Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 12

Chapter 123,653 wordsPublic domain

»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat lebhaft und mit Wärme: »_Du_, Fabia! unbeschadet des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, dünkt mich, auch ein Wort dagegen zu sagen, daß das arme Mädchen in jener unheimlichen Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt -- es wäre auch hart für den armen Sylvius, wenn er ihre Nähe -- dies einzige Glück, was er ohne Vorwurf genießt -- einbüßen sollte.«

»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit kranker, krampfhafter Stimme, »mein Kopf glüht und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«

Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück und berieth, auf welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den Freund beschränkt werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten wegen auch nicht geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche zu wanken. Mit diesem wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. Ihm selbst kam und verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frühlingshell und heilig erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor, und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Kräfte. --

Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. Gesammelten Geistes hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine Abreise, die in der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.

Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht, seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit über den Entschlafenen zu sagen. Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters und eines erhobenen Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. -- Veronica sprach: »besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, daß die arme Therese noch nicht überhin wäre? solch glücklicher Leichtsinn ist oftmals zu großer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lässig seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und selbst das Glück ist gewichtig und trägt sich schwer, wie vielmehr das Unglück! -- Jener berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich an einem Geldsack todt. Wollte man Therese anspannen, fleißig zu seyn, so käme es mir vor, als sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen Kette sein Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten pflegt. Ich gönnte es ihr, daß sie sich von Blumen nährte.«

Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete: »wenn ich die Schwägerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich unbekümmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene Stelle in den Psalmen, die da heißt: es wird ein grausamer Engel über Dich kommen --«

»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die Aermste gewesen --« entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen theilten sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe dächten. Veronicas Schauen war ein gläubiges im Geist der Liebe, die allen Menschen Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil das Versagte uns das Höchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns für den Nichtbesitz entschädigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung geschlossen.

Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung für sich. Indem sie wußte, daß eine Frau auch Tugend und Treue bedürfe, um ihren Mann auf die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß eines reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trüben Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite.

Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens, ja, das Leben selbst hervorgeht -- in etwas Unbewußtem besteht, und daß die Erfüllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen, hier und dort. --

Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.

Gegen den Abend -- Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange in die Wildniß des Waldes noch nicht zurück -- Frau Fabia für ihren Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr Prälat allein in seinem Zimmer, um einiges Nöthige für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat der Hauptmann bei ihm ein.

Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch, er sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weißen Glaçee-Handschuh, blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen -- glänzten leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke, und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine Miene drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme, und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette, gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem Herzen verbirgt, das im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er einst erzählt.

Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. Er erkundigte sich nach des Hauptmanns Befinden und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefürchtet, Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufällen litt, hätte sein Zittern wieder bekommen.

Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe Halsbinde, räusperte sich und sprach: »=au contraire=, Werthester! ich war nie gesünder, und fühle mich wie verjüngt. Meine Natur --« »ist vortrefflich; ich weiß es --« unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug fühlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.

»Von Zittern keine Spur --« setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner Gesundheit fort, »und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht früher. Mir widersteht die übliche, oder vielmehr _üble_ Sitte, daß man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und =en Masse= über Einen herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese Weise unterliegen -- und Delicatesse in der Freundschaft geht mir über Alles.«

»Sie ist die Grazie des Gefühls --« entgegnete der Administrator wie mit trübem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt, zum erstenmale etwas Wahres zu finden.

»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das ist das rechte Wort.« Und das fletschende Lächeln, womit er es aussprach, gab den Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch nicht Jedermanns Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, daß mir alle Leute gut sind. Ich muß etwas Anziehendes an mir haben -- wo aber steckt es? dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich ein Knabe war, schenkte mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer -- wir können nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glück bei dem schönen Geschlecht war enorm -- ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon erzählen.«

Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und sprach hastig in jener flüchtigen Tonweise, die nicht zweifeln läßt, man wünsche verschont zu bleiben: »zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir das viel Vergnügen gewähren.«

Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede wie folgt: »die Weiber -- ich sage Ihnen --«

»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein. Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergütend hinzu, »ich meine, aus Furcht vor dem Sieger.«

»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, zufriedengestellt, »diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch Wer sich stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn an die Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan hätte ich mich nicht bei einem Haare fassen lassen. -- So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre benimmt sich auch discret, wo er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu verfehlen.«

Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glück an, statt seiner ein Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. Es verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er dem Zwecke seines Besuchs näher kommen -- und entrückte ihm das Ziel.

»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich manchen bedenklichen Augenblick, daß ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen ließ. -- Was nützt mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes Geldchen, und mein Gut? ich genieße es allein. Das macht grämlich vor der Zeit. Ich bedürfte Jemandes, der mich erheiterte.«

Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte: »Wer so Viel in sich trägt, wie Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.«

»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der martialische Moorhausen, durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden, empfindlich gereizt. »Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glücklich macht, und welches ihn ergötzt -- und so habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen -- Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich heirathete. Nur schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der Windrose; ich wußte nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.«

Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelüstete, vermuthlich auf eine Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne einen Blick mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: »Heirathen? Sie scherzen, Capitain.«

»Nicht daß ich wüßte --« antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus. »Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist, den ich stets im Auge gehabt -- weshalb man mich auch beim Regiment _den glücklichen Zieler_ zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. Ist das Gemüth einmal afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, daß als meine Mutter im Sterben lag -- es dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute von Rang so ringen müssen -- kamen Schlösser, Schreiner, und so weiter -- um die Arbeit für die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten. Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, daß er einen jener armen Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt waren, beinahe gemißhandelt hätte. -- An diese Scene mußte ich unwillkürlich denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der Wittwe Ihres Herrn Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus. --«

Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß Moorhausen den Verstand verloren hätte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen, und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so vernünftig als möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre wirklich ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprächen. --«

Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die schöne Frau würde mir den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan -- werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hält Die nicht, dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte Sünder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf -- ich aber liebe das.« »Capitain Moorhausen,« versetzte Herr Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war, diesen Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so einsichtsvoller als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen, ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne _zu spät_. Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der Mann, den sie wählt, zweifelsohne schon zur Seite. --«

Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlängerte sich zusehends. Der Administrator bückte sich nach dem Bambus, und legte ihn in die Hände, an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: »sehen Sie diese zutrauliche Erklärung meiner Seits nicht für einen Korb an; auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen Gange, der unter manchen Umständen, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen borgt der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«

Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, daß sein Vertrauter auch schweigen möge. Die Glaçeehandschuh platzten bei dem Händedrucke des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ die Flügel tief hängen -- und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« genannt haben.

Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. Obgleich -- nach der Zeitrechnung des Geistes -- fast kein Augenblick verging, in welchem ihre Gedanken nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte --: so machte doch ihr jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfängliche Gemüth geltend. Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, die selbst der Umgang ihres liebenswürdigen Kindes nicht zerstreuen konnte -- die unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mädchen, dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich indeß entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. Auch in die dumpfen Zimmer und Säle des herrschaftlichen Hauses von Bühle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den aufknospenden Blättern der Linde spielten an den kalten Wänden, und mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder. Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten, und sein eintöniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen seiner düstern Anwohner, und floß mit dem Strom von Lust, Leid und Leben zusammen, der die verjüngte Schöpfung schwellte. An einem der schönsten Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die Sonne lange goldene Brücken schlug, so daß die Möglichkeit ihm einleuchtete, sie zu passiren. -- Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel des Daseyns ergründen; doch als jetzt das himmlische Licht über diesen Abgrund schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten führen. Dies war unerhört. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig gehorchte das Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue, Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur Fürsorge um seinen Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.

Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. Seine gleitenden Schritte, das fühlbare Wanken des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz im Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam als möglich. Der Bediente öffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. Alles stand hier noch unverändert; nur die jungen Bäume waren groß und stark geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln lieblich zwischen dem finstern Gehölz.

Josephine athmete tief -- und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit der Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwäche, strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn bescheiden aufmerksam machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schöne Aussicht bot. -- Unter einer breitästigen Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so hart und kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten -- zur Ruhe. Der Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn darin nieder, und Josephine setzte sich schmeichelnd zu seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein lindes Säuseln, wie von Geisterflügeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine ahnungsvolle Stille rings umher! -- Der Graf senkte das Gesicht, um sein Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er sah die Ernte im Geist -- und die dünnen Halme seines Haupthaars weheten silberweiß auf und nieder, als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nähe.

»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen Pause, »wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: _wach_!« Und mit fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst Du gern schlafen, mein Kind?« --

Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: »ich? wenn ich müde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas recht Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. Wer mögte ihn nicht lieben, diesen Wohlthäter? -- Auch beunruhigt mich nie ein böser Traum -- höchstens träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wärmte ich einen Schneekönig an meiner Brust -- der war erstarrt; plötzlich flatterte er auf, und verschwand in den Wolken -- und traurig sah ich ihm nach.«

»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein kleiner Vogel, nicht wahr?« Und wie aus einem Geklüft seines Gedächtnisses tönte ein Echo jener Stelle: »der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel schweben, emporzufliegen.« -- In vergleichendem Sinne sagte er: »die Vögel des Waldes sind glücklicher daran als wir; sie steigen aufwärts mit fröhlichem Gesange -- die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich sein Auge, dann --« Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach mit leidsamem Widerspruch: »das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr Graf. Die Menschen sind einsam, und daß sie es _wissen_, ist ihr größter Schmerz. Wer aber schläft -- und wäre es auch im Grabe -- genießt unbewußt Frieden, und Gott schützt den Schlummer des Gerechten! --«

Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch diese Rede des Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein halbes Säculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: »so fürchtest Du Dich nicht vor dem -- Tode -- mein Kind?«

Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne zugleich Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß nicht!« versicherte sie mit Innigkeit. »Ich halte dafür, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: wie sollte er einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn -- früh oder spät! -- Das kleinste Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet es auf's neue; die Sonne geht unter und schöner wieder auf, und das Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte erstarren -- und nicht für den Himmel schlagen? -- Könnte ich glücklich machen, Alle, die ich liebe, ich gäbe gern die kleine Blume meines Lebens hin.« Ein paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glänzt nicht schöner.

Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte Seele erlösete. Der Graf athmete auf mit leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach: »ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwände -- als ob es Morgen würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, und das Herz war ihr unsäglich schwer. »Und glaubst Du wohl,« fragte der Greis abermals nach einer stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem Mädchen kam ein Grauen an: es war fast unmöglich in dieser Entfernung. »Ich bin doch müde von dem kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß mich ein wenig an Dich lehnen -- oder ist Deine Brust auch krank? --«

Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drückte das sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute geängstet aus, wo die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. Das leichte Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wüste des Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich sähe meine Frau --« stammelte er kaum verständlich, »warum sprichst Du so leise? -- --« Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete schwächer und schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete die Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glühte wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des müden Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke verließ, und dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prüfend an den Puls der Schläfe, und fand ihn stockend -- nun stand er stille.

»Er ist gestorben --« sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als könnte ein Laut ihn wecken.

Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe lange in heiligem Verstummen.

Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und schwer. Sie lehnte ihn zurück in den Sessel, und die Seinen schauten nun in sein erblaßtes Angesicht.