Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

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Chapter 13,306 wordsPublic domain

Die schwarzen Brüder.

Eine abentheuerliche Geschichte von M. J. R.

Zweites Bändchen. 1793.

An Herrn und Madame Beneke zu Landsberg an der Warte.

Meine Lieben,

Sagt' ichs nicht gleich voraus, daß man mich misverstehen würde? -- Da deutelt der eine über den Zwek meines Büchleins hierhin, der andre dahin, und keiner hat mich recht verstanden und verstehen wollen. Was in diesen Blättern mit deutschen, jedermann verständlichen Worten gesagt worden ist, sehn die sonderbaren Leute für Hieroglyphen an, worunter ein verborgner Sinn liegen müsse, der nun seyn mag, wer und wie er wolle.

Sie fragen mich: woher daß dieses komme? -- Ich antworte: daher, weil viele der Herrn Märchendichter das mysteriensüchtige Publikum mit ihren Plaudereien verwöhnt haben. Da spricht der eine von einer Gans, und will darunter einen Fürsten verstanden -- der andre von einem Tyger, und will darunter einen Kriminalrichter gedacht wissen. Das appliziren nun die Leute allenthalben; und Gott weis es, was sie sich nicht alles schon unter meinem Herzog _Adolf_, meinem _Florentin_, _Holder_, _Hello_ u. s. f. geträumt haben.

Viele denken sich unter den _schwarzen Brüdern_ nichts geringers, als die Herrn _Freimäurer_, andre wieder einen Orden aus _Kagliostros_ Fabrik; und beide Theile habens doch nicht getroffen! -- --

Aber wissen Sie, was mich am meisten von verschiednen Lesern gefreut hat? -- daß sie dies Buch nicht ohne Theilnahme gelesen, wohl gar zuweilen die Richtigkeit meiner Empfindungen mit eignen Thränen bestätigt haben. O, _der_ Lohn ist mir süsser, als jeder andre; denn die oben erwähnten Kannegiessereien sind nur eine ärgerliche Belustigung! --

Ich wünsche, daß Ihnen dies Bändchen viel Vergnügen in einsamen Stunden erwekke, und beherzigen Sie zulezt mit mir und _Florentin von Duur_ die fürchterliche Wahrheit: »Selten ist der Mensch in der Gegenwart glüklich, am meisten in der Vergangenheit und Zukunft, in der Rükerinnerung und Erwartung!« --

Ja in der Rükerinnrung bin auch ich jezt glüklich! -- Wie gern vertauscht ich jezt meine Feder mit der bunten Mahlerschürze, um _Burgheims_ originellen Pinselstrich zu belachen -- oder säß ich neben meiner Freundin H**, um in ihrer Gesellschaft eine _Dachspizze_ zu betrachten, -- Behalten Sie mich lieb und vergessen Sie nicht den

_Verfasser_.

Inhalt des zweiten Bändchens.

Erster Abschnitt.

Erstes Kapitel. Seelengröße. 1 Zweites Kapitel. Monolog eines guten Fürsten, Glossen darüber. -- Abreise. 7 Drittes Kapitel. O, die glükliche Nachwelt! 13 Viertes Kapitel. Abschied von der Sorbenburg. 26 Fünftes Kapitel. Eine schöne Erscheinung. 29 Sechstes Kapitel. Aufklärungen. 36 Siebentes Kapitel. Ein Nachtstük. 44 Achtes Kapitel. Freude -- Verdrus -- und Schauder. 54

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Kanella. 61 Zweites Kapitel. Der Landesvater mit seinen Landeskindern. 67 Drittes Kapitel. Gewitterwollen, die sich zerstreun. 74 Viertes Kapitel. Das Haus im rothen Walde. 81 Fünftes Kapitel. Etwas für Republikaner. 95 Sechstes Kapitel. Die Eremitage. 101 Siebentes Kapitel. Florentin in Kanella 112

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren. 153 Zweites Kapitel. Die Dachspizze. 157 Drittes Kapitel. Florentins Verwandlung. 169 Viertes Kapitel. Neue Verwirrungen. 185 Fünftes Kapitel. Sturm und Liebesfreuden. 197 Sechstes Kapitel. Die schwarzen Brüder. 214 Siebentes Kapitel. Der Garten von Dosa. 221 Achtes Kapitel. Fortsezzung des vorigen. 229 Neuntes Kapitel. Sturm in Kanella. 244

Vierter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Ruhe? -- für Florentin? 257 Zweites Kapitel. Mühvolle Jahre. 270 Drittes Kapitel. Dulli und Ladda. 276 Viertes Kapitel. Der große Florentin im Vaterlande. 284 Fünftes Kapitel. Der Kirchhof. 289 Sechstes Kapitel. Die Alpen. -- Epilog an den Leser. 299

Die schwarzen Brüder.

Erster Abschnitt.

Erstes Kapitel. Seelengröße.

Ich riß den Faden meiner Erzählung im vorigen Bande da ab, wo unser Delinquent entgeistert in des Herzogs Arme stürzte; ich knüpfe ihn wieder an, die Geschichte weiter zu spinnen.

_Florentins_ Selbstbewustsein erwachte, aber es war ein fürchterliches Erwachen -- das Erwachen zum Tode. Der Anblik der schwarzen Tapeten des Zimmers, der matte Schimmer der Wachskerze, welcher zum Theil von den düstern Wänden eingetrunken wurde, die schrekliche Stille dieser Mitternacht, die Rükerinnerung an dasjenige Verbrechen, welches ihn hieher gebracht -- alles das wirkte so sehr auf ihn, daß ihm wenig fehlte, um in eine neue Entgeisterung zurük zu sinken.

Er fand sich von den Armen eines Mannes gehalten, drehte sich um und der _Herzog_ lies ihn los.

»O, gnädigster Herr!« rief, er, und wollte sich auf die Kniee niederwerfen, aber der _Fürst_ verhinderte es.

»Mensch, was haben Sie begangen?« fragte _Herzog Adolf_ nach einer Weile mit fürchterlichen, majestätischen Ernst im Ton und Mienen.

»»Ich weis es,«« entgegnete der unglükselige _Graf_, der bleichen Antlizzes, zur Erde gebeugten Blikkes, mit gefaltenen vor sich niedergestrekten Händen da stand, als einer, über welchem das verdammende Urtheil des Richters herniederdonnert: -- »»ich weis es gnädigster Herr, ich läugne mein Verbrechen nicht.««

Herzog. Sonderbar, wie würden Sie das auch im Stande sein? Aber fühlen Sie das ganze, schrekliche Gewicht desselben, Leichtsinniger?

Graf. Ich fühle es. -- Sie, der Sie mich zu den glänzenden Ehrenstufen, die nur nur je die ausschweifendste Einbildungskraft vorzeichnen konnte, empor halfen, Sie sind durch mich -- entehrt worden.

Herzog. Warum fühlten Sie das nicht früher, schlechter Mensch?

Graf. O, Durchlauchtigster Herr, es sind Stunden wo -- doch nein, ich kann mich nicht entschuldigen.

Herzog. Nicht genug, daß Sie einen Fürstenstamm entehrten, welcher nur gewohnt ist Königskronen auf seinen Nebenzweigen zu tragen; nicht genug, daß sie jede Pflicht des Unterthanen vergessen; nicht genug, daß Sie die Wohlthaten Ihres Gönners mit Niederträchtigkeiten bezahlten -- so haben Sie auch auf ewig die so seltne häusliche Glükseeligkeit einer fürstlichen Familie zerstört -- haben mich auf meine Lebenszeit misvergnügt, elend gemacht, und meine Schwester, die ich sonst so sehr liebte, gleichfalls.

Graf. Ich bin strafwürdig -- ach, nicht so sehr Ihre Durchlauchte Schwester. Lassen Sie mich unser beider Vergehen allein abbüßen, sammeln Sie alle Strafen für mich allein!

Herzog. Elender, die Zeit ist vorüber, wo Ihre Bitten bei mir galten. Jetzt bereiten Sie sich zu ihrem Urtheil. -- Ich werde Sie verlassen; haben Sie noch in diesem Leben Ihrer Familie etwas zu vertrauen: so schreiben Sie. In jenem Winkel liegen Papier, Dinte und Federn auf dem Tische. In zwanzig Minuten müssen Sie fertig sein.

Der _Fürst_ verlies ihn wieder.

_Florentin_ rang die Hände; Schauer des Todes wehten ihn an.

»Ach, so ist denn das Ziel meiner Hoffnungen, meiner Arbeiten, meiner schlaflosen Nächte? -- Ein unnatürlicher, früher, schändlicher Tod! -- Gott, und dahin konnte _ein_ wollüstiger Rausch führen? -- O mein guter Oheim, meine Schwester und du mein Holder wüßtet ihr! -- wüßtet ihr! -- wo Florentin stände! --«

Er gieng zum Winkeltischchen, zog die Taschenuhr hervor, legte sie neben die Papiere, ohne in der Angst nach ihren Minuten hinzusehn, und schrieb mit kalter bebender Hand:

Freunde,

Ich bin ein Verbrecher. -- Diese Nacht ist die letzte meines Lebens, ich leide in ihr die wohlverdiente Strafe. -- Verzeiht mir, wie Gott mir verzeihen wird, zu dem ich hoffe. -- Ich danke Euch für Eure Liebe. Erinnert Euch noch zuweilen des unglükseeligen Florentins, wenn er lange schon im Grabe vermodert ist. -- Bittet dem beleidigten, ehmals so liebevollen, Herzog, nach meinem Tode noch, in meinem Namen um Verzeihung. -- Nun lebt wohl, ich getröste mich der süssen Hoffnung, in einer bessern Welt Euch wieder zu sehn. Lebt wohl.

Florentin.

Der _Graf_ schrieb so langsam, legte so oft die Feder nieder, setzte dann wieder an, sprang auf, schwankte jammernd durchs Zimmer, setzte sich wieder hin, um zu schreiben, daß er kaum das Billet beendiget hatte, als die bestimmten 20 Minuten schon vorüber waren und der _Herzog_ ins Zimmer trat.

_Florentin_ stand auf, ergriff den Zettel, überreichte ihn dem Fürsten, ohne eine Sylbe zu sprechen.

_Adolf_ wikkelte das Papier ungelesen zusammen, trat _Florentinen_ um einen Schritt näher, nahm dessen Hand in die seine, und betrachtete so den Unglüklichen lange Zeit mit wehmüthigen Blikken.

»Noch hab ich,« sagte er »_keinen Freund_ gehabt, wie dich, das heißt, ich, habe noch keinen Mann so sehr geliebt, wie dich -- o Florentin, daß du mich doch nicht so wieder lieben konntest! Der _Herzog_ spricht jetzt _nicht_ mit dir, sondern dein _ehemaliger vertrauter Freund_!«

Florentin. (mit stets niedergeschlagenen Blikken) Mein Fürst -- -- --

Herzog. Nicht dein _Fürst_, sondern dein _Freund_ spricht jezt mit dir, und zwar in diesem Leben zum leztenmahle. Der _Herzog_ hat dich gerichtet, und der _Freund_ nimmt von dir Abschied; -- kömmt, dir das lezte Lebewohl zu sagen. -- Fühlst du gar nichts mehr für Adolfen?

Florentin. (bestürzt) Ich verstumme, wie ich --

Herzog. O lieber Florentin, es thut weh, sich trennen zu müssen von dem, den unser Herz lieb gewonnen.

Die Stimme des guten _Fürsten_ zitterte bei den lezten Worten. _Florentin_ verwirrt durch die jähe Verwandlung des zürnenden Fürsten in den mitleidenden Freund, schlug die Augen auf, und gewahrte Thränen auf der Wange desselben. Der _Herzog_ drehte sich von ihm ab, gieng an ein Fenster und rief: »ich bin noch zu jung, bin noch nicht eiskalt genug -- meine Gefühle schweigend zu machen! Aber sag mir, sonderbarer Mensch, wie ist dir? hast du deine Empfindung ganz verloren?«

Florentin. Ganz; nur das Gefühl meines Elendes meiner Reue ist mir geblieben, und die Hoffnung, Gott werde sich meiner Seelen in der lezten Erdenstunde erbarmen, -- und droben -- droben wirds besser sein.

Herzog. Du willst sterben?

Florentin. Ich bin bereit.

Herzog. Nein, dein Leben soll dir der Herzog nicht nehmen, aber -- --

Florentin. (erschüttert) Mein Fürst! (zu seinen Füssen stürzend) Mein Fürst!

Herzog. Was machst du? steh auf.

Florentin. Ich kann nicht. Ich habe keine Gnade verdiene, und auch nie Anspruch darauf gemacht.

Herzog. Bist nicht begnadigt. Du hattest das Leben verwirkt, aber theils deiner Verdienste um Herzog und Land, theils der Geheimhaltung von der Schwangerschaft der Prinzeßin Louise willen, wird dir das Leben geschenkt. Noch weis niemand am Hofe und in der Stadt von der unglüklichen Begebenheit. Die Prinzeßin heißt es, ist wegen ihrer Kränklichkeit auf eines ihrer Landgüter gereiset, und du bist wichtiger geheimer Geschäfte willen zu mir berufen. -- Deine Strafe ist -- -- _Landesverweisung_. Mehr konnte die Freundschaft bei der Gerechtigkeit nicht auswirken. So lange _Herzog Adolf_ lebt und regiert, sollst du nie wieder die vaterländischen Fluren erblikken, im Auslande sollst du umherwandeln, von mir vergessen, keine andere Strafe zu fürchten haben, als die, welche dir das zarte Gewissen eines gefühlvollen Biedermanns auflegen wird.

_Florentin_ umarmte weinend, mit sprachlosen Danke, die Knieen des gütigen Fürsten.

»Noch vier Wochen,« fuhr lezterer in seiner Rede fort: »noch 4 Wochen hältst du dich in meiner Residenz auf, erscheinst du öffentlich am Hofe, um dem Volke jeden Verdacht zu rauben, und damit du dich zur Abreise aus deinem Vaterlande vorbereiten, wie auch die angefangenen Staatsgeschäfte beenden kannst, -- so dann gehst du unter dem Vorwande, daß ich dich auf Reisen schikke, fremde Länder, Einrichtungen, Sitten, und Verhältnisse zu studieren, auf ewig aus deinem Vaterlande. Ließest du dich irgend einmahl wieder in demselben gewahr werden: so stehe ich nicht für dein Leben. Und nun, mein lieber ehemaliger Freund, leb wohl! So wie _wir uns jezt sahen_ und sprachen, sehn und sprechen wir uns _nie_ wieder in _dieser Welt_!«

_Florentin_ stand auf, der bewegte _Herzog_ sank dem Grafen um den Hals und weinte. _Florentin_ von zu vielen Empfindungen bestürmt, empfand gar nicht. Der grosmächtige Fürst verzieh ihm diese scheinbare Kälte sehr gern, denn er wußte, daß _Florentin_ mehr denn zu gefühlvoll war.

»Komm, es ist schon spät in der Nacht. Mein Wagen wartet unten auf dich, er soll dich zu deinem Hause bringen!« sprach _Adolf_ nach einer Weile, küßte ihn noch einmal heftig, führte ihn selber die Treppen hinab, ließ ihn in die Kutsche steigen und heimfahren.

Zweites Kapitel. Monolog eines Fürsten, Glossen darüber -- Abreise.

_Adolf_ hörte das dumpfe Donnern des Wagens über die Schloßbrükke; wehmüthig flog er in sein Schlafkabinet, vermummte er sein Gesicht in das Schnupftuch, um keinem lauschenden Ohre seine Seufzer, sein lautes Schluchzen wahrnehmen zu lassen.

Die tiefste Stille wohnte im ganzen Schlosse -- der Mond schwebte gebrochen hinter Wolkenstreifen, alles athmete Schwermuth, alles war von dem Pinsel der Melancholie mit traurigen Farben überkleidet. Kein Wunder, wenn der gefühlreiche Fürst die Mitternacht im Arme des seelnagenden Grames überwachte.

»O wie ich so elend bin!« rief er: »ich habe alles verloren, denn ich habe einen _Freund verloren_! -- da fuhr er bin, der unglükseelige Verbrecher, von mir _verdammt_, der ich ihn doch _liebe_! -- Noch hab ich _keinen_ gehabt, welchen ich so liebte, und nun werde ich nie einen wieder erhalten! -- O verdammt sei das schönlarvigte Gespenst, _Weiberliebe_, das sich in den Zirkel unsrer Freuden schleicht, und jede derselben erwürgt! -- Florentin, warum mußt ich dich verlieren? --«

So klagte ein _Herzog_, und er hatte Recht zu klagen; denn Freundschaft ist das schönste Blümchen, welches der Sterbliche am Lebenswege pflükken kann. -- Man klage nie über die Seltenheit wahrer Freunde. Gotteswelt ist schön, und faßt manches schöne Herz in sich; schwarze Seelen sind nur da, den Glanz von jenem zu erhöhn. Wer die Seltenheit _ächter Freunde_ beklagt, der nährt entweder ein überspanntes Ideal von der Freundschaft, oder ihm mangelt selber das Wesentliche ein Freund sein zu können; ist eher vielleicht im Stande Freundschaften zu _knüpfen_, als zu _erhalten_. Freundschaft, die bei ihrem Entstehen heftig aufbraußet, tändelt, mit Küssen spielt, und Umarmungen sich als das höchste Gut derselben vorschwärmt, ist eben so bald verdünstet, als die, welche beim Weinglase entspringt, und sich mit dem Rausche verliert.

Der _Fürst_ trauerte lange noch um Florentinen, da dieser schon Jahr und Tag von ihm geschieden war; ein Beweis, daß seine Liebe gewis aus lautern Quellen floß.

»Wenn denn _Adolf_ _Florentinen_ so sehr liebte, warum vergab er ihm sein Verbrechen nicht ganz und behielt ihn nicht an seinem Hofe?« So mögten einige meiner Leser fragen, denen ich zur Antwort gebe, der Fürst mußte, als _Fürst_, so handeln, er darf mit den Gesezzen keinen Schleichhandel treiben -- der Freund mußte als _Freund_, so handeln, wenn er seinem Geliebten nicht eine noch schreklichere Zukunft bereiten wollte, weil Florentins Verbrechen doch gewis einmal offenbart werden konnte, und die herzoglichen Verwandten dann nicht geschwiegen haben würden. Der Bruder mußte als _Bruder_, gegen seine Schwester so handeln, um eine Leidenschaft in ihren Busen zu unterdrükken, die sie nie nähren dürfte. -- Landesverweisung war _Florentins_ Strafe, hart für ihn, aber doch milde!

Unser _Graf_ war einige Tage hindurch unpäslich -- die lezten Begebenheiten des Lebens hatten gleich mächtig auf Seel und Körper gewirkt, beiden stand eine auffallende Veränderung bevor. Kaum hatte er sich erholt, so erschien er wieder am Hofe; der Herzog lächelte wiederum gnädig auf ihn hin, die Damen kokettirten von neuem, die Hofschranzen schmeichelten wieder öffentlich und verfluchten insgeheim. Alles gieng den ehmaligen Gang, keiner von allen ahndete etwas von dem Vorgefallenen und Zukünftigen, keiner wußte, daß Florentins Versendung auf Reisen eine _Landesverweisung_ sei.

Ein Tag vergieng nach dem andern, eine Woche nach der andern und ehe es _Herzog_ und _Florentin_ vermutheten, rükte die lezte Woche heran.

Gram im Herzen, Gram im Blik nahm der _Graf_ von seinen Freunden Abschied; er beurlaubte sich von der herzoglichen Familie -- jeder wünschte ihm mit beklemmter Brust glükliche Reisen, jeder sich selber sein baldigen Wiedersehn. Nur der _Herzog_ that Angesichts aller kalt, und keiner litte mehr, als er, in seinem Herzen um _Florentins_ Verlust.

O wie schöne Thränen sah man izt an den seidnen Wimpern manches Mädchens beben, deren schüchterne Liebe nie um Florentins Gegenliebe buhlte! wie viel niedliche Lippen küßten hier den heftigsten Abschiedskuß, die sich sonst spröde dem Munde liebender Jünglinge entzogen! -- der Neid selber trauerte um Florentins Verlust, denn nun blieb ihm nichts mehr zu beneiden übrig.

Der _Graf_ hatte seine Geschäfte in Ordnung gebracht, alles Ueberflüßige in Geld umgewandelt, die Bedienten sammt und sonders abgedankt, ausser dem alten, stummen _Badner_ und seinen Reitknecht, dem frohgelaunten _Gotthold_.

Der _Graf_ hatte vom _Herzoge_ noch die Erlaubnis genommen, den Rest der lezten, vierten Woche bei seiner Familie zu genießen. Der Morgen graute für ihn zum leztenmale in der Residenz; die Pferde waren gesattelt, die Pilger in ihr Reisegewand gehüllt.

Man wollte aufbrechen; eine große Menge Volks stand um den ehmaligen Duurschen Pallast versammelt, den Besizzer desselben noch einmal zu sehen.

Und als _Florentin_ eben heraustrat, sank ein Greis vor ihm nieder, seine Kniee umfassend. Ein Haufen Kinder drängte sich hinzu, seine Hände zu küssen; einige Männer und Frauen schlossen sich näher an dieselben -- keiner sprach, aber in den Zügen ihrer Gesichter las man die unter allen Zonen der Erde bekannte Sprache der _Empfindung_.

Bestürzt fragte der _Graf_: »was wollt ihr, lieben Leute?«

»Nichts, nichts!« stammelte der _Greis_: »Sie haben uns schon so viel gegeben, wir wollen nichts mehr! -- aber -- sehn Sie nur, lieber Herr, ich bin noch in meinen alten Tagen durch Sie recht froh, recht glüklich geworden, und meine Kinder auch. Da kommen wir nun und wollen danken, und Sie noch einmal recht ansehn, um Ihr Bildnis sobald nicht zu vergessen. Auch, wir haben Sie so lieb, so lieb!«

»»Ja, so lieb! so lieb!«« lallten einige von den Kindern, die an seinen Händen hiengen. »Ich bin nunmehro alt und schwach,« fuhr der _Greis_ mit gebrochner Stimme fort: »der liebe Gott wird mich bald heimfodern zu sich und da will ich an seinem Throne für Sie beten, und der liebe Gott wird mich gewis erhören. -- Ach, sehn Sie doch um sich, sehn Sie diese Familien, das sind da meine Kinder, die dort meine Enkel, und ich, ich bin ihr Grosvater -- und wir alle freuen uns des Lebens, denn Sie habens ja so herzlich gut mit uns gemeint. Und nun -- und nun ach! -- --«

Der _Alte_ schluchzte; die jungen Männer und Weiber verhüllten ihre Augen in Tücher und Schürzen, die kleinen lärmten lustig an _Florentins_ Seite, und _Florentin_ -- fühlte alles und nichts, stand da mit düstrer Stirn, sah umher durch die Menge der Zuschauer, als suchte er einen Mittelsmann, welcher ihn mit guter Art von diesem schönen Auftritte ablösen möchte.

Die erste traurige Spur von den Wirkungen seiner Schiksale auf sein Herz! Er war nicht mehr der herrliche, blühende Jüngling, voll Hochgefühl für der Natur erhabne Szenen; nicht mehr dürstend nach den Thränen des Dankes; nicht mehr ringend nach Unsterblichkeit seines Namens. Misgestimmt stand er da unter lieblich gestimmten Seelen, als verständ' er die Sprache der Herzen nicht mehr. Das ehrerbietige Schweigen der Menge begeisterte ihn nicht; das schwimmende Nas in Männer- und Weiberaugen belohnte ihn nicht, das Lallen der Unmündigen war ihm keine Harmonie mehr. Er, ehmals mit dem lieblich schwankenden Karakter, der nach allem sich hinewigte, von einem Gefühl zum andern, von einer Leidenschaft zur andern überflog, hatte jezt eine melancholische Festigkeit gewonnen.

»Lebt wohl!« rief er, ris sich los, schwang sich aufs Roß, sprengte die noch schlummernden Straßen hinunter, _Gotthold_ und _Badner_ ihm nach, und so zum Thor hinaus.

»Lebt wohl! lebt wohl!« riefen ihm einige hundert Stimmen nach: »lebt wohl! Gott vergelts! glükliche Reise! Habt Dank! in der Ewigkeit wieder!« -- -- --

Drittes Kapitel. O, die glükliche Nachwelt!

»Was soll denn der Küster, Onkelchen?« fragte _Rikchen_ den alten _Herrn von Duur_, der sich voll heimlicher Freude, die Hände rieb.

»»Du wirsts ja sehn, du neugieriges Ding!«« antwortete der _Onkel_, und schob sich die weiße Mütze tief über die schmunzelnden Augen herunter, indem er gegen das Fenster gieng.

»Aber Sie haben ja heute schon dreimahl zu ihm geschikt?«

»»Ja, ja, das läßts vermuthen, daß ich jezt eine Sache von Wichtigkeit, die auch dich interessiren, muß!««

»Auch mich, Onkelchen?«

»»Auch dich, gnädige Frau von Sorbenburg!««

Man klopfte an. Der _Küster_ des Dorfes Sorbenburg trat herein, mit drei respektvollen Verbeugungen. Er war heut ungewöhnlich gepuzt; in seiner Hand hielt er ein halbes Duzzend zusammengelegter Briefe.

»Habe die unterthänige Gnade, Ew. Hochgräflichen Gnaden, hier -- habe -- war -- ich machte -- Gnaden -- die Gevatterbriefe. --«

Der gute _Custos loci_, welcher sein erlerntes Kompliment so schmälig vergessen hatte, stotterte, wurde blas, wurde roth, hielt die Papiere hin, zog sie wieder zurück und kam darüber so ausser aller Fassung, daß wenig fehlte und er wäre wieder zurück gelaufen, um das Kompliment besser durchzustudiren.

»Gevatterbriefe?« fragte _Rickchen_, indem sie von der Seite sah und roth wurde.

Onkel. (lächelnd) Freilich, Gevatterbriefe, freilich! -- es hätte mit ihnen wohl noch ein paar Monate Zeit gehabt, aber das ist nun so einmahl mein Fehler, daß ich die Zeit nie abwarten kann. Ich mußte sehn, wie sich dein Name auf einem Gevatterbriefe präsentirt. -- Nun und du wirst ja wissen, ob wir bald Gebrauch davon machen können. He, he, he, he!

Küster. (der sich inzwischen zu sammeln suchte) Verzeihen unterthänigst Ew. Hochgräfl. Gnaden, daß wenn -- aber -- ich wollte -- hatte -- hier sind die Gevatterbriefe.

Onkel. Was fehlt ihm denn, Herr Küster; Er bringt ja kein vernünftiges Wort heraus? hat Er etwa schon auf baldige Kindtaufe seiner gnädigen Frau ein Schnäpschen getrunken? bravo! geb Er die Briefe her.

Küster. (reicht sie dem Grafen) Ew. Hochgräflichen Gnaden unterthänigstermaaßen aufwarten zu thun.

Onkel. (die Aufschriften lesend) »Sr. Wohl- und Hochgeboren dem Herrn, Herrn von Bastholm« -- ha, ha, ha, der soll sich wundern! -- »Sr. Gräflichen Hochgebornen Gnaden dem Herrn, Herrn von Duur, herzoglichen« -- -- allerliebst! nun geh Er, Küster, und laß Er sich vor der Hand ein Glas guten Landwein geben.