Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3
Part 14
»»Ich führe dich dahin!«« antwortete dieser, indem er mit seinem Schwager so eben in den Dorfkirchhof trat, und den guten _Duur_ vor einem verwitterten Leichensteine stehn lies, an welchem geschrieben war:
»Wandrer, stehe still! Allhier ruhen die Hüllen zweier guten, frommen Seelen, die Gebeine der edeln, vielgeliebten _Friederike von Sorbenburg_ und des braven _Albertus Daniel von Duur_. Wandrer, der du Tugend liebest, weine, denn diese sind deiner Thränen werth!«
»Hilf mir Gott!« schrie _Duur_ erblassend und stürzte vom Schmerz entgeistert auf einen Grabhügel.
Holder. (vor sich niederstarrend, mit verschränkten Armen) Florentin!
Florentin. (nach einer langen Stille in tiefsten Jammer ausrufend) Auch sie sind dahin -- o mein Gott, auch sie!
Holder. Du bist ein Mann, ich darf dich nicht trösten!
Florentin. (ihn nicht hörend) Auch sie!
Holder. Steh auf, Bruder; die Theuern haben längst ausgelitten.
Florentin. Längst schon?
Holder. Kaum wars ein Jahr nach deiner Wanderung aus Deutschland, da starb mein Weib in Kindesnöthen; der Onkel grämte sich um ihren Verlust zu Tode.
Florentin. Grausamer, warum erfuhr ich dies nicht schon lange?
Holder. Nenne mich _gütig_, nicht grausam; solch ein Unglük erfährt man jedesmahl nur zu früh; auch die schwarzen Brüder verhinderten, daß dir davon Nachricht ward, damit dich der Schmerz nicht großen Thaten entnervte.
Florentin. (jammernd) Schwester, Schwester, o meine Schwester, so seh' ich dich nie wieder? O, mein alter, ehrwürdiger Oheim, so schläfst du ewig? erwachst nie wieder, deinen unglüklichen Florentin noch einmahl zu segnen?
Holder. (schmerzvoll) Florentin!
Florentin. Ha, Leben, schrekliches Leben, schreklicher Traum, wann werd' ich von dir erwachen? --
Holder. Hörst du die Stimme deines Holder nicht mehr?
Florentin. Ich höre nichts -- nichts mehr! für mich ist alles tod. Ich habe keine Schwester mehr, habe keinen Vater, keinen Badner, keine Geliebte -- -- alles ist dem unglüklichen Florentin geraubt. Ausruhen wollt' ich, ach, und ich darfs nicht. Ich wähnte im Hafen des Friedens gelandet zu haben, wehe mir, und der Sturm des Schiksals schleudert mein zerbrechliches Schiff weit in den Ozean zurük.
Holder. Deine Seele leidet viel.
Florentin. Leidet unaussprechlich viel; ach, die ganze, fürchterliche Summe des menschlichen Elendes liegt auf sie allein hingebürdet.
Holder. Verzweifle nicht.
Florentin. Verliere deine Bluts- und Herzverwandten, verliere deine lezten Aussichten, den lezten tröstlichen Hofnungsschein, die allerlezte Zuflucht, verliere alles und fühle dieß alles -- und sprich dann zu dir: _verzweifle nicht_! -- Oh, prahlerischer Bund der Schwarzen, ich habe deine Wünsche gestillt, deine Entwürfe zur Wirklichkeit umgeschaffen -- wo ist mein Lohn? wo sind die mir vorgespiegelten Freuden? -- tritt her, gesammter, großer Bund, tritt her, in deiner ganzen Allmacht, und rufe meine Freuden aus dem Grabe hervor! --
Holder. Wird dein Klagen die Entschlafnen wekken?
Florentin. Wirds freilich nicht! Aber laß mich hier liegen auf dem kleinen Hügel, der die Asche meiner Ewiggeliebten verschließt -- ich bin doch dieser Asche näher, fühle mich getrösteter. Bruder, o mein Bruder -- ich bin ja ein Mensch!
Holder. Und bist ein Christ!
Florentin. (mit Bewegung) Ein Christ.
Holder. Und wirst wiedersehen die deiner Seele werth sind nach dieses Lebens entflohnem Traum.
Florentin. (nachlallend) Werde sie wiedersehn!
Holder. Drum auf, ermanne dich, Florentin, um ein Kleines, und du wirst Trost gefunden haben!
Florentin. (liegt in dumpfer Betäubung auf dem Grabe.)
Holder. Folge mir in unsre Wohnung; abgesondert von der Welt lebte ich dort lange schon das Leben eines Einsiedlers. Du bist jezt mein Gefährt. -- Hörst du mich nicht?
Florentin. (schweigt)
Holder. Oeffne dein leidendes Herz für den Freund. Auf, folge mir nach.
Florentin. (antwortet nicht)
Holder. Vater, Vater, hörst du nicht die Stimme deines Kindes mehr? -- Karl ruft! hörst du nicht, Florentin?
_Florentin_ sprang bei diesen Worten auf. Er wandte die Augen gen Himmel und seufzte tief. _Holder_ führte den leidenden Mann heim.
Sechstes Kapitel. Die Alpen. -- Epilog an den Leser.
Vergebens war _Holders_ tröstliches Zureden, vergebens _Karlchens_ kindisches Milleiden -- nichts heiterte den _Grafen_ wieder auf; seine Seele war allen frohen Empfindungen verschlossen. -- Er hatte zu viel verloren, zu viel Empfindsamkeit für seinen Verlust; er war zu sehr getäuscht in Erwartungen, welche ihn ehemals zu den gefährlichsten Wagstükken Muth und Flügel gaben -- kein Wunder, wenn er mit jeder Woche düstrer wurde, da jede Kleinigkeit ihn an den traurigen Verlust erinnerte.
Nur _Holder_, dieser seltsame, ausserordentliche Mann blieb sich immer gleich; er beschäftigte sich seit des Grafen Ankunft mehr, als sonst, mit gewissen chemischen Operazionen, Briefwechseln, und dergleichen mehr. _Florentin_ achtete nicht darauf. -- _Holder_ machte ein Testament in seinen und Florentins Namen, worin er den Herzog _Adolf_, als Landesherrn zum Erben der Sorbenburg und des ganzen Duurschen Vermögens, einige Legate ausgenommen, einsezte. _Duur_ mußte das Testament eigenhändig unterschreiben, doch keine Frage gieng aus seinem Munde, wegen des sonderbaren Betragens seines Freundes -- _Holder_ lies Anstalten zu einer großen Reise machen; _Florentin_ erkundigte sich um diese Zurüstungen nicht.
Eines Tages trat der räthselhafte Mann vor dem _Grafen_ hin; mit vieler Mühe gelang es ihm denselben in ein Gespräch zu verwikkeln.
Holder. Erinnerst du dich noch der Stunde, Bruder, da ich dir jenes Gelübde that; du solltest mich über fünfhundert Jahren wiedersehn in Deutschland?
Florentin. Dunkel.
Holder. Die Welt scheint dir verhaßt zu seyn.
Florentin. So, daß ich einen Selbstmord begehn könnte.
Holder. Spare den Rest deines Lebens für ein andres Jahrhundert. Ich thue desgleichen.
Florentin. Ich verstehe dich nicht.
Holder. Du sollst die Erde noch einmahl nach fünfhundert Jahren sehen. Vielleicht blühen dann für uns mehr Freuden, vielleicht hat dann die Vergessenheit einen Schleier über unsre vergangnen Leiden gewebt. Hast du Muth genug in meiner Gesellschaft ein halbes Jahrtausend zu verschlafen?
Florentin. (ihn anstarrend) Mensch!
Holder. Vielleicht wähnst du, ich scherze, oder rase. Aber bei dem Ewigen, du irrst.
Florentin. Ist es möglich?
Holder. Wann ertapptest du mich je auf einer Lüge? Klage mich vor dem Richterstuhl Gottes an, wenn ich dich betrog. -- Hast du Muth?
Florentin. Aber mein Sohn Karl -- --
Holder. Wird, unbewußt was mit ihm vorgeht, mit uns schlafen.
Florentin. Ich begreife dich nicht. Wann wirst du dich mir endlich enträthseln?
Holder. Nach fünfhundert Jahren, wenn du willst, dann will ich dir noch in Deutschland erklären, was ich bin und wer ich war.
Florentin. O, es ist ein schöner Traum, die Bürger der Erde nach fünf Jahrhunderten noch einmahl zu erblikken -- allein -- -- --
Holder. Wenn wir dann vielleicht in einer einsamen Hütte friedlich beisammen sizzen und die neuen Menschen erblikken und die Hand Gottes anstaunen, dann könnte ich dir vielleicht noch manchen Aufschlus über manches geben, dann ließe es sich so schön von unsern vergangnen Freuden und Leiden plaudern.
Florentin. Noch einmahl, Holder, du weißt mir mit jedem Augenblick unerklärlicher? -- wie ist es möglich, daß Seel' und Körper ein halbes Jahrtausend unverlezt und sich ihrer bewußtlos existiren? --
Holder. Hast du die Geheimnisse der Natur alle erforscht, vermöge welcher der Körper auf Jahrtausende unverweslich erhalten, und das Band zwischen denselben und der Seele gestählt werden kann? -- O Bruder, Hamlet hat Recht, wenn er sagt, wohl liegen unter dem Monde noch gewisse Dinge vorhanden, von denen sich das menschliche Geschlecht nichts träumen läßt! --
Florentin. (bestürzt) Holder!
Holder. (mit unbeschreiblicher Majestät) Wisse, ich bin der Obern einer im Bündnisse der schwarzen Brüder! -- Eben dies Bündnis sendet mich an die Brüder nach fünf Jahrhunderten, um unsers Ordens heilige Statuten aufrecht zu erhalten zum Wohl der Menschheit; Ich _mus_ -- _mus_ dahin! willst du mich begleiten?
Florentin. Wohl, ich schlage ein; denn was hab ich in diesem Leben noch zu verlieren, oder was noch zu gewinnen?
Holder. Ich habe jede Vorkehrung getroffen, daß wir, ohne Unordnungen zu erregen, aus den jetzigen Verhältnissen heraustreten dürfen. Wir reisen nun nach den Alpen.
_Holder_ hielt Wort. Nach Verlauf weniger Monate standen sie schon beide, mit dem kleinen Karl, in einer der grausenvollsten, abgelegensten, unbekanntesten Höhlen des Alpengebürges.
Ein heimliches Schaudern schüttelte allen die Haut. _Holder_ zündete Licht an, welches durch seinen matten Schimmer diesen unterirdischen Aufenthalt nur noch fürchterlicher machte. Sie suchten sich, jeder besonders, ihre künftige Ruhestätt aus; dann langte der Obere des schwarzen Bundes eine Flasche hervor, gefüllt mit einem unbekannten Getränk. Er goß davon eine silberne Schaale voll und trank sie rein aus. Er füllte die Schaale zum andernmahle, und bot sie dem Grafen. Der Graf schauderte und trank. Zum drittenmahle floß das Getränk in den Silberbecher, und Karlchen, ohne die seltsamen Wirkungen zu beahnden leerte das Gefäß.
»Jezt ists vollbracht!« rief _Ludwig Holder_ aus: »jezt ists vollbracht! leb wohl für diesmahl, Welt, nach fünf Jahrhunderten sehe ich dein Licht wieder!«
Sie umarmtem sich. Das brennende Licht verlöschte plötzlich. Alle sanken aufgelößt um.
»Herr Gott, erbarm dich unser!« schrie der _Graf_.
»Vater! Vater!« lallte das Kind.
Und sie entschliefen! -- -- --
* * * * *
Sie scheinen zu erstaunen, meine Leser und Leserinnen! -- ich erstaune nicht weniger als Sie selber. Indessen was wahr ist, bleibt wahr. -- _Florentin_ und _Holder_ schlummern ruhig den Morgen eines Tages vom Jahr 2300, nach Christi Geburt, entgegen.
Ich bin überzeugt, daß ein volles Drittheil meiner Leser, wo nicht alle, so gern als Florentin von Duur dem wunderbaren Ludwig Holder von Sorbenburg in die Alpenhöhle nachfolgen würden, wenn sie Gewißheit hätten, nach einem gewissen Zeitraum wieder zu erwachen. Wie viel Veränderungen haben sich in der Zeit nicht auf unserm Erdenplaneten ereignet! welche Revoluzionen in der politischen und Schriftstellerwelt haben sich unterdessen angesponnen und ausgebildet! -- Wie sehn dann die Staaten, wie sehn dann die Menschen aus!
»Welche Moden werden dann herrschen?« fragt mich eine Dame.
»Was wird man dann von mir und meinen _operibus_ reden?« fragt mich ein Autor.
»Wie stehts dann mit dem _Bunde der schwarzen Brüder_? und wird Florentin mit Holdern und Karlchen glüklicher sein?«
»»Wir möchten um alles in der Welt gern Zuhörer von Holdern abgeben, wenn er seinen Lebenslauf erzählt in der Hütte des vier und zwanzigsten Sekulums!««
Sie haben sammt und sonders, meine Leser, gar nicht unrecht. Allein um Ihren Zwek zu erreichen, ist es nothwendig, daß sie entweder mit Florentin und Holder fünf Jahrhunderte später wieder auferstehn, oder daß Sie mich und meine prophetische Muse bitten, damit wir Ihnen den schwarzen von der Hand des Fatums gewebten Vorhang vor dem Allerheiligsten der Folgezeit ein wenig lupfen, und Sie in den Gukkasten der Zukunft auf ein Weilchen hineinblikken.
Geben Sie mir also ein gutes Wort: so erzähle ich Ihnen im folgenden Bändchen Raritäten aus dem vier und zwanzigsten Jahrhundert nach Christi Geburt! --
Nun? -- -- --
Wegen Entlegenheit des Drukorts vom Verfasser sind manche den Sinn entstellende Drukfehler in den ersten Theil dieses Buches eingeschlichen. Vorzüglich beliebe man zu verbessern:
Seite 231. _Zweihundert_, lies fünfhundert.
-- 233. _Federn_, lies Ideen.
Anmerkungen zur Transkription
Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Die Seitennummern im Inhaltsverzeichnis stimmen nicht mit der Seitennumerierung im Buch überein. Auch dies wurde wie im Original belassen. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.