Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 2

Chapter 23,668 wordsPublic domain

»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, und streckte seine Hand nach dem jüngeren aus: »mein einzig Gut -- Du bist wohl reicher, Frankenstern?«

»Ich habe gar keine Kinder --« antwortete der Graf schmerzlich.

»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der Freund, und es gereute ihn, voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort auch besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich für einen Crösus an Glückseligkeit gehalten haben.

Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die groß und schön, und sein größtes Glück geworden war. Er hatte mit ihr in Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten Kindes war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige Kaufmann seinen Familien-Verhältnissen gebracht. Seine älteren Töchter haßten den Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende -- es wäre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint.

»Mein Vater sehnt sich nach mir --« sagte Blanka mit thränenden Augen zu ihrem Gemahl: »ich höre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen. Jüngst träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, wir schifften still darauf hin -- und hatten uns verirrt: denn es war das _todte Meer_.«

Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank vor Heimweh werden könnte, machte er die Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht glücklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrückt; aber man hörte es doch, und auch wes Geistes Kind seine Töchter wären. -- Die Folgen der Seereise, erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf Blankas zarte Gesundheit, und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite.

Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verließ dies Haus für immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, lagen seine Augen, sein Blick war verstört, und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, war nicht mehr todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so daß auch dieser weltversöhnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.

Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. Er war sehr braun geworden, sonst würde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zügen -- aber sie _ruhten_. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut, der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, und etwas langsam und leise. --

Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, ob er sie auch sähe, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? -- Der Begriff der Zeit verschwindet, wo wir fühlen, daß die Freundschaft _ewig_ ist. -- Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thränen und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter, was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß sich für Diesen jede Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr. Entzückt führte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.

Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, die große Nachricht, die sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er ließ lange auf sich warten, endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren als eine Störung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht zu kommen hat: er muß auch zur _rechten_ Zeit kommen, und kein Mensch -- nur ein Gott kann diese wissen.

Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf das verschlossene Herz aus, dessen eiserne Bänder die Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir, Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen --« sagte er gebietend, und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nähe bedürfe, mischte sich etwas von dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren vermöge. »Dein Sohn --« so fuhr der Graf fort, »soll wie der meine gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn hustete leise, und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine Frau gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden Freund, sie nicht beleidiget hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob Geist des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit, eine ähnliche Macht auf ihn geübt, und ganz nach Art weiblicher Eifersucht, nahm sie dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen -- was immer anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte in der Aeußerung des Grafen ihr neugebornes Kind -- und ein leiser Widerwille gegen diese Fremden schlich wie eine Schlange über ihr Herz. --

Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber -- nicht im richtigen Verhältniß zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete der Graf, das Kind werde wieder sterben -- oder er schlug als ein seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben überhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mäßig.

Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit schwerem, verschwiegenem Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich täglich mehr verhärtete.

Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden -- hatte der Graf flüchtig hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Gräfinn: »ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier: so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Gründe.«

Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte sie durch Laune oder Eigensinn seine Handlungsweise bedingt -- er schwieg, aber er wagte nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen.

Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle, mit edler Selbständigkeit fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen, Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern wie Dir selbst zu nützen: so hast Du mich.«

Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend, wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste nicht! durchaus verträglich wäre.

Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte es diesen ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Höfchen stand. Ein klares Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. Es waren Spuren da, die es wahrscheinlich machten, daß der Bezirk dieser Stelle einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er mit glänzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch Dir zuvor und gewiß am rechten Ort -- ein Bekenntniß ablegen, nach welchem es sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter ziehen muß.«

Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm, daß Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren vielleicht Ritter vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt habe, und der eifrige Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey, die das Lamm verehrt, was der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von schwärmerischer Anlage der äußersten und entgegengesetzten Richtungen ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wundergläubigkeit wechselte nur ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner Abkunft und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das Evangelium gepredigt. --

Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile. Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfänglich, um die neue Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen und Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig ein Häufchen der Stillen im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben, deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schätzte. Und so sagte er: »was ich höre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art Religion -- und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife, wie es möglich war, daß Du -- ein Abtrünniger werden konntest. Ich halte Dich für einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. -- So eben dachte ich, wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.«

Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, antwortete Romana: »_weht_! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu der verwandten Blume trägt.«

Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert arbeitsame Hände förderten den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter, völlig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse führe, wovon die eiserne Gitterthüre am Brunnen der Ausgang wäre. Dieser Fund war für den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, seine Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen mögen, und am liebsten für immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang mit dem Freunde stände unter unsichtbarem Schutze, »so können wir ungehindert und selbst zur Nachtzeit zu einander kommen. --« Aber der Saamen des Geheimnisses trägt selten Früchte für das Licht.

Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als Schutzwache davor, und leise rieselte das Wässerchen unter der marmornen Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu sprechen kamen, Einlaß suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den mäuschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde ihnen einmal eher aufgethan werden.

Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines Freundes geträumt: so empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte. Er sah ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener innigen und beglückenden Freundschaft gewesen wären. Wirklich hatte Romana sich sehr geändert, und war ein wenig kopfhängerisch geworden; der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft hätte. Romanas Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie hielt --; aber es war ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht zuließ. Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von fern diesen Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur _eine_ Stelle weiß, welche geschont werden muß! --

Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, durch das Gefühl, verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch der Unglückseligste hat noch _einen_ Freund: den Tod! Graf Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die öde Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wünschte, stellte ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen, der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der breiten Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen das Glück suchen. Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn und seine düstern Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen Lebens aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und weiß, zu seinen Häupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf so leise war, daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er würde lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel genommen haben, er sprach freudig von seiner Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über seinen Freund.

Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablässig beschäftiget. Das Bewußtseyn, durch seine eigensten Kräfte zu nützen, hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte, täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel dazu aus sich selbst zu schöpfen.

Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie mit Fleiß. Er war thätig von früh bis spät, und der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß Arbeit des Blutes Balsam sey -- bewährte sich an ihm: er war sehr gesund. Er trieb viel Mathematik, und flößte seinem Sohne Lust und Eifer für diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben von Gefühlen, denen die Einsamkeit Nahrung giebt.

Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen Freund wiederfinden ließ, schnell und sonder Gefährlichkeit von einer Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte ihr das Leben leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich erschöpft.

»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren --« sagte die Wärterinn nach einem Blick in den Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles rückgängig werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten in einer andern Furcht.

Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön an der Brust einer derben Amme. Keine Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in der Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brüder -- was sie nach kurzer Zeit mit tausend Thränen zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die Gräfinn erholt, und war auch bei wiedererlangten Kräften, und ihres Anlasses zur Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben.

Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei seinem Freunde im Schloß befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft seines Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle --« sagte Graf Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewißheit an, den Vater des künftigen Forstmeisters zu überleben.

»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht er in die weite Welt.«

»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit Vorwurf, »Du willst doch nicht, daß er ein Glücksritter werde?«

»Warum nicht? bin ich doch auch Einer --« sagte Romana, und lächelte wie ein Eremit. »Sieh lieber Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen für sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhältnisse einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der Mann ein Mensch und lernt brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt mir etwas Göttliches --«

»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach ihn der Graf, »und es liegt in der Natur, daß man sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit vor.«

»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee?« wendete Romana mit erhöheter Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können. Wäre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen: so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer, um die Heiden dem Erlöser zuzuführen und versänke: ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im Aufgeben, Freund, liegt das wahre _Haben_, und das Geheimniß ewigen Gewinns. Wie ärmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als daß man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana verließ ihn.

Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn in das Zimmer ihres Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das volle Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grübchen geformt, lag schützend auf der linken Brust der Mutter.

Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich sacht diese kleine Hand, und das Mutterherz darunter schlug stärker. Vielleicht ward in diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer stillen Freude, daß dies sein einziges Kind eine _Tochter_ sey. Zum erstenmale äußerte er, wie glücklich ihn der Besitz des Kindes mache, und daß es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch sehr besorgt gewesen.

Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: »es könnte seyn, daß ich mein Leben um einen Preis gerettet hätte, der Dir mißfällt.«

Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah seine Frau forschend an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein schadhaftes Fleckchen in der Brust verspürt, was ihr dann und wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn) fürchten müssen, den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt fassen könnte. --

Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blässe des Grauens. Er sagte: »gut, daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich von Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, »wie tausend Dinge, stumpf für den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren! diese Vorstellung zum Beispiel -- durchdringt mich entsetzlich.« Seine Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner Seele.

Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut -- gewiß hätte sie es sollen. Sie sprach: »in dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der Himmel und würde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie für eitle Wünsche heben -- nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht lange, so genaß ich an einem simpeln Umschlage.«

»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach, »Albane -- eine Klosterfrau?« Die Mutter nickte ängstlich.

»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr nicht härter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Gräfinn weichmüthig: »Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter kommen an fremde Hand -- Anverwandte haben wir nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter, giebt ihr Schwestern.«

Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft.

»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend, fort, »dort würde mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. -- Sage, was fehlt einer Braut Christi?«

»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern und deutete auf seine Kleine, »eine Brust, daran solch ein Kind erblüht, kann viel verschmerzen. Ihr seyd zu Müttern geboren. Und -- daß ich es nur frei gestehe -- ich mag die Klöster nicht leiden, und es wird einmal aller Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin untergehen?«

»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob ihre Augen thränenschwer zur Höhe, »warum bin ich nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig, daß des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst wankte.

Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte er: »Du wirst glauben, daß mir Dein Leben über Alles theuer ist! nur _den_ Beweis fordere nicht, daß ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind geopfert wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in einem Zustande, der keiner Zurechnung fähig ist. -- Nöthigenfalls würde Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht, über das Schicksal eines Menschen also zu verfügen, auch einer Mutter zusteht, und meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne Jeder sich selbst entbinden.«

»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, »es ist _sein_ Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.«

Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Gräfinn fühlte einen tiefen körperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten zerrissen. Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett legen. O! daß die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wächter ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor genesene Brust. Es half nichts, daß die Gräfinn ihr erneuetes Unglück siebenfach verhüllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war ihr nichts mehr werth.

Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, Güte und Liebe in dem Charakter der Gräfinn Frankenstern würde nicht zugelassen haben, daß sie in grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer Rettung gemacht hätte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn wir bemerken, wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen -- welche oftmals das Schwerste über ihre Kinder verhängen. Hier war es ein Schleier, und den zu tragen hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im Gefühl _ihrer_ Ehe, _keine_ für ganz glücklich, und verwechselte ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die vollendender wäre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein höheres Glück erreichen sollen: so war der Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter würde werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen, ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse -- _klein_, im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die mütterliche Ahnung, welche die Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen. --

Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Gräfinn berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und Schwierigkeiten, daß er sie erfülle: denn der Graf mußte umgangen werden. -- Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Gräfinn war in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wußte.

»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!« redete sie ihn mit jenem rührenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto stärker ans Herz dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie könnten mir einen großen Gefallen erzeigen.«

»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, und das Mitleid mäßigte diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, »gebieten Sie doch über mich!«