Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.
Part 9
Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te das Instrument, ein Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde. Dann setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts und sang mit jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glückseligkeit anspricht:
»Kaum hat mit frischem Thau die Nacht Des Himmels dunkle Au begossen, So seh ich tausend Lilien sprossen, Verklärt von wundersamer Pracht. Sie öffnen ihre Kelche weit Und lassen ihre Strahlen regnen, Die schlummermüde Welt zu segnen Durch einen Traum von Herrlichkeit!
Ihr Lilien der heil'gen Nacht! Wie sehn ich mich nach Eurem Garten, Wo Engel liebend Eurer warten, Ein treuer Gärtner Euch bewacht: Gebt ihr so fern mit mildem Schein Schon süßen Trost der Brust hienieden, Wie süß, wie süß wird einst der Frieden Im Schatten Eurer Blüthen seyn!«
»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!« sagte die Nonne mit schimmernden Augen, »es spricht für eine tiefe und heilige Empfindung. Kennst Du den Dichter?«
Josephine nannte ihn --*) und sprach: »es ist auch mein liebstes. Seit ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es weder gestört noch täglich werden darf, und eine Stimmung und Stille erheischt, die -- wie jetzt --«
*): Heinrich Wenzel.
»Ein Schlummerlied im höheren Chor --« unterbrach Schwester Veronica die Rede des Mädchens. »Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen haben.«
Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit müden Schritten ein. Sie hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in ihrer weißen Hand.
»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, »was werden wir nun erfahren?«
»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen --« antwortete Fabia mit jener dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam für ihren Ausdruck ist. »Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen scheint gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten werde. -- Noch kein Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! -- besorge es geschwind, daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bühle ist angekommen, und die einfältigen Leute schickten ihn mir nach. Es war, als ob der Tod hörbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten.«
Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem der kaum entglommene Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile zur andern glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. »Eine Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die Pflegemutter Josephinens im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit seiner Tochter endlich angekommen.«
»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton, den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten alten Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und Comteß Albane kann auch nicht mehr jung seyn -- wenn ich mir die Gräfinn Mutter bedenke -- diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! -- In Bühle, sagten Sie, hält die Herrschaft sich auf?«
»Ja --« antwortete Fabia schwach, und eine große Erschütterung dieser starkmüthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen Stuhl, Josephine --« sagte sie sehr sacht, während das sichtliche Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia mit dem Gefühl der Ohnmacht kämpfe. --
Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die kleinen klaren Schriftzüge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia jetzt deutlich empfand -- Gram und Herzeleid über ihr unbeflecktes Leben gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und dräuend, daß seine Frau nicht vergessen möge, welch eine Last ihn ins Grab gedrückt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken.
»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe auf dem Angesicht ihrer Freundinn sah, »was widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen Lebensgeist -- wenn ich sie nur bei der Hand hätte -- ein Trunk frischen Wassers --« das zitternde Mädchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger Kraft gegen die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt worden war, wie gegen die mitleidige Angst, welche über sie verfügen wollte, und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine -- Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich doch. --« Sie stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.
»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen die Methode einer gelinden Strafpredigt an, »ein _geistlich_ Amt, das der Tröstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten, und übernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und man sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist aber -- der geneigte Leser erlaube uns diese Episode -- auch eine edle und geläuterte Seele nicht sicher, daß kleinliche und niedere Stoffe, welche die Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer aussondern müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst nicht klar. In der freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica, die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, dürfte ein kleiner Nonnendünkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in Todesängsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genüge, und die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausfließen könne, der durch _priesterliche_ Weihen dazu befähigt worden sey.
»Denn der Bote --« so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, »ein Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer, als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was mir ein neues Päckchen zu tragen brächte. Wer weiß auch, was der Brief enthält! -- So viel ich mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung mit Gräfinn Albane? --«
Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur der Schwager da wäre!« sagte sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt er zurück, dann ist es zu spät.«
»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie hinzu: »wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, worin ich Ihnen mit Rath und That nützlich werden könnte --«
»Das wird sich später finden --« antwortete Fabia mit einem bedeutenden Blicke nach Josephinen hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.«
»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica besorglich, »ich dächte, ein Krampfpulver wäre nicht übel für die Nacht; es beruhiget die Nerven.«
Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere Aufregung ein anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große Wäsche im Stift; eine der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um sich mit wahrer Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn behaupten, daß die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser häuslichen Sphäre sich von ihrem brausenden Element benetzen ließ. -- Daß diese Wolke ihm vorübergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber Therese gleich den Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher die Füßchen im Thau, als daß sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen Bemühung naß gemacht hätte. -- Wir zweifeln daher, daß Therese selbst der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mögen, wogegen sie gewiß den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes geeigneter gehalten haben würde, besungen zu werden. --
Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist über diesen Wässern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine klopfte leise an die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. -- Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewöhnlich achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert, glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung -- der Feindinn jeder Thätigkeit -- beschlichen, welche uns anhängt, sobald wir herzenskränklich sind.
»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu stören --« sagte Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu mildern suchte. »Es befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden warst, weil es gegen Deine Weise ist.«
»Ich habe nicht viel geschlafen --« antwortete Fabia gemäßigt wie immer, »und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle auf das Schloß -- mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir gern behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und wirf den gestickten Schleier über, er läßt Dir äußerst günstig.«
»_Heute?_« fragte Josephine bestürzt, und dachte, der Herold des jüngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war Frau Fabia an Tagen häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von der Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das Mädchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekümmert setzte daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre Verwunderung ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.«
»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein herbes Lächeln der Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, »der Herr mein Gott wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches auf ihrem Nachttische stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte, soviel wir von dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums verstehen: »_Du!_ der Du uns rein gewaschen hast von unsern Sünden mit Deinem theuren Blut, gieb, daß Albane --« hier drang ein unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, was sich erhob, sagte sie: »es muß Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da bin?«
»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und küßte Fabiens mütterliche Hand.
»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon sprechen,« erwiederte Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel mit einander zu reden. -- Doch siehe! daß Du die Thür zuvor verschließest. So! nun schiebe den Riegel vor.«
Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll Furcht und Warten der Dinge, die da kommen würden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden Pause zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir zeither strenger war, als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und Wünschen jemals geschmeichelt hätte -- so geschah es --« ihre Stimme wankte.
»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese demüthige Sprache der tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du Dich so fremd gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? -- Ich will sie ablegen, diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bühle etwa linkisch benehmen sollte --«
Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du hast ein _Recht_, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, der ich Dich zuführe, ist Deine Mutter.«
Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte ihr dies Wort einen Dolch in die Brust gestoßen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben, schien diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche Bild des Mädchens versteinte zu weißem Marmor.
»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher als je hinzu, »die Stunde, darin das Band sich lös't, was uns so lange verknüpfte, reißt nicht allein an meinem Herzen -- ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«
»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, »ich hoffe zu Gott, Du willst mich nicht verstoßen.«
»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« entgegnete Fabia schmerzlich. »Darf ich Dich denn jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird Alles darauf ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die Tochter einer heimlichen Ehe, und dein Vater -- der Onkel wird Dir sagen --«
»Der Onkel -- ist mein Vater?« fragte Josephine mit schwacher Stimme.
»Der Onkel -- komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.«
Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender Kälte, sondern der vollständigen Erklärung wegen gab, sah Josephine aus, als wären ihr alle Adern geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, mit denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden war. Sie empfand den Einfluß einer innigen Gewohnheit. Sie empfand ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. Die gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit von ferne, und scheue Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine für ihre Näherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es däuchte Josephinen, als ob sie diesem gütigen Freunde hinterrücks entführt würde. Ein Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, daß sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen könnte, daß er Augenzeuge wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von hinnen schied. --
Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, wo die Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan. Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten ließ, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flämmchen Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.
Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm wollen wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten ihn brauchen, beim Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im Winkel wo die Pfeifen lehnen --« Und hurtiger flattert der Vogel nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es möglich war, ihr zuvorzukommen. Sie drängte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff schmerzlicher Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die stummen kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob nicht zum letztenmal! -- Dort stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem wehenden Schleier, eher der schönsten Blume des Harems, als, des goldnen Kreuzchens ungeachtet -- einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weißes Blättchen lag lockend auf der grünen Fläche. Josephine warf einen Blick darauf -- ein Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: »Josephine,« stand in kalligraphischer Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen davor. Sie ergriff die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern:
»Ich muß fort -- verzeihe, daß ich mit Ich anfange; aber Stolz ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, daß ich von Sanct Capella scheiden muß. Kannst Du etwas beitragen -- --
Deine --«
Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt würde. Sie mußte sich losreißen. Ein Fädchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an ihrem Finger.
Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bühle. Fabia saß still in sich gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne. Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger Knospen, das graue, todte Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein -- als sie jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der todte Hund begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wächter mit keinem minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus, und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur allein ein Symbol ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten.
Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und aufgehört zu leben -- es däuchte seiner Wittwe, als ob das Lüftchen, welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine letzten Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren Schmuck vor die Schwelle, über die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den Todten zu entlassen --; und diese Gleichgültigkeit der Natur, welcher der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer unschuldigen Freuden, an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene oder fremde, unsre besten hinweggenommen für immer -- schärfte die Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt ward, und des wichtigen Moments, der ihr jetzt bevorstand.
Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der Einsamkeit und der Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt kaum weniger leidend an Gemüth.
Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung. Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unähnlich einer Statue seines Standes, an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit hatte angemessen der altväterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene unbewußter Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger Größe, und ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwürdiges Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, daß sie erwartet würde -- und Josephinens Blick hing dabei so ängstlich an den goldbesponnenen Knöpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige Entscheidung davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch -- allein? -- Der Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lächelte nur; die Tochter des Oberverwalters von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem Andenken der Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermüthigem Scherz: »es ist zwar heute großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum und Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich ganz und gar nicht irren lassen.«
Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefühl, daß _sie_ es nicht sey, welche die nächste Minute zu scheuen brauche. Doch wie kommt es, daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Erröthen, noch ehe es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser eigenes Gesicht? --
Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, in langem weißen Gehäuse, nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft aus, und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier keine Flügel. -- In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn _Ruhe_ der Begriff des Himmels ist -- dem Olymp anzugehören.
Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus dem ihr gegenüber geöffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden Damen ein.
Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, sah sich in einem Zimmer, das füglich den Sälen des Schlosses beigezählt werden können. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt, beschatteten die Seitenwände, und gaben der schweigsamen Leere dieses Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des länglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit weiß und seladongrünem Atlas überzogen; davor ein Tisch, köstlich besetzt. Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing in schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder, und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein Großvater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem Canapee gegenüber seine Tochter.
Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen Mann, auf den Schnee seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas eigenthümlich Rührendes. Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar, eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hängt. Und sind Blödsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? -- Zwar könnte Graf Frankenstern für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines innern Lebens nur um so finsterer erschien.