Part 25
In Palästina besteht noch eine kleine, nicht einmal zweihundert Seelen zählende jüdische Sekte, die das Passahfest (siehe die farbige Kunstbeilage) noch ganz nach der Sitte ihrer Vorväter auf dem heiligen Berge Gerizim, der ihre Wohnstätte überblickt, feiert. Es sind dies die +Samaritaner+. Die dabei stattfindenden Riten werden ganz nach dem Plan vollzogen, wie ihn das zweite Buch Mosis im 12. Kapitel schildert. Sie schlagen ihre Zelte (Abb. 377) so dicht wie möglich in zwei Reihen auf; darunter ist das wichtigste ein längliches Zelt für das Tabernakel, dicht beim Opferplatz, der sich neben dem Zelt des Hohenpriesters befindet. Neun Tage lang werden die Vorbereitungen zu dem hohen Feste getroffen, im besonderen die Lämmer durch reichliches und sorgfältiges Waschen für das Opfer zurechtgemacht. Am letzten Abend, dem fünfzehnten des Monats Nisan, kleiden sich Männer und Knaben in weiße Baumwollhemden und Hosen (Abb. 380); die Frauen legen ebenfalls ihre beste Kleidung an, bleiben aber in den Zelten. In einem Graben, dem Tabernakel gerade gegenüber, legt man Feuer an und bringt darüber zwei große Kessel zum Wasserkochen an; währenddessen wird das „Gesetz“ gelesen (Abb. 378). Am Ende dieses Grabens wird eine große, etwa zwei Meter tiefe Grube gegraben und in ihr gleichfalls ein Feuer entzündet, um das Opfer zu verbrennen. Zwei Stunden vor Sonnenuntergang versammeln sich die männlichen Samaritaner im Tabernakel mit Ausnahme der jungen Leute, denen die Aufgabe zufällt, die Lämmer zu töten und auch auf das kochende Wasser, sowie die Feuer acht zu geben. Das Gesetz wird noch einmal verlesen, wobei die Gesichter der Zuhörer den Ruinen des Tempels auf der Bergesspitze zugewendet sind, und dann werden bei Sonnenuntergang die Lämmer den jungen Burschen zum Schlachten gebracht; die übrigen Samaritaner versammeln sich um die Opfer.
Auf ein gegebenes Zeichen wird jedes Lamm ergriffen, auf den Rücken geworfen und erhält mit dem Opfermesser einen Schnitt quer durch den Hals. Das Blut spritzt aus der Wunde, das Osterlamm rollt auf die Seite und verendet nach kurzem Todeskampf. Die Stirnen der Knaben, die im inneren Kreise stehen, werden mit Blut gezeichnet; die Männer umarmen und küssen sich, freuen sich und wünschen sich Glück, daß die Lämmer ihrer Erlösung gefallen sind. Nachdem der Hohepriester die Tiere sorgfältig geprüft hat, ob sie vorschriftsmäßig getötet wurden, ohne Fehl sind und nicht mehr leben, wird kochendes Wasser aus den Kesseln über sie gegossen, worauf die jungen Männer daran gehen, die Wolle abzuzupfen und die Eingeweide zu entfernen. Diese werden in der Grube verbrannt. Die Tierleiber werden auf lange Stangen aufgespießt und den Flammen zum Braten übergeben. Damit die Grube die Hitze halte, deckt man sie mit nasser Erde zu. Das Braten dauert bis gegen Mitternacht. Inzwischen kommen die einzelnen Familien zusammen, um das ungesäuerte Brot und die bitteren Kräuter zu essen; sie bieten sie auch den Besuchern, die sich vielfach aus Neugierde einfinden, an. Damit keine Störung von dieser Seite geschehe, ist während der ganzen Feier türkisches Militär kommandiert, das die Ordnung aufrecht zu erhalten hat; natürlich wird es dafür von den Samaritanern reichlich bezahlt. Wenn das Fleisch nachts fertig gebraten ist, wird es aus der Grube gezogen und von den Gläubigen, die mit gegürteten Lenden, Stäben in den Händen und Schuhen an den Füßen dastehen, in großer Eile verzehrt.
+Abergläubische Vorstellungen+ beherrschen die Bevölkerung Syriens und Palästinas in weitem Umfange. In der Wildnis im Süden und Osten Vorderasiens glaubt das Volk unbedingt an das +Vorhandensein böser Geister+ (Jans genannt), die nach seiner Ansicht in der Unterwelt leben sollen. Ebenso behauptet es, daß manche Menschen die Macht besitzen, anderen ein Leid zuzufügen, wenn sie sie ansehen. Die Furcht +vor dem bösen Blick+ ist allgemein verbreitet, besonders für Kinder und Vieh, die ihn nicht abwehren können, fürchtet man in dieser Hinsicht. Zahlreich sind die Abwehrmittel (Abb. 379), die hiergegen in Vorschlag gebracht werden. Zum Schutze gegen den bösen Blick pflegt man am Halse von Kindern (Abb. 382) und Haustieren, auch an der Mähne oder dem Schwanz der letzteren, blaue Perlen oder Amulette (Dreiecke aus Kupfer oder einem anderen Metall, an denen Papierschnitzel mit arabischen Beschwörungsformeln befestigt sind) anzubringen. Als sicheres Mittel gilt auch, ein Stück Zeug von der Person, die von dem verderblichen Element heimgesucht ist, unter dem Opfer zu verbrennen; der Rauch beseitigt dann den bösen Einfluß. Die Christen nehmen ein Stück von den Palmzweigen, die am Palmsonntag verwendet wurden, tun es mit einer Prise Salz oder Alaun in einer Pfanne aufs Feuer und gehen dann siebenmal herum; sobald sie einen knisternden Ton vernehmen, sind sie von ihrem Bann erlöst. Um Gärten und Reben gegen den bösen Blick zu schützen, hängt man auf dem Lande Schädel von Kühen, Pferden oder Kamelen an der Umfriedigung oder auf einer hohen Stange auf. -- +Bestimmte Tage und Stunden+ gelten für +unheilbringend+, weswegen dann keine Arbeit vorgenommen werden darf, so der Dienstag und die Stunden vor Sonnenuntergang. An bestimmte Ereignisse oder Tage knüpfen sich auch wieder allerlei abergläubische Vorstellungen; so wälzt man sich beim ersten Donnerschlag im Jahre auf der Erde, um keine Flöhe zu bekommen. Das Brot wird besonders heilig gehalten; man darf es nie mit senkrecht stehender Klinge durchschneiden, sondern nur mit wagrecht liegender. Glückbringende Amulette werden von Menschen und Haustieren getragen, ebenso an Häusern und Gärten angebracht. So findet man vielfach an jüdischen Häusern die „Hand der Allmacht“ angemalt, oft in solcher Größe, daß sie die ganze Front bedeckt; meistens allerdings nur eine rohe Wiedergabe der fünf Finger, etwa ein Meter lang, in Wasserfarbe. Der jüdische Trauring hat die Form einer Hand, und kleine Glashände werden von der ärmeren Bevölkerung vielfach getragen, ebenfalls um Glück zu bringen. Am Türpfosten der jüdischen Häuser befindet sich die M’zuza-Rolle angebracht, ein kleines Pergament in einer Metall- oder Holzhülse, auf dem in hebräischer Sprache einige Stellen aus dem Gesetz sowie das Wort Schaddai (Allmächtiger) geschrieben stehen, das in einem Loch in der Hülle sichtbar sein muß; so oft der gläubige Jude seine Wohnung betritt oder verläßt, küßt oder berührt er dieses Wort. -- Den +Schlangen+ wird große Macht zum Guten oder Bösen zugeschrieben; daher wird ein Bauer es wohl nie wagen, eine Schlange zu töten oder auch nur zu stören, in der festen Überzeugung, daß das ganze Geschlecht der getöteten oder verwundeten Schlange den Mörder und seinen Anhang unbarmherzig verfolgen würde, um Rache zu nehmen.
Das Bestreben jeder strenggläubigen Moslemitin sowie jeder Jüdin ist darauf gerichtet, ihrem Manne recht viele, womöglich männliche +Kinder+ zu schenken. Ist ihr solches Glück versagt und leidet sie infolgedessen unter Vernachlässigung von seiten ihres Gatten sowie unter der Verspottung ihrer Nachbarn, die unter höhnischem Lachen mit dem Finger auf sie zeigen, dann sucht sie diesem Übelstande mit allen Mitteln abzuhelfen. Sie sucht die verschiedensten heiligen Stätten (Schreine) auf und nimmt die Hilfe weiser Frauen oder heiliger Männer in Anspruch. Der bedeutendste Schrein ist der Neby Daud, das heißt der „Prophet“ David, womit das angebliche Grabmal Davids gemeint ist, ein moslemitischer Schrein, der von einer größeren Anzahl Menschen alljährlich aufgesucht wird. Jede Frau glaubt, daß der „Prophet“ David sich für alle diejenigen verwenden wird, die sich Kinder wünschen, sofern sie ein Gelübde ablegen. Zum Zeichen dessen trägt sie meistens ein Stück Zeug, und das Gelübde erfüllt sie durch das Opfer eines Lammes, das ein heiliger Mann schlachtet; das Fleisch des Tieres wird darauf unter die Armen verteilt. Sind alle Bemühungen, Mutter zu werden, vergeblich gewesen, so tut die Mohammedanerin ihr letztes und trägt eine schwarze Schlange drei Tage lang auf bloßer Haut; dann ist sie fest überzeugt, daß sie nicht mehr lange auf die Mutterschaft zu warten braucht. -- Die +Geburt eines Kindes+ bildet in jedem Dorfe ein wichtiges Ereignis. Verspürt die islamitische Frau, daß ihre schwere Stunde naht, so verläßt der Gatte seine Wohnung, nachdem er einen Freund gebeten hat, dort zu bleiben und ihm die Nachricht von der erfolgten Entbindung zu überbringen. Ist ein Knabe zur Welt gekommen, so läuft dieser Freund in größter Eile zum Vater, schwenkt von weitem schon freudig seine Arme und ruft ihm so laut er nur kann zu: „Bschara, Bschara“, das heißt „gute Nachricht, gute Nachricht“. Der neugebackene Vater macht sich spornstreichs auf den Weg nach Hause, um dem Kinde einen Namen zu geben. Dieses wird nach der Geburt sofort ganz und gar mit Salz eingerieben, mit Olivenöl bestrichen und sodann in Windeln gewickelt. Erst nach sieben Tagen wird es ausgebündelt, noch einmal mit Öl gewaschen, mit Salz eingerieben und dann wieder eingehüllt. Dieses Verfahren wird vierzig Tage lang fortgesetzt. Dann wird das Kind (Knabe wie Mädchen) in die Kleidung der Erwachsenen gesteckt. Der Vater gibt seinen Freunden, von denen man erwartet, daß sie sich mit Geschenken einfinden werden, ein Fest. Es schenkt auch jeder, seinen Mitteln entsprechend, einen gewissen Betrag, angeblich zum Besten des Kindes, aber in Wirklichkeit für die eigenen Zwecke des einsammelnden Vaters. Vielfach, meistens bei den Bauern, werden Geschenke auch in Gestalt von Naturalien (Schafe, Ziegen, Getreide, Linsen und dergleichen) verabreicht.
Bei der Geburt eines Mädchens ist die Freude bei weitem nicht so groß. Der Bote kommt nur langsam zum Vater, der von weitem schon den Inhalt der Botschaft ahnt, und teilt ihm diese schonend mit. Er weist zwar gleichzeitig tröstend darauf hin, daß der Vater später einmal von der Tochter auch einen Vorteil haben wird. Denn vorläufig hat ein Mädchen für ihn keinen Wert; erst wenn es älter wird und heiratet, steigt es in den Augen des Vaters. Dieser interessiert sich dann für die äußere Erscheinung der Tochter und schätzt ihren Wert ein; er genießt fortan auch bei dem Händler, von dem er seine Nahrungsmittel bezieht, Kredit. Hat er drei Töchter, so kann er dies dem Besitze von etwa achthundert bis zweitausend Mark gleich achten, je nach dem Alter und den Reizen derselben. Gleichwohl werden die Mädchen niemals mitgezählt, wenn man von der Zahl der Familienmitglieder spricht. -- Manchmal wird bei der Geburt eines Kindes auch ein Lamm als Geschenk dargebracht, um Achtung und Ergebenheit zu bekunden. Dieser Brauch wird indessen nicht als eine religiöse Zeremonie angesehen, wenngleich sich meistens daran ein Festgelage anschließt und vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes damit verknüpft ist. Oft wird diese Gelegenheit dazu benutzt, um Frieden zu schließen, das Geschenk bedeutet dann ein Versöhnungszeichen zwischen zwei Nachbarn oder Bekannten, deren gute Beziehungen durch Fehde oder Blutvergießen getrübt gewesen waren. Oft entspricht das Darbringen von Geschenken auch lediglich eigennützigen Beweggründen: derjenige, der das Opfer „führt“, erwartet davon eine Belohnung, die dem Brauche gemäß in einem Kleidungsstück bestehen muß. -- Auch bei der Rückkehr eines teuren Verwandten wird noch heute wie in früheren Zeiten aus Freude ein Tier geschlachtet (Abb. 383).
Bei der Geburt eines ersten Sohnes steigt der Vater in der Achtung seiner Mitmenschen und nimmt dann auch einen neuen Namen an. Man kennt ihn fortan nicht mehr unter seinem bisherigen Namen, sondern nur noch unter dem seines Sohnes; so heißt er nunmehr, um ein Beispiel anzuführen, Abu Abdallah, das heißt „Vater des Abdallah“.
Ist der +Knabe ein Jahr+ alt geworden, dann opfert bei den nomadisierenden Stämmen der Vater ein Schaf oder eine Ziege, teils aus dankbarer Anerkennung dafür, daß Allah ihn und sein Kind bisher gnädig beschützt hat, teils aber auch, um sich im voraus von einem etwaigen Opfer loszukaufen, das Gott von ihm in seinem Sohne fordern könnte.
Die +Hochzeitsgebräuche+ in Vorderasien sind je nach der Religion, zu der sich die Brautleute bekennen, ganz verschieden, nur eines ist fast allen drei Bekenntnissen gemeinsam, das ist die Frage nach der Mitgift, die eine wichtige Stelle bei den Vorverhandlungen einnimmt.
Die mohammedanischen Bauern gehen sehr jung die Ehe ein und heiraten wohl alle. Jedes Mädchen weiß daher, daß sie einmal Braut werden wird; sie bereitet schon beizeiten, sobald sie nähen kann, ein mit der Hand hergestelltes Gewand für dieses große Ereignis vor. Der Zeitpunkt, wann sie von ihrem Auserwählten heimgeführt werden wird, steht für sie jedoch nicht fest; denn die Heirat hängt von den Mitteln des Mannes, nicht von seinem Alter ab. Arme Männer können es sich nicht leisten, sich jung zu verheiraten, obgleich unter Umständen für sie doch Aussicht besteht, daß sie das in der Armut liegende Hindernis beseitigen können. Wenn sie nämlich eine Schwester haben, so können sie diese gegen die Schwester eines anderen Mannes austauschen; beide Hochzeiten finden dann an einem und demselben Tage mit gemeinsamer Festlichkeit statt. Das wichtigste bei den Heiratsvorschlägen ist, wie schon hervorgehoben, die Geldsumme, die man für das +Brautgeschenk+ aussetzt. Manchmal verpflichtet sich der Jüngling, der keine genügend große Summe aufbringen kann und bei seiner Stellung auch nicht zu sparen vermag, oder der gern die Tochter eines Freundes heiraten möchte, die indessen für ihn noch zu jung ist, die Brautsumme in Teilbeträgen zu zahlen; mit dem vierzehnten Lebensjahre des Mädchens muß in solchen Fällen das Geschäft ganz erledigt sein.
Ist die Verlobung zustande gekommen, so beginnen acht Tage vor dem zur +Hochzeit+ festgesetzten Termin die festlichen Vorbereitungen. Abend für Abend versammeln sich Freunde und Verwandte entweder auf dem Dreschboden des Dorfes oder auf dem Hofe des Hauses und unterhalten einander mit Rätselaufgeben und besonders mit einem Tanz, der ein Bärentanz zu sein pflegt. Ein Mann stellt sich in die Mitte eines Halbkreises von Frauen und gebärdet sich wie ein Bär; er stößt allerlei Töne aus, die sich wie lautes Grunzen anhören, und bewegt sich taktmäßig auf die Frauen zu, die zu dem rhythmischen Trommelschlag einer Musikbande in die Hände klatschen und das ziemlich laute Grunzen mit schriller Stimme beantworten. Auf diese Weise wollen sie andeuten, daß sie den Bären vom Dorfe zurückschrecken, damit er die junge Braut nicht einfange. Die Männer führen einen Schwertertanz (Abb. 381 u. 386) auf, bei dem sie ähnliche Possen treiben, im besonderen sich in verschiedenen lächerlichen Stellungen versuchen. Sie klirren mit den Schwertern, um die bösen Geister zu vertreiben, die in dem Rufe stehen, dem Brautpaar Leid zuzufügen.
Am Morgen des festlichen Tages holt eine große Schar junger Männer die Braut unter Musikbegleitung vom Haus ihres Vaters ab; sie wird dazu geschmückt, in einen Schleier gehüllt und auf ein Kamel oder Pferd gesetzt (Abb. 384). Das Volk macht sich diese Gelegenheit zunutze, um möglichst großen Lärm durch Abschießen von Gewehren, Schlagen von Trommeln und Geschrei zu veranstalten; es geleitet den Zug zum Hause des Bräutigams, in dem die Braut den Tag mit ihren weiblichen Verwandten und Freundinnen verbringt, während ihr Auserwählter mit seinen Gästen verschiedenen männlichen Übungen und dem Sporte nachgeht. Gegen Abend, wenn das Festmahl fertig gestellt ist, zu dem unter Umständen bis zu anderthalbhundert Schafe geschlachtet worden sind, machen sich die Gäste daran, den Speisen fleißig zuzusprechen. Der Bräutigam nimmt dabei einen erhöhten Platz ein, um die Gesellschaft gut übersehen zu können; ein Zeremonienmeister mit Gehilfen ist besonders angestellt, um für das leibliche Wohl der Teilnehmer zu sorgen. Sind alle im Überflusse gesättigt, dann werden die Geschenke eingesammelt. Ein jeder, der zur Hochzeit geladen ist, soll von Rechts wegen ein solches mitbringen, das immer in barem Gelde zu bestehen pflegt. Um die Hochherzigkeit der gütigen Geber anzuspornen, ruft der Einsammler jedesmal mit lauter Stimme den Namen des Spenders aus, nennt aber eine viel größere Summe, als er in Wirklichkeit gegeben hat, damit der nächste nicht hinter ihm zurückstehe; gleichzeitig fleht er des Himmels Segen auf dessen Familie herab. Sind alle Geschenke eingesammelt, dann erhebt sich der junge Ehemann und zieht sich mit seiner Frau zurück; die Brautjungfern erwarten das Paar mit brennenden Öllämpchen.
Eigenartig ist die Werbung bei den +Drusen+, einer mohammedanischen Sekte, die innerhalb ihres eigenen Stammes zu heiraten pflegt und sich mit einer einzigen Frau begnügt, obwohl der Islam ihnen deren mehrere erlaubt. Drei Tage vor dem Hochzeitstag begibt sich der Bräutigam mit einem Gefolge von Altersgenossen, die, wie er, vollständig bewaffnet sind, zu seinem zukünftigen Schwiegervater, der, gleichfalls im Waffenschmuck, die Gesellschaft an der Schwelle seines Hauses erwartet, um von diesem in aller Form die Tochter als Frau zu verlangen. Der Vater gesteht sie ihm unter den Bedingungen des Brautvertrages zu und erteilt, wenn das Heiratsgut ausgemacht und auf die Braut übertragen ist, dem Paare seinen Segen. Die Braut erscheint dabei für einen Augenblick tief verschleiert in Begleitung ihrer weiblichen Verwandten; die Mutter übernimmt die Bürgschaft für die unbefleckte Reinheit ihrer Tochter. Der junge Mann fragt seine Zukünftige, ob sie ihn heiraten wolle, und erhält die zusagende Antwort: „Ich nehme dich“; dabei überreicht sie ihm einen sehr schönen syrischen Dolch, den Khanjar, in ein großes Taschentuch aus Wolle gewickelt, das sie mit eigenen Händen gearbeitet hat. Sie will damit andeuten, daß sie sich in Zukunft unter den Schutz ihres Mannes stellen wird, aber auch, daß dieser mit dem Dolch ein etwaiges Vergehen ihrerseits sühnen darf, sei es, daß sie mit ihrer Jungfrauenehre etwa leichtsinnig umgegangen sein oder sonst ein von ihr bei der Hochzeit abgelegtes Gelübde übertreten oder ihre Pflicht als gehorsame Gattin nicht erfüllt haben sollte. Am Hochzeitsabend führen die Frauen den Bräutigam zum Brautgemach, wo ihn die Braut, vom Kopf bis zum Fuß in einen roten, mit Goldflitter besetzten Schleier gehüllt, erwartet; er entfernt diesen und setzt ihr den Tantur aufs Haupt, den sie so lange trägt, als sie lebt. Es ist dies eine silberne, manchmal auch nur zinnerne, spitz zulaufende Tube, die auf dem Kopfe im rechten Winkel zu der Stirn getragen wird (ähnlich wie man das Horn eines Einhorns darstellte) und das Abzeichen für die verheiratete Drusenfrau bildet (Abb. 385). Dies Schmuckstück wird auf sehr verschiedene und für die einzelnen Örtlichkeiten kennzeichnende Weise getragen, so daß jemand, der mit Land und Sitten vertraut ist, nach der Art, wie eine Frau den Tantur trägt, zu sagen vermag, aus welchem Bezirk sie stammt. Für gewöhnlich ruht er mit seinem breiteren Ende auf einem Kissen oben auf dem Kopf und wird hier durch zwei Seidenschnüre festgehalten, die, nachdem sie um den Kopf geschlungen worden sind, hinten fast bis zur Erde hinabreichen und in Troddeln endigen, die bei den besseren Klassen noch mit einer Silberkappe versehen sind. Sobald der Schleier vom jungen Ehemann gelüftet wird, laufen alle Anwesenden eiligst aus dem Zimmer; sie schreien dabei in tiefen Kehllauten und lassen diese mißtönende Musik noch stundenlang weiter erschallen. Die Männer führen inzwischen in einem anderen Raum oder auf dem Hofe einen Schwertertanz auf; sie fuchteln in drolligen Stellungen mit ihren Schwertern und Messern in der Luft herum, um die Jans (bösen Geister) dem künftigen Leben der Neuvermählten fernzuhalten.
Abweichend von den sonstigen Hochzeitsgebräuchen besteht bei den +Kurden+ die Sitte, daß die Braut, nachdem sie von dem Bräutigam in sein Zelt geführt worden ist, vor dem zwei Freunde mit gezückten Schwertern die Ehrenwache halten, damit kein Unberufener es betrete, sich gegen die Annäherung des jungen Gatten zunächst heftig sträubt und erst nach langem Bitten, das durch Überreichung eines wertvollen Geschenks unterstützt wird, das Beilager erlaubt. Wird ein Mädchen unter den Kurden nicht mehr für jungfräulich befunden, dann setzt man sie, nur mit einem wollenen Hemd bekleidet, verkehrt auf einen Esel, gibt ihr den Schwanz in die Hand und jagt sie unter Verhöhnungen aus dem Dorfe hinaus; ein jeder, der sie trifft, hat das Recht, die Gefallene mit Kot zu bewerfen.