Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 14

Chapter 143,642 wordsPublic domain

Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den Kopf, lächelte weinend und verneinend und sprach: »der Himmel sey mein Zeuge! ich zürne Dir nicht. Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen ist unmöglich, des griechischen Sängers Gattinn verschwand vor einem Rückblicke. Ein erstorbenes Gefühl läßt sich nicht wecken -- und jenes, mit welchem ich mich die Deinige wußte -- ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch -- Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben. Mache kein so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? -- Die Ehe ist ein Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen müssen Diejenigen ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, ohne höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. -- Wir versöhnen den Himmel durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu können, als das Band der Stola uns zusammenfügte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius! in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt -- mich allein. Still, mein Freund! ich glaube Dir. -- Der Majoratserbe überläßt mir das kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. Gönne es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude _meiner_ Liebe. -- Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne Gemahl -- wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil jener früheren süßen Täuschungen wird mir wiederkehren, der Traum Deiner Nähe wird mich begleiten und beglücken, und so werden meine Tage gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem Kreuze, welches dort die Wache hält.«

»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem Schmerz, »Du reißest mir mein Herz entzwei, und ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes würdest?«

»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger fragen --« antwortete die Gräfinn bedeutsam. »Sieh es doch ein, mein Sylvius, es geschieht zu Deinem Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere. Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut. Nur auf _jene_ Weise können wir vereint seyn -- sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und so oft ich die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde mein Herz bluten.« -- Und Wer mögte sie zählen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen wähnte? -- Doch nur ihre abgehärmte Wange war geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung des Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer ausgelöscht werden könne. -- Und während eine unsichtbare Feder in der Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er mit überredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an Josephine, und wie das Verhältniß des Mädchens sich bei dem Zwiespalt der Eltern nun gestalten solle? --

»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender Miene, »auch die Mutter muß büßen, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als ob das liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst gebildet hat, daran glaubt man ein Recht zu haben. -- Josephine scheint sich im Stift sehr glücklich zu fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle letztere Zeit zu befangen, als daß ich sogleich das Beste ausfinden könnte; aber Gott wird Alles zum Guten leiten! --«

»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist --« entgegnete Sylvius, »so dürfte meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich Josephinens annehmen, da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« -- Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lächeln. Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens Glück mehr als das meine -- _darin_ fühle ich mich wenigstens als Mutter.«

Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies Gespräch bis in den dämmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen, als sollte sie ihn halten, so hatten sich während ihres trauten Zusammenseyns abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen leise wieder angeknüpft: denn der Geist der Liebe -- auch einer abgeschiedenen -- webt geschäftig.

»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden --« sagte Romana mit einem Ton, der diese Versicherung beglaubigte, »meine Füße sind wie Blei, und versagen mir ihren Dienst -- und das Herz ist mir noch schwerer. Darf ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah sie dunklen Blickes an.

Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete: »wenn es Dich trösten mag --: so sollst Du mir willkommen seyn.« Darauf faßte er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte -- er ergriff sein einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte Hoffnung zu fassen wagt, und fühlte einen leisen Druck der seinigen. Dieser elastische Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein von seinem Herzen, von der Thür der begrabenen Liebe -- und ein Engel des Trostes, mit Flügeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen, ging daraus hervor.

* * * * *

Der Administrator stand in vollem Anzuge vor dem Spiegel. Er wollte nach Bühle hinüber fahren, und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien. Vielleicht hätte das Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das Zimmer war voll Sonnenglanz -- Herr Prälat aber blickte auf keine Weise verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an, welche auch ein mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit tadellos gefunden haben würde. Er schaute vielmehr über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die Wahrheit eine Gestalt gewinnen -- und seine Finger knitterten noch an den Fältchen der feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah, und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe, die er sich gab, nur an die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem Katheder. -- Doch plötzlich schien unser Professor der Psychologie sein Studium zu wechseln, daran zu erkennen, daß er die Farbe wechselte, und daß ein so entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen Stern aufgehen sähe. Und wirklich war dem so. Die Thüre ging auf, und im Hintergrunde des Spiegels -- als hätte, Der hinein sah, eben eine Frage an den Himmel gerichtet -- erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem Glanz jugendlicher Schönheit, erhöht durch einen Schimmer überirdischer Freude, den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte -- verschwand Alles.

»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator mit dem hellen Laut wonniger Ueberraschung, »wo kommst Du her? eben wollte ich nach Bühle.«

Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen -- und onkelhaft dreist küßte er die süßen Lippen. -- Dieser Kuß -- die glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mädchen der Sprache. »Ach! könnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier bin!« sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, »Seit ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich quälte die Mutter -- sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses -- sagte ich -- da mußte sie endlich meinen Bitten nachgeben.«

Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!« sagte er gerührt. »Also hält die Gräfinn doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme Albane lag. Nein! nur eine leise Verwunderung, daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn für das Schickliche gefunden würde.

»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu, »daß ich nicht zögern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach angethan -- nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht zurecht kommen.«

»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und schickte sich an, nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön gerathen. Dieser Zipfel hier, nimm es mir nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze des ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. -- Ist es denn so schwer, solch ein Knötchen zu knüpfen?«

Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das Licht, welches dem Administrator während dieser verfänglichen Minute aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände an Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bänder ihres Hutes bewegten sich unter _seinen_ tiefen Odemzügen -- _ihr_ Athem spielte fühlbar wie ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm ums Herz. Er ließ sie zierlich gewähren, und verhielt sich schweigsam und lauschend.

Die magische Schleife war nun geschürzt -- legen die Grazien jemals eine Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden. --

»Auf _bindende_ Künste --« äußerte Herr Prälat etwas gepreßt, »versteht Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe -- heirathe mich, liebe, theure Seele! --«

»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfräuliche Wange glühte zwischen Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für einen Scherz.

»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener heftig, »diesen Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied unserer Jahre durch gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! -- Ich dachte immer, Du wärst mir gut -- so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang -- und Alles bliebe beim Alten.«

Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte: »wenn es wahr wäre -- o Gott im Himmel!«

»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im gefühltesten Entzücken dieser Versicherung, und drückte das holde hingebende Wesen innigst an sich, »ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte es nicht räuberisch an mich reißen, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken -- oder versagen. Wer weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich -- oder was Du sonst an mir etwa auszusetzen hättest. Mir hast Du nur Einen Fehler, meine süße Kleine! -- Du bist noch sehr jung -- aber ich finde Dich gewachsen. --« Er lächelte wie ein Liebender, indem er den schlanken Wuchs des Mädchens mit einem langen Blicke maß -- »nicht nur wirklich ein Stückchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau völlig gewachsen.«

In reizender Verwirrung antwortete Josephine: »es mag vielleicht geziemend seyn, daß ein Mädchen an sich hält: ich gebe Dir mein Ja ohne Weiteres. Wen könnte ich lieber haben? -- Alle meine Wünsche sind erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst ganz, wie unglücklich ich geworden wäre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer verlassen müssen! Jetzt bin ich Dein! --« Sie warf sich mit dem Ausdruck der liebevollsten Hingebung in seine Arme. -- Er umpfing sie jauchzend, und der Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen, in dem einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie im Himmel giebt. --

Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Gräfinn, noch an Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wörtchen dazu sagen könnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht, welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen läßt, wenn es unser Herz etwa wie ein Pfeil treffen könnte. -- Auch Frau Fabia entrann auf leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte. Josephine flüchtete mit ihrem Glück in das Betstübchen der Nonne, und legte das Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare nieder. -- Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nöthig gewesen, brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. »Hätte ich doch nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit, in welcher auch die schüchternste Verlobte sich dem ausschließendsten Vertrauen annähert, woran der Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal Gott danken würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir so. Ich konnte kein Auge aufschlagen -- Fabia hat mir die heimliche Braut ansehen müssen. Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir weniger.«

»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche Eidam werde der Gräfinn genehm seyn? -- wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist, Josephine! --«

Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und sprach: »Du kennst die Mutter nicht, mein Freund! -- Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und Eigensucht -- Fabia hingegen --« Josephine flüsterte diese Worte, »neigt ein wenig zur _Eifersucht_, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn: denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wäre ich nimmer nach Sanct Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen, daß ich die theure Albane nur einmal lächeln sähe.«

Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand.

»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden --« gab ihm jener zur Antwort, »Du nahmst mir einmal die Braut -- gieb mir Deine Tochter zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger, sondern schulde Dir zwiefach.«

»Wenn dies Dein Ernst ist --« entgegnete Herr de Romana, »so nimmst Du einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge gewesen, das Mädchen werde die Jugend hinkümmern, bei der traurigen Mutter, und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung des Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du Josephinens Neigung auch gewiß?«

»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd, »so gewiß man irgend einer weiblichen Neigung seyn kann. --« Ein leiser Seufzer verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung.

»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster werde mich schützen, das Invalidencorps -- und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich gesegnet. -- Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen glücklich machen können, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich auf der Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschöpft, Witz und Phantasie und Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.«

Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: »aus welchen wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische Regungen der Freundschaft für Dich, nur zarter -- mich zuerst an das Mädchen knüpften? die magnetische Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt, läßt uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war. Was mich ferner mit zärtlicher Innigkeit für das Mädchen erfüllt, ist nicht die holde Bildung allein, sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch sehr achtungswerth.«

»Und das mit Recht --« erwiederte Sylvius. »Sie gehört meines Erachtens zu den unerkannten Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für eine Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich schätze Fabia sehr hoch.«

Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt, ohne daß Herr Prälat einen Augenblick finden können, in welchem seine Schwägerinn zu sprechen wäre. Frau Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt, so daß sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer Miene ließ ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner Häuslichkeit geschehen mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend -- und wich ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment und sprach: »gönne mir ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.«

Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt hatte, leise los, setzte sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, daß man sich nur auf flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und sagte: »nun, so lasse doch hören, wie _dringend_ das sey, was ich vernehmen soll.«

Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wußte nicht wie? -- Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurück. Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich -- daß Josephine --« Fabia lächelte, ihre Gesichtsfarbe war blässer als gewöhnlich. Sie sprach: »das käme zu spät, Freund -- die Gräfinn hat mir diesen Morgen geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den Wunsch, daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während Fabia diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lächeln ihres Mundes in Wehmuth, in _Wermuth_ -- und ihr Schwager, erstaunt über die Taubenpost der weiblichen Mittheilung, fühlte ein heißes bitteres Aufwallen in seinem Herzen, über das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir. Glaube nicht, daß ich Dir zurückhaltend eine Absicht verschwiegen -- ich bin mir keiner bewußt gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete, Josephine werde als mein Weib mich glücklich machen. Und wenn diese Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das Mädchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem Glück. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben -- nicht? --«

Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein, Bruder!« antwortete sie mit jener Besänftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das würde nimmer gut thun. Das taugt nichts -- würde der Major sagen --« Fabia lächelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich. »Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten Segen. -- Jenes Geheimniß, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gelös't -- Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? -- Dein Herz hat an Einer Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring. Ich werde mit der Gräfinn ziehen. Die arme Albane wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig, daß ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben.«

Der Administrator stand stumm und sah zu Boden.

Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: »wir wollen nach Bonna. Dort hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie schwerlich tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls, Heiland genannt. Dort ist mein Platz. _Hier_ würde ich überflüssig seyn, das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten Tagen einen Theil der Jugend zurück. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben -- und den Garten des südlichen Daches pflegen, den der selige Oberförster Romana angelegt -- die Sonne mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. -- Ich bin alsdann -- Du weißt es -- an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf meines Zions Zinnen.«

»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rührung bewältiget, »besinne Dich anders -- bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehörst zu meinem Glück. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als daß sie Deines Rathes nicht wohl entbehren könnte.«

»Sie hat _Dich_!« entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles Weitere behob, »und also den Rath und den Helfer dazu. Und was wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.«

Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine _Frau_, und nur ein weiblicher Engel würde es verschmäht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu machen. Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet, den wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf der mängelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in _getragenen_ Tönen ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.

Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß seiner Schwägerinn nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen. Seine brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ ihn nicht ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre.

Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß widersteht, der sich ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. -- Die Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn selbst können sie beschworen werden. --

Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen genommen, Recht hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit, Josephinens schüchternen Versuchen, als Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit zarter achtsamer Sorge um sie sey -- und wie es in der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens Character liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht, was Dieser geschehen; -- aber dennoch gestaltete sich dies Verhältniß nicht nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob eine Flamme sich trenne. --

Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein achtungsvolles Gedenken mit hinweg nähme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht dafür, daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. -- Aus der Ferne kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um nicht viel später anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im Herbst zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjüngte sich vor Vergnügen. Er hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt, denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte, und -- Alles taugte ihm. --

Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub über Winter. Vielleicht wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen, womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wäre. --

Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich des Amtes der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides geführt, gab diesem kleinen Act etwas Feierliches.