Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 27

Chapter 273,174 wordsPublic domain

Auch Kriegstänze und Scheinkämpfe mit Assagaien gehören zu den Belustigungen der Buschleute. Beliebt ist schließlich noch das Melonenspiel, wobei man eine ausgehöhlte und mit Steinchen angefüllte Melone mit dem Finger, der in ein entsprechendes Loch in der Frucht hineinpaßt, in die Luft wirbelt und mit dem Finger wieder auffängt.

Bei der +Geburt+ eines Kindes dürfen männliche Personen nicht zugegen sein. Das Neugeborene wird mit Gras abgerieben. Falls die Mutter mit Nahrungssorgen zu kämpfen hat, wird das Kind für gewöhnlich lebendig begraben; wenn sie aber einigermaßen zu leben hat und das vorhergehende Kind sich bereits so weit entwickelt hat, daß es sich selbst Wurzeln und Knollen ausgraben, also der Mutter zu seinem Lebensunterhalt entbehren kann, dann wird das Neugeborene aufgezogen. Eine besondere Pflege kann ihm trotzdem nicht zuteil werden; daher gehen viele Kinder der Buschleute zugrunde. -- Nach der Geburt erfolgt die +Namengebung+ durch die Eltern in Gegenwart der nächsten Angehörigen; hat man gerade ein Stück Wild erbeutet, so wird ein Festschmaus mit Tanz veranstaltet. Die Söhne erhalten zumeist den Namen des älteren Bruders des Vaters oder des Großvaters, die Töchter den der älteren Schwester der Mutter oder der Großmutter. -- Die Kinder werden frühzeitig zur Selbständigkeit erzogen; man lehrt sie die für ihre Ernährung wichtigen Pflanzen und Tiere kennen und unterweist sie in den Sammel- und Fangmethoden, im Aufspüren des Wildes sowie in der Anfertigung der Hausgeräte und Waffen.

Die Knaben werden bei +Eintritt der Männlichkeit+ von einem älteren Manne in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht; im besonderen erhalten sie Unterricht in den religiösen Tänzen. Diese Unterweisungen der Jünglinge finden draußen auf dem Felde zur kalten Jahreszeit statt, wo sie unter Aufsicht in einer großen Hütte untergebracht werden, kein Feuer anzünden und Wasser nur in beschränktem Maße trinken, auch nur von Wurzeln und Früchten leben dürfen. Alles das soll zur Abhärtung und Stählung des Körpers dienen. Nach Abschluß dieser Zeit werden die Knaben zu Männern geweiht, indem der Lehrer seinen Schülern auf die Stirn und zwischen die Schulterblätter Tatauierungen einschneidet und die Wunden mit Holzkohlenpulver einreibt. Hierauf dürfen die Jünglinge heiraten und an den Versammlungen und Tänzen der Erwachsenen teilnehmen. Eine Beschneidung findet nicht statt.

Bei den Mädchen wird der Eintritt der Reife ebenfalls gefeiert, aber eine Unterweisung geht der Zeremonie nicht voraus. Die Sitte schreibt dabei ebenfalls gewisse Tänze vor. Ein solcher Tanz des Aikwestammes ist der Elandbullentanz, den Passarge folgendermaßen schildert. Das zum erstenmal menstruierende junge Mädchen liegt auf der Erde, die älteren Weiber stehen um dasselbe herum, singen, klatschen in die Hände und klappern mit Eisenstücken. Die verheirateten jungen Frauen aber ziehen im Gänsemarsch, mit den Füßen den Takt dazu stampfend, um das Mädchen herum; dabei haben sie ihr Gesäß entblößt, wackeln und kokettieren mit demselben und stoßen die Arme rhythmisch nach unten. Nach einer Weile nähert sich ihnen mit langsamem Schritte ein Buschmann, der ein Fell mit Hörnern der Elandantilope auf dem Kopf trägt und ähnliche stampfende Bewegungen wie die Frauen ausführt. Er stellt den Bullen dar, die Weiber die Kühe. Zunächst läuft der Mann mehrere Male um sie herum, schließlich springt er in die Reihe hinter eine Frau und zieht sie an sich. Die Bewegungen des Bullen und der Kühe lassen deutlich erkennen, daß es sich hierbei um eine Szene aus dem Liebesleben dieser Tiere handeln soll.

Bei der +Auswahl seiner Lebensgefährtin+ sieht sich der junge Buschmann unter den Mädchen einer anderen Sippe um; als Vermittlerin pflegt ihm seine Schwester zu dienen. Hat er die ihm Zusagende gefunden, dann sucht er sich die Gunst der Eltern durch Geschenke zu erwerben. Früher bestanden diese in einem ganzen Stück Wild oder wenigstens in einem großen Teil eines solchen; heutzutage, wo der Wildreichtum sehr zurückgegangen ist, genügen auch kleinere Geschenke. Mit der Erlegung dieses Brautpreises ist die Ehe geschlossen, die dann noch durch einen Hochzeitschmaus gefeiert zu werden pflegt. Gelegentlich ist es dabei Sitte, daß der neue Ehemann, wenn die eingeladenen Nachbarn sich über ihn lustig machen, sein junges Weib ergreift, worauf jene mit ihren Grabstöcken auf ihn eindringen, so daß sich ein regelrechtes Gefecht entwickelt; steht der Bräutigam dabei seinen Mann, so wird der Kampf eingestellt und die Frau ihm überlassen. Der Ehemann tritt in deren Sippe über.

Von der ihnen erlaubten +Vielweiberei+ machen die Buschleute (Abb. 388) oft Gebrauch, und drei bis vier Weiber sind keine Seltenheit. Recht häufig heiratet der Mann nach der Reihe die Schwestern seiner Frau oder ihre Cousinen. Im allgemeinen steht die Sittlichkeit bei den Buschleuten auf verhältnismäßig hoher Stufe.

Bei der Nachricht von dem +Tode+ eines Buschmannes erhebt sich lautes Schreien und Jammern unter den Weibern des Dorfes. Die Leiche, der der Kopf mit rotem Ocker und Salbe eingerieben worden ist, wird ans Feuer gestellt, nach Angabe anderer Autoren auch direkt durchgeräuchert. Die Beerdigung erfolgt möglichst schnell. Der Tote wird in einer Grube in hockender Stellung (mit über der Brust gekreuzten Armen), das Gesicht nach Osten gewandt, zusammen mit seinen Waffen, Hausgeräten und mit etwas Nahrung beigesetzt; sodann wird seine Hütte zerstört oder auch verbrannt, deren Überreste in die Grube auf die Leiche geworfen und das Ganze mit Erde zugeschaufelt. Zum Schutz gegen die wilden Tiere, vielleicht auch um ein Hervorkommen des Geistes des Verstorbenen zu verhindern, wird eine Steinpackung oder eine Steinsetzung über dem Grabe aufgeführt; ein jeder, der vorübergeht und das Grab als ein solches erkennt, wirft einen neuen Stein darauf. Die Grabstätte wird von den Angehörigen möglichst schnell verlassen und für ein bis zwei Jahre gemieden; selbst fremde Buschleute, die auf ihrem Zuge an einem solchen Grabe vorbeikommen, hüten sich, in seiner Nähe zu schlafen. Anscheinend bestehen unter den Buschleuten auch Vorstellungen von einem Weiterleben nach dem Tode. So begegnet man der Ansicht, daß diejenigen, die sich bei ihren Tänzen schwere Unsittlichkeiten hätten zuschulden kommen lassen, nach ihrem Tode an einen geheimnisvollen Ort unter das Wasser gebracht und hier in Tiere verwandelt würden, die für ihre Ausschreitungen beständige Pein erlitten. -- Wie in ihren Sitten und Gebräuchen überhaupt, so sind die Buschleute im besonderen auch in denen, die sich auf die Begräbnisfeierlichkeiten beziehen, von den umwohnenden Hottentotten sowie den Bantu verschiedentlich beeinflußt worden.

Eine zweite Sondergruppe innerhalb der südafrikanischen Völker bilden die +Hottentotten+. Man hat sie früher als Verwandte der Buschleute aufgefaßt, und dies mit einer gewissen Berechtigung, insofern es sich bei einer Gegenüberstellung mit den dunkelhäutigen Bantu bei beiden um „hellfarbige Südafrikaner“ handelt und sie auch sonst manches Gemeinsame in ihrem äußeren Verhalten darbieten. Indessen war es der Sprachwissenschaft vorbehalten, Klarheit über die Stellung der Hottentotten innerhalb des afrikanischen Völkerkreises zu schaffen. Meinhof, der beste Kenner afrikanischer Sprachen, hat nämlich gezeigt, daß ihre Grammatik eine ganz auffällige Übereinstimmung mit den grammatikalischen Regeln der hamitischen Sprachen aufweist und daß auf der anderen Seite die Schnalzlaute, die ihre Sprache mit den Dialekten der Buschleute gemeinsam hat, von diesen nur entlehnt sind. Da nun die Hottentotten trotz mancherlei Ähnlichkeit mit den Buschleuten in ihrem Äußeren auf der anderen Seite auch wieder Eigenschaften aufweisen, die sie den Hamiten nähern, wie die höhere Statur und die größere Hellfarbigkeit, so liegt unter Berücksichtigung der sprachlichen Gründe die Wahrscheinlichkeit sehr nahe, daß es sich bei ihnen um frühzeitig weit nach dem Süden verschlagene und von ihren Stammesangehörigen vollständig abgeschnittene Stämme hamitischer Völker handeln mag, die durch starke Vermischung mit den in der Überzahl vorhanden gewesenen Buschleuten der meisten ihrer ursprünglichen Rasseneigenschaften verlustig gingen, jedoch ihre geistigen Eigenschaften, im besonderen ihre entwickeltere Sprache, ihre verfeinerte Grammatik und vorgeschrittenere Religion, sowie manche ihrer Gewohnheiten bis auf die Neuzeit retteten.

Die Hottentotten sind heutzutage auf Deutsch-Südwestafrika, im besonderen Groß-Namaland, beschränkt; ihre +wichtigsten Stämme+ sind die Zwartboi, Bondelzwart (so benannt nach dem Bündel schwarzer Streifen über den Augen), die Veldschoendrager, die Witboi, Simon Kopper- und die Fransmann-Hottentotten. Im Gegensatz zu den Buschleuten sind sie durchweg Viehzüchter geblieben, wie es ihre hamitischen Vorfahren vor langen Zeiträumen schon waren. Bekannt sind ihre blutigen Kämpfe mit der deutschen Regierung, durch die sie ziemlich aufgerieben worden sind. Infolge der seit langem unter ihnen wirkenden Mission haben sie das meiste Ursprüngliche bereits abgestreift und europäische Sitten angenommen; ein Teil von ihnen ist Mischehen mit den vor den Deutschen hier sehr verbreitet gewesenen Buren eingegangen. Im großen und ganzen ähneln sie in körperlicher Hinsicht den Buschleuten, unterscheiden sich aber von ihnen vor allem durch ihre bedeutendere Größe sowie durch feinere Gesichtszüge. Ein einheitlicher Typus läßt sich für die Hottentotten nicht aufstellen.

Ihre +Wohnungen+ sind halbkuglige niedere Hütten (sogenannte Pontoks), die aus einem Gestell kreisförmig in den Boden gesteckter und oben kuppelförmig miteinander verbundener dünner Zweige hergestellt sind und mit Fellen oder Matten bedeckt werden. -- Jetzt kleiden sich die Hottentotten schon meistens nach europäischer Art. Ihre frühere +Tracht+ war ganz aus Leder beziehungsweise Fellen angefertigt, sie bestand in einem solchen Hüftschurz, einem großen Fellmantel, Karoß genannt, und einer Kopfbedeckung aus Pelz. -- Ihre +Waffen+ sind Bogen und Pfeile, Speere und Wurfstöcke; neuerdings auch Schießgewehre.

Die ursprüngliche +Religion+ der Hottentotten (heutzutage sind sie Christen) scheint auf Ahnenverehrung und Geisterglauben beruht zu haben. Die Geister der Verstorbenen wurden von ihnen als böse Dämonen angesehen; daher war man auch bestrebt, durch Zusammenbinden der Leiche sie an der Wiederkehr zu hindern. Der Ahnenkult kam in der Gewohnheit zum Ausdruck, daß die an Gräbern Vorübergehenden diesen eine Gabe darbrachten, entweder einen Stein oder Reisig, einen Blumenzweig, ein Scheit Holz oder ein Büschel wohlriechender Kräuter darauf legten und gleichzeitig den Verstorbenen um Gesundheit, viel Kinder und viel Kleinvieh anflehten. -- Unglücksfälle und Krankheiten werden dem Einflusse böser Geister zugeschrieben, gegen die man sich durch Amulette und Beschwörungen durch einen Zauberer zu schützen sucht.

Die Hottentotten sind heutzutage +faule und zur Genußsucht geneigte Menschen+; sie verstehen sich darauf, aus Honig ein berauschendes, stark mussierendes Getränk herzustellen, dem sie eifrig zusprechen. Besondere Freude haben sie an +Musik+ und +Tanz+. Ihr beliebtestes Musikinstrument ist die Riedflöte, eine Art Schalmei, die aus einem fußlangen Ried hergestellt wird; die verschiedenen Töne werden durch Auf- und Niederschieben eines Stempels erzeugt. Die Männer bilden einen Kreis und die Weiber darum einen anderen; sie bewegen sich darauf in entgegengesetzter Richtung unter Verbiegungen des Oberkörpers, die Weiber kehren ihre hintere Körperpartie hervor und führen unter Händeklatschen und Musik groteske Sprünge und Bewegungen aus. -- Eine recht sonderbare Art von +Selbstbefriedigung+ betreiben die jungen Mädchen der Hottentotten (sowie der Buschleute), indem sie von frühester Jugend an beginnen, ihre ohnehin schon verhältnismäßig stark entwickelten kleinen Schamlippen zu ziehen und zu zerren (sogar unter Benutzung kleiner Gewichte), bis sie eine ansehnliche Größe (Hottentottenschürze) erreichen.

Nach der Geburt eines Kindes wird ein Feuer angezündet, an dem aber so lange weder gekocht noch gebraten werden darf, bis der Nabelstrang abgefallen ist, sonst würde dem Kinde ein Unglück begegnen. Der Mann darf der Niederkunft seiner Frau, die von älteren Frauen unterstützt wird, nicht beiwohnen. Nach der Geburt wird dem Vater das Kind vor die Hütte gebracht; man legt es auf die Erde, und er hebt es auf zum Zeichen, daß er es als das seine anerkennt. Bei der Geburt eines männlichen Nachkommen herrscht große Freude; sie erhöht die Eltern in der Achtung der Dorfbewohner. Je nach den Vermögensverhältnissen schlachtet der Vater zwei bis drei Ochsen und gibt den Nachbarn ein Fest; bei der Geburt eines Mädchens begnügt er sich mit einer Ziege. Werden +Zwillinge+ geboren, dann ist die Freude weniger groß, zumal wenn beide weiblichen Geschlechts sind. Entweder wird der eine Zwilling in einer verlassenen Tierhöhle ausgesetzt, die man mit Steinen oder Erde zubaut, oder an einen der nächsten Bäume gehängt, wo er verhungern muß. -- Das Neugeborene wird nicht gewaschen, sondern zunächst mit Kuhmist vom Kopf bis zu den Füßen eingerieben, darauf zum Trocknen in die Sonne gelegt, vom Mist gereinigt und sodann mit dem Saft einer Pflanze gewaschen, damit es gelenkig und ausdauernd im Laufen werde. Schließlich wird es, nachdem es noch einmal an der Luft getrocknet worden ist, mit Schaffett oder Butter eingerieben. -- Die Hottentottenmütter stillen ihr Kind, lassen es gelegentlich nebenbei auch einen Zug aus der Tabakspfeife tun.

Bis zum Eintritt der +Reife+ gehen die Kinder nackt. Die Mädchen werden dann mit einem reichverzierten Karoß bekleidet, dessen Tragen sie fortan als heiratsfähig stempelt. Nach dieser Einkleidung müssen die Mädchen drei Tage lang in einem von fußhohen Stäben errichteten Kreis von etwa einem Meter Durchmesser mit untergeschlagenen Beinen dem Eingang der Hütte gegenüber sitzen, den gespitzten Mund dabei vorgestreckt halten und mit dem Kopfe herausfordernd nicken. Am dritten Tage wird eine junge fette Kuh geschlachtet und ein Schmaus veranstaltet, zu dem der nächste Anverwandte, gewöhnlich ihr ältester unverheirateter Vetter, mit den Nachbarn sich einfindet. Er stülpt ihr den Magen des Rindes über den Kopf und wünscht ihr dabei, so fruchtbar wie eine junge Kuh zu sein und recht viele Kinder zur Welt zu bringen. Die Freunde und Freundinnen schließen sich diesem Glückwunsche an und nehmen ebenfalls an dem Schmause teil, der mit Tanz, Gesang und Bezechtheit infolge allzu reichlichen Genusses von Honigbier endigt.

Die +Stellung der Frau+ und auch schon des Mädchens ist bei den Hottentotten eine verhältnismäßig angesehene. Eine besonders hohe Achtung genießt die älteste Tochter innerhalb der Familie; Beweis dafür ist unter anderem die für jeden Mann bindende Versicherung: „So wahr meine Schwester lebt.“ Es darf daher nicht wundernehmen, wenn wir hören, daß das Hottentottenmädchen seinen Lebensgefährten selbst wählt. Bei der +Hochzeit+ geht es hoch her. Der Vater schlachtet ein Rind, es muß dies aber ein tragendes weibliches Tier sein, damit die Ehe auch fruchtbar werde. Auch unfruchtbare Weiber essen davon, um in gesegnete Umstände zu kommen. -- Früher war Polygamie erlaubt, heutzutage hat das Christentum damit aufgeräumt.

Bei +Krankheitsfällen+ versammeln sich die nächsten Angehörigen um den Kranken und beginnen durch Schreien, Heulen, Klatschen und Stampfen einen Heidenlärm zu machen. Nützt dies nichts und hat es den Anschein, daß es mit dem Kranken zu Ende gehe, dann rütteln und schütteln sie den Sterbenden unter lautem Geschrei und reden ihm mit schmeichelnden Worten zu, noch länger unter ihnen zu verweilen. Hat der Kranke unter solchem Lärm sein Leben ausgehaucht, so versucht man noch einmal, ihn auf dieselbe Weise zurückzurufen, und macht ihm gleichzeitig wegen seines Dahinscheidens schwere Vorwürfe. Hat auch dies keinen Erfolg mehr, dann nehmen das Wehklagen der Frauen und der Lärm noch zu. Früher schlachtete der Sohn des Verstorbenen, sobald es wieder ruhig geworden war, einen Bock und bestrich mit dessen Blute die Leiche. Darauf brachte man sie in Hockerstellung, das heißt man legte sie so, daß ihre Knie an den Bauch, die Ellbogen auf die Knie und die Arme über die Brust gekreuzt zu liegen kamen, band sie mit Lederriemen fest und wickelte sie in den Karoß, den der Verstorbene bei Lebzeiten getragen hatte, oder auch in Felle oder Matten. Heutzutage wird die Leiche einfach von den Weibern gewaschen und ausgestreckt in Felle eingenäht, darauf von drei bis vier Trägern nach dem Grabe außerhalb der Werft geschleppt; die Leiche darf die Hütte aber niemals durch die Tür, sondern nur durch ein zu diesem Zweck durch Wegnahme einer Matte hergestelltes Loch in der Wand verlassen. Die Beerdigung findet möglichst bald nach dem Tode statt. Alle Männer und Weiber, die während der Vorbereitungen sich vor der Hütte versammelt und in zwei Kreisen niedergehockt haben, rufen in einem fort Bo-Bo, das heißt Vater, und folgen sodann unter vielem Lärm in zwei ebenfalls nach Geschlechtern getrennten Gruppen der Leiche. Diese wird zusammen mit den Habseligkeiten des Verstorbenen ohne besondere Zeremonie in einer bald flacheren, bald tieferen Grube beerdigt. Auf das zugeschaufelte Grab wirft man aus den uns bereits bekannt gewordenen Gründen Steine; Vorübergehende pflegen einen neuen Stein hinzuzufügen, so daß schließlich unter Umständen große Haufen entstehen. Nach Beendigung dieser Zeremonie kehren alle Teilnehmer nach dem Dorfe zurück, wobei sie noch einmal den Verstorbenen laut mit Namen rufen; zu Hause setzen sie sich vor seiner Hütte in zwei Kreisen nieder und klagen stunden-, selbst tagelang. Früher gingen nach Beendigung dieser Klagen der Dorfälteste oder zwei alte Leute in beiden Kreisen herum und bespritzten alle Sitzenden mit ihrem Urin, holten sodann von dem Herde in der Hütte, die sie durch das für den Toten gebrochene Loch verließen, eine Handvoll Asche und bestreuten die draußen Sitzenden damit. Diese rieben sich zunächst mit der Asche ein, schrieen wiederum und beschmierten sich sodann noch mit Kuhmist, den die nächsten Anverwandten aus dem Viehkral herbeiholten. Offenbar sollten diese Handlungen zur Reinigung dienen, da allem, was mit den Körperausscheidungen zusammenhängt (Urin, Mist), eine besondere Zauberwirkung zugeschrieben wird. Am nächsten Tage packten die Bewohner des ganzen Dorfes ihre Habe zusammen, brachen ihre Häuser ab -- das des Verstorbenen ließen sie stehen, nahmen auch nichts von ihm mit aus Furcht vor seinem Geiste -- und zogen von dannen. Ehe man auseinander ging, schlachtete der Erbe noch ein Schaf zu einem Abschiedsschmaus. -- Eigenartig sind die +Trauer+abzeichen bei den Hottentotten. Das Netz des von den Erben geschlachteten Tieres wurde dem Ehegatten oder, falls dieser tot war, dessen ältestem Sohn überlassen, der es zu einem Strick drehte und sich um den Hals band, wo es so lange hängen blieb, bis es von selbst abfiel. Auch Trauerfrisuren werden getragen, besonders von den ärmeren Leuten, die sich kein Schlachttier leisten können. Sie lassen sich das Haar so scheren, daß mitten auf dem Wirbel eine Platte und rund um den Kopf lauter schmale Streifen stehen bleiben. Sogar Körperverstümmlungen scheinen früher üblich gewesen zu sein; es wird berichtet, daß Freunde und Anverwandte sich ein Fingerglied gleichsam als Opfer für den Verstorbenen weghauen ließen und es ihm in das Grab nachwarfen; von anderer Seite wird wieder erzählt, daß nur die Witwe sich dieser Verstümmlung unterzogen habe, weil sie dadurch in den Augen der Hottentotten gleichsam wieder jungfräulich werde. Man konnte dann aus der Zahl der fehlenden ersten Fingerglieder an einer Frau sogleich erkennen, wie oft sie schon verheiratet gewesen war. -- Daß die Hottentotten an ein +Fortleben nach dem Tode+ glaubten, dafür dürfen wir den Beweis in ihren Begräbnisgebräuchen erblicken; aber wie sie sich dieses vorstellten, darüber fehlen uns nähere Angaben.

Mehrfach ist beobachtet worden, daß man alte Leute, die sich nicht mehr ernähren konnten und ihren Angehörigen zur Last fielen, einfach aussetzte und ihrem Schicksal, das heißt der Tötung durch wilde Tiere, überließ; sie ertrugen dies als etwas ganz Selbstverständliches.

Das dritte einheimische Rassenelement in Südafrika bilden die +Bantuneger+, die die östlichen Landstrecken vom großen Fischfluß an bis zum Tanganjikasee hinauf einnehmen. Sie sind offenbar von Norden her zu verschiedenen Zeiten hierhin vorgedrungen und haben selbst Ausläufer nach Westen in das Gebiet der Buschleute und Hottentotten geschickt, die Herero und Ovambo (Abb. 389).

Von den uns hier beschäftigenden südafrikanischen Bantu nehmen die größte Verbreitung die +Kaffern+ ein mit ihren Unterstämmen der Xosa, Pondo, Tembu, Zulu, Swasi und anderen. Die wichtigste Gruppe hiervon sind zweifelsohne die Zulu, insofern sie den Europäern am meisten zu schaffen gemacht haben. Westlich von den Kaffern sitzen die ihnen stammverwandten +Betschuanen+, die weniger kriegerisch als sie sind, sondern sich mehr den Künsten des Friedens widmen. Auch sie zerfallen in eine Reihe Untervölker, deren wichtigstes die +Basuto+ (Abb. 391) sind. Zu ihnen wiederum stehen in nahem verwandtschaftlichen Verhältnis die das Hochland zwischen Limpopo und Sambesi bewohnenden +Baronga+, +Makalaka+ und +Maschona+. Die nördlichste Gruppe der südafrikanischen Bantu sind die +Barotse+ und +Mambunda+, am Sambesibogen, sowie die berüchtigten +Angoni+ (Abb. 395) am Tanganjikasee, der nördlichste Zweig der Zulu überhaupt, die bis heute ihre alten Stammessitten wohl noch am reinsten bewahrt haben dürften.