Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Part 10

Chapter 103,459 wordsPublic domain

Niemand aber von allen rang und arbeitete mehr, als _Florentin von Duur_, niemand bedürfte mehrerer Erquikkung und Anfrischung, und niemanden wurde weniger von derselben zu Theil. Die einzige Erhohlung, welche er sich gewährte, war die, daß er sich oft Abends hinausschlich aus dem Gewühle des Hofes und der Stadt, hinaus in einen an die Stadt gränzenden Park, welcher dem _Herzoge_ zugehörte, aber wegen der seltnen Besuche ganz verwildert war. Hier lagerte sich dann der ermüdete Held entweder in dunkle Nischen dichtverflochtenen Gebüsches, oder an eine kleine Quelle, oder er begab sich in ein niedliches Landhaus, welches in der Tiefe eines Thales lag und von einem Paar alter Eheleute bewohnt wurde. Seine Thaten mit froher Seele überschauend, hinausblikkend in die belohnende Zukunft, wars ihm hier nur allein wohl, und genos er nur hier die lieblichsten Stunden seiner Tage in Kanella.

Wer ihn im Park belauscht hätte, würde _Florentinen_, den großen, höfischen, verwegnen _Florentin_, den ernsten, hochgeachteten Bündner der schwarzen Brüder nicht erkannt, sondern einen sanften, liebesiechen, schwärmenden jungen Mann gefunden haben. Da stand er oft und schnizte den Namen, seiner _Louise_ in die Rinde junger Linden; oder er drükte _Holders_ Bildnis an seinen Mund, oder er rief den Namen seiner Schwester _Friederike_ mit brüderlicher Wehmuth aus.

Ungestört hatte er hier bisher sich so manchen schönen Abend selber leben können, aber -- ein schwarzer Dämon raubte dem guten _Duur_ auch diese lezten Freuden.

Einsmahls lag er seiner Gewohnheit nach in seiner Lieblingsnische; der Abend war einer der schönsten des Augusts, die Gegend durch denselben so reizvoll geworden, das Abendroth zitterte wie in goldnen Tropfen am Halm und Laub, die Vögel gossen Melodien durch das Gehölz. Plözlich schlug der Saitenton einer nahen Guitarre sein Ohr; bald darauf mischte sich eine süsse, klagende Weiberstimme dazu. _Florentin_ horchte betroffen; er hörte folgenden Sang:

Dich zu sehn, und dich zu lieben, Einziger in der Natur, Allgewaltsam hingetrieben Auf der Liebe Dornenspur -- Eine That vom Augenblik War mein Leiden, war mein Glük.

Dürft' ich, Trauter, dir bekennen, Was mein wundes Herz gefühlt, Wie mir Herz und Wangen brennen, Nie vom Troste angekühlt -- O, du würdest hold und schön Auf mein Leid hernieder sehn.

Würdest weinend mitempfinden, Was ich weinend schon empfand; Würdest mir verzeihn die Sünden, Daß, wenn Gott und Welt verschwand, Du vor mir in Liebespracht Meine Seele angelacht!

Daß in stillen Mitternächten Mir dein süsses Bild erschien, Um die Stirne Sternen flechten, An den Busen -- Rosmarin; Aber ach! ich sah genau Auf den Zweigen Thränenthau!

Daß des Mondes Silberstrahlen, Aus des Himmels lichten Höhn, Immer mir dein Bildnis malen In den Glanz der Heiligen, Und ich dann im trüben Weh Auf zu dir anbetend seh'!

Ach, du lächelst, thust den Himmel Mir in deinen Blikken auf; Aus der großen Welt Getümmel Ziehst du mich zu dir hinauf -- Trinkend Paradieseslust, Ruhe ich an deiner Brust.

Selige Gefühle keimen Aus der Seele düsterm Raum; Dürft' ich, Jüngling, ewig träumen Meiner Liebe schönen Traum? -- Aber, ach, zu bald, zu bald Ist dies Lustgebild verwallt.

Warum sah' ich dich, mein Leiden Namenloser zu erhöhn? Warum konnt' ich dich nicht meiden, Mußt' ich deine Schönheit sehn? O des Schiksals Eisenhand Schlang um uns dies Zauberband!

_Liebe_ heilet nur die Wunden Meines Herzens wieder zu, Gieb mir, was du mir entwunden, Gieb mir die verlorne Ruh': Liebe, Theurer, liebe mich, Gott erschuf mich ja für dich! --

Florentins seltsame Verwirrung läßt sich unmöglich beschreiben. Ihm wars, als lebte er in jenen Zeiten des Schäferlebens, wo eine schüchterne Grazie einsam fantasirend dem Echo und den Winden ihre unglükliche Liebe entgegenklagte, oder in jenem romantischen Zeitalter, welches _Wieland_ mit so unnachahmlichen Schönheiten ausschmükte, wo ein schmachtendes Mädchen in ihrem bezauberten Thurm dem abwesenden Geliebten Liebe bekennt, die sie ihm in seiner Anwesenheit läugnet.

Dem _Grafen_ war die Stimme der schwermüthigen Sängerin nicht unbekannt, nur daß er des Liedes Inhalt eher von einer liebenden Nonne, als -- einer fürstlichen Mätresse erwartet hätte. So unwillkommen ihm diese Ueberraschung war, mußte er sich dennoch der Etikette unterwerfen, sich wiederum in den täuschenden Mantel der Verstellung vermummen und -- _Rosaffen_ aufsuchen.

Schön wie eine Halbgöttin, reizend wie eine Griechin gekleidet, trat sie jezt aus dem Gebüsch ihm entgegen. Sie schien ihm nicht so nahe beahndet zu haben, denn sein Anblik jagte all ihr Blut hinauf um Wangen und Busen. _Florentin_ selber bebte zurük; so gewaffnet mit allem Zauber des Schönen, glaubte er sie noch nie gesehn zu haben, wozu nicht wenig ein gewisses schwermüthiges Etwas, welches in ihren Lineamenten und Tönen und Bewegungen lag, beitrug. Zwar war die _Gräfin_ nichts weniger, als zur Mislaune gestimmt; allein sie kannte _Florentinen_ zu genau und den Geschmak gewisser Männer, welche lieber ihre Damen schwärmen und empfindeln, als natürlich froh sehn. Sie wußte zu gut, wie viel ein solches Madonnengesicht bewirke; wie leicht die Saite des Mitleids in männlichen Seelen anzuschlagen und wie klein der Sprung vom Mitleid zur Liebe sei.

Drum hatte sie, welche die geheime Retirade des Grafen in diesen Park ausgeforscht, und sich, Gott weis es, unter welchem Vorwande, auf den Fittigen der sehnsuchtsvollen Liebe hieher führen lassen, den Rath des Dichters benuzt, der da sagte:

Gern seh ich das Mädchen in Wollust und Scherz, Doch lieber die Liebe im weinenden Schmerz, Ein Thränchen im schwimmenden Blaue; Denn lächelt die Sonne nicht hinter dem Flor Verschleiernder Nebel noch schöner hervor, Nicht schöner die Rose im Thaue?

»So ward Ihr, schöne Gräfin, die angenehme Sängerin selber?«

Rosaffa. (sich an seinem Arm stüzzend) Schmeichler, war Euch Gesang oder Sängerin angenehmer?

Florentin. Hätt' es das Lied ohne die Sängerin sein können?

Rosaffa. Vielleicht doch!

Florentin schwieg; _Rosaffens_ Hand schmiegte sich um die seine -- langsam schlenderten sie fort, und immer tiefer in das liebliche Gehölz hinein; der bange _Florentin_ bebte an Rosaffens Arm; sie war zu schön.

»Wir verirren uns,« sagte er: »laßt uns einen geebneten Fußsteig aufsuchen.«

»»Um Gotteswillen nicht, damit mich nicht ein Verräther in diesem Park und Eurer Gesellschaft allein erblikt.««

»Vor wem darf eine _Rosaffa_ zittern?«

»»Ah, Fiorentino, wär Euch der ganze Umfang meines Elends bekannt! -- Doch, wir wollen den Fußsteig vermeiden; lenkt hier rechts ein.««

»Seht, wie uneben dieser Weg für Eure zarten Füsse, die solcher Wanderungen nicht gewohnt sind!« »»Wohl, so ruhen wir auf diesem Rasenhügel aus. Man wird uns hier nicht beobachten können.««

Sie sprachs, und sezte sich nieder. Der _Graf_ gehorchte, halb mit Grauen, halb mit Lust ihren Wink, und warf sich neben ihr hin.

Sie sprachen lange kein Wort, aber ihre Hände fanden sich unvermerkt wieder zusammen.

»Sag mir, Fiorentino, wie ists möglich, daß Ihr so langes Wohlgefallen an dem Aufenthalt in Kanella hegen könnet, in Kanella, wo der Sammelplaz so vieler Unruhen und Unannehmlichkeiten ist?«

»»Hat nicht jeder Plaz auf der Erde sein Angenehmes und Widriges?««

»Wohl, so frag ich bestimmter: wie ists möglich, daß Kanella mehr Reizze, als Unangenehmes für Euch haben kann?«

»»_Ihr_ solltet dies nicht fragen, nur _Ihr_ nicht; -- jeder andre könnte es vielleicht, und vielleicht antwortete ich jedem darauf.««

»Mir nicht? wie so?«

»»Rosaffa, so unwissend seid Ihr nicht!««

»Aber wie, wenn ichs nun bin?«

»»So dürft' ich der Geliebten des Herzog Piedros nicht antworten.««

»Ihr seid grausam. Warum laßt Ihr -- Ihr es mich und just es jezzo fühlen, wer ich Unglükliche bin?«

»»Rosaffa!««

»Fiorentino, bei Gott, ich hab es nicht ganz, und am mindesten um Euch verdient!«

»»Ich verstehe Euch nicht.««

»So verstand ich Euch besser, als Ihr es wolltet.«

»»Verzeiht mirs, schöne Gräfin, wenn ich Euch unwissend kränkte!««

»Unwissend? o, Fiorentino, heuchelt dies einer andern! -- Unwissend? -- also nur Euch wär' es unbekannt, an welches Ungeheuer mich das Schiksal verkaufte? Euch nur unbekannt, wie Rosaffa leidet in eines elenden Wollüstlings Riesenarmen? -- Eines Herzogs Geliebte! ach Fiorentino, hättet _Ihr_ nie diese Worte ausgesprochen!«

»»Eben dieser stolze Name, um welchen Euch alle Kanelleserinnen beneiden --««

»Eben dies ists, was mein Leiden vermehrt. Die einzige Thräne eines mitleidigen Freundes ist in der Noth köstlicher, als die Bewunderung von der halben Welt.«

»»Ihr seid unglüklich?««

»Daß Ihr dies fragen könnet!« -- (_Rosaffa_ schwieg lange still; Thränen stiegen in ihren Augen auf; sie suchte dieselben zu verbergen.) »Denkt Euch, Fiorentino, denkt Euch ein junges, unerfahrnes Mädchen, welches noch nichts von den Gefühlen der Liebe kannte, welches nur zu tändeln, sich zu schmükken und zu gefallen verstand; ein Mädchen, welches von seinen eignen Eltern, von Verwandten und Fremden ihrer Schönheit willen geschmeichelt, von Dichtern unzählig oft besungen, von Malern und Bildhauern zu Modelen ihrer Göttinnen erhoben wurde. Denkt Euch solch ein Mädchen und sagt mir, wessen war die Schuld, wenn dasselbe so bald verdorben wurde? -- Dieses Mädchen, angebetet von allen Jünglingen, wurde der Gegenstand von der Liebe eines Fürsten. Er warb um ihr Herz, um ihren Besitz. O, Fiorentino, und hätte auch der Werber selber nicht Reize genug besessen ein schwaches Weib zu fesseln, wie viel verführerische, allgewaltige Mittel sind zu einem solchen Zwek nicht in den Händen der Fürsten? wie könnte da ein eitelgebildetes Mädchen länger widerstreben, wo die Eltern es selbst zu dem reizenden Schritte zwingen? Fiorentino, hasset mich nicht, denn ich rede von mir selber.«

_Duur_ wußte nicht wie ihm wurde. Stiller Mitschmerz beklemmte seine Brust; er rükte _Rosaffen_ näher, und sah ihr mit weichern Blikken ins Auge.

»Wenn nun endlich der Geist des betrognen Mädchens erwacht;« fuhr _Rosaffa_ fort: »wenn es sichs nun seiner Unschuld, wie in einem Traum, entrissen findet; wenn nun das reine Feuer der Liebe für einen Liebenswürdigen zum erstenmahle in ihrem Busen aufzulodern beginnt -- ach, und keine gütige Hofnung ihren Wünschen wohlthut; wenn -- -- doch ich breche ab! -- Fiorentino, ich frage dich, zweifelst du noch, ob ich unglüklich sei?«

»»Ihr habt mich gerührt!««

»Kalter, Gefühlloser -- nur gerührt? -- o Fiorentino!« (mit diesen Worten sank sie nieder in seinen Arm, und blikte schwimmenden Auges zu ihm auf.)

»»Rosaffa!«« stammelte er und drükte sie an sich.

»Ich -- liebe dich, Fiorentino! -- bist du diesem Geständnis böse?«

»»Wie könnt' ich das?««

»Liebst du Rosaffen -- kannst du Rosaffen lieben?«

»»Herzog Piedro«« -- -- --

»Nur ein einziges, armseliges Ja, oder Nein antworte mir!«

»»Der Herzog -- -- --««

»Ha, verdammt, mit deinem Herzoge!« rief sie und sprang auf: »Sich mich an, Mensch, verblüht bin ich noch nicht, und noch nicht deines Ekels werth!«

_Florentin_ bestürzt und verwirrt stand auf, und suchte dies gefährliche Mädchen zu besänftigen; aber die Kanelleserin hörte ihn nicht. Sie ging seufzend auf und ab. »Nein,« sagte sie: »du liebst mich nicht, denn die Sprache des Liebenden tönt anders, als die deine. Und doch, Fiorentino, o Fiorentino, wär' es nicht möglich, daß du mich einst -- -- Aber nein; nur ausforschen wollt' ich dich -- Mehr wollt' ich nicht. Ein Wort von dir konnte mir schon zu viel sagen!«

Der _Graf_ wollte reden, aber sie hörte ihn nicht. Die weibliche Schaam bestürmte sie mit hundert Vorwürfen; ihr Stolz empörte jeden Tropfen Bluts in den Adern; sie wollte sich fassen und vermogt' es nicht. So dauerte es lange.

»Ich bin unglüklich!« sagte sie nach einer Pause, in welcher der Graf in keiner geringen Verlegenheit dagestanden: »ich bin sehr unglüklich, dem Himmel seis geklagt! -- Geht, und laßt niemanden eine Spur von dem, was unter uns vorfiel, wittern, oder, bei Gott, Ihr lernt eine _Kanelleserin_ kennen! -- Geht, und, um alles in der Welt, _bemitleidet_ mich nur nicht. Euer Mitleiden ist mir entsezlich; hütet Euch! Hütet Euch, sagte ich, oder ich mache Euch in eingen Tagen zum Gegenstand des _allgemeinen_ Mitleids und Bedauerns. Mir sind gewisse Geschichten bekannt, welche Euch um den Kopf bringen dürften, wenn sie bekannter würden; gewisse Pläne von Aufruhren, Enthronungen und so mehr! -- Ich wette, Euer ganzer Anhang dürfte sich in kurzer Zeit auf dem Schaffot wälzen! -- Kennt Ihr mich nun?«

»»O, so wahr ich lebe,«« rief _Duur_ plözlich wider das Weib angeflammt mit einer wilden, schreklichen Miene: »»Kanelleserin, ich kenne Euch! -- Aber bei dem gegenwärtigen Gott seis Euch furchtbar geschworen, der erste mordsüchtige Gedanke, welcher in Eurer schwarzen Seele aufschießt, soll Euch mit selbiger Münze bezahlt werden. Gelüstets Euch den Grafen Duur kennen zu lernen, so erprobt ihn!««

Er sprachs, wandte sich um und lies sie betäubt allein dastehn.

So hatte _Rosaffa_ noch nie den _Grafen_ gesehn, noch nie hatte so ein Mann in Kanella wider sie gestanden. -- Sie bebte; ihr Gewissen schauderte; sie sah den Fürchterlichen zwischen den Bäumen verschwinden; Fieberfrost in den Gliedern und Rache im kochenden Busen verlies sie den Park.

Sechstes Kapitel. Die schwarzen Brüder.

Aber ein schreklicher Tumult erhob sich eines Morgens im herzoglichen Pallast; alles lief blas und verwirrt durcheinander hin; _Piedro_ rasete von Zimmern zu Zimmern; der _Kardinal_ und _Moriz_ wurden eiligst herbeigeschaft; die Hofdamen weinten, und ermannten sich von Ohnmachten, um in neue zu fallen -- alles lies die größte Bestürzung blikken. --

_Rosaffa_ war ermordet.

Schwimmend in geronnenem Blute, einen Dolch in der Brust fand man sie entgeistert in ihrem Bette, als sie von ihren Zofen früh besucht wurde. Auf der Erde lag eine Pergamentrolle, darauf stand mit großen, lesbaren Zügen geschrieben:

»Sie trat das Recht öffentlicher Richter mit Füssen, drum ward sie von uns gerichtet. -- Auf ihr ruhte das Verderben des Staats; auf ihr der unschuldige Tod manches Biedern, auf ihr das Elend der Verwiesnen und Verarmten -- sie ward am Ende dem allgemeinen Wohl gefährlicher noch, darum ward sie hingerichtet vom

Gericht der _Unbekannten_.«

Niemand war entnervter bei dieser Szene, als der schwache _Piedro_, niemand ob dieses Zettels bestürzter, als der Prinz _Moriz_, und niemand verzweiflungsvoller, als -- _Duur_. Mit Grausen standen sie alle da um _Rosaffens_ Bett, anstarrend die Ueberreste einer so gewaltsam zernichteten Schönheit. Sie, deren Lächeln noch vor zwölf Stunden den ganzen Hof entzükken, deren finstre Stirn einen Fürsten zittern, ein Herzogthum schaudern machen konnte, -- sie war jezt ein machtloses, zerstörtes, unnüzzes Prachtstük.

Königlich waren die Anstalten zu ihrem Begräbnis; drei Tage stand ihr Leichnam hindurch in einem kostbaren Sarge zur Schau -- aber niemand, auch kaum ein neugieriges altes Weib, schlich sich herbei die Ermordete zu sehn. Meister der harmonischen Tonkunst führten am Tage ihrer Beerdigung öffentliche Trauermusiken auf, aber -- kein Auge näßte sich. Kanellas Dichter besangen die Hingesunkene, und keiner las die schwarzberänderten Blätter.

Elendes Loos der im Leben vergötterten Bosheit! -- der Seufzer _eines_ Edeln über dem Grabe des Guten ist unendlich köstlicher, als die kunstgebildete Thräne eines Marmorbildes über des Sünders Gruft, welche die Flüche der Unglüklichen umrauschen!

_Moriz_, dessen Gedächtnis die ehmahlige Korrespondenz der _Unbekannten_ mit ihm, und die fatale Begebenheit mit den maskirten Kerln, welche ihn auf der Straße so unsanft zugesprochen[A], noch nicht verloren gegangen war, befand sich jezt in keiner angenehmen Lage.

Freilich waren es bis zum entscheidenden Abend des _ersten Septembers_ nur etwa noch acht Tage hin, -- aber wie viel Querstriche konnten ihm nicht in dieser Zeit noch von den verwünschten _Unbekannten_ durch seine Pläne gezogen werden? -- Jezt fing er sich an vor _Florentinen_ zu fürchten, denn um seinetwillen hatten die _Unbekannten_ ihn ehmals an Herzog Adolfs Hof so übel mitgenommen, und seit _Florentin_ in Kanella etwas merkwürdiger geworden, hub sich auch sogleich das alte Unwesen wieder an.

[Fußnote A: Siehe des ersten Bandes dritten Abschnitts, Kap. 8. S. 183.]

_Morizens_ Gewissen pochte; es war sich keiner schönen Thaten bewußt, welche sonst die beste Arzenei in kritischen Augenblikken wider das Herzklopfen sind; überdies hatte _Florentin_ die sämmtlichen Papiere von Sr. Hoheit in den Händen, worin das ganze Gewebe der schlummernden Verschwörung und des drohenden Aufruhrs gar deutlich angegeben stand, -- und wie leicht konnte der _Graf_ auf einen bösen Einfall gerathen! -- Der einzige Trost für ihn waren die glüklich ablaufenden Werbungen, indem jezt schon nicht mehr, als funfzehn tausend Mann auf den Beinen standen, die theils in der Residenz, theils in der Nachbarschaft quartirt waren. Zur größten Sicherheit verstärkte er die Wachen um seinen Pallast.

Aber man denke sich sein Entsezzen, als _Flimmer_ an Rosaffas Begräbnistage mit der Botschaft zu ihm hereintrat, daß er aus sicherm Munde erfahren habe, Sr. Eminenz der _Kardinal_ _Benedetto_ wisse nicht nur umständlich von _Morizens_ Anschlägen, von der Bestimmung der angeworbnen Mannschaften, von der am Septemberabend bevorstehenden Landesrebellion, sondern habe auch schon, im Fall der Aufruhr nach Wunsch ablaufe, eine Bulle von Sr. päbstlichen Heiligkeit in Bereitschaft, vermöge welcher er sich zum Vormund des Piedro und Interimsregenten des Staats aufzuwerfen die Vollmacht habe.

Dem _Prinzen_ wurd' es bei dieser Post dunkel um die Augen; sein braunes Gesicht wurde blasgelb, und es fehlte wenig, daß er vor Schrekken umgesunken wäre.

Was blieb ihm bei solchen Umständen zu thun übrig? -- Hiergegen fruchtet keine Verstärkung der Leibwache, und _eine_ Bulle konnte leicht dreisig tausend Mann schlagen!

Flimmer fragte den Prinz etliche mal, aber gewann keine Antwort; erst nach einer halben Stunde kam dieser wieder zu sich selber. Einige Flüche machten ihm erstlich Luft, dann war seine sehr natürliche Frage: »Was soll ich thun?«

»Eben das ists, was ich schon längst gern von Euch erfahren möchte!« entgegnete der _Sekretair_.

»Ich werde unsinnig!«

»»Freilich, es ist schmerzhaft solchen Streich leiden zu müssen -- erfahren zu müssen, daß, wo man am sichersten mit seinem Schiffe zu seegeln wähnt, Klippen, Sandbänke und Untiefen den augenbliklichen Untergang drohn. Und doch ists besser noch zur rechten Zeit die gefährliche Situazion zu entdekken, als dem Schiffbruch unwissend mit vollen Seegeln entgegenzustürzen.««

»Da hast du Recht, aber das beruhigt mich nicht!«

»»Ihr habt ja einen so wakkern Piloten, gnädigster Herr, einen Duur, der Euch leichtlich retten könnte!«« sagte _Flimmer_ und grinsete teuflisch dazu.

»Ah, verdammt! wer weis, ob nicht der Schurke selbst mein ganzes Verderben zubereitet hat!«

»»Aber Ihr selber, mein Prinz, Ihr selber habt mir ja oft die Unmöglichkeit dargethan, daß Duur so handeln könne.««

»Und du elender Bube, willst meiner auch noch spotten?« --

»»Ihr versteht mich nicht.««

»Augenbliklich schikke einen Boten zum Grafen, daß er sogleich zu mir komme.«

Der Bote ging; der Bote kam und brachte statt des _Grafen_ Entschuldigungen zurük.

Jezt faßte _Morizens_ Argwohn Wurzel, und seine Wuth wurde fürchterlich. _Flimmer_ stand rath- und thatlos da, und grübelte und spannte seinen Wiz auf die Folter, und erfolterte nichts.

»Was sinnst du da, Narr!« redete ihn _Moriz_ an, der auf ihm zuging und ihn so vertraulich an die Schulter anpakte, daß er gern hätte laut aufschreien mögen: »Was sinnst du? -- Wenn die Noth am größten ist, wird doch _Moriz_ nur allein Rath zu schaffen und zu helfen wissen. Sei ruhig, sei ruhig, armer Gauch! der Kardinal soll sich betrogen haben, entsezlich betrogen haben. Das sagt _Moriz_! Ich stehe wider den ganzen Sturm; mag er nur entgegenbrausen -- ich will stehn. Siehe, wenn mein Kopf erkrankt, meine Autorität im Volke stirbt, meine funfzehn tausend die Flucht ergreifen, wenn alles verloren geht, alles: -- so geht auch ein Kardinalsleben zur Neige. Verstehst du mich? -- Es ruhen schrekliche Mittel in meiner Macht; ich kann einen Staat umstürzen, wenn auch nicht wieder aufbauen; ich kann mir Wege über Leichen bahnen, wo Lebende mir die Huldigung versagen; ich will über Trümmern wohnen, wo man mir den Besiz des Pallasts abschlägt. Folge mir in mein geheimstes Kabinet, vorher aber befiehl, daß binnen drei Stunden kein Mensch sich in der Nachbarschaft desselben gewahren lasse.«

Siebentes Kapitel. Der Garten von Dosa.

Noch war an eben diesem interessanten Tage die Sonne nicht untergangen, als auch _Florentin_ unruhiger war. -- _Badner_ hatte ihm nämlich einen Brief gebracht, der abentheuerlich genug klang und in folgenden Worten abgefaßt war:

»_Vinzenz_,«

»Habt Dank von uns, daß Ihr unsre Hoffnungen nicht zu täuschen vermochtet; Heil Euch, Ihr seid der größten einer im Bunde! -- Beharrt Euern Plan getreu. Verherrlicht Euch in der nahen erhabnen That; ein lieblicher Glanz wird von Euch auf unsern Bund zurükfallen. Wir sind Eurer wohl eingedenk; den Beweis davon findet Ihr im Städtlein _Dosa_, an der Kanellesischen Gränze. Dahin eilet straks nach Empfang dieser Zeilen, es wird Euch nicht gereuen. Euer Quartier sei das Wirthshaus zum _goldnen Dorn_. Eilet!«

»_Die schwarzen Brüder von Deutschland_.«

So wahr, als jeder meiner Leser, durch solchen Brief in Florentins izzigen Verhältnissen mit Kanella, in Verlegenheit gerathen wäre, eben so gerieth auch _Florentin_ nach Lesung des Schreibens in eine der unangenehmsten. Was sollt' er thun? -- Kanella verlassen, zu eben der Zeit, da sich der Staat der lezten, entscheidenden Krisis genahet? Kanella verlassen und zwar in einem Zeitpunkt wo seine Gegenwart unausbleiblich nothwendig, wo noch einer der gefährlichsten Streiche in Rüksicht des Prinzen und des Kardinals zu vollführen war? --

Er schwankte.

»Was hab' ich in Dosa mit den schwarzen Brüdern aus Deutschland zu schaffen?« fragte seine Neugier oft, und die thätige Fantasie wußte tausenderlei _Vielleichts_ zu entgegnen. Das lieblichste war Florentinen das angenehmste, und dieses lies nichts geringers muthmasen als _Holdern_ in Dosa zu finden.

»Holder in Dosa!« sprach er dann zu sich selber in halbem Entzükken: »Holder in Dosa! o, mein Gott, da ihn nach so langer Trennung wieder zu finden, wieder zu umarmen! -- Was wird er mir alles zu sagen, ich ihm alles zu erzählen haben! -- Da werd' ich von dir hören, göttliche Louise, da von meinem Erstgebornen, meinem _Karl_! -- da von Schwester _Rikchen_, vom guten _Onkel_. -- Ach, Gott, ja! ich muß dahin, ich lasse die seligste Stunde meines Lebens so nicht entstreichen!«

Sogleich wurden einige Billette geschrieben, versiegelt und an die schwarzen Brüder in Kanellas verschikt, welche sich um Mitternacht in Florentins Garten, der an seinen Pallast stieß, zu versammeln eingeladen wurden. _Gotthold_ und _Dulli_ richteten alles zur schleunigen, geheimen Abreise ein; der _Graf_ selber arbeitete bis um Mitternacht. Er siegelte zwei ansehnliche Pakete von Schriften und Briefen ein, beide an Sr. Durchlaucht, dem Herzog _Piedro_ von Kanella addreßirt, höchst eigenhändig von demselben zu erbrechen.

Eine fürchterliche Mine sollte zum Wohl der Republik gesprengt, der Kardinal _Benedetto_ und Prinz _Moriz_ morgendes Tages von ihrer gefährlichen Höhe herabgestürzt und zur Revoluzion am ersten Septemberabend kraftlos gemacht werden.