Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 31

Chapter 313,270 wordsPublic domain

Auch der böse Blick wird von den Slawen für kleine Kinder sehr gefürchtet. Als bestes Schutzmittel dagegen gelten Kohlen. In der Ukraine achtet man darauf, daß kein Besucher und selbst nicht einmal die Angehörigen sich über das gute Aussehen des Kindes äußern, ohne eine Zauber- oder Verwünschungsformel herzusagen und gleichzeitig dreimal auszuspucken. In Serbien besteht der Aberglaube, daß man beim Herausnehmen des Kindchens aus seinem Bett dreimal über dasselbe spucken müsse. -- Die Mutter pflegt auch mancherlei zeremonielle Handlungen an dem Kinde vorzunehmen, um es vor bestimmten Krankheiten zu schützen oder für seinen künftigen Beruf brauchbar zu machen. So muß sie bei den Serben das erste Brot, das sie ißt, mit den Zähnen abreißen, damit das Kind bald selbständig zu essen anfange, bei den Polen Oberschlesiens in den ersten sechs Wochen ihrem Kinde vor dem Baden den Rücken abreiben und dreimal auf den Ofen spucken, um ihren Liebling vor Schwindsucht zu schützen, bei den Tschechen das Badewasser von Knaben den Pferden, das von Mädchen den Kühen zu trinken geben, damit die Kinder später einmal mit diesen Tieren gut umgehen; bei den Ruthenen Galiziens darf die Mutter die Wäsche der Tochter nicht mit einem Waschholz klopfen, damit diese nicht später in der Ehe von ihrem Gatten Schläge bekomme, und was derlei Gebräuche mehr sind.

Für die +heranwachsende Jugend+ beider Geschlechter bieten sich viele Gelegenheiten zusammenzukommen und miteinander anzuknüpfen; so die zahlreichen Feste mit ihren Lustbarkeiten, von denen wir oben bereits sprachen, vor allem auch die Reigentänze, bei denen meistens die ungezügelte Leidenschaft zum Durchbruch kommt, sowie die Zeiten des Pilz- und Beerensammelns in den Wäldern. Da die sittlichen Anschauungen beim russischen Landvolk (und nicht minder bei der vornehmen Stadtbevölkerung) ziemlich lax sind, so feiert die Liebe in diesen „Nächten des Rausches“, wie sie heißen, ihre Orgien, aber selten führt dies zu einer festen Verbindung. Denn die +Ehe+ ist nach Ansicht des russischen Bauern weniger eine Sache der Neigung als vielmehr ein richtiges +Kaufgeschäft+; bei dem patriarchalischen Zusammenleben in einer großen Familie erwartet der Vater, daß sein Sohn ihm eine tüchtige, gesunde, leistungsfähige Frau als Arbeitskraft zuführt. Bis in die Neuzeit herein gab es in verschiedenen Gegenden Rußlands noch wirkliche +Heiratsmärkte+, auf denen die jungen Männer die auf dem Markte oder dem Kirchplatz aufgestellten Mädchen in Augenschein nahmen und die ihnen passend erscheinenden aussuchten. Heutzutage ist diese Sitte, die sich übrigens auch bei anderen slawischen Stämmen findet, mehr und mehr in Abnahme gekommen. Jetzt kommt vielmehr eine Heirat meistens durch eine +gewerbsmäßige Vermittlerin+, die Svacha, zustande. Mit den Worten: „Wir haben einen Käufer, ihr eine Ware; wollt ihr nicht eure Ware verkaufen?“ findet sich die Svacha im Hause der Eltern der Zukünftigen ein und fängt ein regelrechtes Feilschen um den Kaufpreis an, der nicht allein in Geld, sondern auch in Pelzwerk, Stiefeln, Branntwein, Fleisch, Getreide und anderen Gegenständen besteht. Wenn man sich endlich auch über den Tag der Hochzeit geeinigt hat -- die Vermittlerin spielt gleichzeitig die Rolle einer Wahrsagerin, die aus den Karten einen für die Ehe glückbringenden Tag herausliest -- wird der Handel durch Handschlag und ein sich daran anschließendes Zechgelage festgemacht. Das Volk nennt dies „die Braut vertrinken“. Die Verlobung (Abb. 399) ist sodann eine recht feierliche Handlung, bei der der Bräutigam seiner Auserwählten neben Brot, Salz und Mandelkuchen noch einen mit Türkisen besetzten Ring überreicht. Dieses Unterpfand der versprochenen Ehe wird von der Braut und ihrer Familie in hohen Ehren gehalten und gleichsam als Erbstück aufbewahrt, darf aber nie wieder zu demselben Zweck benutzt werden.

Schon acht Tage nach der Verlobung (hierzu die farbige Kunstbeilage sowie Abb. 422) findet die +Hochzeit+ (Abb. 412, 417 und 418) statt, die, obwohl die Ehe eigentlich eine rein geschäftliche Sache ist, doch sehr festlich begangen wird und große Kosten verursacht, denn die Eltern halten darauf, daß die Tochter bei der Trauung möglichst kostbare Gewänder trage; diese selbst pflegt außerdem meistens noch der Jungfrau Maria der Kirche, in deren Bezirk sie wohnt oder die Trauung stattfindet, ein neues, prächtig besticktes Gewand darzubringen. In Südrußland erhält der Pope von ihr ein paar schneeweiße Tauben als Geschenk. Die kurze Zeit bis zur Hochzeit muß die Braut damit zubringen, mehrmals am Tage ihr grausames Geschick, das sie aus dem Hause der Eltern entführt und zwingt, „einem fremden Fremdling aus der Fremde“ zu folgen, mit Tränen und wehmütigen Liedern zu beklagen; Freundinnen und Verwandte wachen dabei streng darüber, daß sie dies auch in gehöriger Weise tue. Am „Jungfernabend“, der etwa unserem Polterabend entspricht, finden sich die Freundinnen der Braut ein. Diese löst ihren Zopf auf, der das Abzeichen des unverheirateten Mädchens ist, und schmückt mit den Bändern und Blumen aus ihrem Haar eine ihrer Freundinnen, meistens ihre jüngere Schwester, worauf diese sie ins Bad begleiten. Nach dem Bade setzen die Freundinnen ihren ganzen Stolz darein, der Braut das Haar wieder recht schön in Ordnung zu bringen und sie aufs beste herauszuputzen, wobei sie Lieder von der Liebe und dem Eheglück singen.

Am Hochzeitstage erwartet die Braut verhüllten Hauptes unter Absingung von Klageliedern ihren Zukünftigen. Wenn sich der Zug des Bräutigams nähert, öffnet der Brautvater die bis dahin verrammelte Tür. Ehe man aber die Gäste hereinläßt, spielen sich noch lustige Gespräche zwischen ihnen und dem Druzka (dem „Freundchen“) ab, einer Art Witzbold, der auf keiner Hochzeit fehlen darf; namentlich gibt dieser Rätsel zum Raten auf, die unter dem russischen Volke sehr beliebt sind. Der Bräutigam und der Brautvater müssen darauf ihren Platz neben der Braut sich durch Geldstücke erkaufen. Dann erst findet die Bewirtung der Gäste statt, bei der die Braut den „fremden Fremdling aus der Fremde“ noch einmal fragt, wie er heiße und woher er stamme. Ehe man sich zur Kirche begibt, wirft sich die Braut noch vor ihren Eltern auf die Knie, bittet sie um Verzeihung für alle ihnen bereitete Sorge und küßt sie sowie die Heiligenbilder. Sie bleibt noch immer verschleiert, bis ihr in der Kirche bei der Trauung, einer langatmigen, aber sehr anziehenden Zeremonie, bei der unter anderem wieder die Heiligenbilder geküßt werden, die Brautleute dreimal um den Altar herumgehen und so fort, der Schleier endlich abgenommen wird. Gleichzeitig spielt sich hier auch die Haubung ab, das heißt der lange Zopf wird in zwei kleinere geflochten und der Neuvermählten das Abzeichen der verheirateten Frau angelegt. Darauf begibt sich der Hochzeitszug, meistens zu Pferde, nach dem Hause des jungen Ehemanns. Hier wird das junge Paar von den Eltern mit Salz und Brot empfangen, womit der Wunsch angedeutet werden soll, daß es in dem neuen Haushalt nie an dem Nötigsten zum Leben fehlen möge. -- Bei den Weißrussen müssen beide Eheleute nach der Rückkehr aus der Kirche, wie schon vorher beim Verlassen des elterlichen Hauses, über einen brennenden Scheiterhaufen reiten oder fahren, in den sie einige kleine Münzen werfen; offenbar soll damit ein Reinigungsopfer angedeutet werden und zugleich eine Abwehrmaßnahme gegen böse Geister, die dem jungen Paare etwa folgen könnten. -- In Bosnien macht die junge Frau im neuen Heim drei feierliche Verbeugungen vor der Türschwelle, küßt diese und opfert einige Silbermünzen; die Schwelle wird, wie schon oben erwähnt, als der Sitz der Ahnen aufgefaßt. -- Vielfach fährt die Hochzeitsgesellschaft in flottem Trabe von der Kirche heim; das für Rußland bezeichnende Fahrzeug ist das Dreigespann, die Troika (Abb. 419).

Bei dem nun stattfindenden Gastmahl geht es hoch her, und besonders wird dem Wodka gut zugesprochen. Die Eheleute werden gegen Abend von der Svacha und den Brautführern ins Hochzeitsgemach geleitet, wo die Frau dem Manne feierlich die Schuhe auszieht. Die Gäste feiern indessen mit Essen und Trinken weiter und fahren darin am nächsten Tage an dem „Fürstentisch“ fort, dem Gastmahl, das die Neuvermählten ihnen geben. Bei dieser Gelegenheit findet unter den Verwandten ein allgemeines Abküssen statt. In einzelnen Teilen des Reiches ist es Sitte, daß man bei der Hochzeit alle Türen, Fenster und selbst den Schornstein geschlossen hält, um den bösen Geistern den Zutritt zu verwehren.

Neben dieser legitimen Erwerbung der Braut kennt das Landvolk in Rußland noch die +Raubehe+. Haben sich die beiden Liebenden zur Flucht verabredet und den Popen durch Geld bestochen, daß er sie traue, so wählen sie eine dunkle Nacht zu ihrem Vorhaben aus; möglichst schnell suchen sie die nächste Kirche zu erreichen, wo dann die Trauung stattfindet, die nach dem Gesetz unanfechtbar ist. Für gewöhnlich glückt ihnen dies, worauf am nächsten Morgen die Neuvermählten ihre Eltern aufsuchen, um sich vor ihnen auf den Boden zu werfen und ihre Verzeihung zu erbitten. Diese bestrafen die beiden Ungehorsamen zunächst wohl durch Bearbeitung mit Peitsche und Ofengabel für ihr Vergehen, lassen sich dann aber doch versöhnlich stimmen und bewirten schließlich das junge Paar. Sollte aber die Sache ruchbar werden, bevor die Fliehenden das nächste Kirchdorf erreicht haben, dann machen sich der Vater der Braut und ihre übrigen Angehörigen auf die Verfolgung; holt man die Flüchtigen ein, dann versucht man die Braut „herauszuhauen“, wobei es selten ohne Blutvergießen abgeht.

Bei den +Serben+ geht der Vater eines Jünglings, der sich verheiraten will, mit zwei Personen, meist Verwandten, +auf die Freite+. Sie bringen einen flachen, weichen Kuchen und einen Strauß Blumen mit; einer von ihnen ist auch mit einer Flinte oder Pistole ausgestattet, um das freudige Ereignis, wie es bei den Slawen vielfach Sitte ist, sogleich mit Schießen zu feiern. Die Brautwerber richten es so ein, daß sie zum Abendbrot dableiben. Während des Essens setzt einer von ihnen in passender Weise den Grund ihres Besuches auseinander. Darauf bringt der Vater des jungen Mannes den mitgebrachten Kuchen zum Vorschein und legt ihn auf den Tisch, daneben den Blumenstrauß und etwas Geld. Der Vater des Mädchens geht hinaus, um sich angeblich mit seiner Frau und Tochter zu besprechen, meistens haben aber schon vorher Unterredungen darüber zwischen ihnen stattgefunden. Nach einem Weilchen kehrt er zurück, gefolgt von seiner durch einen ihrer Brüder oder nächsten männlichen Verwandten hereingeführten Tochter. Diese geht zuerst zu ihrem zukünftigen Schwiegervater, verbeugt sich vor dem Tisch und küßt jenem die rechte Hand, worauf sie gegenüber den anderen Anwesenden ebenso verfährt. Darauf händigt ihr der Vater des Bewerbers den Blumenstrauß nebst den Münzen aus, indem er zugleich seinen Glückwunsch darbringt. Das Mädchen verbeugt sich zum Dank noch einmal vor ihm und küßt ihm wieder die Hand. Von diesem Augenblick an gilt es für die Verlobte des jungen Mannes. Schließlich legt der Schwiegervater noch ein Geldstück auf den Kuchen, das gleichsam den Brautpreis („das Geschenk für das Haus“) versinnbildlichen soll.

Bei der +serbischen Hochzeit+ spielen drei Personen eine große Rolle. In erster Linie der Koom; er ist der hauptsächlichste Brautzeuge, für gewöhnlich der Sohn oder der nächste Verwandte des Mannes, der bei der Hochzeit der Eltern des Bräutigams dasselbe Amt versah. Die zweitwichtigste Person ist der Stavri svat, dem gleichsam die Aufgabe des Zeremonienmeisters zufällt. Als dritter endlich wirkt der Dever oder Führer der Braut mit, der als ihr besonderer Beschützer für diesen Tag ihr niemals von der Seite weicht. Nachdem sich die Hochzeitsgäste (Abb. 424) im Hause des Bräutigams versammelt haben, begeben sie sich zur Wohnung der Braut, und zwar für gewöhnlich zu Pferde. Voran reitet ein Mann mit einem großen Holzgefäß, das Rotwein enthält; er muß davon jedem, der ihm unterwegs begegnet, zu trinken geben. Außerdem ist er der Spaßmacher auf der Hochzeit. Ihm folgen auf einem Wagen die Brautjungfern mit den Hochzeitsgeschenken. Weiter schließt sich der Bräutigam an und endlich die lange Reihe der Gäste. Öfters stellen sich die Nachbarn mit Stangen und gekreuzten Schwertern dem Brautzug entgegen; da die Hochzeitsgäste trotz dieses Hindernisses weiterzukommen versuchen, entspinnt sich ein heißer Scheinkampf (Überreste der Raubehe), der erst beigelegt wird, wenn den Nachbarn Sühne gezahlt wurde. Wenn der Hochzeitszug endlich vor dem Hause der Braut eingetroffen ist, werden zunächst nur die Männer an den reichbesetzten Tisch geführt, während die Weiber die Braut ankleiden. Ist dies geschehen, dann wird sie von dem Bruder oder nächsten männlichen Verwandten zu dem Koom und dem Stavri geführt, deren Hände sie zu küssen hat, und darauf in die Küche, wo gegenüber dem brennenden Herd ihre Eltern Platz genommen haben. Sie wirft sich hier vor dem Herd auf die Erde, küßt diese oder die Herdsteine, verbeugt sich dann vor den Eltern, küßt ihnen die Hände und empfängt dafür ihren Segen. Darauf geht man in die Kirche zur Trauung (Abb. 415) und von dort nach dem Hause des jungen Gatten. Hier muß die junge Frau, wenn sie vom Wagen gestiegen ist, zunächst über einen Sack Hafer, einen Pflug und schließlich über die Türschwelle schreiten, sodann wird sie von einer Frau begrüßt, die ihr ein kleines Kind hinhält, das sie möglichst hoch aufheben und küssen muß. Dann erst darf sie ihr neues Heim betreten. Die Eltern des angetrauten Gatten empfangen sie in der Küche, wo sie sich gegenüber dem Herdfeuer niedergelassen haben. Nachdem sie auch deren Hände geküßt hat, führt die Schwiegermutter sie dreimal um den neuen Herd herum und gibt ihr in die Hand eine Schaufel, mit der sie die auf dem Herde brennenden Kohlen auf einen Haufen zusammenfegen muß. Damit sind die eigentlichen Hochzeitszeremonien erledigt; es beginnt darauf Schmausen, Trinken und Tanzen der Festgäste.

Ähnlich wie bei den Serben sind die Hochzeitsgebräuche mit geringen Abweichungen auch bei den +Bulgaren+. Hier begegnet man noch der eigentümlichen Sitte, daß die jung Verheirateten für eine Woche in ihrem eigenen Hause eingeschlossen werden, während deren niemand sie besuchen darf. Nach Ablauf dieser Zeit kommen die verheirateten Frauen und führen die junge Frau an den Dorfbrunnen oder zu einer Quelle, um die sie dreimal herumgehen muß, offenbar ein Fruchtbarkeitsritus, wie ihn die Volkskunde auch in Europa noch verschiedentlich nachgewiesen hat. Bei den Bulgaren Mazedoniens geht die Trauung durch den Priester vor einem eigenartig anmutenden Altare vor sich, nämlich einem Weinfaß, das auf einem Kuchen steht. Die Brautleute trinken bei der Trauung geweihten Wein aus einem Glase und gehen dreimal um diesen sonderbaren Altar herum, während die Gäste sie mit Süßigkeiten und Früchten bewerfen. Bei ihrer Ankunft im neuen Heim bestreicht die junge Frau alle Schwellen, die sie im Hause zu überschreiten hat, mit Honig, was gewiß auch als Überrest eines Opfers an die Ahnen aufzufassen ist. Schmaus, Tanz und Gesang machen auch hier einen wichtigen Bestandteil der Hochzeitsfeier aus (Abb. 425).

Mit den angeführten Beispielen sind die Hochzeitsgebräuche unter den slawischen Völkern (siehe die Kunstbeilage) bei weitem nicht erschöpft; man könnte über sie ein ganzes Buch schreiben, so verschieden untereinander und vielseitig sind sie bei diesen Völkern. Es soll nur noch kurz die Schilderung einer +Hochzeit bei den Huzulen+, einem Ruthenenstamm, gegeben werden, da die Gebräuche hierbei ganz besonders fremdartig anmuten. Der Bräutigam trägt während der Trauung einen Kranz, den man unter großer Feierlichkeit auf seiner Mütze befestigt hat. Er besteht aus Immergrünblättern und ist mit Flittergold und Münzen verziert; auch Knoblauch darf darin nicht fehlen, der wegen seines scharfen Geruchs als vorzügliches Abwehrmittel gegen alles Böse in hoher Gunst steht. In dem Brautkranz der Huzulin muß stets die Nadel stecken bleiben, mit der er zusammengenäht wurde. Als weiteres Schmuckstück tragen Braut und Bräutigam um den linken Arm einen großen Ring aus Käse. Nach der Trauung reitet die Braut mit ihrem Gefolge im Galopp nach ihrem Heim zurück, während der Bräutigam mit seinen Gefährten absichtlich etwas zurückbleibt. Erst wenn mit der jungen Frau zu Hause noch bestimmte Zeremonien vorgenommen worden sind, findet sich der junge Ehemann bei ihr ein. Seine Ankunft kündet er dadurch an, daß er seiner Gattin seinen Käsering hineinschickt. Diese erwidert die Aufmerksamkeit, indem sie dem Harrenden den ihrigen hinaussendet; hierauf erst nehmen die Festlichkeiten ihren Fortgang. Wenn die Braut das elterliche Haus verläßt, um zur Kirche zu reiten, gießt man ein Glas Wasser aus, damit „das Glück wie das Wasser komme“, eine Sitte, die ebenfalls als eine Schutzmaßregel gegen böse Geister aufzufassen ist.

Die +Toten- und Begräbnisgebräuche+ bei den Slawen bieten wenig Eigentümlichkeiten. Bei den Balkanslawen trifft man die Vorbereitungen für das Begräbnis öfters lange vorher selbst; so besorgt man sich schon bei Lebzeiten seinen Sarg, schafft die Totenkleider an, die Taschentücher, die bei der Beisetzung an die Teilnehmer verteilt, sowie die Wachskerzen, die dabei angezündet werden sollen; auch stellt man ein Fäßchen des Nationalgetränkes bereit, das von dem Trauergefolge für das „Seelenheil“ getrunken werden soll. -- Naht die letzte Stunde, so versammelt der Sterbende alle Verwandten und Freunde um sich und bittet jeden von ihnen um Verzeihung; man antwortet ihm darauf mit der stehenden Redensart: „Möge dir alles in dieser und in jener Welt vergeben sein.“ Hat der Betreffende dann seinen letzten Atemzug getan, dann öffnet man sofort die Fenster, damit die Seele davonfliegen könne. Der nächste Angehörige, meistens das Lieblingskind, drückt dem Verstorbenen die Augen zu. Die Frauen lösen darauf ihr Haar auf und lassen es weit über den Nacken hinunterfallen; ferner beginnen sie um den Toten ein Jammergeschrei zu erheben, das sie auch während des Begräbnisses und bei jedem späteren Besuch des Grabes wiederholen. Ihre Wehklage weist einen bestimmten Rhythmus auf und nimmt vielfach die Form von Fragen an den Verstorbenen an. So rufen sie ihm zu: „Was sollen wir jetzt tun, nachdem du uns verlassen hast? Was denkst du, daß aus unserer Familie jetzt wird? Werde ich nie mehr deine Stimme hören?“ und so fort. Solange die Leiche im Hause liegt, dürfen bei den Balkanslawen die Angehörigen keine Speisen zu sich nehmen. Man stellt in dem Sterbezimmer Salz, Brot und ein Glas Wein auf, weil man glaubt, daß der Tote noch eine Zeitlang im Hause weile und der Nahrung benötige.

Der Leichenzug (Abb. 426) wird durch Knaben eröffnet, die das heilige Kreuz und kirchliche Banner tragen; darauf folgen andere mit großen Mulden, die Eßwaren, und zwar vor allem Kolliva, enthalten. Ihnen schließt sich die Geistlichkeit in vollem Ornat unmittelbar vor dem Sarge an, der nicht zugedeckt, sondern offen getragen wird, so daß man den Toten in halbsitzender Stellung sehen kann. Hinter dem Sarge folgen darin endlich die Angehörigen, Freunde und Bekannten. Die Weiber singen, während der Zug in Bewegung ist, Klagelieder. Bei den Serben pflegt man sich auf dem Wege nach dem Kirchhof nicht umzusehen, wie man auch auf dem Heimwege nicht rückwärts blicken darf; man fürchtet, daß sonst leicht ein zweiter Todesfall eintreten könne. Auf dem Friedhof spricht der Priester den Segen und gießt bei den Balkanslawen über den Toten eine Mischung von Rotwein und Olivenöl in Form eines Kreuzes aus, worauf der Sarg versenkt wird. Auf dem Heimwege sucht man, wenn möglich, einen anderen Weg zu gehen. Zu Hause angelangt, waschen sich alle Teilnehmer an dem Begräbnis die Hände. Außerdem nehmen sie von einer Schippe, die ihnen ein junger Mensch hinhält, ein Stückchen glühender Kohle, lassen es von einer Hand in die andere gehen und werfen es schließlich über die linke Schulter hinter sich. Auf dem Lande schließt sich hieran noch ein wirkliches Festmahl (Abbildung 423), bei dem jeder ein paar Tropfen Wein „für die Seele des Toten“ ausgießt. In den Städten verteilt man an die Armen und Bettler Speisen, Kuchen und Geld, sowohl auf dem Friedhof wie auch zu Hause. Nach dem Begräbnis wird das Haus ausgekehrt. Den dazu benutzten Besen wirft man weg; er darf nie wieder ins Haus kommen, da sonst Unglück zu befürchten wäre.

Die +Trauer+ der Frauen dauert ein Jahr; währenddessen dürfen sie weder singen noch Schmucksachen tragen, auch sich nicht mit Blumen putzen. An bestimmten Tagen des Jahres gibt es Erinnerungsfeste an die Verstorbenen, die stets auf den Sonnabend fallen und daher „Seelensabbate“ heißen. An ihnen strömt das Volk auf die Friedhöfe zum Besuch seiner Toten, und die Priester sprechen Gebete für sie. -- Sieben Jahre nach dem Tode pflegt man das Grab zu öffnen, die Gebeine herauszunehmen und in einem kleineren Sarge endgültig beizusetzen. Große Bedeutung wird dabei der Beschaffenheit der Leichenreste beigelegt; sind sie vollständig in Verwesung übergegangen, so daß nur noch die Knochen übriggeblieben sind, dann gilt dies für ein sicheres Zeichen, daß dem Verstorbenen seine Sünden vergeben sind und seine Seele in Frieden ruht.

Die nichtslawischen Balkanvölker.