Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Part 7

Chapter 73,489 wordsPublic domain

»Gott, wenn wir alle hier in Sorbenburg dich einst, als den Befreier Kanellas umarmen sollten! -- kannst du dir mit der üppigsten Fantasie eine wollustvollere Szene vorträumen? -- Geh, junger Mann, sei gros! mußt du gleich einen wichtigen Theil deiner schönsten Lebensfreuden einbüßen, mußt du gleich fern von einer angebeteten Fürstin, fern von dem guten Rikchen, fern von dem braven Onkel und deinem Holder wohnen, o so wird doch die Nachwelt, werden auch die Zeitgenossen dich seegnen, der du lieber selber ein Leidender warst, um die Leiden eines Volkes zu enden! --«

»Aellmar schrieb mir, daß du mein Bildnis zu besizzen wünschtest -- ich schikke dirs, und noch ein andres, welches dir gewis tausendmahl angenehmer sein muß -- _Louisens_ Bild. Ich habe sie gesehn; Florentin, nein, du bist kein Sünder, daß du sie liebtest und liebst! Sie ist zurükgekehrt an den herzoglichen Hof und wieder, wie einst, die Seele, desselben geworden. Aber, wie mich dünkt, ists nicht mehr das feurige lachende Mädchen, -- eine sanfte Schwermuth wohnt in ihrer Seele, strahlt aus ihren Blikken, aus ihren liebezeugenden Mienen hervor. Weißt du's schon -- doch wie solltest du nicht? -- daß sie -- daß sie von einem Knaben entbunden worden, dessen Vater du Ueberglüklicher bist? -- Ich habe das Kind gesehn -- Florentin, ich glaube dich in einen jungen Abkömmling der Menschheit verwandelt zu erblikken. Es ist dir ganz ähnlich, und blüht in voller Gesundheit. -- Wenn du einst heimkehrst über Jahr und Tag, o Bruder, und der Knabe (_Karl_ heißt er) dir entgegenspringt, und dein Onkel, und ich mit meinem Weibchen dich auf immer in unsre Mitte aufnehmen -- wenn wir dann wieder da liegen auf dem bekannten Hügel, wo wir sonst den Sonnenaufgang und Untergang betrachteten, oder wir im Garten, wo du unter dem Fliederbaum so gern träumtest, umherwandeln, -- -- nein, Florentin, ich breche ab, -- die Freude über deine noch so entfernte einstige Wiederkunft macht mich schwärmen. Leb wohl! -- wir alle sind gesund hier, und glüklich, so sehr wir es ohne dich sein können. Noch einmahl, mein Bruder, leb wohl. Die Zeitungen und Journale werden mir wahrscheinlich bald von dir mehr sagen, als deine Briefe. -- Nun, es lenke der Arm des Schiksals alles wohl, gedenke oft deines

_Holder_«

Wie wär' es möglich gewesen, daß _Florentin_ diesen Brief hätte lesen können, ohne von den traurigsten und schmeichelhaftesten Empfindungen gequählt und entzükt zu werden? Mit heisser liebender Inbrunst drükte er wechselsweis _Louisens_ und _Holders_ Bildnisse an seine Lippen, er dachte sich nun alle Szenen zurük, welche ihm in der Gesellschaft dieser schönen Seelen verflossen waren, dachte hinaus in die Zukunft, wo er sie vielleicht nicht wieder genießen würde, und übermannt von Lust und Wehmuth entquollen seinen Augen ein paar sprechende Thränen.

Am folgenden Tage verließ der _Graf_ mit seinen Getreuen das interessante Munchenwall. Ohne Verzug strich man quer durchs deutsche Land, und gesund langte man auf die äussersten Gränzen desselben an.

_Badner_ hielt seinen Gaul an, schob sich den runden Hut von der Stirn, und nahm mit seinen Blikken rührenden Abschied von den geliebten vaterländischen Gegenden. Die Sonne sank unter; die Landschaft war romantisch schön. Dies bewog auch den _Grafen_ still zu halten, abzusteigen, einen Felsen hinanzuklettern und da unter einer Fichte sich hinzulagern, in deren Wipfel feierlich der Abendwind säuselte. _Badner_ that desgleichen, kroch zu seinem Herrn hinauf und legte sich neben ihm nieder. _Gotthold_ blieb allein unten.

»Ade, ade! deutsches Mutterland; habs nicht geglaubt, daß ich noch hinaus wandern würde im Alter über deine Gränzen, -- aber das Schiksal hat oft wunderliche Launen!« rief _Florentins_ Reisegesell, und murmelte noch einige Worte vor sich nieder.

Florentin. Sei ruhig, Badner, lacht nicht Gottes Sonne allenthalben schön? -- Sieh doch hinaus, wie prachtvoll sich jene Gegenden vor uns hinlagern, jene Gegenden, in denen wir bald heimisch sein werden! Sieh dort die niedlichen Berggruppen, die schwarzen, buschreichen Thäler, und droben über den kühn himmelangethürmten Felsen das rothflammende Wolkengebürge schweben.

Badner. Ach, gnädiger Herr, ich bitte Sie, sehn Sie doch hinter sich die Straße hinab, welche wir daherzogen -- das ist noch deutsches Land!

Florentin. Eine traurige, weitläuftige, die Augen ermüdende Ebne, sandigt und dürr -- nirgends ein Wäldchen, nirgends ein Hügel, nirgends -- --

Badner. Ja, ja, Sie haben recht! aber, dort hinten ragt ein einsames Gesträuch hervor, und da muß sichs doch schön drunter ruhen lassen; bei Gott, schöner als in jenen fremden, buschigten Thälern. Der angenehme deutsche Strauch würde mir angenehmere Kühlung verleihen, es würde mir drunter sein, wenn der Wind durch ihn spielte, als spräche er zu mir: ruh aus alter Badner, du bist ein Sohn meines Landes, schläfst hier sicher! -- bei Gott, so würde mirs sein.

Florentin. Wir werden wieder heimkehren ins Vaterland.

Badner. Werden! -- und wann?

Florentin. Zu seiner Zeit.

Badner. Zu seiner Zeit! (ernstvoll) zu seiner Zeit!

Indem sie noch mit einander dies und das plauderten, und sie einander ihre Seelen unwillkürlich trüber stimmten, wurden sie gewahr, daß _Gotthold_ mit einem fremden Manne sprach. Sie sahen, daß _Gotthold_ nach ihrem Felsen herauf zeigte, daß er heftig mit den Händen gestikulirte, drohte und mit dem Fremden in einem unangenehmen Wortwechsel verwikkelt sein müsse.

Jach sprangen _Florentin_ und _Badner_ auf; so eilend, als möglich stiegen sie hinab, nun flogen sie hin zu ihrem Reisegefährten.

»Was ist hier?« schrie _Florentin_, indem er herbei kam.

Gotthold. Ein Räuber!

Fremder. (zugleich) Ein Bettler und Grobian!

Gotthold. (aufgebracht) Der Kerl macht Ansprüche auf unsre Mundprovisionen.

Fremder. Ich bat darum.

Gotthold. Wills uns mit Gewalt abnehmen.

Fremder. (trozzig) Wird und muß geschehn, wenn man mirs nicht giebt, was ich will.

Florentin. (mit Ernst) Mensch, was treibt dich uns auf der Landstraße anzugreifen?

Fremder. Herr, der Hunger.

Florentin. (zu Gotthold) Reich ihm von unserm Speise- und Weinvorrath. _Hunger_ ist ein fürchterlicher Treiber. Wes Landes bist du?

Fremder. Kanella's.

Florentin. Verstehst du kein andres Gewerbe, als Menschen anzufallen?

Fremder: (mit großer Eßlust die dargebotnen Speisen verschlingend) Ich habe Hunger.

Der _Graf_ lächelte über die Sonderbarkeit des Menschen, welcher ihm seine unzeitigen Fragen so trokken verwies, lies ihn sich sättigen und fuhr in seiner Unterredung fort mit ihm.

»Ich war ehmahls,« erzählte der _Kanelleser_: »ich war ehmals ein Bürger, in einer von den Vorstädten Kanellas ansässig, hatte mein Haus und Gut und ein herrliches Mädchen zur Braut. Die vielen und ewigen Abgaben brachten mich zurük, ich verlor dadurch einen ansehnlichen Theil meines Vermögens; ein Kammerdiener des Fürsten verführte meine Verlobte, -- sie wurde schwanger, und ich bei der ersten Nachricht davon rasend. Der Schurke, welcher mir meine _Ladda_ geschändet hatte, kam mir einst auf der Straße entgegen; jach fuhr ich mit der Hand in die Tasche, riß ein Messer hervor, und schnitt dem Buben den Anfangsbuchstaben, meiner _Ladda_ ins Gesicht. Ich wurde gefänglich eingezogen, mein Vermögen verprocessirt, und ich nach jahrlangem Gefängnis, als ein Bettler, entlassen. So wollten mich meine Verwandte nicht mehr kennen, -- was sollt ich thun, um nicht vor ihren Thüren betteln zu gehn? -- ich verlies das heillose Kanella, siedelte mich hier in der Nachbarschaft an, wo ich nun vom Vogelfangen, Quirlschneiden und Korbmachen lebte. Ein kümmerliches Leben, -- oft fehlt' mirs trokne Brod, und dann bettl' ich. Heut bettelte ich, bekam nichts, und um nicht Hunger zu sterben, mußt ich Gewalt drohen. Das ist meine Geschichte und mein Name _Dulli_.« --

Der edle _Duur_ mit seinen Dienern hörten mitleidig die Geschichte des Unglüklichen an; jeder von ihnen zog die Geldbörse hervor und jeder gab, so viel er geben konnte.

»Ho!« rief _Dulli_: »was fehlt mir nun noch? womit soll ich danken?«

Florentin. Daß du uns den nächsten Weg zum bequemsten Wirthshause zeigest.

Dulli. Wenn Ihr nicht die Nacht hindurch traben wollet; so werdet Ihr ausser einigen elenden Dörfern 3 Meilen in der Runde nichts Gutes finden. Doch, still, behagts Euch, so nehmt bei mir Herberge in meiner Einsiedelei. Eßlust soll Euch da die Speisen würzen, Müdigkeit und eine weiche Streu Euern Schlaf. Für die Pferde ist Grasung noch vorhanden, und für Eure Unterhaltung meine Person und die lustige Thalgegend.

Florentin nahm nach einigem Bedenken das Anerbieten an; man sezte sich zu Pferde und folgte dem Eremiten zu seiner Eremitage nach, die in der That angenehm umgegnet war, wenn mir der Ausdruk erlaubt ist.

Siebentes Kapitel. Florentin in Kanella.

Der Abend war schön, die Landschaft begeisternd unterm Rosenscheine, -- _Florentins_ Seele hochgestimmt zu lieblichen Empfindungen; darum blieb er lange bis in die sinkende Nacht mit dem sonderbaren _Dulli_ vor dessen Hütte sizzen.

Ihr Gespräch bezielte vornämlich die ewigen Unordnungen in Kanella; _Florentin_ suchte vom _Dulli_ den Geist der Kanelleser zu studieren; er lies sich Adel und Volk durch einzelne Anekdoten karakterisiren, und erfuhr aus alle dem so viel, daß jenen Unglüklichen, welche vom Druk einer ganzen Reihe Despoten schier zu allem Großen entnervt waren, nur ein schlauer, kalter Wagehals mangelte, um die Ketten zu sprengen, das Joch abzuwerfen, den Tyrannen zu stürzen.

Florentin. Dulli, begleite mich dahin.

Dulli. (ihn angaffend) Nach Kanella?

Florentin. Nach Kanella.

Dulli. Mag ich nicht. Habt Ihr denn noch nicht genug gehört, um Abscheu wider Kanella zu fassen?

Florentin. Nein, ich bin nur doppelt gereizt dahin zu eilen.

Dulli. Bei Gott, das versteh' ich nicht.

Florentin. Kehr' in meinem Gefolge nach deiner Vaterstadt zurük.

Dulli. Nein. Ich hasse die Stadt. Meine Ladda lebt noch!

Florentin. Desto besser.

Dulli. Desto schlimmer.

Florentin. Vielleicht bist du im Stande deinem seufzenden Vaterlande zu helfen.

Dulli. Helfen? -- hi, hi! schaden würd' ich, schaden! rächen würd' ich mich, wo mir die Gelegenheit auch nur einen Finger, statt der Hand, böte.

Florentin. Desto besser, wenn du mit solchem Plan und solchem Muth nach Kanella kämest.

Dulli. Was?

Florentin. Mir scheints, als würd' es bald zu großen Auftritten kommen, als werde bald Blut vergossen werden, um die alte Freiheit wieder zu erringen.

Dulli. Sagt lieber, um den Strik fester zu drehen, welchen man der Freiheit an den Hals legt.

Florentin. Ich stehe den Kanellesern wider ihre Tyrannen bei. -- Ich sage dir, Dulli, komm mit mir!

Dulli. (lachend) Meint Ihr?

Florentin. Ein Mann deines Schlages fehlt mir.

Dulli. Nein, nein, schleppt mich nicht wieder zurük zu jener Schädelstatt Kanella!

Florentin. Aber wenn du nun hören wirst, wie sich der Staat frei gemacht hat, wie Piedro, wie Benedetto, wie Moriz und der ganze fürchterliche Anhang geschlagen worden sind -- wenn du nun das hören wirst! -- --

Dulli. Das sollte mich doch ärgern, wär ich nicht dabei gewesen.

Florentin. Hast du Muth?

Dulli. Gebt mir ein Messer und ich schlage mich wieder zwei, drei Degen.

Florentin. Bist du treu?

Dulli. Wie Euch Euer Schatten.

Florentin. (ihm auf die Achsel schlagend) Kanella wird frei! (steht auf)

Dulli. (aufspringend) Herr, ich gehe mit Euch.

Diese Worte sprach _Dulli_ mit halben Jauchzen. Seine ganze Seele schilderte sich in seinen Tönen. Er sprang auf; lief in die Hütte; sammelte seine Kleinigkeiten; schnürte ein Bündel daraus; suchte sein verrostetes Jagdmesser hervor, schliff es blank auf einem Steine und konnte die ganze Nacht nicht ruhen.

Der Morgen brach endlich an. _Florentin_, _Badner_, _Gotthold_ und _Dulli_, welchem man in dem ersten Dorfe ein Pferd erhandelte, sezten ihre Reise fort.

Ich halte mich nicht mit der Erzählung von tausend kleinen Merkwürdigkeiten auf, die abwärts vom Plan meiner Geschichte führen, sondern eile so sehr als möglich dem kühnen Grafen nach, der, unterstüzt durch seine schwarzen Bündner angeflammt durch die große wohlthätige Sache, es über sich nahm, einem Auslande Rettung und Freiheit zu verschaffen, das bis jezt noch nicht an sich selber im Stande war, ihm solche fürchterliche Verpflichtung aufzulegen. In der That, es ist noch nicht so gros gehandelt, wenn Patriotismus, Selbstrache, eignes Elend, und Elend seiner Vertrauten einen Mann zu dem Entschluß führt, solche Riesenthat in begehen, als wenn Ehre, Gefühl und Mitleid für die leidende Menschheit einen Fremdling dazu auffodert und wirken macht. -- Verzweiflung ist gewöhnlich die Mutter aller Revolutionen, nur hier war sie's nicht, sondern _Florentins_ ungewöhnliche Geistesgröße und Empfindsamkeit für alles was Noth duldet, was den Stempel des Guten trägt.

Und doch zweifle ich sehr, ob je unser guter _Graf_ sich je einer solchen gefährlichen Arbeit unterwunden hätte, wenn nicht seine Schiksale eben die dazu erforderliche Stimmung der Seele in ihm erschaffen, nicht mannichfache Gefahren ihn furchtlos vor denselben, nicht unzählige Leiden ihn zum wilden, schwärmerischen Starrkopf gebildet, nicht Erziehung und verlorner Genuß des allgemeinen Ruhmes ihn dürstiger nach demselben gemacht hätten.

Als er eines Tages mit seinem Gefolge eine Anhöhe erreicht hatte, von welcher man meilenweit umherschauen konnte; als _Dulli_ plözlich und mit heilsamen Grausen ausrief: »dort! seht dort die Thürme von Kanella!« -- als alle bei diesen Worten standen, ihre Augen hinwandten nach der Gegend und: »Kanella!« leise stammelten -- da blizte ihm frohe Hoffnung durch die Seele, die Szenen der Zukunft gruppirten sich prophetisch vor ihm hin, und er fühlte sich stark genug für sie. Wer den Mann in diesem Augenblik gesehn hätte, wie er da stand Kanellas Schuzgott, der Freiheit herbeifliegender Genius, wie seine ganze Seele sich wiederspiegelte in seinen Mienen, wie die Sonne Glanz der Verklärung über ihn herabgoß, seine Haarlokken stürmisch im Winde rollten; -- fürwahr der würde ihn mit einem Helden der Vorwelt verwechselt, für einen _Scipio_, oder _Tell_ gehalten haben.

Sie schritten die Anhöhe jenseits hinunter und fanden am Fuße derselben einen Zug von Reisenden, die ihnen theils auf Pferden, theils in Wagen entgegen kamen, bald darauf, ohnweit einem Wirthshause an der Landstraße still hielt und sich da voneinander trennen zu wollen schien. Man sahe ein rührendes seltsames Schauspiel, indem sich Männer und Damen wechselseitig unter einander umarmten, einige laut weinten, andre wieder fluchten und die Degen zogen und hochschwangen. Ein junges Frauenzimmer sank ohnmächtig zwischen einem Greise und einem Jüngling nieder.

_Florentin_ gab seinem Pferde den Sporn und flog dem Auftritt näher. Er grüßte die Personen, welche wir, meine Leser und Leserinnen, schon größtentheils einmal irgendwo gesehn haben, aber niemand erwiederte _Florentins_ Gruß.

»Hilf Himmel!« rief _Dulli_ mit einemmale indem er sich einem jungen Manne nahte: »seh' ich recht? Giovanni Borsellino!«

Der _Jüngling_ drehte sich um; mit rothgeweinten Augen starrte er den Frager an.

»Kennt Ihr mich nicht mehr?« fuhr _Dulli_ fort.

»»Ah, wie sollt' ich nicht, Dulli?««

»Ihr steht ja so verwildert da? was macht der alte Borsellino, Euer herrlicher Vater?«

»»Er schläft unter der Erde -- Moriz hat ihn erschlagen, und die feigen Kanelleser sahen dem ruhig zu.««

»Und Ihr?«

»»Und ich und jene dort sind Landesverwiesene jezt.««

»Landesverwiesne!«

»»Wo willst du hin?««

»Nach Kanella.«

»»Und wer ist dein Herr dort?««

»Ein deutscher Graf, genannt Florentin von Duur, der Geschäfte am Hofe Piedros hat, werth ist Euer Freund zu sein und vielleicht Eure und Eures Vaters Schmach rächt.«

Borsellino und die übrigen hörten nicht sobald _Piedros_ interessante Worte, als sie sich unserm _Grafen_ näherten, ihn begrüßten, sich in Unterredung mit ihm einließen und ihn liebgewannen.

»Ich dächte,« sagte der alte _Eo_: »wir träten auf ein paar Augenblikke in jenes Haus. Bei einem Glase Wein ließe sich so manches verhandeln, und Ihr, Graf Fiorentino, ob wir gleich mit Euerm Herzen noch gar wenig vertraut sind, Ihr dürftet es vielleicht nicht bereuen, uns kennen gelernt zu haben.«

Alle stimmten dem Landesverwiesnen _Eo_ bei, und _Florentin_ willigte ein.

Gewiß gereuete dem _Grafen_ dieser Gang nicht, so wenig derselbe für ihn auch anfangs bedeutend schien; denn nicht genug, daß er hier eine kleine Anzahl merkwürdiger Männer kennen lernte, welche auch selber in ihrem Exil auf Kanella's Wohl und Weh Einflus haben konnten; nicht genug, daß er die Lage dieses verunglükten Staats von ganz neuen Seiten zu betrachten Gelegenheit hatte; nicht genug, daß er schon das Volk zu einer großen Regimentsumwälzung vorbereitet fand, und daß allen Entwürfen zu derselben bisher nur feinere Politur, Reife, und Abwartung eines Zeitpunktes gemangelt hatte, um sie mit Glük auszuführen: so lernte er jezt auch einen für die Folge wichtigen Menschen kennen -- nämlich einen adlichen Kanelleser, _Borghemo_.

_Borghemo_, welcher nicht selber Exulant war, sondern nur die verwiesnen Freunde begleitete, wußte durch sein Aeusseres einem jeden zu gefallen. Er war ein schöner, junger Mann; stark gebaut und nervigt, wie ein Herkules; war der Stolz des Kanellesischen Adels, der Liebling der meisten Damen. -- _Borghemo_ wäre vielleicht allein im Stande gewesen mit seinem Kopf eine Revoluzion zu bewirken, Piedros Minen wider ihn selber aufzusprengen, und den fürstlichen Bösewicht mitten unter seinen Schaarwachen zu züchtigen, hätte nicht dieses Halbmuster männlicher Vollkommenheit durch einen eben so vortreflichen als verhaßten Karakter sich selber und seinem Vaterlande geschadet. Stolz war der Grundzug desselben; nur diesem ein Opfer zu bringen, war er heut ein Engel, morgen ein Teufel; liebte er heute, haßte er morgen. Die sprödesten Vestalinnen waren das Ziel seiner Eroberungen, die Gefahr hieß seine Favorite, Tugend und Laster waren seine Bediente.

Sehr natürlich, daß dieser Mann unserm _Grafen_ auffiel, daß er sich vorzüglich mit ihm unterredete, und um seine Freundschaft buhlte.

»Fiorentino!« rief _Borghemo_ und zog ihn mit sich zum Zimmer hinaus, durch den Hausgarten in ein dicht daran stoßendes Gebüsch.

»Fiorentino, seid wer Ihr wollt, treibt mit unserm Afterfürsten Geschäfte, welche Ihr wollt -- Ihr seid ein Deutscher und das ist genug für mich. Ich kann mich unmöglich überreden, daß Ihr ein Schurke seid, nicht mein Freund werden werdet. Hört mich an! -- Ihr habt jezt den wakkern _Eo_, den jungen _Borsellino_ gesehn, und die andern, welche heut über die Gränze wandern werden. Sie zettelten, Kanella von einem Ungeheuer zu erlösen, eine Konspirazion unter sich an, die mehr ihrem unternehmenden Geiste, als ihrer Ueberlegung Ehre macht, denn sie wurden verrathen in einer ihrer Zusammenkünfte sämmtlich aufgehoben, als Staatsverräther und Rebellen angeklagt, und, weil sie hartnäkkig läugneten, aus lauter Gnaden von Piedro, Moriz und Konsorten nur aus dem Kanellesischen Gebiete verwiesen. -- Aber, bei Gott, sie werden dort nicht müssig _Piedros_ Tyranneien zuschaun, und ich nicht müssig in Kanella umherwandern. Ich -- ich sezze das begonnene Werk fort! Sagts dem Piedro und seinen Orakeln wieder, ich stürze ihn, oder er mich! -- Seid ihr mein Freund? -- redet! redet, hat mich Euer Vaterland und Euer Gesicht belogen?«

»»Ich hoff es nicht!«« erwiederte _Florentin_.

_Borghemo_ führte den _Grafen_ in einen abgelegnen dunkeln Winkel, zog ein Blatt aus seiner Brieftasche, starrte seinen Mann an und schien eine wichtige Frage vorräthig zu haben.

»Fiorentino, hört mich -- wenn -- nein -- doch es ist möglich! -- könnt Ihr diese Zeilen lesen? Sie sind in einer abgestorbnen Sprache mit fremden Lettern geschrieben.«

Florentin nahm das Blättchen, las, erstaunte freudig und fuhr mit der flachen Hand plözlich gegen seine Stirn, _Borghemo_ ward aufmerksam:

»Wahrhaftig, ein Schwarzer?«

»»Ein Schwarzer!«« antwortete _Duur_ leise und zeichnete mit dem Stokke sieben verschiedne Züge in den Sand. --

_Borghemo_ lag in _Florentins_ Armen.

Das stille Entzükken der neugebornen Freundschaft durchwärmte sie, drängte ihre hochklopfenden Busen aneinander, lies ihre Arme sich in einander verschränken, glühende Lippen an glühenden Lippen sinken und ihre glänzenden von einer leichten Thräne gebrochnen Augen aufstarren in seeligen Taumel. Sie empfanden beide das süße Vorrecht zarter, gefühlreicher Seelen, den Kelch der Freude da ganz ausschlürfen zu können, wo andere nur nippen dürfen.

»Heilig, heilig ist das Band!« rief _Borghemo_: »heilig das Band, welches uns zusammenführte und uns umschlang, ehe wir gegenseitige Ahndung von unserm Dasein in der Welt empfanden! Heilig ist der Bund der schwarzen Brüder!«

Sie drükten sich noch einmahl Brust an Brust, und kehrten wieder, Arm in Arm, zur Gesellschaft zurük. Hier herrschte eine traurige Stille; nur _Giovanni Borsellino_ schien von allen Exulanten noch der zufriedenste zu sein, weil er an der Seite der geliebten _Laura Eo_ Kanella verlassen konnte. Jezt bestieg man wieder Pferde und Wagen; die Trennung war schmerzhaft, die Verwiesnen zogen über die Gränzen des unglüklichen Vaterlandes; _Borghemo_ mit seinen Freunden aber und _Florentin_ mit _Gotthold_, _Badner_ und _Dulli_ trafen spät in der Nacht zu _Kanella_ ein.

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren.

»Von drei Jahren!« hör ich mir meine Leser unwillig zurufen. -- Freilich, meine Lieben, eine ansehnliche Lükke, oder vielmehr ein großer Sprung über tausend Tage hinweg; doch vergessen Sie auch nicht, daß ich nur ein unterhaltender Erzähler, mit nichten aber ein gewissenhafter Historiograph, sein will. Dieser würde über die meisten von mir hocherwähnten Begebenheiten, als Bagatellen, hinübergegangen sein; ich hingegen vergesse alle chronologische, politische, statistische Notizen, die _ihn_ mehrentheils beschäftigen, und suche mir aus der bunten Menge der Szenen nur diejenigen hervor, in welchen sich menschliche Karaktere am deutlichsten wieder gespiegelt haben.

Florentin von Duur befand sich, wie Sie wissen, in _Kanella_; vermöge eines gewissen fürstlichen Empfehlungsschreibens gelang es ihm an Piedros Hofe eingeführt zu werden. Sein Aeusseres mußte nothwendig den Kanelleserinnen ersten Ranges gefallen, und gewis würde er im Zirkel derselben eine glänzende Rolle gespielt haben, wenn nicht sein ernstes Wesen, seine unzerstörbare Melancholie, welche durch all seine Blikke, Mienen, Gespräche und Handlungen hervorschien, eben so sehr zurükgestoßen hätte, als sein männlicher Reiz anzog. Daher floß die natürliche Folge, daß er am Hofe Kanellas weniger bemerkt wurde; daß ihn die Damen bewunderten, aber nicht liebten; daß ihn _Piedro_ zwar seiner Staatskunde und Einsichten in die Volksregierung willen achtete, nicht selten auch seinen Rath annahm, aber ihn doch nur ausserordentlich selten hervorzog; daß Prinz _Moriz_ und der Kardinal _Benedetto_ ihn kaum ihrer Aufmerksamkeit würdigten, besonders, da er sich in Rüksicht dieser beiden Halbungeheuer, stets nach aller Hofetikette leidend und unterthänig verhielt.

Hiezu kam noch, daß _Florentin_, da er kaum ein halbes Jahr in Kanella figurirt hatte, von einer Krankheit überfallen wurde, die ihn viele Monate unthätig machte. Nur seine Jugend rettete ihn vom Tode, dessen Pfortenschwelle er schon betrat. --

Mit einem Worte drei Jahre waren ihm verschwunden wie drei Tage.

Allein müssig konnte ein _Florentin von Duur_ in dieser Epoche nicht sein. Einen verdorbnen Staat zu reformiren, dazu bedarf es mehr, als oberflächicher Kenntnis desselben. Sich ganz in diesen neuen, unbekannten Verhältnissen zu orientiren, alle geheimliegende, verstokte, oder vergiftete Quellen, aus welchen so vieles Wehe über Kanellas Bürger quoll, aufzuspüren; sich Freunde in der Noth, Anhänger inner- und ausserhalb der Kanellesischen Gränzen anzuwerben -- dazu waren mehrere Jahre nur kaum hinlänglich.