Part 27
Sobald ein Mord begangen ist, flüchtet der Mörder in den nächsten Wald oder ins Gebirge; seine Freunde sorgen dafür, daß er unentdeckt bleibt, und bringen ihm Nahrung. Dagegen machen die Verwandten und Freunde des Ermordeten die größten Anstrengungen, des Angreifers habhaft zu werden und ihn gleichfalls niederzustechen oder, falls ihnen dies nicht gelingt, an seinen nächsten Verwandten Rache zu üben. Es ist dies die bekannte +Blutrache+, die Vendetta, die oft genug immer weitere Kreise zieht und sich vielfach von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzt. Bisher konnte sie durch keine Macht ausgerottet werden. Die Obrigkeit in Italien hat nicht die Macht, diesem gefährlichen Treiben Einhalt zu tun; das Volk kümmert sich eben nicht um die Gesetze der Regierung und regelt das Unrecht nach ungeschriebenem Sittenkodex. In Süditalien ist es die Kamorra, auf Sizilien die Mafia, die diese Volksgerichtsbarkeit in die Hand genommen haben. Beide Geheimbünde erfreuen sich immer noch eines guten Gedeihens, wenngleich sie dem Namen nach unterdrückt sein sollen. Denn gerade die Polizei, die sie zu Fall bringen sollte, ist ihr bester Freund und Bundesgenosse. Eine einheitliche Organisation besitzen weder die Kamorristen noch die Mafiosen; es bestehen vielmehr in verschiedenen Gemeinden verschiedene Verbände der Kamorra beziehungsweise Mafia, die unabhängig voneinander ihr Gebiet bearbeiten, manchmal aber auch sich gegenseitig befehden. Die Tätigkeit der beiden Geheimbünde ist nach den Örtlichkeiten verschieden, meistens besteht sie in gegenseitiger Selbsthilfe und gelegentlich im Rächen von Unbilden nach dem Faustrecht, aber auch in der Unterstützung unterdrückter, dem Bunde fernstehender Personen. Sie reicht von den niedrigsten bis in die höchsten Schichten hinein, so daß ebensogut die Wahl eines Gemeindedieners wie die eines Parlamentsmitgliedes von diesen Geheimbünden abhängen können, und zwar erstreckt sich ihr Einfluß über mehr als die Hälfte des ganzen Landes. Der feste Glaube, daß sein besonderer Schutzheiliger, dessen Reliquie der Kamorrist oder Mafiose in einem kleinen Beutel um den Hals trägt, ihn vor jeder Kugel der Truppen, die zu seiner Verfolgung ausgesandt werden, behütet, verleiht ihm den zu seinem gefährlichen Handwerk erforderlichen Mut.
Der Südländer mit seinem lebhaften Temperament ist +sehr für Spiel und Tanz eingenommen+. In Spanien ruft kein Vergnügen größere Freude und Begeisterung hervor, als der +Stierkampf+, die Corrida. In den Augen des Spaniers ist dies der einzige wissenschaftliche, heldenmütige und gleichzeitig künstlerische Sport. Kein anderes Land der Welt hat einen Sport aufzuweisen, der eine ähnliche Stellung einnimmt oder eine ähnliche Anziehungskraft auf die Bevölkerung ausübt. Er ist in dem Grade dem gesamten Volk gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen, daß jeder Bürger mit allen Förmlichkeiten, Gesetzen und Regeln des Spiels -- und bei einer Corrida wird ganz planvoll verfahren -- vertraut ist, die Fehler, die etwa begangen werden, sogleich erkennt, die Teilnehmer, ganz gleich ob Mensch oder Tier, in ihren Leistungen streng beurteilt und unerschöpflich ist, wenn es gilt, über diesen Gegenstand zu plaudern. Pünktlichkeit kennt der Spanier sonst nicht, aber in Sachen des Stierkampfes läßt er auch hierin nichts zu wünschen übrig; zur festgesetzten Stunde findet er sich zum Stierkampf ein mit einer Pünktlichkeit, die geradezu überrascht. Wenn sich die Uhrzeiger der für die Schaustellung festgesetzten Stunde langsam nähern, dann wird der Stimmenlärm, der bisher in der tausendköpfigen Menge herrschte, beinahe zum Schweigen gebracht; alles ist ganz Ohr und Auge. Mit dem ersten Glockenschlag erscheint der Präsident in Frack und hohem Hut, wie es die Sitte vorschreibt, auf seinem Platze -- sollte er nicht zur Stelle sein, dann würde er die Wut der harrenden Menge heraufbeschwören --, setzt sich, wartet einen Augenblick und gibt durch Schwenken eines Tuches das Zeichen zum Anfang. Zunächst erfordert es die Sitte, daß der Chiquero in aller Form eröffnet werde. Zu diesem Zweck erscheinen in dem Bogengang unter dem Platz des Präsidenten zwei vollständig in schwarzen Samt gekleidete, mit Mänteln aus demselben Stoff und mit Federhüten geschmückte Alguaciles auf sich bäumenden Rossen, traben, der eine nach rechts, der andere nach links, im Halbkreise um die Arena herum, bis sie sich auf der entgegengesetzten Seite begegnen, galoppieren darauf wieder zurück und begrüßen den Präsidenten, worauf sie durch die Eingangspforte wieder verschwinden. Einen Augenblick ist die Arena leer, dann treten die Alguaciles am gegenüberliegenden Eingang wieder auf, und mit ihnen vollzieht sich der eindrucksvolle Einmarsch der Kämpfer (Abb. 368). Voran reiten die Alguaciles, dicht hinter ihnen marschieren die drei Matadores nebeneinander, und zwar strenger Vorschrift gemäß in der Rangordnung des Alters (links der älteste). Den rechten Arm haben sie frei; von der linken Schulter hängt ihnen der glänzende Parademantel herab, der rings um die Taille geschlungen wird und dessen Enden von der linken Hand des Trägers auf der Hüfte gehalten werden. Hierauf folgen die Bandilleras in glänzenden Gewändern aus Samt und Seide und dann wieder Berittene, die Picaderos. Hinter ihnen kommen noch die Ringwärter in ihren roten Hemden, die die Aufgabe haben, die Wunden der Pferde mit Werg auszustopfen; sie müssen aber auch die gefallenen Tiere durch Schläge auf die Beine bringen, wenn sie noch imstande sein sollten, einen weiteren Angriff des wütenden Stiers zu ertragen, auch ihre toten Körper an die mit Schellen versehenen Maultiere, die den Nachtrab bilden, anschirren, um sie durch diese hinausschleppen zu lassen. Das Ganze bietet ein recht würdevolles, dabei malerisches und prächtiges Schauspiel und verfehlt nie, die Bewunderung und den lauten Beifall der Zuschauer hervorzurufen. Alle Teilnehmer des Zuges stellen sich gleichfalls vor dem Präsidenten auf und begrüßen ihn durch Aufheben ihrer Gerätschaften. Dieser erwidert ihren Gruß durch Lüften seines Zylinders, worauf sich der Zug verteilt. Die Maultiere aber verschwinden, ebenso die Picaderos bis auf zwei, die gegen die Barriere gelehnt dastehen, in gewisser Entfernung von der Tür, aus der der Stier erscheinen soll. Die Bandilleras und Espadas vertauschen ihre Parademäntel mit ausgebleichten, blutbefleckten roten und gelben Umhängen; die ersteren vertrauen sie guten Freunden unter den Zuschauern an. Ein Trompetenstoß ruft dann einen der Alguaciles herbei, der den Schlüssel zum Tor, den der Präsident herabwirft, mit seinem federngeschmückten Hut auffängt und einem alten Wärter übergibt, während er sich selbst in Sicherheit bringt. Der alte Bediente öffnet das Toril und tritt zur Seite. Tiefes Schweigen tritt jetzt ein. Der Stier erscheint, galoppiert in die Arena, wittert die seiner wartenden Picaderos und stellt sich so, als wolle er einen jeden von ihnen beim Vorbeistürmen angreifen. Dabei versetzen ihm die Picaderos einen leichten Stoß. Der Stier wird dadurch wütend gemacht, schnauft ärgerlich, scharrt die Erde auf und geht schließlich mit gesenktem Kopf auf einen der Reiter zu. Erst wenn ihm mindestens zwei Pferde zum Opfer gefallen sind, treten die Bandilleras in Tätigkeit, um den Stier dadurch in noch größere Wut zu versetzen, daß sie ihm eine Reihe mit Widerhaken versehener Lanzen in den sehnigen Nacken stoßen. So geschmückt, tritt der Stier nun einem Espada oder Matador gegenüber (Abb. 369), der ihn dazu verleitet, wiederholt einen Anlauf auf ihn zu nehmen. Sodann hebt er das Heft seines Schwertes in gleiche Höhe mit seinem Auge und zielt vorsichtig auf eine bestimmte Stelle des Stieres, der auf ihn losstürmt und in das Schwert bis an das Heft hineinläuft. In demselben Augenblick springt der Espada zur Seite, der Stier taumelt und fällt mit einem Krach auf den Boden. Der tote Körper wird an das schon erwähnte Maultierpaar gespannt und im Galopp hinausbefördert. Frischer Sand wird über die Blutlache gestreut, und die Trompeten verkünden die Wiederholung des grauenerregenden Schauspiels. Dem Espada aber, der dem Stier den Garaus gemacht hat, wird mächtige Begeisterung gezollt; je mehr Erfolge er aufzuweisen hat, um so mehr steigt er in der Achtung aller, besonders aber der Frauen, die geradezu einen Kultus mit ihm treiben und ihn beinahe vergöttern. Für den Nordeuropäer aber ist es nicht faßlich, daß Kulturmenschen an einem so widerwärtigen Vorgang, wie die Corrida es ist, Gefallen finden können; doch sind die Stierkämpfe nun einmal eine althergebrachte Leidenschaft des ganzen spanischen Volkes und werden es auch immer bleiben.
Auch +Frankreich+ kennt +Stierkämpfe+; so finden solche in der Stadt Arles statt, aber hier sind es nicht wie bei der spanischen Corrida blutrünstige Metzeleien, an denen das Volk seine Freude hat, sondern die heiteren naiven Spiele, in denen die Gewandtheit des Menschen gegen die Stärke des Stiers zum Auftrag gebracht wird. Der Kämpfende muß nämlich dem Stier eine Kokarde, die er zwischen den Hörnern trägt, fortzureißen versuchen.
In +Italien+ huldigt man mit Vorliebe dem +Glückspiel+. Dieser Sport ist über die ganze Halbinsel verbreitet und bildet die Haupteinnahmequelle für den Staat. Jede Woche finden in allen bedeutenderen Städten Lotterieziehungen statt, so daß für die Italiener, die schon seit Jahrhunderten einem süßen Nichtstun ergeben sind, das Spiel das sicherste Mittel ist, um noch immer ärmer zu werden. Die Gewinnaussichten sind nämlich recht gering, da die Regierung den Löwenanteil an den Einnahmen nimmt, indem sie den Wert der Gewinne nie den dritten Teil der Summe übersteigen läßt, die sich nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung aus den Einnahmen ergibt; auf diese Weise bringt sie es fertig, sich eine dauernde, freiwillig gespeiste Geldquelle zu verschaffen. Denn das Volk ist auf das Spielen, wie gesagt, rein versessen. Bei der Auswahl der zu spielenden Nummern spricht der Aberglaube viel mit. Das in Italien am meisten gelesene Buch ist das Traumbuch, eine alte, alphabetisch angeordnete Liste von Wörtern, deren jedem eine aufs Geratewohl zwischen eins und neunzig ausgewählte Zahl zugeordnet ist. Irgendein Ereignis oder ein Traum, der auf eins der dort verzeichneten Wörter anspielt, gibt den Ausschlag für die damit verbundene Zahl, und diese wird zur Nummer des zu spielenden Lotterieloses. Auch die Mönche werden nicht selten um Nennung einer glückbringenden Nummer angesprochen. Da sie in großem Ansehen stehen und auch eine gewisse Bildung besitzen, so meint das abergläubische Volk, daß sie auch mit der Gabe ausgestattet seien, vorauszusehen, welches Schicksal einem bevorsteht, was ein Traum bedeutet, welche Nummern in der Lotterie Erfolg haben werden und so fort. Es kann unter Umständen auch geschehen, daß ein solcher „Onkel“ Mönch, wenn er sich weigert, Auskunft zu erteilen, unbarmherzig durchgeprügelt wird.
Unter keinem Himmelstrich Europas bringt das Volk dem +Tanzen+ so lebhaftes Interesse entgegen wie in Italien und vor allem in Spanien. Hier ist wieder Andalusien, wo die Herzen am raschesten schlagen und die Liebe am wildesten auflodert, entschieden das Wiegenland der spanischen Tänze, denn an dieser Stätte sind eine ganze Reihe derselben entstanden, und von hier aus haben sie sich nicht nur Spanien, sondern einzelne die ganze Welt erobert. Der älteste spanische Tanz, der Fandango, ist ein urechtes Kind des sonnigen Andalusiens, in dem die ganze Liebessehnsucht und Leidenschaft der Tanzenden zum Ausdruck kommt. „Ein getanztes Bekenntnis der Liebe“ hat man einmal den Fandango treffend genannt. Der spanische Tanz, mag er nun Fandango oder Cachucha, Bolero, Malequeña, Seguidilla oder sonstwie heißen, ist nämlich fast immer eine anmutig durchgeführte Pantomime, in der die Liebessehnsucht, Werbung, Erhörung oder Ablehnung zum Ausdruck kommen. Die einschmeichelnden Töne, die den Saiten der Gitarre, des Nationalinstrumentes der Spanier, entlockt werden, und der melodische Gesang, der sie begleitet, verleihen den spanischen Tänzen erst den vollen Reiz; alle drei sind unzertrennbar miteinander verbunden zu einem harmonischen Ganzen.
Der Süditaliener hat seine Tarantella (Abb. 371), einen Tanz, der gleichfalls der Erotik nicht entbehrt, aber hinsichtlich der Inbrunst, mit der er getanzt wird, wohl kaum dem Fandango gleichkommen dürfte. Für gewöhnlich schlagen die Tanzenden mit einem Tamburin den Takt dazu, während Musikanten mit der Gitarre oder dem Dudelsack die Begleitung spielen. Das lebhafte Temperament der Südländer kommt so recht in ihrer ausgelassenen Karnevalfeier zum Ausdruck (Abb. 367).
Alle Südeuropäer sind in hohem Grade +strenge Anhänger der katholischen Kirche+, der sie leidenschaftlich ergeben sind. Im besonderen gilt dies für die Spanier, unter denen sich der Katholizismus des allergrößten Ansehens erfreut. Nirgends in Europa begegnet man daher so viel Geistlichen, Ordensgesellschaften (Mönchen und Nonnen), Kirchen, Klöstern und Prozessionen, nirgends einem solchen Einfluß der alleinseligmachenden Kirche wie in Frankreich, Spanien und Italien. Der +Reliquiendienst+, desgleichen der +Glaube an Wundertaten+ treibt hier besonders reiche Blüten. Mit großer Regelmäßigkeit wiederholen sich die Wunder in dieser oder jener Stadt. Die Grotte zu Lourdes ist bekannt. Sie hat dem Erscheinen der Jungfrau Maria ihr Entstehen zu verdanken; alljährlich pilgern viele Tausende von Kranken aus aller Herren Ländern nach dieser Wundergrotte, um Heilung von ihren Gebresten zu finden (Abb. 375 und 394). In Neapel fließt das geronnene Blut des heiligen Januarius alle Jahre an einem bestimmten Tage und zieht gleichfalls Hunderttausende von frommen Menschen an, die dieses Wunder mit eigenen Augen zu schauen begehren. Sankt Nikolaus in Bari besitzt ein Wunderknie, aus dem dauernd Wasser rieselt, das man in kleinen Gefäßen auffängt und im ganzen Lande als unfehlbares Mittel gegen alle möglichen Krankheiten, sogar gegen gebrochene Beine, verkauft. Und so ließen sich noch viele andere Stätten aufzählen, deren Besuch bei dem Gläubigen Wunder wirken soll.
+Prozessionen+ (Abb. 374, 376, 378, 379 und 397) nach solchen Orten finden beständig statt. Aber nicht nur zu solchen Wunderstätten veranstaltet man feierliche Umzüge, sondern noch zu zahlreichen anderen heiligen Plätzen, Kirchen, Klöstern, Kreuzen und so weiter, die irgendwie mit einem der Heiligen in Beziehung stehen. Aus der Zahl der Heiligenbilder, die solche Stätten zieren, aus der Menge der Opfergaben, die dort hängen -- sie bestehen aus verschiedenartigen Gegenständen, für gewöhnlich aus der Nachbildung eines einzelnen Körperteiles, der durch die wundertätige Vermittlung des besonderen Heiligen von seinem Schaden befreit wurde --, und aus der Anhäufung von Geldspenden kann man auf die Volkstümlichkeit eines Heiligen Schlüsse ziehen.
In der +Bretagne+ wird an der Westküste, wo der Sardinenfang blüht, am Morgen des +Sankt-Anna-Tages+ (26. Juli) die Fischerei gesegnet (Abb. 373). Zu diesem Zwecke begibt sich die Geistlichkeit unter Vorantragung von Kreuz und Heiligenbannern in feierlichem Zuge von der Kapelle Notre-Dame de L’Armor (Unsere liebe Frau zur See) zum Strand und schifft sich hier in Boote ein. Diese fahren etwa zwei bis drei Seemeilen hinaus, wo ihnen die Boote von L’Orient und anderen Küstenplätzen zu Hunderten entgegenkommen. Wenn alle Boote einen Kreis gebildet haben, dessen Mitte die Fahrzeuge der Priester einnehmen, wird von diesen der Segen gesprochen. -- Gerade in der Bretagne haben sich noch zahlreiche andere fromme Gebräuche erhalten, die mit der Vergebung der Sünden in Verbindung stehen und Anlaß zu bemerkenswerten Volksfesten geben. Fast jede Kirche im Innern des Landes soll unter der Obhut eines Schutzpatrons stehen, der im Gegensatz zu den für den betreffenden Ort unwirksamen Heiligtümern der übrigen Kirchen nach dem Glauben des Volkes und den Lehren der Priester die Macht besitzt, Vergebung der Sünden zu erwirken. Manche dieser Heiligen sind berühmt wegen ihrer Fähigkeit, den Männern besonderen Schutz zu verleihen, andere wieder nehmen sich der Frauen und Kinder an, während einer von ihnen, Sankt Kornelius, das Vieh unter seine besondere Obhut genommen hat. Sein Vergebungsfest wird in der kleinen Kirche von Sankt Nicholas zusammen mit dem des heiligen Nikodemus gefeiert. Diese Vergebung findet alljährlich am ersten Sonnabend des Monats August statt; jeder Besitzer von Vieh bringt das seinige dorthin, so daß die Wiesen um die Kirche von Herden gleichsam übersät erscheinen. Die Segnung der Tiere geschieht in der Weise, daß der Priester mit verschiedenen Reliquien des Heiligen das Vieh berührt (Abb. 381). Darauf treibt jeder Eigentümer seine Tiere wieder nach Hause, in dem sicheren Glauben, daß sie im kommenden Jahre von Krankheit nicht heimgesucht werden können und reiche Nachkommenschaft haben werden. -- In +Italien+ ist der heilige +Antonius+ Schutzpatron des Viehs. An seinem Festtage sucht der Geistliche alle Tiere in Haus und Hof auf, segnet sie und feit sie gegen Krankheiten und Unglücksfälle im kommenden Jahre. Bei derselben Gelegenheit werden auch Felder und Ernte gesegnet, um sie im besonderen gegen Hagelschlag und Heuschrecken zu schützen.
Der religiöse Zug, der die Mehrzahl der Feste bei den romanischen Völkern auszeichnet, beeinträchtigt keineswegs ihren Frohsinn; besonders die Spanier sind wahre Vergnügungskünstler. Von Januar bis Dezember werden überall im Lande zahlreiche +Ferias oder Fiestas+ gefeiert; von Nationalfesten allein besitzen sie wohl einige Dutzend. Dem Neujahrstage wird nicht viel Bedeutung beigelegt; die erste große Festlichkeit im neuen Jahre fällt vielmehr auf den 6. Januar. Die höheren Kreise feiern diesen Tag nach althergebrachtem Brauch, indem ihre Mitglieder sich gegenseitig besuchen und Karten austauschen, während die Armen sich von den Anstrengungen des Vorabends erholen, an dem sie die Ankunft der heiligen drei Könige erwarteten und sich vergnügten. Der nationale Karneval erstreckt sich über mehrere Februartage; die Bevölkerung des ganzen Landes feiert ihn auf der Straße, läuft in Masken umher, hält in den Theatern glänzende Bälle ab, wirft auf den Straßen Papierschlangen und Konfetti in ungeheuren Mengen und vergnügt sich vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. -- Der +Sankt-José-Tag+ (19. März) ist immer ein wichtiges Ereignis, denn dieser Heilige erfreut sich in ganz Spanien einer ungewöhnlichen Volkstümlichkeit. Man schickt an diesem Tage Geschenke, die in Blumen, Süßigkeiten und Karten bestehen, an Personen beiderlei Geschlechts, die den Namen des Heiligen führen. In Valencia herrscht die Sitte, am Sankt-José-Tage inmitten der Straßen Katafalke aus Leinwand und Holz aufzubauen und auf diese Figuren zu stellen, die die wichtigsten politischen Ereignisse des Jahres in scherzhafter Weise zur Darstellung bringen (Abb. 382).
Der +Palmsonntag+ (Abb. 377) gibt Veranlassung zu einer allgemeinen religiösen Feier, ebenso zeichnen sich alle übrigen Tage der +Karwoche+ durch eindrucksvolle Gottesdienste und Feierlichkeiten (Abb. 384) aus. Alles trägt in diesen Tagen schwarze Gewänder. Jede geschäftliche Tätigkeit außer der allernotwendigsten unterbleibt am Karfreitag und auch am vorangehenden Donnerstag; der Handel in den Straßen der großen Städte ist unterbrochen und ein feierliches Schweigen liegt über dem ganzen Lande. Am Gründonnerstag wäscht die Königin zur Erinnerung an die Fußwaschung der Jünger durch den Heiland einigen Armen, die sich zu diesem Zwecke im Palast zu Madrid einfinden, die Füße und macht am Nachmittag einen feierlichen Rundgang durch die Kirchen der Stadt. Der Karfreitag ist in jeder spanischen Stadt der Tag großartiger Umzüge (Abb. 383) durch die Straßen. Vielleicht am berühmtesten von allen solchen Veranstaltungen in der ganzen Welt sind die Umzüge von Sevilla (Abb. 380) wegen der großartigen Pracht, die dabei entfaltet wird, und der Schönheit sowie Kostbarkeit der sogenannten Pasos, geschnitzter Bildwerkgruppen, durch die einzelne Ereignisse aus der Leidensgeschichte Christi dargestellt werden. Sie werden unter großer Beteiligung von seiten der Mitglieder zahlreicher Brüderschaften, Orden und Gilden, die in lange schwarze, braune oder auch weiße Büßergewänder gehüllt und mit hohen Spitzmützen bedeckt sind, durch die Straße getragen; jede Brüderschaft begleitet den ihr gehörigen Paso. Das volkstümlichste Schauspiel nach dieser Richtung bietet die Gilde der Zigarettenmacher, deren Mitglied der König ist, und die Macarenos, die sich am Ostersonntag auf dem Stierkampfplatz in ihrem profanen Berufe zeigen. Ihre Pasos, für gewöhnlich der eine den gekreuzigten Christus, der andere die Mutter Gottes darstellend, werden auf blumenbekränzten Sänften getragen; sie sind von terrassenförmig aufsteigenden Kerzenreihen beleuchtet und von einem kostbaren Baldachin aus schwarzem Samt überdacht.
Auch Italien kennt solche Brüderschaften, die zusammen mit der Geistlichkeit, wenn irgendein heiliges Fest gefeiert wird, die Umzüge begleiten und die Standbilder der Heiligen in der Stadt umhertragen. Auch sie pflegen in ähnlicher Weise vom Kopf bis zu Fuß mit einem schwarzen Domino nebst Kappe bekleidet zu sein. Nebenbei betätigen sie sich meistens auch noch auf dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit, begleiten unter anderem die Begräbnisse oder nehmen sich, wie die Brüder der „Misericordia“ in Florenz, der auf der Straße Verunglückten an (Abb. 386).