Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 13

Chapter 133,625 wordsPublic domain

»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen Thränen, »kann man leichter und schöner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir, und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« In zerrinnenden Bildern sah Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: »schlummre wohl indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die Nacht, und ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. -- «

Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater unter einer Esche verschieden wäre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und schmerzheilende Kraft zuschreibt. --

Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene Gruppe noch unverändert. Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die Gräfinn erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur in der Nähe des Todes empfindet, und auch Josephinens blühende Wange war sehr blaß. -- Auf einen Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit seinem stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse getragen. Hier ließ man die Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf daß es hell würde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch bei ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf liegen. Hätte der Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache würde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge warf, blühete ein glimmender Brief -- dies Auge aber war geschlossen, und las keinen mehr. Es hatte sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes.

Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des Tages erbleichte das nächtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete sich mählig über den Leichnam aus -- da verließ ihn die Gräfinn unter den Flügeln der Morgenröthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre erschöpften Kräfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu versuchen, ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre Pulse klopften wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ängstlich unter dem weichen Sterbepfühl ihres Großvaters.

Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne Geräusch vollbracht, und dann -- da kein eigentliches Familienbegräbniß in Bühle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt, ihr Eigenthum. -- Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung zu später Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem düstern Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt, fielen Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem Stifte gesprochen. --

* * * * *

Nachdem der Administrator seiner brüderlichen Pflicht vollkommen und nach bester Einsicht genügt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment seines Lebens nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brüder waren nun beide todt. Die Beschäftigung mit den Papieren des Jüngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn jemals fühlen lassen, daß sie ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit mit hinweg -- er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche länger als zwei Jahre in häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine Auflösung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie vielmehr enger zieht. Auch hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein für weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne Plural. --

Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thränen Prunk zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf des Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem Wunsche, das Leben möglichst zu genießen, und kaum die Blöße der flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. So hatte die schöne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, daß sie, sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des Glückes Fülle verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche unser Geschlecht in den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt, verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft leistete, und sprach nur von den soliden Eigenschaften des künftigen Gatten, von seinem Erbvermögen, was sie über jeden Mangel hinwegsetze und sicher stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche zunächst auf dem Grade ihrer eigenen Zuverlässigkeit beruhete.

»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie zum Facit der aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr schönes Gut vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. Dann lebe ich den Sommer über hier, glückselig wie eine kleine Fee in meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, auf halbem Sold ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. -- Sieh! so geht bei uns das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen Tauben zu.«

Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen Munde, dem er so oft ein willigeres Ohr geliehen -- und sprach jetzt wie von einem plötzlichen Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine Tauben vor den Wagen der Liebe, und sorge, daß ihrer keine der Geier hole.«

Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist Du mir böse, Cölestin?« fragte sie, scheu geworden, »und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht gut?«

Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität gegen den Nachfolger seines Bruders, und sagte dann: »wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du bist ein Weib! --« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien, die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. -- Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen Frau von Feldmeister; Theresen aber schossen ein paar warme Thränen in die Augen.

Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie ihres Geschlechts, den Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrübte, und sagte, als diese weinte: »das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist, hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen aber fiel der Taufstein auf das Herz. --

Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, seinen stillen Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht der Bruder ihres Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß ein mitleidiger Tod den armen Constanz einer schlimmeren Verkältung entrissen. Er dachte an die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der pflichtgetreue Sinn einer Frau wohl die Gabe aufwöge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer Schwägerinn tief in der Wagschale. -- Doch man vergesse nicht, daß Therese _abwesend_ war. --

Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor der Zeit ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage in dem letzten der drei Brüder entstehen: von welchem Geist und Wesen _sein_ Streben sey? Er stieg bis in die Gründe seines Herzens hinab, und was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. -- Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen; aber der Glaube an diese göttliche Kraft stand noch fest, und die Freundschaft unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. Die Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte seinen Freund Sylvius außer sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung verlassen müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber nach, was aus diesem ganz einzigen Verhältniß nun werden solle? -- In den zartesten Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glückes davon ab -- und nicht der kleinste.

Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct Capella an, und das Erste was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser desselben erschrak über diesen Verwesenden; denn daß Gräfinn Albane nun wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die natürlichste Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie in eine Einöde. Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so war es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht ganz allein wäre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator stattete Bericht ab, jedoch in Kürze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen, querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergänzen, wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, daß ihr Wissen, wie das unser Aller, nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica, die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne selig, aber von der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. --

Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der Krankheit und über den Hügel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger bei dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was auch zu diesem gehörte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise so wenig als möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen dieser Ehe das Prognosticon.

Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, und ich gönne es ihm von Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein ehrenwerther Soldat -- doch mag er sich in Acht nehmen, daß er nicht zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein Schicksalszeichen -- und die verfängliche Devise nicht immer von Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. Eine gefährliche Masse, das! man macht auch kleine Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir eine merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, ließ ich einst zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlüpfen, worin solch ein gehörntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die geschmorte Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen Pflaumen hinein, und that wie zu Hause. Ich aber aß den leidigen Satanas wie zur gesegneten Mahlzeit, und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die Zunge geritzt hätte.«

»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit frommen Schaudern vor solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es möglich, daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der Major lachte und sprach: »Was verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! -- Mein Vater tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die Mama kochte ohne Unterlaß Milchbrei, den sie mit mütterlichen Thränen salzte. -- Aber um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben nicht versalzen mögen.«

Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese lässet ihre Lindigkeit kund werden Jedermann -- und das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwägerinn sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem sie doch verständlich genug andeutete, daß Coquetterie und Mangel an Häuslichkeit, diese Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich werden könnten. Und wie in unbewußter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen. Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergällt ihrem Manne jede Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! --« »Ach!« entgegnete Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem kühlenden Seufzer, »Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man -- soll es da oder dort so seyn. Die Frauen, hörte ich, trachten nach eitlen Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein -- wenn es nicht etwa böser Leumund redet -- sind ihren Müttern häufig eine Nebensache, und öfterer lästig als lieb.-- Ich bin nur eine Jungfrau -- aber daß mein Geschlecht dahin entartet wäre, scheint mir kaum möglich. So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Männer die schönste Gelegenheit links liegen lassen, das göttliche Gestift des Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere Frauen fleißiger den Himmel bauten: so würde sich seltner ein Stein des Anstoßes für das Heirathen finden.«

Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drückte sie etwas derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstände: da wäre die Loosung: Ein Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! -- Dem Himmel sey's geklagt! es lautet anders -- und tiefer besehen, denken sie nur an die Grube. -- _Sie_, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen. Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht haben, sondern auch _gut_.«

Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica durch die blasse Tünche des Alters so jungfräulich schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer zartesten Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Spätrose abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach: »an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige Segen tragen. Auf welches Fundament werden sie gegründet? -- Ich erinnere mich, daß meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen französischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Bräutigams in der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprüchelchen im Munde führte, wovon ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um der Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht -- wobei der Onkel, wenn er guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit darauf reimte: _gerathen_ -- _nicht!_ -- Zwölf Aussprüche enthielt dies psychologische Orakel. _Zwölf?_ lieber Gott! das sind falsche Apostel. Legion heißt ihre Zahl, und dann wäre der Einzige noch nicht darunter, auf den sich bauen läßt: _wahre Liebe_!«

»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das leise Spottlächeln, welches ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes Wort mit der Andacht des Gefühls ausgesprochen -- hohnneckte. »Es ist damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie Viele bekennen sich bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Männer besteht aus heimlichen Mohamedanern -- getaufte Weiber in Massen sind dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das Judenthum vor, und der Erlöser wird da tagtäglich gekreuziget, so daß ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«

»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf die Nonne, welcher es leise beängstigte, so oft ein religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht ward, »der sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und doch weiß ich von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben seligen Frau geführt haben, wie man diese allgemein als eine ganz vortreffliche Dame gerühmt -- der Meriten ihres Ehemannes zu geschweigen.«

Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte wie der Gerührte unwillkürlich annimmt. -- Die buschigen Braunen des Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, daß, wenn jene Erfahrung meine eigene wäre, ich sie ausgesprochen haben würde? -- Meine Frau war gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es gewesen. -- Doch deßhalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott besser's! es ist an der Zeit.«

Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. Fabia, verstimmt durch die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht minder als der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort mehr gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil schien ihr eine Geringschätzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey. Sollte dies jedoch geschehen: so mußte er die treue Fabia vermissen. Und indem der Major davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden. Sie legte in gekränktem Geiste das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete nicht, daß diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen leisen Schritt vorauseilte.

* * * * *

Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der das Heil seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine Frau ihm angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hülfsmittel in Bewegung. Fabiens Zureden schürte den Funken, der in der Asche glomm, worin Albane büßte -- und Josephinens rührende Fürsprache gewann endlich ihrem Vater die heißersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine Tochter dergestalt erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen mußte, werde drein gehen. Und so war der Entschluß dazu gleichsam ein Abschluß aller bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um Josephinens willen.

In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl in Bühle erwartete, saß sie am offnen Fenster und allein, von jener säuselnden und summenden Frühlingsstille träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens, aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle der Vergangenheit beschwört. Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm entgegen. Jetzt hörte sie seinen Schritt auf der Treppe -- sein Näherkommen -- Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht, seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen: dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine Empfindung, über welche er sonst Macht geübt, konnte ihm entweichen. Er trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermögend sich aufrecht zu erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre stehen, und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt, welche sein gewesen war -- und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen. »Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen rollten über seine Wangen, »bin ich Dir gar nichts mehr? --« O! welch ein Zauber liegt in der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! -- Solch eine Stimme enthält den Schlüssel zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann, ob sie durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu einem Mißlaut für die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenröthe der Jugend einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt von menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der er die Geliebte einst bewegt, daß ihr unsterblicher Antheil der seine würde. --

Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lächeln der Verzeihung, der Abgeschiedenheit -- wenn wir so sagen dürfen; es war das geistigselige Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte, die so wenig eines Lautes mächtig schienen, wie ein körperloses Wesen der Rede fähig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und sprach mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es besser gewesen, wir hätten die _begrabene Liebe_ früherer Jahre ruhen lassen --; aber, da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden gereichen, daß Du mich sähest, so komm doch näher und laß uns freundlich zusammen sprechen!«

Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. Was ist das _Zürnen_ der Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! -- Wir bemerken dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich war, ihr Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas Anderes zu fassen, als jene Erinnerung.

Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Daß Albane jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt entgegnete er nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann, daß ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht weniger schuldig finden, als Du wähntest, und mindestens -- wie Dein Gefühl auch entscheide -- mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig an!« Hierauf erzählte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schütz, einfach und wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles und Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung dienen können. -- Diese Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen, erschöpft; und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt nun Alles -- und doch auch _Nichts_: denn ich kann Dir nur die _äußern_ Beziehungen nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und weiß, daß ich Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben werde. Wäre es Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? -- Dein Vater ist nun todt. Was hindert Dich noch, für den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, und -- lass' mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres Kindes? --«