Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.
Part 3
»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf die Gräfinn, »wenn Sie morgen -- oder übermorgen,« der kranke Blick ihres matten Auges verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer füllte den Moment, »meinen Mann auf einen halben Tag -- besser wäre freilich ein ganzer -- zu entfernen wüßten.«
»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält doch Frankenstern kaum mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer kleinen Reise zu bereden.«
»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte die Gräfinn, indem ein paar Thränen über ihre abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn, ich werde operirt -- das heißt, ich lasse mir die Brust ablösen. So begreifen Sie auch, daß dies meinem Manne verschwiegen bleiben muß.«
Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, sträubten dem Forstmeister das Haar. »Die Brust -- ablösen?« fragte er, und sein männliches Gesicht erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn unaussprechlich. »Und bleibt kein anderes Mittel?«
Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses letzte --« war die sehr leise Antwort.
»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme Gräfinn!« sagte Romana dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den Grafen abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr seyn könnte.
Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense des Todes dies Lächeln in ihre tiefen Züge eingeschnitten -- und dem Forstmeister blutete das Herz. Sie sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, was mir bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig haben. -- Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines Glaubens, Sie -- doch lassen wir das. Ich halte Sie für einen redlichen Mann, Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugniß empfangen, als dies. Er würdigte es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter Stimme und widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, daß Sie, unserer abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrängte Mutter dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß auf meinen Mann für diesen Zweck zu benutzen: dies würde mich sterbend noch erquicken.«
Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen, was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden müsse. So sey ihr denn ein Leben in Gott als das höchste Glück erschienen, dem sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger, um sich selbst zu retten, als ihr Kind. -- Die Gräfinn eröffnete nun dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem ungewöhnlichen Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit des Grafen hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,« setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode büßen: denn der Himmel läßt nicht mit sich spaßen. Ich bekam sofort Frost, die alten Schmerzen -- es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor. So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, daß meine Tochter durch Gehorsam sühne, was ihr Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht hindern, Romana? daß Albane --« weicher läßt sich nicht bitten, als es in diesen Worten geschah; die Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.
Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weiße, feuchte Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne daß er eine zusichernde Sylbe gesagt hätte.
Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne nach, ein Feind der Klöster, hätte die kleine Albane lieber heute schon einsperren mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der Edelstein eines Ordens würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten, ihren frommen festen Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Gräfinn von ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund eben so gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde -- und Wir wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgemäß behandle. -- Als nun der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor, begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der Gräfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden. Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der Gräfinn entmannte den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher Schärfe in die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben aufgaffte. -- Die Gräfinn verlangte mit erlöschender Stimme: man solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von übler Vorbedeutung: die Gräfinn verschied am dritten Tage. --
Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er klagte sich als den Mörder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich er die eigentlichen Umstände ihres Todes nicht kannte, und nur wußte, daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt hatte; die Wahrheit würde zu stark für ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn mit gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm kräftig bei; aber -- wie sind jene finstern Mächte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst entfremden? -- Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht, sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der unter dieser tiefsinnigen Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne dann früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung stürzen. -- Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, daß er die kleine Albane unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. Mit jener Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn, ob er auch unterdrückt wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der Graf, er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trüge, welche seine Albane genährt.
»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, »meine Tochter kommt einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was sie fordert, zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet -- es ist nichts zu tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts sagen, und Romana schwieg.
Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft durch ein verjährtes Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird -- so wie durch lange Trennung verinniget -- so spricht die Erfahrung dafür und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit, Lebenssinn, Erinnerung -- könnten zwar als eine feste Grundlage freundschaftlicher Verhältnisse angesehen werden, doch nicht unerschütterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die einzige Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth voll göttlicher Kraft der Liebe!
Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen Freunde entfremdet, und es war so unmerklich geschehen, daß ihre Seelen sich wie aus weiter Ferne kaum mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders von Seiten des Forstmeisters -- noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als der Graf sich in sich selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste, sein Kind ausgenommen -- gleichgültig geworden. Er vermißte Romana nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang saß er allein, und flüsterte so anhaltend, daß die Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß er gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimniß der Achtung, doch Jedem klar.
Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam beschäftiget. Er band die Blätter einer Espe mit grüner Seide an die Zweige fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger eingeschnitten, lag im falben Grase und glänzte in der Sonne.
»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, »was machst Du denn da?«
Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir die Blätter ein wenig fest, dies Zittern ängstet mich, so oft ich es sehe. Ich weiß, wie Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem unheimlichen Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann -- Dir will ich es wohl sagen, Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte Leichen -- manche haben ordentlich Physiognomie --« Der Forstmeister sah voll Mitleid in die seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er mit dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. Dieser Faden, Du Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen, das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Kränze von Laub und Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen? --« Er umschlang den Freund, und weinte vor großer Rührung.
So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick seines Töchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese zärtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene Frau getheilt. -- Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung, entwickelte sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, und welche Bonne bildet so gut als sie? -- Ihre Sprache hatte den reinen Klang des Gefühls, ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte weder die Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts heben, noch die gutmüthige Plumpheit der Amme unterdrücken können. --
Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete, sprach oft von seiner künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung für das junge Herz, und es mischte sich in ihnen religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes zu täuschen seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die kleine Gräfinn mit den Würden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein Bedürfniß, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das Verlangen und die Fähigkeit _zu lieben_. Während die Amme wähnte, sie baue möglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das Kloster verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstößlich gewiß, daß seine Tochter Profeß thun müsse --; doch den Zeitpunkt dazu glaubte er hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er selbst nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.
»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« fragte Albane ihn in bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fühlte dann selbst die Unmöglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu können. Mehr als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Gräfinn nicht, um an ihrem Ziel zu rücken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz wie den Schleier trüge, wenn sich nämlich ein Mann für sie fände, der sie nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte -- war der Graf in einen fürchterlichen Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes sterben, wie Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. »Es war mein Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; aber ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte wohl ein Vater sein Kind zu lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung des Lebens gälte? -- Aber es giebt einen Schlüssel zur Freiheit -- --«
Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. »Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe!« und Albane trug ihn in stiller Brust. --
Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundsätze beider Väter waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste Kraft diesen Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und fern von einander gehalten, sich innigst finden. -- Jener Arzt, der die Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beimaß, durch Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. -- Und wie das, was wir bewahren, wäre es auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen Werth für uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das Leben der Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, daß ein so schönes Kind dem Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er an diesem Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, ihm ihr jungfräuliches Herz zu öffnen -- und der Graf zeigte bei dem behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wäre, sich so erschüttert, daß der Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien -- es nicht wagen durfte, stärker in ihn zu dringen. So begnügte er sich, dem armen Opfer noch einigen Genuß des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Gräfinn es so ganz ohne allen Umgang aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jüngling der nämliche Fall sey; so daß Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und künftig -- rührte und regte ein Herz für die himmlische Schönheit, für das schuldlose Unglück dieses Mädchens an -- ein Herz, dessen heiße Sehnsucht ein langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild gewesen war, das sein Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. -- So war der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort verstreuete, dort eines, gleich dem Träger des Saamens, aus dem die Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das oberflächlichste bedeutend. -- Nicht leicht wird ein Mädchen dieses Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimniß manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe fürstlichen Besitzthums, war ein armer verstörter Mann, mit dem der geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. -- Seine Tochter hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrütteten Geiste zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glöckleins, was den Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die Comteß daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wußte Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, mit der jene Männer zu ihr aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln. O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den Funken des Geistes nicht verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum ist es unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter der verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben sind. Verstand und Kunst stützen zwar die Pfeiler, auf denen das Gleichgewicht der Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall.
Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsäglich schwer. Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst genüge, ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich weinte. -- Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages über ein, weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken -- so lauschte Albane, wie tief und stöhnend er athme. Ihr Blick hing bewölkt an seinem grauenden Haar, an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt -- und ihr Gefühl hatte keine Stütze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen Wedel von Pfauenfedern schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu, und einschläfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein träumendes Vergessen. --
Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, niemals! Auf der breiten steinernen Brücke, die zu seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte ein altgläubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch leer und öde, nur die Zeit wohnte darin, und nützte den Glanz der Möbeln nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen. Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die junge Gräfinn nie und nirgend etwas zu thun. -- Der Tag zu Bonna und seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und großen Pausen. Tanz und Musik, die kirchliche ausgenommen -- waren Freuden, welche Albane nur dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie wohl, die Horen mögten ihr die Pforten des Himmels öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. -- Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, der klingende Tropfenfall des Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde, dies Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen wollüstigen Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzücken. Einst fand der Graf seine Tochter, wie sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast geweint? Was fehlt Dir, mein liebes Kind?« Albane antwortete überrascht, »die Freiheit, mein Vater! ich fühle mich so beengt.« -- Es war einer der lichten Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wären, belebte und erhöhte sich ihr ganzes Wesen. In dem großen, kalten Schlosse war es wie Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen Gräfinn, sonst nur schwach gefärbt, war eine glühende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte sie nur, kein Unfall berührte sie mehr, alle Gesichter erheiterten sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit seines himmlischen Kindes auf.
Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere Anwohner dieser catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten jener religiösen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, den er mit der besonnensten Umsicht versah, war groß, der seines Familienlebens hingegen klein. Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewählt, eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, von dem kein Error zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. -- Die junge Gräfinn, obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrücken: einer höheren Hand -- die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre früher eine herzlichgeliebte Freundinn verloren -- unsere Leser kennen die Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft -- und vielleicht war es ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, vielleicht ein noch _innigerer_ Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der Ruhe und Rechtmäßigkeit -- wenn wir so sagen dürfen -- womit sie sich bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß auf Fabia zu setzen, und konnte sich des stillen Zugeständnisses nicht erwehren, daß, in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen sey. Ein _festes_ weibliches Herz, dachte die junge Gräfinn, wäre vielleicht ein größeres Glück als Eigenthum, wie als Geschenk -- und dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. -- Fabia sprach gelassen von der nächsten Zukunft, in der ihre Heirath vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das Größte wie auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen könnte, da sein Kind ihn verlassen müsse, um dem Manne zu folgen -- daß Albane auch dies vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt für eine Braut der Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart erfüllte ihr Herz -- eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht, und an das Künftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich so zu nennen -- man sagte die Comteß kränklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war beinahe von Niemand mehr gesehen.