Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3
Part 13
Nach einigen Monaten wurde _Florentin_ lieblich überrascht. Eines Morgens lehnte er sich, nach seiner Gewohnheit, zum Fenster hinaus, und o! wie staunte er, da er seinem Hause gegen über eine in der vergangnen Nacht errichtete Statüe erblikte. Es war _Badners_ Gestalt, _Badners_ Miene; mit der rechten Hand winkte das Gebild zu ihm herauf, als riefe es leise: »komm' zu mir!« -- Drunten standen in Goldschrift die Worte:
_»Badner, Liebling des großen Fiorentino_ _von Duur.«_
Anfangs wollte der _Graf_ seinen Augen nicht glauben; er rieb die Wimpern; starrte wieder dahin, und gewahrte abermals Badners Gestalt, wie sie winkend dastand.
»Dulli! Dulli!« rief er wonnetrunken, und _Dulli_ kam.
Florentin. (frohbebend) Ach, Dulli, sieh hinaus. Sage, was erblikst du?
Dulli. Beim heiligen Petrus, gnädiger Herr, Euern getreuen Badner, Gott hab' ihn selig, wie er leibt und lebt!
Florentin. Nein, soviel hab' ich nicht an Euch verdient, Kanelleser! -- Sage mir, ist ers wirklich? täuscht sich mein Gesicht?
Dulli. Das Bildnis ist ja so gar weit nicht entfernt.
Florentin (ihn umhalsend) O Dulli!
Dulli. Gott, gnädiger Herr, wie Ihr nun da seid? Ihr habt Millionen verspendet und das dankbare Völklein beut euch dafür einen Heller; -- Ihr sehet wenigstens, wie werth Ihr den Kanellesern seid.
Florentin. Ich seh's, ich fühls, ich danke! -- Ja, Badner hat's verdient! --
Dulli. Bei Gott, das hat er.
Florentin. War's noch nicht genug, daß man die Asche dieses Redlichen in feierlicher Prozeßion durch Stadt und Land seinem Grabe in Deutschland entgegenführte, mußte man ihm noch die Säule weihn?
Dulli. Gnädiger Herr, Ihr verdientet einen höhern Lohn, als einen geschnizten Marmor, darum errichtete man Euch keine Statüe -- diese ist nur für Eure Freunde gut.
Kaum eine halbe Stunde war verflossen, als das Volk haufenweis herbeiströmte und neugierig die Bildsäule am Duurschen Pallast umringte. Das Spiel _jener_ Nacht wurde wiederhohlt; wiederum der hehre Freiheitsgesang:
»Heilig ist Gott und groß! &c.« angestimmt; wiederum Fiorentino's Wohl ausgerufen und dergleichen mehr.
Angenehmer konnte kein Trost erfunden werden für des _Grafen_ leidenden Seele; und kein Trost war auch für ihn von erwünschtern Folgen, als dieser.
Mit verdoppeltem Eifer bemühte sich _Florentin_, nebst den Großen von Kanella, den errungenen Freiheitskranz nun unentreisbar zu befestigen. _Moriz_ sowohl als _Benedetto_, welche sich in der ersten Septembernacht der allgemeinen Verwirrung zu Nuzzen gemacht und die Flucht ergriffen hatten, arbeiteten freilich an verschiednen mächtigen Höfen, _Piedro'n_ wieder auf den monarchischen Thron zu erhöhn, und die alte Staatsverfassung zu restauriren; suchten freilich die Kanelleser unter einander zu entzwein, und Contrerevoluzionen anzuspinnen, allein gleich einer unsichtbaren Gottheit widerstand ihnen der _schwarzen Brüder_ heiliger Bund.
Vergebens fachten sie den Argwohn der ausländischen Potentaten an, daß die Freiheitssucht, durch der Kanellesen glükliches Beispiel vergrößert, um sich greifen und auch sie enthronen dürfte; vergebens streuten sie durch elende besoldete Broschürenschmierer den Saamen der Zwietracht unter den befreiten Bürgern aus -- die schwarzen Brüder, selber verschiedene Staaten-Ruder regierend, löschten den aufglimmenden Funken des Argwohns im Busen der Fürsten aus, und zertraten allgewaltig den versäeten Saamen der Zwietracht, daß er nicht reifen konnte.
Aber es verflossen Jahre, ehe der Sturm ausgebrauset, die Gährungen sich aufgelöset, und die Bewohner Kanellas ein neues Staatssystem aufgeführt hatten. Doch die _schwarzen Freunde_ des menschlichen Wohles _wollten_, und Kanella blieb frei! --
Und schon sank, die glänzende, hochgeschwungene Palme in seinen Händen, den Frieden herab über ein neugebornes Volk; schon erndteten die Kämpfer ihres Sieges Lohn ein; schon fühlten sich alt und jung, Hohe und Niedre selig auf Erden -- da empfand Florentin, nun erst entlassen von den öffentlichen Geschäften der Republik, mächtiger, als jemahls den süssen Hang, heimzukehren ins geliebte Vaterland, auszuruhn im Arme der entfernten Blutsverwandten von seinen Thaten.
Zwar hatte Kanellas Dankbarkeit eine große lebenslange Pension ihm und seinen etwannigen Nachkommen ausgesezt; zwar hatte man ihm einen beinahe fürstlichen Hofstaat eingewilligt, ihm den geschmackvollsten Pallast in der Residenz geschenkt -- aber die Sorbenburg, das ländliche Schloß seines Onkels lokte ihn mehr, als jede Herrlichkeit Kanellas. Ueberdies besaß er schon seit einiger Zeit mehrere Briefe vom Herzog _Adolf_, in welchen sein Exil gänzlich aufgehoben, förmliche Versöhnung angeboten war -- wie konnte _Duur_, der weiche, zartfühlende Duur widerstreben?
Wir, meine Leer, begleiten ihn schon durch so viele Szenen, aber immer erkannten wir in ihm einen und eben denselben. Jezt war er nicht mehr Jüngling -- er war Mann in voller Blüthe, oder vielmehr Reife des Lebens. Ausgebildet, groß, majestätisch an Körper und Geist stand er jezt da; aber sein Karakter war noch immer der stolze, schwankende, schwärmerische, welchen er den Kinderjahren abgeerbt hatte -- Jezt sehnte er sich nach Ruhe. -- Ruhe nach so mühvollen Jahren, auch zu ihr wollen wir ihn geleiten.
Vielleicht daß er sich nicht sobald entschlossen hätte den Kanellesischen Pallast mit dem vaterländischen Landgute zu vertauschen, wenn ihn nicht ein unerwartetes Schreiben -- (nicht _Holders_, oder des _Onkels_ oder _Aellmars_, denn diese schwiegen, als wären sie ausgestorben) nein, ein Schreiben _Louisens_, der herzoglichen Schwester, von Kanella hinweggetrieben hätte.
Drittes Kapitel. Dulli und Ladda.
»Ists möglich -- ewiger, barmherziger Gott, ists möglich!« schrie der _Graf_, indem er _Louisens_ Brief fallen lies und die Hände verzweiflungsvoll über sein Haupt zusammenschlug.
_Dulli_, der in einem Winkel des Zimmers gestanden und einen mitleidenden Zuschauer von der Szene abgegeben hatte, da _Florentin_ den Brief las, und von Minute zu Minute die Farbe des Gesichts änderte, trat jezt hervor und wollte trösten.
Florentin. (sich ruhig stellend) Nein, lieber Dulli, es hat nichts zu sagen; ich habe ihn längst erwartet diesen Streich des Schiksals.
Dulli. Desto besser, desto besser. -- Aber -- --
Florentin. Du willst sagen, ich sei sehr unglüklich -- nicht wahr? -- Du hast wohl recht! --
Dulli. Und, gnädiger Herr, Euer Karakter! Ihr seid so zart empfindend; jede Lust oder Unlust, die euch anweht, reizt Eure Nerven mehr, als her größte Schmerz, oder das größte Glük einen andern. Und das ist eben die Quelle Eures Leidens.
Florentin. (eine Thräne erstikkend) Freilich, freilich Philosoph. -- Gieb Befehl, daß man alles zur Abreise anordne.
Dulli. (erschrokken) Im Ernst?
Florentin. Ich scherze nicht; Dulli, die Zeiten sind vorüber, da ich scherzen durfte. --
Dulli. Ihr wollt uns verlassen? doch mich nicht gnädiger Herr! Ich folge Euch nach, gnädiger Herr, beim heiligen Petrus, ich folge Euch nach.
Florentin. So lange du noch Hofnungen nährest hier in dein Vaterlande dein Seelenglük zu finden, so bleib hier, warum willst du es unter einem fremden Himmelsstrich suchen.
Dulli. Gnädiger Herr, ich würde, wenn ich Euch verlöre, nie wieder froh sein können.
Florentin. Meinst du? -- doch, ich weis schon ein Etwas für dich, bei dem Du mein vergessen kannst.
Dulli. (befremdet) Wie?
Florentin. Daß du während meiner Abwesenheit über dies Schloß und meine Einkünfte verwaltest, ist das geringste, aber -- -- doch stille deine Neugier! -- Geh und bereite alles zur Abreise nach Deutschland! --
Dulli. (sich traurig umwendend) Ich gehe.
Florentin. (weichmüthig) Dulli!
Dulli. Gnädiger Herr!
Florentin. Sei nicht so niedergeschlagen. Es steht in deiner Willkühr, ob du mich in mein Vaterland begleitest.
Dulli. Werdet Ihr da glüklicher sein?
Florentin. (frohglänzenden Auges) Ja, gewiß!
Dulli. So bin ichs auch dort.
Florentin. Lade meine Freunde sammt und sonders auf übermorgen zu einem Gastmahle und Ball ein.
Dulli. Ha, wie werden die Kanelleser bestürzt sein, wenn sie vom Valetschmaus hören!
Florentin. Geh!
Dulli gieng. _Florentin_ hob zitternd den fatalen Brief auf und überlas ihn noch einmal.
»Geliebter!«
»Diese Zeilen sind -- zittre nicht -- sind die lezten, welche Louise dir schreibt. Ich liege zwar nicht auf dem Sterbebett; aber doch für dich bin ich hinfort so gut, als verstorben. -- Begnüge dich mit den seligen Stunden, welche meine Liebe dir einst erschuf, geize nicht mehrern nach. -- -- Vielleicht verstehst du mich nicht; vielleicht glaubst du, ich habe aufgehört dich zu lieben; allein, wenn dieses wäre, so hätte ich mir ja nicht die Mühe genommen dir noch zu schreiben. Nein, Louise wird die Gemahlin des Erbprinzen von Z**, wird das Opfer des politischen Interesse.«
»Als wir uns vor einigen Jahren im Garten von Dosa sahn, damahls, mein Lieber, reiste ich an den Hof, dessen Erbprinzeßin ich nun bald sein werde. _Holder_, ein gewisser _Aellmar_, und ein alter Rath am Hofe meines Bruders ließen mirs wissen, daß du mich noch mit aller Liebe liebtest, daß ich dir in der Nähe vorüberreisen würde, daß ich dich an einem dritten Orte noch einmal sehn, noch einmal sprechen könnte, -- ihnen also hast du unsere Zusammenkunft in Dosa zu danken.«
»Und nun, Florentin, tröste dich. Ein Mann wie du findet leicht mehrere Louisen, aber ich werde keinen Florentin wieder finden. Der Erbprinz besizt zwar der männlichen Schönheiten manche, aber sie sind doch nur kaum ein Schatten von den Deinigen. Und vielleicht -- vielleicht sind wir so glüklich auch künftig noch unsrer geheimen Liebe Nahrung zu geben; vielleicht darf dich auch noch einmal die Erbprinzeßin umarmen. Leb wohl, sei heiter und vergiß -- oder vergiß nicht die ehmalige
geliebte _Louise_.«
»Ja, ich will deiner vergessen, ehmahlige Louise!« sagte der _Graf_: »denn du hast meiner vergessen. -- Freilich wie konnt ich armer Thor es hoffen, daß eine _Fürstin_ mir treue Liebe vergelten würde, und doch war diese Hofnung so reizvoll für mich! -- Ach, auch _diese_ Freude ist mir genommen; o, ich sehe eine Lebensperiode vor mir, die die schreklichste ist, welche je ein Sterblicher durchwandeln mußte. -- Nun lebe wohl, Kanella, durch mich glüklich gewordnes Kanella, lebe wohl; der dir dein Leiden abnahm, wird elender als er zu dir gekommen, deine Gränzen verlassen!«
Nichts liessen die edlen Kanelleser unangewandt den bedauernswürdigen _Grafen_ bei sich zu behalten. Vergebens boten sie ihm grössere Macht und höhern Rang an; umsonst flehten ihn weinend die schönsten Damen der Republik auf dem Balle im Florentinischen Pallast an, daß er zurükbliebe -- nichts vermochte bei ihm etwas. Er suchte Ruhe, Ruhe, die er nicht im glänzenden, geräuschvollen Stande zu Kanella, aber vielleicht wohl in den väterlichen Gegenden, in der Mitte seiner theuern Verwandten, finden konnte. Hier glaubte er seiner Leiden vergessen, seines Herzens Wunden heilen, seinen sonstigen Frieden wieder gewinnen zu können.
»Ah, wär ich ein Kind geblieben, seufzte er: so wär ich glüklich geblieben. Nun wohlan, so laßt mich hinziehn in jene Thäler, wo ich den Morgen meines Lebens durchtändelte; laßt mich hinziehn zu jenen Hainen, zu jenen Thälern, wo ich unschuldsvoll am Mutterbusen der gütigen Natur hing und keinen Schmerz, keinen Seelenharm kannte. Laßt mich wiederum werden wie ein Kind, und meines Daseins Stunden in mir selber verleben. Ja, es ist wahr, und abermahls wahr: selten, ist der Mensch in der Gegenwart glüklich, am meisten in der Vergangenheit, und Zukunft, in der Rükerinnerung und Erwartung!«
_Borghemo_, _Giovanni Borsellino_, der alte _Eo_, die _schwarzen Brüder von Kanella_, da sie sahen, wie unabänderlich _Florentins_ Entschluß sei, ergaben sich mit traurenden Herzen in seinen Willen -- alle nahmen sie den wehmüthigsten Abschied. _Duur_, der sich so leicht an gleichgestimmte Seelen kettete, litte ungemein, da er einen seiner Freunde nach dem andern von ihm hinweg eilen sah. Nur _Dulli_ wollte nicht von seinem Herrn ablassen; allein _Florentin_ selber fesselte ihn an sein Vaterland.
Einige Tage vor der Abreise rief ihn der _Graf_ zu sich. _Dulli_ trat wohlgemuth ins Zimmer, aber erschrokken fuhr er drei Schritte zurük, da er an der Seite des Grafen seine halbvergeßne _Ladda_ erblikte.
Sie sehen alle vergangne Szenen der Liebe wieder heim rufen in die Seele, sprachlos ihr entgegen wanken, Vorwürfe und Verzeihung im Blikke tragen -- war das Werk einer Minute.
Florentin. Nun, Dulli? kennst du dies schöne Mädchen?
Dulli. (mit beklemmter Brust und Freudenthränen) Ach, Ladda!
Ladda. (indem das stürmische Steigen und Sinken ihres Busens die Gefühle des Herzens verräth) Mein lieber -- lieber Dulli!
Dulli. Du hier?
Ladda. Ich suchte dich, und habe dich gefunden.
Dulli. Und hofftest von mir noch Liebe?
Ladda. (mit Seelenruhe im glänzenden Auge) Ich hoffe sie. -- (Pause. Sie tritt ihm näher) Dulli! (sie ergreift seine Hand und drükt sie weinend an ihren Mund) Mein Dulli!
Dulli. (ihr an die Brust sinkend) Ach, ja, Ladda, meine Ladda, Dulli liebt dich noch! --
Mit unbeschreiblicher Wonne lagen sie beide lange einander in den Armen, küßten sie sich der Versöhnung süssen Kuß, und vergaßen sie des _Grafen_, der ein gerührter Zuschauer dieses schönen Schauspiels war. Selber ein Unglüklicher in seiner Liebe ward er der Schöpfer fremden Liebes-Wohls. --
Viel zu fest waren die Banden, mit welchen _Dulli_ nun an Kanella gebunden lag, als daß er sie hätte zersprengen und seinem geliebten Herrn folgen können, der begleitet von den Ersten der Republik, Kanella verlies.
Viertes Kapitel. Der große Florentin im Vaterlande.
Müd' und Thatensatt eilte _Duur_ in _Gottholds_ Gesellschaft der Heimat entgegen. Sobald er die deutsche Gränze erreicht hatte, schrieb er sogleich an seinen Onkel folgenden Brief:
»Mein Onkelchen!«
»Ihr Neffe, Ihr Florentin kömmt, um bei Ihnen, so lange Gott es will, zu leben. Ich habe manches unterdessen erlitten, manche Thräne unterdessen geweint, -- verfolgt vom Schiksal, fliehe ich in ihre väterlichen Arme zurük; da werd' ich sicher ausruhn dürfen vom Sturm des Lebens. Nicht wahr, Sie haben sich eben so oft nach mir gesehnt, wie ich mich nach Ihnen -- jezt werden unsre Wünsche erfüllt werden, wird uns beiden wohl sein. -- Höchstens in vier Wochen treffe ich auf Ihrem Landgute ein, höchstens in vier Wochen küß' ich Sie und meine Schwester und meinen Holder! O, ich zittre so bang, als würde ich die göttliche Stunde des Wiedersehns nicht erleben. -- Wie viel werden wir da uns zu erzählen, wie viel uns da zu klagen haben! -- Ich stelle mirs schon im Geiste vor, wie sie hervorstürzen werden aus dem Schlosse, wenn Sie die Hufen meines Pferdes schlagen hören; wie Rikchen weinend an meinem Halse hängen, Holder mich feurig umarmen wird. Ich fühle schon alle Freude voraus, die dann -- ach, dann mir allein angehören werden! --«
»Hat sich vieles während unsrer Trennung auf dem Schlosse verändert? -- lebt der alte Herr von Bastholm noch? Laden Sie ja ihn und den ganzen benachbarten Adel ein, daß nichts in unserm Feste mangle, was ihm Reiz gewähre. Leben Sie wohl indeß; leb' auch du wohl, geliebtes Rikchen, die ich nun bald umarme; küsse deine Kinder -- wenn du Mutter bist, denn ich weis ja noch gar nichts von Euern häuslichen Umständen, weil Ihr mir keine Nachricht gegeben habet, ihr bösen Leutchen! -- und bleibt mir alle gewogen, Euerm _Florentin_.«
Dieser Brief hatte kaum das Duursche Landgut erreicht, als auch unser _Graf_ schon mit seinem _Gotthold_ daselbst anlangten.
Es war des Morgens. Die herbstliche Sonne hing hinter Nebeln verschleiert; die Felder standen, ihrer Halme und Goldähren entmäht, kahl und reizlos; die Natur schien sich allmählig, ihrer Arbeiten müde, zum Wiederschlafe zu bereiten -- gelb und welk floß das Laub in kalten Morgenduft.
»Wir sind zur Stelle, Gotthold!« rief der _Graf_, indem er den krummen Fahrweg zum Dorfe seines Onkels hinuntertrabte.
Gotthold. (freudig) Ja, ja! Sehn Sie nicht dort -- dort wo hinter den Ulmen die graue Kuppel des Duurschen Schlosses hervorragt?
Florentin. Ich seh's! Laß uns hier die Pferde ein Weilchen anhalten! -- o Gott, mein Blut wallt ungewöhnlich, ich bin ausser mir!
Gotthold. Ach, da meine Eltern noch in dem Dörfchen hier lebten, da war ich wohl glüklich! Sehn Sie, gnädger Herr, hier rechts den Hügel hinter den beiden Scheunen? Sehn Sie die hohe Fichte darauf? -- die hab ich als Knabe dahin gepflanzt, weil mir der Berg und die Aussicht von ihm hinab so wohl gefiel.
Florentin. Und bemerkst du nicht drunten den Bach? siehst du den Steig hinüber? Da baut ich meine Kähne, als Kind und lies ich meine papiernen Flotten aussegeln.
Gotthold. Ach, es waren schöne Zeiten.
Florentin. Waren schöne Zeiten, und sollten sie nicht wiederkehren? -- O, gewiß! gewiß!
Gotthold. Aber es ist alles so still!
Florentin. Die Sonne ist kaum aufgegangen. Im Schlosse und Dorfe schläft noch jedes Auge.
Gotthold. Wenn man wüßte, wie nahe Sie wären, gnädiger Herr -- --
Florentin. Ich kann unmöglich sogleich zu meinen Freunden fliegen -- ich bin so verwirrt, so ängstlich, so froh -- ein Heer von Empfindungen überwältigt mich. Ich will mich erhohlen. Reite voraus, Gotthold, erwekke die holden Schläfer aus ihren Morgenträumen, deren Inhalt vielleicht ich bin. Sag' ihnen meine Ankunft! -- tummle dich! -- --
Der Knecht spornte sein Ros an und flog zum Dorfe hinab, den Steindamm zum Schloßhofe entlang.
Aber der _Graf_ rükte nicht um einen Schritt von der Stelle. Er zitterte. Sein Blut stürmte ungestüm durch die Adern hin; der Purpur der Freude schimmerte ihm auf den Wangen; seine Augen befeuchteten sich in unwillkührlichen Thränen.
»Gott! mein Gott!« sprach er mit leisem Ton, hoher Andacht, glühender Inbrunst: »gelobet sei dein Name, hochgelobet in Ewigkeit deine Güte! Ich war ein Kind, und du gabest mir Kinderfreuden zu schmekken; ich war Jüngling und du liessest mich schwelgen in deinen Seligkeiten auf Erden. Ich bin Mann worden und du hast mich nicht vergessen. Ja, mein Vater im Himmel, hast mich nicht vergessen, -- du hast mich reinern Freuden aufgespart, deren Genuß mich nun erquikken soll. Vater, es danket dir dein Kind; mit Thränen dank' ich dir und Seufzern, daß du mich nicht vergessen hast!«
Mehr konnt er nicht lallen. Die Sprache verlor sich, aber die Seele betete fort.
Einige Minuten verstrichen, ehe er zu sich selber kam; -- er sahe die graue Schloßkuppel hinter den Ulmen und nun flog er der Erfüllung seiner Jahrlangen Schwärmereien und Erwartungen entgegen. Laut pfiff die Morgenluft durch seine Lokken, hoch hoben sich Staubgewölke um ihn her.
Er stand auf dem Schloshof -- sprang ab vom Pferde, hinauf die Stiege zur offnen Pforte, wo _Holder_ ihm in die Arme sank.
Fünftes Kapitel. Der Kirchhof.
»Noch einmahl sei Gott gelobet!« rief der Freudenberauschte _Graf_: »so hab ich dich wieder!«
Holder. (mit bebender Stimme) Mein Florentin!
Florentin. (ihn heftig an sich pressend) Holder, Holder!
Holder. O Gott! -- die Freude tödtet mich!
Florentin. Nun hab' ich ausgerungen.
Holder. Ausgerungen?
Florentin. Nun will ich ausruhn von vielen Kämpfen, vielen Leiden! -- Holder, was macht Onkelchen? -- was dein Weibchen? -- wo ist mein Sohn, mein Karl?
Holder. Sie schlafen.
Florentin. Sie schlafen? wir wollen sie erwekken, wollen ihnen den Schlummer von den Wimpern abküssen, sie aus einem Traum in den andern führen.
Holder. (lächelt schwermüthig) Wollen wir?
Florentin. Du siehst so blas, Holder, so kränklich! was fehlt dir?
Holder. Wenig -- und viel! -- doch davon ein andermahl.
Florentin. Auf -- wo sind die Lieben?
Holder. Du scheinst sehr heiter zu sein.
Florentin. (verwundert) das bin ich, wiewohl ichs sonst nicht war. Aber, um Gotteswillen, wie geräthst du zu solchen Gedanken anjezt -- anjezt!
Holder. Ich sah deine blühende Gesichtsfarbe, dein muntres Wesen. So warst du nicht vor Jahr und Tag, als ich dir den Weg zum rothen Walde vor Munchenwall beschreiben mußte.
Florentin. Die Zeiten sind vorüber!
Holder. Sind vorüber?
Florentin. Was zaudern wir? laß uns die Schläfer erwekken. -- Dein kaltes, trübsinnathmendes Schweigen macht mich zittern -- Holder, Holder, was ist geschehn? -- ist einer von ihnen krank?
Holder. (ihm auf die Achseln klopfend) Keiner! -- folge mir -- doch eins noch; wen verlangst du zuerst zu sehn; den Onkel, mein Weib oder deinen Sohn Karl?
Florentin. (schwankend) Alle zugleich; führe mich zu allen. Und Karl -- Karl ist hier im Schlosse?
Holder. Ja wohl!
Florentin. O, so führe mich zu meinem Sohn!
_Holder_, der so gern die fürchterlichste Schwermuth hinter seinem Lächeln und Scherzen verstekken wollte, ergrif die Hand des gerührten Vaters, welcher jezt zum erstenmahl die Frucht seiner Liebe umarmen sollte, und leitete ihn in ein bekanntes Kabinet, wo, halbnakt, blühend, schön und unschuldig ein Liebesgott auf weichen Pflaum hingestrekt schlummerte.
»Dies ist dein Sohn!« sprach _Holder_ und zeigte mit der Hand auf das schlafende Kind.
Der _Graf_ stand frohbestürzt an _Karlchens_ Bett; seine Augen wurden naß; seine Lippen bebten von einem Segensspruch über den schlummernden Sohn; bestürmt von den unaussprechlichen süssen Vaterfreuden sank er hin über den schönen Knaben, ihn mit tausend Küssen erwekkend.
»Karl! mein Karl!« jauchzte _Florentin_ mit väterlichem Hochgefühl.
Ein großes liebliches blaues Augenpaar schlug der _Knabe_ auf, hochverwundert ob der fremden Erscheinung.
»Oheim Holder!« rief er mit süsser, furchtsamer Stimme: »wer ist der Mann?«
»»Dein Vater!«« entgegnete _Holder_: »»dein von dir so lange erwarteter, lieber Vater ists!««
»Mein Vater bist du?« sagte das _Kind_ mit dem anmuthigen Lächeln eines Engels und wand sich so dicht mit Armen und Füssen um den wonnevollen _Florentin_, als hätte es in der That den traurigen Zustand zu fühlen gewußt, in welchem es sich bisher befand, da es weder seinen Vater noch seine Mutter kannte.
»»Ja, theures Karlchen -- ja, mein Alles, mein Sohn, ja ich bin dein Vater!«« erwiderte der _Graf_, der nicht wußte, wie ihm geschah, als ihm der süsse Vaternamen zum erstenmahle von den Lippen des holdseligen Buben entgegen scholl: »»Ich bin dein Vater, der dich nun nie wieder verlässet.««
Liebst du mich denn?
»Ja, Karl ist dir recht gut?«
»»Wie sehr liebst du mich denn?««
Das Kind antwortete nicht, sondern drükte sich schmeichelnd an seinen Vater fest an.
Länger, als eine Stunde, tändelte _Duur_ mit dem Kinde, indem er selbst vor Freuden zum Kinde ward. Bald wikkelte er die gelben Lokken des Knaben um seine Hand; bald küßt er ihm Stirn', Augen, Mund und Wangen; bald suchte er _Louisens_ Züge in _Karlchens_ Mienen auf, bald die seinen.
O, Väter und Mütter, die Ihr diese Blätter leset, Ihr nur verstehet mich, Ihr nur wisset Florentins Tändeleien richtig zu beurtheilen, Ihr nur kennet die Sprache des zärtlichen Gefühls. Mahlet Euch die Szene mit all den weichen Farben aus, welche Eure Fantasie Euch beut -- ich schweige. Schweige, damit nicht kalte Krittler mich langweilig finden, oder unnatürliche Eltern mich nicht einen empfindelnden Schwäzzer schelten mögen.
Wie gesagt, erst nach einer vollen Stunde fiel es dem _Grafen_ bei auch die andern Geliebten zu sehen.
»Bringe mich zu ihnen!« sagte er zur _Holdern_.
»»Sie schlafen!«« entgegnete dieser.
»Lass' uns sie wach küssen.«
»»Wirst du es?««
»Ich werd' es. Fort, fort, ich zittre vor Ungeduld meinen alten Onkel, meine Schwester zu, sehn!«
»»Komm!«« antwortete _Holder_, dessen Gesichtszüge sich plözlich verändert fanden, dessen Augen in Zähren schwammen, dessen Sprache stokte.
»Was ist dir?« fragte der _Graf_.
»»Was soll mir sein?«« war die Gegenfrage.
_Holder_ führte seinen Freund zum Schlosse hinaus, durchs Dorf.
»Wohin bringst du mich? führe mich zum Bette meines Onkels und meiner Schwester!« sagte _Duur_ ängstlich, indem er von schreklichen Ahndungen angeweht, sich dichter an _Holdern_ schlos.