Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Part 3

Chapter 33,297 wordsPublic domain

Was sollt er thun? -- umkehren und _Riedelsheim_ verlassen, ohne Sie zu sehn die geliebte Stifterin seines Unglüks? -- sie jezt nicht wiedersehn, die er vielleicht dann nie, weder in diesem, oder jenem Leben wieder zu erblikken glüklich genug sein könnte! -- Unmöglich, kein Liebender hätte dies an _Florentins_ Stelle gethan, und _Florentin_ thats auch nicht.

Als er noch unentschlossen da stand, mit einem Stökchen im Staube malend, zeigte sich seinen Augen ein junger, wohlgekleideter Mann, dessen Aeusseres viel gutes ahnden lies. _Florentin_ machte sich sogleich an ihn und fragte nach dem Besizzer des weißen Hauses.

»Sie sehen ihn vor sich!« antwortete jener und _Florentinen_ ward seltsam zu Muthe durch diese Antwort, denn Mann und Stimme desselben waren ihm sehr wohl bekannt. Kurz gesagt, die Gestalt und _der_ Ton gehörten in den Traum von den schwarzen Brüdern hin, und zwar dem _Puppenspieler_, der im Wirthshause die grausamliche Zerstörung Magdeburgs aufgeführt, und dessen Kasten unser _Graf_ zertrümmert hatte. Daß _Florentin_ durch die frappante Aehnlichkeit zweier so heterogener Personen etwas bestürzt gemacht wurde, läßt sich denken.

»Wen hab' ich dass Glük zu sprechen?« fragte er.

»»Ich hin der *** Prinzenerzieher _Aellmar_, lebe hier durch die Gnade meines Fürsten ein angenehmes Privatleben, und werde mich freuen, wenn Sie in meiner Wohnung mit einer ländlichen Bewirthung vorlieb nehmen wollen. Sie sind -- --?««

»Der Graf von Duur.«

»»Ich kenne Sie schon näher, wie mich däucht.««

»Und mir ists, als hätte ich ebenfalls schon das Glük gehabt Ihre Person einmahl, aber Gott weis, wo und in welcher Verkappung, zu sehn. Ihre Gesichtszüge -- ihre Stimme --«

»»Vielleicht haben Sie sich nicht geirrt.««

»Wär es möglich!«

»»Wie befindet sich Herr Holder von Sorbenburg? Wahrscheinlich haben Sie ihn noch -- --?««

»So wahr ich lebe, Herr Aellmar, Sie und ein gewisser, schwarzer Puppenspieler« -- --

»»Ganz recht, Vinzenz!««

»Gott, ich bin glüklich.«

»»Still, wir plaudern nachher mehr. Haben Sie die Güte mein Gast zu sein.««

»Haben Sie Fremde?«

»»Sie werden niemanden ausser dem Prediger _Leedri_, meinen Schwiegervater, und seine Tochter, meine Agathe, antreffen.««

Wie gern folgte _Florentin_ der willkommenen Einladung des metamorphosirten _Puppenspielers_! Hier hofte er gewis Aufschluß über das verschleierte Frauenzimmer in der Kirche zu empfangen. Er unterlies auch nicht beiläufig zu fragen, ehe sie das Haus erreicht hatten.

»Wahrscheinlich meine Frau!« antwortete _Aellmar_ und führte den halb unzufriednen _Duur_ in ein Zimmer, worin sich der alte Pastor _Leedri_ allein befand. Man wurde bald bekannt mit einander; sprach, von diesem und jenem; _Aellmar_ entfernte sich seine Gemahlin herbeizuhohlen, und _Florentin_ exegisirte über das »Wahrscheinlich« des Aellmar.

»Wahrscheinlich ist doch nicht gewis; es läßt noch immer der Vermuthung Raum, daß der Schleier eben so gut der Prinzeßin, als der Madame Aellmar angehören konnte!« dachte er bei sich.

Die Thür eröffnete sich nach einiger Zeit. Die verschleierte Schöne, in ihrem Anstande, ihrer Gestalt, ihrer Kleidung eben diejenige, welche im Gitterstuhle sas, trat herein, schlug den gewebten Nebel hinweg von ihrem Gesichte und machte dem Grafen ihr Kompliment. _Florentin_ der anfangs in heftiger Bewegung da stand, ward noch verwirrter, als er hier eines der liebenswürdigsten, sanftesten Weiber -- aber nicht das Idol seiner Seele sah.

So gut es sich thun lies, verbarg _Florentin_ seinen Mismuth; er mußte es nun einmahl geschehn sein lassen, daß er sich getäuscht hatte. Eine freundliche, gewisse Unterhaltung bei Tische war die Würze der Speisen. Sobald man von der Tafel aufgestanden war, suchte unser Pilgram, der noch an eben dem Tage abreisen wollte, um zur rechten Zeit in _Mungenwall_ einzutreffen, den gastfreundlichen _Aellmar_ unter vier Augen zu sprechen.

Es gelang ihm.

Sechstes Kapitel. Aufklärungen.

Der _Graf_ und sein _Wirth_ entfernten sich von dem alten _Leedri_ und seiner Tochter, begaben sich in den naheliegenden Garten, wanderten hier die sandigten Gänge, Arm in Arm, in wichtigen Gesprächen versenkt, einige Viertelstunden auf und nieder, giengen dann, um desto unbelauschter zu sein, in ein nettes, bequemes Gartenhäuschen, lagerten sich da auf ein Sofa, und sezten ihre Unterhaltung fort.

»Ich bedaure,« sagte _Aellmar_ lächelnd: »Ich bedaure, daß Sie sich durch den Schleier so verführen ließen, meine Frau für Ihre Durchlaucht die Prinzeßin Louise zu halten. Zudem, wie sollt ich zu der Ehre gelangen, eine fürstliche« -- --

Florentin. Aber wissen Sie gar nicht, wo sich die Prinzeßin befindet?

Aellmar. Wie sollt' ich? so viel ist gewis, und das wird Ihnen ja besser, als mir bekannt sein, daß die Prinzeßin Louise, wegen ihrer Kränklichkeit, auf einem ihrer Landgüter lebte. Die Aerzte haben es ihr gerathen; Veränderung der Luft und des Aufenhalts soll sie bald wieder herstellen. Die Prinzeßin, um sich zu gleicher Zeit ein seltneres Vergnügen zu gewähren, macht inkognito, von wenigen Bedienten nur begleitet, kleine Reisen durchs Herzogthum, so daß niemand eigentlich weis, wo sie sich befindet.

Florentin. (rieb sich die Stirn.)

Aellmar. Dies ist alle Auskunft, die ich Ihnen geben kann, das heißt, ich sage, was man allenthalben spricht. -- Doch lassen Sie uns davon abbrechen. Sie wollen nach _Mungenwall_ reisen.

Florentin. Wie ich Ihnen gesagt habe.

Aellmar. Und wohin zielt von da Ihre Reise?

Florentin. Wohin mirs gelüstet. Des Herzogs Befehl bindet mich an keinen Ort und keine besondern Geschäfte.

Aellmar. So würd ich mich in Ihrer Stelle um Menschen, Länder, Politik und Volkskraft zu studieren, ohne Anstand nach _Kanella_ begeben, wo jezt Volk und Fürst im Prozeß liegen, Komplote geschmiedet, Pläne entworfen und zerrissen, Kabalen gespielt und Gährungen erregt und gedämpft werden.

Florentin. (zerstreut) Ich fänd' es selber nicht unangenehm.

Aellmar. Ich witterte diese Unruhen schon vor einigen Jahren, als ich mit Holdern nach Italien reisen mußte, und wir zwei Monate in _Kanella_ hinbrachten.

Florentin. (aufmerksam) _Mußte_ Holder nach Italien reisen.

Aellmar. Er mußte, und zwar in Geschäften der schwarzen Brüder.

Florentin. Und Sie begleiteten ihn?

Aellmar. In einer _ähnlichen_ Angelegenheit.

Florentin. Darf ich um Holders Geschäfte in Italien wissen? Es intereßirt mich zu sehr, um so seltsamer mir damahls seine Entschwindung vorkam, als er -- --

Aellmar. Ich erinnere es mich noch sehr gut. -- Der Zwek der schwarzen Brüder ist Verbreitung des Guten, Unterdrükkung des menschlichen Elends. Wir waren es, welche die _Jesuiten_ aus Italien vertrieben hatten, ohne daß diese eben so wenig, als die übrige ungeweihte Welt davon ahndeten. Unser Triumpf war groß. Die Zerstörung der jesuitischen Hierarchie war eine herrliche That unsers Bundes, lange schon beschlossen in unserm Rathe, und so meisterhaft ausgeführt, daß niemand dabei unsern Einfluß ahndete -- Diese in Heiligenmasken verkappten Teufel aber schlichen sich bald wieder an einigen italiänischen Höfen ein; ihre Fortschritte machten uns besorgen zu frühzeitig triumfirt zu haben; sie hatten ihre Nezze so fein und so stark gewebt, daß es eben so leicht möglich war, sich in ihnen zu vergarnen, als unmöglich sich denselben wieder zu entwinden. Wir bekamen Wind davon. Der Plan, die Gespinnste des Jesuitismus ganz zu zerreißen, ward entworfen, ihn auszuführen bedurfte es einen Mannes mit dem schärfsten, alles umfassenden Blik, mit der feinsten Politik, mit einer ausserordentlichen Geistesgegenwart begabt. Alles beruhte auf diesen Mann allein und -- Holder wurde erwählt.

Florentin. Sie sezzen mich in Erstaunen.

Aellmar. Holder lebte zu der Zeit auf dem Landgute ihres Oheims, wo er von allem, was geschah, schriftlich und mündlich Notiz erhielt. An 6 verschiedne Herrschaften Italiens wurden einige schwarze Brüder verschikt, die Jesuiten in der Nähe zu beobachten, Holder selber sollte sich dahin begeben, um die mannigfachen Pläne des Ordens der schwarzen Brüder, die an den verschiedenen Höfen realisirt werden sollten, harmonisch zu erhalten, Maasregeln, die aus der Uebersicht des Ganzen entspringen mußten, zu ertheilen, mit einem Worte alles zu dirigiren. Seine Abreise hing noch von der Einwilligung eines deutschen Fürsten in einen gewissen Vorschlag in Rüksicht der jesuitischgesinnten Italiäner ab. Alle hofften wir auf Entscheidung. Auch ich wurde bestimmt mit Holdern zu reisen, um seinen Befehlen zu gehorchen. Damahls lernt ich ihn kennen; ich sprach ihn zuweilen in der Nacht in der Nähe des Duurschen Landgutes, wann er mir und andern das Signal durch einen Büchsenschuß gab. Ich bewunderte schon in diesen seltnen nächtlichen Konversazionen den schlauen, weisen, ehrwürdigen Mann. Der deutsche Fürst lies uns lange hoffen, Holder wurde beinah ungeduldig, er liebte Ihre Fräulein Schwester und hätte sich gern mit ihr genauer verbunden, wenn nicht die Macht des Ordens auf eine Zeitlang dawider gestanden. Plözlich erhielten wir Befehl aufzubrechen, ohne Zeitverlust, ohne Schonung der Geldkosten, so schleunig, als möglich, weil von unsrer baldigen Ankunft in Italien alles dependirte. Wir gaben Holdern das Signal. Er erschien; unsre Nachricht dekontenanzirte ihn anfangs -- allein, weil wir schon seit eingen Monaten Befehl hatten, uns in jeder Stunde zum schleunigsten Aufbruch bereit zu halten, so mußte er noch in eben der Nacht mit uns. Rastlos gieng die Reise durch Deutschland. Wir kamen nach Italien; zerstreuten uns, jeder an dem ihm vorbestimmten Posten. Holder zeigte sich hier, als Meister. Er kam zurük zu den Brüdern in Deutschland, die seine bewundernswürdige Thaten, seinen Eifer mit dem Stuhl des Regenten belohnten. Glauben Sie mir, Herr Graf, es leben eben so viel große Männer _unbekannt_, als bekannt! --

Florentin. Wahrlich ich bin stolz der schwarzen Brüder einer zu sein.

Der _Graf_ sprach dies in der That, nicht als ein Compliment, sondern als Aeusserung derjenigen höhern Empfindung, welche aus dem süssen Bewußtsein quoll, du bist auch einer derselben, die, wie die Gottheit, ungesehn sichtbare herrliche Thaten üben. Wahr ists, das Schiksal hat mich eben so sehr über gewöhnliche Menschen emporgehoben, als es mich sinken lies unter denselben! --

»Und auch Sie, lieber Aellmar,« fuhr der _Graf_ nach einer Pause fort: »auch Sie haben schon an der allgemeinen Glükseligkeit des Menschengeschlechts gearbeitet -- und ich -- -- --«

Aellmar. Graf, Sie thaten schon ein Gleiches in ihrem Vaterlande. Schon damahls waren Sie ein Werkzeug der schwarzen Brüder, schon damahls zur Aufnahme bestimmt. Erinnern Sie's sich nicht mehr, wie sich die _Unbekannten_ Ihnen schon lange bekannt machten? -- Haben Sie die Ihnen zugesandten Briefe vergessen, welche -- --

Florentin. Wie sollt' ich!

Aellmar. So darf ich Ihnen nichts mehr erklären.

Florentin. Demungeachtet ist mir noch manche Aufklärung nöthig. Zum Beispiel, woher es kam, daß man um meine Geheimnisse wußte, wußte, was in meinem Herzen, und in meinen vest verwahrten Koffern und Schränken vorgieng!

Aellmar. Ein Räthsel welches leicht aufzulösen ist, wenn Sie wissen, wie ausgebreitet unser Orden ist, und daß der meisten Ihrer Bedienten und Vertraute, so wie die Aerzte am Hofe u. s. f. zur Zahl der schwarzen Brüder gehören.

Florentin. (bestürzt lächelnd) Ha!

Aellmar. Ich habe Ihnen nun so viel anvertraut, als ich darf, und Sie bedürfen. Jezt erlauben Sie, daß wir hievon schweigen.

Florentin. Werd' ich nicht auch zu dieser Kenntnis alles dessen was im Orden vorgeht, und wie es geschieht, gelangen?

Aellmar. Nicht früher, als Sie sich dazu würdig gemacht haben; sodann gehört die Kenntnis des _was_ und _wie_? zu Ihren Belohnungen.

Hier brach _Aellmar_ das Gespräch ab, nöthigte den Grafen sich wieder zu zerstreuen und -- heilige Verschwiegenheit zu beobachten.

Sie verließen das Gartenhaus.

Der _Graf_ sonderte sich von seinem neuen Freunde ab, wankte tiefsinnig mit verschränkten Armen durch die Gänge des Gartens, und überdachte da die Worte Aellmars.

Es stiegen sonderbare Empfindungen in ihm auf. Ihm wars, als wäre er zu einer Klasse höherer Wesen gezählt -- er fühlte sich in ihrer Mitte zu stehn, unwürdig und kleinlich, und wieder gros, wenn er der Thaten gedachte, zu welchen der Orden ihm Bahn bräche. Seine Fantasie begann lieblicher um ihn zu spielen; er warf sich halbträumend in den Schatten eines Kastanienbaums.

»O, werd' ich einst ausgerungen haben, nennt mich die künftige Zeit gros, rauschet der kühlende Lorbeer um meine glühnde Schläfe -- kehre ich heim aus dem Felde der Thaten und begrüsset mich die vaterländische Flur wieder, wo ich als Kind tändelte, als reifender Jüngling schwärmte, ruhe ich dann aus in den heimischen Thälern in der Stille des väterlichen Hains, o wie seelig wird dann mein Loos sein! -- Nein, ich fordre nicht zur Vergeltung fürstliche Palläste, nicht die Freundschaft der Großen, nicht Anbetung vom Volke und Vergötterung, -- nein ihr Gewaltigen, die ihr euren Arm in den Mantel der Nacht verberget, gebt mir, wenn ihr es geben könnet, _Louisens_ Liebe in einem entlegnen Winkel der Erde, meinen Tod in Louisens Armen, an Louisens Busen!«

So träumte der gute _Graf_ sich noch manchen angenehmen Traum, von wehmüthiger Sehnsucht nach Ruhe durchwebt; denn Ruhe bedurfte sein diefleidendes Herz, oder eine ungewöhnliche Zerstreuung.

Glüklich war _Florentin_ in der Mitte dieser ihn umwallenden Bilder, welche die Fantasie erschuf; und so ist jeder glüklicher in der _Rükerinnrung_ oder Hoffnung, als im _Genuss_ selber!

Siebentes Kapitel. Ein Nachtstük.

Es war ein schwüler Nachmittag; die Luft glühte, der Erdboden schmachtete, kein Wind wehte Erfrischung; _Florentin_ entschlos sich also leicht, _Aellmars_ Bitte zu erhören und erst am Abend dieses merkwürdigen Tages seine Reise zu verfolgen.

Unterdes suchte _Aellmar_ seinem Gaste diese wenigen Stunden so sehr, als möglich zu verannehmlichen. Weil der Graf, über dessen Seele ein ewger Gram brütete, der nur selten und auch dann nur erzwungen, lächelte, jede Gesellschaft ennuiant fand, wo Scherz und muntre Laune das Herz für Freude stimmten, so unterhielten sich beide stets allein.

Unter andern führte _Aellmar_ seinen Freund in sein Studierzimmer, welches rings herum mit vortreflichen Gemählden ausgeschmükt war. _Florentin_ heftete gleich beim Eintritte sein Auge auf einen männlichen Kopf. Er gieng näher und erkannte bald, daß _Holder_ zu demselben das Original sei.

»Auffallend ähnlich!« rief der _Graf_: »dies hat ein Meister gemacht!«

»»Es ist sehr wohl gerathen.«« Erwiederte _Aellmar_ und stellte sich neben Florentinen.

»Ganz seine freie stolze Stirn, welche der Gefahr trozt -- ganz sein feierlich ernster, majestätischer Blik, der das menschliche Herz durchspäht, und über die Entwürfe des Schiksals hinblikt, als lebte er mit demselben in einem höhern Einverständnis. Sein Mund -- ganz eben der, welcher sich immer nur zum Wohl des allgemeinen Ganzen zu öffnen scheint, und nur das _Orakel_ der Weisheit sein kann. Dieser matte Zug um die Lippen, diese matte Falten der Stirn, welche die stoische Kälte, den strengen oft furchtbaren Ernst des Mannes so karakteristisch mahlt -- Aellmar, ich bin stolz, daß Holder mein Blutsverwandter ist, und hasse mich selber, daß ich der Gelegenheiten so wenig vest hielt mich durch diesen Ausserordentlichen und nach seinem großen Muster zu bilden.«

»»Ich schäzze den höher, welcher sich durch die Natur ausbilden läßt, und nicht die Größe eines andern zu seinem Maasstabe macht. Erstere veredelt den menschlichen Geist, so sehr es ihm seinem innern Gehalte nach möglich ist, lezteres verzerrt denselben und bringt gewöhnlich Karrikaturen zur Welt. Ich zweifle nicht daran, Herr Graf, daß auch Sie ein Holder werden können, wenn sie in Verhältnisse gerathen, wie er; daß Sie in der Gefahr so kalt bleiben, wenn Sie, wie er, zweimal in einem Meersturme scheidern, oder, wie er, sich durch einen Haufen Banditen schlagen, oder unter malthesischen Flaggen an einen türkischen Seefahrer entern --««

»Was sagen Sie mir da? -- Sie scheinen mehr von Holders ehemaligen Lebensumständen zu wissen, als ich. Er hat sich in unsrer Familie selten davon etwas verlauten lassen; nur so viel wissen wir, daß er von blutarmen Eltern am Rheine geboren wurde.«

»»Im Orden, lieber Graf, werden Sie mehr darüber erfahren können. Nur so viel ist gewiß, daß _Holder_ ein grösserer Abentheurer, als irgendein _Bruder von der Küste_[A] geworden wäre, hätten die _schwarzen Brüder_ ihn nicht in ihre Pläne verstrikt, unter ihre Zahl aufgenommen, und seinem Genie eine edlere Bahn angewiesen.««

Vergebens bemühte sich _Florentin_ _Aellmarn_ mehrere Skizzen von _Holders_ Leben abzulokken, dieser wußte immer unter einem artigen Vorwande den Versuchen des Grafen zu widerstehn.

Schon sank die Sonne mit aller ihrer Pracht hinter den Tannenwipfeln des benachbarten Forstes unter; schon wurden die Lüfte kühler und graue Dämmerung umflog die Landschaft; schon tönte vom Thurme von Riedelsheim die späte Abendglokke, und das Geräusch der Menschen schwieg und die Dorfbewohner suchten das Lager, um früher zur Arbeit aufzubrechen, als _Florentin_ erst von _Aellmar_, dem alten Pastor _Leedri_ und dessen Tochter _Agathe_ schied, um in der Nacht die versäumte Reise des Tages zu ersezzen.

[Fußnote A: Siehe des Herrn von _Kozebu's verm. kleine Schriften_ 3ter Theil. Geschichte der _Flibustier_ nach _Raynal_.]

Der _Graf_ mit seinen beiden Kumpanen trottete langsam zum Dorfe _Riedelsheim_ hinaus, das Thal hindurch, die Hohlwege hinan. _Florentin_ war im Geiste noch immer um _Aellmar_, hörte ihn noch immer von _Holdern_, oder der heiligen Bestimmung der schwarzen Brüder plaudern; sah noch immer den verführerischen Gitterstuhl in der Kirche, oder die verschleierte _Agathe Leedri_, Aellmars Weib, darinnen. So schlenderte sein Gaul ruhig unter ihm den Weg hin, ohne daß es einmal die Spornen seines Ritters in den Seiten fühlte, und _Gotthold_, nebst dem alten _Badner_, der, wie ich anzumerken vergas, eben so bald zu seiner, des schwazhaften _Gottholds_ und des _Grafen_ Freude die verlorne Sprache wieder gewann, als er über die herzogliche Landesgränze hinaus war, ich sage _Gotthold_ und _Badner_ trabten, im Mondenscheine vertraulich mit einander plaudernd, bald voran, bald zur Seite, bald hinterher.

»Kopf ab!« rief _Gotthold_ nach einer halben Stunde dem _Grafen_ zu, der sich rasch niederdukte, um nicht mit den Baumästen über sich in Kollision zu gerathen, und nun erst bemerkte, daß er sich in einem angenehmen Wäldchen befände.

Dies sehn und den Entschluß fassen eine Strekke Weges zu Fuße zu wandern, war eins. Er stieg ab, reichte _Gottholden_ den Zaum seines Rosses und trabte frisch voran.

Die Nacht war angenehm, zum Schwärmen reizend, einladend zum Vollgenus reinerer Empfindungen. Der _Graf_ gieng mit starken Schritten vorwärts, schwärmte, genoß. Er war noch keine Viertelstunde gegangen, als ihn eine weibliche Stimme, welche durch die tiefe Stille der Mitternacht seitwärts ertönte, vom Wege ablokte.

Meine Leser, wenn Sie hier ein _gewöhnliches Waldabentheuer_ erwarten; so täuschen Sie sich. Es geschah etwas sehr natürliches, was nur in _Florentins_ Augen den Anstrich des Wunderbaren trug.

_Florentin_ gehörte eben nicht zu der Gattung neugieriger Lauscher, welche das Sumsen einer Mükke aufmerksam macht. Es hätte vielleicht für ihn in jeder andern Seelenstimmung die Weibesstimme süs oder sauer tönen mögen, sie hätte ihn nicht von seinem Wege abgebannt, -- aber jezt. -- Doch um die Ursachen recht einzusehn, welche ihn reizten den Fußsteig zu verlassen, müssen wir sein unmittelbar vorhergehendes Gedankenspiel wissen.

Die Nacht, wie man weis, war schön;

Ein wunderbar Gemisch von Licht und Schatten Verherrlichte den Wald mit unbekannter Pracht. Auf jedem Zweige sahe man die Nacht Sich mit des Mondes reinstem Silber gatten. Verworren schliefen Hain und Hügel in der Tracht Des alten Chaos -- Edens Nächte hatten Nicht solchen Reiz gesehn, und solcher Augenlust Sind sich die Heilgen kaum im Paradies bewußt.

Florentin knüpfte an das Bild dieser Nacht das Bild aller ehmals im Vaterlande genossenen schönen Nächte; natürlich spielte in diesen auch _Louise_ eine hervorstrahlende Rolle, und, was noch natürlicher war, die Schönheit der nächtlichen Natur wurde in eben dem Augenblikke über die Schönheit der angebeteten Auserwählten gänzlich vergessen.

Nun schwamm ihm nur das magische Gebild Louisens vor der Stirne; Ihm malt der Bach, der von dem Felsen quillt In Silberringen seine Dirne. Süs haucht ein Zefyr von der hoch umbüschten Flur, Doch haucht er _ihren_ Namen nur, Nur _ihrer_ Wangen Roth zu zeigen Entknospen frühe Rosen sich, Vor _ihres_ Busens Blenden neigen Sich Lilien schamhaftiglich. Aus dichtverwachsnen Büschen schläget Vergebens schön die Nachtigall. In seinem tauben Ohr erreget Der Liebeswahn ihm süssern Hall!

Und in diesem Moment hört er einen Ton, der schlechterdings nur weiblichen Lippen entfliehen konnte. »_Louise ists! Louise ists!_« rief ihm sein liebendes Herz zu, und alles Blut stürmte wilder den Pulsen entgegen, seine Wangen glühten, seine Augen leuchteten Freude und Hoffnung. »Ich muß sie sehn!« dachte er bei sich und schlich behutsam durch das Dikkigt derjenigen Gegend zu, von wannen ihm die Stimme des Frauenzimmers zugeweht war. Er hatte kaum einige Schritte gethan, als er, wie angewurzelt, stehn blieb, und ohnmächtig sich an eine hundertjährige Eiche lehnte.

Durchs Gebüsch sah er in einer mäßigen Entfernung ein schöngebildetes Frauenzimmer. Zwar schien der Mond sehr hell, und des Gebüsches Schatten traf kaum eine Falte vom weißen Gewande der _Dame_, demungeachtet hätte jedes andre Auge nichts deutlich an derselben unterscheiden können, was der Blik des sterblich verliebten _Grafen_, oder vielmehr seine dienstfertige Einbildungskraft, sehr genau sah und unterschied. Und was _Florentin_ erblikte, oder doch zu erblikken glaubte, mußte seine Liebe doppelt anfachen. Es hält freilich schwer das Fantom eines liebenden Sehers nachzuzeichnen, indes will ichs einmal wagen, ob ich gleich gewiß bin, daß ich mit meiner Beschreibung weit unter dem Ideal bleiben werde, welches der trunkne Liebhaber sich vorschuf.

Denn nie war Sterblichen noch der Schönheit liebliches Urbild in der Hülle eines sterblichen Weibes erschienen; nie bis dahin die Begeisterung heiliger Barden aufgestiegen, und nie ein Bild dem Meißel entsprungen, welches hier Louisen glich, die Florentin wahrzunehmen wähnte. Hier raubt der zitternde Pinsel tausend Reizze mit jedem vermessenen Auge. Erröthend schweigt die Muse vor dem Werke, welches nur einmal die Natur in ihrer Zauberfülle geboren.