Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 4

Chapter 43,470 wordsPublic domain

Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts von dem jungen Ehepaare gehört, ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn Albane gemeldet, und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. -- Ein wenig fraulich hatte Fabia sich doch verändert. Sie war hagerer als sonst -- die frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet, der um so schärfer hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. -- Doch ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, daß Albane kaum mehr zu kennen wäre. -- Sie saß an dem einzigen Fenster eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster war. Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blühten. Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm auf dem Gesicht der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit -- es war im August -- einen weiten Mantel von Seide. -- Dieser Anblick brachte Fabien um die ihr eigenthümliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. Wie war diese unvergleichliche Schönheit zerstört! welches verwahrlosende Geschick hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelöscht? -- Zwar hatte man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit der jungen Gräfinn gesprochen, und wie diese selbst für die Diener des Hauses unsichtbar würde -- die Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das Grab, das sie für ihren Liebling fürchtete --: aber diese matte Blässe, diese kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf ein beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des Körpers hin.

Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz im Busen der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses lieben Zuspruchs fragte. -- Darauf trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine blaue Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein großer Blumenfreund sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, die sich innerhalb der Glashäuser, oder im Bereich des Gartens überhaupt befinde, solle zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. Albane erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der zögernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung geheirathet. Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und begünstiget durch ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut und glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken, mit _jeder_ -- selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blüht --« hier stockte die Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer Vermählten im Munde der gräflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte die Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe der Liebe, worin Albane das, was sie dachte, verblümte, auf der schaamhaften Lippe eines Mädchens die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die günstigste Lage läßt wohl etwas zu wünschen übrig. Mein Mann ist brav, und hat mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. Freilich ist sein Amt verantwortlich, da der gnädige Herr Graf --« Albane nickte, und Fabia fuhr fort: »dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da verfehlt gewesen seyn -- damit hat eine Frau auch zu kämpfen. Er verbittert sich manchen Lebensgenuß, mein Vater spricht, es komme von einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab -- und der Himmel ist mein Zeuge! daß ich ihm gern die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er sich so sehnlich ein Kind -- und es wäre hart für mich, wenn dieser Segen uns versagt bleiben sollte.«

Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens auch aus der verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt, überschätzt wird. In diesem Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste Geizhals in einer ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.

Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe ab und zerpflückte sie in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine Weile mit Wärme fortgesetzt -- dann ging Fabia. Später hörte man von ihr und ihrem Manne, sie hätten ein Pflegekind angenommen.

Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewöhnlich allein. Sie war kürzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Gräfinn, die schwerlich zu völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in ihrer herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach -- sich die Thüren der Gruft eher öffnen würden, als die Pforten des Klosters. --

Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Gräfinn fragte nach der Ursache dieser Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige Schäfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach: »wenn ich das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber als Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar an Albanens Gemüth. Dort flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, und hielt das gefundene Lämmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust gedrückt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da sey, seine Miene lachte entzückt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben glänzte im Schein der sinkenden Sonne.

Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schönen Augen überfloß. -- Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen, und konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser einsamen Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre Wange erkalten, und stammelte, daß sie von einer jähen Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete dies holde, tödtlich erblaßte Gesicht wie mit väterlichem Mitleid. Er bat, die Gräfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine kleine Stärkung zu sich nehmen könne. Er bat so herzlich, daß Albane seine Güte nicht ablehnen konnte. Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt, deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene, unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. »Ihr Vater, liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, »dem die nächste Sorge für die theure Gesundheit seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut nicht fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache, auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung Vaterstelle an Ihnen vertreten! -- Was sollte aus meinem armen Freunde werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm sänke in das Grab? -- Und wenn das so fortgeht -- --« Sie standen an dem Hause, Albane drückte die Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden Gärten der Semiramis zu gleichen schien.

Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl zu erschöpft fühle, um diese mäßige Höhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch äußerte, ließ er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.

Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß zum erstenmale den Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. »Wie schön ist es hier! eine wahre Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden Wolkenschäfchen ätherisch versinnlichten.

»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich danke dieser Anlage manche Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an Gold mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben ihren letzten Glanz blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase wie ein flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter Größe mich beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln hinzu, »während ich mein Glück hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines tröstenden Freundes. Wäre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders -- er ist so wenig froh -- so würde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; und wenn ich des Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von _diesem_ Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.

»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß zu Wem er rede, »wie mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als bei dem Einen: dem Heiland? -- Wie still ist die Seele, die Ihn liebt! Sie geht geführt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen Wünschen, meinem Begehren; ich fürchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte, ohne daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, sie ist der Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser Glück zertrümmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen gehorchen.«

Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu entgegnen: diese Ruhe des Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl eine Frucht gereifter Jahre seyn.

Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt und sprach: »das wäre traurig, liebe Comteß. Dann wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind, und das Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind nur blind, bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefällt: er wird früh oder spät merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glück behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so wundersam beschaffen, daß, wo Niemand ihm streitig macht, was er besitzt, er, _er selbst_ es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das Juwel unserer Freuden fassen, sollen wir es tragen können.«

Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschüttert, und als er ihr das Brod und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als genösse sie das heilige Abendmahl.

Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und ahnete nicht, daß er die Seele der Gräfinn zerriß -- wie vielen Kummer ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trübsinn, durch sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« fuhr der Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als ob ein Bann ihn hier gefangen hielte, den der Herr lösen wolle! -- Was ihn hält und härmt: ich weiß es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten Freunde! --« Ein gekränkter Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust -- Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« fragte Romana bestürzt, »Sie weinen? Sie zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden Thränen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Füßen sinken. »Entlassen Sie mich --,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.« Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Gräfinn lehnte dies ab, und sich auf seinen Arm. Er führte sie sacht und sanft nach dem Schlosse, unwissend, daß er seine Schwiegertochter leite.

Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. -- Sie hatte den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen können, sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen. Nimmermehr, das wußte Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme waren im Geheimniß dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter dem Schutz der Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und bis dahin dauernd zu erhalten.

Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt etwas Widerstrebendes, ein geheimnißvoller Wille, nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein Geschlecht von ihm fordert, während der Mann, wo er im Kampf begriffen scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten Ueberzeugung gehorcht.

Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn stets furchtbar gewesen, und das Gefühl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung gesträubt. -- Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berührt -- er wußte nichts. Und wie mag ein weiblich Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und in nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das über der absterbenden Novize geläutet wird -- auf das Flüstern religiösen Zartgefühls hören? -- Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja selbst der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die heimlichen Entzückungen desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, daß es unentdeckt bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, das freie Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius der öffentlichen Stimme nach, nur ein kirchenräuberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren Lippen Weihe und Wonne. -- Als hätte eine schützende Gottheit einen Schleier über diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhüllt. Albane galt für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich ihren Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über jeden Argwohn erhaben; wie hätte man denken können, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des Glaubens entziehen, für den ihre Mutter gestorben? -- Das Bedauern für die junge Gräfinn war so allgemein und innig, daß man ihr jede Seltsamkeit nachgesehen haben würde -- und nachsah. Die Natur gab diesem Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum erstenmale, daß das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand, unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge den höchsten Segen des Weibes zu verheimlichen. Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert von der Welt, und in diesem Vorzug -- dieser Begriff gelte für jene Umstände -- fast einzig und allein in ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das blinde Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren des Arztes und die erfinderische Klugheit der Amme halfen über jenen schwierigen Zeitpunct wiederholentlich hinweg. -- So waren Jahre verflossen. Das Band dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, die tiefer begründet waren, als für ein sterbliches Auge einzusehen möglich, es war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, daß die furchtsame Besorgniß Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters kommen, allmählig nachließ. Sie ward endlich sicher.

Aber _die_ Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt -- ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, wenn sie es eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück däuchte ihr nur ein entzückender Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. Ihr ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen, was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer, seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. -- Ein kränklicher Gram zehrte an ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher Wehmuth, von trübem Grund der Seele, bedrängte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: »manches Herz geht _ganz alleine_ seinem stillen Kummer nach --« Albane verkannte, daß der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wäre. -- Geschah es, daß sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher, denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist. Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte all ihr Blut verströmen mögen, wenn sie eine Thräne ihres Kindes, _eine_ nur -- tröstend hätte wegküssen dürfen. --

In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich wenig zu besinnen wußte. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten Bilde zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender ihr Denken und Sinnen an sich. Einst führte das Bedürfniß innerster Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ. Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, und diesem Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in der linken Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten das Herz geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! -- Um den eingefallenen Mund schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die edle Frau die Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rührung an dieser Stätte der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend an ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, der den Frieden der Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den Schmerz der Leidenschaft als sündlich empfand. -- Fuhr die Gräfinn des Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Buße in die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr Gefühl war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben zu können an diesen Tönen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemüths ward es helle. -- Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen das Herz. -- Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem Blinden auf irgend eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer Sinn Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. So war Albane sich nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie in heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem größten nicht, sühnen zu können glaubte. -- Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das Herz der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, und lösete die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem Gedanken, den sie lange getragen.

Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er vergaß in der Heftigkeit seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare Trauring, war ihm eine Fessel, die er in männlichem Trotz abstreifen mögen -- er fühlte sich beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt zu versuchen.

»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte jenes Abends, an dem sie seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, nur die glückliche Liebe hat nie genug -- da dachte ich an Dich.«

»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte meine Liebe glücklich seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als dessen Ursache ich mich ansehen muß -- ich bin nicht im Stande, Dein Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen Vereinzelung: kein finstrer Gedanke würde Raum finden zwischen Dir und mir.«

»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine Frau, »gönne mir den Trost, das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist zart. -- Und damit Du das Wenige schätzen lernst, was Du an mir besitzest: so dürfte es gut seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in mich, den Vater zu einer Reise von längerer Dauer zu bereden, und auch Dir, mein Sylvius, dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«

Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jüngere Romana glaubte jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der Graf zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja, es war, als ob dieser Entschluß seine Kräfte aus ihrem lethargischen Zustande aufgerufen hätte. Er war zum Staunen der Seinen der besonnensten Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen Lichtblick benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten in drängender Eile.