Part 5
Von den +Unterhaltungen+ besitzt der +Tanz+, wie wohl überall unter den Naturvölkern, die größte Anziehungskraft; daher pflegt er bei den meisten Freudenfesten wohl nie zu fehlen. Der Sitztanz, wie wir ihn in Polynesien finden, hat hier zwar auch Eingang gefunden, aber charakteristischer und beliebter sind die richtigen „Balletttänze“, welche von einer großen Anzahl Tänzer aufgeführt werden. Sie sind mimischer Natur, so zum Beispiel halten die Tanzenden lange Tapastreifen und schwingen sie, um die sich brechenden Kämme der Brandung zu veranschaulichen (Abbild. 56). Die besten Tänze jedoch sind die, welche bewaffnete Krieger aufführen und einen Kampf mit Keule und Speer, wie er früher unter den primitiven Verhältnissen üblich war, versinnbildlichen (Abbildung 57). Hier sind die Fidschianer ganz in ihrem Elemente. Personen, die solche Tänze gesehen haben, können nicht genug die Exaktheit in den Bewegungen -- ein Beobachter erzählt, daß dieselben mit Armen und Füßen von zweihundert Menschen so genau ausgeführt wurden, daß man den Eindruck hatte, sie säßen alle wie Marionetten an einem Drahte -- und das Feuer, ja die Wildheit hervorheben, die die Fidschianer bei ihren Kriegstänzen zur Schau trugen. Nach dem Tanze wurde der umfangreiche Schmuck, den die Tänzer trugen, unter die Zuschauer verteilt.
Die am meisten charakteristischen +Spiele+ der Fidschiinsulaner sind Lafo und Tiqa (tinkua gesprochen). Das erstere, das auch in Samoa und Tonga Eingang gefunden hat, wird mit Kokosnüssen gespielt. Die Hälften eines in der Mitte gespaltenen Palmblattes werden mit nach oben zeigenden Rippen auf die Erde gelegt und darüber wird eine lange Matte ausgebreitet, an deren Ende je zwei Spieler sich niederlassen; jedes Paar erhält fünf Kokosnußscheiben in abgestuften Größen. Man beginnt auf der einen Seite und wirft die kleinste Scheibe so nahe wie möglich an das andere Ende der Matte; die andere Partei wirft ihre dazu passende Scheibe noch näher an das Ende oder stößt die Scheibe des Gegners herunter. So wirft man die Scheiben der Größe nach abwechselnd weiter und derjenige, dessen Scheibe beim Aufhören des Spiels dem Rand der Matte am nächsten liegt, hat gewonnen. Darauf nimmt das andere Paar das Spiel von neuem auf. -- Tiqa ist ein Spiel, das mit einem sonderbaren Wurfgeschoß ausgeübt wird; es besteht aus einem kegelförmigen polierten Kopf aus hartem Holz, an dessen Ende ein langes Rohr eingepaßt ist. Der Spieler stützt dieses Rohr auf den Mittelfinger und wirft den Apparat mit einer dem Kegeln ähnlichen Bewegung; die Tiqa fliegt durch die Luft und streift dann die Erde eine ziemliche Strecke entlang; der längste Wurf gewinnt das Spiel. Auf Fidschi besitzt beinahe jedes Dorf seinen Tiqaplatz, auf dem die Bewohner des einen gegen die des anderen mit großer Begeisterung Wettspiele abhalten.
Über das +Eheleben+ ist wenig zu sagen, da die Inselbewohner, wenigstens dem Namen nach, sich zum Christentum bekennen; die Behörden oder die Missionare schließen den Ehebund. Das wichtigste davon betrifft das eigentümliche Verwandtschaftsverhältnis der sich Heiratenden. Der Sitte gemäß ist die richtige Frau für einen Mann die Tochter seines Onkels mütterlicherseits oder seiner Tante väterlicherseits; sie kommt nämlich bereits als seine Frau zur Welt, und wenn er sie auch wirklich nicht heiratet, so stehen ihre Verwandten zu ihm doch in einem solchen Verhältnis, als wäre sie wirklich seine Gattin. Gehen die beiden jungen Leute eine andere Heirat ein, so gelten ihre beiderseitigen Kinder als Geschwister, die unter sich nicht heiraten dürfen. Anderseits ist einem Mann unter keinen Umständen erlaubt, die Tochter seines Onkels väterlicherseits oder die seiner Tante mütterlicherseits zu ehelichen, ebensowenig wie er seine eigene Schwester heiraten darf; denn vom einheimischen Standpunkte aus sind sie ja in der Tat seine Schwestern. Die Beziehungen zwischen einem Mann und seiner natürlichen Frau, wenn dieses Wesen, das ihm die Sitte vorschreibt, so genannt werden darf, waren in den früheren Tagen der Polygamie so enge, daß ein Mann nicht nur eine von mehreren Schwestern nehmen konnte, sondern alle nehmen mußte; starb er, dann waren seine Frauen verpflichtet, Bräute seines Bruders zu werden. So fest ist diese alte Anschauung im Volke eingewurzelt, daß heutzutage, obgleich Wahlfreiheit in der Auswahl der Gatten herrscht, doch noch dreißig Prozent der Heiraten zwischen Personen geschlossen werden, die in dem besprochenen Verwandtschaftsverhältnis stehen. Neben dieser Gewohnheit ist als einzig überlebender Zug alter +Hochzeitsgebräuche+ nur noch das eigentliche Fest übrig geblieben, das mit großem Prunk, entsprechend dem Range der sich Heiratenden, gefeiert wird. Handelt es sich um einen Häuptling, dann geht alles auf sehr großem Fuße vor sich, und manche der alten Zeremonien leben dann wieder auf. Dies geschah noch bei der Hochzeit eines Häuptlings von Rewa mit einer Prinzessin von Bau. Die Hauptpersonen waren mit Rindentuch in zahlreichen Schichten umwickelt, wie es ihrem Range zukam. Gelage und Tanz dauerten tagelang, und Berge von Schweinen und Schildkröten wurden verzehrt. Eine Menge Besitztum wurde von der Bevölkerung als Hochzeitsgabe beigesteuert, alles aber mußte ihr wieder zurückgegeben oder gegen Geschenke höheren Wertes eingetauscht werden. Auch die Zeremonie der Reinigung der Braut von dem Tabu, das durch die Ehe über sie ausgesprochen war, wurde ausgeführt. Am dritten Tage wurde nämlich ein neuerbautes Kanu zum Hause des Bräutigams geschafft, die Braut mit ihrem Gefolge nahm darin Platz und wurde zum Fluß getragen (Abb. 59). Das Kanu wurde hier ins Wasser gelassen und schnell stromabwärts gerudert, während die bewundernde Menge am Ufer sich niederwarf. Dadurch wurde die Reinigung vollzogen. Ihren Einzug in das häusliche Leben bekundete die Braut dadurch, daß sie mit ihrem auserwählten Lebensgefährten fischen ging.
Ein Fidschiinsulaner steht mit der Sippe seiner Mutter im nahen Verwandtschaftsverhältnis und darf alles, was ihm gerade gefällt, verlangen, wenn er in deren Dorf kommt. Allerdings würde es nur ein Mann von hohem Range wagen, von dieser Befugnis Gebrauch zu machen. Ähnliche Rechte bestehen zwischen Dörfern, deren Bewohner ihre Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahren ableiten. Wenn sie ausgeübt werden, kommt ein solcher Besuch einer wahren Zerstörung gleich; alle Schweine werden dann unter Umständen getötet, alle Früchte tragenden Bäume abgehauen und anderes mehr. Alles, was den armen Opfern davon übrig bleibt, ist nur die Aussicht, bei einem ähnlichen Gegenbesuch sich zu entschädigen.
Trotzdem die Fidschianer dem Namen nach Christen sind, hat sich unter ihnen manches aus ihrer +ursprünglichen Religion+, deren Kern Ahnenkultus und Seelenwanderung bildeten, bis in die heutige Zeit hinein erhalten. Nach diesem Glauben hatte die Seele des Verstorbenen vielerlei Abenteuer auf ihrer Wanderung westwärts zum Himmel zu bestehen. So hatte sie mancherlei Mühsale durchzumachen, zur Prüfung, ob der Verstorbene ein tapferer Mann oder ein Feigling gewesen ist und ob er eines gewaltsamen Todes starb oder nicht, denn nur die Mutigen und die im Kampfe Gefallenen oder Erdrosselten vermochten sich zu dem Berge, der ihr Paradies bedeutete, durchzuarbeiten. Schreckliche Ungeheuer lagen auf der Lauer, um den Wanderer mit Steinen oder einer Axt zu erschlagen, mit einem Rohr aufzuspießen und dergleichen. War er ein Feigling gewesen, dann wurde er von zwei weiblichen Teufeln mit großen Zähnen gejagt und vermochte nicht über das Netz zu springen, das zwei andere übernatürliche Wesen für die Schatten ausgespannt hatten. War einer unnatürlichen Todes gestorben, dann konnte er auf die Erde zurückgeschickt werden, um seine Vergehen zu sühnen, aber machte er alle Prüfungen durch, so erreichte er doch den Fluß der Vergessenheit, der alle Traurigkeit und allen Schmerz über die Trennung von den Angehörigen von ihm nahm. Der Schatten fand auf seiner Wanderung auch mehrfach Gelegenheit zu erfahren, ob seine Frau ihm im Tode nachfolgen würde, wie es die gute Sitte erforderte, indem sie sich bei seinem Begräbnis erdrosseln ließ, oder nicht. Sehr ansprechend nach unserem Empfinden war die Auffassung von einem großen Baume, der den Weg, den die Seele des Verstorbenen nahm, an einer bestimmten Stelle beschattete und an dessen Zweigen die Seelen kleiner Kinder hingen, die vor ihren Eltern gestorben waren und hier auf ihre Väter und Mütter warteten. Sobald die Mutter einem solchen Seelchen sich näherte, stieg es herab und ging mit ihr zu den Gefilden der Seligen. All dieser und ähnlicher Glaube gehört jetzt der Vergangenheit an; was von ihm übrig geblieben ist, sind einige geringfügige abergläubische Vorstellungen und ein paar Zeremonien, von denen vielleicht der +Feuerlauf+ bei einem Stamme auf der Insel Beqa der interessanteste sein dürfte. Ein flacher, etwa dreißig Fuß breiter Graben wird abwechselnd mit einer Lage Holz und Steinen belegt und das Holz darauf angezündet; nachdem es ungefähr zwölf Stunden lang gebrannt hat, werden die Aschenreste weggekehrt und die glühend heißen Steine ausgebreitet. Zwölf bis vierzehn Männer treten nun hervor und wandeln langsam auf den Steinen herum und über den Graben; eine volle Minute halten sie sich in ihm auf (Abb. 60, 61 und farbige Kunstbeilage). Wenn diese Prozedur vorüber ist, werden Blätter und Gemüse auf die noch heißen Steine gelegt und zu einem Schmaus gekocht, mit dem die Festlichkeit ihren Abschluß findet. Gebratene Schweine bilden bei solchen Schmausereien den Hauptbestandteil (Abb. 58). Wie ein Naturforscher, der im Jahre 1904 den ganzen Vorgang zu beobachten Gelegenheit hatte, sich überzeugte, verkohlte ein Taschentuch, das er auf einen dieser Steine legte, innerhalb weniger Sekunden, und ein Thermometer, das er über der Grube aufhing, zeigte hundertunddreißig Grad Celsius. Der Beobachter prüfte auch die Beine und Füße der Betreffenden, sowohl vor wie nach der Zeremonie, und stellte fest, daß sie mit keinem Präparat eingerieben waren; trotz der mächtigen Hitze wurden nicht einmal die Haare an ihren Beinen versengt. Dieses Kunststück dürfte zum Teil aus der Gewohnheit der Leute zu erklären sein, auf den heißen Steinen am Strande zu gehen.
Der +Glaube an Behextsein+ ist bei den Fidschiinsulanern heutigentags noch nicht ausgestorben; sie glauben noch fest daran, und es kommt vor, daß ein Fidschianer, nachdem er die Überzeugung gewonnen hat, daß er verzaubert worden ist und daraufhin sterben soll, sich ruhig auf seine Matte legt und den Tod abwartet, es sei denn, daß er ein Gegenmittel sich zu verschaffen weiß. In ähnlicher Weise glaubt man, daß der Besitzer eines „Leprasteines“ die Macht besitzen soll, jedem beliebigen diese Krankheit zuzufügen.
Ehedem war auf Fidschi noch Menschenfresserei üblich; das Menschenfleisch wurde auf Holztellern dargereicht und mit hölzernen Gabeln aufgespießt (Abb. 62).
Die +Grabstätten+ gleichen im großen und ganzen denen in Polynesien.
Melanesien.
Unter Melanesien verstehen wir eine Gruppe von Inseln im Stillen Ozean, die sich gleichsam wie ein Bogen um Australien in der Richtung von Südosten nach Nordwesten hinzieht. Das Gebiet beginnt mit den schon behandelten Fidschiinseln, es schließen sich in der angegebenen Richtung an: Neukaledonien, die Loyalitätsinseln, die Neuhebriden, die Banksinseln, die Salomoinseln; ferner der Bismarckarchipel und die Admiralitätsinseln, die deutscher Kolonialbesitz sind, und schließlich Neuguinea, die größte Insel Ozeaniens, die zum Teil unter deutscher Flagge steht. Obgleich die +Melanesier in körperlicher Hinsicht+ sich nicht unwesentlich voneinander unterscheiden, so läßt sich doch als gemeinsames Merkmal ihre dunkle Hautfarbe bezeichnen, die dem ganzen Gebiet den Namen Melanesien (= schwarze Inseln, das heißt mit schwarzer Bevölkerung) gegeben hat; jedoch ist die Farbe kein eigentliches Schwarz, sondern vielmehr ein tiefes Braun in verschiedenen Abstufungen. Diese starke Färbung erstreckt sich sogar auf die Schleimhäute, zum Beispiel die Bindehaut des Auges, die besonders bei älteren Leuten manchmal einen bräunlichen Ton aufweist. Die Melanesier (Abb. 65) sind ziemlich große Gestalten von etwa hundertzweiundsechzig Zentimeter im Mittel, sie besitzen plumpe Gliedmaßen, einen länglichen, schmalen Schädel und reichliches schwarzes, krauses Kopfhaar. In den am meisten nach Westen vorgeschobenen Teilen, im besonderen auf Neuguinea, hat sich ein Sondertypus herausgebildet, die +Papua+. Dieser ist im allgemeinen durch eine höhere, mehr schlanke Gestalt, dunklere Hautfärbung und eine lange, konvex gekrümmte, manchmal vogelschnabelähnliche Nase in einem schmalen Gesicht gekennzeichnet.
Die +Bekleidung+ der Melanesier fällt in den einzelnen Teilen ihres Verbreitungsgebietes sehr verschieden aus. An vielen Orten gehen die Männer einfach ganz nackt, oder sie tragen höchstens ein Lendentuch oder auch nur einen Schamgurt, der zwischen den Beinen durchgezogen und um die Hüften geschlungen wird. Die Kleidung der Weiber bildet meistens ein ebensolches Tuch oder ein Röckchen aus Blättern, Fasern oder Gras (Abb. 66 und 77), seltener ein Schamgurt (Abb. 89) oder Lendenschurz (Abb. 64). Nur in wenigen Gegenden sind die Angehörigen des weiblichen Geschlechts noch ganz unbekleidet, zumal wenn sie das heiratsfähige Alter erreicht haben. -- Die Melanesier bekunden eine große Vorliebe für Schmuck, die sich nicht nur in reichlichem Körperzierat, wie Federputz im Haare (Abb. 68), Halsketten und Gehängen aus Hundezähnen, Perlen und getrockneten Früchten und dergleichen (Abb. 73 und 75), Ohrringen in großer Mannigfaltigkeit, Nasenstäbchen, Gürteln, Armbändern um die Handgelenke, Ringen um die Beine und Fußgelenke, die entweder aus geflochtenen Fasern, Rinde, oder aus Muscheln bestehen, sondern auch in regelrechter Verzierung ihrer Gerätschaften, Werkzeuge und Gebäude durch Schnitzereien und Einbrennen von realistischen und konventionellen Figuren (menschlichen Wesen, Vögeln, Pflanzen und ähnlichem) ausprägt. In der künstlerischen Auffassung bestehen zwischen den verschiedenen Stämmen große Unterschiede; einzelne davon, die in anderer Hinsicht zu den primitivsten zählen, verraten ganz bedeutende Fähigkeiten auf künstlerischem Gebiete.
+Tatauierung+ ist auf den meisten Inseln üblich; auf einzelnen werden sowohl Männer wie Weiber, auf anderen wieder nur letztere tatauiert (Abb. 66, 67 und 72). Für beide Geschlechter gilt dieser Schmuck einfach als ein Zeichen der Geschlechtsreife und der Heiratsfähigkeit, besonders beim weiblichen Geschlecht, in anderen Gegenden als Klanabzeichen, in noch anderen als Ehrenabzeichen für Männer, die sich hervorgetan, zum Beispiel einen Feind getötet haben und anderes mehr. Schnitte ins Fleisch und davon zurückbleibende +Narben+ sind gleichfalls eine übliche Form des Körperschmuckes, auch häufig ein besonderes Merkmal zur Kennzeichnung der Sippe. Die Wilden von Liueniua, die verwandtschaftlich mehr zu den Polynesiern gehören, schlitzen die Nasenspitzen auf (Abb. 83). +Nasen- und Ohrdurchbohrung+ ist bei beiden Geschlechtern sehr beliebt (Abb. 69 und 70). In die so entstandenen Löcher werden später die verschiedenartigsten Gegenstände eingeführt, wie Stäbchen, Muscheln, Blumen, Gras und dergleichen. Die Ohrlöcher werden vielfach durch Hindurchstecken immer größerer Gegenstände in dem Maße ausgedehnt (Abb. 76), daß sie, wenn nichts in ihnen steckt, wie lange, schwebende Fleischlappen beinahe bis auf die Schultern herabhängen (Abb. 80); umschließen sie aber eine große Scheibe, dann sehen sie wie mit einem schmalen Rande (Fleischsaum) eingefaßte Brillengläser aus (Abb. 69). -- Auf einzelnen Inseln übt man auch die +Verunstaltung des Schädels+. So wird dem Schädel der Kinder auf Neupommern durch Pressen eine hohe, spitze Form gegeben (Abb. 84).
Die +Wohnstätten+ der Melanesier zeigen verschiedenen Typus; man begegnet ganz primitiven, bienenkorbähnlichen Hütten neben ziemlich ansehnlichen, selbst zweistöckigen Häusern (Abb. 71). In den Küstengebieten, aber weniger am offenen Meere, als vielmehr in seichtem Wasser der geschützten Buchten, stehen die Häuser auf Pfählen (Abb. 74, 78 und 79) und bilden hier ganze Dörfer. Der Grund dieser Bauweise mag wohl der sein, sich gegen feindliche Überfälle sowohl von seiten der Menschen wie auch wilder Tiere, desgleichen gegen Überschwemmungen zu schützen. Allerdings ist der Aufenthalt im Innern dieser Häuser zumeist nur auf die Nacht beschränkt, denn tagsüber spielt sich das Leben entweder auf der am Giebel angebauten überdachten Plattform oder auf freiem Platze vor dem Hause ab. Die innere Einrichtung der Häuser ist sehr primitiv. Ein Abteilen des gesamten Innenraumes durch Wände (Matten) geschieht nur selten, vielmehr hausen alle Familienmitglieder zusammen mit Schweinen, Hunden und anderem Getier in diesem einzigen Raum. Als Ruhestätte dient ihnen der bloße Fußboden. Auf Neuguinea sind bei vielen Stämmen zur Schonung der kunstvollen Haarfrisuren schön geschnitzte Kopfruhebänkchen oder, richtiger gesagt, Nackenstützen in Gebrauch. -- Eine eigentümliche Abart der Behausung stellen die Baumhäuser dar, die ihre Entstehung wohl dem gleichen Grunde wie die Pfahlhäuser verdanken. Man gelangt zu ihnen auf Strickleitern und bringt darin nur die Nacht zu, während am Tage zum Aufenthalt der Boden am Fuße des Baumes dient (Abb. 86 und 92).
Eine typische Erscheinung von Melanesien sind die sogenannten Junggesellen- und Versammlungshäuser, zumeist stattliche, durch Schnitzwerk reich verzierte Gebäude, in denen die männlichen Dorfbewohner die Nacht zubringen, öffentliche Versammlungen abhalten, die Schilde und Masken, sowie die großen Trommeln aufbewahren.
Die +Nahrung+ der Melanesier besteht in dem Ertrag ihres primitiven Feldbaus, der Yams- und Tarowurzel, Kokosnuß, Bananen- und Brotbaumfrucht, sowie in dem Fleisch von Fischen, Hühnern, Schweinen und Hunden. Jagd wird, weil das Wild sehr knapp ist, nur wenig betrieben, dagegen vielfach Fischfang mittels Speeren und Reusen (Abb. 81 und 82). Die Genußmittel bestehen in Betel und Tabak. Früher war über den größeren Teil Melanesiens auch Menschenfresserei (Kannibalismus) sehr verbreitet (Abb. 87), doch ist sie dank des europäischen Einflusses so ziemlich gänzlich ausgerottet worden, nur an einzelnen Orten, wohin dieser Einfluß noch nicht gedrungen ist, scheint diese Unsitte ihr Dasein noch ganz im Verborgenen zu fristen. Die Gründe, die zum Kannibalismus treiben, sind häufig abergläubischer Natur; man hofft durch das Verzehren seines Mitmenschen dessen gute Eigenschaften, im besonderen seinen Mut sich anzueignen. Gelegentlich führen aber auch Rache und Haß dazu, aber nur selten wohl gewöhnlicher Fleischhunger. Nach den Schilderungen des Forschers Loria von den Sitten der damaligen Bewohner von Logea, einer Insel, die südwestlich von Neuguinea liegt, wurde der Körper des erschlagenen Feindes in getrocknete Kokosnußblätter gewickelt, mit einem Strick an einem Baume über ein Feuer gehängt und geröstet. Sobald der Strick durchgebrannt und der Leichnam zu Boden gefallen war, stürzten sich alle Teilnehmer unter mächtigem Freudengeheul auf den halbverkohlten Körper und schnitten sich mit dem Messer Stück für Stück von ihm ab. In anderen Gegenden wurde der frische Leichnam vor dem Rösten sachgemäß in Stücke zerlegt, darauf die einzelnen Teile in Blätter gewickelt und am Feuer gebraten. Gewöhnlich aß man zuerst das Gehirn, dann die Schenkel und schließlich den übrigen Körper. Einzelne Stämme, zum Beispiel die Tugeri, trugen die Mahlzeitüberreste, wie die Knochen, später als Körperschmuck. Vielfach durften die Frauen, denen die sämtlichen Zubereitungen zu diesem Mahle oblagen, an ihm nicht teilnehmen, sondern mußten sich damit begnügen, die saftdurchtränkten Blätter abzulecken.