Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Part 8

Chapter 83,485 wordsPublic domain

Anfänglich versuchte der biedre _Graf_, mit Hülfe des geringen Einflusses, welchen er sich auf eine verstekte, schlaue Weise in die Regierung zu verschaffen gewußt hatte, das Schiksal Kanellas erträglicher zu machen. Es gelang ihm einigermaaßen; und hiedurch kühn gemacht, schöpfte er, jedoch viel zu voreilig, die befriedigendsten Hofnungen für die Folgezeit.

Allein, alles war vergebens, dem unglüklichen Landeseinwohner die ihm auferlegte Bürde zu erleichtern; vergebens jede Stunde, auf diese Art aufgeopfert für das Wohl der leidenden Menschheit. Was _Florentin_ mit unsäglicher Mühe für Kanellas Heil errang, zerstörte ein einziges Machtwort des stürmischen _Moriz_, ein einziges Achselzukken des listigen Pfaffen _Benedetto_, ein einziger buhlerischer Kuß _Rosaffens_.

Drei Jahre waren vorübergeflogen, und die Kanelleser noch um keinen Schritt durch den Grafen dem Ziel ihrer Wünsche und Hofnungen näher geführt. _Borghemo_ raste; _Dulli_ fluchte, _Giovanni Borsellino_ bestürmte den edeln Duur mit Vorwürfen in wöchentlichen Briefen; denn alle hatten unsern Mann jezt genauer kennen gelernt, sich seinen großen Geist vertrauter gemacht, ihr unbegränztes Vertrauen auf ihn gesezt -- und alle glaubten sich in ihm getäuscht zu finden, rechneten seine Langsamkeit, sein Verzögern einer heimlichen Feigheit zu.

Aber wie gesagt, _Florentins_ Zaudern war Weisheit, sein thatenlosscheinendes Leben eine ewige Kette von Arbeiten. Die Zahl der _schwarzen Brüder_, in _Piedros_ Staat, hatte sich unter ihm zu einer furchtbaren Menge vermehrt, die er nach dem Modell, der deutschen Logen in obere und untere Klassen eingetheilt hatte, deren lezte die Brüder der obern nicht kannte, und zu welcher der _Graf_ auch den wilden _Borghemo_, wegen seines unsteten Karakters gesellt hatte, so sehr er auch sonst diesen Mann zu achten wußte. Jezt durfte nur noch eine bequeme Stunde schlagen und Piedros _Despotie_ hatte ihre Endschaft, Kanella die ersehnte Freiheit, und der Wunsch tausend guter Bürger seine Erfüllung erreicht.

Und die erwartete Stunde näherte sich!

Zweites Kapitel. Die Dachspitze.

Ein herrlicher Mondscheinabend lokte _Florentinen_ hinaus zu einer Wanderung durch die Straßen der Residenz. _Dulli_ begleitete ihn. Der _Graf_, versenkt in seelige Träumereien von der geliebten Sorbenburg und seiner Louise, schlenderte hierhin, _Dulli_ mit dem Bilde seiner Ladda, welche sich nicht mehr in Kanella befand, beschäftigt, schlenderte dorthin. Beide hingen ungestört ihren Gedanken nach. Es war eine traurige Stille in allen Gassen der Stadt; die meisten Familien saßen in ihren Zimmern verkerkert, um sich gemeinsam einander ihre Noth zu klagen; viele schlummerten schon, um sich von Träumen das vergüten zu lassen, dessen sie sich wachend beraubt sahen.

Unsre Nachtwandler hatten aber kaum eine kleine Viertelstunde mit ihren Streifereien hingebracht, als sie durch einen ziemlich laut gehaltnen Dialog aufmerksam gemacht und zum Stillstehn und Lauschen bewogen wurden.

Sie bemerkten einen jungen Menschen, welcher neben einem Mädchen im Mondscheine saß. Beide schienen für einander dasjenige Feuer zu fühlen, welches Jüngling und Mädchen von Anbeginn der Welt zu empfinden pflegten, -- beide umschwebte die heilige Tugend mit ihrer Begleiterin, der Grazie Schüchternheit. -- _Florentinen_ wurd es bang und wohl beim Anschaun dieser Gruppe; »o Louise!« dachte er: »einst waren wir auch so glüklich!« -- -- »»Einst waren wir auch so glüklich, schwache, gesunkene Ladda!«« murmelte _Dulli_ ärgerlich, und ballte die Faust zusammen und drehte das Gesicht hinweg.

Die Liebenden tändelten froh mit einander, und befürchteten keine Belauschung.

»Gianetta, schöne Gianetta!« rief der Jüngling: »nimm herab deinen Hut vom Kopfe mit den stolzen, schattenden Federn. Am Tage steht er dir schön, aber Abends verdunkelt er dein holdes Gesicht. Nimm ihn herab, und laß den Mond auf dein Antliz schimmern!«

Gianetta lächelte, und lies sich den Hut nehmen. Der Jüngling sezte ihn sich selber auf und schmiegte sich kosend an das Mädchen, indem er mit einem Handkus Verzeihung erflehte. _Gianetta_ drängte ihn sanft zurük. Der junge Mann erschrak.

»Du scheinst,« sagte _Gianetta_ nach einer Weile: »du scheinst sehr vergnügt zu sein diesen Abend? Bist du's, Enriko?«

Enriko. Wie sollt' ichs bei dir nicht?

Gianetta. Bist du's wirklich?

Enriko. Zweifle nicht, Gianetta.

Gianetta. Was macht dein Vater?

Enriko. (stokkend) Er seufzt im Gefängnis.

Gianetta. Wie lange schläft deine herrliche Mutter den Todesschlaf schon?

Enriko. (niedergeschlagen) Seit fünf Wochen.

Gianetta. Junge, bist du vergnügt diesen Abend?

Enriko. (wehmüthig aufblikkend zu ihr) Gianetta!

Gianetta. (inniger) Bist du vergnügt bei mir?

Enriko. (ihre Hand von seinen Augen drükkend) O, Gianetta!

Gianetta. (kalt) Geh!

Enriko. (weich) Du liebst mich nicht? -- (sie schweigen beide, -- nach einer Pause) Sieh mich nur noch einmahl an, dann will ich gern gehn! (abermahliges Stillschweigen unter beiden) Liebst du mich nicht schönes Mädchen? -- soll ich dich verlassen, Gianetta?

Gianetta. (ein Seufzer hebt ihren Busen. -- Sie sieht den Bittenden an und spricht langsam, mit zitternder Stimme, zu ihm) Wohin willst du gehn?

Enriko. Von dir hinweg. Will die Nacht durch Stadt und Feld umherschweifen -- ich muß mich zerstreuen -- ich kann nicht schlafen.

Gianetta. (ihm die Hand drükkend) Ich bin dir gut.

Enriko. Ach, schöne Gianetta, wäre das wahr?

Gianetta. Gewis, lieber Enriko.

Enriko. (sich niederwerfend vor ihr und ihre Knien umschlingend) O, sags mir -- sag's mir noch einmahl, daß du mir gut bist!

Gianetta. (schmeichelnd den Arm um seinen Hals legend) Lieber Enriko.

Enriko. (sein glühendes Gesicht in ihr Gewand verbergend) Gott, mein Gott!

Gianetta. Empfindsamer Junge, bist du allenthalben so? Ich liebe diesen Ton und diesen Karakter -- ich mögte dich darum küssen! -- Steh doch auf.

Enriko. (sezt sich neben ihr nieder, schmiegt sich dicht an sie) Gianetta!

Gianetta. (ernsthaft) Wie gehts dem Sekretair _Flimmer_?

Enriko. O, des abscheulichen Bösewichts, ihm wirds nie wohlergehen!

Gianetta. Warum sagst du nicht: _soll's_ nie wohlergehn? das klingt doch männlicher, und giebt dir wenigstens den Schein, als würdest du dich wider ihn zum Rächer deiner unglüklichen Eltern aufwerfen.

Enriko. Ja, kann ich damit deine Huld erwerben, siehe, so erschlag ich ihm auf öffentlichem Marke, und den Moriz dazu und selbst den verdammten Piedro, wenn du willst.

Gianetta. (lächelnd) Fürchterlicher Herkules!

Enriko. Du spottest?

Gianetta. Ich bezweifle deine Tollkühnheit nicht -- aber gewis, du würdest das Opfer für Kanellas Wohl werden, würdest -- nein, eher billige ich in Aufruhr und Verschwörungen! --

Enriko. Wohlan denn, die Zahl meiner Freunde ist gros -- Verschwörung und Rebellion! -- Gianetta, wünsche nur den leisesten Wunsch und ich weihe mein Leben dir und der Freiheit. In einigen Monaten ist der Staat umgestürzt, oder -- ich ruhe neben meiner Mutter!

Gianetta. (schwärmerisch) Und ruhst du neben deiner guten Mutter, Enriko, dann folg' ich dir! Enriko dann siehst du mich droben wieder, wo wir nicht schmachten dürfen in Armuth, nicht zittern dürfen vor Piedros Einfällen!

Enriko. (mit aufgewandten freudeglänzenden Augen) Gianetta, du willst?

Gianetta. Sei vorsichtig!

Enriko. Die Hand der Vorsehung führe mich!

Gianetta. Der Tag, an welchen Kanellas Volk seine wieder eroberte Freiheit feiert, feiern wir unsre Vermählung! -- (nimmt ihn in ihre Arme) Da, nimm bis dahin den lezten Kuß! Stirbst du, Enriko, -- mein Enriko, so sterb' ich mit dir! --

(beide umarmen sich -- schweigen lange)

Enriko. (sich loswindend) Ade, Gianetta, ade! doch, gieb mit ein Zeichen, bei dessen Anblik ich stets dieses heiligen Abends eingedenk sei. Nenn' es -- sieh umher -- wär es auch nur die Dachspizze deines väterlichen Hauses.

Gianetta. (scherzhaften Tones) Gern hätt ich dir mich selber genannt, -- aber du sollst mich von nun an selten, oder gar nicht sehen! -- Wohl -- die Dachspizze!

Enriko. Ade, schöne Gianetta! --

Der Jüngling flog davon. Das Mädchen sah ihm lange nach, entfernte sich dann. _Florentin_ und _Dulli_ kehrten schweigend um und begaben sich nach Hause.

Der _Graf_ war kaum einige Minuten in seinem Zimmer umhergegangen, als _Dulli_ hereintrat.

Florentin. Woher, Dulli, so spät in der Nacht?

Dulli. (schlägt die Arme unter einander, seufzt und schweigt.)

Florentin. Gieb Antwort! -- quält dich die Erinnerung an deine Ladda?

Dulli. Quält mich, und quält mich nicht, ich habe sie halb vergessen. --

Florentin. Was willst du?

Dulli. Fort von Euch, heim in meine Eremitage.

Florentin. (verwundert) Mensch!

Dulli. In allem Ernst Herr.

Florentin. Was hat dich auf den Einfall gebracht?

Dulli. (mit einem tiefen Seufzer) die Dachspizze.

Florentin. Wie? -- bist du Zeuge von jenem Auftritt gewesen, dem ich vor einigen Augenblikken begegnete?

Dulli. Ich bins gewesen.

Florentin. Und willst darum Kanella verlassen?

Dulli. Ja und heim in meine Eremitage.

Florentin. Doch nicht aus Furcht vor _Enrikos_ gedrohter Empörung?

Dulli. Aus Furcht vor der Nichterfüllung der Eurigen! -- O, Herr, warum habt Ihr mich herausgelokt aus meiner Ruhe, wo ich längst schon Kanella, Tyrannen und Tyrannisirte vergessen hätte? -- Warum habt Ihr mich lüstern gemacht nach Dingen, die eher ein berauschter Liebhaber, -- eher der Knabe Enriko erfüllen wird, als Ihr? -- Bei Gott und dem heiligen Petrus, Herr, Ihr solltet nur den Jammer nur das Herzeleid sehn, in welchem Kanella verstoßen liegt; -- solltet nur das Winseln brodbettelnder Kinder, und das ohnmächtige Fluchen der Erwachsenen hören, die kein Brod geben können, und ich will des Todes sein, wenn Ihr nicht Augen und Ohren zupressen und Euch nach andern Gegenden umsehn würdet, wie ich.

Florentin. (kalt) Leicht möglich.

Dulli. Nein, unwidersprechlich wahr! -- aber Ihr, gnädger Graf, nehmts mir nicht übel, wenn ichs dürr heraussage -- Ihr seid schon leider verpestet von Piedros Hofluft und Eure prangenden Wünsche sind elendiglich eingetroknet am Strahl seiner Majestät. O, da, auf den glänzenden Assembleen und Redouten, und Bällen und Maskeraden, und wie die höllischen Freuden des Hofes mehr heißen, -- da gehts lustig her! da hört man vorm Pauken- und Geigenschall das Aechzen der Hungrigen nicht, da sieht man die Blutthränen des Unterthanen nicht vor den Reihen der blanken Tänzer und der geschwungnen Weinbecher! Gott erbarms! -- Ihr seid verpestet!

Florentin. (warm) So wahr ich lebe, Dulli, noch bin ichs nicht!

Dulli. (freudig) Seid _Ihrs noch nicht_? -- wahrlich _noch nicht_? O dann, Herr, dann steht meinem Vaterlande bei; -- Ihr könnts! Um Gotteswillen, hastet Euch. -- Seht, sinds nicht schier vierzig Monate, daß wir hier leben? Habt Ihr Euch in vierzig Monaten noch nicht auf das _Wie_? besinnen können? -- O es ist ja so leicht zu erfinden, wenn Ihr nur ein warmschlagendes Herz besizt! -- Seht, nehmt einen Dolch und stoßt ihn in Piedros Wanst, erwürgt seinen Spürhund Benedetto, seinen Mordhund Moriz, wenn sie von griechischen Weinen benebelt sind, oder sie an der Tafel vom Mark des Unterthans schwelgen, oder sie am Busen ihrer Huren wollüsteln! -- Es ist ja kinderleicht! -- und dann lauf' ich hin auf den Dominikusplaz, und schreie: Kanella du bist frei! und Tausende werden Freiheit mit mir rufen und Tausende mit mir ihre Kniee vor Euch beugen! -- Nun, Herr?

Florentin. (ihm die Hand drükkend) Du bist ein vortreflicher Kerl! --

Dulli. Aber -- --?

Florentin. (geht nachdenkend durchs Zimmer, kehrt schnell zurük) Ueberwarte noch drei Monate, und bist du dann nicht mit mir zufrieden, so nimm alles, was ich habe und zieh in deine Wüste damit!

Dulli. (bedenklich) Noch drei Monate -- noch _zwölf_ ganze Wochen, Gott weis es, wie viel _hundert Tage_ dazu gehören! -- -- doch ich harre sie aus.

Florentin. Rufe morgen die alte Wahrsagerin zu mir -- Es ist ein verwegnes Weib, sie soll Lärmen unter dem gemeinen Volk machen!

Dulli. (horchend) Ein altes Weib muß zu Euern Plänen -- --

Florentin. Alte Weiber und Pamfletenschmierer gehören zu den wohlthätigsten Uebeln in dieser untermondischen Welt. -- Geh!

Dulli ging mit hoher Verwunderung ab; der _Graf_ aber mas noch lange das Zimmer mit seinen Schritten. Es kämpfte seine Seele einen schweren Kampf -- und er siegte ob.

»So geh es denn, wie es wolle!« dachte er bei sich, als zum Resultate seiner Ueberlegungen: »Gute, und schlaue Sanftheit sind vergebens angewandt, die Hyder auf Kanellas Thron zu zähmen -- sie falle nun! -- Befördre _ich_ die Rebellion nicht, so werden es mehrere _Enrikos_ und vielleicht unglüklicher, als ich, weil sie im Sturm der Leidenschaft handeln. Es sei; Kanella, ich reiße dir das Joch ab, freigeborne Menschheit, fühle dich frei und gros. -- Bürgerblut wird vergossen werden, aber auch das Blut der Tyrannen!« --

»Und du, allgegenwärtiges Wesen, du siehst jezt das Gewebe meiner Gedanken und Empfindungen, stehe du mir bei, und denen die dich anrufen? Gott, du siehst ja deiner Kinder Thränen, hörst ihr flehendes Wimmern -- erbarme dich ihrer. Verstoße sie nicht aus dem Gebiet der Freude, laß sie nicht ewig schmachten in Verzweiflung. O, Gott, mein Gott -- es ist für die schwache Menschheit ein fürchterlicher Gang, -- verlaß uns nicht!«

So dachte, so betete _Duur_ in stiller, mitternächtlicher Stunde. Seine Seele fühlte sich beruhigt; sein Auge glänzte von einer Thräne. Er spürte heilige Glut durch seine Adern fliegen; ihm wars, als riefe sein Schuzgeist ihm leise ins Ohr: »auf, es wird der guten Sache wohlgelingen!« --

In solcher Stimmung sezte er sich nieder, um den Plan der Staatsumwälzung zu entwerfen.

Drittes Kapitel. Florentins Verwandlung.

»Wie gesagt, ich begreife ihn nicht!« antwortete vierzehn Tage später der Sekretair _Flimmer_ dem Prinzen _Moriz_.

»»Ei nun,«« erwiederte dieser: »»er wird doch endlich zur Vernunft kommen. _So_, wie jezt, ist der Kerl auf dem sichersten Wege sein Glük zu poussiren.««

Doch ehe ich die beiden Herrn weiter plaudern lasse, muß ich meinen Lesern sagen, daß _Florentin von Duur_ der Gegenstand ihrer Unterhaltung war. Dieser durch so manche Erfahrung gewizte, durch so manche Fatalität stolzer und kühner gemachte, Hofmann hatte in einem Zeitraum von wenigen Tagen, (nur wenigen wars bekannt, durch welchen Talisman,) sich dermaaßen im Kredit der _Piedronen_, _Benedetten_ und _Morizze_ emporzuschwingen gewußt, daß man aus wichtigen Gründen für seine Tugend und ehmalige Rechtschaffenheit hätte zittern können. --

Alle Thüren standen ihm offen; kein Kammerdiener, keine Leibwache hielt ihn von den Kabinetern der Großen zurük; unangemeldet trat er zum Herzoge und dessen Favoriten ins Zimmer, in deren Gesellschaft er sich von nun an täglich befand.

Einige riethen hier hin, andere dorthin, um _Florentins_ plözliches Steigen beim Hofe zu erklären; die meisten deuteten alles auf _Rosaffen_ hin, welche den schönen _Grafen_ vielleicht genauer ins Auge gefaßt, und ihn liebenswürdig gefunden haben konnte. Die Leute hatten in so fern nicht unrichtig gedeutelt, aber die eigentliche Schnellfeder des Duurischen Hofglüks war ihnen doch unbekannt geblieben.

Was _Rosaffen_ betrift: so hatte sie in der That _Florentinen_ izt erst schöner gefunden, als ers ihr bis dahin geschienen. Alle übrige Damen des Hofes bemerkten in diesen Tagen am _Grafen_ ein Gleiches. Er war bei weitem nicht mehr der sonstige, schüchterne, zurükhaltende, misantropische Sauertopf, sondern gefälliger, kekker, tändelnder, unterhaltender, als irgend ein unter dem Panier der Venus graugewordner Ritter -- Wo er hintrat, erschien neben ihm die muthwilligste Freude, wo er einen Zirkel verlies, schlich die gähnende Langeweile mit allen ihren Foltern ein.

Die schöne, wollustathmende _Rosaffa_, welche noch die alten Launen unsers Grafen kannte, wußte jezt ihre Schwächen und Fehler so reizend in die Glorie der Tugend zu verhüllen, daß sie dreimahl schöner, als vorher war; Oeffentlich hing sie freilich an _Piedro_; aber wer konnte ihrs verwehren im Geheimen nach den _Grafen_ hinzuschielen, oder ihm unvermerkt die Hand zu drükken, oder ihm unterweilen einen von tiefen Seufzern gehobnen Busen erblikken zu lassen? -- So listig, so erfahren wie sie in der Kunst war Nezze für Männerherzen zu strikken, waren nur wenige, und eben dies lies gewis den herrlichsten Sieg über _Florentin_ für sie hoffen. Und als sie schon liebebekennende Erwiedrungen ihrer Blikke, ihrer Händedrükke, ihrer Seufzer spürte -- o, welches weibliche Herz hätte da noch von fehlgeschlagnen Wünschen träumen können?

So wie in der Damenwelt der Name: _Fiorentino_! _Fiorentino_! allenthalben die Losung geworden war, eben so auch in der männlichen und vorzüglich politischen Welt Kanellas. Ich wag' es nicht zu bestimmen, von welcher Seite er mehr geliebt und geschmeichelt wurde. Aber so viel ist gewis, daß Florentin bei den Kanellesischen Volkspressern ursprünglich und am meisten sein Glük gegründet hatte.

So unwichtig er auch bisher in den Augen des Hofes gewesen war: so zeigte man sich ihm denn doch mehr, als kaltblütig und gleichgültig, weil er im Verdacht stand, als hielt er sich mehr zur Volksparthei, denn zum Hofe. Allein nun war auch der geringste Argwohn von ihm in dieser Rüksicht verschwunden, denn er hatte eine neue, goldhaltige Quelle für Piedros Finanzen aufgefunden, die freilich im Herzen des Volks aufgeschlagen werden mußte, aber auch um deswillen desto ergiebiger floß.

Bald darauf rükte er mit mehrern Plänen hervor, die so fein ausgearbeitet waren, und so lieblich nach Machiavellis Kompendium der Staatskunst schmekten, daß Piedro, Moriz und Benedetto dem erfinderischen Kopf schlechterdings ihre Bewunderung nicht versagen konnten. Kurz, er hatte aller Beifall gewonnen; -- eine fürchterliche Art Freunde zu erlangen, wenn das schon gemärterte Volk unter diesen neuen Foltern noch mehr leiden und Weh' und Jammer über solchen Bund schreien muß!

Auf alles dies, meine Leser, bezog sich nun das Gespräch des Prinzen _Moriz_ mit seinen Getreuen. -- _Flimmer_, der vorher nicht wenig argwöhnisch auf den _Grafen_ gewesen war, wurde es durch dessen jähe Metamorphose noch mehr. Nur _Moriz_, der um die ganze Sache genauer zu wissen glaubte, schäzte _Florentinen_, doch heißt das _a la Moriz_!

»Ich traue ihm nicht!« rief _Flimmer_ einmal über das andere des Prinzen tauben Ohren zu.

»»Du bist ein Narr!«« war die gewöhnliche Replik darauf.

Flimmer. Und gebt acht, gnädigster Herr, gebt acht, daß Euer Flimmer, der sich noch so selten betrogen, sich auch diesmahl nicht hintergeht.

Moriz. Sprich, du Erzhase, du furchtsamer Teufel sprich -- hast du je, binnen der Zeit, daß er sich in Kanella befunden, eine einzige schiefe Handlung von ihm observirt?

Flimmer. Ich muß es eingestehn, keine einzige, ungeachtet ich ihn schärfer beobachtet habe, als der Satan eine arme Sündersseele -- aber -- --

Moriz. (lachend) Ich kenne meinen Mann von innen und von aussen -- wenn mancher wüßte, was ich weis -- ha, ha, ha! er kettet sich nicht so leicht wieder von uns los -- zum Glük, daß er mir diesmal mit seiner Gipspuppengestalt nicht wieder ins Gehege fällt! -- Na, trink ein Glas Zyprier! Ich hab' heut Laune.

Flimmer. (trinkt)

Moriz. Kannst dich dem Teufel darauf ergeben, daß er sich so sehr vergarnt hat, -- -- doch, trink! --

Flimmer. (gießt ein und trinkt)

Moriz. Weißt du sonst irgend etwas aufzutischen? Wie bin ich beim Volke akkreditirt?

Flimmer. (lächelnd) Wird darum sich ein _Moriz_ kümmern?

Moriz. Ich hab' heut Laune, und frage danach.

Flimmer. Akkreditirt? -- hm, mehr als der Landesherr selber.

Moriz. Und der Kardinal? -- Fülle den Becher und trink!

Flimmer. (grinsend) Sr. Eminenz? -- hm, wird allgemein -- -- gehaßt.

Moriz. (sich mit der Hand übers Gesicht fahrend, um ein Lächeln zu verwischen) Wirklich? (zukt die Achseln.) Doch von etwas andern. -- Sag mir, befindet sich noch der alte, stumme Schurke beim Grafen, der ihn einmal vor Jahr und Tag aus der Welt befördern sollte?

Flimmer. Freilich! freilich!

Moriz. 's ist mir doch lieb, daß mein damahliges Projekt mit dem Gifttrank scheiterte. Duur soll und wird mir mit seinem Kopf noch wichtige Dienste leisten.

Flimmer. Aber eben der Badner, und der mit dem Grafen zurükgekommne verwegne Dulli, dessen Geschichte mit der Ladda -- --

Moriz. Ich weis es ha, ha, ha!

Flimmer. Ich sage, eben diese odieuse Gesellschaft des Grafen erregt in mir so viel Besorgnisse! --

Moriz. Schweig mit deinen ewigen Besorgnissen! Gesezt auch, der _Graf_ führe etwas Hinterlistiges im Schilde: so müßten du und ich den Kopf verloren haben, wenn wir nicht bald davon Wind bekämen -- und dann läßt man ihn gefänglich einziehn, oder schikt ihn auf die Galeere, oder geradenwegs in die andre Welt. --

Flimmer. (am Fenster) Sein Wagen hält jezt, unten am Schlosse -- er springt heraus -- --

Moriz. Sein Besuch ist mir willkommen; Ich habe Laune. -- Geh du!

Ehren-Flimmer entfernte sich, halbbenebelt von Zyprier. Der _Prinz_ war noch keine Minute allein, als _Florentin_ ziemlich eilfertig hereintrat.

»Nun, lieber Graf! das gefällt mir; Ihr vergeßt mich doch nicht unter so vielen andern, die von Euch nicht vergessen sein wollen! Sezt Euch neben mir nieder und seid vertraulich, wie mit Eurem Busenfreunde.«

Florentin. (höflich) Ew. Hoheit machen mich stolz. -- Doch wer würde sich solcher Gnade und einer solchen Busenfreundschaft weigern?

Moriz. Na, ich denks auch. Sezt Euch doch. Ich hasse die steife, vermaledeiete Etikette unter vier Augen. Dort stehn dreierlei Sorten des kostbarsten Weines -- wählt! -- sezt Euch her und trinkt!

Florentin. (gehorchend) Ihr überhäuft mich mit Gnadenbezeugungen, gnädigster Fürst.

Moriz. Nicht doch. Hört, Ihr habt des Herzogs Beifall, und da könnt' Ihr des meinigen leicht vergessen.

Florentin. (mit einem Blik voller Sprache) Prinz -- Ihr fühlt Euern Werth, wisset, _wer_ im Lande dominirt -- und das macht Euch so sprechen!

Moriz. (füllt die Gläser) Ha, ha, ha! Schelm! (er klingelt. Ein Lakai tritt herein, zu welchem er sagt) Ich befinde mich nicht wohl -- bin in einigen Stunden nicht zu sprechen -- selbst wenn Sr. Eminenz der Kardinal, -- oder des Herzogs Durchlaucht schikt. (der Lakai entfernt sich) Nun, Fiorentino, wir sind ungestört. Eure Miene schien mir so etwas zu weissagen -- laßt uns plaudern.

Florentin. Ich bringe Euch dazu einen wichtigen Stoff.

Moriz. Nun?

Florentin. Es herrschen furchtbare Gährungen im Volk.

Moriz. Volk! Volk! -- pah, was will der Wurm?

Florentin. Es läßt sich alles zu einer allgemeinen Empörung an. --

Moriz. (kalt) So?

Florentin. Die Sache ist für uns um so bedeutender, je geheimer sie gehalten wird.

Moriz. Woher habt _Ihrs_ denn? (trinkt)

Florentin. Von meinen Spionen. Ja, noch mehr. Einer derselben bringt mir eine Liste mit den Namen derer, die, im Fall einer Rebellion, massakrirt werden sollen. Der Eurige steht oben an.

Moriz. (sezt gleichgültig das Glas hin) Ehre dem Ehre gebührt!

Florentin. (mit Nachdruk) Im Raum dreier Monate soll unsre jezzige Regierung umgeworfen sein!

Moriz. (die Stirn faltend) Und wer soll herrschen?

Florentin. Das Volk.

Moriz. (bitter) _Wer_?

Florentin. Das Volk!

Moriz. Wer -- _wer_ soll herrschen, wenn Piedros Unvermögen zum Regieren öffentlich anerkannt worden? -- _Wer_? --

Florentin. (kalt) das Volk!

Moriz. (aufspringend) Und das wird nicht geschehn! oder Moriz müßte von einer _Bettlerfamilie_ stammen -- müßte nicht in Kanella sein.

Florentin. (steht auf und geht durchs Zimmer, indem er sich auf den Finger beißt, und eine Miene zieht, als einer, welcher diebischerweise ein Geheimnis entwendet.)

Moriz. Verdammt! -- da sollts auf diese Gefahr zu einer Rebellion kommen, und Ihr Schurken von Demokraten solltet _Morizen_ kennen lernen!

Florentin. (sich umdrehend) Ja, gnädigster Prinz, ich zweifle, nicht, -- besonders wenn Ihr dies an der Spizze von wenigstens zehn bis zwanzig tausend Mann sagtet!