Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3
Part 5
»Wären nicht Memmen!« replizirte hierauf einer der Senatoren von Kanella, der unter dem Volke stand, so deutlich, daß es _Moriz_ hören mußte, wenn er nicht im dem Augenblik mit Taubheit geschlagen gewesen: »nicht Memmen, sobald man sie wider die Feinde ihres Vaterlandes ausschikte!«
_Moriz_ stuzte; sein Stolz der hier Angesichts des Volks beleidigt wurde, wiegelte seinen Zorn auf. Mit fürchterlichem Blik sah er um sich und fragte: »Wer spricht das?«
Der alte Senator trat aus dem Gedränge hervor und antwortete: »Borsellino, Prinz, ein edler Kanelleser.«
»»Elender Graukopf, hüte dich!««
»Vor wem? ich bin sicher.«
»»Ich will dir den Lohn deiner Kanellesischen Frechheit auszahlen lassen.««
»Prinz, ich bin ein Bürger Kanellas!«
»»He, Wache herbei!««
»Herr, ich bin der Senatoren einer!«
»»Wache!««
Das Volk stürzte zusammen; der Lärmen ward grösser, zwölf junge Edelleute, verwandt und unverwandt mit dem Hause _Borsellinos_, umringten den Greis, ihn gegen Gewaltthätigkeiten zu beschirmen.
Die Wache kam. _Moriz_ befahl _Borsellino'n_ zu ergreifen und wegzuführen. Die zwölf Kanellischen Edeln baten für ihn, umsonst. Sie drohten; _Moriz_ wurde wüthend.
Der neugierige Pöbel sammelte sich näher; einige im Volle schrieen: »Borsellino darf nicht angetastet werden, er ist der Senatoren einer!« und plötzlich riefen mehrere Stimmen: »Wehe, wehe dem, der den braven Bürger Kanellas mishandelt!« und so grif der Tumult um sich, der Pöbel lärmte, alles schrie: »Bürgerrechte werden zertreten! steht Borsellino'n bei! wer thut ihm Gewalt?«
_Moriz_ sas etliche Minuten durch dies ungewohnte Schauspiel versteinert da auf seinem Rosse; seine Lebensgeister waren entflohen, aber bald kehrten sie wieder bei ihm ein und wie es schien in Furien umgewandelt. Er rollte die Augen fürchterlich umher, knirschte laut mit den Zähnen, schäumte, sties gräsliche Flüche wider die Kanelleser aus und kommandirte das nächststehende Regiment die Gewehre scharf zu laden und auf seinen Wink unter das Volk zu feuern.
Beinahe der ganze Adel von Kanella, welcher ausser dem Hofe lebte, war jezt herbeigeeilt, Morizens Befehl wirkte anfangs allgemeine Bestürzung und Stille. Aber diese Stille verwandelte sich bald wieder in leises Flüstern und Murren, das Geflüster in lauteres Murmeln, das Murmeln wurde stärker und stärker und endlich das vorige Schreien und Toben.
Der alte _Borsellino_ inzwischen glich einem Rasenden. Er hörte _Morizens_ Kommando die Gewehre zu laden und Feuer zu geben; dies sezte ihn ausser sich, er war seiner nicht Mann, zog den Degen, und versuchte sich durch den Haufen der Edelleute zu drängen. »Ungeheuer!« rief er mit glühendem Gesicht: »Ungeheuer! ists erhört, das Blut der Bürger von Kanella zu vergießen? -- Ungeheuer, wag es, _einen_ Schuß wage! He! will das unser Landesherr? -- Ungeheuer, wird das Piedro wollen?« --
Man bemühte sich den jähzornigen _Borsellino_ zu überlärmen, zu besänftigen, aber er ruhte nicht. »Laßt mich hin zu ihm, laßt mich! Bürgerblut will er vergießen -- hört ihrs denn nicht? Ists nicht genug, daß man uns zu Sklaven machen will, zum Viehe sollen wir noch herabgewürdigt werden, das man morden darf, nach Herzenslust! -- Laßt mich, laßt mich! -- Heda, verdammter Fremdling, mit dem Leben der Kanelleser willst du spielen? ho! ho! -- Bürgerblut! Bürgerblut! -- Männer von Kanella ihr schweigt? -- ho! hindurch!«
Der _Prinz_ sah den schnaubenden _Borsellino_, hörte seine Worte, hörte des Volkes verwirrtes Geschrei, aber fühlte nicht, daß _er_ es gewesen sei, der den schlummernden Funken des allgemeinen Unwillens zur lodernden Flamme angeblasen hatte -- und wurde ob dieser unerhörten Vermessenheit eines Kanellesischen von Adel dreimahl wilder, als zuvor. Sein Gefolge stämmte sich ihm entgegen, aber Zwang empört den Zorn, stillt ihn nicht.
Es war ein entsezlicher Anblik, die beiden Wüthenden gegen über, jeder von den seinigen umringt und zurükgehalten. Aber unmöglich konnte man _Borsellino'n_ länger widerstehn, er, in dem die Wuth Riesenstärke und Feuer der Jugend ausgegossen hatte. Er stürmte hervor und sties blindlings das gezukte Schwerd bis an den Heft dem Rosse des Prinzen in den Leib, und in eben den Augenblik stürzte _Morizens_ Klinge auf _Borsellinos_ Schädel herab.
»Gebt Feuer!« schrie der _Prinz_, indem sein Pferd unter ihm sank: »Feuer auf die Hunde!« und von verschiedenen Seiten fielen -- einzelne Schüsse.
Dies that Wirkung, wie sie _Moriz_ hoffte. Der Pöbel flüchtete; alles wurde still. -- --
_Borsellino_ lag ohnmächtig, in eignen Blute sich badend, in den Armen seiner Freunde. Man trug ihn fort. _Moriz_ gab eiligst Befehl zum Aufbruch der Soldaten. Es flogen die Rosse, die Fahnen und Standarten wehten, die Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerührt, man sties in die Trompeten und so gieng der Marsch durch die Straßen von Kanella, an das herzogliche Palais vorüber.
_Piedro_, _Rosaffa_, _Benedetto_ mit verschiedenen Herrn und Damen des Hofs standen auf den Gallerien und Altanen vertheilt, dem Zuge zuzuschaun.
Aber ehe die verkauften Landeskinder mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen herankamen, erschien in trauriger Prozeßion der blutende _Borsellino_, getragen von den Vornehmsten von Adel. Nicht ohne Absicht schleppte man den Verwundeten, der sich etwas erholt hatte, hier vorüber.
Der _Fürst_ hatte den Lärmen und später nachher das Schießen gehört, und von einem Adjutanten aus _Morizens_ Suite Nachricht darüber empfangen.
»Wer ist der, welchen Ihr da unten traget?« fragte der _Herzog_ mit Neugier und heimlichen Schaudern.
»»Der edle Borsellino!«« scholl die Antwort zurük.
Der Verwundete richtete sich mit dem Leibe empor, schlug die Augen auf, sammlete alle Kräfte und sprach mit matter Stimme: »Herzog Piedro, dein Landeskind! -- Piedro dein Landeskind, erschlagen von dem Fremdling der nach dem Blute deiner guten Bürger dürstet! -- Piedro, Rache und Recht, wenn du Landesvater bist!«
_Piedro_ war erschüttert. -- _Rosaffa_ schrie hinunter: »Schaffet den abscheulichen Anblik aus unsern Augen!« und _Piedro_ das Echo seiner _Rosaffa_ intonirte sogleich: »Schaft ihn fort!«
_Borsellino_ seufzte; die ihm umgebenden Edelleute murmelten unwillig unter sich, und gehorchten der Mätresse ihres Herrn.
Die Truppen marschirten bald darauf vorbei.
»Es lebe Piedro! -- es lebe Piedro, die Lust seines Volkes!« schrien die Soldaten, wenn sie nahe am Schlosse waren, und wischten zu gleicher Zeit die Thränen vom Auge, und der _Landesvater_ lächelte huldreich auf sie herab.
Drittes Kapitel. Gewitterwolken, die sich zerstreun.
Seit diesen Auftritten herrschten in _Kanella_ tiefe Stille und Ruhe; es kam nirgends zu öffentlichen Händeln. Aber diese allgemeine Stille glich der vor einem Gewitter; sie ist schreklich. Die Volksfeste wurden nicht mehr so lebhaft, als sonst gefeiert; in den Tabagien und Gasthöfen lärmte nicht mehr der frohe Muthwille; die schönsten Spaziergänge wurden seltner besucht. Gram und Mismuth war auf jedem Gesichte zu lesen; Armuth wohnte unter den meisten Dächern, Unthätigkeit, Ekel der Arbeit in den meisten Werkstuben.
Nichts ist für einen Staat unglükweissagender, als _solche_ Phänomene! Armuth gebiert Muthlosigkeit, Misvergnügen, Widerwillen gegen alle Arbeiten beim gemeinen Mann, weil er noch nur das wenigste von dem durch seinen Fleis Gewonnenen für sich behält, sondern den größten Theil seines Erwerbs den Pächtern, Monopolisten, Zöllnern, Steuern- und Acciseeinnehmern für den Fürsten u. s. f. entrichten muß. Träger Müssiggang ist der Vater gefährlicher Projekte und Träume, wo man sich denn durch irgend ein Wagstük in die ehmaligen Glüksumstände wieder hinauf zu schwingen hofft.
Der habsüchtige _Benedetto_, der schwelgerische _Piedro_ argwöhnten von diesem Erfolg ihrer Unternehmungen zur Verbesserung der Finanzen nicht das geringste. Nothdurft, -- so machiavellisirten sie -- ist das Triebrad im Staate, welches Industrie, Künste und Handwerke befördert. Reichthum der Landeseinwohner macht sie frech, luxuriös, träge. Der Unterthan ist ein Esel, der nur mit Zwang seine Pflichten erfüllt.
Ob _Piedro_ und sein _Universalminister_ richtig argumentirten, wird uns der Erfolg mit Thatsachen belegen können. -- Nur so viel war jezt schon gewiß, daß das Gebiet von _Kanella_ um diese Zeiten ungleich mehr verarmte Familien, Bankeroteurs, Bettler, Beitelschneider, Straßenräuber, und andres unnüzzes Gesindel aufzuzeigen hatte, als irgend sonst.
Mehr gährte es in den Köpfen des so oft beleidigten, oft ungerecht herabgewürdigten Senats und Adels. Der erstere hatte kein anderes Gesezbuch, als die Laune des _Kardinals_, des _Prinzen Moriz_ und der _Gräfin Rosaffa_, lezterer keine Anwartschaft durch Verdienste sich emporzuschwingen; Mittel waren nur etwa die Schürze einer fürstlichen Beischläferin, oder eine Börse gepreßt voller Goldstükken.
_Borsellinos_ Schiksal machte neue Sensazion; dieser unglükliche Greis starb an seinen Wunden. Vor seinem Ende schrieb er noch an den jungen _Giovanni_, seinen Sohn, der sich damahls in _Rom_ befand, einen beweglichen Brief, worin er ihn bat nach _Kanella_ zurükzukommen, um den Prozeß auszuführen, welchen sein Mörder wider ihn anhängig gemacht hatte. -- _Giovanni_, dem der ganze Karakter seines Vaters angeerbt war, kam -- und fand _Borsellinos_ Leichnam im Sarge.
»Oh!« rief er, und warf sich über den entseelten Vater, hin: »ich bin zu spät gekommen! -- Gott, mein Gott, daß ich ihn verlieren könnte, das wußt ich wohl -- aber so ihn zu verlieren, das vergebe ich dem Mörder nie, wenns auch der Himmel könnte! -- Erschlagen, meuchelmörderischerweise erschlagen mein Vater -- nein, das hat er nicht verdient um Kanellas Wohl!« --
Es waren viele Edle und Senatoren in dem Trauerzimmer versammelt -- alle bemitleideten in den zärtlichsten Ausdrükken den leidenden _Giovanni_.
»Nein, nein,« unterbrach er sie: »tröstet mich nicht, _das_ Werk der Barmherzigkeit will ich an mir selber verrichten. Das Blut des Mörders löschet meine Wuth früh oder spät! -- O, namenloser Verbrecher, o Mörder! Mörder, verflucht seist du vor dem Schöpfer und der Kreatur, verflucht sei dein Schlaf und dein Wachen, verflucht der Becher, den du leerst, verflucht sei der Bissen, welcher dich sättigt. -- Es rüttle dich aus mitternächtlichem Halbschlummer Borsellinos Geist, es verjage dir die Freude des Tages Borsellinos Gespenst! -- Mörder, entsezlicher Mörder, sichre dich, denn die Rache schläft nicht. -- Verflucht will ich sein vor dem Weltrichter ewig, wenn ich nicht die Blutsünden abwasche -- verflucht sei der Gedanke, welcher sich in meine Seele hineinstiehlt, ohne daß Rache ihm dieselbe aufschloß -- es verdorre meine Hand, die sich dir friedlich darreicht, es verblinde mein Auge, wenn es dich anlächelt. Drükke ich einst den lallenden Säugling an mein Vaterherz, so sei das erste Gebet, welches ich ihn lehre, der gräslichste Fluch über dich und deine dann vermoderte Asche! -- Oh! oh!« --
Der ganze Senat, unzähliche vom Adel, zahlloses Volk begleiteten den Sarg zum Grabe, in einem feierlichen Zuge, desgleichen in Kanella noch unerhört war.
Was _Giovanens_ Prozeß betraf: so wurde vom _Fürst_ dahin entschieden, daß, weil _Borsellino_ einen frevelhaften Aufruhr begonnen, derselbe das Leben gerichtlich hätte verlieren müssen, da aber der natürliche Tod seiner Strafe zuvorgekommen; so würden die Erben des Delinquenten verbunden sein, drei Viertel vom Vermögen desselben, als Strafgebühren, zu entrichten. _Von Rechtswegen_.
_Giovanni_ liebte die schöne _Laura_, Tochter des edeln Kanellesers _Eo_. Viele Wochen verflossen, ehe _Giovanni_ zu seiner Geliebten ging. Er fand sie das erstemahl, als er sie wieder erblikte, in Thränen. »Nun, trautes Mädchen, wirst du nie Giovannens Weib -- was soll dir ein armer Edelmann?« sagte er. _Laura_ war untröstlich; der junge _Borsellino_ unerschöpflich an Witz, das arme Mädchen zu foltern. »Ich sehe dich gern leiden, denn dein Leiden quält mich zum Ziele hin, das mir vorgestekt ist. Morizens lezte Nacht sei unsre Hochzeitnacht! verstehst du mich?«
»»Ich hab' Euch verstanden, edler _Borsellino_,«« sagte der alte _Eo_, indem er ins Zimmer hereintrat, und von mehrern Edelleuten begleitet wurde: »»seht hier Eure Freunde, die Euch zur baldigen Hochzeit helfen wollen.««
_Giovanni_ war bestürzt; er bat um Erklärung des Räthsels und man gab sie ihm mit den Worten: »Wir alle arbeiten an Morizens Fall -- arbeiten an Aufrechthaltung des Senats, des Adels und der Bürgerrechte. Piedro ist ein schwacher Fürst, es gilt _eine_ gewagte That! -- Ihr seid unser Genosse?«
»»Mit Herz und Hand!«« erwiederte glühend _Giovanni_ und warf sich den Männern in die Arme.
In öftern Zusammenkünften entwarf man den Plan, aber die Meinungen waren beständig getheilt. Einige drangen nur auf Morizens Wegräumung, andere auf allgemeine Reform der Regierung.
Man suchte beides zu verbinden -- es gelang; es wurde die lezte nächtliche Zusammenkunft bestimmt, in welcher die Rollen vertheilt werden sollten.
Die Nacht erschien und jeder der Verschwornen mit ihr im Pallast des _Eo_. Ihre Zahl war vierzig. Die folgende Nacht wurde zur Ausführung des patriotischen Entwurfs geweiht. Zehn Edelleute sollten nach Mitternacht in Morizens Schloß eindringen und ihn ermorden oder lebendig fangen. Eben so viel sollten sich des Fürsten und des Kardinals zu gleicher Zeit versichern; dann sollte mit den Glokken gestürmt, das Volk versammelt und Freiheit ausgerufen werden. Im Fall einer Widersezzung der Fürstlichgesinnten, müsse jeder der Verschwornen Sorge tragen, eine gewisse Anzahl Bürger bereit und unter Waffen zu halten.
Der Plan war in der That sehr unreif, doch die Rache- und Freiheitdurstigen achteten es für Feigheit länger zu projektiren und die Unternehmung aufzuschieben.
»Auf!« rief der begeisterte _Giovanni_: »laßt uns in dieser lezten Nacht den Bund besiegeln mit Eiden -- Leben für Leben, Tod oder Freiheit und Rache!«
»»Leben für Leben! Kanella frei, oder wir verderbt!«« schrien alle, und wilde Schwärmerei umfaßte sie.
Die Weinbecher wurden gefüllt und geleert. »Borsellinos Geist umschwebt uns!« rief _Giovanni_: »er sieht wohlgefällig unsern Bund! wohlan, laßt uns gehn und ringen, als Brüder oder sterben mit Brudertreue. Heda, wir trinken Bruderschaft, nicht etwa in Wein, sondern in unserm Blute. Auf, folgt mir nach!«
Er ergrif ein Messer, sties es sich in die linke Hand, daß das rauchende Blut in seinen Pokal stürzte. Jeder that ein gleiches; ging durch einander her, lies jedem von seinem blutigen Becher kosten, und trank von des andern Blut.
Aber mitten in dem Rausch dieser Begeisterung öffneten sich die Thüren -- es blizten Gewehre herein -- die Verschwornen erstarrten, die Leibwache Piedros besezte rings das Zimmer und rief: »ergebt euch auf Gnade und Ungnade!«
Viertes Kapitel. Das Haus im rothen Walde.
»Es ist unverzeihlich, daß wir _Florentinen_ so lange verließen, ohne uns zu bekümmern, wem das Haus im Walde angehörte, wer die Thür öfnete, wen _Florentin_ hier erblikte und welche Miene er annahm, als er wieder herausging? Was interessirte uns der wollüstige, Kabalensüchtige Hof zu Kanella? was jenes unzufriedne feige Volk, das nicht Muth genug hatte seine Ketten abzuwerfen? was die _Borsellinos_, _Giovanni's_, _Lauren_ und _Eo's_?«
Machen Sie mir keine Vorwürfe, meine Leser! Es ist nun einmal meine Absicht, mich ungenirt auf meinem wilden Pegasus _Fantasie_ herum zu tummeln, und ohne mich nach den Launen und der Neugier meiner Beobachter zu richten, bald in Osten, bald in Westen, bald unter guten, bald unter schlechten Menschen, bald in den lieblichen Revieren ländlicher Einfalt und Unschuld, bald an Höfen, wo Kunst die Natur verstümmelt und verzerrt, bald auf schauerlichen Wahlpläzzen, wo ein leidendes Volk verzweiflungsvoll nach Freiheit ringt, zu schwärmen.
Doch, ohne uns länger die edle Zeit mit Gezänken zu verderben, laßt uns mit _Florentin_ in die ehrwürdige Provinzialversammlung der _schwarzen Brüder_ treten. Wahrscheinlich erhält mancher Leser, welcher nach Aufklärung über das Wesen derselben dürstet, mit dem gräflichen Novitz, Befriedigung.
»Wer hauset hier?« fragte _Florentin_ den Bruder Holzhakker.
»»Der Forstmeister _Blattrabe_, ein Schwarzer!«« antwortete _Hugo_. Dieser führte seinen Mann in ein Zimmer, kleidete ihn da in ein schwarzes Gewand, öffnete darauf eine Nebenthür und lies den frohbestürzten _Duur_ hineintreten.
Florentin sah sich wieder in der Mitte der Unbekannten, wieder in seinen Traum zurükgesezt. Es war ein großer, prächtiger Saal, erleuchtet von unzähligen Wachskerzen, angefüllt von einer ansehnlichen Menge schwarzer Herrn. Viel derselben eilten ihm sogleich entgegen, umarmten ihn, wünschten ihm Glük zur Aufnahme in den Bund der schwarzen Brüder, sprachen mit ihm von gewissen Szenen seines Lebens so bekannt, so vertraut, als wären sie Zuschauer und Theilnehmer derselben gewesen.
Man mischte sich brüderlich untereinander, füllte die Weingläser, sang feierliche Bundesgesänge; trank Gesundheiten und rief mehr als einmahl: _es lebe republikanische Freiheit_.
Aber _Florentin_ wußte sich eigentlich noch nicht in diesen Wirrwarr zu finden; sein Herz sehnte sich nach dem, was _Holder_ ihm verheissen hatte, und welches er gewiß hier antreffen sollte. Doch es vergiengen anderthalb Stunden, ehe man Miene machte, die Nacht mit etwas anderm, als Singen, Trinken, freundschaftlichen und politischen Diskursen hinzubringen. -- -- --
Mit einemmahle änderte sich die Szene. Jeder riß den Faden des Gesprächs ab; dieser sezte das schon zum Trinken aufgehobne Weinglas nieder, jener verzog sein Lächeln in die Falten des Ernstes. Aufmerksam wandte sich jedes Angesicht zu einem erhabnen Stuhle, welchen ein Greis so eben in Besiz genommen hatte.
Einige Minuten herrschte eine ungewöhnliche Stille, wie in einer Todtengruft; alles schien sich zu einer merkwürdigen Sache vorzubereiten.
»Nun, Vinzenz,« sprach der _Greis_ vom Stuhle herab, indem er dem _Grafen_ mit der Hand winkte: »nun tretet mir näher.« _Florentin_ gehorchte; er ging näher zu dem Manne, dessen Anstand, Gebehrden, Sprache und Gesichtszüge ganz dem Ideale entsprach, welches sich unsre Einbildungskraft von Ehrfurcht erwekkender persönlicher Majestät zu machen gewohnt ist. _Florentin_ hatte vor Fürsten gestanden, aber nie einen solchen Grad der Hochachtung empfunden als izt.
»Wir haben Euch werth gefunden ein Glied in der Kette der schwarzen Bruder zu werden!« fuhr der Mann fort, welcher Verehrung abzwang: »Euer Wunsch sei Euch gewährt. -- Bruder, unser aller Bruder, bedenket wohl, zu welcher Menschengattung Ihr gerathen seid! Bedenket wohl, daß von nun an das allgemeine Glük des Menschen euch näher liegt, als sonst -- daß Ihr nicht mehr so sehr für Euer Interesse allein arbeiten dürfet -- daß klippenvolle Umwege künftig Eures Lebens Pfade, Gefahren Eure Führerinnen, Mühe und Sorgen Eure Erholungen, und Undank der Menschen Eure Belohnungen sind! -- Noch einmahl dürfet Ihr wählen: bleibt und seid unser Bruder, oder gehet, und schweiget von dem was zwischen uns vorgefallen ist.«
Florentin. (stark) Ich bleibe, bin Euer Bruder.
Greis. Du hast gewählt, von nun an ist jeder Rüktritt unmöglich. Du bist und bleibest unser im Guten und Widrigen; nie werden wir dich verlassen, aber nie wirst du auch, als Verräther, unserm Arm entwischen können, es sei denn, durch die Pforten des Todes. Hörst du, du bist unser! _ganz unser!_ zerbrochen hast du jezt alle Ketten, die dich an andre Verhältnisse binden, -- sei _treu_, Vinzenz, um deiner _Wohlfarth_ willen, sei treu! Und bist du in der Treue bewährt -- dann mache Ansprüche auf unsere Vergeltung deiner Thaten. Und vergelten wollen wir, so wahr Gott allgegenwärtig ist, der unser Versprechen hört, und den Bruch desselben rüge in Zeit und Ewigkeit! -- Auch träume nicht, Vinzenz, schon jezt die _höchste Stufe_ in unserm Orden erstiegen zu haben, dahin erheben dich erst _Verdienste_. Doch so viel du als Bundesglied erfahren darfst in deinem Range, wollen wir dir nicht verheelen.
Der _Greis_ winkte. Einer der _schwarzen Brüder_ trat hervor, wandte sich zum _Grafen_ und redete also:
»Unser Bruder! treue Freundschaft ist die Quelle unsers Glüks. Disharmonie zerstört Staaten. Dies war von jeher der Grund, auf welchen alle Systeme irrdischer Glükseeligkeit erbaut wurden. Banditen und Räuber verbanden sich mit einander auf die Ruinen fremden Glüks das ihrige zu gründen. Aberglaube und Schwärmerei verbrüderten sich auf das Elend der Zeitgenossen das große Gebäude einer allgemeinen Hierarchie zu errichten -- warum sollten sich nun nicht auch _brave_ Männer mit _denkenden_ Köpfen vereingen, dem allgemeinen Unwesen, welches die Menschheit unter tausenderlei Verkappungen verheert und elend macht, _entgegen -- zu arbeiten_? -- Soll ich Euch das menschliche Elend in seiner ganzen, schauerlichen Größe malen? soll ich Euch die mancherlei Klassen öffentlicher und heimlicher Bösewichter vom Thron herab bis zum Bettler durch alle Stände schildern? -- Fordert Ihrs; so trage ich Mitleid mit Eurer wenigen Kenntniß der Welt, und Eurer _Stubenweisheit_; Ihr wärt kein Mann für uns.«
»Nur Leute vom erprobtesten guten Herzen und gutem Kopfe werden in unsern Bund aufgenommen, und diese befördern wir nach allen Kräften zu _den vorzüglichern Aemtern_ des Staats, damit sie für _ihr_ Herz und _ihren_ Kopf den ausgebreitetsten Wirkungskreis auf das _Wohl des Ganzen_ erhalten. Der Staat gewinnt dadurch Männer in seine Aemter, wie sie sein _sollten_; Dummköpfe, die durch Geld, Familienansehen oder andre Schleichwege nach glänzenden Posten trachten, werden zurükgedrängt. Und finden wir einen herrlichen Mann auf dem Wege zu solchem Amte; so helfen _wir_ ihm _selber_ empor, und ist er noch der schwarzen Brüder keiner, so wird ers dann _jedesmahl_. -- Daher kömmts, daß wir jeden schäzbaren Mann, er lebe im Staate wo und in Dunkelheit gehüllt, wie er wolle, auf _unsrer Liste_ führen und bei Gelegenheit hervorziehn. Auch geringere Leute stehn in unsern _Sold_, an uns gekettet durch die festesten Banden, und dieß sind unsre Spione, nothwendige Helfershelfer -- sie wissen nichts von dem, was unter uns _Höhern_ vorgeht, und erscheinen seltner in unsern Synoden.«
»Ungeachtet aber wir einander selber unser zeitliches Wohl befördern: so sind Menschen doch immer _Menschen_, oft von schwachen Grundsäzzen, oder voll unglaublicher Verstellung. Verschwiegenheit und Treue zu beobachten werden die Novizen mit einem _Eide_ verpflichtet. Wen Wort und Versprechen nicht mehr bindet, verdient nicht Mitglied im Orden der redlichen Menschheit, geschweige in unserm Bunde, zu sein. Doch wollte ein _solcher_ auch nachtheilig für uns werden, uns _verrathen_: so wird er doch nur Kleinigkeiten auszuschwazzen wissen, denn er kennet wenige Mitglieder, von den meisten nur den _angetauften Ordensnamen_ der Bündner und Städte. Das Noviziat dauert nach Beschaffenheit der Verhältnisse länger oder kürzer -- Treue, Eifer und große Thaten weihen erst zum Anschaun tieferer Misterien ein. Wehe aber dem _Verräther_! unmittelbare Strafe folgt ihm auf dem Fuße nach, die um so furchtbarer ist, je _ausgedehnter_ die Macht des Bundes, je _unsichtbarer_ die _Rächer_ sind!«