Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 7

Chapter 73,668 wordsPublic domain

Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch war, so konnte der Wirth zum Engel, bei dem Gedränge seines Hauses, sich nur auf flüchtige Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung bei den Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun für weiteren Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische Mann ohnehin nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst für den freudigsten Zweck, keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß ihr Gemahl begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maaß zum Sarge zu nehmen, kam, und dem Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß er die Arbeit bekäme. -- »Ich beschwöre Dich, Füßli« --, sagte sie mit gerungenen Händen zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen, leidtragenden Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter sind als ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es länger nicht aus, ihnen Rede zu stehen.«

In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern summte das Gewühl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von einem tiefen Fall. Wie im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr, als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich!« _Eine Wittwe!_ diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort -- die Stille flüsterte es nach, und die Reiseuhr, die noch regelmäßig ging, da die Zeit ihres Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es wirklich wahr sey. -- Auf einmal fragte sie scheu und leise: »hörtest Du nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der Bediente, »ich glaubte, gnädige Frau wären eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafür. Ach!« fuhr er sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur Messe ankommen und sterben, und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«

»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen -- wenn Du nicht willst, daß ich selbst den Tod davon habe --« sagte Therese abwehrend, »es war mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.

»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und logirt daneben --« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand, ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.

»Mein Kopf ist wüst --« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.

Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte, sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen gekleidet bin -- ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe mir einen Streifen Flor zur Binde -- eine finstre Haube könnte ich nicht tragen, ich stürbe -- Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den Probeschuh -- eine seidne Aurora -- von dem zierlichen Fuß, und setzte mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich wandelte auf Rosen. -- Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«

Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader stark angelaufen.

»Du warst lange, Füßli --« empfing ihn seine Dame im Klageton eines gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«

»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen sich die Kaufleute nichts -- es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.«

»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu versuchen.

»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher -- ich meine, das müsse er gewesen seyn -- stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast Du den Schuh her? -- Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem bezauberten Prinzen erzählte, der -- --«

»Ich weiß, ich weiß --« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit. -- Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen -- er meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich, daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der Herr aus?« fragte sie.

»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe --« antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«

Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren Benehmens vorhielt. --

Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung gekommen ist? -- Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden, das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, -- sieh Dörtchen! o verzeihen Sie -- den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all' diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist, verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.

»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer, aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.

»Die Zeit --« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit, glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da mein guter Mann starb -- er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt -- da meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich jedoch Alles, auch das, was uns beugt. -- Werden Sie, wenn man fragen darf -- Sich lange hier aufhalten?«

»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«

Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach: »sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin die Baroninn Lenau.«

Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser, den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch -- trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es erregt, in ihrem Busen auf. --

Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer anspruchslosen Victualienfuhre benützt -- langsam und schwerfällig abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden, ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen, die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen Früchten anzustehen? --« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand.

»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns beugt.«

Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das reinste Herz davon beunruhigt würde.

Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an Stunde verrann -- gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht dazu gegeben.

»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man ihren Todten gebettet hat? -- Was mich betrifft, so würde ich meinen Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen müßte.«

Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf, der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden würde? -- Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung.

Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist doch nur Eine!«

»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt --, »oder ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt. Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes Erde Niemand -- und war ich es eigentlich nicht immer? --« In dieser Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes; überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. -- Im Hause, was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.

Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die schwarze Serge ihres Schuhes.

Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte, worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann -- und ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine Wittwe tröste? --«

»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch dieser geliebten Nähe?«

Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen. -- Aber -- die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände -- -- Therese! mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?«

Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht ab. »_Unvermuthet?_« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich bedrängt bin, da erscheinen _Sie_! -- Habe ich doch schon ihre Stimme vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren. Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in ihrem Schooße, »_was_ habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde es nie -- _nie!_ vergessen.«

Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte. Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte, da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu behalten.«

Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl übel, daß ich traurig bin? -- O über die Männer! ihre Eigensucht findet sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht, der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! --« Sie antwortete: »als Constanz zurückkehrte -- o Gott! wann kam er denn? da hätte ich im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen, gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder, wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen Vater geliebt!«

Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters, denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.

»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden -- und der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten, widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen, und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer, aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.

»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: _denn nichts scheint Denen trübe, die gewinnen_ --, setzte er hinzu: »jenes Bild des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin _ich_ da.«

Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt. Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung. Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um nur nicht davon reden zu hören.«

Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere darin gewesen? -- Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an ihn angefangen -- dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte, kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier unvermeidlich sind. -- Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«

»Ich schreibe an den Major --« sagte der Lieutnant mit nachholender Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt -- aber feenhaft, und meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche, und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen zu können.«

Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. -- Es ist mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.«

»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den himmlische Gunst mich gestellt hat. -- Ist es ein Zufall, daß wir uns in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst scheint es zu wollen.«

»Constanz --« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?«

»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns --« entgegnete Rudolph, »sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen sollte. Aber Therese -- Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«

Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen, bangen Geruch aus.