Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.
Part 8
Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das Nöthige hierüber ertheilen.«
Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären. -- Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram, erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste öffnet.
Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ.
Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch beängstend.
Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu mischte? -- Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. -- Der Freundschaft -- und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? -- wird ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie -- »die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben. Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig. -- Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern. -- Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt -- war ihm ein Dorn im Auge.
Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es schien im Drange einer willkommnen Nachricht.
»Ich habe über Sie verfügt --« sagte er mit einem offnen Blicke, und hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?«
Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß darüber und jetzt deutlicher zu seyn.
»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant, und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen. -- »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen Aufsehen nicht entgehen, und ich -- ich leugne es nicht -- bin empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch eines Wortes -- verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir, die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der Betrübniß herabzustimmen. Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen; ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.«
Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war völlig zahm geworden.
Füßli -- so wurde beschlossen -- sollte im Gasthof bei den Sachen bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon in einer Stunde -- mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch bestimmt worden -- sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten. In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen. Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen, der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille einsam wie eine Bilderuhr. -- Wie sanft wallten die Saaten! wie weit vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem Horizont! -- Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. --
Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd, womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten. Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl, in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete. -- Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus, wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen, vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? -- Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht, nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren haben. --
Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe. -- Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher, wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! -- Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen, und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen, Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit _seiner_ Stimme: »ich habe nun Ruhe gefunden -- was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. -- »Sterben? jetzt, wo ihrer treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen; nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns, hätte es auch nur bittere Früchte getragen. --
Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus -- lag kaum abgesondert und sehr freundlich.
Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, --« und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist -- wenn wir uns dem Ziele einer Reise nähern.
Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte. Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um -- erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte.
Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere Schärfe handhabte. -- »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut, »mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen gegangen -- wenn gleich auf einem kleinen Umwege --« setzte sie mit einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu.
Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung ließen Theresen fühlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey.
Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner Sorge der gütigen Tante werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mögen.
Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schönheit für einen Empfehlungsbrief ihres Schöpfers, und das Unglück für ein heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, daß Therese sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt wir auch sind, das Vergangene zu überschätzen -- war von mancher Seite für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser gewesen, als der gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster der Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies hausmütterliche Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, ein vorbereitender Genuß, kein werkthätiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm; doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtödtender und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit zu Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren -- und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, weiß diese köstliche Eigenschaft zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere war. Wir dürfen es zudem rühmlich voraussetzen, daß Frau Fabia sich der _verwittweten_ Schwägerinn gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme an _widrigen_ Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der _Mitfreude_ war dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden schmeckten alle, -- wenn dieser Ausdruck nicht profan wäre -- ein wenig nach dem Essig vom Kreuz. So versüßte sie Niemandem das Leben, und selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde Mischung. -- Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur; ihre Glückseligkeitslehre lief auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine Verbitterung trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge, und wandelte das reine Element in stärkenden Wein. -- Einer Therese mußte dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen den Schwägerinnen Anlaß gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt; doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimniß jener wunderbaren Gegenwirkung Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als daß sie sich erheitern möge, Theresen zu einem soliden Ernst für Pflicht und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes gewesen! wie kränkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von Constanz reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu betrachten schien! Und welcher stummen aber richterlichen Rüge war die bemerkte Leidenschaft Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über den aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! -- Die Baroninn gönnte das menschliche Glück, zu gefallen, von ganzem guten Herzen so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für einen gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besaß oder empfing, schien ihr natürlich. Sie fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die Begeisterung für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmäßig. Sie schalt, wenn er eine Stunde länger ausblieb, als zu erwarten gewesen, und Therese vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen, und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte beweisen durfte.
Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schooßkind des Geschicks; -- den Neigungen der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die Güte der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhältniß heiligte, was außerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen können.
Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir uns nach Sanct Capella zurück.
* * * * *
An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in demselben großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie saßen feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. Tiefe, ernste Dämmerung herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich alle Gegenstände; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich, und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das uranfängliche Düster.
Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies -- beiläufig gesagt -- meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und äußerer Thätigkeit findet -- war in die Familie eines der Unterbeamten des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlöschen wollte. Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche Gemüthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem Fenster aus war jene Wohnung in einem der klösterlichen Seitengebäude zu übersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Draußen aber pulsirte das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frühlingskräftig. Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; die grüne Erde, gestickt mit Thauperlen und einer Milchstraße von Blüthen, schien dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel.
Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen Welt, die -- nach einem poetischen Gleichniß -- wie eine heilige Nonne verschleiert aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Köpfchen auf den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere, wie in sich selbst zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird. -- Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren Krankheit, wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße Blume gebrochen da liegt!«
Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe Veronica, kann das Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor über _alles_ Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, müssen wir erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? _mir_ erregt sie der auflebende Frühling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich mich zu beklagen? und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, daß ich es nicht zu beschreiben wüßte. Aber um alles Glück der Welt mögte ich dieses wehmüthige Gefühl nicht tauschen.«
»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mütterliches Bild für ihre Erklärung anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus denen der _Mensch_ in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein Kind ihres Schöpfers, wird zum Licht geboren.«
Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht weiß, von wannen er kommt -- und ein zartes Erröthen Josephinens barg sich unter dem dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach das Mädchen: »ach, und der Frühling! das lichte Weiß seines ersten Blümchens, sein Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir wie der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen! singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, und von dem Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«
»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, »die Farben aufglühen, und wie Töne zusammenklingen, so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, dann feiern wir das Gedächtniß der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller Seelen, der in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur trüben Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe ich für meine Verstorbene inbrünstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet in meinem Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Sproß des Grases aus ihrer Asche grünen und blühen sah. -- Ich verstehe wohl Dein Gefühl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reißt der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer Nähe zieht uns zu ihnen hinüber.«
»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, und faßte das Gewand der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg -- diese Möglichkeit könnte ich nur fürchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o _nie_! -- Als ich Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hörte -- ich saß auf der Bank im Klostergarten -- war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte weinen, und wußte doch nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzückenden Klänge in den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst ein Herz voll Liebe darin klopft, es diese Capelle aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen bewohnen? -- O laß mich ruhn an dieser lieben Stelle -- bat ich den lieben Gott. Wenn ich aber dennoch scheiden müßte --« ihre Stimme versagte für einen Moment --, »so werde ich jene Töne, die mich über das Irrdische hinaus trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig Anderes wird Raum darin seyn.«
»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem Ausbruch der Rührung und Güte, »Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine Bücher, meine Blumen -- die Violine, den Ring --: Alles, was ich habe. Es ist mein liebster Wunsch, daß _Du_ mir die Augen zudrückest. Dann werde ich --« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, von der man sagt, daß der Engel jungfräulicher Frömmigkeit sichtbar wird, wenn sie verscheidet -- und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine? es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich, Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist lange nicht geschehen. Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. Die Töne, welche aus der innersten Fülle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des großen Violinisten -- ich hätte ihn hören mögen -- etwas Dämonisches gehabt haben, und alle Schönheit seines Vortrages würde mir höchstens nur gewesen seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. Nein! selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige nicht erben dürfen; sie ist nur Dein Vermächtniß -- keines Andern. Und wenn ein Zufall den Bogen zerbräche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals über den stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie Das, was lieblich an mir ist.«
Die Violine war -- wie wir bemerken -- eine schwache Saite dieser trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtönende Schwingung gerieth. Sie wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl ihrer Virtuosität mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den sie den einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.