Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Part 6

Chapter 63,296 wordsPublic domain

»Von Seiten der Verrätherei haben wir also wenig nur zu befürchten. Jezt hört mehr! Ihr seid künftighin verbunden, wie jedes andre Glied unsrer Kette _vierteljährige_ Nachrichten von Euern _Plänen, Thaten, Familienumständen, Veränderungen des Aufenthalts, neuen Bekanntschaften u. s. f._ ohne Heuchelei und Trug an den _Ordensregenten_ Eurer Provinz einzuliefern, das heißt, der _Ordensprovinz_, in welcher Ihr Euch befindet. Die Regenten haben unter sich wiederum einen _Obern_, der uns allen unbekannt ist, die wir nie auf dem Regentenstuhle saßen. An diesen Obern fließen die merkwürdigsten Gegenstände aus der Geschichte des Bundes in Auszügen von den Regenten aus ihren Provinzialmemoiren geliefert. Dieser _Obere_ überblikt das _Ganze_; _unbekannt_ wirkt er auf alle; theilt den Regenten Entschlüsse mit; formt Staaten um und hat Kunde von den Kabinettsgeheimnissen aller Mächte in Norden, Süden, Westen und Osten, -- wo denn _ein_ Federzug von ihm, sobald es der Menschheit heilsam ist, Kriege, Aufrühre, Staatsumwälzungen und Friedensschlüsse verursacht. Er ist ein _Gott_, welcher über die Fürsten dieser Welt durch die ausgebreitetste, fein- und festgewebteste, ehrwürdigste Verbindung der besten Köpfe und Karaktere jedes Reichs, _erhaben_ steht; welcher Potentaten lenkt am unsichtbaren Faden seiner Macht; ihnen beglükende Pläne zuspielt, oder schlechte zerreißt. Ihr staunet? -- Ha, _Vinzenz_, es ist schmeichelhaft, die Laienwelt unvermerkt hinzudrängen zum Ziele alles Strebens, zum _allgemeinen Wohl_! -- Es ist schmeichelhaft, mit seinen Augen die Zukunft guten Theils schon jezt durchschauen zu können; Entwürfe in unsern _Archiven_ zu erblikken, welche diesem oder jenem Monarchen vorgeschrieben wurden, die er ausführte oder noch vollenden soll. Noch ists nicht die Zeit, aber einst wird sie tagen, wo wir _Urkunden über die Motive mancher ehmaligen Begebenheiten_ ausstellen, und die neuere Geschichte der Welt fürchterlich _reformiren_ werden. Wer, meint Ihr, Vinzenz wars, der die _Jesuiten_ entthronte? wer, der die Befreiung _Nordamerikas_ beschlos und vollenden half? wer, durch dessen Arm Künste und Wissenschaften in die nördlichern unkultivirten Gegenden des Erdbodens verpflanzte? wer, der den Geist des Freidenkens und Aufklärens über _Deutschland_ ausgoß? -- O, könnte mancher _Todte_, dürfte mancher _Lebende_, von dem man es am _wenigsten_ erwarten sollte, _reden_! -- Vinzenz -- doch ich schweige! Aber, wer _Ohren_ hat zu hören, der _höre_! wer _Augen hat zu sehen, der sehe nun!_ -- Es kann noch kein Jahrhundert verfließen: so wird man nie geträumte Verwandlungen in den Staatsverhältnissen Europens wahrnehmen; _Kanella, Holland, Brabant, Frankreich, Pohlen, Ost- und Westindien_ werden unter den Händen der schwarzen Brüder neue, dem menschlichen Geschlechte wohlthätige Formen gewinnen. -- Ihr zweifelt?«

»»Ich erstaune!«« rief _Bruder Vinzenz_, und schlug die Hände zusammen.

»Wenn Ihr wißt, daß wir aus unsrer Mitte die Männer liefern, welche die interessantesten Rollen im Staate zu spielen haben; die Räthe zum christlichen Ministerio, Konsisiorio, Militair, Schulwesen, und so liefern; wißt, daß Schriftsteller, Hofleute, Aerzte, Bischöffe, Lehrer, Prinzenerzieher, Buchhändler, Kapitalisten, Kriegsleute, Schauspieler unsre Genossen sind, die _eine Kette_ in _vielen_ aneinanderhängenden _Gliedern_ ausmachen, so denke ich, werdet Ihr nicht mehr zum Erstaunen Ursach haben.«

»»Aber wie,«« entgegnete bestürzter, als je, der _Graf_: »»wie ists möglich, daß Männer von so verschiednen Talenten und Launen für den schwarzen Bruderbund gewonnen, festgehalten, und an _einem_ Ziele hingestimmt werden können?««

»Eben ihre _Talente, Schiksale_ und _Launen_ sind es, deren wir uns bedienen, sie an uns zu ziehn, und festzuhalten!« erwiederte der _Redner_: »Denket an _Euch_! _Holder_ ließ Euch einen Traum von zween Tagen träumen; ein Schlaftrunk brachte Euch in unsere Gewalt; berauschende Getränke schlossen uns Euern Karakter ganz auf; wir gaben Euch durch mancherlei Maschienerien diejenige Seelenstimmung, welche wir wollten; wir enthüllten Euch, so viel Ihr anfangs wissen dürftet, um lüstern nach mehrern Offenbarungen zu werden. Euer Traum war vorbei. Wir beobachteten Euch nach demselben; Ihr gewannet unsern Beifall, Euer Schiksal an Adolfs Hofe machte Euch ganz zu unserm Eigenthum. Jezt seid Ihr unser, so wie wir Euer, Ihr werdet gern zur Ausführung unsrer wohlthätigen Absichten für die Menschheit stimmen, wenn Ihr anders das Biederherz in der That besizzet, welches Ihr zu besizzen durch mehr, als eine, Handlung zu verrathen gabet. -- Und so, Vinzenz, wie _Ihr_, auch _tausende_. Glaubt mir, _es ist nichts leichter, als Menschen zu erobern und an Entwürfe festzuschmieden, wenn man ihr Temperament zur Kette für sie macht!_«

Florentin. Aber wie mag nun dieser ungeheure Koloß zur Bewerkstelligung _einer einzigen_ großen Absicht hingeleitet werden? Sollten nie Uneinigkeiten unter Euch herrschen? sollte in Eurem Bunde das Sprüchwort zum erstenmahle lügen: viel Köpfe, viel Sinne?

Redner. Uneinigkeiten sind nach der Einrichtung unsere Bundes _unmöglich_. Die weisesten, edelsten, leidenschaftslosesten Männer machen das kleine Corps unserer Obern aus -- und wo die Leidenschaft _schweigt_, findet sich das _Gute_ und die _Wahrheit_ bald. Sodann gehn die Befehle von dem Munde der Regenten an die einzelnen Bündner, und zwar so, daß jeder _Kopf_ etwas _seinem_ Sinne behagliches zur Ausführung empfängt. Jeder Befehl ist weiter nichts, als die _besondre_ Aufmunterung zu einer _jezt vorzüglich nothwendigen guten That_. Jeder _Kopf_ wirkt nun nach seinem _Sinn_ wie wir es wünschen im Staatsrathe, in dem Sinedrio, in Parlamenten, in Reichsversammlungen, Landtägen, Kirchen, Schulen, Schriften, Schauspielen -- kurz von allen Seiten her wirkt alles nun nach _einem_ Mittelpunkt hin. --

Florentin. (begeistert) Man sagt in der gewöhnlichen Welt; der Flug des menschlichen Geistes sei in unsern Tagen kühn und erhaben, aber, bei Gott, hier däucht mir jede große That, wie Knabentändelei gegen das Werk eines Riesen.

Redner. Ihr scheint außer Euch zu sein, Vinzenz, schon berauscht zu sein vom ersten flüchtigen Abschlürfen des Bechers, welchen wir Euch reichen -- wie wird es werden, wenn Ihr ihn ganz auszuleeren Erlaubnis und Macht empfanget?

Florentin. Also harrt meiner noch eine Zeit, welche viel grössere Geheimnisse abschleiern kann?

Redner. Wohl harrt sie Eurer!

Florentin. Ihr stürzt mich von einem Erstaunen ins andre; ich komme nicht zu mir selber.

Redner. Glaubet mir, Bruder, daß zwischen Erd und Himmel noch _Wahrheiten_ und _Möglichkeiten_ im geheimnisvollen Dunkel wohnen, noch _Sinne_ für _gewisse Dinge_ vorhanden sind, von welchen der großen Schaar hochgelahrter Akademisten und Stubengelehrten noch nicht die flüchtigste Muthmaaßung angeschwebt ist! -- Doch vor izt habet Ihr genug erfahren; große Handlungen bahnen Euch den Weg zu erhabnern Einsichten. Amen!

_Florentins_ Bestürzung läßt sich unmöglich beschreiben. Man hörte auf zu ihm allein zu reden, sondern die Unterhandlung wurde wie vorher, gemeinschaftlicher, lebhafter. Nur _Florentin_, mit unter einander geschlagnen Armen, in tiefer Betrachtung herabgesenktem Haupte, stand unbeweglich da auf seiner Stelle, und achtete nicht auf das, was um ihn her vorging.

Einer der _Schwarzen_, der höhern Ranges im Bunde zu schien, schlos sich jezt an ihn:

»Die Zeit unsers Beisammenbleibens ist kurz; vergrabet Euch nicht in Euch selber, Vinzenz, sondern benuzzet die flüchtigen Minuten!«

Florentin. Gott! sollt' es möglich sein alles das, was ich so eben gehöret habe? -- Ist die Gewalt unsers Bundes in der That so groß?

Ein Schwarzer. Unstreitig.

Der Redner. Jeden Zweifel in Eurer Brust zu tödten ist unsre und Eure Pflicht; unbegränztes Vertrauen auf die Macht der schwarzen Brüder ist Euch nothwendig. Fordert deswegen von dem Orden ein Beweisstük dessen, was ich Euch im Namen der Brüder vortrug.

Florentin. (zurükgezogen) Ich fodre nicht, -- ich zweifle nicht mehr.

Der Redner. Ihr sollt durch Thatsachen überführt werden, daß wir nur Wahrheit reden und nicht prahlen können. Wünschet!

Florentin. Ich -- doch nein, jeder Wunsch würde beleidigenden Verdacht äussern müssen.

Viele Brüder. Verlanget! wünschet! wir bitten Euch.

Florentin. (stokkend) Führt mir die liebenswürdige Schwester des Herzog Adolf, und wenn auch nur auf eine kurze Zeit, zu.

Der Greis. (lächelnd) Mehr nicht?

Florentin. (staunend) Ich befürchtete, um eine Unmöglichkeit gebeten zu haben.

Der Greis. Ihr habt jezt, weil Ihr von allen andern Verbindungen durch Eure Landesverweisung abgerissen seid, für den Orden, in Sachen der _menschlichen Freiheit_, eine ansehnliche, baldige Reise vor Euch. Diese läßt sich unmöglich aufschieben -- aber auch in fremden, ziemlich entfernten Landen soll Euch Euer Wunsch gewährt werden.

Florentin. Wann -- wann soll ich die Prinzessin Louise sehn?

Der Greis. Dann, Vinzenz, wann Euch Erquikkung nach der Arbeit noth ist. -- Dies könnte wohl bald geschehn!

Florentin. In einem entlegnen Lande die Prinzeßin wiederfinden? Ist das möglich?

Der Greis. (ihm die Hand drükkend) Vertrauet uns!

Einige der Schwarzen. Der Morgen graut! laßt uns zum Ziele eilen!

Der _Greis_ nahm sogleich seinen Thronsessel von neuem ein; die schwarzen Brüder stellten sich um denselben schweigend hin und der _Redner_ führte abermals den _Grafen_ vor den _Greis_ und die Versammlung.

»Laut Nachrichten, die wir von dem Obern empfangen,« begann der _Redner_: »beläuft sich die Zahl der schwarzen Brüder in Kanella nicht hoch. Es sind ihrer nur zehn; seit dem Tode Borsellinos noch _neun_. Die Zahl derselben muß vermehrt, und Kanellas despotische Regierungsform umgeschmolzen werden. Die Bürger Kanellas bedürfen eines Anführers, um frei zu werden, loszuschütteln die angelegten Ketten, zu zerschmettern den Thron, um welchen die Elenden, als Sklaven kriechen. -- Vinzenz, wir haben Euch geprüft! Ihr seid zum Befreier Kanellas berufen?«

Florentin. (den Redner anstarrend) Ich _berufen_?

Redner. Verhüllt Eure Talente, Eure Wissenschaften, Euern unternehmenden Geist nicht vor uns in den unnüzzen Mantel der Bescheidenheit -- Kanella hofft von Euch Freiheit.

Florentin. Werd _ich_ sie dem unglüklichen Staate geben können? -- An Muth mangelts dieser Brust nicht, ein solches gefährliches Wagstück zu wagen; schon der Gedank' ist begeisternd, es zu unternehmen, was nur die größten Männer je unternahmen, wenn auch eignes Unglük nothwendig an das Glük Kanellas gebunden läge -- aber -- -- --

Fünftes Kapitel. Etwas für Republikaner.

Ich weis nicht, ob ich nicht mancher meiner Leser -- ermüden würde, wenn ich ihm von den politischen Plänen der schwarzen Herrn vorplauderte; ich weis aber auch nicht, ob ich manchem gefallen könnte, wenn ich die Gründe des schwarzen Bundes zu Staatsreformen verschwiege -- beiden also ein Genüge zu thun, widme ich diesem Stoffe ein eignes Kapitelchen, welches nun nach Belieben zu lesen oder zu überblättern ist.

_Florentin_, der düstre, wilde _Florentin_, welcher so unglüklich war, Alles zu verlieren, was ihm hienieden Seeligkeit war, eine Geliebte, viele Freunde und Freundinnen, Verwandte, Vaterland, Aussichten in ein Thatenreiches Leben zu verlieren; _Florentin_, dessen brennender, unersättlicher Durst nach Ruhm und großen Handlungen aus jeder seiner ehmaligen Absichten zu erkennen war, und welcher jezt in der Mitte von Männern, die mit ihm so sehr in diesem Punkte harmonirten, doppelt anwuchs; _Florentin_, der jedes, auch das geringste Elend des Menschen so innig mitfühlte, der aus jenem erkünstelten, wachendgeträumten Traum einen fürchterlichen Haß wider alle fürstliche Despotie eingesogen hatte -- dieser _Florentin_, sage ich, konnte unmöglich länger einem Antrage widerstehn, der so sehr allen Gefühlen, Affekten und Leidenschaften in ihm schmeichelhaft klang.[A] -- Er hätte lieber aufjauchzen mögen im Hoch- und Frohgefühl seiner Seele, bei dem Zuruf der _Schwarzen_: »seid Kanella's Retter!« als einen unnatürlichen Widerwillen oder Gleichgültigkeit zu simuliren. -- Er konnte nicht lange diese Maske tragen; er warf sie ab und alle Anwesende riefen ihm Beifall und Glükwünsche.

[Fußnote A: Hier hatte der Orden praktisch bewiesen, daß nichts leichter sei, als jemanden am Zaum seiner Neigungen zu einem beliebigen Ziele hinzuleiten!]

Der _schwarze Redner_ aber reichte ihm ein versiegeltes Paket Schriften, welches fernerweitige Instrukzionen des Ordens bei dieser seiner Operation enthielt, welche der _Graf_ zu sich nahm, und worauf jener so eine Apologie dieser Handlung des Ordens anhub:

»Brüder, der Zwek unsers alten Bundes wars immer: Beförderung menschlicher Glükseligkeit, sie zu bewachen in einzelnen Personen und im Ganzen. Der feinsten Moral wird durch diesen Grundsaz nicht wehe gethan, eben so wenig durch die Mittel denselben anwendbar zu machen!«

»Und wenn nun ein ganzes Volk unterm Tyrannenjoche seufzend, seine Rechte zertreten, seinen Handel und Gewerbe blütenlos, seine Freuden vernichtet sieht -- sollte solch ein Gegenstand, welcher das Gefühl jedes Menschen empört, nicht auch unser Erbarmen rege machen? Freiheit ist nun einmahl der Natur schönstes Vermächtnis an den Sterblichen, darf ein Mensch dieses dem andern gewaltsam oder listigerweise rauben? Sklaverei ist der Tod alles irdischen Glüks! --«

»Zwar hat das Volk seinem Fürsten gewisse Rechte zuerkannt, aber nie das Recht der allgemeinen Freiheitsräuberei. Das Volk ist nicht um des Fürsten willen, sondern der Fürst um des Volkes willen vorhanden.«

»Jeder Staat ist an sich eine Republik; bürgerliche Ordnung und Sicherheit zu erhalten mögen _mehrere_, oder _einer_ die Aufsicht über das gemeine Wesen haben, -- gleichviel, wenn nur die Beschüzzer der Ordnung und Ruhe ihre Pflicht erfüllen, daß Gott und Menschheit zufrieden sein dürfen. Wie aber, wenn das Gegentheil eintritt? soll da das Volk verzweifeln und schweigen? soll der zertretne Wurm sich nicht krümmen dürfen unter den eisernen Fersen der Grausamkeit? soll das freigebohrne Volk seine geraubte Freiheit nicht wiederfodern dürfen?«

»O, es müssen viele Szenen vorangehn, ehe die Nazionen sich auflehnen, ehe die Liebe zu ihren Beherrschern ausgetilgt wird! Nur die _Verzweiflung_ wagt erst einen solchen Schritt, aber dieser ist dann auch desto _fürchterlicher_!«

»Nur erst, wenn jede andre Hoffnung dem bedrängten Volke entschwindet, wenn eine ganze Reihe von Tyrannen und Tyranneien die Geduld desselben ermüdete, wenn neue Neronen zum Ruin des Landes ausgebildet, die traurigste Aussicht in die Zukunft darstellen, nur dann erst ist das Volt berechtet, eigenmächtige Veränderungen in seiner Regierung vorzunehmen.«

»Brüder, sehet auf manche Staaten Europens -- und fühlet Ahndungen. Nicht vergeblich hat der Orden der schwarzen Brüder allenthalben und durch mannigfache Mittel den Geist der Freiheit auszubreiten gesucht -- nicht umsonst sind dadurch hie und da kleine Revolten entsprungen; alles dies geschah die Landesherrn aufmerksamer auf ihr, ihnen vom Volke anvertrautes, Amt zu machen, wehe ihnen, wenn sie diese unsre Winke mißverstehen!«

»Hätten alle Nazionen nur _Josephe_, _Friedriche_, und _Wilhelme_ auf ihren Thronen, o, so würde nie ein Miston in die Hymnen derselben auf ihre Fürsten einschleichen! Aber mancher Staat ist unglüklich genug, einen _Piedro_, einen _Ludwig_ als seinen Landesvater verehren zu müssen, unglüklich genug noch eine ganze Reihe von _Piedronen_ und _Ludwigen_ erwarten zu müssen, -- darum, Freunde habet auf die Folgen wohl acht!«

»Auf, Vinzenz, flieget nach Kanella, feuert den Genius des Volkes wieder an, groß und liebenswürdig zu sein, wie ehmals; durchspähet die Intriguen der Mittyrannen Piedros, wiegelt Volk und Fürsten gegen einander auf, verlieret eher Euer Leben, als Euern Muth. Freilich ist der Kampf zwischen Sklaverei und Freiheit schreklich, er wird mit Bürgerblut verbunden sein; aber der Staat laborirt an einer Todeskrankheit, Ihr seid der Arzt; laßt es immer hin zur furchtbaren Krisis kommen, die Krankheit muß sich brechen. Eilet hin, _Piedros_ Grausamkeiten ein Ziel zu sezzen, -- ein andrer soll, später oder früher _Ludwigen_ ein Gleiches thun![A]«

»Aufklärendes, herrliches Jahrhundert, du erschienst den Erdbewohnern in einem glänzenden Gefolge -- führst du uns nicht auch die goldne republikanische Freiheit zu? -- Geht, Vinzenz, wir sehen im Geiste einen schönen Ausgang Eurer Unternehmungen zuvor. Und sollte Euer Muth erschlaffen: so suchet in den Jahrbüchern der Welt die seligsten Perioden der meisten Völker auf, Ihr werdet sie finden unter der Rubrik: _republikanische Staatsverfassung_. Forschet dann nach den traurigsten Zuständen der meisten Völker, Ihr findet sie größtentheils unter der Regierung monarchischer Despoten. _Rom_ und _Griechenland_ sanken, als sie nicht mehr frei waren, die _nordamerikanischen Freistaaten_ stiegen empor, da sie frei wurden!«

[Fußnote A: Die _schwarzen Herrn_ sind fürchterliche Worthalter; wem ist Frankreichs jezzige Lage, _Ludwigs_ mislungene Flucht aus seinem Reiche unbekannt?]

»Gegen einen _Numa, Titus, Mark Aurel, Alraschid, Nusirvan, Heinrich_ IV. _Friedrich_ II. _Joseph_ II., _Fr. Wilhelm_ II. findet Ihr immer zehn _Alexanders, Solimanne, Tarquine, Neronen, Kaligulas, Herodesse, Genserichs, Christierne, Mulei Ismaels, Karl_ XII., _Philippe_ II. u. s. w. Gelüstet Euch zur Belustigung von _Bluthochzeiten_, oder Greueln eines _Alba_ zu lesen: so forschet in den monarchischen Regierungen nach. Und erwacht dann nicht Euer Muth, empört sich dann nicht Euer Herz, erglühet dann nicht Euer Busen vom Thatensüchtigen, Hülfe und Rettung suchenden Erbarmen: so habt ihr nie an den Brüsten einer Sterblichen gesogen! -- Auf, es lebe die Freiheit, sei es in Demokratien, oder weisen Monarchien![A]«

Der _Redner_ riefs, und die Versammlung der _schwarzen Brüder_ stimmte Tutti ein: es lebe die Freiheit! die Gläser wurden geschwänkt, Gesänge der Freiheit wurden gesungen, und, trunken von lieblicher Schwärmerei schied man beim Anbruch des Morgens auseinander. In einer Chaise des Forstmeisters _Blattrabe_ traf _Florentin_ an eben dem Tage wieder zu _Munchenwall_ ein.

[Fußnote A: Meints der schwarze Redner _so_, wer wird da nicht freudig mitrufen: es lebe die Freiheit!? -- Und wenn er mit dem vorigen sagen will, daß Laune eines Fürsten oft _tausende_, dahingegen die Laune eines republikanischen Volkes nur _einzelne_ Bürger elend machen kann: so wird ihm niemand Unrecht geben.]

Sechstes Kapitel. Die Eremitage.

Keiner war lustiger, als der ehrliche _Badner_, da er seinen Herrn wiederkommen sah.

»Wars mirs doch schon gewaltig bang' um Sie!« rief er ihm entgegen: »ich dachte, hohl' mich, straf mich! unser gnädiger Herr hat ein unglükliches Abentheuer gehabt, siehst ihn gewis nicht vergnügt wieder!«

»»Du hast dich diesmahl unnöthig geängstet!««

»Hab ichs? nun, meiner Sixt! das freut mich.«

Der alte, gute Mann lief jezt Trepp an, Treppe nieder, seinem Grafen alle Wünsche zu erfüllen, die er nur aus dessen Blicken zu lesen glaubte. Nachdem sichs _Florentin_ bequem gemacht, und _Badner_ die Schokolate besorgt hatte, mußte sich der leztre zu ihm niedersezzen.

»Höre, Badner,« _Florentin_: »bezahl' unserm Wirthe die Rechnung, sorge für alles, was zu einer ziemlich langen Reise nothwendig ist, pakke ein, und halte alles bereit, damit wir Morgen in der Frühe Munchenwall verlassen können.«

Badner. Gehts wirklich schon fort? -- scharmant! mir behagts auch meiner Treu in diesem Neste nicht mehr.

Florentin. Aber wirds dir auch dort behagen, wohin ich jezt reise, und wo ich wahrscheinlich mehr als ein Jahr zubringen werde?

Badner. Das ist --?

Florentin. In Kanella.

Badner. Hu, so weit vom deutschen Vaterlande?

Florentin. Meine Pflicht ruft mich dahin.

Badner. Gnädger Herr, Sie wissen doch daß es dort in jezzigen Tagen ein unsichers Leben ist?

Florentin. Ich weis es.

Badner. Der Herzog soll ja, wie die Zeitungen lauten, ein leibhaftiger Behemot sein!

Florentin. Eben deswegen.

Badner. Wie? Sie werden sich doch nicht in die Händel dort hineinmengen wollen?

Florentin. Vielleicht.

Badner. Ei! ei!

Florentin. Willst du mit mir? willst du da Glük und Unglük einige Jahre mit mir theilen?

Badner. (sich hinter den Ohren krauend) Wenns nur im heiligen deutschen Reiche wäre -- aber, meiner Sixt, die Kanelleser sind heuer gar nicht aufgelegt, einem das Leben angenehm zu machen.

Florentin. Zwingen will ich dich nicht, mir zu folgen. Willst du bleiben im Vaterlande, so widerstehe ich dir nicht, ich bezahle dir meine Schuld, gebe dir Empfehlungen, so viel ich geben kann, und scheide von dir, als Freund.

Badner. (bieder) Nein, gnädiger Herr, ich folge; und wenn sie zu den Hottentotten gingen, ich folgte. Verlassen will und kann ich Sie nicht. -- Wollen Sie mich behalten?

Florentin. Eine unnöthige Frage, lieber Badner!

Badner. Na, so bin ich der Ihrige mit Seel und Leib bis an mein seelges Ende. Ich gehe in Gottes Namen mit Ihnen aus Deutschland, -- zurükbringen werden Sie mich wohl nicht wieder.

Florentin. Frag Gottholden, ob er Lust hat nach Kanella zu gehn, weigert er sich, so zahle ihm seinen vollen Lohn aus.

Badner. O, der bleibt bei uns! -- na, allons, eingepakt, 's geht risch nach Kanella!

Der _Alte_ entfernte sich froh gelaunt; _Florentin_ erbrach das Paket, welches er in der nächtlichen Versammlung der schwarzen Brüder empfangen hatte und las mit Begierde alles darin, was lesbar hies.

Was für uns beinahe nicht weniger Interesse darunter haben könnte, als für _Florentin_, theile ich mit. Erstlich ein Empfehlungsschreiben Sr. Herzogl. Durchlaucht, _Adolfs_, an den Hof zu Kanella. Dies hatten die _schwarzen Brüder_ vom Herzog _Adolf_ für den Grafen von _Duur_ ausgewirkt. _Florentin_ verwunderte sich bas ob dieser Erscheinung, denn dies schien offenbar zu verrathen, daß auch sein ehmaliger fürstlicher Freund unter die fürchterliche Anzahl der schwarzen Brüder gehöre. Und überdies war es an sich nichts Unmögliches, weil _Adolfs_ politisches Interesse durch eine solche Verbindung schlechterdings Nuzzen gewann. Und warum hätten die Schwarzen nicht einen so guten Fürsten unter sich aufnehmen sollen, und können, da sie hier eine wichtige Stüzze erhielten, und es nicht grössere Mühe kostet einen Fürsten in ein gewisses Interesse zu verspinnen, als einen andern Menschen? Kurz, es war ungemein wahrscheinlich! -- Das Empfehlungsschreiben mußte zu seiner Zeit die gewünschte Wirkung hervorbringen, um so mehr, da _Adolf_ mit dem Geblüte _Piedros_ weitläuftig verwandt war.

Ich könnte hier noch die besondern Instrukzionen des Ordens erwähnen, oder der Wechselbriefe, welche Florentinen im Fall der Noth zum Herrn ansehnlicher Summen machen konnten; aber ich schlüpfe über das alles stillschweigend hin, weil die Folgen der Instrukzion und Wechsel vielleicht künftig sichtbar werden werden, und gehe zu einem Briefe über, den Freund _Holder_ aus Sorbenburg geschrieben, und mit zwei Miniaturgemälden, _Holdern_ und _Louisen_ vorstellend, beschwert.

»_Lieber Graf!_«

»Ich bin izt von einer kurzen Reise heimgekommen, setze mich sogleich hin und schreibe dir, weil ich wünsche, daß dich dieser Brief noch in Munchenwall antreffen mögte. -- Du gehst also nach _Kanella_? Glük zu, Bruder! ich denke du wirst dort in deinem Elemente leben, denke, daß die Zerstreuungen daselbst dich von den melancholischen Anfällen des etwannigen Heimwehs heilen werden.«

»Die Rolle, welche du zum Spiel übernommen, ist gefahrvoller, als die gefährlichste bisher gespielte. Siehe, dich vor; bewache dein Leben, wenn du noch lüstern bist, mit mir nach einigen Jahrhunderten wiederum einmahl diese Erdenwelt zu bewandern -- und nirgends steht dein Leben mehr dem Tode nahe, als zu Kanella. -- Hüte dich!« --