Part 7
Abb. 88. Zum ersten Male schwangere Frau aus Neupommern (Herbertshöhe), die ein Amulett auf der Brust trägt.]
Das Interessanteste in dieser Hinsicht sind indessen die Gebräuche, die sich auf die +Zulassung der Knaben in eine geheime Gesellschaft+ beziehen. Gerade Melanesien ist das Verbreitungsgebiet solcher Gesellschaften, das heißt Verbände von Männern, die in einem besonderen Gebäude oder auch an bestimmten, für gewöhnlich geheim gehaltenen oder durch ein Tabuzeichen als unzugänglich für Uneingeweihte gekennzeichneten Orten sich treffen. Sie nehmen dort Übungen und Zeremonien vor, die nicht näher bekannt sind und deren Geheimnisse ängstlich vor den Nichtmitgliedern, im besonderen vor den Frauen verborgen gehalten werden. Auf den Verrat dieser Geheimnisse steht eine strenge Strafe. Auch dürfen sich Uneingeweihte solchen Orten nicht nähern, sie haben bei Übertretung schwere Strafen, selbst den Tod zu gewärtigen. Alles, was über die bei diesen Mysterien sich abspielenden Vorgänge an die Öffentlichkeit gedrungen ist, beschränkt sich darauf, daß seltsame Rufe sowie unheimliche, schreckenerregende Geräusche, von besonders dazu angefertigten Werkzeugen verursacht, aus dem Innern ertönen, die die Außenstehenden mit Furcht erfüllen sollen. Auch werden an diesen Stätten Masken (Abb. 97, 98, 102, 108 bis 112, 114 bis 116 und 119) von teilweise schreckenerregendem Äußern und Gewänder angefertigt, mit denen angetan die Männer zuzeiten hervorkommen und sich ins Dorf stürzen, hier die Gärten und Obstbäume plündern oder die angsterfüllten Frauen und Kinder verfolgen, jeden Mann, dessen sie habhaft werden können, durchprügeln und solchen, die sich die Mißgunst der Gesellschaft irgendwie zugezogen haben, eine besonders schwere Strafe erteilen. Es ist Sitte, daß sich jeder angehende junge Mann in diese Geheimbünde aufnehmen läßt, denn derjenige, der nicht beigetreten ist, nimmt keine sozial gleichberechtigte Stellung mit solchen Jünglingen ein, die schon zu den Mitgliedern des Bundes zählen; er wird unter anderem auch keine Frau bekommen. -- Der Ursprung dieser Gesellschaften ist unbekannt. Vielleicht wurzelt er im Aberglauben. In den meisten Fällen scheint er mit Zauberei verbunden zu sein und den Zweck zu verfolgen, von seinen Anhängern das Böse fernzuhalten und ihnen Wohlergehen zu verschaffen. Wenngleich heutzutage die übrigen Dorfbewohner den wahren Hergang dieses Mummenschanzes und der damit zusammenhängenden Plünderungen erkannt haben oder ihn wenigstens vermuten, so ist damit doch nicht ganz die Furcht vor dem Bunde und seinen Taten beseitigt; sind die letzteren an und für sich doch schreckenerregend genug für diese Wilden bei der abergläubischen Furcht, die ihnen innewohnt.
Von den am besten bekannten Geheimbünden sind die +Duk-Duk-Gesellschaften+ zu nennen, die über einen großen Teil Neupommerns sich verbreitet finden. Die Angehörigen dieses Bundes treffen sich für gewöhnlich auf einem freien Platz oder einem Tanzplatz im Walde, der den Blicken Unberufener durch dichtes Unterholz entzogen oder noch häufiger durch Kokosmatten direkt verhüllt wird. Auf diesem Platz werden eine oder zwei Hütten errichtet (siehe die farbige Kunstbeilage), um in ihnen die Masken aufzubewahren (Abb. 95 und 113); größere Masken werden an Pfosten vor der Hütte aufgehängt. Nichtmitglieder wissen, wo sich diese Plätze befinden, und meiden sie sorgfältig, da sie sonst streng bestraft werden, auch wenn das Vergehen unbeabsichtigt war. Soll eine Anzahl Jünglinge in die Duk-Duk-Gemeinde aufgenommen werden, so geschieht dies mit ganz besonderen Feierlichkeiten. Das Fest wird bei Anbruch des Tages durch großes Geschrei vom Tanzplatze aus verkündet, die Jünglinge werden sodann hereingelassen und in einem Kreise aufgestellt. Ein hoher Würdenträger des Bundes, mit Maske und Schmuck seines Ranges bekleidet (Abb. 63 u. 101), tanzt nun in der Mitte dieses Ringes, schreit, gestikuliert lebhaft und schlägt dabei die Jünglinge mit einem Stock, während die übrigen Mitglieder, die außerhalb des Kreises stehen, das gleiche tun, so daß das Schreien und Stöhnen der gepeinigten Opfer nach außen dringt. Währenddessen sitzen die Mütter und Schwestern zu Hause und weinen. Sodann wird den Novizen Nahrung verabreicht, worauf der hohe Würdenträger sich seines Putzes entledigt und die Knaben auffordert, diesen anzulegen, aber sie weigern sich, weil sie annehmen, daß dahinter ein Zauber steckt. Schließlich folgt ein Tanz, dessen verschiedene Schritte den Jünglingen gelehrt werden. Feierlich werden sie noch vor den schrecklichen Folgen gewarnt, die ein Verrat der Geheimnisse des Bundes nach sich zieht. Der erste Tag des Festes endigt mit einem großen, von den Verwandten der Jünglinge veranstalteten Schmaus, an dem diese sowie die Mitglieder der Gesellschaft teilnehmen. Die nun in den Bund aufgenommenen Knaben verbringen die erste Nacht bei den Mitgliedern auf dem Tanzplatze. Am nächsten Morgen erhalten sie ihr Duk-Duk-Gewand. Ist der Tanzplatz in der Nähe der See, so besteigen die Duk-Duk-Männer geschmückte Kanu und werden von unmaskierten Eingeborenen mit Gesang und Trommelschlag die Küste entlang gerudert (Abb. 103). Hierauf kehren sie alle unter gleichem Lärme zum Platz zurück (Abb. 104), wo nunmehr ein wilder Tanz stattfindet. Sobald dieser sich seinem Ende nähert, ergreift jeder der Teilnehmer ein starkes Bambusrohr. Der Würdenträger der Gesellschaft schlägt nun die maskierten Leute, die an ihm vorbeispringen, diese aber geben die empfangenen Schläge wieder zurück. Die Frauen draußen hören das Schreien und Kreischen und begleiten es mit ohrenbetäubenden Rufen. Nach Ablauf der ganzen Vorstellung bilden die Mitglieder einen großen Kreis um den Würdenträger, der einheimisches Geld erhält; ebenso erhalten die neuen Mitglieder etwas davon, zum Zeichen, wie vorteilhaft es für sie ist, dem Bunde anzugehören. Darauf werden die Masken beiseite gelegt, und schließlich wird noch ein Schmaus von den Verwandten der neu Aufgenommenen abgehalten. Am nächsten Tage beginnen die Duk-Duk-Männer eine Geldsammlung, die täglich einen, wohl auch zwei Monate lang fortgesetzt wird, wobei sie jede Hütte in der Umgebung aufsuchen und ein Geschenk verlangen, also gleichsam eine Erpressung ausüben; die Leute geben auch durchweg, denn sie wissen ganz gut, wie schlecht es ihnen ergehen kann, falls sie die Forderung abschlagen sollten. Nach Ablauf der Sammlung erklärt der oberste Würdenträger die Duk-Duk-Männer für tot; es findet noch ein letzter Schmaus statt, alle Masken und sonstiges Gerät werden wieder fortgeräumt, und die Mitglieder kehren in ihre Hütten zurück bis zum nächsten Mal.
Abgesehen von den größeren Zeremonien, die oft wochenlang dauern, halten andere Stämme, wie zum Beispiel am Flyriver, häufig kleine Feste ab, die von der Dämmerung bis zum Morgengrauen währen. Tänze spielen auch hier die Hauptrolle, sie dauern die ganze Nacht und gemeinsamer Gesang der phantastisch herausgeputzten Eingeborenen begleitet ihr taktmäßiges Schlagen der Trommeln (siehe die farbige Kunstbeilage).
Auf den Inseln des Bismarckarchipels gibt es eine andere Form von Geheimgesellschaften, +Ingiet+ genannt; an ihrer Spitze steht ein großer Zauberer, der den Ruf, mächtige Zauberkraft zu besitzen, genießt. Nach dem Aberglauben der Eingeborenen vermag dieser Zauberer die Geister zu beschwören, indem er Kalk verspritzt, Ingwer ißt und Zaubersprüche hersagt; er wird daher auch in Krankheitsfällen zu Rate gezogen. Ebenso wie der Duk-Duk-Bund besitzen die Ingietgesellschaften ihren geheimen Versammlungsort, dessen Betreten von seiten Uneingeweihter durch die Geister mit dem Tode geahndet wird. Der Platz ist umzäunt, und an einer Stelle der Umfriedigung werden roh in Stein gehauene oder aus Holz geschnitzte und bemalte Bildnisse aufbewahrt, welche menschliche Wesen, Schweine, Krokodile, Haifische, Vögel und andere Tiere darstellen. Da nur das Haupt der Ingietgemeinde diesen geheiligten Ort betreten darf, so müssen die Novizen bei ihrem ersten Erscheinen zuvor vor der Todesstrafe, die sonst die Folge unbefugten Eindringens sein würde, geschützt werden, indem sie Ingwer kauen, die Ingwerpflanze in den Händen halten und sich um den Hals legen. Der oberste des Bundes bemalt die neu Aufzunehmenden außerdem noch mit einem Zauberstoff, den er aus ausgekautem Ingwer und Kalk zusammengestellt hat und aus seinem Munde auf ihre Körper, desgleichen auf die Bildnisse an der geweihten Stätte bläst. Bei der sich daran anschließenden Einweihungsfeier hält der Häuptling den Stiel einer bestimmten Pflanze, der Einzuweihende deren Blätter in der Hand, dann zieht der erstere und streift auf diese Weise die Blätter unter Hersagen von Zaubersprüchen durch die Hand des Novizen. Damit ist die Einweihungsfeier vollzogen. -- Mit den angeführten Gesellschaften ist indessen die Zahl der auf Melanesien vorhandenen Geheimbünde noch nicht erschöpft; es gibt noch eine Reihe anderer, von denen jeder seine eigenen Gebräuche bei der Einweihungsfeier der neu Aufzunehmenden und bei anderen festlichen Gelegenheiten besitzt. Eine dieser Geheimgesellschaften wollen wir indessen noch erwähnen, die bis vor kurzem auf einer der Torresstraßengruppe ihr Wesen trieb, da sie von der bisher beschriebenen Art stark abwich. Jeder Novize wurde während der Dauer der Zeremonie am ganzen Körper täglich mit Ruß angemalt; er wurde außerdem in ein Mattenzelt von der Form eines steilen Daches gesteckt, das an seinem Körper befestigt wurde und einen so geringen Umfang besaß, daß der Knabe, damit das Zelt auf die Erde reichte, eine sitzende Stellung einnehmen mußte. Einen vollen Monat hatten die neu Aufzunehmenden in der erstickenden Hitze und Dunkelheit eingezwängt auszuhalten. Sie durften weder spielen noch sprechen, weder ihre Väter noch ein weibliches Wesen sehen; sie wurden streng bewacht und mußten, obgleich sie allabendlich zu einem für sie besonders hergerichteten Hause geführt und morgens vor Sonnenaufgang wieder zurückgebracht wurden, ihre Zelte mit sich schleppen, so daß beim Gehen nur ihre Beine sichtbar blieben. Während ihrer Abgeschlossenheit wurden die Novizen in den Lehren und Gebräuchen ihres Stammes unterwiesen und über ihre moralischen Pflichten, sowie über den Umgang mit den Frauen aufgeklärt; im besonderen mußten sie gewisse Zauberformeln und Mittel kennen lernen, durch die sie die Zuneigung eines Mädchens gewinnen konnten. Eines dieser Mittel bestand darin, die Erde an bestimmten Stellen mit dem Speer zu bearbeiten und bei dessen Herausziehen den Namen des Mädchens auszurufen, ein anderes in der Bereitung einer besonderen „Mädchenmedizin“ durch Vermischung mit Tabak und ihrer Darreichung an die Geliebte, oder auch in dem Salben des ganzen Körpers mit dieser Medizin. Am Ende des Monats wurden die Trommeln geschlagen und die Zelte den Knaben abgenommen; sie wurden dann in der See gewaschen, mit Blättern abgerieben und mit der wirklichen „Mädchenmedizin“ gesalbt. Bei Einbruch der Nacht mußten sie alle zu einem freien Platze in der Nähe des Dorfes wandern, wo ihre Angehörigen auf sie warteten. Auf dem Hinweg wurde eine lange Matte vorangetragen, welche die Knaben verbarg. Nachdem die Aufgenommenen sich gelagert hatten, wurde die Matte entfernt und die Jünglinge zeigten sich nun den hocherfreuten Verwandten als Männer, nicht mehr als Knaben.
Belustigungen und Spiele erfreuen sich unter den Eingeborenen Melanesiens bei Klein und Groß allgemeiner Beliebtheit, so das Fadenspiel (Abb. 117), in dem die Erwachsenen eine große Fertigkeit aufweisen, und das Cuscusspiel (Abb. 121) der Kleinen.
Verschiedentlich wird auf Melanesien mit Eintritt der Geschlechtsreife eine +Beschneidung+ der Knaben vorgenommen. Jedoch kommt es auch gelegentlich vor, daß man schon verheiratete junge Leute zusammen mit kleinen Knaben dieser Operation unterwirft, wenn man nämlich in einem Dorfe für diese Feierlichkeit, die alljährlich höchstens einmal stattfindet, nicht genügend Kandidaten beisammen hat, so daß das Fest um ein oder mehrere Jahre hinausgeschoben werden muß. Auf Kaiser-Wilhelms-Land, wo die Beschneidung keineswegs allgemein üblich ist, spielt sich der Vorgang folgendermaßen ab. Für die Jünglinge bestehen, wie bei ähnlichen Feierlichkeiten, strenge Diätvorschriften. Nach solcher Vorbereitungszeit werden die Kandidaten unter dem Geheul der Weiber und unter Rutenstreichen der Männer zu dem für die Beschneidung bestimmten Platze geführt, wo sich das Haus des „Balum“, eines mythischen Ungeheuers, befindet. Schon während des Baues dieser Hütte dürfen die Weiber des Dorfes sich ihr nicht nähern, nötigenfalls müssen sie auf ihren Gängen große Umwege machen. Außerdem müssen Frauen und Kinder so lange, als das Ungeheuer in diesem Hause weilt, außerhalb des Dorfes in eigens dazu errichteten Hütten wohnen; auch dürfen sie keinen der zu beschneidenden Knaben sehen, es würde ihnen sonst das Leben kosten. Um sich bemerkbar zu machen, verursachen sie bei ihren Ausgängen innerhalb des Dorfes mittels eines trommelartigen Werkzeuges Lärm, der von den Knaben, wenn sie ihn hören, durch das Blasen von Bambusflöten erwidert wird, um die Frauen zu warnen, in dieser Richtung weiter zu gehen, oder sie zu veranlassen, auszuweichen. Sobald die Kandidaten an der Hütte des Balum, die sein „Magen“ heißt, angekommen sind, ruft man den Balum mit Namen und fordert ihn durch Blasen auf Muscheltrompeten auf, herauszukommen. Gibt er dann aus dem Innern der Hütte ein Zeichen von sich, dann beginnen die Männer ihre Gesänge, die mehr einem Geheule gleichen, und opfern Schweine, um das Leben der Knaben zu erhalten. Den Weibern wird vorgeredet, der Balum verschlinge die Knaben und gebe sie nach dem Schweineopfer als kräftige Burschen wieder von sich. In Wahrheit aber wird das Fleisch von den Männern verspeist. Damit das Ungeheuer nicht fortlaufe und die übrigen Dorfbewohner belästige, wird die Hütte mit Stricken festgebunden. In ihrem Innern vollzieht sich nun die Beschneidung. Stirbt dabei etwa ein Knabe, dann sagt man, er sei unversehens in den Schweine- anstatt in den Menschenmagen des Balum geraten; nur der letztere könne ihn wieder von sich geben. Ist die Operation vorbei, dann müssen die Beschnittenen noch so lange in der Balumhütte bleiben, bis sie durch ein nochmaliges Schweineopfer für erlöst erklärt werden. Darauf werden sie in feierlichem Zuge zum Dorfe zurückgeführt und erhalten von nun an das Recht, an den zukünftigen Beschneidungsfeierlichkeiten teilzunehmen. Auf der Insel Karesau (Neuguinea) sind die Beschneidungszeremonien noch verwickelter. Nachdem die Kandidaten ein Bad genommen haben, werden sie in besonderen Häusern am Ende des Dorfes untergebracht und dürfen ihre Angehörigen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Das Essen erhalten sie von ihren Beschneidungspaten gebracht, deren Frauen es zubereiten. In der ersten Nacht kündigt sich das Nahen des Kasuargeistes Makarpon von der See aus an; die See wird mit Kokoswedeln geschlagen, Flöten werden geblasen (Abbild. 118) und schlangenförmige Windungen im Ufersande gezeichnet, welche die Schwanzspuren des Geistes bei seinem Kommen vorstellen sollen. Dieser begibt sich nun in ein außerhalb des Dorfes gelegenes Geisterhaus, in das am anderen Morgen die Kandidaten geführt werden. Sobald sie auf dem davor liegenden Platze erscheinen, nahen sich ihnen von dem Geisterhause aus verschiedene Geisterpaare in Gestalt von Vögeln -- von diesem Zeitpunkt an dürfen die Knaben Zeit ihres Lebens Fische und Vögel nur noch im Geisterhaus genießen -- und stürzen sich, nachdem sie untereinander einen Kampf aufgeführt haben, auf die Knaben mit ausgebreiteten Flügeln, um sie anscheinend zu fressen, kehren jedoch wieder in das Geisterhaus zurück, das nunmehr verschlossen wird. Die Knaben werden darauf einer nach dem anderen nach einem abseits gelegenen Platz am Strande gebracht, wo zwei Männer ihrer warten. Der Beschneidungspate faßt nun den Knaben, der nicht ahnt, was mit ihm vorgenommen werden soll, von hinten an den Armen und beugt seinen Kopf so weit nach rückwärts, daß er von der Operation, die an ihm vorgenommen wird, nichts sehen kann. Die abgeschnittene Vorhaut wird entweder in einen Ameisenhaufen geworfen oder in einer kleinen Grube in der Erde verscharrt. Bei den jüngeren Knaben wird nur die Durchbohrung des Gliedes vorgenommen, eine wirkliche Abtragung der Vorhaut findet für gewöhnlich dann nicht mehr statt; nur wenn sie als verheiratete Männer das Geisterhaus betreten wollen, wird die Beschneidung mit Gewalt an ihnen ausgeführt. Knaben, die sich bei der Operation widerspenstig zeigen, wird mit Speer und Dolch gedroht; auch werden ihnen ernste Mahnungen darüber zuteil, daß sie den ganzen Vorgang geheim zu halten haben. Die Beschnittenen waschen sich in der Regel sogleich die Wunde im Meere. Nachdem sie bis dahin nackt gegangen sind, erhalten sie jetzt einen Lendengurt. Bei ihrer Rückkehr zum Geisterhaus werden sie von ihren Paten ermahnt, bis zum Abschluß der Zeremonie nichts mit Frauen zu tun zu haben, fortan nie mehr mit kleinen Mädchen zu spielen und nicht mehr auf Männer zu schimpfen und anderes mehr. Für jeden Knaben ist gegenüber dem Geisterhaus ein Lager bereitet, auf dem sie, mit geschlossenen Augen den Strahlen der Sonne preisgegeben, für Stunden so lange verharren müssen, bis ihnen durch den Ton einer Flöte, der dem Bellen eines Hundes ähnlich ist, gestattet wird, die Augen wieder zu öffnen und zu sprechen. Mittlerweile ist den Frauen im Dorfe ebenfalls durch Blasen auf Bambusflöten verkündet worden, daß die Beschnittenen sich nun im Bauche des Kasuargeistes befinden, und einige Stunden später auf die gleiche Weise, daß sie ihn nun verlassen hätten. Sobald die Knaben von ihrer Pein erlöst sind, nahen sich ihnen bewaffnete Männer aus dem Wald und schleudern einen Speer oder schießen einen Pfeil dicht über die rechte Schulter der beschnittenen Knaben in die Erde. Das ist das Zeichen für diese, nunmehr aufzuspringen und dafür, daß die eigentliche Feier beendet ist. Aber damit ist die Zahl der mit dem Vorgang verbundenen Zeremonien noch nicht erschöpft. Einige davon sollen hier noch Erwähnung finden.
Nach Sonnenuntergang hauen die Beschnittenen einem Baum, der einer Tanne gleicht und Kalpem genannt wird, die Äste so weit ab, daß nur noch Stümpfe davon am Stamme bleiben, schälen die Rinde vollständig ab und bemalen den Baum mit schwarzen, roten und weißen Ringen, darauf behängen sie ihn mit Federn und Girlanden aus bunten Früchten und pflanzen ihn in die Erde. Außerdem stecken sie in einer gewissen Entfernung von diesem Baum zwei Stäbe in die Erde und verbinden sie mit kunstvollen, mit Federn verzierten Geflechten aus Kokosblättern. Sobald diese Vorbereitungen getroffen sind, stimmen die Knaben unter Trommelschlägen einen Gesang an, der die ganze Nacht andauert und ihre ganze „Nationalliteratur“ umfaßt. Beim Aufgehen des Morgensterns stellen sie die Trommeln um den Kalpembaum und gehen ins Geisterhaus, um zu schlafen. Hierauf kommen einige Männer aus dem Dorfe, vergewissern sich, daß die Knaben diesen Baum ohne fremde Beihilfe angefertigt haben, bewundern ihn, reißen ihn aber aus und nehmen die Federn, mit denen er geschmückt war, als ihr Eigentum an sich. -- Weitere Zeremonien sind die Kanufahrten der älteren Knaben unter den Beschnittenen, die unter Gesang Baumrinde holen, woraus nach der Rückkehr vor dem Geisterhaus Lendentücher angefertigt werden, und daran anschließend die Bootsfahrten der Männer, um eine für tabu geltende Liane aufzusuchen, aus der sie Saft abzapfen, mit dem vor dem Geisterhause auch wieder Zauber getrieben wird; ferner das Schleudern eines mehrzinkigen Fischspeeres von seiten der Knaben in eine Yams enthaltende Schüssel, das Herausholen eines Stückes, das Lecken daran, dessen Zurückwerfen samt dem anhaftenden Speer in die Schüssel und das schließliche Schleudern ihres ganzen Inhaltes ins Meer; die Zubereitung einer Salbe aus Kokosnußöl und roter Farbe, womit die Haare eingerieben werden; die Gewinnung einer wohlriechenden Substanz aus den Blättern eines bestimmten Baumes und Einsalben des Körpers damit; das Aufpflanzen eines mit Blättern geschmückten Pfahles und dessen Anspeien mit wohlriechender Substanz durch sämtliche Knaben, die ihn dabei mit Gesang umkreisen und vieles andere mehr.