Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Part 11

Chapter 113,528 wordsPublic domain

Lange hatte der _Graf_ hieran gearbeitet; denn nicht umsonst war er in die Geheimnisse dieser beiden Staatsmänner eingedrungen, hatte er einen schönen Theil seines Lebens in den ekeln Gesellschaften des Hofes vergehn lassen, hatte er die unsichre, gefahrvolle Protheusrolle gespielt und oft sein Leben daran gewagt.

Inzwischen hatten sich die _schwarzen Brüder der höhern Ordnung_ im gräflichen Garten versammelt, wohin sie durch eine abgelegne Hinterpforte unvermerkt gelangen konnten. Es war finstre Nacht, der Himmel umwölkt, mond- und sternlos. _Florentin_, den Brief der schwarzen Deutschen in der Hand, trat jezt unter ihnen hin.

»Freunde,« sprach er: »entschuldigt bin ich durch diesen Brief, worin ich von den deutschen Verwandten unsers heiligen Bundes gen Dosa beschieden worden, ich sage, entschuldigt bin ich durch ihn, daß ich Euch auf eine Stunde im nächtlichen Schlummer störte und hier versammelte.«

»»Ihr nach Dosa? -- jezt nach Dosa? verlassen wollt Ihr uns jezt in der Noth?«« so schollen etliche Stimmen verworren aus der Menge hervor, indessen andre der Versammelten beim Laternenschein Florentins Brief lasen.

»Ja, ich muß Euch verlassen, muß dem Bunde gehorchen; ehe noch der Morgen graut bin ich ausser Kanellas Mauern. Dosa ist von hier nicht allzu entlegen; es wird die Reise von etlichen Tagen sein. Der erste September sieht mich wieder hier.«

»»Warum wollt Ihr jezt hinweg, da die Gefahr vor der Thür liegt?«« schollen die vorigen Stimmen, aber schon weniger laut zurük.

»Ihr habt meine Antwort gehört!« entgegnete _Duur_ mit ernsterm Ton: »Glaubt Ihr, daß ich aus Furcht zu entfliehn, oder mich von der nahen furchtbaren Szene zu entfernen gedenke? Ha, Brüder, kann man mich _einer_ feigen Schurkerei bezüchtigen unter Euch? Sezt ich nicht oft schon Gesundheit und Leben öffentlichen und verborgnen Gefahren um Kanellas Wohl aus? -- Ich kehre zurük, um am Abend des ersten Septembers an Eurer Spizze zu stehn, kehr zurük, und wär es auch zum Opfertode für Eure Freiheit.« --

»»Ihr seid entschuldigt!«« riefen einige.

»Verlangt Ihr, daß ich durch einen Eid zeitliches und ewiges Wohl verpfände?«

»»Ihr seid gerechtfertigt! Ihr seid gerechtfertigt!«« riefen mehrere.

»Oder will jemand meinen Muth auf dieser Stätte in diesem Augenblick mit seiner Degenklinge messen?«

»»Still! still! still!«« riefen alle: »»kein Mistrauen unter uns!««

»Wohlan!« erwiederte mit sanfterer Stimme der _Graf_: »so laßt mich ziehn, und beweiset nun auch Ihr während meiner Abwesenheit Muth und Geistesgröße. Habt Acht! kaum werde ich in Dosa angelangt sein, so stürzen zwei Männer von ihrer schwindlichen Höhe hernieder, die der Volksfreiheit die gefährlichsten waren. -- _Moriz_ und _Benedetto_, diese Riesen werden fallen!«

»»Wie ist es möglich!««

»Diese Männer wußten allein am Hofe um die große Verschwörung; sie wußten um alles durch mich. Sie selber mußten die Hände anlegen die Schlinge wieder aufzuknüpfen, welche sie despotisch um den Hals der Kanelleser geworfen hatten; sie selber mußten Waffen und Geldsummen liefern, damit wir den großen Plan mit Nachdruk ausführen könnten. Ohne ihre Hülfe würden wir nichts vermogt haben, darum verzettelt' ich sie selber in das Komplot, und hielt ich sie fest darin durch falsche Vorspieglungen. Jezt aber ist es Zeit sie wieder von uns auszustoßen; sie gruben der Nazion eine Grube, darum stürz' ich sie selber hinein. Ihre wichtigsten Papiere, und selbst Benedetto's päbstliche Bulle, welche ihn zum Vormund Piedros und Kanellas Regenten erkohr, sind in meinen Händen, und morgen lieset sie der Herzog! -- Morgen sind Moriz und Benedetto Staatsgefangne! --«

Ein frohes, verworrnes Gemurmel erhob sich; die Männer drängten sich näher um den Edeln.

»»Seit ich am Hofe öfter und geliebter erschien, werdet Ihr, Brüder, bemerkt haben, daß die Kanelleser zehnfach unglüklicher geworden, als sie es vorher waren. Ihr schienet vor mir zu zittern, und mich geheim als den Urheber dieser allgemeinen Noth anzuklagen. Ja, und ich wars. Ich wars, der die empörendsten Ungerechtigkeiten wider Kanella übte; ich wars, der die unseligen Werbungen im Lande veranstaltete; ich wars, der die ältesten Rechte der Städte mit Füssen trat -- wars, der die elenden, bejammernswürdigen Bürger oder Sklaven von Kanella bis zur Verzweiflung trieb, in welcher sie sich izt befinden. Allein so weit mußt' es im ganzen Lande gedeihen, verzweifeln mußten die Kanelleser, um fähig zu sein ihr Joch abzuschütteln, denn Gefühl für Größe und Freiheit schlief unter ihnen. Jezt ist eine allgemeine Revolte nothwendig; sie ist nicht mehr zu verhindern. Ihr indessen wacht jezt mit verdoppelter Scharfsichtigkeit über alles, was geschehn könnte; hütet das Arsenal, die Magazine; und was sonst von importanten Pläzzen, Gebäuden und Wachthäusern in der Gewalt der schwarzen Brüder ist, wohl; erhaltet Ordnung, und harret mit Kälte und Geistesgegenwart dem ersten Septemberabend entgegen! -- Lebt wohl!««

Der _Graf_ sprachs und wünschte ihnen eine gute Nacht -- »Gute Nacht!« riefen die Männer, und wer da konnte, drükte dem großen _Fiorentino_ dankbar die Hand.

Achtes Kapitel. Fortsezzung des Vorigen.

Gewis war _Duur_ mit _Dulli_ noch nicht eingetroffen im Dosanischen Wirthshause zum _goldnen Dorn_, als seine Weissagung zu Kanella schon in Erfüllung gegangen. --

Es bedürfte eben keiner Thron- und Lebensgefahren um einen Schwächling, als _Piedro_, aus aller Fassung hinauszustürzen. Ein mislungenes wollüstiges Projekt, eine verdorbne Frisur, die Ohnmacht einer Dame, der Tod eines Schooshundes war allein schon stark genug ihn aus dem Sattel seines Gleichmuths zu heben. Und nun denke man sich die Lage dieses kleinherzigen Prinzen beim Empfang der Florentinischen Briefe; denke sich sein Entsetzen, Schaudern, Verzweifeln während des Lesens.

Er sank, wie vom Schlage gerührt, kraftlos auf das Sofa nieder; Todesblässe floß über sein Angesicht, Todesschweis drang in kalten Tropfen aus allen Poren hervor; die Hände zitterten wie in einer betäubenden, halben Lähmung, die Knie schlotterten heftig.

So lag er da, ein Gegenstand des Mitleidens, der Erbarmung, lag er da, als hätte ein Donnerschlag seinen Insektenmuth gänzlich vernichtet, und alle Kraft aus Nerven und Gebeinen verzehrt. Nach Viertelstunden erwachte er wieder wie von einem Todesschlaf -- Traum wars nicht gewesen, die gräflichen Briefe widerlegten ihn, so gern er sich vom Gegentheil überredet hatte. -- Er weinte.

Jezt erschien seinem Geiste _Florentin von Duur_ in der erhabensten Größe; er bewunderte den Mann mit Thränen, eben den, welchen er einst so sehr übersah. All sein Vertrauen warf er izt auf diesen Engel; er schikte zum _Grafen_, wünschte ihn _privatissime_ zu sprechen, allein _Duur_ war längst verschwunden.

Zum Erstaunen des ganzen _Kanella_ wurden der Prinz _Moriz_ und der eminente _Kardinal_ an eben dem Tage unsichtbar; denn _Piedro_ hatte beide hinterlistig zu sich gebeten, sodann von verschwiegnen, getreuen Offiziren in abgelegnen Zimmern seines herzoglichen Pallastes gefangen halten und in der Nacht heimlich auf ein Landschloß transportiren lassen. Ihre Palais wurden stark bewacht, ihre Geräthschaften versiegelt und eine Untersuchungskommißion wurde niedergesezt, die den beiden Staatsverräthern den Prozeß machen sollten.

Wir lassen jezt _Morizen_ fluchen, _Benedetten_ anathematisiren und _Piedron_ sich schmeicheln eine Verschwörung zerstört, einem nahen Aufruhr vorgebeugt zu haben, und wenden uns zum _Grafen_, der kaum anderthalb Tage in _Dosa_ war, als er die Ursach seiner Dahinberufung erfuhr.

Ein Mädchen trat an einem Vormittage in sein Zimmer, erkundigte sich nach ihm und überreichte ihm ein versigeltes Handbriefchen. _Florentin_ stuzte, erbrach das Billet und las:

»_Gnädiger Herr_,«

»Sie werden von einem Landsmanne ergebenst gebeten, diesen Nachmittag ein Glas Wein mit ihm in seinem Garten vor Dosa zu trinken. -- Ich erwarte sie gewis.«

»Ihr Freund.«

Der _Graf_ war etwas verlegen. Die _Zofe_ sah ihn unverwandt an und lächelte.

»Wer ist denn dein Herr, liebes Mädchen?«

»»Er hat mirs verboten Ihnen seinen Namen zu nennen!«« antwortete sie in deutscher Sprache.

»Wie? bist du eine Deutsche?«

»»Freilich; mein Herr hat mich aus Deutschland mit hieher genommen; ich bin die Gesellschafterin seiner Tochter.««

»Seiner Tochter!« wiederhohlte _Florentin_ langsam, der noch immer im süssen Wahne gestanden, daß _Holder_ ihm den Scherz spiele. Er besann sich ein Weilchen.

»»Werden Sie hinauskommen?««

»Sag mir, mein Kind, ob dein Herr« -- --

»»Ich verrathe Ihnen gewis nichts.««

»Gesezt aber ich erriethe seinen Namen.«

»»Desto besser für Sie.««

»Heißt er etwan -- _Aellmar_?«

»»Mit nichten! -- aber werden Sie kommen?««

»Gewis. Wo liegt der Garten?«

»»Zum Südthore hinaus, eine Viertelmeile von der Stadt entlegen, am Dosanischen Gehölz. Sie können ihn unmöglich verfehlen. Eine hohe Kastanienallee führt Sie da links vom Wege ab; die Gartenpforte steht offen und über derselben werden Sie drei Aloeblumen entdekken.««

»Das Geheimnisvolle deines« --

»»Ihre Dienerin!«« sagte lächelnd das Mädchen und hui schlüpfte sie hinaus zur Thür.

_Duur_ stand lange verwirrt ob der seltsamen Erscheinung da, doch was sollt er machen? mit Ungedult erwartete er den Nachmittag und bis dahin suchte er sich die Langeweile, welche er bis jezt nur dem Namen nach gekannt zu haben schien, so gut als möglich zu vertreiben, durch Musik und Träumereien.

Aber eben diese versezten ihn bald in eine mehr wehmüthige als ernste Stimmung des Gemüths; der Nachmittag erschien, und mit halbem Widerwillen lies er das Pferd satteln, schwang er sich auf und trabte er langsam der angewiesnen Straße zum Garten am Dosanischen Gehölz nach. --

»Wann werd' ich Euch wieder erblikken, Gespielen meiner Jugend, ihr Geliebten meines Herzens?« schwärmte er vor sich hin: »Wann werd' ich euch wieder erblikken, ihr heiligen Gegenden meines Vaterlandes, worin ich zuerst des Lebens Werth empfand? Ach, daß ich es dürfte, wie gern flög ich Euch jezt entgegen! -- -- Onkel, mein alter guter Onkel, ich will ja gern in deiner Umarmung alles, alles vergessen, was der Nachruhm herrliches hat; Will gern bei deinen süssen Plaudereien, o Rikchen, das Jauchzen des dankenden Volks vergessen; will bei dir, mein Holder, in seliger Ruhe aller Pracht und Größe entsagen -- ach, ich opferte gern die Unsterblichkeit meines Namens einigen frohen Augenblikken in eurer Mitte auf! -- O Schiksal, Schiksal gieb mir Ruhe! -- und du, Bündnis der Schwarzen, wieviel bist du mir zu geben schuldig!«

Inzwischen er so mit sich selber sprach, stand sein Pferd am Ende der Kastanienallee vor der Gartenthür mit den Aloeblumen.

Er stieg ab, band das Ros an und trat in den einsamen Garten. War es Ahndung, oder die von den vorigen Bildern aufgeregte Einbildungskraft, welche in ihn wirkten, weis ich nicht. Ein heimlicher Schauer drang durch seine Glieder; beklemmt und froh schlug sein Herz einem unbekannten Etwas entgegen; seine Blikke durchflogen die liebliche Wildnis, wo halbe Kunst und halbe Natur herrschten.

Niemand, ausser ihm, war im Garten. Er erstaunte. »Was soll ich hier?« fragte er sich laut, und leise schien ihm eine innre Stimme zu antworten: »Freund, nicht vergebens bist du hier!« -- Er schwankte vorwärts, halb mißvergnügt, halb neugierig.

In der Ferne, hinter Gebüschen, schien etwas Weises vorüber zu schweben. Mit einer unerklärlichen Unruhe eilte er dahin, je näher er dem Orte kam, je mehr seine Schritte an Schnelligkeit verloren.

Er stand vor einer verschlossenen Laube. Plözlich flog ein Gewebe von Ranken zurük, und -- o Gott! -- -- _Louise_ lag in seinen Armen.

»Louise! -- Louise! -- angebetete, geliebte Louise! --« rief er bebend; Seine Knie brachen; er sank auf den Rasen nieder, und sie hieng in seiner Umarmung fest.

»O Louise!« rief er, nach einer nur der Empfindung, nicht der Dichtkunst heiligen Pause, und preßte seine Lippen auf ihren Mund: »Louise, träum' ich dich!«

Aber _Louisens_ Lippen öffneten sich nicht zur Antwort. Da lag sie mattathmend, aufgelöst in schmerzlicher Wollust, alles- und nichts-empfindend in seinen Armen. Ihre schönen Augen starrten ihn unabwendlich an, als wollten sie seine Züge für eine ewige Trennung auffassen. Ihr Mund war verschlossen, ihre kippen vergalten keinen Kuß; ihr Ohr schien den Ausrufungen seines Entzükkens taub; ihr ganzer, mit tausend Reizzen geschmükter Leib schien Kraft und Leben verloren, ihr Geist berauscht sich höhern Regionen entgegengeschwungen zu haben.

»Meine Louise!« rief der Liebende und seine Augen zerschmolzen in Thränen. Er hob seufzend die schöne Leblose zu sich empor, und verbarg sein Antlitz an ihrem Busen.

Lange verweilten beide in dieser Attitüde; keiner sprach; Seufzer traten an die Stelle der Wörter.

So lohnt die Liebe. So lohnt sie nach überstandnen Leiden; sie schöpft ihre Wonne aus himmlischen Quellen, und beut tröstend dem müden Sterblichen ihren heiligen Kelch. Dann verliert die irdische Herrlichkeit ihren Werth; dann verschwindet jeder Reiz dieser Erdenwelt, und die Seelen der Liebenden schweben, entrückt des Staubes Hülle, über den Sternen hinaus.

Wiederfinden, Wiedersehn nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich bist du! Bei dir zerschmilzt die heisse Sehnsucht in Ruhe; da zerlöst sich der Harm in süsser Wehmuth; da vergißt die Sterblichkeit ihr Loos, und zerfließt die Sinnlichkeit in Nichts. Da vermählen sich Seelen mit Seelen unterm Seegensruf der Ewigkeit; da fühlen Geister ihren göttlichen Ursprung, und die schweigende Natur feiert die hohe Empfindung. -- Wiedersehn, Wiederfinden nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich bist du! --

»Ach, Florentin!« stammelte nach einer halben Stunde _Louise_, und ein tiefer Seufzer erhob ihren Busen.

»»Bist es wirklich, Einzige! -- kein Traumbild, kein Fantom! Du bists. Es ist deine liebende Stimme!««

»Unglüklicher Florentin, du liebst Louisen noch? -- Hast deine Liebe so schwer büßen müssen!«

»»Ewig hängt meine Liebe an dir.««

»Hast viel gelitten um Deiner Louise willen.«

»»Unendlich viel! -- ich hatte ja alles verloren. -- Ach, seit du an meiner Brust liegst, hab ich dreifach -- tausendfach mehr dafür wieder gewonnen. Ich bin zufrieden. Meine Wünsche hören auf.««

»Florentin, so viel Liebe hab' ich nicht verdient.«

»»Hast sie verdient und mehr. -- Was war ich ehe du mich geliebt? ein Geschöpf sonder Werth! -- durch dich wurd ich alles.«« -- --

Sie weinten beide. Ihre Sprache verlor sich. Sie umarmten sich lange.

»Ah!« lispelte _Louise_ und die Seligkeit ihrer Seele mahlten sich in den schwimmenden Blikken, auf den erröthenden Wangen, in den lächelnden Zügen ihres Angesichts wieder:

»Wer hätte es im herzoglichen Schloßgarten an jenem Abend von uns wähnen sollen, daß wir uns hier wieder finden würden? Erinnerst du dich noch an das Strumpfband?«

»»Wie könnt' ich den kleinen Urheber all meiner Freuden und Leiden vergessen? -- Ach preise jene Stunden selig, da eine morsche Bank dein Thron war und ich zu deinen Füssen lag und dir Liebe gestand. Ich preise jene Stunden meines Lebens selig, denn ohne sie würd' ich dich hier nicht besizzen.««

So sprachen, so koseten die _Liebenden_ lange miteinander. Alle frohe und traurige Szenen der Vergangenheit wurden geschildert und wieder geschildert; jede Kleinigkeit ward zur Merkwürdigkeit, ein hie und da verloschnes Bild mit neuen Farben aufgefrischt.

Bald wandelten sie Arm in Arm, Hand in Hand verschränkt in einsamen Gängen umher; bald ruhten sie wieder im Schatten hoher Bäume; bald genossen sie in einer angenehmen Grotte Erquikkungen von den auserlesensten Speisen und Getränken; bald schwiegen sie Viertelstunden hindurch, Hand in Hand, Blik in Blik, Seufzer in Seufzer, Seel' in Seele, verloren. Und so entschwand der Tag, so entfloh der schönste Abend wie die Fantasie eines Augenbliks. Kein fremdes Auge belauschte die Glüklichen; nur die _Zofe_ Louisens, die bewußte Briefträgerin, sorgte für die Bequemlichkeiten der geheimen Liebenden.

Die Nacht zog am Himmel herauf; es war eine begeisternd schöne Nacht, war gewis von allen angenehm durchwachten Nächten des _Grafen_ eine der lezten für ihn auf Erden. Hingegossen lag er unter einem Pfirsichbaum; die schwanweißen Arme um ihn geschlagen ruhte die _Fürstentochter_ neben ihm. Ueber und um beiden webte ein Hollunderbusch die niedlichste Laube. Hell funkelten die Sterne aus der wolkenlosen Luft herunter; verklärt im Mondlicht schwamm der Garten; sanft rauschte der Abendwind durch die Wipfel der Bäume.

»Was fehlt unserer Glükseligkeit noch?« fragte _Duur_ und küßte _Louisens_ Stirn.

Louise. Die Dauer der Ewigkeit.

Duur. (erschüttert) Du hast Recht. O, warum sind die Freuden des Lebens an den Maasstab der Zeit gebunden? -- Ach, Louise, Louise, wie bald werden wir uns trennen müssen! (Eine Pause. Er versucht es sich von dem traurigen Gedanken loszuwinden. Indem er sich über Louisens Angesicht hinbeugt:) Du bist mein Weib?

Louise. (schaamvoll zitternd) Ich bin noch -- dein Weib.

Duur. (ihren Worten nachsinnend) Ja, du bists, und wirst nie einem andern werden.

Louise. (schmeichelnd) Mein Florentin.

Duur. Nie _einem andern_, Louise?

Louise. Florentin, warum fragst du so? -- O, du hast mich zum Weibe -- zur Mutter gemacht.

Duur. Gott, es ist wahr, und ich konnte unsers Karlchens vergessen? -- wo ist er -- Mutter, Mutter, wo ist er?

Louise. In Deutschland bei Holder von Sorbenburg. -- Ach, Florentin, wie gern hätt' ich Ihn dir mitgenommen, aber -- ich konnte nicht, durfte nicht! (schwärmerisch) Es ist ein göttlicher Bube, so schön, so klug, so schmeichelnd -- Florentin, es ist dein Ebenbild Du solltest ihn sehn -- bei Gott unter Tausenden würdest du ihn erkennen. Ich habe ihn oft auf meinem Schoose getragen; habe oft mit dem verführerischen Knaben getändelt; habe ihn den Mutternamen gelehrt und von seinem lieben Vater ihm erzählt. Wie neugierig er dann nach dir fragte, wann du heimkommen würdest -- ach, Florentin, die Freuden der Mutter kann kein Männerherz nachempfinden! --

Duur. Vortrefliche!

Louise. Du wirst ihn bald sehn können: so bald du es willst.

Duur. (entzükt) Meinen Karl sehn?

Louise. Mein Bruder Adolf hat dir verziehen. Schreib an den Herzog, nur _eine Zeile_ schreib' ihm, und du darfst wieder in dein Vaterland zurükkehren.

Duur. Friedensbotin, wie dank ich dir?

Louise. Ja, Adolf liebt dich unaussprechlich! er ist nie düsterer, als dann, wann er an deinen Verlust erinnert wird. »Du, du hast ihn mir geraubt, Schwester« sagte er mir oft, und so oft er mir dies sagte, bemerkte ich Thränen in seinen Augen. Kehre zurük.

Duur. (betrübt) Bald vielleicht.

Louise. Gieb ihm die alte Fröhlichkeit wieder. Zwar ist er unterdes vermählt; aber seine Gemahlin kann _die_ Wunde nicht heilen, die dein Verlust seinem Herzen schlug.

Duur. Ich kehre zurük, so bald Kanella mich loßläßt. Ich habe dir meine Lage geschildert; du weißt wie sehr ich an Kanellas Wohl gebunden bin, oder Kanellas Wohl vielmehr an meinem Willen hängt. Du weißt, welch ein Tag mir bald bevorsteht. -- --

Louise. (ihn inniger umschließend) Bedauernswürdiger Mann!

Duur. Doch sei's. Getrost geh ich meinem Schiksal entgegen. Aber hier, an diesem Busen, will ich vorher ausruhn von meinen Thaten; von diesen Lippen will ich mir erst Kraft und Feuer zu neuen sammeln. Hier will ich Vergangenheit und Zukunft vergessen, um harmlos an der Gegenwart zu schwelgen. -- O, Einzige, Liebliche, du bist ja mein, -- mein! mehr verlange ich nicht aus der Fülle der Seeligkeiten.

Inbrünstig hingen die Lippen des seligsten Paars aneinander. Schön war die Nacht, aber schöner war der nächtliche Triumf der Liebe.

Der Morgen erschien. Ein halber Tag entfloß; bald war ein ganzer dahin. Die Stunde des Scheidens schlug -- von einander gerissen waren die noch vor einigen Stunden die Glüklichsten der Erde, verweht wie ein Nebel, ihre Freuden. _Duur_ glaubte aus einem Traum erwacht zu sein, als er sich nicht mehr im Arm, am Busen _Louisens_, sondern auf seinem Rosse den Weg von Dosa nach Kanella zurüktrabend fand.

»Gott, so habe ich nichts, nichts von der Freude genossen; ich habe mich mit Schattenbildern ergözt!« rief er bekümmert aus.

»»Das ist's Menschenloos nun einmal so!«« gähnte _Dulli_, der hinter seinem Herrn ruhig dahin trottete.

»Aber doch ist auch ein Traum schön! _Schwarzen Freunde_, ihr habt ritterlich Wort gehalten, Florentin von Duur wird desgleichen thun.«

»»Morgen ist der erste September!«« brummte _Dulli_, und ein Schauder floß kalt über seine Haut.

Neuntes Kapitel. Sturm in Kanella.

»Ho, Gianetta, schöne Gianetta, es ist der Abend aufgedämmert! Gianetta, die Erlösung Kanellas beginnt!« rief der liebetrunkne _Enriko_ vor dem Gemach seiner Geliebten. Und die Thüren sprangen auf; der Jüngling flog in die Arme der stolzen Republikanerin.

»Was willst du, Trauter?« fragte sie und ihr Auge wandte sich begeistert von den Waffen des schwärmerischen Enriko hinweg.

»»Dich noch einmal sehn. O Gianetta, vielleicht, daß ich für die Vaterlandsfreiheit mein Leben ausblute.««

»Küsse mich, schöner Junge; so liebte ich dich noch nie als in diesem Augenblik!«

»»Ha, der Kuß, und dieser! -- o, noch eine Million derselben und ich fühle Muth in mir den Erdkreis zu verwüsten! --««

»Ungestüm!«

»»Ha, bald schwärzt sich unsre Hochzeitnacht! Gianetta --!««

»Wie wenns Grab unser Brautbett würde? -- Enriko, mein Enriko, wie dann?«

»»Wehe, ich mag den Gedanken nicht denken! -- Und nun, ade, ich habe dich gesehn! ade!««

»Bleib noch! -- Ist Florentin von Duur schon heimgekommen?«

»»Wahrscheinlich! weis es nicht! -- Ade!««

»Verweile noch!«

»»Horch, lautet man nicht in der Ignatiuskirche? -- hörst du, sie stürmen mit den Glokken! es ist das Signal!««

»Man läutet zur Vesper. Bleib noch, Trauter, o, wie wirds mir so bang im Herzen!«

»»Laß mich! -- still, das war Trommelschlag! horch, wies die Gasse hinunterwirbelt. Es ist Zeit!««

»Ach, einen Augenblik noch! -- Es ist das Wirbeln der Pauken im herzoglichen Pallast, beim Gastmahl!«

»Sieh, wie strömt das Volk zusammen! Waffen an Waffen! Gianetta, schöne Gianetta, ade!«

Enriko entfloh.

Wohl stürmten die Glokken, wirbelten die Trommeln, rasselten die Waffen der zusammenströmenden Kanelleser. _Borghemo_ hörte die seltne Musik. Jach sprang er auf in einsamen Zimmer, haschte er sein Schwerd, und stekte die Pistolen in seinen Gürtel.

»Freiheit! Freiheit, du kömmst?« rief er entzükt: »Ha schwarzen Brüder, fürwahr jezt muß ich Eure Macht anerkennen. Borghemo ist Eures Bundes nicht unwerth; schwarzen Brüder, ich leiste meine Pflicht! -- Aber du, großer Fiorentino, du bist anbetungswürdig! -- o wie konnt ich dich einst mißverstehen Fiorentino, ich wasche in dieser Nacht mit Blut mein Vergehen rein; Fiorentino, ich streite, siege oder falle unter deinen Augen!«

Er riefs, drükte sich den Hut tief ins Angesicht und wollte hinausfliegen, als sich plözlich die Thür öffnete und _Giovanni Borsellino_ mit mehrern _Exulanten_ hereintrat.

»Heil unserm Vaterlande!« riefen die Kommenden, und der Jüngling _Borsellino_ hing am Halse seines Freundes _Borghemo_.

Borghemo. (bestürzt) Wie? woher kommt Ihr Landesverwiesne?

Giovanni. Geradeswegs aus dem Exil. Ha Borghemo, sollt' ich Euch allein in Kanella die Freiheit erkämpfen lassen? -- Erinnerst du dich nicht, daß die Borsellinen von Anbeginn jedesmahl da standen, wo die Gefahr am furchtbarsten war?

Borghemo. Wo ist der alte _Eo_?

Giovanni. An der Spizze aller Verwiesnen und Misvergnügten im Kanellesischen Gebiet. Das ganze Land ist in Bewegung.

Borghemo. Herrlich, herrlich!

Giovanni. Bruder, wo find ich den Fiorentino von Duur? Ich muß den Mann sehen, der die ganze Maschine des verdorbnen Staats mit seiner Riesenfaust zermalmt.

Borghemo. Den Mann suche da, wo das Gemezzel am wüthendsten sein wird.

Einige Exulanten. Laßt uns den Helden aufsuchen.

Andre. Das müssen wir; bei Gott, das müssen wir.

Giovanni. Ich begebe mich nach dem Dominikusplaz.

Borghemo. Dort ists schon lebhaft

Einige Exulanten. Auf zum Fiorentino!