stück Zeug, entweder aus weißer Baumwolle oder aus leuchtend bunter Seide hergestellt, das als Überwurf getragen wird. Die Betsimasaraka tragen oft eine Tunika aus Raphiafasern, ihre Frauen außerdem noch eine kurze Jacke, die nur die Schultern, die Arme und den oberen Teil der Brust bedeckt, aber die Bauchgegend freiläßt, ähnlich wie die Tracht der Indierinnen. In den südöstlichen Provinzen haben manche Stämme noch ihre althergebrachten Mattentrachten aus Schilf in Gebrauch, ein röhrenähnliches Gewand, in das man hineinsteigen muß; es wird um die Hüften mit einem Gürtel zusammengehalten.

+Schmuck+ ist besonders bei den dunklen Stämmen sehr beliebt und recht abwechslungsreich. Er besteht in möglichst vielen Ketten aus Korallen-, Glas- oder Silberperlen, Armbändern und Ringen aus Metall, großen Ohrringen und Stiften in den Nasenflügeln. Eine große Vorliebe zeigen die Hova- und Sakalavenfrauen für das Aufsetzen kleiner Schönheitstüpfelchen (bei den einen in schwarzer, bei den anderen in weißer oder gelber Farbe) auf die Haut des Gesichtes. Besonders pflegen alle Madagassenfrauen ihr Kopfhaar; bei Trauer wird es stark zerzaust und aufgebauscht (Abb. 423). -- +Tatauierung+ kommt nur noch selten vor.

Die +Religion+ der Hova, wie der Madagassen überhaupt, ist offiziell das Christentum, aber in Wirklichkeit zeigen sie sich religiös gleichgültig und neigen eher zu ihrem alten animistischen Aberglauben. Sie erkennen ein höchstes Wesen, Sanahary, das heißt den allgemeinen Schöpfer, an, den sie aber, da er seinem Wesen nach gut ist und dementsprechend im allgemeinen kein Unglück verhängt, in ihrem Kult ziemlich vernachlässigen. Dagegen sind die Geister der Ahnen Gegenstand der größten Verehrung, zumal sie außerordentliche Furcht einflößen. Man glaubt nämlich an ihre absolute Macht, Gutes und Böses über die Lebenden zu verhängen, denen sie sogar von Zeit zu Zeit einen Besuch abstatten. Das geht selbst so weit, daß man annimmt, ein verstorbener Mann könne nachts seiner Ehefrau beiwohnen, weswegen auch lange nach seinem Tode geborene Kinder als legitim anerkannt werden. Die Ahnengeister erhalten Opfergaben, gewöhnlich ein Stück Rindfleisch und etwas Rum, das man zu ihrem Grabe bringt, wenn man ihre Gunst gewinnen will. Die Madagassen glauben auch an die Unsterblichkeit der Seele, nehmen aber an, daß diese nicht ohne weiteres zum Himmel aufsteige, sondern zuvor noch eine Reihe Wanderungen durch teils wirkliche, teils eingebildete tierische Wesen durchzumachen habe, die der Mensch sich bis zu einem gewissen Grade aussuchen könne. Am meisten ist der Aberglaube verbreitet, daß die Seele des Toten sich zuerst in ein Kokolampy verwandle, ein Fabeltier mit langen Haaren, das in düsteren Wäldern umherirre, um die Gräber schleiche, sich von Krabben nähre und am Tage in Höhlen hause, nachts aber unheimliche Laute von sich gebe. Sobald man diese Töne hört, wagt sich niemand allein des Nachts in den Wald, in den Häusern stockt die Unterhaltung, kurz, es herrscht große Furcht. Wenn das Kokolampy stirbt, geht die Seele in den Körper eines dicken Nachtschmetterlings, den Voangoamba, über, dem zu begegnen den bevorstehenden Tod eines Familiengliedes anzeigt, sodann in ein Chamäleon, weiter in ein Insekt, namens Angalatsaka, und schließlich in eine Ameise, nach deren Tod sie sich erst befreit und in den Himmel eingeht.

Unter den Sakalaven ist der +Steinkultus+ noch sehr verbreitet, der offenbar mit alten religiösen Vorstellungen zusammenhängt. So begegnet man öfters großen Steinhaufen, die von Goldsuchern zusammengetragen wurden und von ihnen, unter Darbringung von Honig als Opfergabe, um Hilfe bei ihrem Gewerbe angefleht werden. An anderen Orten trifft man auf zwei einzelne große Steine, deren einer nach Norden, der andere nach Süden zeigt, die von Frauen, die Mütter werden wollen, angebetet und mit Honig und Fett eingerieben werden; wer sich einen Knaben wünscht, wendet sich an den südlichen, wer ein Mädchen haben möchte, an den nördlichen Stein. Andere Steine werden angegangen, um eine Zunahme des Besitztums, eine Vermehrung der Herden, Fruchtbarkeit für die Aussaat und ähnliches mehr zu erflehen. Es gibt auch Steinbauten in Form von Dolmen; auf sie gießen die Tanala, bevor sie ihre Toten begraben, die von diesen ausgeschiedene Flüssigkeit aus und richten Gebete und Danksagungen an die Seelen der Vorfahren. Daher findet man auf ihnen auch stets Bananenblätter mit Reis und einen Bambusbehälter mit Honig oder Rum.

Der Madagasse unternimmt nichts Wichtiges, ohne daß er einen +Zauberer+ zu Rate zieht. Dieser breitet eine Handvoll Getreide oder eine Anzahl Samen nach gewissen Regeln auf einer Matte aus und bildet aus ihnen sechzehn Figuren, deren Bedeutung er nach einem bestimmten Gesetz auslegt (Abb. 413). Überhaupt sind die Zauberer, die bald Mpanazary, bald Ombissa, Mpisikidy oder Masina und so weiter heißen, auf der ganzen Insel sehr wichtige Persönlichkeiten. Sie stehen in dem Rufe, nicht nur wahrsagen und Kranke heilen zu können, sondern auch die Macht zu besitzen, das Ody, einen Talisman, anzufertigen, der gewöhnlich aus kleinen Stücken geschnitzten Holzes, den Enden von Ochsenhörnern, die mit Glasperlen verziert sind, und Krokodilzähnen besteht. Die Hörner und Zähne werden mit Sand oder Erde, auch mit verschiedenen kleinen Gegenständen, wie vergoldeten Nägeln, Eisenabfällen und anderem mehr angefüllt. Nachdem der Zauberer Gott angerufen und das Zaubermittel noch mit Rinderfett eingerieben hat, händigt er es gegen Barzahlung seinem Kunden aus, der es nun beständig um den Hals trägt und fortan überzeugt ist, daß er bei allen seinen Unternehmungen vom Glück begünstigt sein werde. So zum Beispiel wird er überall Gegenliebe finden, gegen Kugeln sowie gegen Krokodilbisse gefeit sein, bei Diebstählen unentdeckt bleiben und auch in allen übrigen Dingen stets Erfolge zu verzeichnen haben. -- Mit diesen Zaubermitteln und Fetischen ist fast stets ein +Fady+ verknüpft, das heißt ein Verbot bestimmten Handlungen oder bestimmten Fleischsorten gegenüber. Bei Nichtbefolgung dieses Fady verliert der Ody seine sämtlichen Tugenden und büßt seine Kraft ein. Dieser Brauch des Fady, der über ganz Madagaskar verbreitet ist, erinnert sehr an das Tabu in Ozeanien.

Die früher üblichen +Gottesurteile+ sind jetzt mehr in Wegfall gekommen, aber bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein wandte die einheimische Regierung zur Ermittlung eines Verbrechens noch die Tangenprobe an, so benannt nach der je nach der genossenen Menge mehr oder weniger giftigen Frucht des Tangenbaumes (~Tanginia venenifera~), die der Verdächtigte essen mußte; übergab er sich nach ihrem Genuß, dann galt seine Unschuld für erwiesen. Andere Ordalien sind jetzt noch in Gebrauch (siehe unten).

Die +Hauptbeschäftigung+ der Frauen von Madagaskar ist das Zerstampfen von Reis für den Tagesbedarf; nebenbei weben sie auch primitive Stoffe zu Kleidern und flechten Matten, Körbe und Hüte aus Binsen oder Reisstroh. Die Männer dagegen führen, sofern sie nicht gerade, wie einige Bewohner von Merina, Kaufleute oder eigentlich Hausierer sind, ein vollkommen müßiges Leben, ausgenommen während der Zeit des Säens und Erntens. Entsprechend dieser ihnen angeborenen Trägheit geben sie auch gute Hirten ab. Die Küstenmadagassen, deren einzige Beschäftigung das Fischen ist, sind oft tüchtige Seeleute, die auch über gut gebaute Boote (Abb. 414) verfügen. -- Als Unterbrechung des süßen Nichtstuns, das den gewöhnlichen Zustand der Madagassen ausmacht, sind ihnen Vergnügungen willkommen; auch dem Spiel (Abb. 415) sind sie sehr ergeben. Ein jedes Familienereignis gibt Anlaß zu Gesellschaften und Festen; Geburt, Hochzeit, Tod, das Errichten eines neuen Hauses, die Ankunft eines vornehmen Fremden, die Befreiung von einem Unglück, wie etwa einer Epidemie oder einer Überschwemmung -- dies alles dient als Vorwand zu einem Freudenfest, bei dem Ochsen geschlachtet, viel Rum getrunken und getanzt wird. Der +Tanz+ ist auf der ganzen Insel eine der beliebtesten Unterhaltungen (Abb. 416); langsame Bewegungen in anmutigen, ungezwungenen Stellungen kennzeichnen ihn. Ebenso sind die Madagassen sehr musikliebend (Abb. 417).

Ohne Nachkommen zu sterben, gilt bei ihnen als das größte aller Übel, was bei ihrer großen Verehrung der Vorfahren und ihrer feudalen Gesellschaftsgliederung erklärlich erscheint. Daher war es Vorschrift, daß, wenn ein Mann kinderlos starb, die Witwe von neuem heiratete, damit „der Keim wieder auflebe“. Das Bestreben eines jeden Madagassen läuft somit darauf hinaus, eine +möglichst große Nachkommenschaft+ zu haben; nicht damit zufrieden, was ihm die Natur gewähren kann, macht es ihm Freude, noch andere Kinder zu adoptieren, wo dies nur möglich ist. Bei all dieser Liebe zu den Kindern und dem Wunsche nach einer großen Familie muß es um so mehr wundernehmen, daß die schreckliche Unsitte des +Kindsmordes+ auf Madagaskar so verbreitet war. Es hängt dies aber mit dem stark ausgeprägten Aberglauben an Unglückstage und -stunden zusammen. Wird ein Kind zum Beispiel um Mitternacht im Monat Mai

geboren, dann gerät die Familie in große Bestürzung, denn das Kind wird dann ein Zauberer. Erscheint es zu der Stunde auf der Welt, wenn die Ochsen auf die Weide oder die Leute an die Arbeit gehen, dann steht zu befürchten, daß aus ihm ein Verschwender werde. Der ganze Monat September gilt für verhängnisvoll, denn die in ihm Geborenen werden sicherlich Bösewichter oder bringen den Eltern Unheil, wenn sie nicht gar deren Tod verursachen. Daher schafft man sie sofort entweder durch Lebendigbegraben oder Ertränken aus der Welt. Eine Ausnahme machen allein diejenigen, die gegen zwölfeinhalb Uhr mittags, das heißt wenn die Sonne ihre Strahlen gerade auf die Türschwelle sendet, das Licht der Welt erblicken; jedoch dürfen auch sie nicht so ohne weiteres am Leben bleiben, sondern werden einem Gottesurteil unterworfen. Man legt das Kind vor den Ausgang einer Ochsenhürde und wartet ab, ob die Tiere beim Herausgehen ihm einen Schaden zufügen. Auch wenn es nur von ihnen verwundet werden sollte, ist es dem Tode verfallen; nur wenn es unverletzt bleibt, läßt man es am Leben. Für die Geburt eines Prinzen dagegen ist nach dem Aberglauben der Madagassen der September gerade günstig, denn sie meinen, daß man, um ein großer und berühmter Fürst zu werden, recht böse sein und jeden mit Füßen treten müsse. Eine glückliche Zukunft steht ferner den Kindern bevor, die im Juli zur Welt kommen, besonders dann, wenn die Sonne aufgeht, oder wenn ihre Strahlen zwischen vier und fünf Uhr nachmittags die Hauspforten vergolden; denn dann wird der neue Weltbürger sehr große Reichtümer einernten. Man kennt aber auch Mittel und Wege, um das böse Schicksal eines unter ungünstigen Aussichten geborenen Kindes abzuwenden. So muß man bei einem Februarkinde, das man zu einem Brandstifter bestimmt glaubt, schnell eine kleine Hütte aus Erde und Kalk machen und sie verbrennen, oder man kann auch eine Heuschrecke oder einen Maikäfer als Opfer darbringen.