Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Part 12

Chapter 123,470 wordsPublic domain

Giovanni. Geht, wohin Ihr wollt, ich eile zu der Stätte, welche mir in dieser Nacht die heiligste ist. Kennt ihr nicht mehr den Dominikusplaz, wo weiland mein Vater erschlagen wurde? -- da will ich seinem Schatten ein blutiges Opfer bringen; da will ich morden, und meinen Vater versöhnen. Borsellino! Vater Borsellino, es schwebe dein Geist um mich in dieser Nacht.

Borghemo. Der Lärmen wächst mit jedem Pulsschlage draussen.

Giovanni. Hui! da fiel ein Schuß!

Exulanten. (stürmisch) Hinaus! hinaus!

(man hört rufen: »es lebe der Herzog Piedro!«)

Borghemo. Was?

Giovanni. (schreiend) Es sterbe der Herzog!

Alle. Es lebe die heilige Volksfreiheit!

Borghemo. Ho! wer stürmt in unser Haus?

Etliche. Leibwachen des Herzogs. Zieht die Klingen!

(Geschrei von aussen: »Verräther heraus, Rebellen heraus! es lebe Piedro!«)

Alle. (sich hinausdrängend mit bloßen Degen und Geschrei) Es sterbe Piedro, es lebe die Freiheit! -- --

»Wo säumt denn Fiorentino?« sagte _Dulli_ ärgerlich und ungeduldig zu sich indem er seine Klinge wezte: »hussah, wie sie haussen wimmeln und lärmen, und ich darf nicht darunter wühlen; muß hier sizzen in der verdammten, engen Stube und seiner warten. -- _Ladda, Ladda_! heut räch' ich deine Schande! -- o, arme Ladda, sähest du in dieser Nacht deinen Dulli, du würdest ihn liebgewinnen! -- Still! Was war das? riefen sie drunten nicht: »es lebe Piedro?« (er lehnt sich zum Fenster hinaus) Es sterbe der Bluthund Piedro und seine höllische Rotte! -- -- Hu, ein dunkler regnichter Abend -- desto herrlicher wird der Morgen anbrechen. Dulli, du erlebst einen Morgen der Freiheit, oder siehst die Sonne nie wieder aufgehn. Ja, Dulli schwörts bei seiner unglüklichen Ladda!«

Inzwischen dieser wilde, mordsüchtige Mann ungeduldig das Zimmer auf- und ablief, und _Florentins_ Langsamkeit verwünschte, saß ruhig der _große Fiorentino_ da -- und weinte.

»_Und weinte?_« -- Ja, meine Leser, er weinte; und Thränen, wie die seinen, glänzen als Perlen, in der Ehrenkrone der Menschheit.

Er hörte das Stürmen der Glokken, Trommeln und Trompeten; er hörte den wachsenden Tumult in der Stadt; er hörte das Klirren der Klingen für und wider die Freiheit gezogen; hörte endlich auch das Angstgeschrei der Weiber und unmündigen Kleinen -- und _er_, groß genug einen _Herzog_ vom _Thron_ herabzureißen, war auch gros genug alles Elend zu betrauern, welche diese Rebellion über manche Familie verschütten mußte.

»Aufruhr! Kampf der Freiheit!« sprach er leise vor sich hin: »wie die Wörter längst in meiner Seele brannten! -- Jezt beginnt das furchtbare Schauspiel, und ich -- o dürft ich noch einmal den Vorhang fallen lassen! -- Unerforschliche Hand des ewigen Schiksals, du warst es, die mich hieherführte, du warst es, welche die schreklichen Knoten schürzte, so diese Nacht auflösen soll -- dir vertrau ich, führe mich ferner durchs Dunkel. -- O das Blut der Unschuld bedekke mich nicht; nicht mir gelte euer Wimmern, lieben Kleinen; nicht mir euer Fluch in der Verzweiflung, unglükliche Weiber! -- Ach, es ist so schreklich die Lebensfreuden der Glüklichen zu morden -- und doch!« -- --

_Florentins_ Seele war bewegt. Er _liebte_, war kaum den Armen einer Hochgeliebten entwunden -- kein Wunder, wenn er so zart empfand, wenn er den einzelnen Unglüklichen, welche es durch ihn wurden, eine Thräne des Mitleids weinte.

Aber bald ermannte er sich. Kaum daß er die Waffen angelegt hatte, traten der _schwarzen Brüder_ zwanzig bis dreißig zu ihm herein.

»Fiorentino,« riefen sie halb verzweifelnd: »wir verlieren!«

Florentin. (kalt) Wer?

Ein Bündner. Wir, wir! des Herzogs Anhang ist gros.

Florentin. Wo stehn unsre Regimenter?

Ein Bündner. In den Straßen vertheilt nach Euerm Plan. Sie dekken die Kirchen, das Arsenal, und die Stadtthore.

Ein anderer. Was ist zu beginnen?

Ein Dritter. Borghemo hohlt jezt aus den benachbarten Dörfern die dasigen einquartirten Truppen! --

Florentin. Ihr scheint muthlos. Erlischt die Flamme des Patriotismus so bald in Euch?

Alle. (durcheinander lärmend.) Bei Gott nicht! wer spricht das? -- wir wollen sterben, wenn wir nicht siegen!

Florentin. Still! -- Ein Streich muß gewagt werden, der alles entscheidet. Hört an!

Alle. Redet, wir hören.

Florentin. Ist Piedro noch nicht entschlüpft?

Einer. Die Thore sind gesperrt, und stark besezt, wie könnt' er?

Ein anderer. Tausend Mann stehn um seinen Pallast und verrammeln den Aus- und Einweg.

Florentin. Feinde?

Alle. Feinde.

Florentin. Befehlt, daß man in der Gegend des Herzoglichen Schlosses laut aussprenge, auf dem Dominikusplaz werde ein herzogliches Regiment in die Pfanne gehauen; ruft Hülfe, lokt einen Theil der Wachen des Herzogs vom Schlosse ab, sodann folgt mir nach; schleppt einige Kanonen herbei, die uns durch die zurükgelaßnen Wachen einen Weg bahnen, und dringt dann mit mir ins Schloß. Piedro muß unser sein. Auf, folgt mir.

Er sprachs.

Schon schwankten die Haufen der zurükgeschlagnen Bürger; schon scholl durch Kanellas Straßen das wilde, jauchzende: »Piedro lebe!« schon strömte Bürgerblut, und erlosch das Feuer der Freiheitssucht in ihm; schon verzweifelten Mann und Weib den Morgen in einem republikanischen Staat zu begrüssen -- als _Fiorentino_ erschien, und sein Hervortreten den Tumult erneuerte, und seine Gegenwart neue Raserei verbreitete.

Es stürmte von den Thürmen, es stürmte durch die Straßen. Allenthalben Mord und Flucht und Sieg. Die Freiheitskämpfer griffen abermals an; laut hallte der Kanonen-Donner; Prinz _Morizens_ Palais gerieth in Flammen. _Benedettens_ Schloß loderte ebenfalls auf; -- mit jeder Minute wurde das nächtliche Spiel fürchterlicher.

Plözlich scholls: »Hülfe! Hülfe! getreue Kanelleser hin zum Dominikusplaz! die Rebellen schlagen des Herzogs Regiment!« -- Ein Donnerschlag in den Ohren der Herzoglichen. Alles stürzte verwirrt zum Dominikusplaz; halb verlassen stand Piedros Burg.

Und jach flog _Florentin_ an der Spizze der schwarzen Helden hervor aus dem Hinterhalte; zahllose Kanelleser umringten das Schloß; die Wachen strekten das Gewehr -- die Pforten des Pallasts wurden gesprengt; der Graf mit funfzig Schwarzen durchsuchten das Gebäude und zogen den Herzog, mehr einem Todten als Lebenden ähnelnd aus seinem Schlupfwinkel hervor.

_Piedro_ schlug die Augen auf. Beim Schimmer brennender Fakkeln erkannte er unter den ihn umgebenden Männern den _Grafen_.

Piedro. (zitternd -- athemlos) Graf Fiorentino.

Graf. Eure Tyrannei ist zu Ende, Herzog.

Piedro. (beweglich) Fiorentino, auch Ihr?

Graf. Seht, Herzog, seht hinaus; betrachtet draussen den Greuel dieser Nacht; seht wie Bürger wider Bürger wüthen; hört das Aechzen der Erschlagenen, hört das Winseln der Verwaisten -- Herzog, Landesvater, sieh das Elend deiner Kinder und rechtfertige Dich.

Piedro. (entnervt) Nehmt -- nehmt alles hin, ich entsage allem -- nur schüzt mein Leben wider die Rebellen.

Graf. Ich selber bin der Rebellen einer.

Piedro. Nein, Graf, unmöglich seid Ihr dies.

Graf. Ich bin mehr, bin der Rebellen Anführer.

Piedro. (zurüktaumelnd) Wehe, auch Ihr!

Graf. (mit Majestät) Piedro, vergeßt in dieser Nacht, daß Ihr vor fünf Stunden noch Herzog waret, und unterwerfet Euch der Rache des Schiksals. -- Kanellas Bürger sind fortan nicht mehr Piedros Sklaven; hört Ihr's? nicht mehr Eure Sklaven! -- -- Ihr bleibt inzwischen diese Nacht hindurch in der Bewahrung dieser Männer, seid ruhig, wenn Ihrs sein könnet und fürchtet nichts für Euer Leben. --

Piedro. (ergreift bebend die Hand des Grafen) Fiorentino -- --

Graf. (führt den Herzog an ein Fenster) Fakkeln leuchtet hinaus! -- Piedro, ruft den Kanellesern zuerst ihre Freiheit zu!

Piedro. (sich zum Fenster hinauslehnend) Wehe, welch ein Anblik.

Einige der Schwarzen. (hinunterschreiend) Stille unter Euch! der Herzog spricht! Ruhe! --

(Todtenstille von unten)

Piedro. (dreht sich vom Fenster ab) Fiorentino!

Graf. (mit furchtbaren Ernst) Ihr säumet? Hat Kanella noch nicht lange genug in Euern Fesseln geschmachtet?

Piedro. (die Hände ringend) Gott!

Graf. Seht, so triumfirt die Freiheit an der Hand der Verzweiflung. Und dies alles ist Euer Werk! -- (Pause) Das Volk schweigt.

Piedro. (lehnt sich abermahls zum Fenster hinaus; er ruft weinend) Lieben Kanelleser, Euer Herzog verkündet Euch -- Freiheit!

»Freiheit! Freiheit!« schrieen tausend Stimmen durch die benachbarten Gassen, und: »Freiheit! Freiheit!« scholls zurük von allen Gegenden der Stadt.

Ueberwunden strekten die Herzoglichen Soldaten das Gewehr -- die Sonne ging auf und beleuchtete einen neugebornen Freistaat.

»O Gianetta! Frei ist Kanella!« rief der heimkehrende _Enriko_, indem er der Wohnung seiner Geliebten entgegen flog. Aber ach! -- im Blute schwimmend, erschossen, lag die schöne Kanelleserin an der Thürschwelle ihres Hauses.

»Gianetta! Gianetta!« stammelte seellos der arme Jüngling, und sank mit diesen Worten auf den Leichnam seiner Angebeteten hinab. Er brannte tausend Küsse auf ihren kalten Mund; aber umsonst, der schöne Geist der Geliebten war entflohn; er durfte nicht heimkehren aus seinen neuen Wohnungen. Das Volk umringte dieses unglükliche Paar, die Wuth der ergrimmten Rebellen zerschmolz bei diesem Anblik in Mitleiden.

»Ach, so ists denn vergebens!« jammerte _Enriko_! »darf ich nicht hoffen glüklich mit dir im freien Kanella zu sein? -- O Himmel und Erde, erbarmt Euch mein -- ich habe sie verloren; meine Seligkeit, meine Hoffnungen, mein Einziges verloren! -- Grausames Verhängniß, warum ein solches Spiel mit mir!«

Er sank schmerzvoll zu Boden, sein plözliches Schweigen, sein dumpfes Röcheln machte einige Männer aufmerksam; man eilte zu ihm; riß ihm vom Boden auf und fand einen Selbstmörder.

Vierter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Ruhe? -- für Florentin?

Die Sonne war aufgegangen, den Triumf der Freiheit von Kanella zu verschönern. Licht und Leben ergoß sich durch die große Natur; Licht und Leben wohnten nach langen, düstern Zeiträumen endlich wieder im Busen der Kanelleser.

Berauscht von der Freude, nun am längst erseufzten Ziele dazustehn, schwärmte das Volk durch die Straßen, mit Jubelgeschrei. Entzükken glänzte aus jedem Angesicht; neugeboren wankten Greise und Mütter und Väter hervor sich, als freie Geschöpfe, am Strahl der Sonne zu erwärmen, zu jauchzen und zu hüpfen unter Kindern und Kindeskindern; Hohe und Niedre umarmten sich auf öffentlichen Pläzzen, uneingedenk des Ranges und der Würden, welche sie sonst unterschied; was sich sonst haßte, liebte sich jezt; was sich sonst nie gekannt, schlos jezt der Freundschaft heiligen Bund miteinander. Alles war vereint, alles fühlte sich groß, und gut und edel.

»Ich bin frei!« lallten Greise verjüngt. »Ich bin frei!« riefen die Kranken und genasen.

»Frei sind wir!« jubelten Männer und Weiber, und die Kinder auf den Straßen.

_Duur_ aber befand sich noch immer im Pallast des verunglükten Herzogs. Hier empfieng er von den schwarzen Brüdern aus dem ganzen Staate die frohsten Nachrichten; hier ertheilte er ihnen seine Befehle; hier gab er die ersten Gesezze zur Wiederherstellung der alten Ordnung; hier sezte er vor den Augen Piedros die Stadtobern in ihre ehmahligen Rechte ein.

Freilich erlaubte sich der Pöbel, vom Freiheitsrausche benebelt, tausend Ausschweifungen, lange noch nach diesem Tage dauerten dieselben fort, und jeder zitterte, daß sich Kanellas Bürger durch eine fürchterliche Anarchie in grösseres Elend stürzen würden, als dem sie so eben entronnen waren; -- allein _Florentin_ verzagte nicht. Er hatte es vorausgesehn, wie geschehn würde, was geschah, und daher befremdete ihn die Wuth und Raserei den trunknen Vollers nicht. Doch die höchste Gewalt in den Händen des Pöbels ist Jupiters Donner in den Händen eines spielenden Kindes. Hier mußten Vorkehrungen dagegen getroffen, mußten Schranken wieder aufgebauet werden, und sie wurden getroffen, und die Schranken wurden erbaut.

Die Sonne gieng unter. Ermüdet von den zahllosen Arbeiten begab sich der edle _Graf_ in seine Wohnung heim; in seinen Mantel vermummt, durch die einbrechende Finsterniß gesichert, erkannten ihn die umherschwärmenden Haufen nicht, wiewohl sein Name in der Sprache des dankbaren Entzükkens von ihren Lippen oft erscholl. Er kam an, und _Dulli_ war der erste, so ihm auf der Schwelle des Hauses entgegen trat.

Florentin. (freundlich) Guten Abend, lieber Dulli! nicht so, Kerl, _die_ Nacht und _der_ Tag spielen wohl in der Geschichte deines Lebens die glänzendsten Szenen?

Dulli. (bebend, sprachlos sich vor ihm auf die Knie niederlassend) Graf!

Florentin. (verwundert) Was ist dir?

Dulli. (gerührt) Gott, Ihr fühlt nicht, was ich gern bekennen mögte? -- Graf, großer Graf! -- --

Florentin. Ich verstehe dich nicht, Lieber. Warum auf den Knien?

Dulli. Ach laßt mich doch noch lange in dieser Stellung verbleiben -- sie thut meinem Herzen so wohl! -- -- Graf, ich zolle Euch meinen Dank! --

Florentin. (lächelnd) Du bist ein freier Kanelleser worden und _knieest_ dennoch?

Dulli. Ah, ich liege ja vor keinen Despoten -- ich verehre den größten Menschen meiner Zeit! -- Laßt mich so liegen; Dulli dankt dem Erlöser seines Vaterlandes! (eine Thräne tröpfelt aus seinen großen, emporgewandten Augen.)

Florentin. Du bist ein sonderbares Geschöpf; so rauh, und so weich! -- Steh auf!

Dulli. Nein, nein, beim heilgen Petrus, nein, noch kann ichs nicht! -- O laßt mich so, so ist mirs wohl! -- Wenn ich nichts mehr sagen, nicht mehr danken kann, dann will ich aufstehn, dann führ ich Euch zu einem andern guten Freund.

Florentin. (neigt sich innig bewegt zu ihm herab, und küßt, ihn) Ich bin dir gut!

Dulli. O, das ist auch mein schönster Lohn; nach ihm hab ich geschmachtet. Ich sah Euch nur in der Nacht kämpfen; den ganzen Tag erwartete ich Euch vergebens. Wohl schlich ich von Stunde zu Stunde um das herzogliche Schloß Euch zu erblikken -- aber ich sah Euch nicht. Und nun -- nun bin ich glüklich, Ihr habt den armen Dulli geküßt. Und (indem er vorn das Wams aufreißt) seht hier meine Wunden! eins, zwei, drei, -- fünf Wunden -- und _ein_ Kuß von Euch läßt mir ihren Schmerz nicht fühlbar werden. -- (er steht auf.)

Florentin. Ist unser alter Badner auch daheim?

Dulli. Er ists. Er ist der gute Freund, zu dem ich Euch noch führen wollte.

Florentin. Ich bedarf der Ruhe; laß Badnern zu mir in mein Zimmer kommen;

Dulli. Nein, das kann der gute alte Mann nicht. Ihr müßt nun wohl zu ihm gehn.

_Florentins_ Mienen schilderten seine Verwunderung über _Dulli's_ Worte; er gieng, wohin ihn _Dulli_ führte; sein Herz weissagte nichts Angenehmes.

Er trat in _Badners_ Stube, und fand den guten Greis auf dem Bette liegend. _Badner_ schien durch das Hereinwandeln der beiden aus einem leichten Schlummer aufgestört zu, werden; durch Anstrengung all seiner Kräfte erhob er sich mit dem halben Leibe, den Grafen zu bewillkommen.

»Lieber Badner, was ist dir geschehn?« fragte _Florentin_ ängstlich, indem er sich dem Bette näherte.

Badner. (mit matter, oft abgebrochner Stimme) Mein Herr, -- mein lieber Herr!

Florentin. Um Gotteswillen, wie siehst du so blaß, so elend aus!

Badner. Ach Gott, erinnert Ihrs Euch noch, was ich sprach, da wir über die deutschen Gränzen ritten?

Florentin. Nein, Badner, so arg ist es noch nicht. Wirst nicht in Kanella dein Begräbnis finden.

Badner. Ich werd es. -- Ach, lieber -- lieber Herr!

Florentin. (zu Dulli) Was ist ihm wiederfahren?

Dulli. Verwundet ist er in der Nacht, und wie ich glaube, gefährlich verwundet. Halbtod schleppte man ihn hieher.

Florentin. Ist kein Wundarzt gerufen worden?

Dulli. Mehr, als einer.

Florentin. Und?

Dulli. (zukt die Achseln)

Badner. Sterben werd' ich, sagen sie. Oh, ich sterbe so gern! Hab ich Euch doch noch einmal gesehn in dieser Zeitlichkeit, nun bin ich herzlich zufrieden.

Florentin. (mit feuchten Augen) Nein, mein Badner, nein, du stirbst nicht.

Badner. Ich weis es, ich fühl es -- ich muß scheiden von Euch. -- Ich habe noch eine Bitte eine große Bitte an Euch.

Florentin. Was bittest du denn?

Badner. Laßt meine Gebeine in der deutschen Muttererde verscharren. -- Wollt Ihr das?

Florentin. Ich will es. Aber -- --

Badner. Nun -- nun gute Nacht

Florentin. (sich mit Wehmuth über ihn hinbeugend) Mein einziger, lieber Leidensgefährte, mein treuer Freund, du willst _gern_ von mir?

Badner. Ich _muß_, und darum -- _gern_. Meine Liebe zu Euch nehme ich mit ins Grab, mit in jenes beßre Leben.

Florentin. Und willst deinen Gefährten allein da stehn lassen?

Badner. Ach, Lieber, Guter, Seelen, wie die Eurige, finden immer Verwandte hienieden und droben. -- -- Lieber Herr, ich muß Euch noch Dank sagen für Eure Freundschaft; o, wir haben wohl manche Noth, wohl manche frohe Stunde mit einander brüderlich getheilt.

Florentin. (fühlte den nahen großen Verlust seines Badners und er weinte.) Ich danke -- danke auch dir für deine namenlose Treue.

Badner. Nun -- Lieber -- gute Nacht! -- Wir haben nichts mehr mit einander. -- Kommt Ihr jemahls heim ins deutsche Vaterland, so grüßet den braven Holder von seinem verstorbnen Freund. -- Oh, oh! -- Eins noch -- Ihr -- --

Florentin. Ruhe, Lieber, ruhe! das Sprechen schadet dir -- --

Badner. (schwach) Wenn Ihr und Holder noch einst -- über fünfhundert Jahren auf dieser Erde -- so -- so --

Wie ein öhlloses Lampenlicht verklimmt, wie der Hauch des Mundes verrinnt, wie ein leiser Ton verhallt -- so verschwand Badners Lebenskraft. Er war hinübergeflohn in jene Welt, zu der wir alle hinüber wandeln werden.

Dulli'n schossen Thränen ins Auge; _Duur_ warf sich schmerzvoll über die Leiche seines treuen Dieners, und küßte unzähligemahl' die kalten Lippen des Entschlafenen.

»Auch er ist dahin!« -- seufzte er: »auch mein Badner ist dahin! -- o, ich glaubte ruhen zu können nach überstandnen Gefahren und Leiden -- aber, ach, _Ruhe_! für Florentin -- nein sie scheint für mich bei der Unmöglichkeit zu wohnen! -- Mein Badner, lebe wohl!«

Mit einemmahle scholl von der Straße auf ein feierlicher Gesang. _Dulli_ flog ans Fenster; er sah die Gassen von tausend Fakkeln erleuchtet und eine zahllose Menge von Menschen um Florentins Hause versammelt. Der Gesang stieg langsam und rührend-feierlich empor; Trompeten und Pauken begleiteten ihn. -- Ein Kanellesischer Dichter hatte ihn längst schon auf die wiederkehrende Freiheit angefertigt; er lautete so:

Heilig ist Gott und groß! Heilig ist Gott und gnädig! Heilig ist Gott und gerecht! Hallelujah! Hallelujah!

Ach seufzete das Land, Unter der Tyrannenwuth; Greise flehten, Kinder flehten: »Herr erbarme dich unser!«

Aber des lachten die Tyrannen, Gott im Himmel und Tugend auf Erden Waren ihres Spottes Ziel. Blut floß an ihrem Schwerdte, Blut trof von ihren Händen, Und ihre Pfade waren Blut.

Da schrie in dumpfen Klagen Die leidende Kreatur: »Herr, erbarm dich unser!« »Herr, erbarme dich unser!« Doch Gottes Langmuth, Gottes Güte Verzögerte der Frevler Tod.

Des jauchzten die Tyrannen; Mit ungeweihten Händen; Zerstörten sie der Menschheit Heiligthum! Und ihrer Sünden Maas ward voll, Und ihre Bosheit unbegränzt! Da ächzte sterbend der Greis, Da ächzte sterbend der Säugling: »Herr, erbarme dich unser!« »Herr, erbarme dich unser!« »Herr, erbarme dich unser!«

Und unser erbarmte sich Gott, Es rollte in Gewitterschnelle Sein Strafgericht hervor; Sie sahn's, die Mörder und erbleichten Und schaudernd stürzten sie nieder -- Das Sklavenland ward frei! Hallelujah! Hallelujah!

Der Gesang schloß sich. _Dulli_ weinte Freuden- und Jammerthränen vermischt; _Florentin_ hörte nichts, er saß an Badners Bette: starrte schwermüthig den Leichnam seines Getreuen an und hielt die Hand seines Lieblings fest in der seinigen verschlossen.

Aber das Volk lärmte unaufhörlich fort, und wiederholte die Worte des Gesanges: »das Sklavenland ward frei!« mit dem größten Enthusiasm. -- »Ja, das Sklavenland ward frei!« hörte man einige rufen: »und frei durch den Helden Fiorentino!« --

»»Großer Fiorentino wir lieben dich!««

»»»Freiheitsbringer, lebe lange!«««

»»»»Fiorentino, lebe hoch!««««

So schrie man verwirrt durcheinander und _Florentin_ -- achtete des nicht. Am Lager des Verstorbnen sizzend, hatte sein Leben jeden Reiz verloren. Er war nun einmal wieder so arm an aller Freude, so arm an aller Hofnung, jemahls wieder froh werden zu können, als er es irgend schon einmahl war.

Freund, Blutsbruder, Vater -- oder welcher Name heiliger ist -- alles das war ihm der ehrliche _Badner_ gewesen, und diesen sah er jezt für sich verloren. -- Wer nun schon einen solchen Freund, Bruder und Vater verlor, der male sich des armen Florentins Schmerz. Indem sich die Augen _eines einzigen_ Freundes auf ewig verschließen, schließen auch tausend Götterchen der Freuden die ihrigen zu.

»Hört Ihrs nicht, gnädiger Herr, wie das Volk Euern Namen ausruft« sagte _Dulli_, indem er sich zum _Grafen_ wandte; aber er vermogte es nicht ihn aus dem Strom seiner Empfindungen hervorzureißen.

»Die Kanelleser werden ungestüm, sie verlangen Euch zu sehn, Euch zu huldigen!« fuhr _Dulli_ nach einiger Zeit fort, inzwischen das Volk auf der Straße tobte und schrie.

»»O Kanelleser,«« erwiederte _Florentin_ traurig: »»und legtet Ihr mir die herzogliche Krone zu Füssen -- jezt hüb' ich sie nicht auf. -- Geh, Dulli, sage deinen Landesleuten, daß Sie auseinander gehn, und mich nicht stöhren sollen in meinem Schmerz!««

Dulli. (zum Fenster hinunter) Freie Kanelleser, stöhret den Grafen nicht, ihm ist sein Liebling ermordet für Eure Freiheit.

Stimmen von unten. Fiorentino! großer Fiorentino, die Bürger Kanella's wünschen den Heiland ihres Staats zu sehn. Fiorentino tretet hervor!

Dulli. Fiorentino danket Euch für Eure Huld; aber erscheinen wird er nicht.

Stimmen des Volks. Fiorentino, erhöret uns!

Dulli. Gönnet ihm Ruhe, opfert ihm Eure Wünsche auf, da er seine Freuden für Euch hingab.

Stimmen. Fiorentino! Fiorentino!

Florentin erschien. Mit nassen Augen stand er da, auf den erhabnen Stufen, welche zum Eingang seines Pallastes führten. -- Man sahe ihn, und wie die Erscheinung einen Gottes war die seinige; die Luft, vor einem Augenblik noch vom verworrendsten Geschrei zerrissen, wurde jezt durch einen leisen Odemzug erschüttert.

Fakkeln flogen herbei und umringten ihn; wie in einer himmlischen Verklärung stand er da vor den Augen des Volks: die ihm nächststehenden sanken nieder auf die Kniee um den entferntern Zuschauern den Anblik eines Halbvergötterten nicht zu rauben; alle entblößten ihre Häupter in stiller Ehrfurcht. --

Ruhig war die Nacht; sternenschwer der Himmel; der Mond stieg in dieser Minute hinter einem Gebirge schimmernder Wolken hervor, die Szene zu verherrlichen; kühl und leise hauchte der Nachtwind über die Menge des Volks hin und goß ein heiliges Schauern über sie aus.

_Florentin_ von Wehmuth und Entzükken hingerissen, vermogte lange kein Wort zu reden. Endlich sprach er:

»Brüder, -- meine Brüder, Ihr seid glüklich; aber ich bins nicht, kanns nicht sein. Ich weis es, daß Ihr mich liebet, aber, -- was ich verlor, könnt Ihr mir nicht wiedergeben. Darum laßt mich trauern; laßt mich ungestört Mensch sein, und einem Freunde den lezten Zoll der Liebe -- Thränen um seinen Verlust entrichten. Nur der Gedanke an ihn gewährt mir Trost. -- -- Gute Nacht, Freunde!«

»»Gute Nacht! unglüklicher Mann, gute Nacht!«« riefen ihm unzähliche Stimmen in eine verschmolzen nach. Mitleid und Liebe erpreßten manchem Auge Thränen, -- ach und diese Thränen waren das Herrlichste in diesem nächtlichen Triumpfe _Florentins von Duur_!

Zweites Kapitel. Mühvolle Jahre.

»Nur der Gedank' an ihn gewährt ihm Trost?« sprachen am folgenden Tage die Kanelleser: »Laßt uns den großen Mann trösten, er hat ja _unsre_ Thränen abgetroknet!«