Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 6

Chapter 63,570 wordsPublic domain

Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt -- die Güter des Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für sich selbst stehen. --

Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet, leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen. Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen -- Glaube der Liebe! --

Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine sinnige Sage uns erzählt -- nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen, ob auch nur einen Augenblick lang -- willig in die Hölle zurückgekehrt sey, auf ewig. -- Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten, unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.

»Dies also war die Liebe --« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? -- O Gott! so lieben Menschen, -- _Männer_! O meine Mutter!«

Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr nach Bonna gewesen. -- Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht. Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will, darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.

Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel -- aber mit ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik -- allein nur in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. --

Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter. Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil nur Geister zu Gast waren -- und machte ihm allen Willen, wie man einem kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste Leere des Zimmers -- nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr einzukehren.

Vorzugsweise beschäftigte den Grafen _eine_ welthistorische Person: der beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen -- und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen trüge.

»Heut kommt Josephine -- sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres Halsband um, meine Tochter.«

Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres Busens auf. »Wenn das wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme, »dann hätte ich nur _einen_ Schmuck --: zahllose Perlen! Perlen aus dem tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen rollten Thränen, in denen ein Glanz von Freude schimmerte.

Die große Tragödie des Krieges war aus, die Völker steckten das Schwerdt in die Scheide, die Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs über den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blühte die segensreiche Aehre am schönsten. -- Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er dürfe nun auch heimziehen. Er sehnte sich nach Ruhe -- nach einer neuen oder vielmehr alten Ordnung der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es nun satt, dies Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bühle --« ein leiser letzter Schauer vor Bonna rieselte über seine Nerven -- »hörst Du? meine Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist nicht weit von dort.«

»Die Klöster sind aufgehoben --« antwortete die Gräfinn, indem sich bei dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, völlig entsagend, alle Wünsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt hatte.

»Nun, das Stift steht ja noch --« versetzte Jener, als wolle er sich nicht merken lassen, daß er daran nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht werden --« fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine wohlthätige Tochter geworden, für mich alten schwachen Mann!«

Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, und daß die Liebe des Gesetzes Erfüllung sey.

Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. »Wie werde ich Alles finden?« fragte die Gräfinn sich tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten that sich weit vor ihr auf -- doch der künftige Tag ist den Sterblichen verschlossen.

* * * * *

Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem künftigen Wohnorte wieder. Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand liegt in der seinigen --; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Länder, welche Constanz durchreist, liegen fühlbarer noch für seine Gattinn, zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd -- wie von einem dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende Zauber, womit die geliebteste Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft -- und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser sey. -- Sie blickt in den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz, um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens, das auch ohne _Hut_ und deshalb übel gefahren ist -- und ein fremder Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. -- Die Fahrt geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift nicht losreißen, und doch, so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr ausspannt, spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel ihrer Sehnsucht nach der Ferne. --

»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden --« sagte Constanz zu seiner schweigsamen Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre. Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftröhre verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glücklich in Sanct Capella gelebt.«

»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth; und der Accent dieser Versicherung hätte ihren Mann beleidigen müssen, wenn er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.

»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« fuhr Therese fort, »und läßt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter uns, das ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen in Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen -- Eine Familie gleichsam -- und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. -- Welch ein köstlicher Mensch ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, obgleich er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia -- wie eine Mutter war sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen. Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie gleicht einem süßen Kern in spröder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Sünde den Menschen verzeihen könnte! -- Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu spüren, die Niemand selig werden lässet, der die Welt ein wenig lieb hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen Geistes, mild gegen Jedermann -- kein feindlicher Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum in ihrer friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die größte Rührung hören. -- Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt, einmal von Engeln emporgetragen.«

»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese --« fiel hier Constanz seiner Gattinn in die Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für _klösterliche_ Vorzüge kaum zugetraut.«

Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie sprach: »von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat sie über die tollen Lügen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden, ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines Fabeldichters, der aus dem Stegreif erzählt, und gönne es ihm.«

»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten störte hier abermals Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, »dem scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.«

Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und höherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das ist auch ein excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir väterlich gut, und ich hätte ihm zuweilen die Hand küssen mögen.«

Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das Gedächtniß knüpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser Major Feldmesser --«

»_Feldmeister_,« berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, »hat mir auch sehr gefallen.« Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm einen schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste Freund Deines Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.«

»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch nicht fehlen --« versetzte Constanz, »doch das Schönste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich in seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blümchen Augentrost.«

Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste -- das Lob einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres Gemahls hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: »es ist ein seelengutes Mädchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben könnte. -- Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen möglich ist.«

»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem Bedauern, »doch nach dem Sprüchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.« Ein diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurück versetzte, so kam er durch eine sehr natürliche Association der Ideen auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?«

»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und spielten Whist oder Schach --« setzte sie mit fallender Stimme hinzu, und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete in einem leisen, ernsten Seufzer.

»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde -- nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen, als ob sie am Gewissen gezupft würde.

»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im Verlust.« -- War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz bewegte? -- Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte, und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem meinigen höre, -- so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?--«

So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt, daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« --

»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten machte.

»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las --« sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs übrigens sehr gleichgültig war.

»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster seiner Vorstellungen.

Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. -- Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe. Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt, bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind -- ist ihr Verhältniß in der Ordnung -- Sich die Einzigen, die da leben: denn jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging. Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke, oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels, der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! --

Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.«

»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun --« antwortete Constanz mit mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was der letzte Abendschein vergoldete.

»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene berühmten Worte.

Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte, rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die menschliche Unvollkommenheit.

Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig in einen Stuhl. -- Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde. Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte -- aber der Kranke schüttelte sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.

Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er seufzte nur. --

Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden. Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. --

Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause, kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt -- als der Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete.

Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt --« rief der Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu, nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken. Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. --

»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge --« war der Ausspruch, wobei Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt muß schleunigst herbeigerufen werden --« setzte der Doctor dictatorisch hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh -- von sich gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er -- mit der Scheere der Parze -- den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu tragen.

Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend -- daß ein bedeutenderer Mann hier stürbe.

»Verlassen _Sie_ mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der, ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf -- ihr versprach, die Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein --« sagte er, um diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.«

Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl gefährlich werden konnten, und fragte furchtsam: »die Bräune? an der sterben doch wohl nur Kinder? --«

Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, ein leises Achselzucken nur, war seine Antwort.

Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten.

Welch eine Nacht! -- doch auch die Schatten der bängsten zerfließen.

Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese in tausend Thränen: Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zügen Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam! die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens Leichtsinn -- es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden.

»Eine Stunde früher --« hatte der Wundarzt unbedachtsam geäussert, und der Kranke wäre zu retten gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten gab.

Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt füllte sich mit Menschen, die Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien frühlingsheiter -- sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? -- die furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemüth der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so daß sie zu erliegen glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner des Stiftes, die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich sank sie in eine fühllose Mattigkeit.