Part 32
Das +Kind+ der Kambodschaner erhält im Alter von sechs Monaten seinen Namen; dieser feierliche Augenblick wird mit allerlei Förmlichkeiten begangen. Sobald das „Haarbüschel rasiert“ wird -- eine Vorschrift für beide Geschlechter -- wird der Name geändert. Hierauf suchen die Knaben als Novizen das Kloster auf, um hier unterwiesen zu werden. Nach Abschluß ihrer Lehrzeit nehmen sie Aufenthalt im Gemeindehaus und bleiben hier bis zu ihrer Hochzeit. Ein Stelldichein mit jungen Mädchen ist nicht erlaubt; die Kambodschaner legen großen Wert auf +Jungfräulichkeit vor der Ehe+. Die jungen Mädchen leben mit ihren Eltern zusammen, bis sie in das Reifealter kommen. Dann müssen sie auf Verlangen ihrer Eltern „in den Schatten treten“. An dem Abend, wo sich bei ihnen die ersten Regeln zeigen, befestigen die Eltern Baumwollfäden um das Handgelenk und bringen den Ahnen ein Opfer dar, bestehend in Speisen, Kerzen und Räucherwerk, wobei sie ihnen dieses Ereignis förmlich kundgeben. Gleichzeitig pflanzen sie einen Bananenbaum, dessen Früchte entweder das junge Mädchen genießt oder an die Mönche schickt. Darauf zieht es sich für längere Zeit zurück; diese Abgeschlossenheit währt einige Monate bis mehrere Jahre, je nach der Lebensstellung und dem Vermögen der Familie. Es werden ihm von den Eltern gute Lehren mitgegeben, die etwa lauten: „Laß dich vor keinem fremden Manne sehen, nimm ebenso wie die Mönche deine Speise nur zwischen Sonnenaufgang und Mittag ein, iß nur Reis, Salz, Kokosnuß, Erbsen, Sesam und Früchte, enthalte dich des Fleisches und Fisches; bade dich nur, wenn die Nacht eingetreten ist, das heißt wenn keiner dich mehr erkennt, damit du von keinem Menschen gesehen wirst.“ Während der ganzen Zeit seiner Abgeschlossenheit bleibt das Mädchen tagsüber im Hause, es geht nicht einmal nach der Pagode; nur während der Dunkelheit wird es von dieser Pflicht befreit. Dann steckt es ein Betelmesser und den Behälter für den zum Betelkauen erforderlichen Kalk zu sich, zündet Lichter und Räucherkerzen an und geht hinaus, um das Ungeheuer, das die Finsternis schickt, indem es die Sterne zwischen den Zähnen schüttelt, anzubeten und Glück für sich herabzuflehen. Das „Heraustreten aus dem Schatten“ wird wiederum durch Gebete und ein Festessen feierlich begangen. Manchmal schließt sich hieran das Färben der Zähne, das sonst meistens bei der Heirat stattfindet. Bei den jungen Männern wird diese Zeremonie entweder bereits bei der Aufnahme in den Mönchorden oder bei der Heirat vorgenommen. Der Vorgang spielt sich für ein junges Mädchen unter allerhand Förmlichkeiten ab. In seiner Abwesenheit breitet ein weiser Mann auf der Erde ein Baumwolltuch aus, legt darauf zunächst acht Strohhalme in der Richtung der Himmelsgegenden, einen Napf aus Kokosnußschale, ein Webeschiffchen und einen Bronzebecher, streut dann noch ungedroschenen Reis darauf, so daß die Gegenstände bedeckt sind, streicht das Ganze glatt und deckt es mit den Zipfeln des Tuches zu. Auf dem so zubereiteten Sitz läßt er das Mädchen Platz nehmen. Nachdem einige Gebete gesprochen worden sind, stampfen zwei alte Leute, Mann und Frau, in einem Mörser Lack, und sieben Knaben ahmen das Stampfen mit Bananenzweigen nach; sie singen dabei den Refrain: „Großvater Kuhê, Großmutter Kuhê, stampft den Lack gut, damit er an den Zähnen hängen bleibe.“ Jedesmal, wenn sie das Wort stampfen aussprechen, lassen die beiden alten Leute den Stampfer in dem Mörser niederfallen. Ist der Lack genügend zerkleinert, dann wird er noch durch ein Stück Musselin gesiebt. Daraufhin wird ein Kokosblatt in der Form eines menschlichen Gebisses zugeschnitten, ein Stückchen Baumwollzeug mit dem flüssig gemachten Lack getränkt und dem Mädchen auf die Zähne gelegt, damit es beides bis zum Morgen im Munde liegen läßt; es darf nur in Pisangblätter speien, die nach Form eines Näpfchens zusammengenäht sind. Um Mitternacht werden dann die bösen Geister beschworen und gegen Morgengrauen brechen die sieben Knaben im Zuge in die Nachbarschaft auf, um auf die Hühner und Enten der Eingeladenen Jagd zu machen. Bei Tagesanbruch verläßt das junge Mädchen das Haus und betet die Sonne an, indem es sich vor ihr dreimal in den Staub wirft. Der alte Großvater macht darauf die Bewegung, als ob er ihm mit Hammerschlägen die Zähne ausschlagen wollte und bestreicht es mit Ruß. Schließlich muß sich das Mädchen noch vor dem Hausaltar niederwerfen.
Mit ungefähr sechzehn Jahren gehen Jünglinge wie auch Jungfrauen die +Ehe+ miteinander ein. Die Eltern pflegen wohl die Vorbereitungen dazu zu treffen, ohne die Beteiligten zu fragen, indessen berücksichtigen sie doch eine etwaige Abneigung der Tochter gegen ihren Auserwählten. Nachdem der Jüngling ihnen die erforderlichen Geschenke an Arekanuß, Betel, Gambier, Reiswein und Tabak dargebracht hat, findet die Verlobung statt. Darauf begibt er sich auf unbestimmte Zeit in das Haus seiner Schwiegereltern. Von diesem Augenblick an gilt das Paar in den Augen der Öffentlichkeit für verheiratet, denn eine Hochzeitszeremonie findet für gewöhnlich nicht statt, aus dem einfachen Grunde, weil dadurch für den jungen Mann große Unkosten entstehen. Er muß nämlich nicht nur seinen Schwiegereltern am Hochzeitstage eine Menge ausbedungener Geschenke machen und seiner Frau mancherlei Schmucksachen verehren, sondern auch viele Gaben freiwillig an Bekannte verteilen und sie in ausgiebiger Weise bewirten.
Wie überall in Indochina ist das +Begräbnis+ der wichtigste Moment im Dasein des Kambodschaners. Es besteht in der Feuerbestattung; nur sehr fromme Anhänger des Buddhismus bestimmen, daß ihr Fleisch in Stücke geschnitten und den Vögeln zum Fraß vorgeworfen wird. Während die ärmeren Volksschichten ihre Toten möglichst schnell verbrennen, schieben die wohlhabenderen die Einäscherung auf lange Zeit, auf Monate und selbst Jahre hinaus. Im letzteren Falle begräbt man sie vorher noch oder bewahrt sie in hermetisch verschlossenen Särgen im Hause auf. Drei Tage lang wird bei der Leiche Wache gehalten und gebetet, darauf wird sie auf einen mit Goldflitter, Blumen und Lichtern geschmückten Katafalk gelegt. Sie bekommt eine kleine Stange Gold oder Silber in den Mund gesteckt und eine Kette aus weißen Baumwollfäden um den Hals gelegt, dessen Enden außerhalb des Sarges an einem Stück weißen Baumwolltuches befestigt werden; das andere Ende des Tuches hält der jüngste Sohn oder Enkel. Dieser fährt beim Begräbnis auch vor dem Katafalk in einer Sänfte als „Führer der Seele“ (Abb. 449 und 450). Auf einem Wagen wird die Leiche zum Scheiterhaufen befördert, begleitet von einer Musikbande, gemieteten Trauerweibern und den Angehörigen, die in Weiß gekleidet sind und sich ihren Kopf zum Zeichen der Trauer haben scheren lassen. Ehe die Leiche verbrannt wird, vergehen immer noch einige Tage. Beim ersten Knistern des Feuers erhält der junge „Seelenführer“ das Novizenkleid aus den Händen eines Priesters.
Die +Annamiten+, die sich hauptsächlich in Annam, Tonkin und Kotschinchina angesiedelt haben und aus Tibet stammen sollen, besitzen ebenfalls eine kleine (etwa hundertfünfundfünfzig Zentimeter hohe), aber ein wenig gedrungenere Gestalt als die Kambodschaner, einen kurzen Kopf, ein breites Gesicht mit sehr häufig (drei Viertel der Fälle) schiefstehenden Mongolenaugen, sowie schwarzes, straffes Haar; im allgemeinen weisen sie mehr den Typus der gelben asiatischen Rasse auf. Ihre Haut ist heller als die der Kambodschaner, weswegen sie sich als weiße Menschen betrachten und auf jene mit einer gewissen Verachtung herabsehen.
Beide Geschlechter +kleiden+ sich in schwarze Beinkleider aus Seide und in einen langen schwarzen oder blauen Überwurf aus dem gleichen Stoff, wodurch Männer und Weiber, zumal beide auch langes Haar tragen, schwer voneinander zu unterscheiden sind.
Allgemein verbreitet ist auch unter den Annamiten das +Schwärzen der Zähne+, wie wir es bereits von den Kambodschanern her kennen gelernt haben. Nur ist hier das ganze Verfahren viel langwieriger, so daß das arme Opfer infolge der verminderten Nahrungsaufnahme, der Abgeschlossenheit und Aufregungen schließlich ganz entkräftet wird. Zunächst werden die Zähne mittels einer Paste, die man auf ein zugeschnittenes Palmblatt streicht und auf die Zähne legt, rot gefärbt. Um mit der Zunge diese Auflage nicht in Unordnung zu bringen, muß die betreffende Person, an der die Färbung vorgenommen wird, mit offenem Munde daliegen, darf keine warmen, sondern nur kalte Speisen, am besten Reis, der in kleinen Klumpen hinuntergeschlungen wird, genießen, und dieses während ganzer vierzehn Tage. In gleicher Weise wird sodann eine schwarze Lacktinktur aufgetragen, diesesmal aber nur zwei Tage lang. Schließlich wird den Zähnen mittels pulverisierter Kohle aus gebrannter Kokosnußschale noch Glanz gegeben. Bei der Vornahme dieses Verfahrens darf keine Frau zusehen, die Trauer hat, noch eine, die schwanger ist oder menstruiert, weil sie sonst mißlingen würde. Trotz der großen Beschwerden, die das Schwärzen der Zähne mit sich bringt, lassen eitle Mädchen und Jünglinge es doch alle drei Jahre von neuem wieder vornehmen. -- Ein weiterer Brauch der Annamitinnen ist das +Entfernen der Schamhaare+. Vornehme Annamiten tragen wohlgepflegte Fingernägel von ungewöhnlicher Länge als Zeichen dafür, daß sie nicht zu arbeiten brauchen (Abb. 451).
Über den +Charakter+ der Annamiten sprechen sich die meisten Kenner der Verhältnisse ziemlich ungünstig aus; sie gelten für hinterlistig, rachsüchtig, falsch, lügnerisch und in hohem Grade diebisch, die annamitische Justiz (Abb. 452) ist indessen sehr streng; andere Beobachter aber heben dagegen ihre Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Unterwürfigkeit, Höflichkeit, Hochachtung vor höher Stehenden und große Liebe zu den Eltern, sowie ihre Betriebsamkeit hervor. Die letztere macht sich auf dem Gebiete der technischen Fertigkeiten (Schnitzerei, Stickerei, Perlmutterarbeiten und so weiter) bemerkbar, wobei auch ein gewisser künstlerischer Sinn sich verrät. -- Leidenschaftlich huldigen die Annamiten dem Spiel, sie zeichnen sich dabei durch Ruhe, Berechnung und Kaltblütigkeit aus. Selbst kleine Kinder kann man die Spielhöllen aufsuchen sehen. Auch für Theateraufführungen haben sie großes Interesse (Abb. 453 und 454).
Große +Religiosität+ bekunden die Annamiten gerade nicht. Die herrschende Religion ist zwar der Buddhismus (Abb. 455), aber er ist auch hier wie anderwärts mit volkstümlichen, abergläubischen Vorstellungen von Geistern und Dämonen durchsetzt. Der Kaiser und die höheren Beamten bekennen sich zur Lehre des Konfuzius. Daneben hat aber auch das Christentum zahlreiche Anhänger gefunden. -- Die große Furcht der Annamiten +vor den Geistern+, besonders vor den zahlreichen bösen, den Ma, erfordert, daß sie ihnen beständig Opfer darbringen, um sie zu besänftigen; diese Gaben pflegen in ein wenig Reis oder kleinen Kupfermünzen oder stangenähnlich geformtem Goldpapier, an dem die Geister ebensolche Freude wie an massivem Gold haben sollen, zu bestehen. Vor dem Tiger im besonderen haben die Annamiten große Angst und reden ihn daher nur mit „Herr Tiger“ an; ebenso fürchten sie die Ma-qui, die umherirrenden Seelen derer, die kein Begräbnis gefunden haben. Gewisse andere Tiere, wie der Elefant, der Walfisch, der Delphin stehen in dem Rufe, einen wohltätigen Einfluß auszuüben.
Für +Schwangere+ sind besonders die Geister Ma Con Ranh gefährlich, die das Bestreben haben sich zu verkörpern und mit Vorliebe dazu die werdende Leibesfrucht auswählen. Die Folge ist dann, daß diese abstirbt und die Mutter ein totes Kind zur Welt bringt. Daher werden ihnen während der Schwangerschaft und nach der Geburt Opfer dargebracht. Der Annamitin ist es verboten, im eigenen Hause +niederzukommen+. Daher errichtet man bei den wohlhabenderen Leuten für die Schwangere im Hofe, also ziemlich nahe der eigentlichen Wohnung, eine besondere kleine Bambushütte, in der sie während ihrer schweren Stunde auf einem auf vier Pfählen ruhenden Bambuslattenlager aushalten und auch noch einen Monat lang nach ihrer Niederkunft verweilen muß. Ärmere Leute sind auf kleine schmutzige Winkel angewiesen, um niederzukommen, und nicht selten vollzieht sich der Akt vor den Augen des Publikums auf der Straße. Die +Nachgeburt+ wird von der Hebamme -- alte Frauen leisten bei der Geburt Beistand -- in einen Fetzen Stoff gewickelt und gegen Abend oder in der Nacht an einem von ihr geheim zu haltenden Orte vergraben. Die abgefallene +Nabelschnur+ wird dagegen sorgfältig aufbewahrt und findet als Zusatz zu einem Mittel gegen das Fieber, falls das Kind in den ersten Jahren daran erkranken sollte, Verwendung. Nach der Geburt eines Kindes hütet man sich für einige Tage, irgend ein Wort auszusprechen, das mit Tod, Krankheit, Unglück und so weiter in Zusammenhang steht, aus Furcht, das Kind könnte von einem solchen Mißgeschick heimgesucht werden. In dieser Zeit darf man im Hause auch nichts braten, weil sonst Mutter und Kind einen bläschenartigen Ausschlag bekommen würden. Ist das Kind einen Monat alt geworden, dann erhält es einen +Namen+, vorzugsweise einen häßlichen, wie Hund oder Schwein, um die bösen Geister fernzuhalten. Erkrankt es etwa, dann wird es angeblich an einen Priester verkauft, der es sofort wieder, aber unter einem anderen Namen, an die Familie zurückveräußert, in der Hoffnung, die bösen Geister dadurch irrezuführen. Hat ein Knabe das erste Lebensjahr erreicht, dann werden vor ihm Arbeitsgeräte, Waffen, ein Schreibtisch und ein Mandarinensiegel ausgebreitet; aus der Bewegung, die seine Hand gegen den einen oder den anderen Gegenstand macht, schließt man auf den Beruf, den er künftig ergreifen wird.
Die Annamiten gehen mit achtzehn oder zwanzig Jahren die +Ehe+ ein, je nach dem Geschlecht. Die Eltern bringen die Angelegenheit in Ordnung, setzen aber die Ahnen vorher von ihrem Entschluß in Kenntnis; diejenigen, die es angeht, werden jedoch nicht gefragt. Selbst Kinder in der Wiege werden schon verlobt. Ist der Bräutigam wohlhabend, dann bringt er seiner Verlobten Geschenke dar, die nicht selten einen bedeutenden Wert aufweisen, Juwelen, Lackkästen, Stoffe, Kerzen, Reiswein, Betel und ein großes, fettes Schwein. Arme Jünglinge treten bei ihrem Schwiegervater in Dienst. Die eigentliche +Hochzeit+, eine rein häusliche Angelegenheit, erfordert vom Bräutigam neue Geschenke; es ist üblich, daß diese möglichst viel in Rot, der Farbe des Glücks, gehalten sind. In dem Hause beider Parteien werden den Ahnen Opfer dargebracht; darauf bringt der Bräutigam seiner Braut ein paar Störche, das Sinnbild der Treue, zum Geschenk dar, das Paar wirft sich vor den Gottheiten, die über die Ehe wachen, dem „Genius der rotseidenen Fäden“ und der „Frau Mond“ auf die Erde und überreicht ihnen die Störche. Mit einem Festessen findet der erste Hochzeitstag seinen Abschluß. Am anderen Morgen wird die junge Frau prachtvoll angekleidet und in das Heim ihres Mannes geleitet; sie wirft sich hier vor den Schutzgeistern der Ehe, den Ahnen, ihren Schwiegereltern und deren Angehörigen nieder. Die Opfergabe vor dem Altar der Vorfahren macht dabei den wesentlichsten Teil der Hochzeitszeremonie aus. Von diesem Augenblick an ist die Frau in die Familie ihres Gatten eingetreten, zu deren Religion sie fortan sich auch bekennt. Obgleich die Annamitin in ihrem Hause, besonders als Mutter, der Achtung sich erfreut, so ist ihr Los doch kein beneidenswertes. Die +Scheidung+ wird dem Manne leicht gemacht; er kann sie aus sieben Gründen beantragen, von denen die drei wichtigsten Unfruchtbarkeit, Schwatzhaftigkeit und Eifersucht sind. Die reichen Annamiten, die es sich leisten können, leben in Polygamie; indessen genießt nur die Frau, die unter den geschilderten Förmlichkeiten geheiratet wurde, Ansehen und Macht.
Da das Familienleben der Annamiten sich auf dem Ahnenkult aufbaut, so kommt dem +Begräbnis+, durch das der Verstorbene zu den Ahnen aufrückt, die größte Bedeutung zu; es muß unter feierlichen Zeremonien begangen werden, weil sonst die Seele des Toten in die Hölle kommen würde. Dem Sterbenden wird ein Stück weißer Seide, die „weiße Seele“ auf die Brust gelegt, damit sich darin die scheidende Seele beim letzten Atemzuge verfange. Priester halten die Leichenwache bei brennendem Räucherwerk; vor der Tür wird kleines Kupfergeld ausgestreut, um die bösen Geister anzuziehen. Nachdem der Tote mit besonderem Weihwasser gewaschen und von seinen Söhnen und Enkeln angekleidet worden ist, erhält er die „letzte Mahlzeit“, ein paar Reiskörner und etwas Geld, in den Mund gesteckt und wird in einen möglichst reich und kunstvoll ausgestatteten Sarg gelegt. Dieser wird geschlossen, mit allerlei Amuletten bedeckt und auf einen mächtigen Katafalk aus Holz gestellt (Abb. 456), der einem mehrstöckigen Gebäude nicht unähnlich sieht und rot sowie mit Goldlack angestrichen ist. Die Angehörigen, welche die in Indochina übliche weiße Trauerkleidung angelegt haben, umgeben ihn unter Wehklagen. Nachdem ein Zauberer noch den Paß für die große Reise ausgestellt hat, wird die Leiche auf den Friedhof überführt. Voran geht ein Mann mit einer brennenden Fackel, ihm folgt ein anderer mit einem Banner, dessen Inschrift oder Form Rang und Stand des Verstorbenen verkündet, dahinter gehen Leute, die Gegenstände aus Gold- und Silberpapier verteilen, in der Voraussetzung, daß die bösen Geister sie mit großer Befriedigung aufnehmen. Weiter folgt dann die „Halbkutsche der Seele“, oft von Musikanten umgeben. Es ist dies ein kleiner, mit Perlen aus Goldpapier verzierter Aufbau, der in den Falten der „weißen Seele“ eine rotlackierte Gedenktafel mit der Darstellung des Verstorbenen in seinem neuen Range, ferner einen kleinen Altar, winzige Papiermodelle von Gegenständen, die dem Toten teuer waren, Kleider, Gebrauchsgegenstände und Goldpapierstangen trägt. Ganz zuletzt kommen mitten in einer Musikbande der Leichenwagen selbst und vor ihm noch, aber rückwärts tretend, die Söhne und Schwiegersöhne des Verstorbenen. Die übrigen Familienangehörigen folgen in weißer Kleidung. Auf dem Begräbnisplatz wird die „weiße Seele“ dreimal davon in Kenntnis gesetzt, daß der Tote begraben wird, was dann auch geschieht; sie selbst aber wird in feierlichem Zuge ins Haus zurückgebracht, wo die Gedenktafel auf dem Ahnenaltar (Abb. 457) Aufstellung findet. Fünfzig Tage oder ein Jahr darauf geben die Erben allen Teilnehmern beim Begräbnis ein Festessen.
Die Bevölkerung des +Laosgebietes+ umfaßt eine Anzahl Stämme, zumeist arischer oder indonesischer Abstammung, die hauptsächlich die Täler der großen Flüsse Mekong, Menam und Salouen längs der westlichen Grenze Annams bewohnen. Die Laotier sind von mittlerer Größe, wie die Annamiten, indessen noch mehr untersetzt. Sie zeichnen sich durch ziemliche Intelligenz und Sanftmütigkeit aus. Die +Kleidung+ der Männer gleicht der der Annamiten, die Frauen tragen einen längsgestreiften, bis an die Fußgelenke reichenden Rock und eine Schärpe von irgend einer auffälligen Farbe. Ihre Haartracht ist je nach der Gegend verschieden; die der verheirateten Frauen unterscheidet sich im allgemeinen von der der jungen Mädchen. Die Männer tragen das Kopfhaar kurz geschnitten.
Die +Religion+ der Laotier ist eine abgeschwächte Form des Buddhismus auf der üblichen animistischen Grundlage. Jedem wichtigen Ereignis im Leben muß eine Opfergabe, zumeist aus einem Krug Reiswein bestehend, vorausgehen. Beim Genuß dieses Getränkes, das nicht länger als zwei Monate und nicht kürzer als zehn Nächte gegärt haben darf, wird eine bestimmte Zeremonie beobachtet. Der Krug wird an einer Stange befestigt, darauf versenkt der Häuptling einen langen hohlen Rohrstock, an dessen Ende eine Kerze zum Vertreiben der bösen Geister brennt, in die Flüssigkeit, und ein jeder der Anwesenden muß den Mund vollsaugen; ist der Krug leer, wird er von neuem gefüllt. Zahlreiche Feste werden hier ebenso wie in Siam auch anderwärts gefeiert. Beim Feste des „Endes des Kalenders“, das unserem Neujahrsfest entspricht, wird das alte Jahr unter großem Gepränge hinausgeleitet. Die jungen Mädchen bespritzen dabei die Jünglinge entweder mit wohlriechendem Wasser oder auch mit Schmutz, was diese ihrerseits mit Humor aufnehmen; Schauspieler legen sich zur Erinnerung an die ersten Menschen von Laos, die ein zottiges Fell besaßen, ähnliche Gewänder an, setzen sich bizarre Gesichtsmasken mit beweglichen Kinnladen auf, knien nieder, schreiten im Takte einher und halten Reden, in denen sie jedermann im neuen Jahre alles erdenkliche Gute wünschen (Abbild. 459).
Der +Verlobung+ der jungen Leute pflegt ein umfangreiches Flirten vorauszugehen. Wenn die Feldarbeit getan ist, dann finden die jungen Burschen Zeit, den Mädchen den Hof zu machen. Diese stellen sich, wenn sie das heiratsfähige Alter erreicht haben, mit buntschillernden Schärpen angetan auf besonders dazu erbauten Bühnen jenen zur Schau. Vor ihnen brennen Lampen ähnlich den Rampenlichtern eines Theaters, ein Tablett mit Betelpriemen und Speinapf (Bambusglied) wandert von Hand zu Hand. Die jungen Männer hocken vor den Mädchen und erschöpfen sich in allerhand Artigkeiten in Versen, die die Mädchen schlagfertig mit lustigen und selbst spitzigen Worten erwidern. Endlich kommt es dabei zur Verlobung und zur Hochzeit, deren Zeremonien denen in Siam und Kambodscha im allgemeinen gleichen. Bei bestimmten wilden Stämmen werden dem Paare von einem Zauberer einfach die Hände mit einem Baumwollfaden zusammengebunden, nachdem ein Huhnopfer vorausgegangen ist (Abb. 458). Die Frauen bringen an Geschenken in lange Streifen geschnittenes rohes Fleisch, zu Kugeln geformten Reisbrei, gebratene Heuschrecken und Reiswein dar. Tanz und Gesang unter Musikbegleitung auf primitiven Instrumenten beschließen die Hochzeit (Abb. 460 und 461).