Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 5

Chapter 53,608 wordsPublic domain

Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt zur Erreichung ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich tüchtig für sein Fach, doch nicht als vertragsam gerühmt werden konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgängers. Dieser, ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher Unfügsamkeit in nahem Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern das Leben verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. -- Aber dieser Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im Meer, und einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden. Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser gesammelten Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor Freude, daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit so plötzlich gekommen wäre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde über den Oberverwalter, und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß der Antagonist desselben als Rentmeister nach Bühle versetzt würde. -- Er hob bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte heitre Stunde; aber diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fühlte er sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser sich mühsam auf, die Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach.

Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, als er ihn das letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen, und schritt nach dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von ihr zu fordern.

Die Gräfinn war nicht da -- und als ihr Vater unverrichteter Sache in seine Zimmer zurückkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewölbe offen, worin Silberzeug und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte die eiserne Thür nach Außen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf der Schwelle. Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter hing über dem Deckel, Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut am Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen Raum. In einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhöht, jenes Schmuckkästchen, das unsre Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund -- schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust steckte eine kleine verwelkte Rose. --

Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. »Freund!« sagte er hinter sich gewandt, »Sie könnten mir einen Gefallen thun -- und Sie werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, »in jener Chatoulle dort ist der Familienschmuck -- nehmen Sie ihn zu sich. Meine Tochter hat den Platz für die Kleinodien des Hauses --« hier lächelte der Graf düster --, »seltsam gewählt; ich muß diesen Fehler verbessern. Mitnehmen kann ich das Kästchen nicht, und muß es daher während unserer Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger Mann, ich weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit ich größeres Vertrauen hätte.«

Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen, und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den die kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen Wink hob er das Köfferchen hinweg, und bat um den Schlüssel. »Albane wird ihn haben --« versetzte der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich jedoch darauf, ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichniß des Inhalts kann ich Ihnen sogleich suchen.« Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie fand.

Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kästchen auf seinem Schooße; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als Jener es mit bebender Hand empfing: »das ist ein schlimmer Frost, und Sie sind so leicht gekleidet! -- Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr verbinden Sie mich durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an! die Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«

Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß redlich gemeint war, verbarg der Graf mit der eigenthümlichen Schlauheit Derer, die in der Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen.

Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam kommen sah. Er war leichenblaß, unter einem dunkeln Mantel, der in der Dämmerung wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen Kindersarg, und seine Schritte schwankten wie die des Trägers einer Bahre. -- Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen; aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers, setzte das Kästchen auf den Tisch und sprach mit erschöpfter Stimme: »ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis hierher -- nun der Himmel weiß es -- wie sauer er mir geworden! ich ging gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trüge ich eine Weltlast, die immer schwerer würde. -- Ist denn das Kästchen wirklich so schwer? die Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin, und ich wünschte wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge -- ich kam mir wie ein Todtengräber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.«

Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die Chatoulle, welche durch ihre Form diese wüste Idee erregt haben mogte, und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer in das Gewicht fallen.«

Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich sogleich zur Ruhe begäbe; und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte, der Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi Krone verfälscht, sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt habe -- pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, daß sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er sähe eine Unzahl Motten um das Licht flirren. --

Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte die Vorwürfe des Fieberträumenden ungekränkt anhören. Sie lächelte beklommen, und starrte verstört in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. -- Gegen den anbrechenden Tag hörte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche über die Schloßbrücke dröhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da rollte der Wagen vorüber und verschwand in der grauenden Frühe, und Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines geängsteten Herzens: »Sey mir gnädig, Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet meine Seele! -- wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und Deine Güte ist tröstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck --« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.

Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle -- wendete Fabia die volle Lichtseite ihres Charakters zu, und es wäre heilsam für trübe Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefällt, als diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft der Geduld seiner Frau in beständiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres Mannes, ihre klare verständige Handlungsweise lag offen da vor seinem mißtrauischem Blick; stets achtsam auf ihre Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit seine Gattinn alles Mögliche von sich forderte, und nicht viel weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch _widerwillige_ -- Zufriedenheit mit seinem häuslichen Glück ab.

Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den Rentmeister für längere Zeit unfähig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend ein. Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche, war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, und deshalb wohl geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich auch diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen seiner Pflege und seinem Beruf. Wir können uns nicht enthalten, hier zu sagen, wie wichtig es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre. Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch ein Gesetz der Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt werden muß. -- Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster Feind unsrer Fabia nichts zur Last legen können. Dies, wie überhaupt den reellen Werth seiner Frau, wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und vielleicht war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd -- so gar tief empfand. Das liebenswürdige Pflegekind füllte diese Lücke nicht aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn ihr Mann mißmüthig gegen die Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine Anklage für sie selbst enthalten konnten.

»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er dann wohl, »wie von der Sonne ausgebrütet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben und zu sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, der Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine Thräne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines Grabes.«

Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir mein Herz entzwei --« sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen, Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, etwa behaftet mit einem Fehl, oder erbärmlicher Art, dessen klägliches Geschrei Tag und Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu größerem Jammer bald wieder entrissen würde?--« Auch ein stummes, auch ein todtes Kind wäre ihm lieber als keines -- gab der Rentmeister in eigenwilligem Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner Frau zur Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener heidnischen Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter der Sterblichen Wünsche! --«

Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters gewesen. Später hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, daß dies ersehnte Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer Liebe -- so weit Fabiens Gemüth derselben fähig war, und der kränkliche Zustand ihres Mannes sie zuließ -- der Erziehung der kleinen Josephine gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte, ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schön; aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht werden. Dazu kam, daß ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein verdrüßlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung für immer verstört wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken -- war unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an ihre Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß ihm bei seiner Ortsveränderung dringend anlag, daß es ihm genügte, dies anvertraute Gut wohlverschlossen zu wissen. -- Einst aber sprang ihm das Kästchen ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von seiner Frau. »Den Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, »ich habe keinen je gesehen. Du brachtest das Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«

Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf den Schlüssel hatte schicken wollen, und er muthmaßte, daß es in der Verwirrung der Abreise vergessen worden wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß dieser den innenliegenden Reichthum sähe, dazu war der Rentmeister zu furchtsam. Ein krankhaftes Mißtrauen verursachte ihm und Andern gar manche unnütze Qual -- und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit einstweilen auf sich beruhen zu lassen.

Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bühle, die daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu, ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge Schlüssel in die Hände, darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des Unglücks in dem Gedanken, einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu versuchen, ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß widerstand dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, der nicht selten in Gestalt der Neugier den Menschen berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf -- und der Rentmeister blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet war -- und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist gewickelt, der Leichnam eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, so gewesen -- sah das winzige Gesicht unter einem tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein Mädchen zeugte. -- Ein schwach gewürzhafter Geruch war die erstickte Luft dieses kleinen Grabmals.

Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren Mann selbst erbleicht. »Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den Majoratsschmuck ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, daß ich dem Worte eines Wahnsinnigen trauete? -- Darum fand sich der Schlüssel nicht, und ich -- ich leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit getadelt? Du siehst nun, _wie_ vorsichtig ich war! --«

Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie stieß einen leisen Schrei aus, und stand entfärbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich. »Mein Herr und Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der Verstand steht mir still.«

»Der meinige ist hier zu Ende --« fuhr der Rentmeister fort, »Was soll ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mörder stemple? -- Ich habe nicht Lust, zum Lohne für Treu und Glauben auf dem Schaffot zu beschließen.«

Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach aus geängsteter Seele: »ach! warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies Behältniß öffnen? -- Das Kind läge fein stille vor wie nach, und wir wüßten von nichts. Das arme Würmchen! --« Und mit gewundenen Händen niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die unglückliche Albane wohl genagt haben mogte. --

»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst getroffen, als wie auf der Flucht -- der Sohn des Forstmeisters ist auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf wird seine Diener loben.«

»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf ihrem Leben gelastet hätte. -- Graf Frankenstern aber und der junge Romana müssen doch einmal wieder kommen. --«

»Die werden sich hüten --« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte -- ich meine den Grafen -- hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.«

Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! -- Sie selbst verstummte vor dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.

Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund. Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit offenkundig zu machen.

Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben einen Schatz -- aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz. Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten schaurig von den stillen Wänden wieder.

Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster, Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! --«

Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog, athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen, und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber fordert Kraft zur Ausdauer -- des Himmels Seligkeit, unser höchstes Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem Wehlaut. -- Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer kühnsten Plane -- so viel gelitten und nur Gott bewußt --: daß ein völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von mancher Seite erlösend für sie wäre. -- Auch waren Gründe dazu vorhanden gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt, der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange vorenthalten werde? -- Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen der Gräfinn ein Angriff. -- Sonach sey es an der Zeit, sich diesen Anmaßungen zu entziehen.

Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf, und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht -- und erröthend vor Freude, schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.

Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn. Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an seinen finstern Geist zu dringen.

Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.