Die Schwestern Hellwege

Part 13

Chapter 133,897 wordsPublic domain

Als sie endlich aufstand, war alles Unkraut wieder eingepflanzt.

* * * * *

Julie ging inzwischen durch den Garten. Sie lehnte sich ans Gitter und sah die Chaussee hinunter. Ein paar Torfwagen rumpelten vorüber, ein kleines Bauernmädchen knickste. Alles war wie früher. Eben wollte sie ins Haus, da kam um die Ecke dort drüben etwas Gelbes; ein volles Rosa wölbte sich darüber und zuoberst nickte ein Geranke von Federn, Blumen und Stroh.

Julie in ihrer Kurzsichtigkeit meinte zuerst, das Ganze sei Marianne. Sie atmete auf, als sich das eine als Kinderwagen, das andere als Mariannes Hut herausstellte.

Nun löste sich etwas Schwarzes und steuerte nach der Tür herüber. Das Gelbe mit dem rosa Verdeck aber zog vorüber. Dahinter kam Marianne, eine Weile nichts, als Marianne, breit und voll und himmelblau ... Sie blickte zur Seite und wollte Julie nicht sehen.

Das war eine Demonstration!

Julie nahm sie belustigt entgegen.

»Guten Tag, Julie!« sagte Lukas. »Ich mußte doch kommen und dich begrüßen.«

Julie gab ihm die Hand.

»Das ist nett von dir! Wie geht es dir, Lukas?«

»Gut!« Sein Gesicht strahlte. Er war froh, daß er standhaft geblieben war; wenn es auch nicht gerade gegen Mariannes Willen, so war es doch ohne ihre Zustimmung geschehen, daß er sie verlassen hatte, um Julie zu begrüßen.

»Wie geht es Marianne und eurer Kleinen?« fragte Julie.

»Der Kleinen? Oh, das ist ein Prachtmädel! Gesund und fidel, wiegt schon vierundzwanzig Pfund! Auch Marianne geht es, Gott sei Dank, recht gut. Sie hat viel im Haushalt zu tun. Es ist gemütlich bei uns. Du solltest ...« Er brach plötzlich ab und wurde rot.

Julie mußte lächeln; sie war eingehüllt in eine Wolke von Fliederparfüm. Das war Mariannes Seife, und auch Lukas mußte sie natürlich benutzen.

»Nicht wahr, Julie,« begann er stockend, »du trägst es Marianne nicht nach, daß sie ...? Sie wird schon zur Einsicht kommen. Im Grunde ist sie doch so gut ...!«

Julie nickte freundlich.

»Ich kenne sie. Aber willst du nicht hereinkommen, Lukas?«

»Ich habe keine Zeit. Pastor Gerlach will mich heute noch sehen. Wir richten eine Schulbibliothek ein; da gibt es viel zu besprechen. Du hast wohl keine alten Bücher, die du entbehren kannst?«

»Ich will einmal nachsehen!«

»Wir nehmen alles mit Dank an!« Lukas schüttelte ihr die Hand und ging eiligen Schrittes der Kirche zu.

Der Fliedergeruch dehnte sich in der Sommerluft, wurde flacher und dünner und war verschwunden. Julie verstand jetzt besser als früher, daß man Lukas Allm lieb haben konnte.

Aber warum gerade Marianne ihn lieb hatte?!

XXXIII

Stockrosen, Geranien, Begonien und Nelken waren nie so brennend rot zur Blüte gekommen, Brombeerranken und wilder Wein, Klematis und Hopfen waren niemals eine so undurchdringliche Hecke gewesen, Laubkronen und Büsche hatten sich niemals so lichtlos geschlossen.

Wo Sträucher und Stauden nicht reichten, half anderes nach.

Winden und wilde Rosen webten Zweige und Stiele zu festem Gewirr, Unkraut schoß auf, kam in Ranken und Dornen hinein und mußte sich verloren geben. Die Fäden der Spinnen und flüchtiges Sommerhaar hängten Schleier darüber, hielten fest, was an sterbenden Blüten und Blättern zur Erde wollte, und machten das Dickicht nur dichter, die Wirrsal nur rätselhafter.

Grüne Wände wuchsen und taten sich zusammen, engten die Luft und wiesen das Licht auf wenige Wege, sammelten es auf den gezirkelten Beeten, ließen es auf des Rasens Mitte aufrecht stehen und drängten es zu kurzem Flackern auf dem trägen Wasser der Gräben, an rissigen Eichenstämmen und um die weißen Füße der Birken.

Die Glut des Sommers brütete zwischen den Hecken, kroch die Stämme hinauf und ließ Blumen lohen und Laubdunkel zu flüssigem Glast zerschmelzen.

Viele Düfte hingen schwer im Garten; kaum konnte der Wind sie rühren und tragen: die Schwüle der Linden, die säuerliche Dürre der Sommerblumen, der silbrige Staub blühender Pappeln, die betäubende Fäule des Schilfs und der Schwertlilien.

Wo das Flimmern des Mittags in den stahlblauen Himmel hineinzitterte, da tanzten die feinen Ringelkränze der Mücken.

Der Tag kam herauf, stand schweigend seine Stunden und ging hinunter.

Still war es, vom Morgen bis zum Abend. Die Stille stand im Garten wie eine fremde Frau. Keiner sollte wagen, sie zu stören. In ihrem Gesicht lauerte ein Lächeln, das böse war.

Keiner sollte sprechen. Worte sind gleich Steinwürfen in einen schweigenden See. Unter gläserner Fläche schlief Angst und Entsetzen.

Die da saßen, wußten das.

Sie fühlten diese Augen. Sie wollten sie nicht sehen und hängten doch ihre Blicke an sie. Sie schauten weg und sahen sie doch überall.

Die Angst war in ihnen, sie lauerte in der Tiefe ihrer eigenen Seelen.

Die eine schielte nach der Seite, ob da etwas wäre, fürchtete die Büsche, in denen sich einer verstecken könnte, und zitterte vor dem Schatten, weil er dunkel war, und vor der Helle, weil sie schrie.

Die andere sah ungewisse Lichter der Zukunft und wartete auf Schmerzen, sie lachte ihrem Kinde zu und breitete die Hände aus, damit der Tod es nicht sehe.

So ging der Sommer vorüber.

XXXIV

In den ersten Tagen des Oktobers wurde das Kind geboren. Es war ein Junge, und Julie nannte ihn nach Peters zweitem Vornamen Niels. Von allen Schmerzen blieb ihr keiner erspart, aber Julie ertrug sie lächelnd und hatte sie schnell wieder vergessen über der Wirklichkeit, die anders war, als sie gedacht hatte.

Die ersten Tage dämmerten vorüber, mit heruntergelassenen Rouleaus, langsam wandernden Sonnenflecken, Fenchelgeruch und Krankenzimmerstille. Das hielt Julie nicht lange aus, sie hörte nicht auf zu bitten, man solle sie in den Garten bringen. Weil der Herbst so weich war und die Laube so geschützt, taten sie ihr den Willen und trugen sie des Mittags hinaus. Da durfte sie in der Herbststille liegen, unter dem träumerischen Himmel, bis gegen vier. Niels war bei ihr, und wenn Agnes Elisabeth an den Hecken Hagebutten sammelte, konnte sie sehen, wie Julie mit dem Kinde sprach. Nur das Lächeln auf Julies Gesicht sah sie, und das fließende Sonnengold in ihren Haaren. Nicht mehr! Eigentlich wollte sie auch das nicht sehen!

Agnes Elisabeth dachte unablässig an das Kind. In den ersten Tagen war sie scheu in den Zimmern umhergelaufen oder hatte in einer Ecke gesessen und nach der Wiege gestarrt. Keiner hatte sie beachtet, sie hatte so recht ihren Gedanken nachhängen können. Eigentlich war es eine merkwürdige Sache mit solch einem Kinde! Es war mit einem Male da, es schrie und wollte trinken. Es war häßlich und machte Mühe. Und doch hätte sie es am liebsten genommen und totgeküßt. O ja! Das kleine zappelnde Ding in die Finger nehmen, daß das Körperchen in den Handflächen läge, und der Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger ... Einige Tage später jedoch, als sie es einmal versucht hatte, war die alte Doris dazugekommen und hatte ihr das Kind weggenommen.

Nun wollte sie es auch gar nicht mehr sehen! Sie hatte jetzt ihr eigenes Kind. Sie hatte sich die Wachspuppe vom Boden geholt, die war größer als Niels, sie machte die Augen zu, wenn sie wollte. Aber sie guckte doch immer wieder hinüber und schlich dem Kinde nach, ob sie es vielleicht sehen könnte. Denn das Kind war lebendig, die Wachspuppe aber war tot.

Zu manchen Zeiten fragte sich Agnes Elisabeth, ob sie eifersüchtig auf Niels wäre. Er war so einfach ins Haus gekommen und hatte Besitz von ihm ergriffen; um ihn drehte sich die Wirtschaft, die alte Doris stellte Gesche mit an, wo sie sie nur brauchen konnte, um seinetwillen kam ein Korb mit allerhand Sachen von Tante Sophie, um seinetwillen erschien Lukas jeden Tag und fragte schüchtern, wie es dem Kinde und der Mutter gehe, um seinetwillen wurde jeden Morgen ein Brief gebracht, der aus Berlin kam und zur Folge hatte, daß Doris für die nächste halbe Stunde nicht zu Julie hineinging. Es fehlte nur noch, daß ihr Schwager eines Tages in der Tür stände und den Jungen sehen wollte.

Dann wäre sie ganz aus dem Hause geschoben, und die anderen säßen darinnen. Das wollte sie sich nicht gefallen lassen! Nein, freiwillig würde sie nicht weggehen!

Noch während sie solche Dinge dachte, stand sie auf und ging in die Küche, um den Kakao für Julie anzurühren. Sie tat das mit aller Sorgfalt, probierte, ob er süß genug wäre, quirlte die Milch hinein und suchte die schönsten Cakes für Julie aus. Dann brachte sie alles selbst hinaus, stellte es auf den Tisch, rückte Julie die Tasse zurecht und saß ein Weilchen bei ihr. Bevor sie ging, streichelte sie Julies Haar.

Jedesmal dachte sie daran, daß Mama so mit ihr getan hatte, wenn sie früher einmal krank gewesen war.

* * * * *

Es war plötzlich, als sei die Stille nun lange genug im Hause gewesen.

Evelyn kam eines Tages mit zwei riesigen Koffern an und brachte so viel Fröhlichkeit und Lachen mit, daß die Linden ihre Kronen schüttelten, als vermöchten sie nicht zu glauben, daß alles wieder beim alten sein sollte. Das Haus aber wunderte sich nicht, sondern es war stolz auf seine Kinder. Sie waren in der Welt herumgelaufen, hatten viele andere Häuser gesehen und darin gewohnt; in einem hatten sie gelacht, im anderen geweint, -- und schließlich waren sie doch vor Sehnsucht umgekehrt und zurückgekommen. Nun müßten sie auch wieder unten im Flusse Ringelrangelrosenkranz tanzen. Dazu wäre es jetzt freilich zu kalt, dachte das alte Haus. Und Evelyn wäre so elegant geworden, sie täte es vielleicht überhaupt nicht mehr.

Evelyn saß fast den ganzen Tag bei Julie und erzählte von der großen Welt. Von einem jungen Künstler, den sie in Wien kennengelernt hätte -- übrigens traf auch alle vierzehn Tage ein Brief mit fremdländischer Marke für Evelyn ein, -- von Tante Sophies grüner Seidenkrepptoilette, von einem eleganten Hut, den sie sich ausgedacht hätte. Sie mußte alle Bilder von Peter Owen sehen und erfand zu ihnen lange Geschichten. Plötzlich tollte sie dann wieder durchs Zimmer, lief in den Garten und sagte ihrer alten Kastanie guten Tag, kam wieder hereingewirbelt und tanzte vor Niels einen provenzalischen Tanz.

Niels fing dann zu schreien an, Julie lachte, und Agnes Elisabeth mußte kommen, wie es früher gewesen war, und mahnen:

»Kinder, seid doch vernünftig!«

Übrigens fand sich auch Marianne wieder ins Haus. Evelyn war bei ihr gewesen und hatte sie wegen ihrer kleinbürgerlichen Wichtigtuerei ausgelacht; eine ellenlange lustige Rede hatte sie gehalten, mitten in Mariannes Salon, wo Ponceaurot, Erdbeerfarbe und schmutziges Grün von allen Seiten in ihre Worte hineinschrieen. Das hatte freilich nicht genügt, Mariannes Sinn zu wenden, gestern aber war Pastor Gerlach bei ihr gewesen und hatte sie gebeten, sie möchte ihren Einfluß bei der Schwester geltend machen, damit das Kind endlich getauft werde. Eine Anmeldung sei bislang noch nicht bei ihm eingelaufen.

So hatte Marianne sich ausgemacht und war bei den Schwestern erschienen. Evelyn mochte schlimme Dinge im Kopf haben; als Marianne hereinkam, zog sie ein Gesicht, daß diese ihre Würde fallen ließ, schnell auf Julie zuging, ihr einen Kuß gab und den Jungen bewunderte.

Damit war die Angelegenheit erledigt, und Marianne fühlte sich sichtlich erleichtert.

Nun waren sie alle Tage zusammen und ließen alles sein, wie es früher gewesen war. Sie fanden, daß sie alle in das Leben hineingesehen hätten, sich ihr Teil geholt hätten und wieder zurückgekommen wären, ein jedes mit dem, was ihm zukäme. Sie fanden, daß das Zimmer dasselbe geblieben war, daß es hier wieder helldunkle Abende und sonnenblasse Morgenstunden geben würde. Sie fanden aber auch, daß sie einander im Innersten kaum noch kannten, daß nur die Strenge des Alltags, die Gewohnheit sie zusammenhielt und ihre Hände ineinanderlegte, als seien die Jahre nicht gewesen.

XXXV

Es war Winter, die Wiesen hatten unter Wasser gestanden, und das Wasser war seit einer Woche Eis.

Die Schlittschuhe mußten vom Boden herunter und hatten nur noch nachts ihre Ruhe.

Julie blieb bei dem Kinde, aber die anderen liefen hinaus. Weit in das Land, wo es blitzte wie von Stahl.

Sie lachten und tollten, und die Luft ließ ihre Fröhlichkeit klingen wie die silberschwarze Fläche unter ihren Füßen.

Aber das dauerte nur Tage. Evelyn fand es zu kalt und fing an, von der Wärme des Südens zu reden, Marianne wurde müde und begann vom Haushalt und von ihrem Kinde zu sprechen.

Am nächsten Morgen blieben sie daheim.

Agnes Elisabeth allein blieb übrig. Sie wurde bedauert, weil sie keine Gesellschaft hatte; Lukas bot sich an, sie am Sonntag zu begleiten.

Aber sie dachte nicht daran, dies anzunehmen. Lukas lief schlecht, außerdem brauchte sie auch niemanden.

Lukas kam die Ablehnung gelegen, denn es wäre eine Qual für ihn gewesen, den ganzen Tag über die Wiesen zu laufen.

Auch die Schwestern freuten sich, denn Agnes Elisabeth hatte schon in früheren Zeiten Lukas immer nach Hause geschickt, sie konnte sich also nicht allzusehr verändert haben.

Agnes Elisabeth aber freute sich am meisten. Denn nun wollte sie einmal wirklich laufen, wie man laufen mußte, ohne Anhängsel, die vor tiefen Stellen, vor Gräben und Kanälen, Angst hatten, die immer von hinten riefen, man möchte warten, und lange berieten, wohin es gehen solle. Zuerst den Fluß entlang und dann der Sonne entgegen, mitten in lauter Licht hinein, dann links über die Ebene, die ohne Ende war und immer weiter ging, bis irgendwo Bauernhäuser kamen ...

Da wollte sie wieder nach rechts biegen und ein Weilchen vor dem Winde laufen. Sie konnte beinahe die Augen zumachen, so glatt war es hier, so frei von Gestrüpp und Wurzeln.

Die Sonne ginge schon nach Westen hinüber. Sie könnte ja einmal Umschau halten, wo sie wäre ... Wenn sie es nicht wüßte, könnte sie im nächsten Dorfe fragen und allmählich an die Heimkehr denken.

So wollte sie. Und so tat sie.

* * * * *

Die Ebene funkelte. Ein Himmel blaßblau, eine Sonne rund, fest und lichtloser beinah als das Eis, stahlscharf die verzweigten Linien einiger Bäume. Das war alles, was sie sah. Da stand sie und dachte, daß Mittag längst vorüber sei, und daß es wohl weit nach Hause sei.

Es freute sie, daß sie nur so ungefähr die Richtung wußte, und daß es noch eine schöne Strecke war, mindestens zwei Stunden. Sie freute sich über den Staubgeschmack, den sie auf den Lippen hatte, über das Prickeln, das von den Füßen in die Knie heraufkam. Sie dachte mit einem Male, hier sei sie nun allein, daß irgendwo Schwestern von ihr wären, Julie und Marianne und Evelyn, das sei wohl nur ein Traum. Sie konnte sich auf einmal nicht erinnern, wie diese Schwestern aussähen, sie wußte nicht, wie sie sprächen. Auch darüber freute sie sich.

Es schien übrigens alles seine Richtigkeit zu haben. Von dort drüben war sie gekommen, sie konnte noch einen Baum erkennen, an dem sie vorbeigelaufen war. Freilich war es schon lange Zeit her. Vorher war sie mit dem Winde gelaufen und hatte die Sonne zur Rechten gehabt. Das war noch viel länger her. Als ob Monate dazwischenlagen. Was sie vordem getan hatte, wußte sie nicht mehr. Sie sah an sich hinunter, wunderte sich, daß hier, mitten in dieser unendlichen Eisebene, etwas war, was sich bewegte. Sie hob den Arm, schob den Fuß vor ... Das lebte, das war ein Mensch! Also war sie doch nicht allein ...?

Wie kam dieser Mensch, der sie selbst sein sollte, hierher? Von dort drüben. Dort war der Baum. Bei ihm hatte sie ein paar Bogen gemacht.

Sie setzte an und lief einen. Weil er nach rechts gegangen war, mußte einer nach links ihm folgen. Er fiel nicht gut aus. Der nächste wurde besser. Nun noch einmal! Und wieder! Sie lief und drehte sich, beschrieb Kreise nach innen und nach außen, Kurven, erst große und kleine, dann abwechselnd eine große, einen Kreis nach innen, eine kleine, einen Kreis nach außen ...

Plötzlich stand sie wieder still.

Vor ihr war ein Baum. Sie hatte ihn vielleicht schon einmal gesehen. Es war eine Erle, und der Zweig mit den schwarzen Früchten mußte gewiß ein wenig herunterhängen. Es war der Baum, bei dem sie früher einmal gewesen war.

Aber damals hatte die Sonne weiter rechts gestanden, jetzt aber ...

Wo war die Sonne ...?

Sie schaute nach ihr aus. Aber sie war nicht mehr da. Sie wendete sich um und suchte.

Über den Himmel war ein seidiger Schimmer gespannt, und dort drüben schwamm in zähem Dunst ein gelbliches Licht.

Wie schnell hatte sich das verändert! Soeben noch ...!?

Auch über dem Eise sah es anders aus, glasig, fast goldgrün; die Bäume waren wie übergossen von lauwarmem Gold.

Plötzlich dachte sie an das Kind. An welches Kind ...? An das Kind, das sie küssen wollte! Jetzt erst fiel ihr ein, daß es höchste Zeit sein müßte, umzukehren. Sofort waren eine Menge Gedanken da, das Abendbrot, ob Gesche nichts vergessen würde, morgen reines Tischzeug, Silberputzen ...

Plötzlich wurde sie sich mit der Klarheit früherer Tage bewußt, daß sie schnell laufen müsse, wenn sie noch vor Dunkelheit in bekannte Gegend kommen wolle.

Wenn sie nur erst den Deich hätte! Dann würde sie sich ja wohl zurechtfinden. Aber vom Deich war nichts zu sehen. Er mußte nach Westen zu liegen. Oder mehr nach Süden ...?

Dort war ein Mensch. Sie wollte ihn fragen. Hoffentlich könnte sie ihn einholen. Oder kam er ihr entgegen?

Sie lief auf ihn zu. Der Wind wickelte sich in ihr Kleid; er war stärker als heute morgen; sie konnte kaum aufsehen, so stark war er. Er versetzte ihr den Atem; er war auch nicht mehr gleichmäßig, er kam ruckweise ... Hoffentlich würde sie ihn nachher im Rücken haben, dann käme sie wohl schnell nach Hause. Aber gegenan ...!

Wie schwer es sich lief! Das Eis war schmierig geworden; es gab beim Laufen keine scharfen Linien mehr, sondern nur breite weißliche Spuren. Da war ein Hügel, der wie eine Insel im Eise lag. Erlen standen da und ein paar Weiden und noch ein anderer Baum. Dort mußte sie ihn fassen.

Sie winkte hinüber, rief und lief schneller. Dann war sie da, und vor ihr stand -- Hinrich Teetje.

»Ja, -- das hat denn wohl so sein sollen!« sagte er.

Sie vergaß zu fragen. Aber sie schrie. Einen kurzen Schrei! Dieser Schrei hatte ihr schon lange in der Kehle gesessen.

Hinrich Teetje sagte nichts. Doch als sie weglaufen wollte, hielt er sie am Arme fest.

Sie zuckte unter seiner Hand und direkte sich und empfand grauenvolle Wonne.

Dann packte er sie mit beiden Armen, hob sie in die Höhe und trug sie hinauf, wo unter einer Eiche Reisig und Stroh lagen.

Dort legte er sie hin.

Sie blieb liegen.

Er küßte sie, gierig, wie ein Hund.

Sie küßte ihn wieder ...

* * * * *

Sie stieß ihn von sich hin, daß er taumelte. Dann kroch sie auf den Knien den Hügel hinunter. Sie schlug mit dem Kopf an einen Ast, blieb mit dem Haar in den Zweigen hängen und riß sich die Hände blutig.

Immer auf den Knien kroch sie weiter, bis das Eis in den Wunden brannte. Da half sie sich auf die Füße, kam hoch und lief, so schnell sie konnte.

Hinter sich hörte sie Klappern und Rasseln und kreischendes Schneiden von Schlittschuhen. Sie lief schneller, sie raste über das Eis.

Er kam nicht weit mit. Schon bald schien er eine andere Richtung genommen zu haben; sie hörte ihn weit dort drüben.

Dann war alles verschwunden.

Sie blieb stehen und schloß die Augen. Heiß brauste es, troff in schwarzroten Streifen und flammte in zerrissenen Flecken. Gedanken gab es keine mehr; ihr Empfinden war wie eine Wüste.

Nach einer langen Zeit fühlte sie, daß ihre Hände warm und feucht waren, und wieder nach einer langen Zeit sah sie nach, was das wäre. Da lief Blut herunter.

Sie blickte auf. Um sie herum war nichts als Nebel. Rauchender Nebel. Er wälzte sich um sie herum, drängte sich nahe an sie heran, daß sie es brenzlig an den Lippen spürte, schwamm zurück, machte ihr Platz, daß sie ein paar Schritte laufen konnte, fing sie wieder auf, griff mit Händen nach ihrer Haut, nach ihrem Haar, rieb sich an ihren Armen, faßte über ihren Körper ...

Es war ganz still. Die Ungeheuer stiegen um sie herum, krochen am Boden, bäumten sich auf ... Aber es war ganz still. Die Stille sauste in ihren Ohren.

Dann hörte sie ein Schurren, als ob etwas über das Eis wische. Krisselnder Schneestaub war es, den der Nebel fegte.

Dann ward es ein Glucksen, wie wenn Wasser in dünnen Schuhen steht. Taufeuchtigkeit drängte von unten herauf.

Lange Zeit hörte sie das und begriff es noch immer nicht.

Plötzlich aber fühlte sie es. Sie fühlte, daß kein Baum, kein Strauch zu sehen war, kein Himmel über ihr, nichts, nichts als Nebel.

Sie war allein gelassen. Ganz allein mit diesem Nebel, mitten in den Wiesen. Es war nicht Mittag, es war nicht Abend, es war nicht Nacht ... Das Eis wollte sie nicht mehr haben, die Sonne war weggegangen, die Häuser hatten sich zugedeckt, und die Menschen ...

Sie begann zu schreien. Sie begann zu laufen. Sie lief und schrie. Das Eis schrie mit ihr, schrie sich aus in brechendem Krachen. Sie lief. Der Nebel lief hinter ihr her und jagte sie, und das Wasser spritzte herauf, bis in ihr Gesicht.

Sie lief und es kam kein Ende.

Plötzlich bewegte sich etwas unter ihr, krümmte sich ...

Die ganze Fläche schwankte. Von weit da drüben kam es und von jener Seite und von überall und schwankte mit ...

Als sie nicht mehr schreien konnte, wimmerte sie: »Mutter! -- Mutter! -- Mutter!«

Dann hörte auch dies auf. Sie lief und lief ... Endlich kam ihr etwas in den Weg. Groß war es und dunkel und reckte sich ...

Sie wollte die Hände ausstrecken ... Da schlug es ihr schon ins Gesicht.

Das Große, Dunkle gab nach, schwankte mit ihr hin und her. Eine alte Weide war es. Da mußte wohl ein Graben sein.

Sie wollte weiter, aber sie konnte die Füße nicht heben. Als sie sich bückte, kam sie in Wasser. Sie riß die Jacke herunter und klammerte sich an die Weide.

Das Wasser kam höher, und das Eis raschelte an ihrem Kleide.

Sie zerrte sich an dem Baum in die Höhe. Er neigte sich, und das Wasser kam bis an ihre Brust. Noch einmal schrie sie auf.

Dann stemmte sie die Knie gegen den Baum und riß sich nach oben.

Da gab er nach, warf sie vor sich hin und schlug sie tot.

XXXVI

Am Morgen fand man sie, kaum eine Viertelstunde von Hellweges Haus. Drüben bei Gertelmanns, wo der Fluß die Biegung macht.

Daniel und der Knecht rackerten sich fast eine halbe Stunde ab, den Körper unter der Weide hervorzuziehen.

Dann legten sie ihn auf einen Wagen; ihn zu tragen, war es bis zu Hellweges zu weit. So würden sie auch noch hinüberkommen, ehe die Kirche aus wäre, meinte Daniel.

Aber die Predigt war kurz gewesen -- man fror jetzt zwischen den Mauern --, und so trafen die Kirchgänger den Wagen, just als er an der Kirche vorüber wollte. Weil Daniel so sonderbar aussah, und weil etwas Schwarzes auf seinen Knien lag, ließ man sich gern seinen Sonntagsstaat mit Schmutz und tauendem Schnee bespritzen, drängte sich an den Wagen und wollte sehen, was da nicht richtig wäre.

Als sie erkannten, wen Daniel bei sich hatte, kehrten alle um und gingen dem Wagen nach.

Wenn eine Leiche da ist, schweigt man. Wenn aber bei Lebzeiten viel Gerede und Munkeln und Tuscheln gewesen ist und mit einem Male der Tod dazwischenkommt, alles still zu machen, so kann man sich nicht zufrieden geben. Denn es ist nichts in der Welt, was aufkäme mit wunderlichem Wesen und Menschen erschreckte, und dürfte mit einem Male hingehen und sterben, als wäre nie etwas gewesen. Es muß alles seine Ordnung haben.

Die Alten zwar nickten nur, bedächtig und zufrieden, wie man tut, wenn etwas so ausgegangen ist, wie man es erwartet hat.

Aber die Jungen, die weiter hinten gingen und der Leiche nicht so nahe waren, konnten ruhig aussprechen, was gesagt werden mußte.