Part 29
Besonders Kinder glaubt das Volk am leichtesten dem Einfluß der bösen Mächte ausgesetzt; um diesen abzuwehren oder wieder unschädlich zu machen, kennt es zahlreiche Mittel. Am beliebtesten ist das schon geschilderte Entgegenhalten der Hand, das übrigens schon von den alten Römern als Abwehrmaßregel geübt wurde; ferner kommen als solche Mittel noch in Betracht das Umhängen von Amuletten (kleine Nachbildungen der „Feige“ in Gold, Silber, Blei oder, was besonders wirksam sein soll, in roter Koralle, aus denselben Stoffen hergestellte figürliche Darstellungen von Sirenen, das sind Weiber mit Fischschwanz, kleine Hörner, Phalli, Türkise, Perlen und manches andere der Art) um den Hals der Kleinen, das Anbringen von großen Kuhhörnern an der Tür oder vor dem Hause, das Anspeien der Kinder in dem Augenblick, wo man annimmt, daß sie vom bösen Blick betroffen worden sind, und dergleichen (Abb. 391). Auch die sonst besonders bei den slawischen Völkern sehr verbreitete Furcht vor bösen Hexen, Zauberern, Druden und anderen dämonischen Wesen, die dem Kinde ein Leid antun, es wohl auch gegen einen sogenannten Wechselbalg eintauschen, spukt im italienischen Volke. Allgemein ist der Aberglaube, daß eine solche Hexe von dem Kinde Besitz ergreifen könne, wenn man seine Wäsche in der Nacht zum Trocknen draußen hängen läßt. Daher pflegt die italienische Mutter diese sorgsam vor Einbrechen der Dunkelheit hereinzuholen. Unterläßt sie diese Vorsichtsmaßregel, dann kann sie den Zauber dadurch wieder lösen, daß sie die Wäsche erst am anderen Tage hereinnimmt, nachdem sie tüchtig der Sonne ausgesetzt worden ist. Auch die kleinen Kinder, die über das Ave-Maria-Läuten hinaus im Freien bleiben, fallen nach dem Volksglauben den Hexen leicht zum Opfer. -- In der Bretagne hängt man den Neugeborenen, um sie gegen Zauberei zu schützen, geweihtes Brot um den Hals oder steckt ihnen solches in den Ärmel, muß aber jeden Tag neues Brot dazu nehmen.
In Frankreich pflegen sich +Schwangere+ einen Gürtel um den Leib zu binden, der von derselben Länge (zwei Meter) sein muß, wie ihn die Jungfrau Maria getragen haben soll, als sie sich in gesegneten Leibesumständen befand. In Quintin schenken, wie berichtet wird, die Ursulinerinnen ihren verheirateten ehemaligen Schülerinnen, wenn diese in andere Umstände gekommen sind, solche Gürtel mit frommen Inschriften zur Erleichterung der Geburt, und in der Kirche zu Saint-Germain-des-Prés soll es seit langem Brauch sein, den dort befindlichen Gürtel der heiligen Margarete zu dem gleichen Zweck an Frauen, die Mutterfreuden entgegensehen, auszuleihen. -- In Spanien sind ziemlich dieselben Abwehrmaßregeln wie in Italien üblich.
Die +Hochzeitsgebräuche+ sind in den großen Städten ziemlich die gleichen wie anderwärts in solchen Nordeuropas, aber in der „Provinz“ zeigen sie noch manche anziehende Besonderheiten. In Paris kommt wohl nur noch ganz vereinzelt die Sitte vor, daß beim Hochzeitsmahl ein Junge unter den Tisch kriecht und der jungen Frau heimlich das Strumpfband löst, das dann zerschnitten und unter die Gäste verteilt wird. Die Regel dürfte es heutzutage bilden, daß die Neuvermählte dem Knaben eine Anzahl bereits zugeschnittener Strumpfbänder in die Hand drückt. Am meisten haben sich noch in der Bretagne von den Vätern überkommene Sitten und Gewohnheiten erhalten, darunter auch verschiedentlich solche, die die Hochzeit betreffen. Ein solcher Brauch ist das „Suchen der Braut“. Wenn der Bräutigam sich in der Wohnung seiner Auserwählten einfindet, um sie in die Kirche zu führen, findet er zunächst das Haus verschlossen. Ist es ihm durch vieles Bitten gelungen, endlich Eintritt zu erhalten, dann führt man ihm nacheinander verschiedene junge Mädchen vor und gibt diese als seine Braut aus. Darauf beginnt er im Hause die richtige zu suchen, indem er alle Winkel durchstöbert; die jungen Burschen unter den Gästen sind ihm dabei behilflich. Derjenige, der sie erhascht, raubt ihr für gewöhnlich einen Kuß und erhält noch eine Tasse Kaffee oder eine andere Gabe zum Lohn. Nach der Trauung findet von neuem eine Trennung der jungen Eheleute statt; der Bräutigam geht mit seinen Angehörigen, die Braut mit den ihrigen nach Hause, und beide Parteien speisen für sich. Erst nach dem Mahl kommen sie wieder zusammen und tanzen bis zum Abend. Bevor die jungen Eheleute sich nun zurückziehen, überreichen die Burschen der jungen Frau einen Blumenstrauß nebst einem Kuchen und singen dabei ein Lied, das ihr ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter vorhält. Nach jeder Strophe trinkt man auf ihr Wohl; alle Anwesenden tun Bescheid, indem sie gleichzeitig ein Bein und einen Arm heben. Ein diesem Brautsuchen ähnlicher Brauch besteht im Bourdonnais. Auch hier kommen der Bräutigam und seine Burschen zunächst vor verschlossenen Türen an. Sie preisen in Versen die schönen Geschenke, die sie mitbringen, finden aber seitens der Braut und der Brautjungfern vorläufig keine Erhörung. Erst wenn die jungen Leute draußen singen: „Einen jungen Burschen bringen wir euch auch“, öffnet sich das Tor. Aber die Mädchen haben sich inzwischen unter ein Tuch versteckt, und es ist nun Sache des Bräutigams, seine Braut zu erraten und die Hand auf sie zu legen, sonst wird sie den ganzen Abend von ihm ferngehalten. Am nächsten Tage wartet man auf die Neuvermählten, bis sie aus der Kirche kommen, und überreicht ihnen eine Schüssel Suppe, von der sie zum Zeichen ihrer nunmehrigen Gemeinschaft mit demselben Löffel kosten müssen; boshafte Gesellen sollen manchmal Pfeffer hineintun. Am Tage nach der Hochzeit „wird der Kohl gepflanzt“. Die jungen Leute setzen einen mit Blumen geschmückten Kohlkopf auf den Dachgiebel; die eine Hälfte von ihnen läuft mit einem langen Strick, dessen anderes Ende an den Kohlkopf gebunden ist, den unter den Hochzeitsgästen befindlichen Mädchen nach und sucht sie, soweit die Länge des Strickes es erlaubt, einzufangen. Wer nicht beizeiten davonlaufen kann, wird unter das Dach geführt und von den Kohlwächtern auf dem Dache mit Wasser begossen.
Im südlichen Teil der Bretagne, wo sich noch manche alte Hochzeitsbräuche erhalten haben (Abb. 392), wird vor dem Hochzeitshause ein Maibaum gepflanzt, sein Stamm mit dürrem Reisig umgeben und das Ganze angezündet, wenn das Brautpaar aus der Kirche kommt. Sobald die Flamme zu erlöschen droht, schießen die jungen Burschen hinein. Setzt die Flamme daraufhin aus, dann will dies besagen, daß die junge Frau es an Geduld und Pünktlichkeit in ihrer Wirtschaft fehlen lassen wird. Der Maibaum bleibt bis zur Taufe des Erstgeborenen stehen. Zu Plougastel pflegen sich mehrere Brautpaare zusammenzutun, um an einem Tage gemeinsam die Hochzeit zu feiern (Abb. 390). -- Im Departement Orne besteht der sonderbare Brauch, daß der junge Mann nicht an der Festmahlzeit teilnimmt, sondern die Gesellschaft zu bedienen hat, während man alle Ehren nur der Frau erweist. Vielleicht ist dies ein Überrest des Matriarchats der Vorzeit.
Natürlich geht es überall auf Hochzeiten lustig zu. Fiedel und Dudelsack begleiten den Zug der Gäste nach und von der Kirche und spielen bei dem Mahle, das meistens recht reichlich ausfällt, und dem darauffolgenden Tanze auf. In der Normandie vereinigt man sich sogar am Sonntag nach der Hochzeit wieder, um noch einmal mit den Neuvermählten lustig zu sein. Im Departement Orne nennt man dies „die Katze peitschen“ oder „das Bettstroh der Schwiegertochter essen“. -- In Arles pflegen sich die Hochzeitsgäste zu Pferde einzufinden, und zwar für gewöhnlich ein junges Paar auf einem und demselben Pferd; vorn reitet der junge Mann und hinter ihm sitzt, ihn fest umklammernd, sein Mädchen auf einer Art Sattelkissen (Abb. 360).
In Berry werden am Schluß des Hochzeitsfestes alle Frauen nebeneinander gestellt; man zieht ihnen Schuh und Strümpfe aus und bedeckt alle mit einem großen Tuche, das nur die Beine unverhüllt läßt. Darauf muß der junge Ehemann, dem sie den Rücken zukehren, unter ihnen seine Frau heraussuchen.
Zum Schluß wollen wir noch des Heiratsmarktes zu Ecaussines-Lélaing in Südfrankreich gedenken. Früher war es hier Sitte, daß die jungen Burschen dem von ihnen verehrten Mädchen in der Walpurgisnacht eine grüne Birke, den Maibaum, mitunter mit der Inschrift „_Honneur à la jeunesse_“ (Ehre der Jugend), vor das Haus pflanzten, um dadurch ihre Zuneigung zu erkennen zu geben. Zum Zeichen, daß der Jüngling ihm genehm sei, lud das Mädchen ihn nebst seinen Freunden dann zu Kaffee und Kuchen ein. Dieser schöne Brauch geriet allmählich in Vergessenheit, und damit nahm auch die Heiratslust der jungen Männer ab. Um diesem Übelstande abzuhelfen, hat man seit einer Reihe von Jahren einen Heiratsmarkt eingerichtet, der am zweiten Pfingstfeiertage abgehalten wird. Die jungen Burschen kommen dazu in großen Scharen zusammen und werden von den Mädchen bewirtet; man plaudert, scherzt, schäkert, singt und tanzt, und die dabei angeknüpften Bekanntschaften pflegen sich auch meistens zur Heirat zu verdichten.
In +Spanien+, im besonderen in Valencia und Andalusien, ist als Werbeversuch noch die Serenade sehr beliebt. Der Liebhaber erscheint spät abends in Begleitung zweier Musikanten unter dem Balkon seiner Angebeteten und bekennt ihr seine Liebe durch den Mund eines Trovador, der sehr geschickt darin ist, Liebeslieder aus dem Stegreif abzufassen und vorzutragen. Nach vielem Bitten läßt sich das junge Mädchen endlich bewegen, anscheinend widerwillig auf dem Balkon zu erscheinen, um dem Bewerber eine Blume aus ihrem Haar hinabzuwerfen, als Zeichen, daß sie ihm gewogen sei. Dies alles ist aber nur Spiel, denn der Liebhaber hat bereits lange vor dieser öffentlichen Werbung die Zusage der Eltern und des Mädchens erhalten. -- Wenn die Eltern der Auserwählten dem Freier ihre Einwilligung etwa hartnäckig verweigern sollten, dann wählt dieser ein durchgreifendes Mittel, indem er die Hilfe der Obrigkeit anruft. Der Alkalde in seiner Staatsuniform fährt bei den Eltern vor und fragt den Vater in seiner amtlichen Eigenschaft, ob er gewillt sei, seine Tochter dem Betreffenden zur Frau zu geben, vorausgesetzt, daß keine Gründe ernsterer Natur dagegen vorliegen. Beharrt der Vater trotzdem noch weiter auf seiner Weigerung, dann nimmt der Alkalde die Tochter einfach mit sich und bringt sie bis zur Hochzeit in einer angesehenen Familie unter. -- In Kastilien trägt die Braut bei der Hochzeit eine weiße Blume an der Brust, in Andalusien einen Kranz von Nelken und roten Rosen im Haar. In Cadix kennt man keine Trauringe, die verheiratete Frau unterscheidet man dadurch von den unverheirateten Mädchen, daß jene rechts im Haar stets eine Blume trägt. -- In der Umgebung von Madrid besteht ein ganz eigentümlicher Hochzeitsbrauch. Am Tage der Hochzeit stellen sich zwei Burschen vor der Haustüre der angehenden Frau auf und fangen, wenn sich genügend Volk versammelt hat, einen Wortwechsel über die Fehler und Mängel der Braut auf der einen Seite, ihre Tugenden und Vorzüge auf der anderen an; sie können dabei unter Umständen so in Erregung geraten, daß sie schließlich einander beschimpfen und selbst handgemein werden.
In +Italien+ zeichnet sich das Liebesleben noch heute wie schon einst im alten Rom (siehe die Kunstbeilage) durch große Leidenschaftlichkeit aus. Die Werbung wird entweder von dem Jüngling persönlich vorgebracht oder der Vater tut dies für ihn. In der Regel müssen daraufhin die jungen Leute sich erst einige Zeit lang näher kennen lernen, ehe die Verlobung gefeiert wird, um zu erfahren, ob sie zueinander passen. Der Bräutigam pflegt seine Auserwählte mit allerlei Schmucksachen, Süßigkeiten und anderen Gegenständen zu beschenken. Eine Schere darf aber nie darunter sein, weil darin eine Anspielung auf eine scharfe Zunge erblickt werden könnte (nicht, wie bei uns, eine Hindeutung auf das „zerschnittene Tischtuch“ = Abbruch der Beziehungen), ebensowenig ein Kamm, weil Kämme gern von Hexen benutzt werden. In Toskana verlangt der gute Ruf des Mädchens, daß es niemals vor der Hochzeit das Haus des Bräutigams betritt, nicht einmal in dessen Nähe kommt und auf seinen Spaziergängen sogar einen Umweg um dasselbe macht. In Venedig ist es kostspielig, die Rolle des Brautführers zu übernehmen, und nur ein wohlhabender Bursche kann sich diese Ehre leisten. Er muß nämlich bereits am Tage vor der Hochzeit der Braut eine Schachtel mit Süßigkeiten senden, auf deren Deckel ein Wickelkind in Zucker angebracht ist, dazu zwei Blumensträuße, einen natürlichen und einen künstlichen, und Schmucksachen (Brosche oder Ohrringe). Am Hochzeitstage muß er für die Getränke beim Mahle sorgen, vier Kerzen für die Hochzeitsmesse anschaffen, vier Gondeln mieten, auf denen die Teilnehmer zum Gasthause gefahren werden, schließlich unter die Kinder und Bettler, die beim Austritt aus der Kirche Hochrufe auf die Neuvermählten ausbringen, Münzen verteilen; seine eine Hand ist beständig in der Tasche.
In den verschiedensten Gegenden Italiens wird der Brautzug von den jungen Burschen des Dorfes aufgehalten, meistens durch ein Band, das die Braut mit einer Schere durchschneiden muß, oft aber auch durch einen ordentlichen Verhau, den die das Paar begleitenden jungen Leute dann wegräumen müssen. Das Brautpaar zahlt den es aufhaltenden Jünglingen ein Sühnegeld, wofür diese es manchmal auch freihalten. -- In Sardinien wird der Bräutigam, wenn er zur Verlobungsfeier eintrifft, in ein Zimmer geführt, wo möglichst viele Mädchen in einer Reihe nebeneinander sitzen, alle schweigsam und gemessen, ohne seinen Gruß zu erwidern. Der Brautvater führt ihn von einer der Schönen zur anderen und fragt ihn vor jeder: „Ist das etwa Euer Schaf?“ -- der für den jungen Mann werbende Vater hat nämlich vorher erklärt, er suche das schönste und beste Schäfchen, das ihm aus der Herde verloren gegangen sei --, bis man zu der richtigen kommt und der Bewerber hier schließlich die Antwort gibt: „Ja, das ist es.“ In einigen Teilen der Insel gießt die Schwiegermutter ein Glas Wasser vor dem jungen Paar aus, wenn es die Schwelle der Hochzeitskammer überschreitet; offenbar soll damit ein Hindernis für böse Geister geschaffen werden, die in der Nacht die jungen Leute stören könnten.
Die +Begräbnisgebräuche+ der südeuropäischen Völker weichen von denen der nordeuropäischen Länder wenig ab; im allgemeinen pflegt aber mehr Pomp entfaltet zu werden als bei uns; besonders in ländlichen Gegenden sind die Begräbnisse in dieser Hinsicht anziehend und malerisch. Die Kränze und Kreuze, die man den Toten aufs Grab legt, werden in Frankreich mit Vorliebe aus galvanisiertem Draht hergestellt, schwarz, weiß oder malvenfarbig angestrichen und mit Blumen aus gleichfalls angemaltem Blech oder mit Perlen geschmückt (Abb. 396). Eine besondere Eigentümlichkeit in französischen Gegenden ist die Sitte, in dem Grabstein eine kleine Vertiefung ausmeißeln, darin das Bild des Verstorbenen in verschiedener Ausführung, manchmal sogar in feinster Miniaturmalerei auf Elfenbein, anbringen und das Ganze mit einem Glasdeckel überdecken zu lassen. Schließlich sei noch auf den in Frankreich herrschenden Brauch hingewiesen, die Grabstätten nicht für lange Zeiten an die Angehörigen zu verkaufen, wie dies bei uns der Fall ist, sondern sie für ganz kurze Fristen nur zu verpachten. Wenn dann die Pacht abgelaufen ist, werden die Leichen ausgegraben und die Stätte von neuem verpachtet, damit andere auf ihr beerdigt werden können. Oft pflegt man nach solcher Ausgrabung die Särge mit den Gebeinen in einer Ecke des Friedhofes aufzuhäufen; vielfach aber schichtet man auch Schädel und Gebeine in sogenannten Beinhäusern zu vielen Tausenden übereinander, zündet vor ihnen heilige Kerzen an und läßt Seelenmessen abhalten.
Die slawischen Völker.
Die slawischen Völker nehmen, ganz allgemein betrachtet, den Osten Europas ein, also das europäische Rußland (über 73 Prozent seiner Bevölkerung sind Slawen) mit Ausnahme der nördlichen und südlichen Gebiete, wo nichtslawische Elemente, zum Beispiel die Samojeden, Lappen, Finnen, Esten, Tawasten, Tataren, Rumänen und andere Stämme ansässig geworden sind, ferner einen beträchtlichen Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, bis über die Donau hinaus, und die sich hieran anschließenden Strecken der Balkanhalbinsel, endlich kleine Enklaven in Deutschland. Man unterscheidet sprachlich unter ihnen drei große Gruppen: die Ost-, West- und Südslawen. Zu den ersteren zählen die Bewohner des russischen Reiches, die wiederum in Großrussen oder Moskowiter (größter Teil des Reiches), Weißrussen (westliches Rußland) und Kleinrussen (von Ostungarn und Galizien an bis zum Don: Ruthenen, Huzulen) zerfallen; die zweite Gruppe umfaßt die Tschechen mit den Slowaken in Böhmen, Mähren und Nordungarn, die Polen in Galizien und Schlesien, die Kaschuben in Hinterpommern und Westpreußen, die Slowinzen am Lebasee, die Wenden oder Sorben im Spreewalde; die Südslawen endlich setzen sich aus den Serben und Kroaten -- der Unterschied zwischen beiden beruht ausschließlich auf der verschiedenen Konfession -- einschließlich der Bosnier und Herzegowiner, den Montenegrinern, den Slowenen und den Bulgaren der Balkanhalbinsel sowie der nördlich und westlich angrenzenden Gebiete zusammen.
Von einem einheitlichen +anthropologischen Typus der Slawen+ kann man nicht sprechen; der Grund hierfür liegt in den vielfachen Kreuzungen zwischen den ursprünglich wohl allein im Osten ansässig gewesenen Vertretern des alpinen Typus mit den zahlreichen Völkern und Rassenelementen, die im Laufe von Jahrtausenden teils von Nordwesten nach Südosten (germanische Stämme), teils in umgekehrter Richtung (Finnen, Mongolen, Türken) Osteuropa überfluteten. Man trifft dementsprechend unter den Slawen Leute an, die germanischen Einschlag zeigen (Polen mit vorwiegend blondem Haar, blauen oder grauen Augen und heller Gesichtsfarbe), und anderseits auch wieder solche, die deutlich mittelasiatische Herkunft verraten. Im allgemeinen kann man die Behauptung aufstellen, daß der durchschnittliche Typus des Slawen mehr Annäherung nach Osten (Asien) als nach Westen (Europa) zeigt.
Die Tracht der slawischen Völker ist keine einheitliche, die der Männer einförmiger und dunkler, die der Frauen mannigfaltiger und farbenprächtiger. Trotz oft ziemlich bunter Farben verstehen die slawischen Frauen es doch, sich recht geschmackvoll zu kleiden; besonders ihre Oberkleider sind reich mit Stickereien in ansprechenden Mustern verziert (Abb. 400, 402, 403 und 405). Die Tracht der Russen ist eine ziemlich gleichmäßige im ganzen Lande. Die der Männer besteht aus Pluderhosen, langen Schaftstiefeln und einem mit silbernen oder goldenen Besätzen bestickten Kaftan in Grün oder Dunkelrot, die der Frauen in dem anschließenden, meist bestickten Saraffan und einer eigenartigen Kopfbedeckung, dem Kokoschnik (Abb. 408). Die Tracht der übrigen Slawenvölker im einzelnen zu schildern, ist bei ihrer überaus großen Mannigfaltigkeit nicht möglich; ihre Darstellung im Bilde möge einen Begriff von der Verschiedenartigkeit in der Form und der Art der Verzierung der Gewänder geben. -- In Bosnien bringen die Frauen nicht selten Tatauierungen auf den Armen an.