Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Part 9

Chapter 93,356 wordsPublic domain

Moriz. (starrt lange vor sich nieder, geht dann rasch zum Grafen, legt vertraulich seine Hand auf dessen Achsel; seine Mienen sprechen, aber -- sein Mund schweigt. Er dreht sich wieder um und pfeift -- geht zum Tisch und klingelt.)

Florentin. (beobachtet den Prinzen mit scharfen Blikken unverwand, so sehr er sich auch den Schein des Gleichgültigen giebt)

Moriz. (zum hereintretenden Lakai) Schampagner!

Florentin. (mit Theilnehmung und Ernst) Prinz!

Moriz. (zerstreut) Was ist?

Florentin. Ihr scheint ein großes Geheimnis in Eurer Seele zu führen; scheinet -- (abspringend) doch, Ihr kennet mich noch zu wenig, Prinz, ich verarg' es Euch nicht.

Moriz. (mit untergeschlagenen Armen dicht vor ihm hintretend) Mensch!

Lakai. (sezt den Wein auf, und entfernt sich)

Moriz. (mit verstellter Lustigkeit) Hier die Flasche laßt uns umstürzen; sie wird köstlich sein! (er füllt zwei Becher) Trinkt, Graf! --

Florentin. (schmeichelnd) Gnädigster Herr, Ihr seid ein Räthsel, von dessen Auflösung die Kunst des erfahrensten Menschenkenners zu Schanden wird.

Moriz. (zufrieden lächelnd) Wirklich? -- (den Becher hebend) Auf, es blühe lang die Schönheit Rosaffens!

Florentin. (sich verwirrt stellend) Sie blühe! (beide trinken)

Moriz. (lachend) Rosaffa! ha, ha, ha!

Florentin. (nimmt den Becher von neuem auf) Es lebe hoch Sr. Durchlaucht Herzog Moriz von Kanella! (Zerstreuung simulirend) O, verzeiht, ich vergas mich, ich weis nicht mehr, was ich spreche.

Moriz. (sezt bestürzt das Glas nieder) Was war das?

Florentin. (angenehm) Vielleicht ein gutes Prognostikon!

Moriz. (strenge) Graf, äfft mich nicht! -- (beide schweigen und beobachten sich lange)

Moriz. Graf, Ihr gäbet den Mahlern einen treflichen Heiligenkopf ab -- mit Lust würde man dazu Eure Mienen kopiren, denn man würde den Heilgen in Euch, ohne Heilgenschein, erkennen. -- Lüget Euer Gesicht nur nicht?

Florentin. (lächelnd) Ich antworte kein Ja, oder Nein, um wenigstens den _Mund_ nicht lügen zu lassen.

(abermahlige Pause)

Florentin. Wie ists, mein gnädigster Fürst, wie ists mit Euerm Entschluß die Volksgährung betreffend? -- Laßt uns den Aufrührern beizeiten entgegenarbeiten!

Moriz. Fürchtet Ihr denn Gefahr?

Florentin. Allerdings, in so fern weder Ihr, noch des Herzogs Durchlaucht hinlängliche Sicherheit besizt, noch Kraft einem rebellischen Volke entgegenzustehn.

Moriz. Woher?

Florentin. Wegen Mangel an Soldaten. -- Es ist nothwendig, daß ein Corps errichtet werde, welches Eure Superiorität bewacht.

Moriz. (nach einiger Stille) Ja, ja, es muß eine große Werbung angestellt werden. Das ganze Land soll kontributiren. Wir haben jezt kaum tausend Mann auf den Füssen.

Florentin. Ist Munition genug vorhanden?

Moriz. Das Kriegskollegium soll mir morgen ein genaues Verzeichnis davon einliefern. In allen Fällen muß ausser Landes eingekauft werden. -- Wenigstens müssen in zwei Monaten zehntausend Mann da stehn.

Florentin. Und zwar aus Landeskindern gesammelt; denn auf Ausländer ist in solchen kritischen Zeitpunkten nicht sicher zu rechnen.

Moriz. Aber es ist unmöglich aus eitel Landeskindern in so kurzer Zeit zehntausend Mann herbei zu schaffen; der Staat ist von keiner übermäßigen Größe, in welchem überdies mehrere Städte ein ausschließendes Recht haben, von allen Werbungen frei zu sein.

Florentin. Was kümmert uns dies? -- Sie sollen ihre Dokumente und Urkunden vorweisen, diese müssen erst untersucht werden und ich wüßte nicht, welcher Dämon seine Hände im Spiel hätte, wenn wir nicht vermögend wären Worte zu verdrehn und zu verdeuteln und ihnen einen verlornen Prozeß an den Hals zu spielen.

Moriz. (mit geballter Faust auf den Tisch schlagend) Warum haben wir uns beide nicht früher kennen gelernt! -- (seine Hand ergreifend) Fiorentino! Fiorentino! Ich hätte Euch noch manches -- manches noch zu vertrauen, aber -- --

So gut als wir, verstand auch _Florentin_ das mistrauische _Aber_, und er wandte seine ganze Kunst daran den geringsten Argwohn aus dem Gemüthe des Prinzen zu vertreiben. Ob er glüklich, ob er unglüklich darin war, mag die Folge aufklären. Was ihre fernern politischen Unterredungen betrift: so find' ichs nicht behäglich meine Leser dieselben länger anhören zu lassen; doch die Resultate derselben äusserten sich nach etlichen Wochen im Lande. -- Hatte man vorher geseufzt, so schrie man jezt über Ungerechtigkeiten; wo man ehmahls weinte, verzweifelte man jezt. Und _Florentin_, der von seinen Freunden scharf bewacht wurde, dessen kleinste That ihnen nicht unbemerkt vorüberschlüpfte, wurde denselben mit jedem Tage ein dunkleres Räthsel.

_Borghemo_ vorzüglich war um deswillen äusserst empfindlich. Er suchte täglich den _Grafen_ in seinem Hause auf, wo er ihn aber nie fand; aufgebrachter, als vorher, kehrte er dann gewöhnlich heim und fluchte über das Schiksal und heuchlerische Menschenbrut. -- Dulli nahm sich seines Herrn noch am meisten an; denn der alte _Badner_ spielte, seit er mit _Florentin_ in Kanella war, wiederum die Rolle eines Stummen und sogar Halbtauben, um einen desto geschiktern Horcher abgeben zu können.

»Gieb deinem Herrn diesen Brief;« sagte eines Abends _Borghemo_ zu _Dulli_: »vergiß es nicht! sobald er in der Nacht zu Hause kömmt!«

»»Ihr zürnt noch immer auf meinen Herrn?««

»Mit Recht!«

»»Ihr irrt Euch in ihm!««

»So irren sich tausende und du allein betrügst dich nicht?«

»»Freilich!««

»Narr!«

»»Ich verzeih' Euch!««

»Nun, Schurke, was hältst du denn vom Grafen?«

»»Daß Ihr seine Größe nicht fasset, und ich seine Pläne nicht durchschaun kann.««

»Gieb ihm den Brief!«

Der _Graf_ erhielt den Brief, der nichts geringers, als eine Herausfoderung zum Duell enthielt. _Florentin_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren; _Dulli_ und _Badner_ gaben auf sein Mienenspiel Acht. Er schrieb noch in der Nacht ein Billet, welches sogleich an Ort und Stelle gebracht wurde; zwar nicht an _Borghemo_ selbst ging, aber doch die Widerlegung desselben betraf. --

»Was spricht man von mir in Kanella?« fragte er _Dulli'n_ und _Badner'n_, welche ihm vorm Schlafengehn die Geschichte des Tages zu rapportiren pflegten. Beide bezeugten, wie mit einem Munde, daß sein Kredit noch der alte sei, nur daß man vielerlei über seine Rolle am _Hofe_ kannengiessere. -- -- -- -- --

Viertes Kapitel. Neue Verwirrungen.

»O!« rief _Borghemo_ am folgenden Tage in wilder Wuth, als er sich auf dem in seinem Billet Florentinen genannten Kampfplazze eingefunden und schon, seinen Gegner erwartend, einige Gänge auf und ab gemacht hatte: »O, Freundschaft, Redlichkeit, Freiheit -- was seid ihr? Doch nur Ideale, todte, unnüzze Ideale, dem Gehirn der Dichter in schwärmerischen Stunden entsprungen, welche das schönste Thier in der Schöpfung bewundert, aber in sich zu realisiren weder Muth noch Kraft hat! -- Daß ich so belogen werden konnte, so -- so von einem _Duur_! -- -- Nein, erschien mir jezt ein Engel vom Himmel, ich würde seiner Larve und seinen Worten nicht mehr trauen. -- Freundschaft! ist dies nicht heuer ein Modegedanke, worin sich verkrüppelte Seelen verstekken, wie häsliche Gestalten hinter ihren Puz? -- O, verdammt, von solchem Abentheurer betrogen zu werden!« -- --

Borghemo schlug sich mitgeballter Faust vor die Stirn -- ging einige Schritte vorwärts -- blieb stehn, -- sah nach der Uhr und lachte gräßlich auf: »Er kömmt noch nicht! pfui, des elenden Feiglings! er, -- er eine Revoluzion bewirken? -- ha, ha, ha, wahrscheinlich unter den Weibern des Hofes! er die despotische Regierungsform zerstören, die mit tausend Klingen verfochten werden dürfte, er, der sich vor der meinigen allein schon fürchtet? --«

So tobte er eine Viertelstunde hindurch, ohne zu bemerken, daß der Plaz, auf welchem er sich befand, der zwar ein schöner Spaziergang vor der Stadt war, aber doch nur selten besucht wurde, jezt, und zwar zu einer sehr ungewöhnlichen Stunde, denn es war früh nach Sonnenaufgang, ziemlich lebhaft geworden. Ueberall, wohin er um sich her sah, erblikte er zu seiner unaussprechlichsten Verwunderung bekannte und unbekannte Männer, höhern und niedern Ranges, einzeln und in Gruppen lustwandelnd.

Er blieb eine Weile, wie versteinert, stehn: ging dann zu dem nächsten, ihm bekannten Mann, um sich über diese Szene Licht zu verschaffen. Kaum daß er sich diesem näherte, so zogen sich auch alle übrige Personen, wie nach einem verabredeten Signal, um denselben zusammen. _Borghemo's_ Erstaunen wuchs immer mehr, und noch mehr, da ihm der bekannte Mann folgendes sagte:

»Edler Borghemo, Ihr erwartet den Grafen, aber vergebens, denn seine Zeit ist jezt zu köstlich, als sie mit Euch hier zu versplittern, und die Gesundheit seiner Gliedmaßen ihm für den Tag der Revoluzion zu theuer, als daß er sie hier Eurer Laune und Eurer aufbrausenden Hizze opfern sollte. Gesezt, daß er bei dem nahen Aufruhr sein Leben nicht einbüßt, so steht er euch gleich den folgenden Tag darauf zu Diensten. Dies ists, was er Euch durch mich sagen läßt.«

»»Aber ich begreife nicht -- --«« stotterte _Borghemo_ und warf seine Augen auf die ihn umgebenden Männer.

»Leicht möglich!« antwortete man ihm: »Was die lieblosen Beschuldigungen betrift, welche Ihr ihm gestern in dem bewußten Billette machtet, so hört dies darauf zur Erwiederung: Duur verdient sie nicht. Daß er Eure Freundschaft _der_, gegen den unglüklichen Staat, hintenansezt, werdet Ihr ihm hoffentlich verzeihen; daß er, wie Ihr ihm vorwerfet, seine großen Versprechungen in Absicht der Befreiung Kanella's vergessen, darüber werdet Ihr in Kurzem vom ganzen Staat die Antwort hören; und daß er schon viel gethan hat, und nicht wenig Anhänger besizt, -- davon könnt Ihr Euch durch uns überzeugen lassen, indem jeder von diesen bereitwillig ist, sich statt seiner mit Euch um Leben und Tod zu schlagen, wenn Ihr anders noch nicht hinlänglich vergewissert seid, wie sehr Ihr dem Grafen _Fiorentino_ Unrecht gethan habt.«

Der gute _Borghemo_ war noch nicht ganz zu sich selber gekommen, und er stand nahe dabei, alles das, was er sah und hörte, für ein Gaukelspiel seiner Einbildungskraft zu halten.

»Fiorentino!« sagte er: »du hast in der That bewiesen, welch' ein ausserordentlicher Mann du bist; -- ich will gehn und deine verborgnen Pläne im Stillen bewundern!«

»»Wohl!, Fiorentino vermuthete diesen Entschlus von euch,«« antwortete einer aus der Menge: »»kommt mit uns; wir haben Befehl Euch zu uns zu sammeln.««

Wie ein gedankenleerer Träumer folgte _Borghemo_ -- -- den _schwarzen Brüdern_ nach.

Sehnsuchtsvoller selbst als vom rachsüchtigen _Borghemo_ wurde _Duur_ an eben dem Morgen von Sr. Eminenz, dem _Kardinal_ erwartet, welcher den _Grafen_ und sein politisches, raffinirendes Genie nicht weniger zu schäzzen verstand, als der rauhe _Moriz_. Der Favorit ließ sich lange vergebens erwarten. _Benedetto_ war sehr unruhig. Er ging von Zimmer zu Zimmer; bald hinaus auf den Altan; bald hinaus in den Garten. Es war dieser Tag für ihn von großer Wichtigkeit, denn er hatte bei sich beschlossen heut gegen Florentinen mit einem wichtigen Projekt hervorzurükken. -- Er, der sonst nie zitterte, der sonst keines Menschen Gewalt befürchtete -- zitterte jezt bei jedem Rauschen der Thüren seines Pallastes. Er wünschte _Duurs_ baldige Erscheinung und doch machte ihm sein böses Gewissen diesen Mann furchtbar.

»Was hilfts?« sagte endlich der heilige Mann zu sich trostvoll, indem er seine dürre Gestalt über ein Faulbett hinlagerte: »Es reife endlich, was reifen soll; längerer Verzug ist der Tod meiner Hofnungen. Ob nun der Graf meine Vorschläge acceptiren, meine Entwürfe gemeinsam mit mir ausführen wird -- das entscheide dieser Tag. Seine Treue, sein Karakter ist seit drei Jahren und länger der Gegenstand meiner Beobachtungen gewesen, ich hab ihn ächt befunden, täuschen, konnt' er mich nicht! -- Und gesezt, daß er -- -- nein, unmöglich! Er ist durch Rosaffen zu fest an mein Interesse geknüpft, er liebt sie, und sie ist ja, was sie ist, durch mich geworden; sie ist mit meinen Plänen halbvertraut; ihr ekelt vor Piedro schon und sie kennet ja seine Untüchtigkeit zur fernern Regierung! --«

Indem _Benedetto_ also kalkulirte, fand sich _Duur_ ein. Mit welcher ungewöhnlichen Gnade er von dem feinen Mönch aufgenommen wurde, wie geschmeidig diese steife Eminenz war, wie huldreich lächelnd und vertraulich dessen sonst ernste, zurükschrekkende Mienen sich zeigten, ist beinahe unbeschreiblich.

Die Unterredung dieser beiden Hofleute wurde bald sehr intrikant; jeder horchte, jeder forschte, beide handelten aber aus verschiedenen Absichten.

»Ich läugn' es nicht, Fiorentino, ich preis' Euch glüklich!« sagte _Benedetto_ unter andern, als Replik auf vorhergehende Reden.

Florentin. Darum, daß mich die Gräfin Rosaffa wieder liebt?

Kardinal. Eben darum! Es ist noch etwas Niegeschehnes, daß Rosaffens Herz für irgend einen Mann wärmer geschlagen, als für den andern. Ihr seid der erste, und fürwahr seid auch der Einzige. -- Sie ist schön, der Liebe des schönsten Mannes in Europa würdig; sie ist reich und vom Range. Und nun denkt Euch im Besiz eines solchen allbeseeligenden, entzükkenden Weibes -- --

Florentin. (einfallend) Im Besiz?

Kardinal. Sie liebt Euch ja!

Florentin. Liebt mich? -- Sei es, ich bezweifle die Wahrheit Eurer Worte nicht -- aber Besiz? -- Wer besizt sie? Wer? --Ist sie nicht Piedros?

Kardinal. (mit Besinnung) Es ist wahr! --Ich bedaure Euch und -- die unglükselige Gräfin. -- Was seztet Ihr wohl daran Rosaffen zu befreien? --

Florentin. (verwirrt) Eine verfängliche Frage, die ich kaum zu beantworten weis. -- Doch -- -- Ihr wißt, ich liebe sie heftig.

Kardinal. (die Achsel zukkend) Piedro -- -- -- --

Florentin. (mit einem Seufzer) O Gott!

Kardinal. (mitleidig, ernst und ausspähend) Piedro -- --

Florentin. Ich bitt Euch, nennt mir diesen Namen nicht; raubt mir nicht die lezte elende Hofnung.

Kardinal. Euer Leiden thut mir weh. Könnt' ich helfen -- könnt' ichs -- doch aus Liebe für Euch, mein Bester, wag ich alles. (Er steht auf und geht umher, indem er sich nachdenkend stellt.)

Florentin. (seufzt ohngefähr so laut, daß es den Ohren Sr. Eminenz nicht unbemerkt bleiben kann.)

Kardinal. (rasch zurükkehrend) Fiorentino, Rosaffa sei die Eure!

Florentin. (aufsprengend mit Aeusserungen des Entzükkens) Wär es möglich?

Kardinal. Wie viel wagt Ihr daran?

Florentin. So viel die verzweifelnde Liebe wagen kann!

Kardinal. (lächelnd) Es soll nicht Tod und Leben gelten, sondern daß Ihr, nächst Rosaffen, mir Eure ganze Zuneigung schenket.

Florentin. O, die war die Eure, ehe ich Rosaffen liebte, und ist noch die Eure und zwar in solchem Grade, als Ihr es vielleicht selber nicht von mir erwartet. Ich könnte Euch gewisse Proben davon vor Eure Augen legen -- ich sage Proben -- -- -- doch davon zu seiner Zeit.

Kardinal. Ich bewunderte von jeher Eure Offenherzigkeit und zugleich Eure Verschwiegenheit. Wendet diese beiden Tugenden von nun an zu meinem Interesse an; denn an meiner Glükseligkeit liegt die Eurige durch Rosaffen unauflöslich gefesselt.

Florentin. (mit einem Blik voller Rührung) Benedetto!

Kardinal. (ihm die Hand und den Mund reichend) Seid mein! -- Jezt bin der Eurige!

(sie küssen sich)

Kardinal. Und nun zuerst, Fiorentino sag mir, -- bei unsrer Freundschaft beschwör ich dich -- sag mir, zu welchem Entzwek läßt Moriz im ganzen Lande werben? Ich befürchte Nebenabsichten!

Florentin. (geheimnisvoll) Mit Recht!

Kardinal. Wär es möglich?

Florentin. Dem Herzoge und wahrscheinlich auch Euch ist ein fremder Zwek vorgespiegelt.

Kardinal. Mir hat man von einer bevorstehenden Revoluzion in Kanella gesagt, welche Verstärkung der Truppen nothwendig mache.

Florentin. Mir der Revoluzion hat es seine Richtigkeit; in der That muß sich das Volk in einigen Monaten empören, wovon man die untrüglichsten Spuren vorgefunden. -- Allein Moriz trift keine Gegenanstalten, sondern -- -- doch Euch sind ja Morizens Kabinetsgeheimnisse so wohl, als mir bekannt.

Kardinal. (sich vertraulich an ihn schließend) Er will die Regentschaft von Kanella an sich reißen, wenn das Volk im Aufruhr Piedron minorenn am Verstande und der Regierung unfähig erklärt.

Florentin. Ihr habts getroffen.

Kardinal. (hämisch lachend) Ha, ha, ha, ha! (er geht zu einem Pulte und zieht verschiedene Papiere hervor, die er dem Grafen überreicht.) Seht hier! Piedros Untüchtigkeit zur Staatsverwaltung ist allgemein bekannt -- der Aufruhr des Volks mag vor sich gehn; er ist nothwendig -- aber Kanellas Heil liegt meinem Herzen zu nahe. Seht hier, und leset, wie lange ich deswegen schon mit dem Römischen Hofe korrespondirt habe.

Florentin. (durchfliegt mit froher Bestürzung die Blätter) Ich bin ausser mir!

Kardinal. (wohlgefällig lächelnd) Und seht nun hier das Finale -- eine Bulle Sr. päbstlichen Heiligkeit, die mich zum Regenten Kanellas ernennt.

Florentin. (liests) Bei Gott, ja! -- Wohlan, ich sprach vorhin mit Euch von gewissen Proben meiner Liebe, welche ich aufzuzeigen hätte. (Er zieht Papiere aus dem Busen) Seht hier -- leset dies Bittschreiben von beinah hundert der vornehmsten Bürger Kanellas eigenhändig unterschrieben und an Ew. Eminenz gerichtet.

Kardinal. (wird beim Lesen aus Freuden halb ohnmächtig -- er reißt das Fenster auf, lehnt sich lange hinaus, troknet sich die Thräne der freudigen Ueberraschung vom Auge und fällt dem Grafen um den Hals) So hat man mich denn in der That lieb? verlangt mich in der That an Kanellas Staatsruder? -- o Fiorentino, Fiorentino! steh mir bei, ich bin zu schwach solche Last zu ertragen! Aber Moriz?

Florentin. Laßt ihn werben, er wirbt vor Euch.

Kardinal. Die guten Bürger sollen in weniger Zeit eines großen Theil ihre ungeheuern Abgaben überhoben werden. Ich wills dahin bringen; notifizirt ihnen das; sagt ihnen, daß es Benedetto nie anders, als wohl mit Kanella gemeint habe und meinen werde. Ich will mich den Kanellesern von der blendensten Seite zeigen.

Florentin. Um alles zu verderben?

Kardinal. Wie?

Florentin. Drängt vielmehr die Kanelleser bis zu des Elends äussersten Gipfel hinan, daß sie revoltiren müssen, desto eilender gelangt Ihr zum Ziele. Güte beruhigt die Leute und zerstört Eure Pläne.

Kardinal. Verzeiht, verzeiht! Ihr habt Recht, die Freude machte mich wirbeln. Und doch -- o, wär es möglich, daß ich jezt ganz Kanella für mich einnehmen könnte!

Florentin. Kanella verehrt Euch wie seinen Vater, aber haßt den Prinz Moriz.

Kardinal. Ihr schmeichelt. Aber unterlaßt auch ja nicht, den vertrauten Umgang mit Moriz fortzusezzen. Es ist uns nothwendig!

Florentin. Sehr natürlich. Selbst die Morizischen Werbungen empören das Volk nicht wenig, in eingen Dörfern ist es schon zum Aufstande gekommen.

Kardinal. (applaudirend) Bravo! bravo! -- Laßt uns alles zur Beförderung und Beschleunigung der Revolte beitragen. Ich werde Euch die dazu erforderlichen Geldsummen anzeigen.

Florentin. Ich hege keinen Zweifel am -- glüklichen Ausgang dieser fürchterlichen, verworrenen Händel!

Kardinal. Und Euer ist Rosaffa, Euer das schönste Weib von ganz Kanella, sobald Piedro enttrohnt ist und Benedetto an seiner Statt herrscht.

Florentin. (im Ausbruch der Freude die dürre Kardinalshand küssend) Benedetto!

Kardinal. (gnädig lächelnd) Fiorentino!

Florentin. (auf die Knie niederstürzend vor ihm) Gebt mir -- gebt mir Rosaffen!

Kardinal. (hebt den Grafen liebreich auf) Ihr seid ausser Euch!

Fünftes Kapitel. Sturm und Liebesfreuden.

Inzwischen die Kabale und Intrigue heimlich den Hof in Partheien zertrennte, und Wollust und Zeremoniel ihn öffentlich zu einem harmonischen Ganzen machte; inzwischen _Piedro_ mit seinem Mädchen und Hofbuben lustig schwelgte und nichts minder als eine baldige Störung seiner Feste ahndete; indessen _Rosaffa_ um Florentins Wiederliebe buhlte; _Benedetto_ mit dem Vatikan wegen seiner Regentschaft briefwechselte, _Moriz_ sich kriegerisch rüstete, die heimlich unterstüzte Rebellion zu seinem Vortheil zu lenken, und beide der _Prinz_ und _Kardinal_ _Florentin_ zu ihrem vertrautesten Vertrauten machten -- unterdessen Bälle, Assembleen, Karnevals, Geburtsfeste beständig am Hofe abwechselten und alles in einer frohen nichtsbesorgenden Stimmung erhielten, wüthete Verzweiflung und Hungersnoth im Volke; zogen sich die Elenden immer genauer an einander; stimmte alles immer inniger zu einem totalen Aufruhr zusammen; fachten die schwarzen Brüder, im ganzen Lande verstreut, das glimmende Gefühl für die geraubte Freiheit immer mehr an, und bestimmte man zulezt einmüthig den Abend des ersten Septembers zum Termin der bisherigen Sklaverei und der zu erringenden Volksfreiheit. Die Verschwörung der Kanelleser beschäftigte mehr das Herz, als die Lippen; so verschwiegen war noch keine Konspirazion, und so geheim noch keine Vorbereitung zu derselben gehalten worden. Alles trug um so mehr den Anschein eines glüklichen Erfolgs, da selbst _Moriz_ und _Benedetto_ von allem wußten, selbst den ersten Septemberabend kannten und dennoch, statt zu verhindern, Unterstüzzung leisteten.

Piedro! Piedro! hättest du Augen gehabt zu sehn, du würdest nicht länger, hinter Weibern und Flaschen verschanzt, sardanapalisirt haben! denn der August begann sich allmählig seinem Ende entgegen zu neigen und das ehmals trauernde Volk lies nun eine zu rasche Veränderung spüren. Geduldig ließen die Richter ihre Rechte verhunzen von Hofschranzen, denn sie sahen den ersten Septemberabend schon im Geiste grauen, der ihnen alles zurükgeben sollte; Städte ließen sich ohne Murren um ihre lezten Freiheiten plündern, denn sie hofften in etlichen Wochen sie mit Wucher zurük zu gewinnen; verarmte Familien aßen ihr schimmlichtes Brod, ohne es noch mit Thränen des Kummers zu nezzen, die Hofnung strahlte auch ihnen trostvoll entgegen, welche sie glauben machte, bald ein besseres Schiksal zu empfangen.

Viele von den Großen Kanella's und der Parthei des Herzogs wurden dieser Phänomene frühzeitig genug inne. Ihre Spione brachten ihnen aus allen Gegenden der Republik Nachrichten, eine furchtbarer, als die andre; sie fingen sogar an argwöhnischer auf den so fahrläßig scheinenden Kardinal zu werden, und ehe man es erwartete, zogen drei tausend Mann ausländischer Soldaten, von einem benachbarten kleinen Fürsten gemiethet, in Kanellas Gebiet. Hier handelte _Piedro_ einmahl ohne Mitwillen seiner Beherrscher, das heißt des _Prinzen_ und des _Kardinals_, sondern nach dem Einfall einiger andern ihm getreuen Räthe. Aber dieser Schritt wurde ihm sehr natürlich von den beiden Universalministern gewaltig verübelt, und gemisdeutet. »Der Schaz ist größtentheils erschöpft,« hieß es und lies man im Volke aussprengen: »demungeachtet beruft er fremde Soldaten ins Land, welche den Einwohner noch mehr aussaugen müssen; Er marchandirt mit seinen Landeskindern, verkauft seine Regimenter, um sich fremde Truppen wieder zu miethen! o des fürstlichen Dummkopfs!« --

_Piedros_ Ansehn litte dadurch ungemein, wozu _Moriz_ und _Benedetto_ das meiste unter der Hand beitrugen. Der Muthwille des Pöbels ging so weit, daß sich eines Tages tausende vor dem Herzoglichen Pallast versammelten und unter fürchterlichen Drohungen dem _Piedro_ geboten, die Miethssoldaten aus dem Lande zu schaffen. Allein ein Detaschement derselben zerstreute das aufgebrachte Volk, und dieses lies sich willig auseinander treiben, denn noch war der erste Septemberabend nicht erschienen!