Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3
Part 2
Der _Küster_ gieng. _Onkelchen_ öffnete einen der Briefe und las: »Nachdem es nun dem grundgütigen Gott gefallen, was maaßen er meine liebe Frau --« Hier hielt ihm _Rikchen_ die Hand vor den Mund und stellte sich lächelnd böse. Der frohe _Alte_ wollte lesen, _Rikchen_ hinderte es, erwischte die Briefe und lief zum Zimmer hinaus.
»Wart! warte!« rief der _Onkel_, indem er aufstand, und sie so eilfertig, als es seine Wohlbeleibtheit verstattete, verfolgte: »warte, das soll dir durchgehen!«
Er schlenderte eben die Hausflur hinunter, als er zu seinem größten Erstaunen die Briefe zerstreut auf dem Erdboden liegen sah. Er machte Anstalten sie aufzulesen, als er _Florentins_ Namen unzählige mahle von _Rikchens_ Lippen hörte. Frohe Ahndung durchzukte ihn -- rasch lief er der Stimme nach, und sah -- o Wunder! -- sah den lieben _Florentin_ in den Armen seiner holden _Schwester_ liegen.
Ihn umarmen, ihn küssen, ihm Vorwürfe machen, war Eins.
»Ei du Blizkammerherr, mußt du denn immer das Spiel der Ueberraschung mit uns treiben?« rief der frohe Greis: »unvermuthet, verschwandst du vor etlichen Wochen, und unverhoft stehst du wieder hier.«
Man begab sich in ein Zimmer. _Florentin_ erzählte die vorgeblichen Ursachen seiner plözlichen Ankunft.
»Ein paar Tage nur willst du bei uns sein?« fragte der _Onkel_ und sah ziemlich misvergnügt aus.
»Ein paar Tage nur,« sagte _Rikchen_, und es war ihr, als sollte sie weinen.
»Doch nein!« hub der _Onkel_ wieder an, da er _Rikchens_ Stimmung gewahrte: »Das ist recht! das ist brav, daß dich Sr. Durchlaucht auf Reisen schikt -- Donner, aus dir kann einmal ein ganzer Mann werden. Höre, Florentin, höre, und hast du denn die lezte Ehrenstufe erklettert, gafft dich verwundrungsvoll das ganze Herzogthum an, hast du recht viel braves gethan und bist müde: dann nimm deinen Abschied und ein Weibchen, komm zu uns und ruhe im Arme deiner guten Freunde von guten Thaten aus. Hörst du? -- o, wenn ich doch nur die Seeligkeit noch erlebte, dann wollt' ich meinen Kopf herzlich gern zur ewigen Ruhe niederlegen! --«
»Alter, guter Mann, wirst sie nicht erleben; wohl dir, daß du nicht allwissend bist!« dachte _Florentin_ bei sich selber.
Man konnte sich nicht sobald müde schwazzen, aber weil _Holder_ noch fehlte, so wollte man Boten ausschikken, ihn herbei zu rufen, denn er war aufs Feld hinausgegangen. Allein Florentin brachte in Vorschlag, daß er sich die Freude des Ueberraschens nicht rauben lassen, sondern ihn selber aufsuchen wolle. Wer konnte ihm widerstehn? Er gieng.
_Florentin_, wie war dir, als du jezt vor dir hinwandertest, du zum Dorfe hinaustratest, und in nachbarlicher Ferne das Duursche Schloß erbliktest, die fröhliche Wohnstatt deiner Jugend? -- In schwermüthige Gedanken verloren, gieng er unwillkührlich den Weg, welcher dorthin führte, und er wäre vielleicht, ohne zu wissen wie, dort angekommen, hätte ihn nicht eine bekannte Stimme aus seinen melancholischen Träumen erwekt. Er blieb stehn, sah sich um und ward _Holdern_ gewahr, der seitwärts über eine Wiese zu ihm herangelaufen kam.
_Florentin_ erschrak, ohne sich angeben zu können, warum?
»Nun, irrender, in Bann und Acht erklärter, vogelfreier Ritter, wie gehts?« fragte _Holder_ mit einem traurenden Lächeln, und schloß den _Grafen_ in seine Arme.
Florentin. (mit einem Seufzer) Wie du siehst, es geht alles nach Wunsche.
Holder. Es freut mich, armer _Landesverwiesner_, dich noch einmahl im Vaterlande zu sehn.
Florentin. (bestürzt) Wie?
Holder. Warum so befremdend, da ich doch um dein Schiksal weis? Sei zufrieden mit deinem Loose, es ist noch nicht das fürchterlichste.
Florentin. Fürchterlich genug!
Holder. Der Erdenball ist unser Vaterland; ein Weiser ist an allen Orten zu Hause, denn allenthalben bietet ihm die Gelegenheit Stoff dar, wodurch er sich um das Wohl seiner Brüder verewigen kann.
Florentin. Und allenthalben Stoff zu neuen Leiden.
Holder. Mensch, wer bist du geworden? Bist du noch Florentin von Duur, er der ehmals versprach, jeder Gefahr lachend ins Auge zu sehn? Bist du der Thatensüchtige Jüngling, der für das Wohl der Menschen sein Wohl opfern wollte?
Florentin. (verdrüslich) Was willst du?
Holder. Was ich will? -- Erforschen will ich, wer du jezt bist? -- erforschen, ob ich mich schändlich in dir betrog? -- erforschen, ob du auch der erhabne Mann im Unglükke bist der du im Glükke warst?
Florentin. (wie oben) Wozu das?
Holder. Um danach meine Freundschaft abzumessen? Große Menschen bedürfen unsrer größten Freundschaft, kleine Seelen mögen sich mit einem Lächeln, einem Händedruk, einem Kus begnügen.
Florentin. (ihn um den Hals fallend) O Bruder!
Holder. Laß uns nach Sorbenburg zurükkehren.
Florentin. Nein, noch nicht. Bleib noch! -- ein Viertelstündchen muß ich mit dir allein sein!
Holder. Man wird sehnsuchtsvoll auf uns warten.
Florentins. Ich bitte dich, bleib. Ich habe vorher viel mit dir zu besprechen.
Holder. Das ich nicht wüßte.
Florentin. Uebermorgen muß ich schon über die Gränze gehn.
Holder. Ich weis es.
Florentin. Du weißt es? -- ist dir alles bekannt, was zwischen mir und dem Herzog -- --
Holder. Alles.
Florentin. (verwunderungsvoll die Hände faltend) Ist es möglich? -- Holder, ich kenne dich noch nicht ganz. Räthsel löse dich mir endlich!
Holder. Laß uns weiter gehn, der Himmel bezieht sich mit Regenwolken.
Florentin. (ungeduldig) Bleib, wenn du mein Freund bist.
Holder. Rede, was willst du von mir?
Florentin. Aufschlus, und Rath!
Holder. Sprich deutlich.
Florentin. Holder, du der du mir sonst in allem zuvor kamst, Holder, du, verstehst mich nicht?
Holder. Wie sollt' ich?
Florentin. (ihm näher tretend und ins Auge fassend) Julius, _Regent Julius_, sprich, hat mich ein Traum belogen?
Holder. Ja, Vinzenz, und nein!
Florentin. (froh auffahrend) Nun, Gott seis gedankt, nein! -- nein, es war kein Hirngespinnst, Wahrheit ists -- die _schwarzen Brüder_ sind vorhanden! du bist nicht allwissend, wie wolltest du sonst wissen, was ich nur _träumte_ und noch keinem Sterblichen verrieth? -- du bist der Regent der Brüder, ich bin dein Genosse! --
Holder. (lächelnd) Bist du's?
Florentin. Spotte nicht, um Gotteswillen nicht! ich stehe izt von allen Verhältnissen und Verbindungen abgerissen, werde aus meinem Vaterlande verstoßen, habe keinen Freund, keinen Bruder. Mein Traum -- nein, Traum wars nicht! -- hat mich noch gefesselt an diese Welt und an die Lust großer Thaten. Nimm mir den Traum, und ich bin nichts! gieb mir ihn noch einmal zurük und ich bin alles was du willst.
Holder. (mit sich aufklärender Miene) Ich spottete dein nicht. -- Bruder, sei ruhig.
Florentin. Ich ruhe nicht; laß mich noch einmal den schreklichen, geliebten Traum zurükträumen, ich fühl es, er würde mich wieder erquikken; würde meinem Geiste den alten Schwung wiedergeben, und Kraft und Gefühl für das Große. --
(beide schweigen lange.)
Florentin. Warum verstößest du mich? -- Bruder, es ist wahr, ich bin ein Verbrecher, aber die _Unbekannten_ wußten darum, und fanden mich doch würdig einer ihrer geringsten Diener zu sein. Und warum verstössest du mich?
Holder. Laß uns davon abbrechen. Doch zum Troste sage ich dir dies: Du bist des Landes verwiesen, und dies ist der erste Schritt für dich auf einer gefährlichen Laufbahn zu einem glorvollen Ziele. Jeder andre, als du, würde nun in die weite Welt hineingehn, und der Gelegenheit in Osten und Westen nachlaufen, sich durch schöne Thaten zu vergrössern, aber sie nicht sobald erhaschen. Für dich ist sie schon bestimmt. -- Das Gebiet großer Handlungen liegt offen vor dir da, den nächsten Weg dahin zu gelangen findest du folgendermaaßen. Ohnweit dem Städtchen _Mungenwall_ liegt ein kleines Gehölz, der _rothe Wald_ genannt, dahin begieb dich am Tage des _heiligen Urbanus_ von Mungenwall aus. In der Mitternachtsstunde mußt du an der Landstraße links, ohnweit einem steinernen daselbst aufgerichteten Kreutze sizzen; Es wird ein Mensch die Landstraße gen Mungenwall herauf kommen, welcher einen Bündel Reiser auf dem Rükken trägt, und eine Axt unter dem linken Arm hält. Grüßt er dich, so antworte: »Gott dank euch, Hugo!« fragt er, warum du da sizzest? so entgegne: »Ich sizze zum Feste der Schwarzen.« Nimmt er sodann die Axt und schlägt dreimal wider das steinerne Krucifix: so folge ihm.
Florentin. Sonderbar.
Holder. Und von nun an, Florentin, falle kein Wort davon weiter, während deines Aufenthalts in Sorbenburg, zwischen uns vor; komm zurük nun, es regnet schon stark!
Schweigend eilten sie nach Sorbenburg, wo der _Onkel_ und _Rikchen_ indessen mit ängstlicher Ungedult beider Zurükkunft entgegen sahn.
Ach, wie seelig flog das schöne Paar dieser Tage vorüber! _Florentin_ selber glaubte sich heitrer zu fühlen, von seiner Schwermuth zu genesen -- als der lezte Abend über diese Glüklichen verdämmerte, und der Traum seiner Freuden zugleich.
Nur _Träume_ sind des Lebens Gold, Nur Träume, die die Brust des Sterblichen beleben, Und feuchte Wimpern heben, Von welchen noch des Harmes Zähre rollt; Nur Träume, die uns hold, Im frohen Augenblik vor unsrer Stirne schweben.
Es war der lezte Abend; man nahm sich vor, ihn recht innig zu genießen, und genos ihn nicht. Man wollte fröhlich sein, und trauerte. Seufzer waren die Aufmunterungen zur Freude; wehmüthige Blikke vertraten die Stelle des Lächelns; die Weingläser standen gefüllt da, winkten zum Genus -- und wurden nicht geleert.
In einer rührenden Gruppe sas das Vierblatt bei einander, welches sich mehr mit Blikken, Seufzern, Händedrükken und Empfindungen über Florentins Scheiden, als durch Wortgespräche unterhielt. Selbst der sonst so wohlgemuthe _Onkel_ konnte nicht sich, nicht seine Lieben aufhellen. In einem Lehnsessel ruhend, die Füsse übereinander geworfen, sas er da, düsterstirnigt, mit bebender Lippe, als wollt er das Stillschweigen unterweilen mit seinen gewöhnlichen frohen Einfällen brechen, und doch wagte ers nicht. Oft zerpreßt' er mit den Wimpern eine Thräne, die ihm unwillkührlich die Augenwinkel füllte. Sorgenvoll stüzte sich sein graubeloktes Haupt auf die Linke, mit der Rechten hielt er des Neffen Hand auf seinem Schoose fest. _Florentin_ sas in einer ähnlichen Attitüde, den Kopf zurükgeworfen und nach einer seiner Schultern hingeneigt, die Augen starr vor sich aufblikkend, als säh er träumend in die umnebelten Stunden der Zukunft. _Rikchen_ drükte mit ihrer einen Hand die seinige an sich, mit der andern umschlang sie _Holders_ Nakken, auf dessen Schoose sie sas, und auf dessen Achsel ihre Stirn ruhte, an dessen Brust sie ihr nasses Antliz verbarg. -- _Holder_ mit einem Arme sein Weib, mit dem andern seinen Schwager umfassend, starrte ernsthaft vor sich hin, als überblikte er Pläne des Schiksals. Zuweilen biß er mit den Zähnen zusammen, wenn Empfindung ihn übermannte, ihms warm wurde um Herz und Angesicht und ein Thränenflor sein Auge bewölkte.
So verfloß eine Stunde, wieder eine Stunde und keiner wagte Veränderung. So hätte die Nacht sie überfallen können, wenn _Florentin_ nicht aufgestanden wäre, um einiges wegen seiner Abreise zu verordnen.
»Wahr ists, und wahr bleibts,« rief der _Onkel_, und erhob sich: »'s ist doch des Menschenelendes gar viel in diesem Leben. Und da hab ich mir das so überdacht in der Stille, und habe gefunden, daß doch viele Leiden aus der vermaledeieten Dependenz entspringen. Sie haben recht, lieber Holder, die republikanischen Staatsverfassungen sind, mein Seel, die Besten. Hätten wir unsre Hütte in einer Republik aufgeschlagen, so wollt' ich doch den Herzog sehn, der uns Florentinen nehmen und auf Reisen schikken dürfte!«
»»Das würde freilich keiner!«« antwortete _Holder_, dem die Philosophie des gutherzigen _Onkels_ ein Lächeln abzwang.
»Drum glaub ich auch,« kontinuirte jener: »daß unsre Nachkommen gewiß noch alle Alleinherrschaften in Republiken umschmelzen werden.«
»»Despotien in Republiken!«« sagte _Holder_ mit einem bedeutenden Tone zu _Florentinen_ hinblikkend.
»Ja, Despotien in Republiken umgemünzt, wirds eine gangbare Waare für die freigeborne Menschheit!« rief _Florentin_, und ihm wars, als träumte er den Traum von den schwarzen Brüdern, wo sich in seiner Seele das erste lebhafte Gefühl für Freiheit, und schwarzer Groll wider Fürsten entwikkelte. -- Er that einen freiern Athemzug -- ihm wars ungewöhnlich wohl. »Despotien in Republiken!« schallte es immer noch in seinen Ohren: »und da würdest du _Louisen_ ungestört lieben dürfen, würdest du nicht über die Gränze wandern müssen, um einer frohen Nacht willen!« setzte er bei sich stillschweigend hinzu, und ihn wandelte ein sonderbarer Schauer an; er fühlte sich in seiner ganzen Größe, sein Odem flog schneller, seine Hände krallten sich zusammen, sein Auge blikte funkelnd empor -- sein Geist schwebte auf stürmendem Gefieder der ahndenden Fantasie.
»Ich sehe nur nicht ein, warum nicht jezt schon, das alles so ist, wie's sein soll? warum sich erst künftige Jahrhunderte dieses Glüks erfreuen sollen? -- O, die glükliche Nachwelt!« sagte der alte _Graf_ mit einer Mine der bittersten Unzufriedenheit. Der _Onkel_, der seine Lieblingsgrille, welche wir schon an ihm kennen[A], zum Stoff der Unterhaltung machte, als die übrigen, schwazten und schwärmten so den Rest des Tages hinweg, umarmten sich dann noch einmahl und eilten halb traurig und halb getröstet ihren Betten zu.
[Fußnote A: Dem etwannigen kurzen Gedächtnis unserer Leser und Leserinnen zu Hülfe zu kommen, zitirt der Verf. des _ersten Bändchen, 1. Abschnitt, 2. Kapitel_.]
Man freute sich _Florentinen_ am folgenden Tage noch einige Stunden sehn zu können, und schlief ruhig mit diesem Gedanken ein. Aber, -- Gott! wer schildert den Jammer dieser liebenden, treuen Seelen, als sie _Florentinen_ am künftigen Morgen nicht mehr erblikten, der sich wahrscheinlich schon in der Nacht mit seinen beiden Dienern aufgemacht hatte!
Viertes Kapitel. Abschied von der Sorbenburg.
»Mein Bruder hat uns verlassen, ohne uns das Lebewohl zu sagen!« rief _Rikchen_ ihrem _Onkel_ weinend entgegen, der ungewöhnlich früh aus den Federn gestiegen war, um sich noch desto länger mit seinem Neffen unterhalten zu können.
Dem _Alten_ fuhrs wie ein Donnerschlag durch die Ohren. »Uns schon verlassen?« stammelte er, und sein Unwille sprach aus Blikken und Gebehrden: »das war dumm!«
_Holder_, welcher noch die meiste Fassung hatte, suchte beide zu beruhigen. Es gelang ihm nur schwer.
»Dumm ists!« rief der _alte Graf_: »und dumm bleibts. Ich sehe im Grunde nicht ein, warum der Kammerherr so sehr mit seiner Reise eilt. Ich weis, der Herzog würde gewis nicht böse sein, wenn Florentin noch einige Monate, wenigstens einige Wochen, bei seinen Verwandten geblieben, wäre.«
Holder. Aber es war ja des Herzogs ausdrüklichster Befehl, daß Florentin seine Reise je bälder je lieber antreten sollte. Serenissimus bedient sich ihres Neffen höchst wahrscheinlich in ausserordentlich wichtigen Angelegenheiten, welches daraus erhellt, daß der Zwek dieser Reise so sehr geheim gehalten wird und der Termin der Abreise sobald angesezt ist.
Onkel. Die vermaledeiete Dependenz!
Holder. Und weil es denn einmahl geschieden sein sollte: so wollte sich und Ihnen der gute Florentin die Trennung dadurch erleichtern, daß er plözlich verschwand. Sie kennen ja seine Art in diesen Fällen!
Onkel. Jedes andre macht verzeihlich, nur heute nicht. O, mir ahndets, ich soll ihn nicht wiedersehn auf Erden -- seine Heimkunft nicht erleben.
Rikchen. O doch, Onkelchen! und geben Sie acht, er holt sich gewis die schöne Marinerin aus Italien[A] und feiert hier in Sorbenburg die Hochzeit. Das ahndet _mir_!
Onkel. Gott weis es, wessen Ahndung trügen wird!
Der _Onkel_ schien so unrecht nicht zu haben, aber _Rikchen_ gewis auch nicht. Und wenn unser fahrender Ritter auch das schöne Mädchen aus _St. Marino_ nicht mitbrachte, könnte er nicht irgendwo für sich ein andres holdes Weibchen auffinden!
Inzwischen verstrichen nach diesem traurigen Morgen Monate nach Monaten, es wurde ein Jahr daraus; _Florentin_ kam nicht wieder heim in die vaterländische Wohnung, und man _verschmerzte_ endlich seinen Verlust. Zwei, drei, vier Jahre folgten dem ersten, doch man _vergas_ ihn _nicht_!
[Fußnote A: Siehe im _ersten Bändchen, Abschnitt III. Kap. 1_.]
Graf _Florentin von Duur_, den wir jezt auf seiner Abentheuerjagd begleiten müssen, denn die Sorbenburgsche Familie werden wir nicht so bald wieder besuchen können, war am Abend seines Abreisetags über die Gränze des Vaterlandes mit seinen Gefährten _Badner_ und _Gotthold_. Es war ihm wehe und wohl, wenn er hinter sich in die Vergangenheit, oder vor sich in die Zukunft hinausblikte, sahe was er dort überstanden, und hier noch zu erwarten hatte! --
Der Winter war vorüber, der Frühling begonnen, und die schönen Tage des Maies erwachten; aber über seine Seele streute die liebliche Jahrszeit keine Freuden. Ungewis und unbestimmt, mehr ernst, als froh, kreuzte er etliche Wochen in den benachbarten Gegenden seines Vaterlandes umher; ohne sich dessen klar bewußt zu sein, wurde er immer noch magnetisch dahingezogen. Und so rükte der Tag des heiligen _Urbanus_ unvermerkt näher, an welchem er sich in dem Städtlein _Mungenwall_ befinden sollte.
Fünftes Kapitel. Eine schöne Erscheinung.
Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen, als unser _Graf_ mit seinen Kumpanen ein niedliches Dorf unten im Thale vor sich erblikten. In angenehmer Verwirrung lagen die braunen Strohhütten da zerstreut, jede von krausem Gebüsche überwachsen und beschattet. Zur rechten und zur linken sahe man Gärten in todte und blühende Hekken eingefaßt, und zur rechten und zur linken tönte der süsse Gesang der Vögel fröhlich daher. In der Mitte des Dörfchens ragte über alles in prachtloser Einfalt die spizze Kuppel des Kirchenthurmes hervor, dessen hellschlagende Glokke mit silbernen Ton die frommen Christen zur Andacht in Tempel rief.
_Florentin_ von dieser Gegend überrascht, hielt sein Pferd an, sein Auge länger noch an dem Reiz der vollkommenen Natur zu laben. Seine Seele klärte sich auf; die Stirn entfaltete sich und er wurde zum erstenmahle mit seinen Gefährten gesprächig, denn bisher hatte man aus seinem Munde nur kaum ein andres Wort, als das trockne: »Ja« oder »Nein« gehört.
»Wie heißt das Dörfchen da unten?« fragte er ein vorübergehendes junges Bauermädchen und lächelte einmahl wieder seit langer Zeit freundlich.
»Gott grüß' euch, meine Herrn,« erwiederte die junge _Bäuerin_, ohne stehn zu bleiben: »_Riedelsheim_!« --
»Wir wollen in die Kirche gehn, und Gott danken für den schönen Frühling!« sagte der _Graf_ und trottete den Bergweg hinab ins Thal; _Gotthold_ und _Badner_ ihm nach.
Leztere bestaunten den Einfall ihres Herrn, eine Dorfkirche zu besuchen; aber man hatte kaum im Wirthshause gefrühstükt, so sahe man, daß es dem _Grafen_ Ernst sei.
Der Pfarrer zu Riedelsheim bestieg in eben dem Augenblik die Kanzel, als unser _Graf_ in die Kirche trat. Er sezte sich in einen Winkel auf ein Bänkchen, um kein Aufsehn zu erregen; hörte andächtig dem lehrenden Greise zu, fühlte sich durch den herzlichen Vortrag desselben bis zum Weinen gerührt, und würde sehr erbaut von hinnen gegangen sein, wären seine Sinne und Gedanken nicht mit einem mahle von aller Andacht hinweg und auf einen andern Gegenstand -- eine weibliche Gestalt gezogen worden.
Er sah hinter einem Gitter, dreißig Schritt ohngefähr von sich entfernt, ein Frauenzimmer sizzen, dessen Kleidung und Anstand dasselbe auffallend von Dorfbewohnerinnen unterschied. Der Anzug dieser Schönen war einförmig, aber doch mit Geschmack angeordnet; und so viel der obere Theil ihres Körpers verrieth, denn mehr konnte man nicht von ihr erblikken, mußte sie noch jung sein. Ihr Gesicht war leider verschleiert.
Ich weis selbst nicht, welcher Dämon _Florentins_ Augen auf die Dame hinlenkte, da er doch seit der unglüklichen Liebe _Louisens_ beinahe einer der ärgsten Misopyne geworden war, die nur je die Menschheit des weiblichen Geschlechts bezweifelten.[A]
[Fußnote A: Mir kömmts vor, als sähen mich einige von meinen Leserinnen mit großen Augen bei dieser Stelle an. Ja, ja, man war ehmals in der That so kühn oder so verwirrt, wider die _Menschheit der Damen_ zu protestiren. Schon ums Jahr 590 unsrer Zeitrechnung that dies im Ernste ein heilger Mann und zwar ein _Bischof_, dem auch sogleich alle unglüklichen Liebhaber und Hagestolze, geplagte Eheherrn u. s. w. so sehr applaudirten, daß dem neuen Lehrer endlich ausdrüklich im dritten _Synodo Matisconense_ Schweigen geboten werden mußte (S. _Osiander in Eccl. histor. Cent. VI. L. 4. C. 15. p. 285._) Mit Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts that ein _Ungenannter_ abermals zum Schrekken der ganzen schönen Welt in einem ausserordentlich gelahrten lateinischem Traktate, mit vielem philosophischen und theologischen Argumenten die Nonhumanität der Weiber dar. Dieser seltsame Mann, welcher, wie _Chr. Heerdreich_ in den _Pandect. brandenb. T. I. p. 33._ aus dem _Barthio_ und _Thuano_ erwies, der gelehrte Märker, Valentinus Acidalius war, machte vieles Aufsehn, und ihn ganz besonders zu widerlegen, warf sich der Churbrandenb. Hofprediger und nachmahlige Superintendent _D. Simon Gediccius_ zum Verfechter des schönen Geschlechts auf, der das _satanische_ _Scriptum_ schnurgeradehin als kezzerisch verdammte und zu den _libris comestis_ schleuderte. Die Welt muß sehr wahrscheinlich in ihren Gedanken vom Frauenzimmer schon ganz irre geworden sein, weil man die Apologie des _Gediccius_ mit Gier verschlang, so daß sie mehr als einmal aufgelegt wurde. »Ja, es haben dazumahlen die theologischen Fakultäten zu _Leipzig_ und _Wittenberg_ die studierende Jugend vermahnt, jene verdammte und lästerliche Schrift nicht einmal des Lesens würdigen, geschweige denn das Frauensvolk im Scherze damit zu vexiren, _damit dasselbe nicht in Zweifel wegen seiner Seeligkeit kommen mögte!_« (_Titius in litt. hist. p. 196._) Der Buchdrukker _Bärensprung_ zu Schwerin veranstaltete vor verschiedenen Jahren eine Uebersezzung der Acidalischen Schrift, aber ihr Verkauf wurde ihm unter der Hand verboten. Ah, _quel Conte_! mögte man rufen.]
Unverwandt starrten seine Augen nach dem Gitterstuhle. Er zitterte, wenn die Dame sich bewegte, und rükte ungeduldig hin und her, wenn sie stille sas. -- Er selber wußte sich seine Empfindungen nicht zu erklären; er wollte seinem Geiste die verlorne Andacht wiedergeben -- umsonst, seine Augen glitschten immer von der Kanzel auf den Gitterstuhl zurük, von dem Munde des Predigers auf den Schleier der Dame.
Eine sonderbare Ahndung überflog ihn. Er glaubte in der Gestalt, in den Bewegungen der Dame im Gitterstuhle auffallende Gleichheiten mit Louisen zu entdekken. Seine Fantasie wurde lebhafter; die Möglichkeit stieg in ihm zur Gewisheit empor.
Plözlich schlug die _Unbekannte_ mit ihrer schönen Hand den Flor vom Gesichte zurük -- -- o Himmel! und _Florentin_ sah _Louisen_. Ihm wurd' es dunkel vor den Augen; eine Ohnmacht schien sein ganzes Wesen aufzulösen -- Noch einmahl sah er hin, und -- ach! der Gitterstuhl war ledig, _Louisens_ Bild verschwunden.
In einer süssen Betäubung sas er da. »Sie ists! sie ists!« rief sein Geist in ihm; »dem Unglüklichen wird noch einmal das Glük die Geliebte zu sehn!« --
Der Prediger prieß die Schönheiten der göttlichen Schöpfung; _Duur_ zergliederte sich _Louisens_ Reizze. -- Amen scholl es von der Kanzel, und der Liebetrunkne stürzte zur Kirche hinaus. Er durchreiste das Dörfchen, suchte das verschleierte Gesicht und -- fand es nirgends.
Hinter einer dichten Reihe hoher, breitlaubigter, finsterer Kastanienbäume entdekte er am Ende den Dorfes ein im neusten Geschmack errichtetes, zweistokhohes Gebäude, welches das ansehnlichste in Riedelsheim war. Er blieb stehn, und maaß das Haus mit neugierigen Blicken. Gern wär er hineingegangen, um auch da der geliebten Schwester des Herzogs nachzuspüren, wenn es ihm nicht die Etikette verboten hätte.