Die Schwestern Hellwege

Part 7

Chapter 73,714 wordsPublic domain

Julie wurde sich über manche Dinge klar, an die sie bisher nur gelegentlich gedacht hatte. Ohne Hochmut! Da war weder Spott über Mariannes bräutliche Wichtigtuerei, noch jene gemachte Überlegenheit, die nichts ist als Neid und boshafter Entgelt für verletztes Schamgefühl. Sie wurde von der schwülen Atmosphäre -- denn in aller Gedanken war der Mann gegenwärtig, und in dem Schweigen war viel von der erwartenden Bangigkeit des Weibes, das seine Nähe fühlt -- eigentlich nicht berührt. Aber sie stand mit offenen Augen vor diesen neuen Vorgängen und ging mit ihrem Verstande, wie sie glaubte, in Wirklichkeit mit ihrem Empfinden daran, diese Eindrücke zu verarbeiten.

»Die Frau ist in der Ehe doch nur ein Anhängsel,« sagte sie einmal.

Marianne widersprach ihr würdevoll und redete von der veredelnden Kraft der Liebe.

Julie schüttelte den Kopf.

»Liebe ist bei ihm nur eine kleine Kammer seines Innern, wo er seine paar Empfindungen zusammengeworfen hat, weil er sich zwischen ihnen nicht mehr zurechtfinden kann, also etwas ganz Nebensächliches! Dort aber, wo er zu Hause ist, will er die Frau gar nicht bei sich haben. Da ist sie ihm nur im Wege!«

Hier sah Agnes Elisabeth auf, mit einem Blick voll Hilflosigkeit.

»Im Innersten will er nicht, daß die Frau neben ihm steht,« fuhr Julie fort. »Die mag nur in der Kammer bleiben, und wenn es ihm gefällt, will er sie dort besuchen.«

Und ein anderes Mal meinte sie, die Frau gebe in der Ehe zuviel auf.

»Empfindungen darf man schon gar nicht in die Ehe mit hineinbringen. Denn der Mann will nur die eine Empfindung von seiner Frau haben, daß sie ihn liebt, das heißt, daß sie für ihn sorgt, daß das Essen gut schmeckt, und daß das Zimmer warm ist, und daß sie sich von ihm küssen läßt, wenn er gerade Lust hat.«

Auch mit dieser Ansicht blieb Julie natürlich allein. Denn die andern und vielleicht sogar Evelyn fühlten sich innerlich viel zu sehr beteiligt, als daß sie Julies Nüchternheit hätten gutheißen können. Zum mindesten hatten sie alle drei schon einmal mit dem Gedanken an eines Mannes Liebe gespielt, und ihre Phantasie hatte Bilder geschaffen nach eigenem Wunsch und eigener Sehnsucht. Das hatte Julie nie getan. Für sie war die Ehe nicht der heimliche Garten, der jenseits der Berge lag, dessen Düfte abends wohl herüberzogen, sondern etwas Selbstverständliches, ja Gleichgültiges, daß man sich Gedanken darum nur machte, wenn ein äußerer Anlaß sie herbeirief. Einmal sagte sie ganz ruhig und gelassen zu Marianne: »Auf dem Boden steht noch unsere alte Wiege: nimm sie dir doch mit!«

Das gab drüben einen hochroten Kopf und bei Agnes Elisabeth stumme Empörung.

Julie verstand nicht, wie man dadurch verletzt sein könnte, und machte ein verwundertes Gesicht. Übrigens hatte diese Bemerkung eine tiefere Wirkung, als Julie geglaubt hätte. Marianne begann nämlich von diesem Tage an darüber nachzudenken, daß sie Kinder haben würde. Und das war gut für Marianne. Denn ihr Empfinden, das in der Treibhausluft ihrer Sinnlichkeit schon seltsame Auswüchse hervorgebracht hatte, bekam nun mehr Platz, breitete sich auf dem weichen Ahnen von Mütterlichkeit und entwickelte sich zu einem kräftigen Gefühl. Von Natur aus war Marianne gesund. Ihre Gesundheit war nur so vollblütig, daß sie zur Gefahr für sie hätte werden können. An dieser Gefahr kam sie nun vorbei. Der größere Teil ihrer Gefühle vereinigte sich nun auf das Kind; sie fand daran Arbeit genug, sehnte sich und hoffte, nährte und erzog und baute Schlösser in blaue Möglichkeiten hinein.

Agnes Elisabeth dachte bei dem allem, daß ~sie~ es sein könnte, für die man nähte, und daß sie es nicht war. Eigentlich dachte sie nur dieses. Und es tat ihr nicht einmal besonders weh; Ecken und Kanten hatten diese Gedanken gar nicht. Aber sie lagen auf ihr, wie eine Schicht grobfaseriger Sägespäne. Sie wartete immer, daß Heinrich Craner noch käme, aber sie hoffte nie darauf. Sie dachte auch an ihre Liebe zu ihm. Aber liebte sie ihn noch? Es begann eine weite Ebene in ihr zu werden. Oft schloß sie die Augen; es war ja nichts da, wonach sie auszuschauen brauchte, und dann war auch alles so glatt, und es ging sich so weich in dieser Dämmerung.

Im übrigen war diese Zeit wie eine schläfrige und eintönige Musik. Die Tonleitern des Haushalts stiegen auf und ab, am Sonntag in =C=-Dur, am Montag in =G=-Dur, am Dienstag in =D=-Dur. Dazu kam vielleicht alle drei Wochen einmal die sentimental lärmende Weise eines Kaffeekränzchens beim Pastor.

Nur ~eine~ frische Melodie gab es. Wenn die Nebel zerrissen und die Wiesen fest wie eine blendende Glasplatte dalagen. Dann wurde die Wäsche beiseite geworfen, und die Wirtschaft mochte liegen bleiben. Die Schlittschuhe wurden geholt und mit gerafften Röcken ging es hinaus in die Winterluft, vom Morgen bis zum späten Abend. Es war keine Seltenheit, daß die Dunkelheit sie überfiel und sie zwang, in einem kleinen Wirtshaus zur Nacht zu bleiben; das erhöhte dann nur die kecke Stimmung und steckte manch flackerndes Gelächter an. Kamen aber die Wolken wieder herauf, schleppte sich der warme Wind über die krachende Eisfläche, dann war auch diese Melodie verklungen.

Natürlich verging kein Tag, an dem nicht Lukas Allms Gestalt das Zimmer füllte. Er hatte etwas von einem treuen Hunde, der behaglich von einem zum andern geht und dann breit an einem Flecke sitzen bleibt. Sie hatten ihn alle gern, wenn auch von einem geschwisterlichen Verhältnis keine Rede sein konnte. Er war da, und weil er nicht störte, gewöhnte man sich an ihn. Auch seine gutmütige Zärtlichkeit gegen Marianne hatte man sich schlimmer vorgestellt.

Vor allem aber -- dessen wurden sie sich natürlich nicht bewußt -- wirkte seine Gegenwart befreiend. Denn jene unbestimmbaren Empfindungen, die das Schweigen aus der Tiefe herauskommen ließ, alle die Gedanken und Ahnungen, die in diesen Ehevorbereitungen die Nähe des Mannes witterten, verflogen im Nu, wenn Lukas Allm ins Zimmer trat.

Da saß er dann, flüsterte mit Marianne und machte seine Späße mit Evelyn. Man brauchte sich nicht vor ihm zu fürchten, denn es war ja nicht ~er~, der eben noch aus jener Ecke schreckhaft herübergeblickt hatte.

So gingen denn die Tage und verschwanden, neue kamen und immer neue, blieben ihre Weile und waren vergessen. Ein spärliches Licht breitete sich auf Stunden, als der Tannenbaum brannte und Frau Allm im Schwesternkreise ein paar Tränen über ihres Sohnes Glück vergoß. Dann ging es in das neue Jahr hinein.

XIV

So kam auch nun für Evelyn der Tag, von dem in der Predigt so eindringlich zu hören ist, daß er die Kinderzeit abschließe und die Tore des Lebens und der Welt öffne. Jener Tag, der oft verhängnisvoll wird, weil er die Seele des Kindes erschreckt und zaghaft macht.

Nicht allein, daß man dem Kinde in dieser Zeit einredet, seine Sündenschuld sei unermeßlich, und nur der Glaube könne es wieder mit Gott versöhnen, während das Kind doch genau weiß, daß es sich bisher mit seinem lieben Gott sehr gut vertragen hat. Nicht genug, daß hierdurch die Begriffe des Kindes verwirrt werden, daß es plötzlich ängstlich wird, sich abquält, seine Sünden zu erkennen, sich selbst zum Feinde zu nehmen und rührende Versuche macht, den wahren Glauben zu erkämpfen, während Denkvermögen und Empfinden sich sträuben und doch nicht stark genug sind, solchen Widersinn zu begreifen.

Die eigentliche Gefahr ist dies noch nicht.

Aber daß man die Fäden zerreißt, die, von Kinderspielen geknüpft, durch Kinderträume sich weiterspinnen, daß man die zarte Pflanze aus dem Boden seiner Phantasie herausnimmt und in dürres Land setzt, daß man von dem Werden einer Seele keine Ahnung hat und die Umkehrung alles Denkens und Empfindens proklamiert, das ist die Gefahr.

Wohl keiner ist ganz um sie herumgekommen; wohl alle haben mit irrenden Mühen vieler Jahre erst wieder bauen müssen, was ihnen zerstört wurde; und die meisten brachten es nicht einmal fertig, vergaßen es und wohnten in Ruinen. Und wenige nur haben ihre Kinderseele wiedergefunden.

Evelyn war mit vielen Vorurteilen und einem ehrlichen Verdacht an diese Zeit herangegangen, einem Verdacht, der ihr im Blute lag und sich gegen alles richtete, was ihrem Schönheitsgefühl zuwider ging. Darum drehte sie jedes Ding, das wie ein Samenkorn in ihrer Seele Boden gesenkt werden sollte, erst mit schlanken Fingern herum, ehe sie es nahm, suchte nach Schönheiten, fand sie nicht und legte es beiseite. Freilich blieben auf diese Weise nicht viele Samenkörner liegen.

Evelyn ließ sich durch nichts beeinflussen. Julies Unabhängigkeit war durch die Bücher bedingt, die sie las. Evelyn aber ging mit traumhafter Sicherheit ihren Weg. Sie suchte nicht, aber sie fand. Sie sehnte sich und war doch immer zu Hause. Fragen, die sich vor ihr aufstellten, lösten sich von selbst, wenn sie mit weichem Lächeln ihren Kopf zurücklehnte.

Als die kleine Orgel unter Lukas Allms Händen ihr Nachspiel mit Trompetenregister in die Morgenluft hinausschmetterte, verließ Evelyn neben Agnes Elisabeth die Kirche. Sie betraten den Weg, der über den Kirchhof führte, während Tante Sophie und Marianne weihevoll die Stufen herabschritten und gleich nach Hause gingen.

An dem Hügel blieben sie stehen. Schon viele Monate lag nun der Stein zwischen dem Efeugeranke.

Der Himmel war klar wie ein Bergsee, und es roch nach Erde, die schon von Veilchen wußte. An diese Veilchen dachte Evelyn, und daß sie der Mutter gern welche in den Schoß gelegt hätte. Über den kahlen Sträuchern drüben glitzerten helle Tropfen. Da flimmerten die Lichter der Zukunft. Agnes Elisabeth stand stumm. Groll war in ihrem Schweigen, und sogar Haß.

Evelyn aber lächelte.

Und aus diesem Lächeln wurde für Agnes Elisabeth doch noch ein Sonnenblick, wenn er auch nur kurz über sie hinglitt und schnell wieder verblaßte.

XV

»Wenn jemand einmal von der Familie aufgenommen ist, dann gehört er auch zu uns!« war Sophie Craners Grundsatz. Damm hatte sie ein elegantes weißes Moirékleid angezogen, als sie zu Mariannes Hochzeit hinausfuhr. Dort saß sie nun mitten auf dem Rasen in einem Korbstuhl und machte mit Lukas Allms Schwager Konversation, während die Mehrzahl der Gäste sich im Garten erging. Der kleine Bahnassistent aus dem Westfälischen strebte ab und zu nach weltmännischer Haltung, indem er den Arm in die Hüfte stemmte und sich ein wenig zu Tante Sophie hinunterbeugte.

»Ich finde es sehr richtig, daß Ihr Schwager hier draußen bleiben will. Er kennt die Leute; sie mögen ihn gern, und die Kinder hängen ja geradezu an ihm!« sagte Sophie Craner freundlich.

»Es tut einem nur leid, daß er dann garnicht weiterkommen kann. Er mit seiner Vorbildung! Unterprima! Und vom Seminar so glänzende Zeugnisse.«

Tante Sophie machte ein freundlich-andächtiges Gesicht.

»Wollen Sie sich nicht setzen?«

Sie schob den Schuh unter dem Kleide hervor und tippte mit dem Fuß an einen Gartenstuhl.

Der Bahnassistent knickte im Kreuz zusammen.

»Danke sehr! Danke verbindlichst!«

Der Schuh irritierte ihn. Dergleichen hatte er bisher nur in einem Laden in Berlin gesehen, auf gebogenen Eisenstangen mit hellblauen Plüschpolstern. Er hob die Schöße seines Uniformrocks und ließ sich mit zaghafter Gebärde auf dem Stuhl nieder.

»Er sollte doch noch den höheren Lehrberuf erlernen. Jetzt, wo er es kann!« begann der Bahnassistent wieder.

»O, meinen Sie?!« sagte sie kühl.

»Männchen! ich suche dich schon überall!«

Da stand Frau Hempel auf dem Kiesweg. Sie wagte nicht recht, den Rasen zu betreten.

»Kommen Sie doch zu uns!« lud Sophie Craner sie ein.

Aber noch ehe Frau Hempel den halben Weg gemacht hatte, stürzte das schluchzende Lenchen an die Falten ihres Kleides.

»Aber Lenchen! Mein gutes Kleid!«

Die rotsamtne Kamelie in ihrem Haar schwankte hin und her. »Was ist denn los? Warum heulst du denn so?«

»Mutting, mir ist so übel!« Auf dem mageren Halse klimperte eine Korallenkette. Und auf dem Gesicht jammerte die Ungemütlichkeit eines verdorbenen Magens.

»Die rosa Torte!« schluchzte sie.

Frau Hempel fuhr ihr liebevoll mit dem gesteiften Taschentuch über das Gesicht.

»Ja, Lenchen, die ist nun hin!«

Evelyn kam aus der Laube und nahm der Frau das Kind ab.

»Du siehst ja schön aus!« lachte sie. »Komm, ich will dich abwaschen!« Die beiden verschwanden hinter dem Gebüsch.

Als Frau Hempel nun glücklich bei Tante Sophie anlangte, hatte sich inzwischen um diese ein ganzer Kreis versammelt.

»Ach ja, gnädige Frau,« seufzte sie, »Sie haben es gut, mit dem Fräulein für Ihre Kleine! Aber unsereins!« Sie strich mit der Hand über den weißseidenen Einsatz ihres braungefärbten Brautkleides und glättete den Pointlacekragen.

Der Pastor zog sich einen Stuhl heran.

»Das letzte Mal war es eine so traurige Veranlassung, die uns zusammenführte, meine verehrte Frau Craner!«

Tante Sophies Gesicht zeigte eine gemessene Trauer, wie man sie kurz nach Ablauf des Trauerjahrs an den Tag zu legen pflegt, verbunden mit einem kirchlichen Anflug, der in den Mundwinkeln lag. Sie hielt auf gute Beziehungen zur Kirche.

Der Pastor wurde wehmütig.

»Wie würde sich die Selige über das Glück ihrer Tochter gefreut haben!«

Drüben auf dem Kieswege wurde das Glück sichtbar. Man sah ein schweres Atlaskleid, -- das Weiß ließ Mariannes runde Glieder dick erscheinen, -- einen grünen Kranz und ein Gebäude von stehendem Tüll, nicht zu vergessen einen schwarzen Arm, der quer über die Taille ging, sie umschlang und sie, von der Ferne gesehen, gleichsam zerschnitt. Daneben Schwarz, eine breite Masse von Schwarz, mit einem ganz schmalen weißen Streifen, das war Lukas Allms Kragen.

Die beiden schwammen in Glück. Auf ihres Lebens breitem Fluß schimmerte Sonnenlicht. Sie trieben dahin, schlossen die Augen unter den Strahlen und atmeten die seidenweiche Luft.

Trotzdem konnte von einem alle Winkel ausfüllenden Genießen dieses Sommersonnentages nicht die Rede sein. Denn ihre Blicke gingen allzuoft nach jener geheimnisvollen Biegung, die der Strom dort unten machte, wo er in den Wald hineinglitt, hinter dessen schweigenden Bäumen unbekannte Dinge warteten. Nicht, daß sie ungeduldig gewartet hätten; aber es ging eine Anziehung von dort aus, und je weiter die Sonne sich nach Westen wendete, um so unmittelbarer wurde ihre Kraft.

Nun kam Agnes Elisabeth und bat zum Kaffee. Der allgemeine Aufbruch nach dem Platz unter den Ahornbäumen gab dem Brautpaar Gelegenheit, zu verschwinden, um sich für die Reise umzukleiden.

Draußen saß die Hochzeitsgesellschaft an einer langen Tafel. Auf der einen Seite ging es geräuschvoll zu, -- es fehlte nicht an Vettern und Freunden, die sich eine Hochzeit ohne animierte Stimmung nicht denken konnten, -- auf der andern jedoch -- dort saß die nähere Verwandtschaft -- gebrach es an Gesprächsstoff: nachdem man sich während des Essens einander mit unterstrichener Freundlichkeit genähert hatte, kamen sich jetzt alle mit einem Male vereinsamt vor und saßen stumm nebeneinander. Nur der Pastor sprach unentwegt, sog an einer großen Zigarre und schien sehr aufgeräumt zu sein.

Evelyn und Julie gingen nacheinander ins Haus, um Marianne Lebewohl zu sagen. Nach einer Weile erschien die Braut in dem für Hochzeitsreisen vorgeschriebenen Anzug. Die alte Kalesche des Bauern Teetje hielt vor dem Garten. Dann kam Lukas Allm; er trug ein Köfferchen und hob es gewichtig auf den Bock. -- Schließlich wurde es der gewöhnliche Abschied: Marianne weinend von einer Schwester zur andern, Frau Allm mit Tränen der Rührung am Halse ihres Sohnes, die näheren Verwandten mit würdigen Mienen in einigen Schritten Abstand, im Hintergrund die Jugend, gaffend, mit unverschämtem Zartgefühl ...

Dann reckte sich Lukas Allm in die Höhe, sah nach der Uhr und drängte zur Abfahrt. Marianne riß sich schluchzend los.

Und endlich rollte der Wagen die Chaussee hinunter, während der Pferdeknecht mit der Peitsche knallte, um die Gäule, die vor dem Torfwagen nie anders als im Schritt gingen, zu einem Galopp oder Trab zu überreden.

Die Gesellschaft blieb nicht mehr lange beisammen. Genau eine halbe Stunde nach der Abfahrt des jungen Paares fuhr Wilhelm Craners Wagen vor, und Tante Sophie atmete erleichtert auf, als sie darin saß. Ein Jagdwagen brachte die übrigen Gäste nach der Stadt zurück. Frau Allm bat die Schwestern, bei ihr zu Abend zu essen, aber Agnes Elisabeth lehnte ab.

Und endlich waren sie allein.

Als ob ihnen etwas zerstört sei, so fühlten sie sich.

Was zerstört war, war nicht ihr schwesterliches Zusammenleben, auch nicht die Unbefangenheit, mit der sie bisher der Wirklichkeit des Lebens gegenüber gestanden hatten, sondern der Rhythmus ihres Hauses, die Melodie seiner farbigen Stille.

Die hellen Wände, die alten Möbel, ihre Tannenallee, ihr Rasen, dies alles hatte durch die Gesellschaft, die sich hier breitgemacht hatte, einen Teil seines Zaubers verloren.

Die Stimmung, die bisher über den Kleinigkeiten ihres Lebens ausgebreitet gewesen war, war mit einem Male zerrissen, und sie konnten die Fäden nicht finden, sie neu zu weben.

Selbst Julies mokantes Lächeln, das sonst wie ein reinigender Luftzug allen zurückbleibenden Dunst aus dem Hause geweht hatte, versagte heute.

»Das war nicht schön!« meinte sie matt.

Und Evelyn, die verschüchtert auf einer niedrigen Bank saß, erklärte nach einer Weile: »Ich hätte ihn nicht geheiratet!«

XVI

Heinrich Craner, der in Berlin eine möblierte Wohnung im Hansaviertel bewohnte, hatte eine Karte von seinem Bruder erhalten, daß Julie Hellwege am siebzehnten Mai mittags in Berlin eintreffen werde, und daß er ihn bitte, sie abzuholen und nach ihrer Pension am Nollendorfplatz zu bringen.

Es war Heinrich etwas peinlich, mit Julie zusammenzutreffen; denn er zweifelte nicht, daß sie von seiner Werbung um Agnes Elisabeth wüßte. Und er hatte nicht gerade den Wunsch, über diese Angelegenheit zu sprechen. Denn sie beschäftigte ihn nicht mehr so ausschließlich, wie es während des Winters der Fall gewesen war.

Agnes Elisabeth war bei ihm ein wenig in Vergessenheit geraten, und die paar Versuche, die er angestellt hatte, sich ihr Bild in Erinnerung zu bringen, hatten eine andere Wirkung hervorgebracht, als er beabsichtigt zu haben glaubte. Mit merkwürdigem Mißgeschick nämlich hatte er immer neue Züge an Agnes Elisabeth gefunden, die ihm nicht gefielen. Insonderheit verdroß es ihn, daß sie ihn um der Geschwister willen auf eine spätere Zeit vertröstet hatte, daß sie also für die Schwestern mehr Liebe übrig zu haben schien, als für ihn. Er, der sich mit Vorliebe einen =selfmade-man= nannte, war hierdurch an der verletzbaren Stelle seiner männlichen Eitelkeit getroffen. Die Folge waren Zweifel, ob sie überhaupt ein tieferes Gefühl für ihn besäße, und als diese erst da waren, mußte sich seine Liebe bald in eine Ecke flüchten. So oft er nun an Agnes Elisabeth dachte, spürte er mit einer gewissen Genugtuung den bittern Geschmack einer Enttäuschung, als habe sie seine Zuneigung nicht verdient, und die Opfer, die er ihr gebracht, -- er mühte sich, die Wertstücke dieser Opfer in helles Licht zu setzen, -- nicht zu würdigen verstanden. Er hatte den Schritt vom Groll zur Gleichgültigkeit noch nicht getan, er war noch nicht so weit, die innere Verbindung mit Agnes Elisabeth als gelöst zu betrachten, aber es stand außer Zweifel, daß diese Angelegenheit bereits eine abgeschlossene Episode für ihn war.

In Wirklichkeit hatte sich dieser Vorgang übrigens noch etwas anders abgespielt. Jene Überlegungen über Agnes Elisabeths Eigenschaften kamen nämlich nicht von ungefähr, sondern sie waren erst durch einige äußere Umstände herbeigeführt worden.

Zum ersten Male seit sechs Jahren verkehrte Craner wieder in großer Gesellschaft. Sein Vermögen, sein Selbstbewußtsein und seine mannigfaltigen, in der Tat auch nicht gewöhnlichen Erlebnisse machten ihn manchen Kreisen zum interessanten Mann, der überall gern gesehen wurde, dem man sogar den Hof machte. Craner spielte die Rolle, die man ihm aufnötigte, anfangs mit Belustigung, aber mit um so größerem Behagen, je länger es dauerte. Das konnte man einem jungen Manne nicht übelnehmen, der jahrelang jegliche Anregung, und insonderheit den Verkehr mit Damen, entbehrt hatte. Es war nur zu bedauern, daß er diese Verwöhnung ganz ernst nahm, daß er von diesen jungen Frauen und Mädchen begeistert war, ihre Bildung, ihren Anzug, ihr Benehmen bewunderte und den Fehler beging, Vergleiche zwischen ihnen und Agnes Elisabeth anzustellen. Auf diese Weise bekamen seine langatmigen Überlegungen, seine enttäuschten Empfindungen einen Stich ins Kleinbürgerliche. Um so mehr, als er sich seit einigen Wochen für die hübsche Tochter eines Bankiers interessierte und sich täglich die biedersten Beweisgründe vorhielt, um dieses Interesse vor sich zu rechtfertigen.

XVII

Frisches Grün, Frühlingsduft, leichte Staubwolken: das war Julies erster Eindruck von Berlin. Und eigentlich enttäuschte er sie. Bäume und Büsche, das konnte sie zu Hause auch haben, und besser; die hier waren ja nur aufgebaut und hingestellt und konnten gewiß einen richtigen Sturm nicht vertragen. Sie wollte Häusermassen haben, Menschengewühl, Lärm und Spektakel. Es müßte ein Gedränge sein, daß man Angst bekäme. Hier so gemächlich dahinzufahren, wie mit Teetjes Gaule ...

»Ja, Evelyn ist nun bei Tante Sophie.«

»Und das junge Paar?«

»Auf der Hochzeitsreise! Sie waren zuerst in Berlin, sind aber schon nach Dresden weitergereist. Wir wissen noch nicht viel von ihnen; wir haben nur ein paar Ansichtskarten bekommen.«

Ein Coupé mit einem gut angezogenen Kutscher rollte vorüber. In Craner breitete sich ein behagliches Gefühl aus, er dachte plötzlich an Ellinor Grünhagen.

»Agnes Elisabeth ist nun ganz allein!« sagte Julie kalt.

»So!« Die angenehme Empfindung war sofort zerstört. Craner machte ein verlegenes Gesicht. Er war erbittert. Sie schwiegen, bis der Wagen vor der Pension am Nollendorfplatz hielt.

»Sie erlauben, daß ich Ihnen gelegentlich etwas von Berlin zeige?« Er war stolz, daß er seine Verstimmung mit ruhiger Überlegenheit verbarg. Übrigens war Julie eigentlich ganz pikant, und dann machte es auch einen guten Eindruck, wenn man sich einer Verwandten ritterlich annahm.

Es sei liebenswürdig von ihm, sie wolle daran denken!

* * * * *

Das war nun ihr Zimmer. Eine Atmosphäre von braunem Plüsch. Man konnte nicht mehr und nicht weniger verlangen. Für den Preis gab es eben dieses Zimmer. Jeder Gegenstand darin schien zu wissen, daß er mit dazu beitrug, die Höhe dieses Preises zu bestimmen. Die Aussicht auf die Anlagen, das Sofa, der Schreibtisch, dies alles war eingeschätzt worden und ergab, zu der Lage und der Verpflegung hinzuaddiert, den Wert pränumerando.

Dann erschien auch Fräulein Meusel, in einem blauen Schneiderkleid mit Litzenbesatz.

»Herzlich willkommen, mein liebes Fräulein Hellwege. Ich hoffe, Sie fühlen sich bei uns wohl!« sagte sie mit kühler, geschäftsmäßiger Freundlichkeit.

Julie war angenehm berührt. Sie machte den Eindruck einer Dame, sie wollte nicht mehr sein, als sie war, und führte ihre Pension und schrieb ihre Rechnungen. Allerdings, Rechnungen mußte sie schreiben ...

Dann ging man zu Tisch.

»Fräulein Auguste Berg, unsere Gelehrte, Fräulein Liecke, Sängerin, Fräulein Thea Allenbach, unsere kleine Bildhauerin.« Damit setzte sie sich.

Gleich während der Suppe fühlte Julie sich von drüben fixiert. Sie bemerkte mit Unbehagen, wie Thea Allenbachs Augen über ihr Gesicht gingen und in jede Ecke stöberten. Erst lachte sie gezwungen, aber schließlich fragte sie über den Tisch hin:

»Warum sehen Sie mich immer an?«

»Oh, ich bin Bildhauerin! Sie haben so ein entzückend schmales Kinn! Dieser Zug hier ...« Sie machte eine affektierte Bewegung. »Sie haben gewiß schon viel erlebt!«

Julies Hand strich über ihren Hals.

»Ich bin Künstlerin, wissen Sie, und da achtet man auf alles!«

»Sie sehen heute recht blaß aus!« sagte Fräulein Meusel zu der Sängerin.