Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 35

Chapter 352,706 wordsPublic domain

In China gibt es drei Religionen, zwei volkstümliche, den Konfuzianismus und den Taoismus, und eine von auswärts eingeführte, den Buddhismus. Konfuzius (geboren 551 vor Christo), chinesisch Kung-fu-tse, das heißt Kung, der heilige Meister, schuf die nach ihm benannte Lehre; eigentlich erfand er sie nicht, sondern sammelte in den ihm zugeschriebenen heiligen Büchern (Khing und Shu) die alten von der Urzeit an überlieferten religiösen Ansichten des Volkes, die nicht eine Religion im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr Lebensweisheit und Moraltheologie vorstellen. Der Taoismus rührt von Laot-se (geboren 604 vor Christi Geburt) her; seine in dem Tao-teh King niedergelegte Lehre beschäftigt sich vorzugsweise mit dem Tao, das ist dem geraden Wege, was sich vielleicht mit Vernunft oder Natur übersetzen läßt. Während diese beiden Religionssysteme auf chinesischem Boden entsprossen sind, drang der Buddhismus als eine fremde Religion im ersten Jahrhundert nach Christo aus Indien in China ein. Kaiser Ming-ti erkannte im Jahre 65 diese neue Lehre als dritte Staatsreligion für sein Reich an. Alle drei Religionen wirken in China friedlich nebeneinander. Dabei leben aber auch noch animistische Vorstellungen im Volke fort von Baumanbetungen und Verehrung der Wasser- und Windgeister (Feng Shui) (Abb. 487). Die Furcht vor bösen Geistern macht sich vielfach in den Gewohnheiten der Chinesen bemerkbar, so unter anderem darin, daß sie vor jeden Hauseingang einen Wandschirm stellen oder die Tür nur in einem bestimmten Winkel offenstehen lassen in der Annahme, daß alle bösen Geister geradeaus gehen und bei dieser Anordnung schwer den Eingang finden. Vor allem zeigt sich der Ausfluß des alten Dämonenglaubens in den Gebräuchen bei der Geburt eines Kindes.

Die +Geburt+ geht unter Beihilfe einer Hebamme vor sich. Diese Frauen pflegen ihre Tätigkeit durch ein bemaltes Schild vor ihrem Wohnhause bekannt zu machen, das auf der Vorderseite diese ihre Beschäftigung („Empfangsfrau“) kundgibt und auf der Rückseite irgend einen glückverheißenden Spruch oder eine geschickte Anpreisung ihrer gesegneten Tätigkeit, wie „flinkes Roß“ oder „leichtes Gefährt“ enthält. Bei jeder Geburt spielen Amulette eine große Rolle, um die bösen Geister zu bannen. So zieht die Gebärende besondere Strümpfe an, die der Dalai Lama eingesegnet hat, oder verschluckt Pillen aus Papier, auf dem Zaubersprüche geschrieben stehen, oder man hängt in ihrer Nähe zwei Zauberschwerter auf, das sind zwei Stäbe in Schwertform, die sich aus etwa hundert aufeinander gereihten, womöglich recht alten, Kashmünzen, zusammensetzen. Die +Nabelschnur+ wird von der Hebamme in eine Holzkohle enthaltende Urne getan, die man sorgfältig versiegelt und zehn Jahre hindurch, mitunter auch das ganze Leben lang, aufbewahrt und im letzteren Falle mit ins Grab gibt. Manchmal wird sie auch getrocknet, um pulverisiert dem Kinde bei Blattern als Heilmittel gegeben zu werden. Die +Nachgeburt+ muß von der Mutter der Wöchnerin, oder falls diese nicht mehr am Leben ist, von der ältesten Schwägerin am dritten Tage nach der Niederkunft unter einem Steine vergraben werden, damit sie niemand findet. Denn da sie ein von Apothekern sehr gesuchter Artikel ist, um daraus ein Heilmittel zur „Herstellung der Lebenskraft“ anzufertigen, so wird sie häufig gestohlen. Man gibt das Mittel auch einer Schwangeren vor der Entbindung ein. Einem scheintoten Kinde wird ein mit Öl getränktes Stück Papier auf den Nabel gelegt und angebrannt, damit die dabei sich entwickelnde Hitze durch den Nabel in den Magen ziehe und die Lebensgeister erwärme. Nach der Geburt werden rote Kerzen in der Wochenstube angezündet und die Anwesenden bemühen sich, nur Angenehmes zu erzählen, denn der neue Erdenbürger darf nur Freudiges hören und sich nicht erschrecken. Die +Wöchnerin+ gilt für kürzere oder längere Zeit als unrein; kein männliches Wesen und kein Fremder dürfen in ihre Stube kommen. Zum Zeichen dessen hängt man an einem der Türklopfer ein Schloß auf und teilt auf einem Stück roten Papiers mit, daß ein Knabe oder ein Mädchen angekommen ist. Kein Mensch wird dann wagen einzutreten. Der Vater sieht sofort nach der Geburt im Kalender nach, ob die Stunde günstig ist. Erblickt ein Knabe um die Mittagstunde das Licht der Welt, dann wird er nicht nur am Leben bleiben, sondern auch ein bedeutender Mann werden; ein Mädchen dagegen wird sterben. Wird ein solches um Mitternacht geboren, dann wird es wohl sein Leben behalten, aber unglücklich werden; ein Knabe aber wird beständig Freude im Leben haben. Am dritten Tage gibt man dem Kinde den ersten Namen, den sogenannten Milchnamen (im Gegensatz zu dem Familiennamen), der meistens auf irgend ein Ereignis, das bei der Geburt auffiel, zum Beispiel starken Regen, Bezug nimmt. Geht der Knabe zur Schule, dann erhält er den Schulnamen, manchmal wechselt er auch diesen noch, während Mädchen Zeit ihres Lebens denselben Vornamen führen. Am achtundzwanzigsten Tage wird ein großes Fest gefeiert, zu dem die Freunde sich mit ihren Glückwünschen und Geschenken einfinden. Die Mutter überreicht dem Vater das Kind, der es als das seine anerkennt. Es wird auch am Kopfe rasiert, nur zwei kleine Büschel bleiben an den Schläfen stehen. Um den Einfluß böser Geister zu bannen, wird an ihm noch die Zeremonie des Tordurchschreitens vorgenommen. Es wird unter lauten Zymbalschlägen in feierlichem Zug durch einen Torrahmen getragen, der mitten in einem Zimmer aufgestellt ist, und erhält Speisen, Papiergeld und so weiter angeboten. Hat das Kind das erste Lebensjahr vollendet, dann werden neue Opferspenden dargebracht und daran anschließend ein neues Fest veranstaltet. Nachdem Räucherkerzen angezündet worden sind, breitet man vor den Ahnentafeln auf einer Platte im Kreise eine Geldwage, ein Buch, Schmucksachen und so weiter aus, setzt das Kind mitten hinein und beobachtet, welchem Stück es seine besondere Aufmerksamkeit zuwendet; man schließt daraus auf seinen zukünftigen Beruf. Nach vollendetem zehnten Jahre wird wiederum ein Fest abgehalten, und dies wiederholt sich alle Dezennien. Die Kleider für ganz junge Kinder werden nach dem Muster der Priesterkleidung angefertigt; hierdurch, wie durch alle möglichen Zaubermittel, Glücksächelchen und Bildnisse besonderer Schutzgottheiten, die man ihnen umhängt, soll der Schutz der Götter gewonnen werden. Beständig ist die Mutter darauf bedacht, daß dem Kinde ein böser Geist nichts antue. Aus diesem Grunde wird manchmal ein Knabe als Mädchen und ein Mädchen als Knabe angezogen, um die Geister irrezuführen.

Mit sieben Jahren beginnt für die Knaben der erste +Unterricht+, der in dem Lesenlernen und Schreiben der Tausende von Schriftzeichen und in dem Auswendiglernen klassischer Bücher besteht. Nach einigen Jahren wird ihnen die höhere Bildung zuteil, insofern sie über Abfassung von Briefen, behördlichen Verordnungen, Kontrakten und so weiter Unterweisung empfangen und sich mit literarischen Kompositionen und poetischen Erzeugnissen beschäftigen. Nach abgeschlossenem Bildungsgang legen die jungen Leute ihre +Examina+ ab, zu denen ein jeder, mit wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel die Barbiere und Schauspieler, zugelassen wird. Es ist dies eine uralte Einrichtung, die bereits auf ein mehr als tausend Jahre langes Alter zurückblickt. In vielen Gegenden legen die Kandidaten, wenn sie in Ehren bestanden haben, ein besonderes Gewand an, das mit vielen Bändern geschmückt ist, gehen umher, machen bei ihren Bekannten Besuche und nehmen deren Glückwünsche entgegen. Über dem Haupteingang des Hauses, in dem sie wohnen, wird ihr Name und akademischer Rang mit großen goldverzierten Buchstaben aufgetragen, ein sinnreicher Tribut an die Gelehrsamkeit, durch den in die Eintönigkeit der schmalen Straßen etwas Abwechslung gebracht wird. Neuerdings beginnen mehr und mehr europäische Erziehungsmethoden in China Eingang zu finden, auch der Mädchenbildung wird jetzt mehr Beachtung geschenkt. Man läßt den Mädchen bis zu einem gewissen Grade auch schon eine Erziehung zuteil werden, das heißt ihnen Unterricht im Lesen und Schreiben, sowie in der Anfertigung von Handarbeiten, im besonderen Sticken geben. Bis dahin beschränkte sich ihre Ausbildung in dem Einüben von Begrüßungen, Verbeugungen und anderen Förmlichkeiten. In Südchina schickt man die Mädchen sogar in Pensionate.

Das Weib nimmt bei den Chinesen eine ganz untergeordnete Stellung ein. Bereits die Geburt eines Mädchens wird in der chinesischen Familie selten mit Freuden begrüßt und manchmal geradezu als ein böses Geschick verwünscht, sobald keine Knaben vorhanden sind. Dies hängt mit der Sitte der +Ahnenverehrung+, mit der Ansicht der Chinesen, daß die Seelen der Vorfahren nur durch die Huldigung ihrer männlichen Nachkommen ein glückliches Dasein führen, zusammen. Daher wird es allgemein als Familienunglück angesehen, wenn kein Sohn vorhanden ist, der den Ahnen die täglichen Ehren erweisen und Opfer darbringen kann, damit sie in der Unterwelt nicht ewig hungern und dürsten brauchen. Außerdem ist ein männlicher Nachkomme stets eine Stütze der Eltern, zumal er auch nach seiner Verheiratung in ihrem Hause verbleibt und sie unterhält. Kommt noch hinzu, daß er literarische Ehren erwirbt und eine gute Stellung erhält, so gereicht dies nicht nur seinen Erzeugern, sondern auch den Vorfahren zur Zierde. Eine Tochter dagegen fällt bis zu ihrer Verheiratung den Eltern nur zur Last und vermag sie späterhin nicht zu unterstützen, da sie in die Familie des Gatten übersiedelt. -- Der Chinese +heiratet+ für gewöhnlich jung, meist vor dem vollendeten zwanzigsten Lebensjahre; es ist aber nichts Ungewöhnliches, daß Knaben von sechzehn mit Mädchen von vierzehn Jahren die Ehe eingehen. Verlobungen finden häufig schon viel früher statt. Liebe knüpft sehr selten den Bund fürs Leben, sondern fast stets der Wille der Eltern, gegen den das junge Mädchen nicht ankämpfen darf. Sie bekommen die Schwiegertochter oft zu einem sehr niedrigen Preise oder gar umsonst von einer Familie, die zu arm ist, um eine Tochter aufzuziehen. Es ist in China üblich, daß die Schwiegertochter in das Haus der Eltern des Bräutigams zieht, wo sie für immer verbleibt und mitarbeiten muß; oft genug erfährt sie hier die grausamste Behandlung, besonders von seiten der Schwiegermutter, die das ganze Hauswesen der Sitte gemäß beherrscht, sogar tyrannisiert. Dieser Übelstand hat den Selbstmord vieler chinesischer Frauen zur Folge, da sie die Mißhandlungen und Kränkungen nicht auf die Dauer auszuhalten vermögen. In Südchina soll es sogar einen Geheimbund junger Mädchen geben, „die Gesellschaft der goldenen Regenbogen“, deren Mitglieder sich verpflichten, eher sich das Leben zu nehmen, als zu heiraten. -- Der Heirat geht als Regel die +Verlobung+ voraus, von der einer nur mit großer Schwierigkeit und unter großem Geldaufwand loskommen kann. Stirbt der Jüngling vor der Hochzeit, so gehört seine Braut trotzdem seiner Familie an und wird als seine Witwe angesehen. Einer der seltsamsten Gebräuche ist ihre Trauung mit dem Geiste ihres verstorbenen Bräutigams. Er wird durch eine Tafel vertreten, die eine weibliche Verwandte bei der Trauung trägt und die nachher in den Ahnensaal kommt; im übrigen spielt sich die Zeremonie so ab, als ob der Bräutigam noch lebte. Drei Tage nach solcher Hochzeit legt die Braut Trauer an und richtet sich lebenslänglich als Witwe ein; sie adoptiert auch einen Sohn, der den Familiennamen des Verstorbenen weiterführt und die Pflege der Ahnen übernimmt. -- Nachdem ein Austausch von Geschenken stattgefunden hat, wird die im Brautkleid aufs schönste geschmückte Braut (Abb. 489 und 492) auf einer Hochzeitssänfte (Abb. 488) in das Haus der Schwiegereltern getragen (Abb. 490), wo sie sofort diesen sowie den Großeltern, ganz gleich ob sie leben oder nicht, ihre Ehrerbietung erweist; Vater und Mutter sitzen dabei, und das Paar kniet vor ihnen nieder. In gleicher Weise muß es der Ahnentafel seine Ehrerbietung erweisen (Abb. 491) und abwechselnd aus demselben Becher Reiswein trinken. Damit ist die Ehe geschlossen.

Das +Los der Chinesin+ ist, sobald sie in das Haus ihres Gatten übergesiedelt ist, ein trauriges; sie gilt ihm nicht als Gefährtin, sondern als Sklavin, wird dementsprechend auch behandelt und unter Umständen auch verprügelt. Etwas mehr Achtung genießt sie erst, sobald sie einem oder mehreren Söhnen das Leben gegeben hat, und in dem Maße als sie älter wird, gewinnt sie an Ansehen in ihrem eigenen Hause, bis sie schließlich im Kreise ihrer Söhne und Schwiegertöchter dieselbe ehrfurchtgebietende Stellung einnimmt, wie vordem ihre eigene Schwiegermutter. -- Verheiratete Frauen pflegen sich täglich zu besuchen, ihre Freundinnen zu kleinen Gesellschaften einzuladen, auf denen, wie bei uns, viel geklatscht wird, und häufig in die Tempel zu gehen. Neuerdings macht sich mehr und mehr eine Wandlung in der Lebensweise der Frauen bemerkbar. Während bis dahin es streng verboten war, daß die beiden Geschlechter miteinander zusammen kommen, haben neuerdings in Peking einige Prinzessinnen und Frauen der guten Gesellschaft die europäische Mode des zu Hause Empfangens eingeführt, bei welcher Gelegenheit sich beide Geschlechter dann treffen. -- Dem Manne steht das Recht zu, sich von seiner Frau +scheiden+ zu lassen, und dies aus achterlei Gründen: wegen ungebührlichem Verhaltens gegen seine Eltern, wegen Unfruchtbarkeit, Ehebruch, Abneigung, Eifersucht, böser Krankheit, Schwatzhaftigkeit und Diebstahl an seinem Eigentum. Erst seit dem Jahre 1873 hat auch die Frau ein gewisses Recht auf Scheidung erlangt, die sie unter Beistand des Vaters oder eines Verwandten vor dem Richter einreichen kann.

Daß eine +Witwe+ sich wieder verheiratet, gehört nicht zum guten Ton. Wohl tut dies eine Frau der niederen Schichten aus Armut, aber in den Familien der Vornehmen und Reichen kommt eine zweite Ehe selten vor; die Wiederheirat würde dem zweiten Mann nur zur Schande gereichen. Auf der anderen Seite fällt auch wieder ins Gewicht, daß die Frau, die dem Gedächtnis des Verschiedenen treubleibt, dessen Erbin wird; sie bekommt alle beweglichen und festen Hinterlassenschaften, kann über sie schalten und walten wie sie will, verfügt über das ganze Haus mit allen Nebenfrauen, Dienern und Sklaven und kann dieselbe väterliche Gewalt über ihre Kinder wie der verstorbene Familienvater ausüben. Unter Umständen kann ihr nach dem Tode auf höhere Anweisung von Peking aus die Ehre zuteil werden, daß ihrem Andenken eine Ehrenpforte errichtet wird, die den gegenwärtigen und zukünftigen Geschlechtern verkündet, wie gewissenhaft sie ihre Pflichten als Witwe erfüllt hat. -- Für die chinesische Witwe ist eine Mindesttrauer von drei Jahren vorgeschrieben; trauert sie ihr ganzes Leben lang, so wird ihr dies hoch angerechnet.

Die Chinesen, wie überhaupt alle Ostasiaten, gelten im allgemeinen für ziemlich wollüstig, und ihr moralisches Leben entspricht wenig unseren europäischen Sittlichkeitsbegriffen. Daher ist unter ihnen das +Prostitutionswesen+ ungemein verbreitet. Die chinesischen Freudenmädchen (Abb. 493) sind in luxuriösen Bordellen untergebracht, die wegen ihrer blauen Jalousien die blauen Häuser (Tsing Lao) genannt werden. In den Städten, die an Flüssen liegen, dienen dem gleichen Zwecke die sogenannten Blumenboote, eigens dazu gebaute, am Lande verankerte Schiffe. Ihre Insassen sind meistens armer Leute Kinder, die diesen entweder entführt oder von ihnen im frühesten Alter gekauft worden sind, um sie systematisch für ihren Beruf vorzubereiten. Bereits mit sechs bis sieben Jahren werden sie in ihn eingeführt, indem sie die älteren Kurtisanen und deren Besucher bedienen müssen. Sodann erhalten sie im Singen und Lautespielen, sowie im Lesen, Schreiben und Malen Unterricht, um die sie besuchenden Gäste auch genügend unterhalten zu können, sobald sie mit etwa vierzehn Jahren ihr Gewerbe aufnehmen. Daher spielten die Blumenmädchen in früheren Zeiten eine ähnliche Rolle in China wie die Hetären im alten Griechenland. Die Jünglinge suchten sie auf, um von ihrer Bildung und guten Erziehung etwas zu profitieren. Heute soll dies teilweise auch noch der Fall sein, wenngleich bei diesen Besuchen das sexuelle Moment wohl mehr im Vordergrund steht.

Auch die +männliche Prostitution+ ist in China in solchem Maße verbreitet wie wohl nirgends auf der Welt; besonders sollen die nördlichen Provinzen und das Küstengebiet ein wahres Eldorado für die Homosexualität abgeben. Diese männlichen Liebesdiener setzen sich hier größtenteils aus jungen Männern zusammen, die von früher Jugend an, ähnlich wie ihre weiblichen Kolleginnen, besonders für diesen Zweck vorbereitet werden; es sind die sogenannten Sian-Kôn. Im Alter von vier bis fünf Jahren werden sie ihren Eltern abgekauft, auch wohl geraubt und in besonderen Lusthäusern auferzogen. Hier erfahren sie eine besondere Pflege, um eine schöne Körperform zu erhalten, und werden für ihren zukünftigen Beruf noch besonders geschult. Diese Sian-Kôn finden in ihrer Blütezeit dann ihren Liebhaber, der sie aushält; andere richten sich selbständig ein, wohnen in Bordellen und empfangen hier den Besuch ihrer Verehrer geradeso wie die Freudenmädchen. Neben dieser gleichsam organisierten Prostitution gibt es noch die freie, die Gelegenheitsprostitution; es gehören ihr zumeist Schauspieler, Lastträger, Wagenschieber, Straßenbummler und ausgediente, ihres Jugendreizes verlustig gegangene Männer der ersten Gruppe an. Ein besonders starkes Kontingent stellen dazu die Schauspieler; das Theater in Peking ist gewissermaßen der Nährboden für sie, wo sie sowohl auf der Bühne als auch im Zuschauerraum sich besonders breit machen und sich nicht selten der Gunst reicher Chinesen erfreuen. „Der Saal, das Parterre, die Logen sind mit einer Schar junger Leute angefüllt von oft weiblichem Gang, aber in männlicher Kleidung aus Stoffen von glänzenden Farben und feinstem Gewebe; sie gehen von Tisch zu Tisch, spenden ein Lächeln hierhin, geben einen Wink dorthin, nehmen von diesem einen Leckerbissen, von anderen einen Scherz zweifelhaften Charakters entgegen und lassen sich schließlich an einem Tische bei Leuten nieder, denen sie bekannt sind, oder welche ihnen den Eindruck des Reichtums erwecken“ -- alles dieses, wie wir es an unseren Prostituierten in bestimmten Lokalen beobachten.