Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3
Part 4
Regellos, doch schön umschwamm, in schimmernden Lokken, goldnes Haar der Geliebten alabasternen Nakken. Sanft umfieng dasselbe die weiße blendende Stirne in geziemende Gränzen. Ueber die zärtlichen blauen Augen, die der Liebe begeisternde Sprache verstanden, majestätisch sich wandten, und ein himmlisches Feuer in des Marmors Busen zu entzünden vermögend, wölbten zartverrinnend sich zwei dunkele Bögen, welche die Schwermuth sich zu ihrem Throne erlesen. Zwischen den rosig blühenden, schneeummaleten Wangen, von dem ewigen, süssen Lächeln der Liebe umspielet, stieg, im feinsten Ebenmaaße, lieblich erhöht die Nas' empor, und tiefer der schmalen, purpurnen Lippen schönes elastisches Paar, verführend zum tändelnden Kusse. Ihren Busen umfloß des Flores wallender Nebel, welcher in tausend Falten dem entweihenden Blik des Weibes Heiligthum barg. Und um die göttliche, weiche Bildung floß der Unschuld weisses Gewand, von dem schwarzen, silbergestirnten Gürtel unter dem Busen geschlossen. -- Aber wer malet nun den unaussprechlichen Liebreiz, welcher über diese hehre Gestaltung gegossen? Jenen rührenden Zauber in der leichten Bewegung, der die Herzen verwandelt, die Empfindungen auflößt, in die seligste Ohnmacht welche Seelen verzükket und in öden Wüsten der Schönheit Altäre erbauet?
Unmöglich konnte _Florentin_ alles dies mit seinen beiden leiblichen Augen sehn; das Bild lebte in seiner Fantasie, aber nicht vor seinen Blikken. Er hatte schon einige Minuten dagestanden an der Eiche, als er erst inne ward, daß die Erschienene unsichtbar geworden sei. Sie aufzusuchen wurde beschlossen; denn in allen Fällen blieb es ein sonderbares Phänomen, wie ein Frauenzimmer, es mogte nun sein, wie es wolle, zur Mitternachtsstunde hieher in das Gehölz gerieth? Wäre dies in den Tagen des alten Roms oder Graciens geschehn: so hätte man glauben müssen, _Diana_ habe sich verloren, einen schlafenden _Endymion_ zu finden; lebten wir in den Tagen _Hüons_, _Rolands_ oder _Doolins_: so wär es vielleicht die Königin der Elfen, oder irgend eine gute, schöne Fee gewesen; oder wären wir abergläubig, so muthmaaßten wir, _Louise_ habe sich in ihrer Todesstunde _geahndet_. Dies alles konnte es nicht sein, doch was es mit der Erscheinung eigentlich vor eine Bewandnis hatte, hegen wir auch nicht Hoffnung so bald zu erfahren, weil sich dem guten Willen des liebenden _Duur_, die gewähnte _Louise_ auszuforschen, ein breites, sumpfigtes Gewässer entgegenstellte, welches sich in die Länge umherzog, und ohne Brükke unmöglich passirt werden konnte.
Eine gute Viertelstunde irrte er an dem morastigen Ufer des Sees oder Baches umher, allein fruchtlos für seine Wünsche; fruchtlos rief er öfters den Namen der Geliebten, er verhallte gebrochen in dem krausen Gewölbe des Waldes und keine Antwort scholl zurük.
Müde endlich des vergeblichen Suchens, kehrte er misvergnügt, mit gewachsener Sehnsucht im Busen, zu den harrenden Kumpanen heim; seufzend schwang er sich aufs Roß und traurig suchte er wieder die reizenden Geschöpfe seiner Einbildung auf, weil er um Realitäten betrogen war.
In der Liebe süsbethörende Träume verloren, flog nun trunken sein Geist durch die Gefilde des Himmels. Feiernd sangen ihm die Harmonien der Sfären _Louisens_ Namen entgegen durch die hallende Schöpfung. _Louisens_ Namen malten flammend die irrenden Sterne an die blaue Tafel des unermeßlichen Aethers.
Doch ermüdet senkte der Einbildung buntes Gefieder wieder herab sich in der Wahrheit kalte Umarmung. Ach, da entzükte nicht sein Auge das Anschaun der Geliebten, da umschwebte nicht das Gelispel geistiger Küsse sein Ohr und nicht der harmonische Wohlklang, den die schöpfrische Lieb' um _Louisens_ Namen gewunden.
Doch ich befürchte, zulezt noch aus dem Märchenerzähler ein epischer Dichter zu werden, wenn ich mich länger in Florentins Fantasien einträume.
Kurz und gut seis denn prosaisch gesagt, daß _Duur_ mit _Badnern_ und _Gotthold_ nach acht Tagen im Städtchen _Mungenwall_ waren.
Achtes Kapitel. Freude -- Verdrus und Schauder.
Die Empfindungen der Freude, des Verdrusses und des Schauders sind ziemlich heterogen; es könnte schier glaublich werden, als habe mir ein muthwilliger Freund diese Worte zum Text eines Kapitels gegeben, mein Erfindungsvermögen zu taxieren. Aber nicht also! -- sondern, so wie sich täglich und stündlich in unsrer Seele die entgegengeseztesten Empfindungen durchkreuzen: so wars auch bei dem exilirenden _Florentin_.
Zuerst will ich umständlich erzählen, wie der Freudenlose endlich einmal zu einer Freude gelangte.
Er lebte schon seit zwei Tagen im Städtlein _Mungenwall_ dem Tage des heil. _Urbanus_ entgegen harrend, als eines Morgens an die Thür gepocht wurde und der Briefträger hereintrat. _Florentin_ nahm den Brief, erkannte in der Addresse eine Frauenzimmerhand, fertigte behende den Postboten ab und erbrach neugierig das Couvert.
»_Lieber Graf_,«
»Also leben Sie noch? -- o, wohl mir und Ihnen; haben wir das Leben noch nicht verloren, so ist nur wenig verloren! -- Sind Sie vergnügt? doch wie sollten Sie das, Sie armer, vertriebener Mann? -- aber getrost, ruhig doch? -- o ja, das müssen Sie sein; ich bins nun auch, ob ichs gleich vor einem Monate nicht war. Aber so bald ich erfuhr, daß Florentin noch auf _einer_ Welt mit mir lebte, war ich zufrieden, war ich gesund. Bist Du's auch? Florentin, bist Du's auch?« --
»Ach, lieber Einziger, ich könnte Dich trösten, und warum sollt' ichs nicht? Warum soll sich die Gattin schämen vor -- ihrem Gatten? -- Florentin, lächelst Du nicht, wenn ich Dir sage, daß ich jezt Florentins Ebenbild stündlich küssen, täglich an den -- -- _Mutterbusen_ drükken kann! -- Ich werde so roth, indem ich schreibe, und finde doch keine Ursach dazu. -- O Florentin, wärst du izt bei mir! doch, du darfst es nicht sein.«
»Ich habe Dich gesehen in der Kirche zu _Riedelsheim_. Ich traute meinen Augen nicht, schlug den Flor vom Gesichte und sah Dich. Um mich, die ich im strengsten Inkognito lebte, nicht zu verrathen, begab ich mich eilend in meine Wohnung. Du kamst zu _Aellmarn_ -- o, hättest du's gewußt, daß wir in den Mauern _eines_ Hauses beisammen waren -- --! nein, so ists besser. Du hast mich also in der Kirche erkannt? denn warum drangen Aellmar und sein gutes Weibchen so sehr in mich, daß ich dem leztern meinen Anzug leihen mußte, um dich zu täuschen?«
»_Aellmar_ hat in einem angenehmen Lustwalde bei Riedelsheim ein schönes Haus. Hierhin floh ich, damit Du mich nicht entdektest, aber meine Gedanken begleiteten Dich stets. Ich fantasirte Dich zu mir her, meine Einbildungskraft trieb ihr Spiel so hoch, daß ich zuweilen glaubte, Du riefest mich laut bei Namen.«
»Das unstäte Herumreisen gefällt mir. Ich bin schon ganz wiederhergestellt; in der andern Woche muß ich am Hofe erscheinen, aber, ach, Florentin, wie öde ists dort, wenn Du nicht da bist! Mein Bruder, der Herzog soll sehr niedergeschlagen sein -- ich wünschte die Hälfte Sehnsucht nach Dir, die mich quält, in seinen Busen und er würde Dich gewiß mit Thränen der Reue in sein Land heimrufen.« --
»Antworten mußt Du nie auf meine Briefe. Man hat mir aber versprochen, mich von allem zu benachrichtigen, was sich mit Dir ereignet. -- Florentin liebe mich -- bleib mir ewig gut! die Hand, die uns trennte, führt uns vielleicht einst wieder zusammen. Erinnerst Du Dich noch eines Abends, da du im Schloßgarten mir das Strumpfband applündertest?«
»Florentin lieb ewig
_Louisen_.«
»Geschrieben im Aellmarschen Waldhause bei Riedelsheim.«
Daß _Florentin_ beim Lesen und nach Lesung dieses Briefes in eine ihm jezt sehr ungewöhnliche heitre Seelenstimmung versezt wurde, ist leicht zu errathen. Er küßte das Blatt, welches _ihre_ Hände berührt, küßte die Züge, welche _sie_ gezeichnet hatten.
Aber die Wonne des _Grafen_ war nicht das liebliche _Rosenroth_ auf die _grüne Farbe_ der Hoffnung hingegossen, um mit Farben _Florentins_ Seelenzustand zu mahlen: sondern ein _düsteres Roth_ auf _schwarzem Grunde_. Ein unwandelbarer Trübsinn dämpfte jedes aufwallende, frohe Gefühl, und ließ im Freudestrahlenden Auge die Thräne der Schwermuth blinken.
Gewöhnlich glaubt man, daß Entfernung von der Geliebten den Schmerz sie nicht besizzen zu können, und am Ende die Liebe selber, mildert, auch der brave Herzog _Adolf_ gieng wahrscheinlich von diesem Standpunkte aus, da er _Florentinen_ und _Louisen_ mit weiser Vorsicht trennte -- aber hier fand das Gegentheil statt. Seine Liebe wurde mit jeder Entfernung von dem Gegenstande derselben heftiger, und er empfand die traurig angenehme Wahrheit des _Owenischen_ Spruches an sich, daß
Je mehr man dem Feuer der Liebe entfliehe, Je mehr es glühe.
Er hätte gern anizt die Pferde satteln und sich im sausenden Gallopp wieder nach _Riedelsheim_ oder dem Aellmarschen Waldhause zurüktragen lassen, um _Louisen_ zu sehn, zu umarmen, zu sprechen, um sein Ebenbild an das Vaterherz zu drükken -- aber der _Urbanstag_ war nicht mehr weit, und die _Prinzessin_, die sogar seine Briefe verbat, konnte vielleicht auf seine Selbsterscheinung noch ungehaltner werden; überdem war ihr Aufenthalt äusserst ungewiß.
Gezwungen also mußte er so weise sein, die in ihm aufsteigenden Wünsche schweigen zu machen. Aber _Aellmarn_ konnte ers lange nicht vergeben, daß er ihn so heimtükkisch hintergangen, und die Anwesenheit der Prinzeßin in Riedelsheim nicht verrathen habe. -- Wäre _Aellmar_ nicht der schwarzen Brüder einer gewesen, so fürchte ich, daß _Florentin_ blutige Rache an ihm genommen haben würde.
»O!« rief der betrogne, tiefgekränkte _Graf_, mehr als einmahl mit wildem Verdrusse aus: »fürwahr, spielt man doch mit mir, als einem Kinde. Nein, so wahr ein Gott über uns lebt, so wahr ich frei bin und Mann bin, ich will länger nicht sein der, welcher ich war. O, Freundschaft, Freundschaft, bist doch nur eine schöne Puppe, welche man fühlenden, reinen Seelen, mit Kindesunschuld begabt, auf eine Zeitlang zum Tändeln giebt! du selber reizendes Ideal, Inbegrif jeder Tugend, hast dein Antliz abgewandt von der entarteten Menschheit, dein Schatten nur schwebt noch auf der Geschichte der Vorwelt und den Werken des Dichters!«
Ich glaube, der _Graf_ würde nicht unrecht gethan haben, wenn er das beherzigt hätte, was wir oben (Seite 9.) über den Monolog eines Fürsten gloßirten! --
Inzwischen hatte er weder Zeit genug seine Freude, noch seinen Verdrus lange zu verfolgen, weil endlich der Tag des heiligen _Urbanus_ anbrach und -- verdämmerte.
Schon vorher hatte der _Graf_ von einem Mungenwallischen Wirthe nöthige Kunde über den rothen Wald, die Heerstraße, das steinerne Kreuz und dergleichen mehr eingezogen, wovon ihm _Holder_ sagte, so daß er jezt unmöglich irren konnte, da er gegen Abend zum Mungenwaller Thore hinauswanderte, und dem vor ihm liegenden Gehölz entgegen.
Er trat hinein in den sogenannten _rothen Wald_, der an sich jedem andern _grünen_ Walde gleich war, nur daß mit Anfang des Gebüsches auch der Erdboden in Berg und Thal sich zu verändern anfing, und _Florentins_ Straße sich in ewgen Krümmungen um Hügel, durch Thäler, grausenvolle mit hohen Rüstern überwölbte Hohlwege eine gute halbe Meile hinschlängelte.
Die Mitternachtsstunde nahte. _Florentin_ sah links das steinerne Kreuz auf einer mit Sträuchern wildumwachsenen Anhöhe. Er lagerte sich am Fuße derselben, harrend der Dinge, welche kommen sollten.
Der Himmel war mit Wolken bezogen; hie und da funkelte ein Stern herab; dann und wann trat der Mond aus den Nebeln hervor, übrigens herrschte Todesstille im Walde.
Der _Graf_ hatte noch Zeit genug vor sich seine Begebenheiten zu überdenken, die ihn hieher gebracht hatten.
»Wie wunderbar das Verhängnis mit uns spielt!« -- dachte er bei sich: »wie hätt' ich je glauben sollen, daß ich einmal in diesem Walde um Mitternacht liegen würde, Abentheuern entgegen zu gehn? -- Sollte man nicht beinahe des Menschen freien Willen für ein Selbstgespinst seiner Fantasie halten? Ich kam an den Hof eines Fürsten, wurde sein Vertrauter. Seine Schwester war zu schön, daß ich nicht Liebe für sie hätte empfinden sollen und Sie liebte mich wieder. Eine glükliche Nacht war die Quelle vieler Unglüksfälle. Ich würde verloren gewesen sein, hätte mich nicht die Güte unbekannter Männer erhalten; ich wäre nicht durch diese so glüklich gewesen, hätte ein Ungewitter und ein rother Mantel nicht Holdern mit meinem Onkel verbunden. Ich stand dem Tode nahe, wurde gerettet -- war dies nicht vielleicht nur Plan der schwarzen Brüder? -- Ungewiß über mein künftiges Leben schweif ich umher. Ich komme in ein Dorf; der heitre Morgen reizt mich in die Kirche zu gehn, und dieser Gang ist eine neue Ursach von tausend angenehmen und widrigen Empfindungen. Könnte der Geist des Menschen die Folgen jeder, auch der kleinsten, That überschaun, würd' er wohl je Thorheiten begehn?«
Florentin hörte jezt den Fußtritt eines Wandelnden durch das stille Gebüsch hallen. Er horchte; es kam näher. Ein Mensch wie ihn _Holder_ beschrieben hatte, gieng die Landstraße nach Mungenwall; einen Bündel dürrer Reiser auf dem Rükken, eine Axt unterm linken Arm tragend. Es war hell genug einander, wiewohl nur schwach, wahrzunehmen. _Florentin_ wußte, was jezt geschehn würde.
Der _Fremde_ gieng hart an ihm vorüber, ward seiner gewahr und sprach: »Seid gegrüßt!«
»Gott dank Euch, Hugo!« antwortete der _Graf_ und lauschte.
»»Es ist kalt, und nicht mehr weit von Mungenwall, warum verweilet Ihr am Wege hier?««
»Ich sizze zum Feste der Schwarzen.«
»»Gut! gut! ich verstehe!«« erwiederte der _Holzträger_, gieng an das steinerne Kreuz und schlug mit dem Rükken der Axt dreimahl mit solcher Energie wider das Kruzifix, als wollt' ers mit jedem Schlage zermalmen. --
»Was bedeutet dies?« fragte _Florentin_, indem er aufstand.
»»Man soll uns erwarten und verstehn wie wir uns erwartet und verstanden haben. Folgt mir!««
Der seltsame _Holzträger_ wanderte frisch voran, _Florentin_ ihm nach. Sie giengen einen wenig betretenen Fußsteig rechts ins Gehölz hinein, verloren denselben, drangen durch Buschwerke, sprangen über Graben, giengen neue Wege, verloren sie wieder, bis sie nach anderthalb Viertelstunden vor einem Hause standen, wo man eben niemanden zu erwarten, sondern wo vielmehr alles ausgestorben zu sein schien. Der _Holzträger_ klopfte dreimahl an. Es wurde aufgethan.
Zweiter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Kanella.
Unter andern sagte _Aellmar_ zum Grafen _Florentin von Duur_, während der Anwesenheit des leztern im Dorfe _Riedelsheim_:
»Volk und Fürst liegen jezt zu _Kanella_ mit einander im Prozesse. Um Menschen, Hofkreaturen, Politik und Volkskraft zu studieren, ist das für jezt die beste hohe Schule.«
Ich zweifle gar nicht, daß sich meine Leser dieser Worte so gut, als ich mich, zu erinnern wissen. -- Die politischen Romane so wohl, als die politischen Schauspiele und Staatsakzionen sind ziemlich aus der Mode gekommen, ich finde auch kein Behagen sie wieder in den alten Flor zu bringen, aber so viel es zu der Erzählung unsrer Geschichte gehört, muß ich doch der Kanellesischen Unruhen erwähnen.
_Piedro_, Fürst von Kanella, war schön gewachsen, in den besten Lebensjahren, hatte ein niedliches Gesicht, viel Galanterie und hinreißende Swade. Dieß aber war die ganze Summe seiner Tugenden! er war der angenehmste Gesellschafter und der elendeste Regent. Wie man nach gewöhnlicher Art den Fürstenpöbel erzieht, war er erzogen; Stupidität, Wollust, Aberglaube, Prachtliebe, Bigotterie, und Selbstsucht gaben die Grundlinien seines Karakters an. Er regierte nicht, sondern diejenigen, welche seine Einfalt vergötterten, seine Leidenschaften küzzelten; und regierte er: so war er Despot.
Ein unglükseeliges Volk, welches ein solches Unhaupt zum Haupte hat!
Die _Kanelleser_ fühlten _Piedros_ eisernen Zepter und murrten; sein Prachtaufwand war groß, groß wie ihre Armuth -- sie murrten lauter; ihr Gewissen selber wurde als dependent von der Laune des Fürsten erklärt, die Freiheit ihres Geistes in Fesseln geschlagen und dies war das Signal zu thätigen Erklärungen des Volks wider den Fürsten.
»Vergeuden will er mit seinen Konkubinen unser Hab und Gut!« rief hier mit Thränen ein Bürger aus, der einen Theil seines Silbergeräths zu Gelde gemacht hatte, um die vielen Steuern und Abgaben zu entrichten: »mit Lekkerbissen und Weinen aus allen Welttheilen herbeigeführt, will er sich und seine Hofschranzen mästen, indeß wir seine Bürger mit unsern Weibern und Kindern an Brodrinden knauern und Quellwasser trinken sollen! Nein, Piedro, fürwahr du treibst es nicht lange so!«
»Ha, des fürchterlichen Schlaukopfs!« schrie dort ein andrer: »wir sind ihm zu klug, er will uns umschaffen zu Dummköpfen, damit wir ruhiger seine Tükke dulden, seine Pläne nicht sobald durchschauen, und gewahren, wo uns die Ketten schaben. Darum verdammet er die Aufklärung, darum giebt er uns bigotte Religionslehrer, darum dürfen die Gelehrten auf der hohen Schule nicht mehr sprechen, wie sie wohl wollten, und die Schriftsteller nicht mehr schreiben, wie sie gern mögten. O Piedro, es wird dir doch nicht gelingen!«
So dachte man und sprach man leise und laut im ganzen Gebiete Kanellas; täglich erschienen Pasquille auf dem Fürsten, seine Lieblinge und Ministers, wöchentlich traten heimlich gedrukte Schriften über die Regierung ans Licht, welche dieselben vor den Augen des ganzen lesenden Volks in ihrer Blöße darstellten.
_Piedros_ Aufwand überstieg beiweiten seine Einnahmen; alle Mittel wurden hervorgesucht, und waren es die abscheulichsten, um die zerrütteten Finanzen wiederherzustellen. Eine auswärtige große Macht, welche schon seit etlichen Jahren in einen schweren Krieg verwickelt war, verlangte vom Kanellesischen Hofe Truppen gegen Bezahlung einiger Millionen. Wem konnte dies Anerbieten willkommener geschehn, als dem _Piedro_? -- die Regimenter wurden kompletirt, exercirt und in marschfertigen Stand gesezt. Die Kanelleser murmelten zwar manches von Unrecht, Widersezzen, Aufsagung des Gehorsams und dergleichen mehr, aber wer hörte auf sie? -- Doch gab dies den ersten Anlaß zum öffentlichen Ausbruch des allgemeinen Misvergnügens.
Der Kardinal _Benedetto_, _Piedros_ Favorit und Universalminister, hatte durch seine Spione manches erfahren, was allerdings für den Hof nicht allzugünstig ablaufen konnte, begab sich also zum Fürsten, und zwar am Tage vor dem Abmarsch der Regimenter.
Er fand den Landesvater in den Armen der schönen Gräfin _Rosaffa_, wollüstig in ihren schwarzen Haarlokken tändelnd. Der _Kardinal_ wollte zurüktreten.
»Nicht doch, Herr Kardinal,« rief ihm die Geliebte _Piedros_ zu: »kommen sie herein, wir werden nicht gestört.«
Piedro. (lachend) Nein, nein, wir werden nicht gestört! ha, ha, ha!
Kardinal. Ich habe Ew. Durchlaucht nur _ein_ Wort, aber ein wichtiges Wort zu sagen.
Piedro. So? reden Sie; Donna Rosaffa darfs ja wohl hören.
Rosaffa. (einen intressanten Blik auf den Kardinal werfend.) Ich bitte selber darum.
Kardinal. (sie anlächelnd) Ich muß gehorsamen.
Piedro. Was verlangen Sie denn?
Kardinal. Daß der Prinz Moriz nicht mit den Truppen Ew. herzogl. Durchlaucht abgehe -- --
Piedro. Sondern?
Kardinal. Noch eine zeitlang in Kanella bleibe, weil das Volk unruhig geworden ist.
Piedro. (auffahrend) Unruhig?
Kardinal. Wegen des Abmarsches unsrer jungen Mannschaft.
Rosaffa. Die Burschen werden ihre Mädchen nicht verlassen wollen.
Piedro. Dem ersten, der da mukst eine Kugel vor den Kopf! -- Was soll aber Moriz hier?
Kardinal. Er ist vom ganzen Volke gefürchtet; ich habe Proben davon erfahren, die unglaublich scheinen. Er wird am besten Ordnung zu erhalten wissen -- befehlen Ew. Durchlaucht, daß er zurük bleibe.
Piedro. Meinethalben.
Rosaffa. Moriz ist ein fürchterlicher Mann; ich glaube seine trozzige Miene allein schon kann eine Armee in die Flucht jagen.
Piedro. Sind die Unruhen von Bedeutung?
Kardinal. Noch nicht, könntens aber werden. Alles die traurigen Folgen der Freigeisterei und eingerißnen Aufklärungssucht. Wehe, wehe dem Staate, wo diese herrschen! -- doch ich denke ja mit der Hülfe des Himmels und Ew. Durchlaucht bald die Kezzereien auszurotten, und Ihre Unterthanen in ein sanftes, frommes, gottgefälliges Volk umzubilden. Ei, ei, ei, Dero Durchlauchte Vorfahren haben das Uebel schon zu tief -- --
Piedro. Verbessern Sie, Herr Kardinal. Und, wie gesagt, jedem widerspenstigen Buben die Kugel oder den Galgen.
Rosaffa. Wenn marschieren die Soldaten aus?
Piedro. Wir sehen sie morgen vor unserm Pallast durchziehen. (er flüstert der Gräfin etwas ins Ohr.)
Rosaffa. (beleidigte Schaamhaftigkeit affektirend) Nicht doch!
Kardinal. (empfiehlt sich)
Prinz _Moriz_ empfieng noch an selbigem Tage vom Hofe Befehl in _Kanella_ zu bleiben, weil hier seine Anwesenheit vonnöthen sei. Zwar war ihm dies eine sehr ungelegne Ordre; doch einige Zeilen von _Benedettos_ Hand beruhigten ihn, machten ihn sogar zufriedner mit seinem Heimbleiben, als seiner determinirten Abreise.
Ich darf den Karakter _Morizens_ meinen Lesern nicht erst schildern; wahrscheinlich kennen Sie den Mann noch, nebst seinem getreuen _Flimmer_, aus seinen Händeln mit den schwarzen Brüdern und den Grafen _Duur_ in Herzog _Adolfs_ Residenz. Hier am Hofe zu _Kanella_ wurde er, wie man sieht, ungemein geschäzt. Besonders bediente sich seiner _Benedetto_ treflich, weil dieser schlaue Mönch durch ihn manches Plänchen zu realisiren wußte, welches nur durch einen so wilden, rauhen _Moriz_ realisirt werden konnte; denn ausser diesem war das ganze Hofvolk ein Heer entnervter Wollüstlinge, Sodomitten und Tribaden.
Zweites Kapitel. Der Landesvater mit seinen Landeskindern.
Am folgenden Tage war es schon früh in den Straßen von _Kanella_ lebhaft. Soldaten und Bürger, Männer und Weiber, Hohe und Niedrige rannten durcheinander, sagten sich das Lebewohl, wünschten sich das baldige Wiedersehn. Die Rosse schnoben, die Fahnen und Standarten wehten, die Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerührt, man sties in die Trompeten, die Compagnien stellten sich, alles zog sich auf dem großen _St. Dominikusplaz_ zusammen.
Es war ein rührendes Schauspiel anzusehn, wie sie da standen die Greise, Männer und Jünglinge unter ihren Waffen. Verzweiflung und Schmerz malte sich in ihren Mienen -- ein gebrochnes Jammergetön durchdrang die Luft -- keiner aber sprach. Die Männer, welche vorübergingen, riefen ihnen ein banges: »Gott mit euch!« zu und verbargen die heimlichen Thränen, welche sich aus ihren Augen stahlen. Aber die Krieger verbissen ihren Schmerz -- still lächelten sie und drükten einander wehmüthig die Hände.
Mit einemmahle sahe man einen langen Zug von Weibern dem _Dominikusplaz_ entgegen wanken; jedes beinahe führte ein Kind an der Hand. Es waren die Weiber und Kinder der scheidenden Krieger. -- Diese sahen sich, vom Anblik dieser Szene durchbohrt, an, jedem zitterte eine Thräne vom männlichen Auge und jeder nahm vom Weibe und Kinde den lezten Abschied. »Lebet wohl, mein Vater!« riefen die unmündigen Kleinen. -- »Lebet wohl!« lallte ein weinender Greis und stämmte sich auf seine Flinte: »lebet wohl, ihr kleinen Engel!«
Die Weiber umschlangen ihre Gatten, stammelten ihnen tausend heiße Wünsche, und jeder Wunsch wurde von einer Flut von Thränen und Küssen erstikt.
»Gott ziehe mit dir, mein Einziger!« rief ein junges Mädchen und sank ohnmächtig an den Hals des geliebten Jünglings, und der Jüngling erwiederte: »Tröste dich unser Gott, meine Traute, wenn ich nicht heimkomme! In der Ewigkeit sehn wir uns wieder!«
»Ja in der Ewigkeit sehen wir uns wieder und da soll Gott der Gerechte richten!« heulten einige Weiber, und der Jammer ward allgemein.
Plözlich schwieg alles; Todesschauer faßte jeden und jede, denn es hieß: »_Moriz_ kömmt! _Moriz_ kömmt!«
Der _Prinz_ kam wirklich von einigen seiner Offizieren begleitet zu Pferde herbeigesprengt.
»Allons, weg Weiber und Mezzen von den Soldaten; Memmen sinds ohnedem!« rief er.